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#1

Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 16.02.2012 21:19
von Joame Plebis | 2.568 Beiträge

Was riss die Sonne vom Firmament,
stößt aus dem Grau in finsterste Nacht,
durchdringt mit Schmerz, den keiner kennt?
Was ist das? Warum? Wo ist diese Macht?

Ein Ich unter vielen, was zählt dessen Wort,
wie sehr es betont, wie dringend geschrien?
Wo immer es ist, an jeglichem Ort,
es hat keine Stimme, es könnte auch fliehn!

Wohin aber Flucht? Keine Orte sind weit,
auf Erden bleibt es durchdrungen,
von Übeln, die lauern, die immer bereit,
von ihnen wird es bezwungen.

So löst es sich auf, verzichtet auf Sein
und will sich schleunigst entsorgen.
Erwarten kann es Frieden allein,
vielleicht in der Ewigkeit Morgen.

zuletzt bearbeitet 17.05.2012 13:15 | nach oben springen

#2

RE: Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 17.02.2012 00:29
von Michael Munk | 271 Beiträge

hi joame,

das dringt traurig, drängt nach keinem ausweg. "keine fluchtmöglichkeit" stellt fragen. ein lyri, ins nachtdunkel gestoßen, fragt nach den gründen, nach dem ort einer macht, die solches bewerkstelligen konnte.

ein lyri fühlt sich stimmenlos, an allen orten seines seins. egal, was es anstellt und in welcher tonlage und lautstärke es spricht. es fühlt sich dadurch auch heimatlos, ohne wirkliche identität, könnte es fliehen?

das lyrich beschreibt sich selbst eine ausweglosigkeit. die erdenhaftung ist zu groß, zu zwangsläufig bezwingend.

so bleibt nur noch die lyse, ein imperatives nichsein, eine selbstentsorgung. und die fragile vielleichtoption, die einen frieden mit sich und der welt "in der ewigkeit morgen" erwartet.


hier zeigt ein lyr sensibel seine wahrgenommenen und innen- und außenbezüge, sein ausgeliefertsein an einem schicksal, das so mächtig, schmerzhaft rückzüge auf allen positionen generiert und fixiert, dass es für sich im diesseits keine verwendung, keinen nutzen mehr sieht und nur noch auf das jenseitige morgen hofft. hier zeichnet ein lyri ein beschädigtes, nicht wehrhaftes selbst, das sich nicht mehr imstande fühlt, aus den bestehenden um-, in- und ausfeldern auszubrechen.


grüße, viele
vom munkel


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#3

RE: Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 17.02.2012 00:42
von Joame Plebis | 2.568 Beiträge

Guten Abend, Michael!

Vom Gedicht, schon ziemlich klar, hast Du die letzte Unsicherheit genommen und mit Deinen Erklärungen noch mehr verdeutlicht.
Ob so etwas überhaupt gefallen kann?

Danke für Dein Engagement!
Gruß von Joame

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#4

RE: Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 17.02.2012 01:01
von Michael Munk | 271 Beiträge

mir gefällt es.

munkelgrüße


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#5

RE: Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 17.02.2012 15:54
von mcberry • Administrator | 1.204 Beiträge

Hallo Joame,

die Ohnmacht des vom Schicksal getroffenen Individuums ist wohl so alt wie das Leben.

Diese Stelle fiel mir auf:

Zitat
es hat keine Stimme, es könnte auch fliehn.



Stimmverlust - doppeldeutig in sich selbst - sollte in einen nachvollziehbaren Bezug zur Fluchttendenz gebracht werden. Flucht erscheint keine notwendige Folge des zuvor beschriebenen verstummten Zustandes. Daraus könntest du vllt mehr machen. Eben der überzeitlichen Bedeutung wegen hat das Gedicht es wirklich verdient. Unvertonte Grüße mcberry


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#6

RE: Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 17.02.2012 16:22
von Joame Plebis | 2.568 Beiträge

Danke, Mcberry!

Stimme, das einzige, das verbleibt, wenn tätiges Aufbegehren nicht möglich ist. Ist auch die Möglichkeit der akkustischen Äußerung und des Widerspruches genommen, somit ein total unerträglicher Zustand erreicht, der sich ändern muss,
dann verbleibt nur Flucht, soferne dem unerträglichen Zustand entronnen werden kann.
Ist das auch nicht möglich, verbleibt nur ein Ort, jenseits des irdischen.
Mit der Ewigkeit Morgen wird eine Hoffnung auf ein neues Sein in der Ewigkeit ausgedrückt;
wobei das 'vielleicht' die Unsicherheit ausdrückt, dem Übel doch nicht ganz entronnen zu sein.

Gruß von
Joame

zuletzt bearbeitet 17.02.2012 16:24 | nach oben springen

#7

RE: Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 20.02.2012 00:07
von MarleneM • ( Gast )
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es ist nicht die Frage, ob es gefällt, lieber Joame. Es berührt, und das ist der Sinn von Lyrik. Es berührt,weil es einen Menschen in tiefer Verzweiflung zeigt, der keinen Ausweg mehr sieht, dem erdenhaften Übel entgegen zu treten.
Gerne würde man dem LI helfen, es in den Arm nehmen, zusprechen. Einem Menschen, der nicht mehr kämpfen will.

Ich möchte dem LI aber auch etwas sagen, was es vielleicht nicht so gern hören möchte. Weil ihm nur das helfen kann.
Ausgehend von der ersten Strophe
wird die Schuldfrage dieser Situation einer fremden Macht zugeschrieben. Schicksalsschläge können uns treffen ja. Aber immer sind wir selbst es, die Situationen mitbestimmen.

Auch die Flucht in die "Selbstnegierung" und der Ewgkeit helfen nicht. Himmel helfen nicht.
Das Li muss darüber nachdenken, inwieweit es auch an ihm selbst liegt,dass es so weit kam. Immer kann man etwas ändern. Im Hier und Jetzt- sogar sich selbst, manchmal, ein wenig, vielleicht-lächel.

Eine Hand fassen,( oder auch eine Pfote-lächel) die einen hält und dann aus den stillen Überlegungen die Konsequenzen ziehen. Dann braucht man keine fernen Himmel. Dann wird Leben wieder lebenswert. Nicht sofort, aber irgendwann.
Ich weiß es aus eigener Erfahrung.
Der Titel ist schon bezeichnend: Flucht ist nie eine Möglichkeit.Sie führt immer ins Nichts.

Dies mit einer herzlichen Umarmung ans LI von Marlene

zuletzt bearbeitet 20.02.2012 00:14 | nach oben springen

#8

RE: Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 20.02.2012 00:38
von Joame Plebis | 2.568 Beiträge

Danke, Marlene!

Eher rhetorisch ist die Frage nach einer Macht in der ersten Strophe. An den Himmel oder dergleichen wurde vom LI bestimmt nicht gedacht. Wie schockierend oder schmerzhaft auch die Erkenntnis ist, dass nur das Beenden des Daseins eine Lösung sein kann, doch das gibt es.
Der Satz 'Immer kann man etwas ändern.' ist eine nicht bewiesene Behauptung - leider, aber bestimmt gut gemeint, um dem Lyrischen Ich Zuspruch zu geben.
Danke für Deine herzenswarmen Gedanken, die ich verstehen kann. Selbstverständlich auch Dank für Deine gute Kritik.

Mit Gruß
Joame

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#9

RE: Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 20.02.2012 00:53
von MarleneM • ( Gast )
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Immer kann man ewas ändern- eine nicht bewiesene Behauptung, sagst du, lieber Joame.
Subjektiv ist sie für mich bewiesen und da es hier auch um eine subjektive Sichtweise des LI handelt, habe ich mir das mal erlaubt. Lächel.
Es ist kein dummer Spruch. Ich hab viel im Leben erlebt. Höhen und schwarze Tiefen. Weiß also wovon ich spreche.
Würdest du mich persönlich kennen, würdest du mir glauben.

Meine Tochter ist nebenberuflichausgebildete Seelsorgerin und macht ehrenamtlich Seelsorge für Menschen wie das LI. Es gibt sehr viele, die diese Hilfe in Anspruch nehmen. Es ist keine Schande und manchmal kann man sich ganz fremden Menschen besser öffnen als bekannten. Es gibt immer einen Weg.
Bei Schulden gibt es Schuldnerberatungen. Auch Harz 4 ist keine Schande. Es gbt viele Menschen, die auch professionell und kostenlos helfen. Das LI muss sich nur trauen, Hilfe anzunehmen!!

Herzliche Grüße von Marlene

zuletzt bearbeitet 20.02.2012 01:01 | nach oben springen

#10

RE: Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 20.02.2012 01:05
von Joame Plebis | 2.568 Beiträge

Guten Abend, Marlene

Zitat
Würdest du mich persönlich kennen, würdest du mir glauben.


Glauben ist keine Frage des persönlichen Kennens.
Glauben hat auch viel weniger Gewicht als Wissen.
(Im Moment läuft auf arte eine philosophische Sendung. Ich hörte noch nie so schwache Philosophen Selbstgespräche führen.)
Hier soll es nicht um Philosophie und Beweise gehen, auch nicht auf Deine Freundlichkeiten so antworten,
dass man vermeinen könnte, ich gebe Nachhilfestunden.
So wünsche ich Dir eine gute Nacht!

mit Grüssen Joame

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#11

RE: Keine Fluchtmöglichkeit

in Düsteres und Trübsinniges 20.02.2012 01:16
von MarleneM • ( Gast )
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Galuben im Sinne von Vertrauen, meinte ich.
Die Philosphen der heutigen Zeit, ja- die haben nichts mehr mit Sokrates gemein...lächel.
Auch wenn sie sich phonetisch namentlich sehr nahe an Brecht enlehnen-lächel.
Gute Nacht von Marlene

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