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#1

Skizze 1

in Zwischenwelten 25.07.2019 09:26
von munk | 753 Beiträge | 827 Punkte

Ich fahre auf derselben Landstraße. Sie hat mich immer erfreut, aufgenommen, begleitet oder wieder zurückgebracht, falls ich zu sehr in Tagträumen vertieft war. In traurigen Momenten wurde sie sogar eine Art Schutzmantel. Mit ihr konnte ich Pferde stehlen. Sie waren bei meinem Großvater, einem Tierarzt, im Warteraum positioniert und in einem Bild gebannt, das sie als Arbeitstiere vor einem Pflug spannte. Sie zogen mühselig Furchen in den robusten Acker. Trotzdem blieben sie im Bild willfährig, ihren Kraft raubenden Auftrag zum Ende zu bringen. Der schwerblaue Himmelhintergrund unterstrich, hier war etwas am Werk, das an sich glaubte und den Boden unter sich urbar machen wollte. Eine Kraft des unbedingten Willens, mit Fleiß zu überleben.

Es verwunderte mich immer, dass kein Mensch in diesem Bild Platz hatte. Ich aber durfte ab und an als akzeptierter Requisiteur in die dargestellte Szene hineinspringen und sogar alle Pferde ausspannen. Ich entführte sie auf eine Koppel, die ich entdeckt hatte, als ich den Vollmond zwischen den Wipfeln einer Baumgruppe, im Morgentau spiegelnd, sah. Er war eingebettet in einem breitgefächerten Wolkenfeld. Mir kam er bekannt vor. Oft hatten wir, meine Frau und ich, vom Balkon aus, seine geheimnisumwitterte Aura gespürt und sogar die wagemutigen Ballonfahrer der Nacht an ihm vorbeifliegen sehen.

Heute stehe ich allein auf demselben Boden und sehe, wie der ebenso Halbierte, das Verlorene in mir wahrnimmt und frage mich, ob es eine Mondmagie gibt, die mir hilft, dieselben Wege und auch andere, neue zu beschreiten, ohne diese von mir Besitz ergreifende Wehmut, die tief aus meinem Innern, immer wieder den Verlust emporschleudert, den ich empfinde, wenn wir uns über das Gesehene nicht mehr austauschen und die Bilder gemeinsam festhalten können.

zuletzt bearbeitet 25.07.2019 14:14 | nach oben

#2

RE: Skizze 1

in Zwischenwelten 25.07.2019 12:08
von mcberry • Administrator | 2.892 Beiträge | 2756 Punkte

Danke für die Geschichte, lieber Munkel,

bis jetzt mein persönliches Highlight in diesem melancholischen Jahr.
Formal: Absätze kämen dem Leser entgegen. Wenigstens vor: Es verwunderte mich immer .... und vor: Heute stehe ich allein ....
Auch nach dem ersten Satz käme ein Einschub hin: In traurigen Momenten .... Aber da bin ich nicht ganz sicher.
Der poetischen Kraft tut das keinen Abbruch.
Wenn wir einen Beitrag 2019 wählen wollen, dann bist du nominiert. Es grüsst - mcberry

zuletzt bearbeitet 25.07.2019 12:14 | nach oben

#3

RE: Skizze 1

in Zwischenwelten 26.07.2019 08:25
von munk | 753 Beiträge | 827 Punkte

guten morgen, mcberry,
vielen dank für deinen kommentar. zwei absätze habe ich beherzigt, ergo eingearbeitet.



lfg
munkel

zuletzt bearbeitet 26.07.2019 08:26 | nach oben


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