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#1

Seitdem

in Liebe und Leidenschaft 27.06.2019 17:22
von Joame Plebis | 3.580 Beiträge | 3569 Punkte

Mir welken Tage tränenschwer,
die ich erleiden muss;
seit einem allerletzten Kuss
ist alles trostlos leer.

Ein Tag wird niemals ungeschehn,
seitdem ist Denken Qual,
mir wurden alle Farben fahl,
ich kann dich nicht mehr sehn.

Die Zukunft gibt es plötzlich nicht,
und jede Freude flieht,
wenn Bild um Bild vorüberzieht,
was schmerzvoll mich zerbricht.


Ich suche Trost, den es nicht gibt
– es wird nicht ungeschehn.
Die Zeit zurückzudrehn,
gelingt uns nicht.

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#2

RE: Seitdem

in Liebe und Leidenschaft 28.06.2019 20:36
von mcberry • Administrator | 2.892 Beiträge | 2758 Punkte

Hi Joame, immer gut, dich mal wieder zu lesen.

Nichts gegen den lyrischen Impuls, formell hätte ich da einige Anmerkungen. Schon das tränen-
schweres Welken bereitet mir Kummer, weil Welken und Vertrocknen meist Hand in Hand gehen. Mit fahlen Farben käme es natürlich bestens aus.
Ein faul(end)er Tag hätte eine neue assoziative Dimension ...
Und wieso macht in S1Z1/2 die niemals ungeschehene Zeit auf so komplizierte Weise das Denken zur Qual? Was passiert ist, können wir nicht mehr wegtun, schon klar. Kann man einfacher sagen.
In S3 sind es entweder die Bilder, die das LI kaputt kriegen, oder der Prozeß des Vorüberziehens.
S4 hat drei mal ein"nicht" als Stilmittel? Bin ganz sicher, dass dein Wortschatz weit mehr hergibt.
Der geneigte Leser sucht nach einer Verbindung im zwei mal Ungeschehenen.

Hier sammeln sich Verlusterfahrungen, was o.k. ist, solange die dichterische Sprache den Inhalt trägt. Kriegen wir das nicht wirklich hin, dann grenzen wir uns von einer Runde Betroffenheitslyrik ungenügend ab. Sorry. Da ich mal wieder gar nichts geschrieben habe sollte ich vllt die Schnauze halten. - mcberry

zuletzt bearbeitet 29.06.2019 01:56 | nach oben

#3

RE: Seitdem

in Liebe und Leidenschaft 29.06.2019 08:16
von munk | 754 Beiträge | 830 Punkte

Hallo lieber Joame,
dein "Seitdem" spiegelt aus meiner nicht elitären, zugegebenermaßen sentimentalen und ja, auch mit eben diesem Thema real konfrontierten Betroffenheit gelesenen Sicht, man kann es so und anders schreiben, das Leid auf eine Art, die mit dem Nicht auf verschiedenen Ebenen fertig werden muss. Darob ist das Nicht in der Wiederholung etwas, was mit dem Verlustprozess eng verbunden ist. Alles wird mit dem "Nicht" ungebunden. Es lässt sich jedenfalls in den frühen Stadien der Trauer nicht mit anderem füllen, außer den schrecklichen Gedanken des Unumkehrbaren, das man nicht begreifen und wahrhaben kann und will, denn ist es so, dass man das verlorene Geliebte, das verlorene, ich nenn es das symbiotische Du, das von Liebe durchdrungene Wir nicht doppelt und eben vielfach verlieren will, weil es sogleich Heimat, Hafen, die Selbsterweiterung (Enzensberger), das Glück gemeinsam zu leben und zu lieben bedeutete und das irgendwann doch zu realisierende Nicht-mehr-da-Sein des anderen am Anfang und je nach Gemütsanlage und substantieller Betroffenheit lebenslang für das eigene Überleben so wichtig ist abzuwehren, dass das reale Nicht für mich im Text von Joame seine Berechtigung hat. Das Stilmittel der Wiederholung ist von vielen bekannten Lyrikern verwendet worden!

Mich nimmt Joame`s Gedicht mit, trotz deines Einwandes Mcberry, es könnte literarisch eine gehobene Qualität haben. Doch bin ich da bei Eva ("Vom Schreiben") & Erwin Strittmatter, Rose Ausländer u.v.a., die immer einfach schreiben wollten, um von den Leuten, von jedermann verstanden zu werden. Das Gedicht von Joame benötigt keine Erklärung, spricht für sich und belässt das lesende Selbst vor allem die Wahl, die Gemütsebene zu betreten oder sie zu meiden, falls ein dichterischer Anspruch, dem jeden selbst überlassen ist, das verhindert oder zu der einen oder anderen Korrektur verleitet, um es sprachlich auf ein Maß zu heben, dass abgrenzt von der sogenannten Betroffenheitslyrik. Das kann, muss und darf jeder Leser natürlich selbst entscheiden.

Munkel

zuletzt bearbeitet 29.06.2019 13:46 | nach oben

#4

RE: Seitdem

in Liebe und Leidenschaft 29.06.2019 09:27
von Joame Plebis | 3.580 Beiträge | 3569 Punkte

Liebe Lesende und Kommentatoren!

Es wäre falsch, Einwänden, die zu Recht angebracht sind, zu widersprechen. Viele Argumente fielen mir ein, das Vorhandensein der unbeholfen wirkenden Reime zu erklären. Mcberry weist oft behilflich auf literarische Komponenten hin, die von manchem, den Schreiber inbegriffen, unerwähnt blieben.

Der Anhäufung der 'Nicht', speziell in der letzten Strophe, könnte alleine schon mit der Umformulierung in die Frage 'wie wird es ungeschehn' entgegengewirkt werden. Nur fände ich die rhetorische Frage nicht angebracht, wo doch die Antwort besonders klar vorhanden ist und deshalb die Aussage leider zu hart wirkt, indem sie knapp gegeben wird.

Die Stellungnahme von munk ist von feinster Ausdrucksweise und diplomatischem Gespür gleichermaßen durchdrungen.

Besonders wenn uns hier nicht immer danach zumute ist, nach Worten zu suchen und wir am liebsten hinausbrüllen würden ein einziges Wort "Wahnsinn!", das der Realität am nächsten kommen würde, weist das Bewahren der Fassung darauf hin, wo wir uns befinden. Genau das wieder kann zugleich als eine Beschönung empfunden werden gegenüber der Realität und ihrer Grausamkeit.

Es gibt zu viele Aspekte, auf die zum derzeitigen Zeitpunkt nicht eingegangen werden sollte – wenn, vielleicht irgendwann einmal. Daran scheitert auch jeder Widerspruch, die anspruchlose Form des Beitrages rechtfertigen zu wollen.

Alleine schon von munk und mcberry hier zu lesen, was auch immer, ist ein Lichtblick.

Gruß
Joame

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