Kein Atem verbirgt sich in unseren Versen...
In wandernden Winden versuchen wir Zeiten,
die fliehen, zu retten und finden doch nichts als
vergilbtes Papier alte Wahrheiten wahren.
Ob morgens, ob abends, es wehen nur Klagen
durch uns.
Verblassende Briefe mit zaghaften Zeichen,
die blühen, geborgen in lachende Seelen
von einst – sie erzählen: Wir waren der wandeln-
den Welt auf den Fersen und an jedem Tage
erstrahlte noch Liebe in sehnlichem Suchen
nach uns.
Doch zogen schon bald lange Wochen verschlungen-
er Kenntnis ins Land. Durch gebundene Zungen,
verwandelt in Wunden, erschütterte Schweigen,
durchbrochen von Phrasen, die Worte von uns.
Von Sprache verlassen verloren sich Wege
um dich und mich herum.
In wandernden Winden versuchen wir Zeiten,
die gingen, zu fassen und finden nichts weiter
als schwindendes Glück in Vergangenem weilen –
Ein Seufzen verbleibt zuletzt unseren Zeilen
und tags wie nächtens fühlen wir: das Leben erbleicht
in uns.
Wir wählten die härteste Strecke,
Denn die Siegerstraße war uns bereits vertraut.
Kurz vor Mitternacht fuhren wir an zur Fahrt unserer Träume
Mit der Endstation "Sehnsucht –
Erfüllt".
Jung und abgefahren
Waren unsere Herzen und Ambitionen,
Alles wollten wir auf dieser Reise erreichen.
Doch je länger wir saßen,
Desto weiter entfernte sich die Realität
Von unseren idealen Vorstellungen.
Die Hoffnung verzögerte sich
Und es wanderte der Schlaf Wagen
Für Wagen vorwärts,
Legte sich auf unsere nachtwache Unbekümmertheit.
Im Zuge der Langeweile
Schienen uns die Sekunden zweifach zählend
Und Stränge verzweigten sich im Nichts.
Ich wollte bis zur Ankunft
Nicht mehr tatenlos warten und
Bremste in meiner Not
Mit warnenden Signalen unser Ausharren.
Ich öffnete die Türen noch während der Fahrt,
Sprang
Und sog Dich mit hinaus
Aus unserer gewohnten Bahn;
Wir fielen auf
Weichen Boden.
Schon bald fuhren die Waggons
Ein in den geschäftigen Horizont; ohne uns.
Auch ihr Lokruf verstummte schnell
Und wir koppelten unsere Gedanken ab,
Als unsere Gefühle entgleisten.
Bis zum scheinwerferlosen Morgen
Lagen wir im feuchten Gestrüpp und kein Bahndamm
Konnte uns meer halten.
Den ganzen Tag über hörte ich Dich hin-
Durchsagen, wie herrlich die Freiluft schmeckt,
Während wir uns fort bewegten
Von einstigen Wünschen.
Auf eigenen Füßen lernten wir jetzt stehen
Und wanderten Stunden lang;
So lang, bis uns die Zeit und die Freiluft ausging
Und wir rasten mussten.
Das Laufen wurde zunehmend beinhart,
Und wir blieben und blieben.
Immer mehr gingen wir verloren,
Unser Weg nahte seinem Ende.
Die Weiden winkten mit der Kelle
Und wir lenkten ein; in einem grünen Wartesaal
Lungerten wir nun herum
Ohne Ende.
Als ich in Gedanken unsere Schritte noch einmal
Rückwärts eilte, musste ich eingestehen,
Dass unsere Zukunft auf der Strecke geblieben war.
Wie Felsriff türmt mein Grab sich in die Höhe
und verfestigt morsche Beine
am Abgrund, so dass ich sie ewig sehe,
doch nie mehr meine eingeflochtne Nähe
greifen kann – ich bin alleine.
Im Leben sprossen noch die Augenblicke
aus der Berge wilden Truhen
wie Diamanten glitzernd – schweigsam rücke
ich nun mit Wolken unter eine Decke,
lasse (gleichsam finde) alte Quellen ruhen.
Eigentlich wollte ich mir die Anmeldung im glorreichen Tümpel für den nächsten Suff aufheben, um notfalls auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren zu können, aber nun habt's ihr mich doch früher einkassiert. Nachdem ich die gesamten Ausmaße und Verschwörungen der Dichterforen-Netwerke einmal mitbekommen hatte (und ich dachte, dass wären einfach stinknormale Foren ) und ich allerlei redselige Admins und Mods (in Spe) um mich hatte, bin ich letztlich für den Tümpel geworben worden.
Es waren ein paar lustige Tage in Wien und die Bilder - und passenden Kommentare zu den Fotos - sprechen für sich. Leider sind Nana, goosie und unser Gastgeber Gem (preiset ihn!) nirgendwo zu sehen. Auch die emotionalsten Bilder vom Fußball (einmal der Sieg von Deutschland gegen Argentinien und einmal der Sieg der deutschen Dichter gegendie österreichische Auswahl ^^) und das Chili sind leider nur aus meinem Gedächtnis abrufbar.
Und des Armdrück-Video musst nit undeingt zeige, seweil.
P.S.: Bitte, bitte keinen Dialekt mehr. Ich habe schon wieder Kopfschmerzen, das war in Wien ein Akzente-Flash der härtesten Sorte. *vorMonitorumkipp* *g*
Du hast leicht reden... am ersten Tag mit Gem und Kam musste ich viele Synapsen opfern, um den Gssprächen der beiden grob folgen zu können.
Die Pringles vom Foto hatte ich übrigens extra für dich aufgehoben. Aber es ist wohl typisch, dass alles, was ich anderen Leuten schenke, einfach nach 'ner Zeit weggeworfen oder sonstwie entsorgt wird.
Wilhelm Pfusch schrieb am 05.07.2006 00:20 Uhr:
Es war verdient für die Itacker. Das Spiel
war fair. Sepp Blatter muss weg.
Ficken.
Es war nunmal Glück. Die Euphorie wird nicht
erlöschen. Es war nur Fußball.
Wir haben gefeiert und
einander umarmt
und das ist alles was zählt!!!!!
Ich wollte den Faden schließen, aber widerstand...
Ich habe mal eben Zeilenumbrüche in deine Worte gesetzt und muss sagen, dass es als Gedicht ziemlich geil rüberkäme. Bist ein verdammt kreativer Mensch - Frust-Poesie?
Ich find's auch schade, vor allem so gottverdammt kurz vor Ende. Ich bin aber zu müde, um mich darüber richtig aufzuregen. Das deutsche Team hat bei dieser WM hammer gespielt und das Argentinien-Spiel bleibt mir ohnehin noch länger in guter Erinnerung. NUn müssen wir leider Samstag ran.
Eigentlich war nur einer schlau genug Bedingungen zu stellen.
Tja, scheiß Bedingungen. Mit Klugheit hatte das ganze wenig zu tun, wenn einem die Inneren Dinge (Seele plus schnöden Organanhang) eigentlich schnurz sind. Warum bin ich manchmal so abgefuckt gleichgültig gegenüber solchen Dingen? >.<
Whatever. Und die Sache mit dem "in vollem Bewusstsein" ist ab ein paar Promille auch eine relative Angelegenheit.
"Ficken" habe ich natürlich nur als sprachliches Mittel angesehen, da es eine versteckte Anspielung auf "Kicken" ist. Dieser lyrische Hintersinn hat mich schon ziemlich mitgerissen.
Irgendwo ist's schon ärgerlich, da hätte ich zumindest was Kleines herausholen können. Vielleicht ist apple ja gnädig...
Inzwischen bin ich aber an sowas gewöhnt. Auch wenn's hier und da nervt.
Wir könnten ja nen Pakt zum gegenseitigen Schutz vor uns selbst arrangieren. (Auch wenn ich grob schätze, dass man sich eh' nicht daran hält. ;))
sEweil schrieb am 05.07.2006 23:17 Uhr:
Achja: Hier sei schriftlich dem Spender des Kölschs gedankt.
Vielen Dank aiaiawa.
Gern geschehen. War eigentlich z.T. auch als Geschenk für den Gastgeber vorgesehen (Alt gab's ja auch noch), aber wer konnte ahnen, dass es abstinente Dichter gibt?
Zitat:
Ja, du warst auch lustig und fröhlich und angetrunken (<--ich lass es 2 Stunden stehen und je nachdem, was dann auf meinem Bankkonto eingeht editiere ich es dann. )
Angetrunken ist wohlwollend formuliert. Ich war gut dabei. Und gegen die Wahrheit rebelliere ich nicht - ich ignoriere sie.
auch ein hallo von meiner Seite aus. Vielleicht werde ich hier noch häufiger vorbeischauen; die Plauderecke gefällt mir irgendwie.
Ob ich mich für Unverständlichkeit entschuldigen soll, weiß ich noch nicht. (Ich stehe schon länger vor dieser Frage.) Zumindest danke fürs Beschäftigen mit dem Text erstmal. Der erste Teil zeigt - grob gesagt - eigentlich nur die Jenseits-Diesseits-Diskrepanz, bzw. das eigene Verlorengehen bei der Trennung von wesentlichen Lebensinhalten, um es auf eine etwas andere Weise zu deuten; das lyr. Ich spricht quasi aus der "separierten" Welt. Ich denke, hier könnte man noch interpretieren - oder ist es wirklich so unklar?
Bei der zweiten Strophe muss ich stärker auf dich eingehen. Kryptizismus ist ok, wenn's wirkt, aber wenn es dann auch noch gekünstelt klingt, muss ich wohl was ändern. Vielleicht sind gerade "Leichtmutstruhen" und "Diamanten" in dem Kontext nicht passend und undeutlich. Darüber muss ich noch nachdenken.
Und ob ich's noch weiter aufdröseln kann, mal schaun. Danke jedenfalls für den Kommentar.
Innerhalb eines Tages habt ihr es geschafft, genauso viel oder sogar mehr sinnvolle und hilfreiche Kommentare zu verfassen als ich in meiner gesamten Zeit auf dotcom bekommen habe. 0_o Respekt, ihr Tümpler, Respekt.
Nun zum Einzelnen:
@Margot
Das Entschuldigen war mehr als Geste gegenüber der Kritik zu verstehen; ich habe 'nen Hang zur Dramatik.
Dass es sich bei einer Bewertung immer um einen subjektive Einschätzung (du sagst ja selbst "für deinen Geschmack") geht, ist schon klar. Aber sobald für mich negative Kritik nachvollziehbar ist, sollte ich sie annehmen und aus-/verwerten.
@Don
(Ebenfalls hallo. =))
Danke für diese ausführliche Betrachung. So kann ich noch genauer an einzelnen Punkten arbeiten. Den Metrik-Schnitzer in S2 Z.2 hatte ich nicht bemerkt, da muss ich noch was ausbügeln.
Bei der Form habe ich etwas mehr herumexperimentiert. Eigentlich sollte es auch eine Art "Zwischenreim" geben in der vierten Zeile ("meine", "nun"), leider musste ich wegen der Syntax das ganze an unterschiedliche Stellen setzen. ("nun" wäre ohnehin kein sauberer Reim).
Inhaltlich zeigen mir Deine Überlegungen, dass man doch trotz manch krptischer Stellen auf relativ plausible Pfade finden kann. sEweil zu liebe äußere ich mich aber erst später dazu, ich hoffe, Du verstehst das.
Soweit bin ich mit dem Gedicht auch ganz zufrieden. Einzig die vorhin erwähnten Stellen - "Leichtmutstruhen" und "Diamanten" - scheinen nicht zu wirken. Dass die "Truhen" auch wegen dem Reim entstanden sind, lässt sihch nicht verschleiern; ich hoffte, es noch in das Bild einbauen zu können. Allerdings, wie gesagt, wenn kryptische Sprache das Verständnis und die Nähe zum Text verhindert, sollte man sie umbauen. Dass es zudem gekünstelt trinkt (s. "Truhen") ist mir besonders zuwider. Hm... daran muss ich noch basteln. Jene Stelle muss für den Leser noch entschlackt werden. Das "eingeflochtne" werde ich vielleicht auch noch etwas besser umschreiben. Ursprünglich hieß es "eingewachsne", wurde aber aus tja, "ästhetischen" Gründen geändert.
Ich werde darauf aufbauen und mich in einer ruhigen Stunde noch mal dem ganzen widmen. Danke nochmal.
@sEweil
Kein Problem, ich kann warten. Freue mich übrigens. Vielleicht habe ich das ganze in den nächsten Tagen noch etwas eindeutiger geformt.
@Fabian
Was Dir aufgefallen ist, ist gar nicht mal so falsch. Der Inhalt wird in nächster Zeit nochmal genauer von mir aufs Korn genommen; anscheinend tappt man beim ersten Lesen noch zu sehr im Dunkeln.
Danke nochmal für alle Antworten. Hat mich wirklich gefreut und motiviert, mich auch hier weiter zu betätigen.
Grüße
Philipp
edit:
@mattes
Danke für die Auseinandersetzung, auch wenn Du Dir Deinen Spott bitte für andere Dinge aufheben kannst. Ich äußere mich bald noch dazu, inwiefern der Kokolores Sinn macht. Immerhin zeigst Du mr, dass das ganze nicht bloß interpretiert, sondern auch kritisch hiterfragt und ggf. niedergemacht wird. (Das spricht für dieses Forum). Weiteres später.
Ich muss noch ergänzen, dass die Thematik an sich nicht allzu komplex ist und sich aufdröseln lässt (ist oben auch geschehen); jedoch driftet's nicht ins Banale ab. Zumindest laut eigener Einschätzung. Ich glaube, ich prüfe den Text dann in allen Teilen. Von Deiner Seite aus bleibt die Frage, ob der Inhalt der kryptischen Gestaltung gleich kommt (bzw. beantwortest Du die Frage gleich: "Nö, es ist simpler Schmarrn."). Sicher eine mögliche Intrepretation/Beurteilung. Ich versuche eher, jetzt an der Verständlichkeit zu arbeiten, denn diese ist so oder so schlecht für das Gedicht.
interessant ist es allemal. Als Leser bekommt man zuerst ein spiegelverkehrtes Gedicht im Zusammenhang mit dem Titel "Abbild" zu sehen. Wobei ich letzteres eher mit einem Blueprint (Klonen, etc.) in Verbindung gebracht hätte, erschloss sich im Zusammenhang mit der Spiegelschrift schon etwas mehr. Es war klar, dass Inhalt und optische Gestaltung miteinander zu tun haben müsste (sonst wäre es ja sinnlos), folglich müsste es eie Art Selbstbespiegelung, eine Sicht auf das Abbild von sich selbst geben.
Zitat:
Gedacht war, dass der Leser in der Rolle des lyrI ist und durch die Darstellung gezwungen ist, dem Gedicht und damit ja sich selbst, den Spiegel vorzuhalten, um ihn am Ende aber wieder wegzulegen (abzuhängen)
Lustigerweise habe ich mir einen Spiegel besorgt, um das ganze ohne größere Anstrengungen lesen zu können. ^^ Durch das Fehlen der Umlaute, wie's DonCavallo erwähnt hatte, wird's noch schwieriger für den Leser.
Den Spiegel habe ich dann als eine Art Mittel bewertet, der die Identifizierung mit dem lyr. Ich veranlassen soll. Das führt umgehend zum Inhalt. (Im Übrigen ist's sprachlich solide, geht angesichts der thematik in Ordnung. Einige Gimmicks, wie die durchgehende Kleinschreibung (Minderwertigkeitgefühle?) sind interessant, andere Geschichten wie die unnötig invertierte Sprache in der zweiten Strophe gefallen weniger.)
Inhaltlich vollzieht sich eine Klimax. Die erste Strophe führt in das Selbstreflexions-Erlebnis ein. "Dein klägliches Gesicht" spricht das lyr. Ich selbst an; es kritisiert sich, man neigt dazu, so etwas wie Selbsthass darin zu vermuten. Im Einschub "was gäbe ich dafür!" würde ich Krabtzbürstes Vorschlag aufgreifen und ein Fragezeichen einsetzen, besser noch: einn Fragezeichen anhängen. Das passt zum einen in den Satz, motiviert zum anderen zum Weiterlesen - der Inhalt wird im Folgenden deutlicher. Außerdem symbolisiert es eine gewisse Verzweiflung (ob du diese so ausdrücken wolltest, hm, keine Ahnung).
In der nächsten Strophe ist eigentlich nur die letzte Zeile interessant. (Die ersten sind allenfalls dahingehend zu berücksichtigen, da sie an suizidale Absichten (am Hals schneiden) erinnern - doch das geht m.E. schon etwas zu weit.) "Fordernd und weich" erschließt einem ein vielschichtigeres lyr. Ich - in meinen Augen deutet es zum einen auf den Anspruch an sich selbst hin ("Bring endlich etwas zustande!"), zum anderen auf einen sanfmütigen Umgang mit sich selbst. Dies ist der erwähnte "Selbstbetrug".
Der nächste Einschub gefällt mir nicht richtig. Anders als in Z.5 ist es mehr der Anfang eines neuen Satzes und passt nicht recht, wenn man ihn separiert. Es wirkt eher als ein Zugeständnis an die Form. Nachfolgend kommen etwaige Hyperbeln ("alltäglich"--> würde "tag für tag" nicht besser sein?) und die gelungene Pointe. Was die Interpretation dieser Stelle angeht, bin ich eher auf der Seite des Dons. Das Abhängen des Spiegels wirkt wie ein Abwechen von der Selbstreflexion, eine Aufgabe des Versuchs der Selbsterkenntnis. Daher würde ich das ganze eher negativ deuten.
Weiterhin überzeugt der Text durch Andeutungen und HIntergründigkeit. Die von Don erwähnte Spieglung des inneren Selbstbildes statt des sichtbaren ist auch ein feines Detail.
Sprachlich ist das ganze gut geworden, doch dieser Text ist sicher am ehesten durch seine formell-inhaltlichen Verknüpfungen sehr lesens- und bedenkenswert.
Grüße
Philipp
edit: Ich seh' gerade, dass du Groß- und Kleinschreibung schon richtig hast, nur ich hatte mich leider auf Kratzbürstes "Übersetzung" in Normalschrift verlassen. Mea Culpa, nichts für ungut.
Mattes schrieb am 06.07.2006 14:39 Uhr:
Ach ja, Aiaiawa,
obwohl ich mich mit dem Geschriebenen mindestens ebenso intensiv befasste, werde ich nur im Nachsatz dahingehend bedacht, ich möge meinen Spott für andere Dinge aufsparen. Offenbar bist du der Ansicht, ich spottete oder macht das Gedicht gar nieder. Glaub mir, das kann ich besser.
Soviel Spott kann ich auch gar nicht erkennen. Allerdings war ich schon immer der Meinung, auch der Rezensent dürfe seinen Spaß haben und muss nicht zwingend bleiern-akademisch arbeiten, zumal manche das noch viel krummer nehmen. Nein, ich gab dir meine ehrliche Meinung und selbstverständlich kannst du damit machen, was du willst. Wie du auch in meinem Kommentar nachlesen kannst, weise ich auf das Subjektive des Geschmackes hin. Aber das zählt nicht, nein, während du dich bei Margot entschuldigtest, die ihr Missfallen deutlich weniger begründete, wirfst du mir Spott und Niedermachen vor.
Kein Thema, Hiawatha, du wirst dir meinen Spott nicht mehr antun müssen.
DG
Mattes
Ist ja gut, ist ja gut.
Ich habe eigentlich nichts gegen ironische Kommentare und es gab sicherlich heftigere Verrisse von meinen Texten. Hat mich nur ein bisschen verwundert, da Du an einigen Stellen treffende Kommentare abgibst (erste Strophe: 1./4.Zeile) und dann an einigen Stellen in Gaukelei verfällst:
"– ich bin alleine.
Ich auch. Der Dichter lässt mich aber auch ganz schön alleine."
"Tut mir leid, ich bin nicht das richtige Publikum dafür. Ich gehe jetzt Kreuzworträtsel lösen,"
Schlag mich, wenn ich Unrecht habe. Außerdem habe ich bzgl. solcher Kommentare auch nur anderthalb Sätze aufgewandt; so viel Spott unterstelle ich dir gar nicht. Und das "niedermachen" war auch allgemein und nicht auf dich bezogen. (Das "ggf." hast du auch ignoriert") War's zu unklar formuliert?
Desweiteren werde ich Deine Antwort genauso berücksichtigen wie jede andere intelligente Meinung, die ich höre. Wenn Du etwas sagst, das richtig ist, wäre ich ein Idiot Dich zu ignorieren.
Gemini schrieb am 07.07.2006 08:23 Uhr:
FREEEEEDDDOOOOOOOOOOOOMMMMMM (Zack de la Rocha)
Yeeeeeeaaaaah, right!!!!!!!!
Bin froh, immer mehr Menschen zu entdecken, die Aheisten sind. Scheinbar gibt es doch noch einige intelligente Menschen auf diesem Planeten (was nicht heißen soll, dass es auch intelligente Menschen gibt, die an ein höheres Wesen glauben). Allerdings spricht die Menge an Ungläubigen in diesen Dichterforen schon für sich.
Genug geschwafelt, nun zu Deinem Text, Willi:
Er konnte mich nicht so ganz überzeugen. Das liegt zum einen am recht offensichtlichen Thema.
gleich dem Glauben,
der das Nichts verbirgt!
Glaube nicht, der du in Ihrem Schatten stehst!
Nur Lügen, nur Täuschung -
verflucht seien die tumben Sonnenanbeter!
Sollen sie doch in Verzweiflung sterben,
begreifen sollen sie,
im letzten Augenblick erst,
dass sie blind waren.
Besonders ab dem Teil, wo du den Glauben ins Spiel bringst und die Analogie eigenständig entschlüsselst, ist auch dem letzten klar, was gemeint ist. In der Tat klingt hier etwas der gute Zarathustra an ("Glaube nicht, der du in Ihrem Schatten stehst!") - und wäre mir der Typ nicht nach hundert Seiten auf den Geist gegangen, könnte ich jetzt vielleicht auch noch ein passendes Zitat bringen.
Ebenfalls Zarathustra-mäßig jene Wiederholung ("tumben Sonnenanbeter"); das Ende ist etwas fragwürdig, denn ich glaube nicht, dass jene Menschen jemals bewusst so etwas begreifen werden, erst recht nicht kurz vor dem Tod, wenn das Gehirn noch letzte undeutliche Informationen über die Synapsen jagt. Ebenso ist die Verzweiflung zu bewerten - ich glaube nicht, dass dies der Fall sein wird; es ist mehr eine pessimistische Einschätzung des lyr. Ichs, eine Drohung im Angesicht der Wahrheit.
Apropos Wahrheit: Anfangs zog ich noch das beliebte Höhlengleichnis in Erwägung, doch diese Variante musste ich relativ schnell ausschließen. Eine andere Möglichkeit wäre die Anbetung des Lichtbringers Luzifer oder heidnischer Sonnenkulte, die Anbetung von Ra, etc. - also eine Lösung ohne Metaphorik und eine ander erklrung für die Verklärung der Gläubigen. Aber das musste ich verwerfen, s. auch Deine eigene Aussagen dazu. Hier hättest du m.E. duirchaus etwas vager formulieren können, ohne den Leser gleich in eine komplett andere Richtung zu lenken. Im Grunde sind die Deutungen um Lügen und Scheinwahrheiten, Priester und ihre Heuchelei vor den Menschen sehr ähnlich.
Sehr gut ist übrigens die Sache mit der Nacht geworden. Die Menschen erkennen nur die Sonne und empfinden sie als hellsten, wichtigsten Punkt am Himmel, doch sehen sie nicht, wie er ihre Sicht trübt. Daher wissen sie nciht um die gesamten, gigantischen Ausmaße des Universums - eine elegante Offenbarung der menschlichen Engstirnigkeit, die Dir da gelungen ist. Auch das Blicken in die Sonne, das daraus resultierende Fehlinterpretieren, weil man den Anblick nicht ertragen kann, ist bezeichnend.
Was noch zu erähnen wäre:
In den ersten beiden Zeilen würde ich die zweite Wiederholung des "lacht" weglassen - es soll spöttisch wirken doch insgesamt wirkt es eher unfeinfühlig. Besser wäre in meinen Augen:
"Siehe, die Sonne lacht,
sie tanzt und lacht"
o.Ä.
Letztlich bleibt aber Dir überlassen, was Du damit anfängst.
Dann folgen einige unverständliche Passagen: Die Sonne beherrscht sich nicht - Wieso ist die Sonne schuld? Übersetzt hieße das doch, dass Gott sich präsentiert und die Menschen deshalb an ihn glauben, weil er ihnen so prächtig erschiene, oder nicht? Die Verfälschung und die Mystfizierung geht doch letzten Endes nur vom Menschen selbst aus. Irgendwie erscheint mir dieser Teil unplausibel. Ebenso gefällt mir die "rote Hölle" nicht recht. Das Bild von Rot beim Schließen der Augen ist gut gedacht und nachvollziehbar; nur inhaltlich ist diese Stelle halt etwas unschlüssig und merkwürdig dramatisiert. Vielleicht kannst Du das später noch auflösen, im Moment steig' ich da nicht durch.
Insgesamt bietest Du also eine passende Allegorie mit einigen hintersinnigen Feinheiten. Doch einige Fehler im Detail und Ungereimtheiten (von meiner Warte aus) stören das Gesamtbild - die Offenkundigkeit am Schluss trübt das Grübeln des Lesers über das Gedicht, was sehr schade ist. Vielleicht wäre etwas weniger Nietzsche und etwas mehr verklärende Prophezeiung sinnvoller gewesen.
So hätte man noch mehr herauskitzeln können. Nichtsdestotrotz habe ich mich gerne mit dem Text auseinandergesetzt. Beim nächsten Mal nur bitte die Interpretation bitte erst später posten, sonst wird's öde. =)
ich muss Dir auch noch mal eben meine Anerkennung aussprechen. Das Gedicht ist verdammt pfiffig, glänzt mit grandiosen Wortspielen ("der Schirm entspannte sich", "lief ihm ein Schauer über'n Rücken") und einigen amüsanten Wendungen ("nahm einen Menschen an die Hand"), ausgehend von einer einfachen Grundthematik. Wirklich klasse und sehr lesenswert.
Ich würde gerne noch was zu kritisieren haben, aber im Moment sehe ich nur den Wechsel im siebten Vers vom klingenden zum stummen Ende. Da dies aber inhaltlich nachvollziehbar und im Metrikfluss kaum störend ist, fällt auch das als Kritikpunkt weg.
Deshalb lasse ich die Suche nach der Nadel im Heuhaufen lieber bleiben; das Gedicht gefällt mir eigentlich uneingeschränkt so wie es ist. Großes Lob, sehr, sehr lesenswert.