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#1

Nachbilder

in Gesellschaft 28.12.2017 00:17
von munk | 666 Beiträge | 617 Punkte

Zum Beispiel eine Schlossruine besuchen,
der Rest vom Keller ist unheimlich, seltsam kalt wie ein Pathologieraum.
Hier ließ man den Schlossherrn verhungern.
Es hieß, er war ein gütiger Mensch.

In seinem Bücherreich bevorzugte der Bibliothekar Bücher von Maupassant, Stendhal.
Stets war er zugleich traurig, freundlich, langatmig, kurzatmig.
Er wirkte weise ambivalent und mit seinem verwinkelten Bücherhaus verwachsen.
Als er in den Boden gedrückt wurde, hing er sich auf.

Mit einem Freund seinen Bruder aufsuchen.
Stacheldraht, Mauer, eisig-klirrende Winterluft waren zwischen uns.
Sie konnten sich nur schluchzend verständigen.
Später gab es keinen Kontakt mehr.
Noch später haben wir seine Zelle entdeckt.
Unvorstellbar kleinster Raum mit drei Vierstockbetten …

Auf einer Montagsdemo mit den Worten von Christa Wolf ringen.
Am Dauerbrandofen bei Wenzel’s „Stirb mit mir ein Stück“ Disput mit einem Philosophen.
Über Mutterländer, Vaterländer, kaputte Lebensläufe gestritten,
doch überdeutlich die Todeszeichen der Gesellschaft,
der Blutzoll der Ideale.

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#2

RE: Nachbilder

in Gesellschaft 01.01.2018 11:38
von mcberry • Administrator | 2.564 Beiträge | 2470 Punkte

Das ist großartig, Munk!

Traumbilder von eindrücklicher Symbolkraft, die das Ende einer Ära beschreiben.
Während wir Güte haben verhungern lassen, während sich Gelehrsamkeit über dem Boden
aufhing, in die sie gedrückt wurde - meine Lieblingsstelle - verloren sich Brüder und Freunde.

Was bleibt wäre Todestrakte besichtigen und Dispute anzetteln, die versuchen klug deinherzukommen.
Und Hoffnung auf ein besseres Morgen, denn nach jedem Sturm ordnet sich das Leben unverdrossen
wieder neu. Natürlich nicht notwendigerweise mit der alten Besatzung. Gehören wir zur Abraumhalde?

Wohin wir uns sortieren ist auch eine Frage der inneren Entscheidung. Soll vorgekommen sein, daß alte
Menschen der Zukunft die Türe öffnen wollten, während junge Leute sich abmühten, alles zu blockieren.
Zweckoptimismus scheint mir alternativlos. Was lebt ist Teil der Entwicklung. Unentwegte Grüße - mcberry


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