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#1

Es ist nicht vorbei

in Liebe und Leidenschaft 24.06.2019 19:14
von munk | 752 Beiträge | 824 Punkte

Lasst mich schreien und schweigt!
Lasst die Schatten nach mir greifen,
damit ich all das versteh!

Vor zwei halben Monden,
rief eine ITS-Ärztin an,
ihre Frau hat es geschafft,
sie ist um 22:02 verstorben,
die Natur hat ihren Lauf genommen!
Seien sie froh, was ihr erspart blieb!
Behalten sie ihre Frau in Erinnerung,
wie sie vor dem Unfall war.
Sie hatten eine schöne Zeit.
Sie haben ihre Frau geliebt.
Was wollen sie mehr?

Nichts endet für mich,
die Sekunden des Sturzes,
in dem du dein Ich verlorst.
Deine Hände, die meine greifen
und mich ahnen lassen,
du wirst wortlos davon gehen.

Am Tag nach deinem Unfall,
nicht auslöschbare Bilder,
auf uns einschlagende Arztworte,
die uns mit in dein Grab schaufeln.
Plötzlich bist du so sterblich,
tödlicher verwundet als all die anderen.

Der lebenserhaltende Ort,
für dich ein Maschinensein auf ewig
oder ein Ort des Weitersterbens.
Für uns seelenlose Tage, seelenvolle Tage,
hoffnungslos hoffend,
du wachst nicht mehr auf.

Im Juni sagt man, gibt es die Liebe des Lichts.
Diesmal kippt die Zeit,
der Horizont wird ein Todeszepter!
Er gewährt keine Gnade,
schickt mir die Maschinenbilder von dir!
Sie fräsen die Fragen an mich:
Warst du nur Hülle und Schmerz?
Oder spürende und hörende Seele?

zuletzt bearbeitet 24.06.2019 20:23 | nach oben

#2

RE: Es ist nicht vorbei

in Liebe und Leidenschaft 04.08.2019 08:50
von yaya | 618 Beiträge | 620 Punkte

Das ist ein sehr interessanter Text, lieber Munkel,

auch wenn mir die Zeilenumbrüche oft willkürlich vorkommen, so dass ich die Prosaform vorziehen würde.
Das ist aber nicht entscheidend.
Gewohnheitsmäßig lese ich viele Texte mit dem Hintergedanken ihrer bevorstehenden Rezeption durch den Konsumenten. Unter diesem Gesichtspunkt sind Beginn und Ende besonders wichtig.
So, wie du es gestaltest, das Gedicht als Aufschrei des LI, macht durchaus Sinn, schreckt aber ab. Deshalb
würde ich den Auftakt leiser gestalten und beginnen mit: "Lasst die Schatten nach mir greifen, damit ich all
das versteh." Danach beginnt das LI seine Erzählung, die über eine rein persönliche Erfahrung hinausgeht.
Jeden wird es irgendwann betreffen, ein vernichtender Verlust.
Jeder Eindruck einer Sonderstellung schwächt diese Allgemeingültigkeit der Aussage und sollte vermieden
werden. S4Z6: "tödlicher verwundet als all die anderen" würde ich deshalb auslassen.

Für den Schluß hast du mit dem Anfräsen der Haut ein starkes Bild gewählt. Da die Maschinenbilder das LI
angreifen, wird gerade durch die Teilung zwischen der Hülle des LI und der spürenden Seele des LD deren
unbeirrte Einheit noch einmal betont.
Die Zeilen habe ich gerne gelesen. Grüße von Yaya

zuletzt bearbeitet 04.08.2019 08:52 | nach oben

#3

RE: Es ist nicht vorbei

in Liebe und Leidenschaft 04.08.2019 23:29
von munk | 752 Beiträge | 824 Punkte

Hallo Yaya,
räusp, den eigenen schnell entstandenen Text zu lesen,tut weh.

Die Zeilenumbrüche sind gedanklich und temporal bedingt. Der Text ist wohl eher Prosa, aber er wollte einfach nur geschrieben werden.

Ich kann als Leser dein Abschrecken nachvollziehen, doch war es genau diese erste Zeile, die alles andere initiierte. Ohne sie, ohne ihre Unduldsamkeit und Ausschließlichkeit, wäre nichts nachgefolgt. Sie ist also der Impulsgeber des gesamtes Textes und nun, wenn ich deinem einsichtig folge, würde ich fast diese Zeile als Titel verwenden wollen. Hm, aber auch das verwerfe ich. Doch bleibe ich dabei, genau die Aussage dieser Zeile war mir wichtig und wie schon erläutert Anlass, all das Nachfolgende zu schreiben. Denn in der Realität gab es so viele Einwände und Empfehlungen, wie ich meine Trauer gestalten sollte, da musste diese Geschichte auf die Weise erzählt werden, in der Hoffnung, die Nörgler und Besserwisser besinnen sich doch, eine persönliche Trauer, zuzulassen. Dennoch merke ich beim Lesen, dass dein Einwand Berechtigung hat. Vielleicht sind drei Forderungen doch zuviel. Wenn die erste Zeile abschreckt, könnte es auch eine Schlusszeile werden. Doch auch das passt nicht ... // Seufz, ich gebe nach. Oder so als Anfang

Bitte schweigt!
Lasst mich schreien!
Lasst die Schatten nach mir greifen,
damit ich all das versteh.


Zur Sonderstellung: Gerade das macht das besondere Leid aus, alle anderen hatten eine lebenswerte Alternative.

Zur Allgemeingültigkeit: Ich meine, das Verallgemeinern tötet das Lebendige, skelettiert, nimmt einem Text Fleisch und Seele. Und geht zu sehr ins Pathetische. Ach. wenn Allgemeingültiges neu erkannt wurde, also einen Erkenntnisgewinn bringt, ins Abstrakte geht, siehe Picasso etc., dann ... Aber alles wurde schon myriadenfach formuliert, gefühlt, erlitten, beschworen, auf den Podest gehoben oder vom hohen Ross gerisssen... mit übermeisterlichem Geschick, dem kann dieser Text nicht genügen. In mir schrieb nur das Leid, der Verlust, die Lücke, das Untröstliche, der Zweifel, die Verzweiflung


Vielen Dank für deine Gedanken, liebe yaya.

zuletzt bearbeitet 05.08.2019 08:12 | nach oben


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