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#1

Die Enge

in Natur 24.08.2008 14:51
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
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#2

Die Enge

in Natur 25.08.2008 09:26
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
Hallo Joame,

der Eingangsvers hat mich sogleich ergriffen, wohl wegen der "nackten Stauden".
Allerdings tritt bereits mit V2 eine Irritation bei mir ein, das Bild ist mir etwas kompliziert, vor allem, weil ich das "Braun" nicht richtig in meiner Vorstellung festmachen kann. Es bedeutet wohl einen sommerlich vergilbten, vertrockneten Rasen? Möglich erschienen mir zwar braune Gräser, also verblühte, hohe Halme mit Samenständen, allerdings wäre dann der Rasen nicht zutreffend, der für mich immer kurzgeschnitten und gepflegt ist. Und damit suggeriert mir Rasen etwas weiches, unabhängig von der Farbe, so dass das "raschelnd" bei mir nicht ankommt.
Auch V3 trifft mich nicht an. Durch das "flieht" beginnt ein Bild, das im "kreist" nicht so recht weiter gesponnen wird, vielleicht wäre dort ein "kehrt zurück" besser, allerdings sind das nur Randnotizen, denn für mich scheitert die Aussage durch das "haschen" - ein Wort, dass mir persönlich echt zusetzt weil ich es so furchtbar blöde finde.
Sei's drum. Insgesamt funktioniert m.E. das ganze aufgrund des Brauns nicht, das flieht und kreist und sich zu haschen versucht, in S2 wird es getrieben von Winden, verfängt sich in Zäunen, deren Draht und Maschen, um letztlich mit Hilfe von Böen hindurchzugleiten.
Weil mir das "Brau"n nun aber so gar nichts sagt, bleiben für mich Bilder des Windes, Eindrücke, die ich viel stimmiger fände als das "Braun", die aber sinngemäß nicht behandelt werden.
So evozieren die Verse für mich Bekanntes aus Wind und Zäunen, das ich gerne wieder vernehme, jedoch es ist da diese kuriose Aussage, das etwas Braunes umgeht. Merkwürdig.
Die Vögel mit den überreifen Beeren, die ruhig auch vertrocknet, schimmelig, matschig sein könnten (um mal etwas neuer zu klingen), dass ist nicht besonders umwerfend, bleibt im vertrauten Bild des Herbstes, jedoch setzt du mit den Abstrakta "Ahnen" "Muss" Fügen (und abgeschwächt mit den "Zwängen") ein ganzes Feuerwerk an Sinnspendung. Das Bild des Herbstes wird zerrissen, es bleibt kein Bild, nur noch ein Abgrund, den ich nicht hinunter will. Ein Abgrund abgründiger Worte. Was schade ist, denn ebendies in Bildern zu beschreiben wäre Lyrischer, als eine abstrakte Klammer zu setzen.
An dieser Stelle verlasse ich nämlich dein Gedicht, innerlich geht es hier nicht mehr auf, zu deutlich versuchst du mich in eine Richtung zu stoßen, die mir nicht behagt.
Die 4. Strophe klingt in diesem Tonfall nach, wirkt auf mich wie eine verzweifelte "Zwangskonklusio". Der Innen-Aussenreim Enge-Länge ist mir zu simpel, zu nah beieinander und zu vordergründige Wortspielerei.
Was hätte ich anders gemacht? kKeine Ahnung, aber wünschen würde ich mir folgendes: ein Bild, die nackten Stauden - oh ja, nach wie vor ein wundervolles Bild - und der Herbst, der Wind, das Rascheln blieben da. Bei den Stauden. Die Beeren träten hinzu, der Geruch, die Kälte, die Vergänglichkeit, aber nur in Bildern, und das alles endet, engt, scheitert, vergeht, macht genau das, was die Abstrakta in S3, S4 besagen wollen, aber es bliebe in Bildern.

Dein Reimschema ist etwas ungewöhnlich, ABC BCA DEF FED, wobei die Verslängen nicht mit den Reimen Korrespondieren sondern mit ihrer Stellung innerhalb der Strophe.
Die scheinbare Spiegelsymmetrie der jambischen Hebungszahlen 5-5-6 6-5-5 korrespondiert nur im Strophenpaar S3/S4 mit den Reimen, im ersten Strophenpaar wird diese Ordnung noch unterlaufen (ABC BCA DEF FED). Was meines Erachtes weniger mit dem Inhalt zu tun hat als mit einem eigenwilligen Verfasser ;-)

Insgesamt finde ich dieses Gedicht nicht so schlecht, wie es vielleicht durch die Nennung der (für mich unstimmigen) Punkte erscheint. Aber eine richtig runde Sache ist es für mich eben auch nicht.

LG
Uli
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#3

Die Enge

in Natur 25.08.2008 19:01
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Tag, Erebus!

Du schreibst so viel, daß gar nicht in einem Zug auf alle Punkte eingehen kann.
Ich glaube Dir Deine Beteuerung im letzten Satz, daß Du es gar nicht so schlecht findest,
wie es durch die Nennung der Punkte erscheint.
Besonders jetzt im Herbst und derzeit scheinen die Beeren zu einem gängigen Wort geworden zu sein.
Außerdem las ich es bereits kürzlich in einem Gedicht das 'Erinner mich' heißt.
Ganz zufrieden war ich ja nie mit diesem an und für sich schönen Wort, dessen Verwendung ich womöglich unbewußt anheimgefallen bin. So soll es auch geopfert werden
und Früchten weichen oder was mir noch so in den Sinn kommen mag.

Mit der Eigenwilligkeit des Verfassers in der letzten Absatzzeile hast Du sehr recht.
Ich bin froh darüber, bis zu einem gewissen Maß noch einen eigenen Willen zu haben.
Der Platz und die Möglichkeit, diesen auch auszuüben, wird bei zunehmender Fülle
von Vorschriften und Gesetzen dieser mutierenden Gesellschaft immer schwieriger.

Soviel für heute mit kräftigem Dank für Deine nicht unerhebliche Arbeit beim Kommentar
und die wohlgemeinten Worte.

Gruß
Joame
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#4

Die Enge

in Natur 26.08.2008 11:16
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
Hallo Joame,

ha!
Zitat:

Du schreibst so viel, daß gar nicht in einem Zug auf alle Punkte eingehen kann.


Das ist Kalkül ;-)

Aber wenn schon nicht auf alle, dann doch wenigstens auf einen?
Denn die Beeren monierte ich doch gar nicht. Ich fragte sogar explizit nach matschigen. Nein, es war das "überreif", das mich störte. Überreife Beeren, je nachdem, um welche es sich handelt, können nämlich alle möglichen Formen und Zustände haben. Erdbeeren sind z.B. eine bräunliche Pampe, während Schlehen wie blaue Korinthen aussehen können. Manche schrumpeln, manche matschen. Die Paarung des überreif mit allgemeinen Beeren gibt mir kein entschiedenes Bild. Das war's was ich sagen wollte.
Die Früchte bergen folglich das selbe Problem. Lass es also am besten ganz spezielle Beeren sein, meinetwegen Früchte, oder beschreibe die Form der Überreife präziser. Bsp.: schrumpelige Beeren oder überreife Schlehen.

und gerne geschehen.

LG
Uli

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#5

Die Enge

in Natur 26.08.2008 16:45
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
Danke, Erebus!
Eigens für Vögel gesetzte Johannesbeeren, die nicht den Zuspruch erfahren, wie ich mir vorstellt.
Sie waren schon überreif. Ich wollte gern an Ort und Stelle überprüfen, in welchem Zustand sie in ca. einem Monat befinden. Es freut mich, daß das Wort 'schrumpelig' in Deinem Wortschatz vorhanden ist; das ist eine gute Bezeichnung, wird aber bestimmt äußerst selten verwendet.
Von mir schon, beim Morgenblick in den Spiegel.

Gruß
Joame
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#6

Die Enge

in Natur 26.08.2008 17:56
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
;-)

Hallo Joame,

das ist jetzt aber wirklich gelungen! Ich habe auch sogleich das Bild von nicht auffindbaren Ribes nigrum vor Augen. Was hälst du denn von mkuyu-bivu?


Gruß

Uli

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#7

Die Enge

in Natur 26.08.2008 20:30
von Joame Plebis | 3.368 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Abend, Erebus!

Dachte ich mir doch, es wird Dich und alle begeistern. Es drängt sich sofort das Bild der Ribes nigrum auf.
Deinen Vorschlag von mkuyu-bivu hatte ich schon vorher in Betracht gezogen, ihn wegen der Silbenunterbringung verworfen. Aber man merkt schon den alcedonschen Einfluß, gelle?

Gruß
Joame
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