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#321

Buch und Film-Kritiken

in Plauderecke 09.09.2008 20:37
von axolotl • ( Gast )
Literaturflopp:

Silke Scheuermann "Die Stunde zwischen Hund und Wolf"
siehe erste Rezension, so zu unterschreiben

Filmtipp:
[nach "Oldboy", der ein herausstechend guter Streifen ist, stieß ich auf einen anderen Part aus Park Chan-wooks' Triologie:]

Sympathy for Mr. Vengeance

Das Leitthema aller Filme dieser Reihe ist die Rache. Dass "Sympathy for Mr. Vengeance" vor "Oldboy" gedreht wurde, merkt man sogleich: der Film wirkt weniger farbenverliebt, zeigt aber Ansätze in bezug auf Schnitte, Close-ups und Kulisse, die später in Oldboy perfektioniert werden. All das schwächt jedoch nicht die gute Story und die Fähigkeit des Regisseurs ab, schwarzen Humor unterschwellig leise einzusetzen und selbst Szenen, in denen ein Kopf zerschlagen wird, nicht nach Blutrausch, sondern fast nach melancholischer Ernüchterung aussehen zu lassen.

Was passiert? Der taubstumme Ryu braucht eine neue Niere für seine Schwester.
Er und seine linksextremistische Freundin Yeong-mi kommen für eine Transplantation aber wegen der falschen Blutgruppe nicht in Frage, Ryu versucht das Geld für die Operation zu erarbeiten, wird aber entlassen. Daraufhin gibt er seine Niere an illegale Organhändler hab, um den Spendeprozess zu beschleunigen und um auf diesem Wege eine Niere für seine Schwester zu finden. Die Händler sagen ihm für seine Niere eine große Summe Geld zu, halten ihr Versprechen aber nicht, lassen Ryu nach der OP ohne Niere und ohne Geld nackt auf einem Parkdeck zurück.

Ryu und seine Freundin beschließen, ein Kind eines reichen Geschäftsmannes zu entführen. Wie auch schon zuvor, läuft ab hier einiges schief und verquer. Mehr wird nicht verraten - Fazit: gucken.
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#322

Buch und Film-Kritiken

in Plauderecke 22.09.2008 16:08
von axolotl • ( Gast )


David Lerner: Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers


Zitat:

„ich will nichts anderes tun als / der sonne mein monogramm einzubrennen.“ – Und dass Sprengköpfe dazu bestens geeignet sind, belegen die ausgewählten Gedichte von David Lerner in Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers, aus dem Amerikanischen übersetzt von Ron Winkler.


Lerners Sprache tanzt einen „Wahnsinnstango“, voll assoziativer Ausfallschritte und fernab eines Mainstreams artifizieller Kaffeekränzchen: „poesie mag keinen latte macchiato“; sie mag eine glücklich sublimierte Wut, eine Begabung, die David Lerner sicherlich zuzuschreiben ist. Seine Gedichte sind stets auf eine Art ungezügelt, seien sie nun tragisch, lauthals fordernd oder bissig. Nichts plätschert, alles prescht, und zwar mitunter gnadenlos schroff, in bestechend guten Bildern gezeichnet, bis in die letzten Fugen trostloser Räume, als gelte es, den Leser zunächst einen tiefen Atemzug nehmen zu lassen, bevor man ihn untertaucht. So verwundert auch kaum, dass Bruce Iscaacson Lerner als eine Art Prophet skizziert, weniger noch, wenn sich die paternosterartigen Wiederholungselemente in den Gedichten letztlich einbläuen, mit denen David Lerner einem Leser mal Abscheu, mal Misere solange um die Ohren schlägt, bis man ihm glaubt, dass ihm nichts ernster hätte sein können, als zu schreiben, nichts wichtiger, als „gedichte zu lesen von der mitte eines brennenden / gebäudes aus“.

Wenn Lerner anführt: „ich will, dass die leute meine gedichte hören und / kotzen müssen“, ist das schreiendes Einfordern von Emotionen und Reaktionen der Leser und nicht ein bloßer Wunsch nach ausgebrochenem Missfallen. Insbesondere die Texte „Wie man Diamanten macht“, „Die Schwerkraft begreifen“ und „Die Kaputten“ mag man herausstellen, da sie all das widerzuspiegeln scheinen, was aufgrund der gegebenen Konturen als Abbild Lerners vermutet werden kann: Denn wenn er Poesie „von einer klippe aus in die eiskalte / see werfen und / schauen“ will, „ob diese motherfuckerin um / ihr leben schwimmen kann“, so springt er hier mindestens „mit 1000 km/h aus dem fenster“ hinterher.

Sehr erfreulich ist, dass der Band zweisprachig erschienen ist, um über die deutsche Übersetzung, teils Umsetzung, an David Lerner heranzuführen und ihm hierzulande einen Synchrontänzer zu geben. Dabei muss man Ron Winkler zugestehen, dass er die Tangoschrittfolge Lerners sehr gut zu erwidern weiß und die Gedichte in ihrer deutschsprachigen Variante nicht an Brennkraft verlieren, was gerade bei der rotzigen und kraftvollen Ausdrucksweise in Lerners Texten mehr als nur schwierig ist. Dennoch wird man an manchen Stellen des Bandes aber auch gewahr, dass der snap-shot-Duktus der englischen Sprache im Deutschen ab und an kein ebenso pointiertes Adäquat finden kann, woran jedoch Ron Winkler selbstredend nichts zu ändern vermag. Mitunter kritisch hingegen werden manche Leser allerdings Überträge zwischen der amerikanischen und deutschen Sprache aufnehmen, die Bezüge neu setzen und e.g. den Espresso neu aufmischen, indem der Cappuccino auf der gegenüberliegenden Seite des Buches zu einem Latte Macchiato aufschäumt. Aber solche Umsetzungen sind stetes Problem einer Übersetzung, da man zwischen erkennbarer Rückbindung und Gegebenheit einer Zielsprache in die Grätsche gehen muss: Ein Bein spreizt sich in Richtung der Charakteristika eines fremdsprachigen Textes und der eingewobenen kulturellen Hintergründe ab, das andere versucht, Zielkultur und Sprache mit den Zehen aufzugreifen. Dass man sich und den Text bei dieser Übung nicht entzweireißt, bedarf stellenweise einiger Dehnung, ist aber hier in keiner Weise überstrapaziert worden, sondern zeugt mehr davon, dass Winkler den Ernst, mit dem Lerner seine Gedichte verfasst hat, mit aufgegriffen und übertragen hat: „poesie will das auge / sein, durch das die welt sich selbst sehen kann [...]“

Dieser Band ist nichts, das man andächtig mit Milchschaumbart auf den Knien wiegt, er flicht einem keine Blumen ins Haar – er ist ungestüm und hitzig, gibt dem Leser zwei Drähte in die Hand, setzt ihn in ein Zimmer aus Steckdosen, macht das Licht hinter sich aus und knallt die Türen.

Und wenn „die künftige aufgabe der sprache / ist / sich in einem gebet selbst zu verbrennen“, so ist Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers, erschienen im Verlag des poetenladens, im Gesamten nicht nur eine herausstechende Lyrikzusammenstellung, sondern im Sinne Lerners bester Brandsatz.

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#323

Buch und Film-Kritiken

in Plauderecke 01.10.2008 12:03
von Margot • Mitglied | 3.049 Beiträge
Der Katalane von Noah Gordon

Also, wenn man je gemerkt hat, dass ein Autor in die Jahre gekommen ist, dann an diesem Buch.

Die Schrift ist so gross, dass man denkt, man trage der nachlassenden Sehfähigkeit der Gordon Bewunderer Rechnung. Im Gegenzug ist die Geschichte so dünn und die Charaktere so ohne jegliche Tiefe, dass sie locker in ein Heftchen gepasst hätten. Das ganze Buch hindurch blieb mir der Protagonist so fern wie Patagonien nah ist.

Zwar weiss ich jetzt Einiges über Weinherstellung, aber wirklich unterhalten wurde ich nicht. Und ich habe mich so gefreut, endlich mal wieder was vom Medicus-Schreiber zu lesen.

Lieber Herr Gordon, geniessen Sie doch bitte Ihren Ruhestand und lassen Sie das mit dem Schreiben. Ein ehemaliger Fan.
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#324

Buch und Film-Kritiken

in Plauderecke 03.10.2008 20:56
von axolotl • ( Gast )
Ups, das ist bitter, aber gleiches ist auch beim letzten Buch von Haruki Murakami zurückgeblieben.
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#325

Buch und Film-Kritiken

in Plauderecke 28.12.2008 21:57
von Alcedo • Mitglied | 1.945 Beiträge
Marianne Enzweiler Hill
Blinde Zeit

Taschenbuch, 206 Seiten, erschienen im November 2008

es ist bereits der zweite Roman von Marianne Enzweiler Hill, erschienen beim Emons-Verlag. ich schreibe bewusst nicht Kriminalroman, da ich mich weigerte ihn als Krimi zu lesen und, zu meiner Freude, wurde ich nicht enttäuscht.

zwei mal hatte ich angesetzt beim lesen. das erste Viertel des Buches kann ich nicht durchweg als Lesegenuss bezeichnen. den ersten Satz mochte ich noch nicht. ich mag es auch nicht besonders Einleitungen und die Präsentation von Hauptdarstellern zu verfolgen. ich mag keine Rückblenden und ich mag keine Menschen, die Katzen fort geben. alles Gründe weshalb ich das Buch, nach etwa dem ersten Viertel, nicht widerwillig aus der Hand legte.

umsomehr überraschte mich die Sogwirkung die sich, Tage später, nach der Wiederaufnahme der Lektüre entwickelte. im nachhinein glaube ich, lag es weniger an der Hauptfigur (Kommissar Karter), deren walten ich zwar interessiert verfolgte, aber mit der ich mich als Leser nicht immer identifizieren konnte. es war vielleicht ein neuer Protagonist, der Junge (Christian), der im Verlauf eine immer größere Rolle spielte, und der mich sofort faszinierte und mein Lieblingsprotagonist wurde. sein Verhalten, durch feinziselierte Beschreibung der Autorin lebhaft dargestellt, zwar fast immer durch den mehr oder weniger professionellen Blick des Kommissars, und nur hin und wieder durch Bemerkungen und Andeutungen von Randfiguren, aber gerade dadurch, dass mit steigender Spannung, parallel eine Demontage des erfahrenen Profis erfolgt, bis hinab zu den seelischen Tiefen und Fundamenten seiner eigenen Kindheit, gerade daraus entspringt ein erzählerischer Reiz, dem ich mich nicht mehr entziehen mochte. da passte dann auch alles: schmalste Details bis zur breitesten Empathie - von sanft zerplatzenden Milchbläschen im Kaffee bis zum heftigen letzten Fick einer zerbrechlich gewordenen, krebskranken Frau. nichts störte mich mehr, nichts langweilte. die Buchstaben zogen mir flüssig vorüber und erzeugten authentisch wirkende Bildfolgen. zwei mal geschah es noch, dass ich das Buch kurz von den Augen nahm, aber nur um mit innerer Lesezunge vor Anerkennung zu schnalzen, und um mir hinten auf der letzten Seite was zu notieren, damit ich es hier bringen kann:
- Seite 179, als die Überschrift das erste Mal im Text erscheint, und zwar so passgenau und stringent, dass es eine Freude ist.
- und Seite 190, wo eine außerordentlich stimmige Passage, die ich hier unbedingt zitieren möchte, aufhorchen lässt, und gleichzeitig den weiter vorne eingebauten Bezug zu Wolfgang Borcherts bekannten Kurzgeschichte, "Nachts schlafen die Ratten doch", mehr als rechtfertigt. hier offenbarte sich mir die handwerkliche Geschicklichkeit der Autorin samt ihrer subtil eingewobenen lyrischen Begabung:

Zitat:


Jede Lüge entmündigt mich. Macht mich zum Opfer. Macht es mir unmöglich zu trauern, zu hassen, oder zu verzeihen. Sie macht mich zum Spielball einer sentimentalen Anwandlung eines anderen.


und das, was vor langer Zeit als Provokation begonnen hatte, darf in einem wortlosen, verständnisvollen Zugeständnis münden. für mich, zweifelsohne einer der gelungensten Höhepunkte der Handlung, von welchen ich noch weitere persönliche hatte, die ich hier aber nicht verraten möchte. das Buch kann ich somit nur empfehlen.




Beutegut meiner Tauchkultur

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#326

Buch und Film-Kritiken

in Plauderecke 18.01.2009 22:01
von Gast 1 • ( Gast )
avatar
.

Francisco de Goya -Radierungen / Sigrun Paas-Zeidler

Inhalt: Goya in seiner Zeit, Die Launen, Die Schrecken des Krieges,
Die Kunst des Stierkampfes, Die Torheiten, Die Sprichwörter, Bibliographie,
Glossar, Verzeichnis der Abbildungen,


"Ich habe mir in den Kopf gesetzt, an einer bestimmten
Idee festzuhalten und eine gewisse Würde zu wahren,
die der Mensch besitzen muß, aber Du kannst mir glauben,
daß ich bei alledem nicht sehr glücklich bin."

(Goya 1790)

"Goya ist immer ein großer Künstler, oft erschreckend.
Er vereint mit der Fröhlichkeit, mit der Heiterkeit, mit
der spanischen Satire aus den guten Zeiten des Cervantes
einen viel moderneren Geist, oder wenigstens einen, der in
der modernen Zeit viel gesuchter ist, die Liebe zum Unfaßbaren,
das Gefühl für leidenschaftliche Gegensätze."

(Charles Baudelaire 1857)

In Goyas Darstellungsweise erfährt die normale
Gefühlswelt des achtzehnten Jahrhunderts eine
unübersehbare Wandlung in etwas Dunkleres
und Fragwürdigeres, etwas, das unter die anekdoten-
hafte Oberfläche des Lebens in das Darunterliegende
führt - in die unergründlichen Tiefen der Erbsünde und
der ursprünglichen Unwissenheit.

(Aldous Huxley 1943)

.
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#327

RE: Buch und Film-Kritiken

in Plauderecke 13.12.2009 20:34
von Arno Boldt | 2.709 Beiträge

The Big White

Der Reisebüroinhaber Paul (Robin Williams) in Alaska möchte seinen - seit 5 Jahren - verschollenen Bruder Raymond (Woody Harrelson) als vermisst gelten lassen. Ihm winkt aufgrund einer Lebensversicherung, die er auf den Namen seines Bruders abgeschlossen hatte, 1 Mio $. Dieses Geld braucht er für seine Frau (Holly Hunter), die einen psychischen Knacks weg hat. Doch da Raymond erst 5 Jahre weg ist - und nicht 7, wie erforderlich - nutzt Paul einen Leichenfund, und gibt diese als seinen Bruder aus. Der bissige, karrieregeile Versicherungsangestellte Ted (Giovanni Ribisi) wittert Betrug und nimmt den Sachverhalt unter die Lupe. Inzwischen tauchen allerdings auf der einen Seite die verdeppelten Mörder auf, die ihre Leiche suchen und auf der anderen Seite Raymond, der von seinem angeblichen Ableben erfuhr und nun selbst etwas von der Lebensversicherungskohle kassieren will....

Eine schwarze Komödie inmitten von Eis und Schnee. Erinnerte mich sehr an Fargo von den Coen-Brüdern. Besonders begeistern konnte mich Holly Hunter, deren Charakter an so etwas ähnlichem wie dem Tourette-Syndrom leidet. Kann ich nur empfehlen.



Il Divo - Der Göttliche

Er hat gerade seine 7. Amtszeit als Ministerpräsident Italiens begonnen: Giulio Andreotti. Das Räderwerk läuft wie geschmiert: Unliebsame Reporter, Richter und Polizisten werden kurzerhand um die Ecke gebracht. Seine göttliche Hand war scheinbar immer mit im Spiel. Er wurde 29 Mal angeklagt und 29 Mal frei gesprochen. Viele Spitznamen zieren Gespräche im Verborgenen: "Der Göttliche, Julius Cäsar, der 1. Buchstabe des Alphabets, der Bucklige, der Fuchs, der Moloch, der Salamander, der schwarze Papst, die Ewigkeit, der Schattenmann, Belzebub. Aber ich habe nie Klage gegen jemanden erhoben, und das aus dem einfachen Grund: Ich besitze Sinn für Humor."

Gute Dialoge, schicke Bilder, schwarzer Humor - ein Muss! Ein Tipp vielleicht noch: Bitte vorneweg nach dieser Figur und alles, was um ihn herum geisterte - v.a. Personen und Daten - recherchieren. Die vielen Namen und Vorgänge lassen sich ohne diese Vorarbeit kaum im Film selbst bewältigen. Sobald das Geschichtliche einigermaßen klar ist, kann man den Film uneingeschränkt genießen.


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