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#1

Jemandsland verteidigen, Nachlese

in Düsteres und Trübsinniges 09.12.2017 10:04
von munk | 666 Beiträge | 617 Punkte

I
Görlitz. Gründerbahnhof. Jahrhundertschwer,
Gleise auf Vertikalen,
Kirchen und Jacob Böhme

II
Perleberg im November. Das Tor spaltet.
Nicht nur davor, nicht nur dahinter.
Bilder aus Menschen wie Maschinen,
Bilder von Maschinen wie Menschen

III
Drinnen Schrei des Zugführers,
Grenznebel, Kälte, Strenge, Betonenge,
den Schießbefehl verweigern:
Kasernenwechsel, rauere Töne, Drill
bis die Finger blutig sind Uniformwechsel,
im eisigen Morgenregen die Stunden im Stehen zählen müssen,
über die nassfrostigen Sturmwände gejagt werden, bis nichts mehr geht,
beim Bettenbau um Eins die Humanität suchen
(Nachdenken über Odyssee und Troja,
was war hier zu beschützen?)
vom überfrorenen Metall einer Zwillingsflak die Hände lösen,
ein leeres Doppelstockbett anstarren;
vor der Kaserne Blutlachen,
daneben, aufgeblättert, Morus Utopia

zuletzt bearbeitet 10.12.2017 15:52 | nach oben

#2

RE: Jemandsland verteidigen, Nachlese

in Düsteres und Trübsinniges 14.12.2017 12:43
von salz | 129 Beiträge | 107 Punkte

Das ist aber schwere Kost, Munk

womit ich die Zeilen meine.
Und der Jacob Böhme, den ich mal gegoogelt habe, ist mir etwas zu heilig dafür, dass man jetzt in Görlitz eine Waldorf Schule nach ihm benennt.

Noch mal zu den Zeilen: Sind eher rückwärts gerichtet und einem der Krieg des letzten Jahrhunderts gewidmet, als ob wir keine neuen hätten. Kriege meine ich. Du würdest sagen, Gewalt bleibt aktuell. Nur nehmen mich diese endlosen Aufarbeitungsdokus im TV auch nimmer innerlich mit. Für einen aus der Nachkriegsgeneration, der gerade ums Überleben kämpft, hat das was ewig Gestriges an sich.

Wahrscheinlich ist dein Text wie immer gut geschrieben. Aber da sie dich überall loben, wollte ich mal so ein Feedback geben. Nix für ungut, auch im Netz lassen Sie mich nicht allzu oft raus. Salzige Grüße XXX

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#3

RE: Jemandsland verteidigen, Nachlese

in Düsteres und Trübsinniges 15.12.2017 20:20
von munk | 666 Beiträge | 617 Punkte

Hallöle Salz, ach, aus dem Rückwärtigen entpuppt, eplodiert oder symbiotisiert sich immerhin auch immer das Vorwärtsdrängende, Vorwärtsschubsende oder uns eben Zurücklassende oder Verwandelnde. Mag die Nachlese auch einen sehr langen Bart haben, so kam auch sie aus meinem Erlebten. Im Zuge von Entwicklungen, die sich aktuell an Plätzen auftun, die ich aus meinen Verortungen, in denen ich aufwuchs, kannte, schien auch in mir längst Verdrängtes wieder ans Tageslicht zu wollen. Anders vermochte ich es bisher nicht. Es wollte schier so hinaus. Wie es hinaus kam liegt natürlich auch an meinen Wahrnehmungen, Kognitionen, sprachlichen Möglichkeiten. Ich wollte mich von Erinnertem freischreiben und dabei herausbekommen, was mich zum Beispiel zu einer Zeit eines anderen Jahrhunderts beeinflusste und formte. Die Widersprüche von damals, scheinen mir, noch ausgeprägter, fortzubestehen. ....

Jacob Böhme hatte mir zur DDR-Zeit meine Lehrerin im Fach Kunsterziehung nahegelegt und näher gebracht. Seine Theosophie prägte mich getauften Atheisten und machte mich sensibel für die Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten der DDR und ich wurde, zwar schon offen erzogen, noch aufmerksamer für die Ansichten theistischer Menschen ...

Vielen Dank für deine salzige Rückmeldung, sie schiebt mich an, vielleicht geht es noch ein Stück vorwärts

der Munkel

zuletzt bearbeitet 15.12.2017 21:37 | nach oben

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