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in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.08.2007 17:04
von Alexa (gelöscht)
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zuletzt bearbeitet 09.12.2010 10:19 | nach oben

#2

Engel weinen Eiskristalle

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 08.08.2007 10:39
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Ich sag es gleich vorneweg, das Dingen ist nicht meine Tasse Tee und der Titel ist für die Brotabteilung eigentlich ein Signal sich zu verkrümeln. Der Titel klingt super kitschig. Aber ich hab es gelesen von Anfang bis Ende. Und manche Beobachtungen und Beschreibungen waren so gut eingefangen, dass sie mich erinnert haben an die Jahre wo ich in einer inneren Abteilung im Krankenhaus gearbeitet habe und auch Kontakt zu Alzheimer Patienten hatte. Aber in ihrer Gesamtheit bin ich mit dieser Geschichte nicht warm geworden.


Es ist Juli... [bis] .... Tag in meiner Kindheit denken.

Mir hat natürlich gefallen, dass die Erzählerin dem Winter den Vorzug vor dem Sommer gab. Das aber eine Schneedecke als wärmende Zudecke assoziiert werden kann, war mir neu. Zumal wenn unmittelbar dannach ein klarer, kalter Wind Eiskristalle ums Haus peitscht friert es mich doch sehr schnell. Das soll aber nicht heißen, das es nicht funktioniert. Es ist ungewöhnlich. Anscheinend soll uns die Erzählerin als ungewöhnliche Figur präsentiert werden. Der heiße Kakao - und die warme Stube setze ich hinzu - ist dann aber wieder die klassische und in meinen Augen zu ausgelutschte Winterimpression. Das beißt sich irgendwie, birgt aber auch eine Spannung, die mich – trotz des für mich behäbigen Beginns und des schröcklichen Titels weiterlesen ließ.



Ich war gerade sieben Jahre alt und hatte die Nase an der Fensterscheibe platt gedrückt[...] [...]vorlas, war ich mit dem, was diese Engelstränen bewirkt hatten, doch recht zufrieden.


Diese Begebenheit strotzt nun auch wieder vor süßlichen Klischees unverdorbener Kindheit und ich fragte mich auch: Und? Was soll mir das? Das besondere dieses Ereignis entging mir. Die eingangs unterstellte Ungewöhnlichkeit der Erzählerin, würde ich nach diesem Erlebnis eher als spinnert deuten wollen. Aber vor allem meine ich, dass das Besondere dieser Erinnerung deutlicher gemacht werden müsste – oder ich hab es verpeilt. Lustlos las ich weiter und hielt sofort inne, schnalzte mit der Zunge und dachte nur: Du durchtriebenes Aas.


Zitat:

„ Ist alles in Ordnung“ höre ich eine klare Stimme hinter mir. Ich drehe mich zu der freundlichen, jungen Krankenschwester um. Sie war eine der wenigen Menschen, die in den letzten Stunden an meiner Seite stand und durch ihre ruhige Art bewirkte, dass ich mich nicht so hilflos fühlte. „ Ja, danke“ lächle ich ihr gequält entgegen.
„ Gibt es Angehörige, die ich verständigen kann?“ Fragt sie weiter. „Nein, es gibt keine Angehörigen,“ antworte ich leise.



Für einen Moment hatte ich beim Lesen des vorangestellten Absatzes gedacht: Haha, Tag in der Kindheit, das beschriebene Ereignis war der Tag ihres Todes. Sie ist damals im Schnee gestorben. Hier geschieht ein Perspektivwechsel, oder – das gibt es ja auch – die Erzählerin erzählt ihre Geschichte als Tote oder süßlicher: als kleiner, weinender Engel. Ich las den Absatz noch mal und merkte das haut irgendwie nicht hin und war enttäuscht. Also wer war gestorben?

Tante Haffner. Und wieder wird in einer Rückblende ein bedeutsames Ereignis im Winter geschildert:

Ich stellte gerade die Kaffeemaschine an[...] bis die da weinend vor meinen Augen zusammenbrach und mir schluchzend erzählte was der Arzt ihr bei der letzten Untersuchung eröffnet hatte.
Alzheimer – Demenz.


Das es Winter ist, wird gesagt, spielt aber offensichtlich keine Rolle. Das ist schade, weil nur Winter sagen, reicht für mich nicht. Das macht das Motiv nicht lebendig. Gertrud heißt Tante Haffner also, die gar nicht ihre Tante ist. Wieso, weshalb, warum? Wieso nennt sie die Tante Tante und nur mit ihrem Nachnamen und warum sind die nicht miteinander verwandt und wie kann die Tante mehr sein als ihre Mutter? Oder ist das Tantchen doch ihre Mutter und ich hab den Clou verpeilt? Was ist das für eine Beziehung zu einer Empfangsdame?
Selbst neige ich auch allzu gerne dazu mini Infos zu Figuren einzustreuen, aber meist amüsieren diese Infos den Leser nicht, sondern sie verwirren ihn. Hier kommt noch etwas hinzu. In diesem Absatz, in dieser Erinnerung kommt die Geschichte auf den Kern der Sache: es geht um die Frau Haffner und ihre Alzheimer Erkrankung. Die anscheinend stärkste Bezugsperson für die Erzählerin wird auf Raten verschwinden.
An dieser Stelle musste ich innehalten und überlegen wie das zum Titel passt und dem heißen Kakao, dem Holunderbeersaft und den Märchenstunden unter Daunendecken? Ich kam nicht drauf.

Wie ich schon sagte, dass einstreuen kurzbiographischer Infos zu Frau Haffner verwirrte mich eher und besser hätte ich gefunden, wenn außer den Augenhöhlen aus einem breiter angelegten Dialog das Misstrauen der Erzählerin gewachsen wäre, dass ihre große Beschützerin aus der Kindheit krank ist. Der Bedeutung der Figur wäre es auch angemessener gewesen, sie in den Kindheitserlebnissen stärker einzuführen, mehr Raum zu geben. Die hier hintangestellte Diagnose Alzheimer überfährt mich wie ein vierzig Tonner.

Seit diesem Tag ging alles viel zu schnell, [...] [..] Oft rief sie nach ihm, meist in der Nacht, erzählten mir die Krankenschwestern.

Na, eigentlich geht es hier ganz und gar nicht holterdipolter. Das sind meines Erachtens gute Beschreibungen aus dem Blickwinkel des Angehörigen. Zwischen Zuneigung und Angst und den Beklemmungen des Krankenhausalltags. Ohne allzu sehr noch zusätzlich auf die Tränendrüse zu drücken.

Sie wurde mir immer fremder [...] bis [...]Ich fühlte diese Berührungen noch, als wären sie erst gestern gewesen.

Für diesen Absatz lass ich die – nach meinem Empfinden – vorhergehende Distanz und Reflexion im Ton der Erzählerin nicht mehr gelten. Hier dreht mir das zu sehr am Drüsenrad. So schwer, so müde, so verheult und so warme Gefühle, die sich mir aber umso schwerer vermitteln.


Nun war sie, diese, für mich immer starke Frau, [...] bis [...] weil ich ihr nicht gesagt hatte, dass sie zwei verschiedene Strümpfe trug.

Diesen Abschnitt – bis auf den Satz: So saßen wir auf der Parkbank... – finde ich dagegen besser. Aber das ist nunmehr der dritte Absatz eines Abschnitts, der eingeläutet wurde mit: nun ging alles ganz schnell. Wie ich den Prolog, das eigene Kindheitserlebnis mit dem Rest in Verbindung bringen soll und zwar so, dass es rund wird, weiß ich immer noch nicht. Der Anfangsteil wirkt immer noch wie ein Fremdkörper für mich.

Heute glaube ich, dass ich die Zeit,[...] bis [...] frische, warme Sommerluft strömt mir entgegen.
Weiße Blüten wirbeln mir in die Haare... und um mich herum duftet die Luft nach Veilchen.


Ich nenne es mal den Epilog. Der Magenkrebs wirkt eher aufgesetzt, denn an Alzheimer stirbt man nicht so schnell. Ich hätte den Krebs trotzdem nicht erwähnt. Das die(!) Haffner schon vorher starb wurde einigermaßen deutlich. Immerhin schließt sich der Kreis zu der beschriebenen Eingangssituation, wo die Erzählerin auf einem dieser weißen Flure steht. es fällt auf, dass der Sommer nun sehr frisch und fröhlich herüberkommt, die Engel Eiskristalle abgelöst sind von den weißen Blüten, die, als Asthmatiker und Allergiker gesprochen, mir eine Pest sind - und der eingangs so gemochte Winter, nun anscheinend doch die Zeit des Todes und der Krankheit ist. Die weißen Flure im Krankenhaus wirken ja wie Schneedecken. Diese letzte Motivverschiebung wirkt auf mich rätselhaft. Warum dies? Was ist mit den Engeln jetzt? Arbeiten die auch im Sommer? Oder von Stund an nur im Sommer? Oder Winters und Sommer oder arbeitet nur Engel Gertrud, wegen des Veilchengeruchs im Sommer?

Ich weiß das solche doofen Fragen nerven, aber ich verstehe das Ende und den Anfang überhaupt nicht, geschweige denn den Titel. Was bei mir durchgeht, ist der auch allein funktionierende Abschnitt über die Zeit Tante Haffners im Krankenhaus. Ansonsten wirkt die Komposition des Textes sehr unausgegoren, die Sprache ist mir stellenweise zu süßlich, kitschig und klischeehaft, aber – wenn die Distanz zum Erzählten – erkennbar war, durchaus lesenswerte Abschnitte bietend.

Das klingt vielleicht hart, aber ich vermute, dass Dein Stoff begeisterte Abnehmer finden könnte. Ich hoffe, ich habe Dir vermitteln können, was mir nicht gefällt.

PS Ist es eigentlich eine Erzählerin oder ein Erzähler? Wird das irgendwann explizit gesagt?
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#3

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in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 11.08.2007 15:16
von Alexa (gelöscht)
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zuletzt bearbeitet 09.12.2010 10:19 | nach oben

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