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Augen schwimmen, Hände halten,
halten ineinander.
Lippen lindern, salben, hüten.
Alles setzt sich;
setzt sich hin.
Stilles warten, Kerzen brennen,
Blicke dösen, lösen sich
von dem Leben;
von dem Sinn.
Füße schlurfen, folgen folgend
einem Trauer-Tross.
Schirme schirmen kalte Köpfe;
endlich endend,
hält man an.
Beine beben, Knie knicken;
Schritt für Schritt zum Wahn:
Hin zur Grube,
treu voran.
Zwischen Fingern, weiße Fahne,
weht ein Taschentuch.
Sand fällt tief; fällt tief und tiefer
auf die Blüte,
auf das Blatt.
Ausgehungert ist die Seele -
isst nur die Erinnerung;
trinkt die Bilder,
wird nicht satt.
Warme Stube, warme Hände.
Tassen dampfen, heben sich
an die Münder, die nun kauend
kurz und klein
und kreuz und quer
Wurst und Käse vorverdauen;
nicht nur das,
noch vieles mehr.
Hier und da fällt irgendwo
einem Kind ein Lachen
aus der Hose,
war nicht schwer.
liebe rubber,
ich bin beeindruckt von deiner verdichtung eines feierlichen abschied nehmens, zur letzten ruhe geleitens und des anschließenden beieinander sitzens...
du triffst den duktus des trauerzuges sehr genau. der tochäus verleiht ihm schwere tritte. und der wechsel von langen und kurzen versen wie auch die nicht ausformulierten sätze verleihen dem gelegentlich etwas stockendes, so als würde man kurz verharren, ehe das angehobene bein den schritt zu ende bringt, als müsse man sich immer wieder konzentrieren, um im takt zu bleiben. . .
du bleibst in einer erzählperspektive, die aus einer gewissen entfernung aufnimmt und relativ unbeteiligt wiedergibt, wodurch das geschilderte an eindringlichkeit gewinnt, die leser_innen viel mehr hineinzieht, als es wahrscheinlich eine innenperspektive könnte. so geht jede/r seinen/ihren persönlichen "leidensweg" mit.
formal arbeitest du neben dem festen metrum, mit einem schematisch wiederkehrenden wechsel aus 4-hebigen und 2-hebigen trochäen, "aufgebrochenen" endreimen und assonanzen, auch mit binnenreimen und assonanzen, einer recht strengen form, die ebenfalls über die strophen ein schema erkennen lässt, das aber nicht lückenlos erfüllt wird. hier könnte man eventuell noch etwas nacharbeiten, z.b. jeweils V1 und V3 in assonanzen enden zu lassen, V5, V7, V9 durchgehend zu reimen ... oder auch, dem kinderlachen eine eigene (verkürzte) strophe zu geben... ?
wenn du das möchtest, könnte ich dir gern ein paar anregungen geben, dir mitteilen, was mir dazu durch den kopf ging. die gewählte form ist so komplex, dass die abweichungen nicht allzu sehr auffallen.
allerdings späche das festgefügte zerimoniell, die gewisse starre andererseits auch der halt, der davon ausgeht, dafür, das auch in der form durchzuziehen. naja, ist allein deine sache!
so oder so hat mich dein werk beeindruckt als etwas eigenständiges und persönliches nicht, beileid und beifall heischend, sondern schlicht und aufrichtig an menschliche erfahrungen anknüpfend, die wir fast alle auf die eine oder andere art gemacht haben.
ich danke dir für diese zeilen.
liebe grüße,
salome
RE: Gar (nicht) schwer
in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2011 15:25von Rubberduck •
| 558 Beiträge
Liebe Salome,
ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar. Ich bin beim Schreiben keinem festen Vorsatz gefolgt, sondern habe eher intuitiv geschrieben. Dann habe ich es mir durchgelesen und bin daran gegangen noch ein wenig nachzumeißeln, Verse und Strophen zu extrahieren - ein wenig Gleichklang reinzubringen. Daß es die Stimmung trifft und du eintauchen konntest, freut mich sehr. So, wie es ist, gefällt es mir schon recht gut. Ich bin für Vorschläge allerdings immer offen, für Anregungen immer dankbar.
lg,
rubber
RE: Gar (nicht) schwer
in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2011 19:08von pistacia vera •
| 448 Beiträge
Liebe Bärbel,
mich überraschst du auch.
Ich finde das Gedicht - im Vergleich zu Bisherigem - ganz besonders gelungen. Du hast wirklich in den letzten zwei Jahren mächtig dazugelernt, was mich aufrichtig freut.
Da Salome schon eine ausführliche Besprechung geliefert hat, kann ich mich entspannt zurücklehnen und am Wohlklang freuen.
Grüßle
pista
RE: Gar (nicht) schwer
in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2011 21:38von Gedichtbandage • Mitglied | 370 Beiträge
Danke.
Das ist das, was es ist.
Die Beobachtung, die Berührung, Gefühl, Gemeinsamkeit, Verzweiflung, letztlich Zukunft, so oder so, früher oder später, eben das, was verbindet - mit dem Freiraum in einer begrenzenden Situation sich zu finden im Moment, zusammen und doch jeder für sich.
Klasse Gedicht.
Gruß
Gb.
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>> Du verdammter Sadist:
Du versuchst deine Leser zum Denken zu zwingen.<< - E. E. Cummings zu Ezra Pound
Liebe Bärbel!
Rituale können das Leid begleiten. Wie weit im Leid? In der Sammlung ( z.B. einem Gebet), sind Mitleidende versammelt, bieten Trost ( an ). Sie stützen den vom Leid Geschwächten. Verwandte, Freunde, Gesinnungsgleiche.
Solche auch, die im eigenen Leid zu ersticken drohen. Diese lassen den anderen für sich weinen.
Abschiede sind Einschnitte in die Gefühle. Nicht immer schneiden sie sauber. Leid bleibt hinter den Feierlichkeiten
zurück, der Leidgeprüfte findet sich bald wieder einsam, und manchmal nicht zurück in die Gegenwart. Es gibt das Unersetzbare, doch nie ist es ganz verloren: Leid bewahrt den Verlust, selbst im Vergessen lebt es beharrlich, sucht Wege zu überdauern. Verdrängen braucht wenig Kraft: in der Bewußtwerdung liegt die Chance
zu verarbeiten. Der Gläubige scheint mir nicht darauf zu sinnen sein Leid zu zu verneinen. Er will tragen, ertragen um weiter gehen zu können. In der Gemeinschaft der Gläubigen wird er gehalten, findet Halt im Leid.
Vor dem Verlust steht die Angst vor dem Verlust. Das führt zur Suche nach Bindung.
Ein Kindlachen, ja.
Der Leichenschmaus ist auch ein Ritual. Ein für mich unsägliches. Du, liebe Bärbel, Du wärest eine, die ich mir an meinem Grabe wünschte. Bärbel, wie ich sie im besten Sinne immer mag. Authentisch fröhlich, aufrecht selbst im Leid.
Liebe Grüße,
otto
RE: Gar (nicht) schwer
in Düsteres und Trübsinniges 24.09.2011 16:16von perry • Mitglied | 909 Beiträge
Hallo Bärbel,
ein Begräbnis (Leichenzug) in schleppenden und berührenden Bildern eingefangen.
Schmunzeln musste ich trotzdem bei Bildern wie
"Hin zur Grube,
treu voran."
klingt wie aus einem Soldatenlied (Absicht?)
"Hier und da fällt irgendwo
einem Kind ein Lachen
aus der Hose,
war nicht schwer."
da ist man doch froh, dass nichts anderes rausgefallen ist, außerdem stellt sich die Frage, wie es da hineingekommen ist?
Die letzte Strophe will in seiner (un/freiwilligen Ironie) nicht so recht zum Vorhergehenden passen. Wäre vielleicht ein eigenes Gedicht mit dem Titel "Leichenschmaus" wert.
LG
Perry
RE: Gar (nicht) schwer
in Düsteres und Trübsinniges 26.09.2011 10:33von Rubberduck •
| 558 Beiträge
Ihr Lieben,
ich gestehe, ich gehe nicht gerne auf Beerdigungen – einigen wird das ebenso gehen. In diesem Sommer musste ich zu vielen. Nein, man kann nicht einfach zuhause bleiben, wenn Freunde und Verwandte einen brauchen, Trost benötigen; selbst wenn man mit sich selbst noch gar nicht fertig ist, noch eigene Trauer in sich trägt.
Das Wort „Tod“, „Trauer“ und „Verlust“ fällt zu oft, scheint das eigene Leben zu beherrschen, zu ersticken. Ich schrieb dieses Gedicht, in dem ich versuche meine Gedanken und Gefühle gezielt zu bündeln und aus all den Eindrücken etwas entstehen zu lassen. Und auch der „Leichenschmaus“ gehört dazu, gehört zu der ersten Erholung, dem Durchatmen nach dem schweren Gang. Das „aus der Hose fallen“ möchte ich so belassen, weil es genau das beschreibt, was ich ausdrücken möchte:
Die Angespanntheit fällt ab, wenn das erste Kinderlachen gefallen ist. Die Kinder scheinen selbst unter diesen Umständen instinktiv zu wissen, was jetzt gut tut. Manchem mag es peinlich oder unpassend erscheinen, so kurz nach einer Beerdigung zu lachen, so als ob etwas aus der Hose fallen würde. Aber sie lachen mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass es einfach befreiend ist.
Den kleinen Kindern ist ein anerlerntes Zurückhalten noch fremd. Sie sind noch frei in ihrem Tun und reißen uns, zu unserem Glück, mit.
Ich danke für euer Interesse und die vielen Kommentare,
lg,
rubber
RE: Gar (nicht) schwer
in Düsteres und Trübsinniges 26.09.2011 21:27von kein Name angegeben • ( Gast )
hallo rubberduck,
irgendwie ist "gerade" ein großes abschiednehmen, seltsam, oder nur so empfunden wegen einiger parallelen...?
es ist genug - wie oft hat das schon begleitet und immer noch ein abschied mehr, unterschiedlichster art...
vielleicht liegt es auch an reife, die man irgendwann erlangt, die würdigung der kleinigkeiten...
unsere kinder werden so schnell groß, mein phrasenschweinchen schreit: lebe den tag! ich sehe statt dessen ein bisschen nostalgische melancholie entgegen zurück, gleichwohl ahnend wohinein wir sie betten.
es ist an uns jetzt zukunft, welche auch immer und unsere wie ihre, zu machen, in kleinem vielleicht nur, unserem sein, dem einfluss dessen gerecht. - im ewigen streben das beste zu geben und immer ein bisschen mehr.
lieber gruß
gb.
RE: Gar (nicht) schwer
in Düsteres und Trübsinniges 26.09.2011 22:44von Joame Plebis •
| 2.565 Beiträge
RE: Gar (nicht) schwer
in Düsteres und Trübsinniges 27.09.2011 09:05von Rubberduck •
| 558 Beiträge
Hallo gb,
ja, es gilt das hier und jetzt zu meistern, nicht in Erinnerungen zu leben – aber aus ihnen kommen wir. In die Zukunft gehen wir. Dein Phrasenschweinchen hat recht: Ich habe am „Heute“ genug.
Danke,
rubber
Liebe Joame,
wie könnte der Tod jemals „schmackhaft“ sein? Um so mehr danke ich dir, dass du mir trotz dieses unbekömmlichen Themas einen Kommentar schenkst.
lg,
rubber
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