Hallo,
meinen Blechnapf Kommentar stelle ich hier in diese Art der Man-bin-blöd-aber-ich-schäm-mich-auch Ecke. Ich stelle ihn zudem hier rein, weil ich nicht will, daß er das Verständnis des betroffenen Gedichtes verringert. Wer das Brot zukünftig ärgern will, verweisen Sie einfach auf den nun folgenden Kommentar:
Ich weiß nun vom reinen Wortsinn was Ne pas chercher à comprendre bedeutet, nämlich nichts anderes als: Nicht zu verstehen versuchen.
Wir futtern uns durch ein 5 Strophen Mahl, das uns recht amüsant vom Sahnehäubchen bis zum Bodensatz, serviert wird. Glückskeksartig steht dieser Sinnspruch am Grunde unseres Blechnapfs.
Naja, ich putze mir den Mund ab. Nicht zu verstehen versuchen, etwas holprig formuliert und irgendwie beliebig. Ich weiß ja das ich nichts weiß und Erkenntnis mir nicht zu Teil wird. So what? Doch hätte ich jetzt trotzdem gerne einen Absacker. Herr Ober, Herr Nois!?
Herr Nois kommt und offeriert mir aber nicht das berühmte Mintplättchen sondern nur eine kurze Information: Ne pas chercher à comprendre stand auf dem Grund der Blechnäpfe die die Häftlinge in Buna, einem Nebenlager von Ausschwitz, ausgeteilt bekommen haben.
Nicht zu verstehen versuchen.
Doch wäre es falsch nur in Betroffenheit zu verharren, weshalb Herr Nois wohl auch keine brotlosen Verse voranstellte, sondern reichlich aufdeckte. Denn der Zynismus dieser Geschichte ist gleichzeitig m.E. ein möglicher Ausweg um Extreme zu überleben. Und vielleicht nicht nur die.
"Kennen Sie den Riddler?"
"Wen?"
"Den Riddler, den Riddler aus den Batman Comics? "
"Nö. Nie gehört. "
"Ist sogar verfilmt worden."
"Meine Güte jeder Blech wird verfilmt. "
"Ich mein ja man nur. Ich mein ja man nur."
"Also schön: Wer ist der Riddler? "
"Er ist ein Verbrecher!"
...
"Und weiter? "
"Äh, er ist ein Verbrecher und er stellt Rätsel auf. "
"Seine Verbrechen sind mörderische Rätsel? Wer das hier löst ist tot, oder was? "
"Nein! Er macht sich einen Spaß, seine Verbrechen vorher durch Rätsel anzukündigen. "
"Ach was."
"Ja. Also, also, wenn er nun ein Verbrechen planen würde, also z.B., z.B. "
"Dann, lassen Sie mich raten bildet er flugs ein Rätsel wie:
Mein guter Zwilling wir sind zwar dann noch nicht in der fünften Jahreszeit, aber sei Gewahr: Als Zwerg werde ich mich nicht verkleiden, teile aber seinen Wunsch nach unverderblichem Genuss. "
"Er reimt es.“ "
"Ja, und? "
"Es klingt besser. "
"Aber das ist doch eher ein Detail, oder? "
"Was? Das Reimen? "
"Nein das Stricken der Pullover, herrgottnochmal. "
"Nein, es ist kein Detail. Die Form macht das Rätsel erst interessant und unterstreicht das Außergewöhnliche am Riddler. "
"Ah. Aber eigentlich wäre es doch noch außergewöhnlicher er schrieb in Klartext was er meint. "
"Er soll denen sagen was er vorhat?? "
"Ja. Klar heraus und gradheraus: Hallo Jungs am 2.11. klaue ich das Gold aus der Bank. "
"Dann verhaften sie ihn doch."
"Das tun die immer, oder? "
"Ja, schon, aber er stellt immer die Rätsel und dann müssen ... "
"Darum geht’s nicht. Der Verbrecher weiß was er vorhat, er weiß was er tun will, der größte Coup wäre also zu sagen wo der Hase im Pfeffer, des Pudels Kern ist und nicht um den heißen Brei herumzureden. Wenn er dann immer noch die Bank und nicht mehr nur Rätsel knacken lassen würde, dann wäre er ein echtes Genie. "
"Vielleicht kann er es ja nicht anders sagen? "
"Na klar. Macht einen Riesenplan wie Egon, aber kann nicht sagen wo ihm der Schuh drückt. Andersherum wird ein Schuh draus: der Selbige drückt, aber anstatt zu sagen: Scheiße, mein Fuß tut weh, wird daraus so was wie... Oh, mein Bus kommt. Ich muß los, "
"Du fährst auch in diesem Bus? "
"Ja, auch ich. "
Mit einigem Erstaunen las ich heute morgen von Herrn Lüttke in seinem Wonnepoppen Thread folgendes und leider nicht zum erstenmal:
Zitat:
Weit über 250.000 Hits, mehrere tausend kommentare und vier publikationen innerhalb eines halben Jahres sprechen eindeutig für mich und gegen meine Kritiker.
Ähnliches las ich schon von Gemini. Wenn es danach geht, dann wäre ja Konsalik der größte Schriftsteller aller Zeiten, wären ja die Groschenromane des Bastei Verlages eindeutig brillianter als die Suhrkamp Reihe. Dafür bezahlen die Leute sogar Geld während es hier im Internet ja umsonst ist.
Aber wenn dem so wäre müsste man die Verfechter solchen Unfugs zwingen täglich Spielhagen Romane zu lesen. Nur zwei, drei Sätze von dem kommerziell nicht so erfolgreichen Fontane und Sie wüssten was Wasser in der Wüste ist.
Die Tage erst bin ich über einen Autoren hier gestolpert der sich Velazquez nennt. Weniger Klicks als viele Andere. Aber jede Zeile dieses Autoren ist besser als die Zeilen der Millionenmilliardenmal Aufgerufenen.
Wenn die Klickanzahl nur als Beleg dafür gelten soll, daß man fast schon berühmt sei, so berühmt halt wie Verona Pooth oder Cora Schumacher, dann bitte sehr, geschenkt. Von Einer der Genannten weiß ich, dass sie auch schon publiziert hat und sicherlich in der Lage wäre mir auch die ISBN Nummer mitzuteilen.
Ich muß an diesen herrlichen Ärzte Song denken: Dann bin ich ein Star der in Zeitung steht und dann tut es Dir leid...
Eine der schlimmsten Beleidigungen, die ich in letzter Zeit erlebt habe, war die Tatsache, dass C. Theron eine hässliche Frau spielte und – sozusagen als I – Tüpfelchen – alle Welt voller Bewunderung für Sie und Ihre Leistung war.
Das war und ist nichts anderes als eine Beleidigung, aller hässlichen Menschen. Man komme mir jetzt bitte nicht mit solchem Schnuddelkram wie: Es gibt doch keine hässlichen Menschen. Natürlich gibt es die. Gäb’s die nämlich nicht, dann... aha, danke, na also.
In der Bewunderung für Ihre Leistung schwang meistenteils ein: Wie hat Sie sich so etwas nur antun können? Bis hin zu: Mut zur Hässlichkeit.
Nun, Häßliche können gar nicht aus ihrer Haut raus und tun sich das ergo jeden Tag und auch bei Dunkelheit an. Häßliche sind 24 Stunden bärenstark und bärenmutig. Wie beleidigend ist es dann also, wenn sich ein schöner Schwan hässlich macht und der Rest der Welt Beifall klatscht?
Da nehmen sich doch Quasimodo und ich in den Arm und denken: Man was für Arschgeigen!
PS: Den Oscar hat die dumme Sau natürlich nicht in ihrer Maske abgeholt.
Brotnic, das bin ich. Gleich vorneweg: Ich kann Sie nicht leiden. Ich kann überhaupt gar niemanden leiden. Am meisten kotzen mich Kinder an, weil Kinder keinen Anstand haben. Sie glotzen mich unverhohlen an, kriegen einen Schrecken oder kichern blöde. Wie ich das hasse. Manche Eltern entschuldigen sich dann bei mir. Das macht es nicht besser. Leider bieten sie mir nie an, ihrem Blag in den Hintern treten zu dürfen. Ich bleibe stur und ignoriere sie alle. Vordergründig. Manchmal schaffe ich es und es gelingt mir, sie stolpern zu lassen. Besonders schön wenn sie gerade Erworbenes ganz stolz vor sich hertragen. Die großen Kulleraugen, die gar nicht wahr haben können, dass das kostbare Kleinod durch Dämlichkeit in Arsch gegangen ist. Wunderbar. Dieser eine Moment der stillen Fassungslosigkeit. Das Geplärre danach nervt nur. Die Fassungslosigkeit, das schlagartige Erkennen des Unglücks und seiner Konsequenzen: Labsal für meine Seele.
„Lach mal wieder, Dicker“, hatte mich das Gör angeplauzt und lachend mit ihren Freundinnen die U-Bahn verlassen. Wie vom Donner gerührt saß ich da. Glotzen war ich ja gewohnt. Diese Frechheit nicht. Andere Fahrgäste stierten mich natürlich jetzt erst recht an. Ekelerregend. Ich sah sie noch auf dem Bahnsteig Faxen machen, während sich die Türen schlossen und die Bahn wieder losfuhr.
Sie ging mir den ganzen Abend nicht aus dem Kopf. Ihrer selbstbewussten Schnoddrigkeit hatte ich immer noch nichts entgegenzusetzen. Also schnitzte ich sie mir zurecht. Das ist mein Hobby. Holzfiguren schnitzen. Ich lebe allein in meiner Wohnung. Ich habe Platz. Habe angefangen, mir eine Modelllandschaft zu bauen, so wie ich sie mag. Auf einer Platte von Zweimeterzehn mal Zweimeterneunzig habe ich nicht so einen Heile-Welt-Scheiß, sondern ein Paradies des Leidens erschaffen. Meine Häuschen sind zerbombt, die Bäume kahl – wenn es überhaupt Bäume sind. Ich habe Schienen gelegt. Ein einfacher Kreis. An einer Stelle führt er durch meinen Müllberg. Diese Welt bevölkere ich mit meinen Holzfiguren. Allen fehlt etwas. Keine lächelt. Sie gehen auf Krücken und ziehen armlose Kinder hinter sich her. Ihr brannte ich ein Auge aus und zerfräste eines ihrer Beine. Es war mir ein Fest diesen blöden Backfisch zu zerstückeln. Sie bekam Ihren Platz in einem Wagon meiner Bahn. Ich war’s zufrieden.
„Das ist doch Ihr Müll oder Brotnic?“ Mein Nachbar zeigt auf die Mülltüte vor meiner Tür. Dieser Blockwart, diese Pissameise. Ich versuche ihn zu ignorieren. Nuschle nur irgendetwas.
„Brotnic! Wenn Sie Ihren Müll weiterhin einfach so abladen: Ich zeig Sie an!“
Den Klang der Schritte kenn ich. Von oben nähert sich die herzwelke Esomami. Ich muss schnell in meine Wohnung. Ich ertrage ihren arroganten Blick nicht. Hat noch nie ein Wort zu mir gesagt. Wobei? – ich zu ihr eigentlich auch nicht. Dieser Sittenwächter blubbert mich immer noch an.
„Regen sie sich doch ab, ich nehm ihn schon rein.“
„Mich abregen? Ich hab noch nicht mal angefangen. Und wo ich grad dabei bin: Wenn Sie meiner Tochter ...
Oh Gott, eine halbe Treppe über uns ist sie stehen geblieben. Bleibt einfach stehen. Sie wird warten bis ich in meiner Wohnung verschwunden bin. Da ist ja endlich dieser verdammte Schlüssel.
„Ich hab ihrer Tochter nie was getan.“, sag ich und verschwinde in meiner Wohnung. Ich höre wie sie weitergeht. Sie tuschelt irgendetwas mit dem Nachbarn. Sollen sie, doch. Alles Pissameisen.
Die ist bestimmt alleinstehend, denke ich, während ich mir eine Bemme reinschieb. Permanent unzufriedene Ziege. Wahrscheinlich so eine Herbstblüte, die mit Tee Krebs heilt. Genauso schwachsinnig wie mein Nachbar, der den Zivilisationshüter spielt. Drei Blagen hat der Hirsch. Mal die Bahn etwas beschleunigen. Meine Holzmichel können ruhig mal umfallen. Vor allem die Göre.
Wie die Kinder von meinem Nachbarn mich schon beleidigt haben! Aber das sieht der Arsch ja nicht. Wenn nur alle so wären wie dieses kleine Paar aus dem Dritten. Die haben wenigstens Angst vor mir und entschuldigen sich für alles. Die wollen einfach nur fort von mir. Manchmal frage ich mich, ob die mir Geld geben würden, wenn ich sie in Ruhe ließe?
Die Kleine steht ja immer noch. Moment mal. Ich lasse den Zug vor mir halten,. Merkwürdig. Spinn ich jetzt? Die grinsen doch. Wie können die grinsen? Allen Figuren habe ich heulende, verzerrte Fratzen geschnitzt. Aber die im Wagon grinsen. Auch das Mädchen. Es grinst mich doch nicht etwa an? Was ist denn das jetzt? Sie hören auf zu grinsen. Ihr seid aus Holz, ihr könnt euch nicht verändern! Aber sie tun es. Ihre Mundwinkel gehen eindeutig wieder nach unten, je länger sie mich anstarren.
Ich bin bekloppt. Ich schließe die Augen. Atme kurz durch. OK Brotnic: Du vergisst das wieder. Alles normal. Alle schauen wieder traurig drein. Ich beschleunige den Zug wieder. Ich könnt schwören, die hätten sich verändert. Kann man sich so was einbilden? Der Stress mit meinem Nachbarn... MOMENT! Die grinsen ja schon wieder! Ich lass den Zug wieder vor mir halten. Die lachen. Sie grinsen. Ich gucke einer Figur fest in ihre grinsende Visage. Scheiße! Schlagartigst. hört Sie auf. Ich hab’s sehen können. Die anderen haben auch wieder aufgehört....
Ich hab’s herausbekommen. Es passiert immer wenn die Bande durch den Tunnel fährt. Sie fahren traurig rein und kommen grinsend raus. Die wollen mich verarschen. Also irgendwas muß in diesem Tunnel sein, oder? Es reicht doch schon, dass ich Selbstgespräche führe, DA BRAUCHE ICH KEINE VORLAUTEN FIGUREN MEHR!!!! Fuck. Wahrscheinlich klingelt gleich mein Nachbar.
Nichts rührt sich. Schön. Ich werde jetzt unter die Platte kriechen und scheiße verdammt nochmal herauskriegen, was so wahnsinnig komisches in diesem Berg, in diesem Tunnel ist. Das Problem ist nur, dass es hier scheiß eng ist und dass ich mich tierisch leicht stoß...
„Vierzehn Tage?“
Wo bin ich? Wer ist das?
„Ja, das ist so ungefähr das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.“
Das, das ist doch die Stimme meines Nachbarn...
„Warum denn?“
„Warum was?“
„Entschuldigung: Weshalb haben sie ihn getroffen?“
„Warten Sie mal....ich glaube es ging mal wieder um seinen Müll.“
„Vielleicht um das hier?“
Das war wieder eine andere Stimme.
„Ja, ja genau. Puh, das stinkt.“
Mein Nachbar. Eindeutig. Was macht der hier. Wer sind die anderen? Warum kann ich mich nicht bewegen. Ich bin stocksteif.
„Merkwürdiger Kerl, oder?“
„Naja, so merkwürdig auch wieder nicht. Sehr verklemmt. Eigentlich ängstlich. Ohne Selbstbewusstsein. Ich glaube er ließ seinen Frust an Kindern aus.“
Diese Pissameise.
„Wie meinen sie das denn? Hat er ihren Kindern etwa was angetan??“
„Nein. Anders.“
„Wie anders.“
„Ich weiß es nicht.“
„Sei’s drum.“
„Haben Sie das hier schon gesehen?“
Ein großer Schatten baut sich vor mir auf. Was ist hier los?
„Oh.... Vielleicht weiß ich jetzt was sie mit anders meinten. Wussten sie von diesem, diesem ... Hobby etwas?“
„Ich kannte Brotnic nicht, bzw. nur bis zu seiner Haustür. Ich weiß eigentlich nichts von ihm.“
„Irgendjemand anderes hier im Haus, der mit ihm Kontakt hatte?“
Ich bin doch hier. Ich bin HIER!! Direkt vor Euch. Wo seid ihr eigentlich. Wieso hört ihr mich nicht???
Unvermittelt greift eine riesige Pranke nach mir. Mir ist Speiübel.
„Das ist die einzige die heile ist, glaub ich.“
Wie? Heile?
Das Gesicht meines Nachbarn erscheint. Es ist so groß. Diese Poren. Eklig.
„Merkwürdig, diese Figur hat sogar Ähnlichkeit mit ihm.“
„Legen Sie die Figur wieder hin.“
„Alles klar.“
Ich werde auf die Platte gelegt. Mir ist schlecht.
„Lassen Sie uns gehen. Wir haben alles gesehen. Danke für ihre Hilfe.“
Sie haben den Raum verlassen. Das Licht ist aus. Ich kann nichts sehen. Wie lange liege ich hier schon? Ich weiß es nicht. Ich bin allein. Ich glaube ich heule. „Wir nicht mehr!“, höre ich die Puppen noch sagen. „Wir nicht mehr“.
„Es war und ist nicht nötig, jemandem zum Nachweis tiefsitzender homosexueller Tendenzen direkte Beweise vorlegen zu müssen. Es genügen klare Sekundärindizien, die im Gesamtbild oft nicht nur Zweifel an der Eignung eines Kandidaten aufkommen lassen, sondern öfters auch zu einer gegenteiligen moralischen Gewißheit führen, daß nämlich dieser bestimmte Kandidat mittelfristig einer bei ihm gegebenen homosexuellen Dauerversuchung erliegen werde.“
Mag. Mag. Dr. Alexander Pytlik
Starkes Stück Herr Pytlik, dass Sie da (http://www.kath.net/detail.php?id=12117) aus sich rausgebrochen haben. Fräg ich mich doch gleich, ob Priester mit hochsitzendem Schwulsein ihrer homoerotischen Dauererektion nicht erliegen? Und wenn ja, warum nicht? Ach, ich vergaß, Sie müssen ja keine Beweise vorlegen. Den Schwulinski erkennt der Pytlik 2 Meilen gegen den Weihrauch.
Rein sekundärindizientechnisch, rein interessehalber:Was sind Sekundärindizien? Sind das Pumps oder Lippenstift? Klar ist mir das nicht. Noch unklarer ist mir aber, warum, wenn der Zweifel schon am Pytlik nagt ob der Kandidat den Stall zulassen kann, dann doch die gegenteilige moralische Gewissheit sich aufzwängt, dass er – ja was nun – die Hose zulässt? Also brav ist und Priester werden darf. Oder doch so gemeint, dass er es halt mittelfristig - wie lang ist das ? 2 Stunden oder Jahre??? – nicht bezwingen kann den Drang sich auf den Doppelmagister vom Alexander zu stürzen?
Das ist wirklich sehr vertrackt. Versteh schon, das geht ohne Beweise doch wesentlich einfacher. So unter uns, ich will da jetzt nicht allzu sehr drauf rumreiten, aber Jesus kann schon froh sein, dass er Ihrer Sekundärinquisition nicht mehr ausgesetzt ist. Lange Haare, alles Männer, gleich im Dutzend, mit Maria Magdalena soll und darf er ja nun auch nichts gehabt haben, also da verlass ich mich ganz auf Sie Herr Pytlik, dass uns da nichts anbrennt. Wenngleich mir das ja egal wär.
meine Dichtung unterschreitet also Ihr Niveau. Ist’s das Thema, dass sich bei Ihnen einhakte, reinsprang, festbiss? Soll ich das glauben? Oder nicht? Um mal so salopperdings, auf Ihre größten Taten zu verweisen. Fair find ich nicht, dass Sie mich nolens volens runtergespült haben, mich selbstherrlich in der Scheiße sitzen lassen und noch nicht mal dorten damit spielen lassen!
Ein arschgefickter Mozart bläst ihnen wohl mildere Züge ins Gesicht, wie? Oder hätt ich auf den unvergessenen Brockmann hören sollen, der mir schon füher am Abend zuraunte: Was uns nicht umbringt macht uns hart, aber, was uns hart macht bringt uns am Ende dann doch um! Ja,ja. doch, doch, das steht hier immer noch frei rum. Hätt ich drauf hören sollen, meinen Sie? Aber da sind doch so viele Weisheiten in meinen Zeilen. Nur immer anders halt verpackt – hier dank ich Gemini für Definition und Beistand - und von Kuh doch auch so schön ausgepackt, dargelegt und bloßgestellt, wie ich es besser selten las.
Was, Herr Boldt, ist an meinem Furz oder Pups denn so Niveau unterschreitend? Ich werde so lang fragen bis mir hier die Zeit und die Freiluft ausgeht, meine Brüste anfangen zu fliegen oder ich meine finale female ejaculation bekomme. Das werden Sie doch nicht wollen, Boldt?
Seine Mutter erzählte ihm, dass er Angst gehabt hätte. Angst vor schwarzen Fenstern. Sie nannte sie blinde Fenster. Weil ihr kleiner Max nicht durch Sie hindurch schauen konnte. Gerade im Winter wo es schnell dunkel wurde und sie immer gemütlich beisammen waren, wollte ihr Sohn nie auf die Scheiben sehen. Manchmal sei es so schlimm gewesen, dass sie ihn auf den Schoß nehmen und beruhigen musste.
Er hatte keinerlei Erinnerungen daran. Seine Mutter lächelte ihn an und strich ihm wie früher durchs Haar. Er lächelte gequält und starrte in die Schwärze seines Kaffees. Bei seiner Mutter hatte er sich immer geborgen gefühlt. Er nahm ein Stück Zucker und tunkte ihn mit einer Ecke in den Kaffee hinein. Die schwarze Flüssigkeit sog sich durch den weißen Zucker nach oben und begann ihn aufzulösen.
Mit Kreide schieb ihr Lehrer präzise a’s auf die dunkle Schiefertafel. Nicole saß neben ihm und er war verliebt. Sie saß nicht freiwillig neben ihm. Der Lehrer hatte das so gewollt. Alle sollten einmal eine Woche nebeneinander sitzen. Das würde den Zusammenhalt verbessern. Max war das egal. Hauptsache Nicole saß neben ihm und malte ihre wunderschönen Buchstaben in Ihr Schreibheft. Seine waren nicht so schön. Dabei hatte er sich wirklich Mühe gegeben. Den Kopf schief hängend, die Zunge leicht herausgestreckt, hatte er a’s auf das Papier gekratzt. Weil er dem Blatt beim Schreiben so nahe war, sah er erst als er sich wieder aufrichtete, um voller Stolz sein Werk zu betrachten, dass die a’s doch über die Linien tanzten. Anderen erging es schlechter. Er sah es am mitleidigen Gesicht des Lehrers als er die Hefte kontrollierte. Max konnte ihre Unterlegenheit spüren. Nicoles Buchstaben waren die Schönsten. Solange Max neben ihr sitzen konnte, war ihm alles egal.
Einmal, in einer Pause, erzählte sie ihm, dass sie neulich im Wald ein Krähenjunges am Wegesrand gefunden hätte. Es sei ängstlich umhergehüpft, aber nicht weggeflogen. Sie wollte es schon mitnehmen. Aber da sei ein Mann mit Hund gekommen, und hätte es ihr verboten. Hätte gesagt, dass sie es nicht anfassen dürfe, dass es krank sein könnte und sie ihm nicht helfen würde können. Er sei sehr streng gewesen. Während er dies Nicole erzählte sei das Junge immer hin und hergehüpft . Ganz ängstlich. Der Mann sei dann gegangen und sie auch. Sie ist dann aber gleich wieder zurückgegangen und habe den Vogel doch geholt. Sie wollte den Vogel gesundpflegen. Aber leider habe sie den Vogel, als sie ihn waschen wollte im Waschbecken ertränkt. Das erinnerte Max an die Fliege.
Es war nachmittags und er war allein. Seine Mutter war kurz weg. Er sollte in der Zwischenzeit seine Hausaufgaben machen. Max tat wie ihm befohlen, doch allenthalben schielte er aus seinem Fenster ob im Hof nicht schon Kinder wären. Während seine Aufgaben so nur mäßig vorangingen, ließ sich plötzlich ein dicker Brummer auf sein Heft nieder. Unmittelbar vor seinen leicht schweißigen Händen krabbelte das Tier über die Seiten. Der Fliegenpanzer schimmerte grünlich. Max war angeekelt.
Wieso hatte er das Insekt vorher nicht bemerkt? Er zog seine Hände zurück. Nun merkte er selbst wie feucht Sie waren. Die Fliege ließ sich nicht beeindrucken und fand wohl genügend von Interesse auf Maxens Heft.
Calliphoridae ahnte nichts von ihrem verängstigten Betrachter. Sie speichelte auf Maxens Heft herum und sog ihn wieder auf. So wie sie es zuvor an anderem Orte in Max Zimmer schon getan hatte. Sehr ergiebig war diese Stelle nicht und mit lautem Gebrumm hob der Schmeißer vom Heft wieder ab.
Max verjagte sich fürchterlich. Er hatte einen Moment gedacht die Fliege würde direkt auf ihn zufliegen. Am Besten gleich in seinen Mund hinein. Es war eine Mischung aus Angst und Zorn in ihm. Zorn, dass er sich nicht erklären konnte, dass ihm die Fliege Angst einjagte.
Die Fliege brummte im Zimmer herum. Sie schien wie absichtlich immer nah an seinem Kopf ihre Runden zu drehen. Instinktiv hob er abwehrend seine Hände. Es musste was geschehen. Er schnappte sich ein Buch und lauerte, dass sie sich wieder niederließ. Er musste lange warten. Dann saß Sie endlich still und strich sich mit ihren Beinchen über Facettenaugen und Hinterleib. Sie putzte sich gründlich. Max warf das Buch.
Ein vergeblicher Versuch. Der Schatten, der Luftzug. Die Fliege war lange weg als das Buch an die Wand klatschte. Max sah ein, dass diese Methode ihm keinen schnellen Erfolg bescheren würde. Er zog sich zurück und eilte ins Badezimmer. Dort standen die vielen Fläschchen und Döschen von Muttern herum. Dinge die er nicht anfassen sollte. Max griff nach einer großen Dose. Haarfestiger. So bewaffnet ging er wieder in sein Zimmer. Weder hörte noch sah er die Fliege. War sie weg? Aber wie? Er hatte die Tür hinter sich geschlossen gehabt. Kein Fenster stand offen. Die Fliege war aber nicht da. Mehr erleichtert als enttäuscht ließ er sich auf seinen Stuhl plumpsen und verfehlte die Fliege dabei nur knapp mit seinem Hintern. Da war sie! Max war sofort wieder in der Senkrechten. Kräftig drückte er auf den Knopf und verfolgte die Fliege mit dem Haarlack. Immer wieder drückte er den Knopf sekundenlang. Sein ganzer Körper war angespannt und seine Kiefer mahlten. Die Luft begann süßlich zu riechen.
Das war schon ein merkwürdiger, extrem stinkender Frosch der sie verfolgte. Überall in der Luft waren kleine Aerosole. Sie zerstörten peu a peu ihre Facettenaugen und verstopften zunehmend ihre Tracheen, aus denen sie sonst die Luft beim Fliegen presste. So wurde ihr Gebrumm dumpfer und klang bald wie ein verstopfter Motor.
Max tränten die Augen. In seiner Lunge bildete sich ein fürchterlicher Hustenreiz. Wenn es ihm schon so ging? Wie musste es dann der Fliege ergehen? Er drückte diesen Gedanken beiseite und dafür lieber noch mal kräftig auf den Knopf. Sie musste doch irgendwann sterben. Sie musste. Ihm war es zunehmend zuwider. Aber er konnte nicht aufhören.
Die Fliege hatte genug. Sie schmierte regelrecht ab. Das jähe Ende verdutzte ihn. Er verharrte und beobachtete starr wie die Fliege unter sein Bett krabbelte. Sie war also immer noch nicht tot. Er schluckte. Er konnte sie nun weder sehen noch hören. Aber er wusste genau wo sie war. Unter seinem Bett. Da konnte sie unter keinen Umständen bleiben. Vorsichtig ging er in die Knie und lugte nach dem Insekt. Sie saß regungslos da. War sie tot? Es schien so. Er traute sich jetzt erst seinem Hustenreiz nachzugeben, schaute sich um und entdeckte sein 30cm Lineal. Mit dem Lineal konnte er sie unter seinem Bett gefahrlos hervorholen.
Gedacht, getan. Er näherte sich mit dem Lineal dem Hinterleib des Insektes und gab der Fliege einen leichten Schubs. Doch statt einfach tot hervorzurollern, versuchte das verklebte Insekt noch mal zu fliehen. Es waren aber nur hilflose Kabolze die es zu Wege brachte. Sehr schnell blieb sie auf dem Rücken liegen. Das war’s für Max. Das sollte der letzte Schrecken sein, den sie ihm eingejagt hatte. Er griff nach dem Kinderbuch und presste es auf die Fliege.
Calliphoridae hatte vielleicht noch den dunklen Buchdeckel auf sich zukommen sehen.
Die Meute war schon lange weg. Sie hatten ihn einfach weiterpennen lassen. Zu schnell, zu viel Bier. Benebelt blickte er sich um. Zum Glück hatte er nicht gekotzt. Es war die Kneipe wo sie angefangen hatten, ihren Abschluss zu feiern. Nur viel später. An der Theke saßen die üblichen Verdächtigen, die er nur mit Spitznamen kannte. Schoko zum Beispiel. Den ewig Auszubildenden. War immer in einer Lehre oder Praktikum und wie es schien richtig besoffen. Er spielte irgendein Würfelspiel mit dem Koch und dem Anderen dessen Name ihm nicht einfallen wollte. Das war immerhin intelligenter als das Kümmerling-Spiel, wo sie sich die Zahlen auf dem Flaschenboden sagten und der mit der höchsten oder niedrigsten Nummer musste die Runde bezahlen. Dann wurde die Flasche zwischen die Zähne genommen und der Kopf nach hinten gekippt.
Er und die Anderen waren häufig hier gewesen. Ungern erinnerte er sich an den Abend wo er mächtig angeschossen quasi mit Anlauf seine Unschuld bei einer Mitvierzigerin verlieren wollte. Er war dankbar, dass seine Erinnerungen an seine und ihre Bemühungen Sex zu haben vom Alkohol verwaschen waren. Lass die Toten ruhen, hatte ein Freund mal zu ihm gesagt.
Schoko rempelte ihn aus seinen Erinnerungen heraus. Dabei hatte der Kerl gar nicht ihn gemeint. Er hatte nur versucht vom Barhocker aufzustehen und war dabei gegen Max gefallen. Durch ihn hindurchsehend hob Schoko entschuldigend seine Hände, brabbelte etwas und nickte einem nur ihm zugänglichem Richter zu. Dann schritt er, mit argen Schwierigkeiten die Erdrotation auszugleichen, zu den Toiletten im hinteren Teil der Kneipe. Er entschuldigte sich dabei noch ein ums andere Mal bei leeren Tischen und polterte schließlich die Treppe zu den gekachelten Räumen herunter. Koch und der Andere grinsten blöde.
Max, wieder richtig erwacht, orderte aus Langweile ein Pils. Durch Schokos Abgang war den beiden Anderen offensichtlich der Bestellrhythmus verlorengegangen und so dauerte es nicht lange und der Koch fragte ihn ob er „mitmaxen“ wolle.
Es war nicht allzu kompliziert. Max musste verdeckt würfeln, ansagen und die anderen konnten es glauben oder nicht. Wenn er gewann wurde er Bierdeckel los. Bis er keine mehr hatte. 1-1-2 das war der höchste Wurf, der Max. Und Max hatte Glück. Er warf ihn oft. Schließlich sei das ja auch sein Name und wenn er so heiße, dann müsse er den auch werfen. So gewann er Runde um Runde.
Der Andere fing dann aber auch an zu gewinnen und Max, als er die dritte Runde hintereinander bezahlen musste, fragte mit hängenden Lidern den Koch, warum der Schoko eigentlich der Schoko heiße? Der Koch und er sahen sich eine zeitlang an. Wann hatten sie den denn zum letzten Mal gesehen? Die Wirtin ließ vor Schreck ein Glas fallen, fluchte und rannte zu den Toiletten
In Max Cerebraler Würfelstube fielen die Würfel für Schoko in Zeitlupe. Die beiden Anderen begriffen schneller und stolperten der Wirtin hinterher. Er blickte zur Bar. Einem Impuls folgend, griff er sich einfach eine Flasche. „Lass die Toten ruhen“, flüsterte er in Richtung Toiletten. Den Schrei hörte er noch als er die Lokalität verließ.
Die Straße war verlassen und die Häuser dunkel. Ausgerechnet Southern Comfort, dachte er. Einen widerlich süßen Whiskey-Liquoer hatte er erwischt. Nur mit Mühe gelang es ihm das Zeugs runterzuschlucken und mit noch größerer Mühe geradeaus zu laufen. Wegen oder trotz seiner Schlangenlinien stieß er sich bald seinen Kopf an einer Laterne. Ein wenig holte es ihn in die Welt zurück.
Ihm fiel der grüne Mulleimer ins Auge, der an der Laterne hing. „Mach mit“ stand drauf. Auf dem Behälter war ein Männchen gemalt, dass seinen Abfall in die Tonne warf. Die Flasche war zwar noch halbvoll, aber seine Lust zu trinken war auf dem Nullpunkt.
Entschlossen mitzumachen, versuchte er die Flasche durch die Öffnung zu zwängen. Die Flasche war zu breit. Unschlüssig stand er vor dem Eimer. Er wollte nur noch diese Flasche entsorgen. Mußte doch möglich sein? Mit voller Wucht trat er gegen den Boden. Es schepperte heftigst. Aus den Augenwinkeln meinte er Bewegung hinter einem Fenster gesehen zu haben. Es schepperte nocheinmal und dann richtig. Der Boden des Eimers war nach dem zweiten Tritt aufgeklappt. Der Müll war auf der Straße gelandet und hinter ein paar Fenstern war Licht angegangen. Er beugte sich vornüber und legte die Flasche säuberlich auf den Haufen. Bei dieser Bewegung musste er sich leicht übergeben. Es gelang ihm aber, den größten Teil wieder herunterzuschlucken.
Die Menschen hinter den erleuchteten Fenstern waren in Bewegung. Aquarien. So sahen die Wohnungen für ihn aus. Wie Aquarien. Irgendwann würde er selbst in so einem Aquarium umherschwimmen. Und wenn nicht? Dann..., dann, so vermutete Max, würde Nicole kommen und ihn in ihrem Waschbecken ersäufen.
Nicht wissend, was mir begegnen würde, zappte ich durchs Programm, verweilte bei den Verbraucherhinweisen und dann machte es Peng. Nein Bref. Es machte Bref. Ich meinte erst mich verhört zu haben. Glaubte einer ottomäßigen Werbepersiflage aufgesessen zu sein. Aber die Buben und Mädels aus der Henkelforschung und Marketingabteilung meinten es ernst.
Dieser merkwürdige Zausel im weißen Laborkittel delektierte sich genüsslich am Produktnamen. Ein Name wie ein Verzweiflungsfurz wenn gar nichts mehr geht. Und mir gefiel er immer besser: Bref! Das ist anarchisch. Oder so subtil, dass kleingeistige Misanthropen und Toleranzverweigerer wie ich diesen Werbecoup auch in hundert Jahren nicht durchschauen würden? Egal! Ich wiederholte den Namen wohl hundertmal an diesem Abend: Bref! Stellte mir vor wie endlos mäanderndes Stehtischgefasel mit einemmal ausgebrefft werden könnte. Bref!
Erinnert mich an... wie heißt der Film mit Piccoli? Themroc? IMDB sagt :Ja, Themroc (1973).
Das ist übrigens ganz was feines, diese Filmdatenbank. Seit ich im Internet entdeckt habe, dass ich mir nur noch Bruchstücke eines Filmes merken muß, werde ich nicht mehr ganz hibbelig wenn mir nicht gleich einfällt, ob Howard Feuer oder Lynn Stallmaster für das Casting verantwortlich waren. Breff drauf. Jeder Kameramann, jeder Schauspieler, alles sofort verfügbar. Seitdem fange ich an meine bescheidene Bibliothek wegzulöschen, wegzubreffen. Warum sollte man sich in Zeiten dieser gewaltigen Online-Datenbanken noch mit diesem elenden Detailwissen belasten?
Was mich auch so elendig an diesen modernen Romanen a la Schwarm stört. Furchtbar. Bref!. Seitenweise Zitierungen aus populärwissenschaftlichen Sekundärwerken über Erderwärmung, Gentechnologie oder zusammengestumpselte Kunstgeschichte a la Brown. Würde viel lieber etwas über stochastische Dichotomie Störungen bei Eulerschen Zahlen oder Transgene Konvergenzreaktionen in der Mikrowelle erfahren. Meine schlauen Nichten, denen der Sandmann durchaus mal Ihre perversen Gedanken aus den Ventrikeln pusten sollte, unken natürlich sofort, dass Ihr Großonkel – den sie natürlich nicht brotnic2um und zum glück nicht dummwiebrotnik – danke dafür Kuh – sondern nur kurz bulbus breffen äh rufen, unken sofort -: „So’n Quatsch. transgene konvergenzdynamik gibs doch gar nicht.“ Ja, eben drum! Ihr Naseweise, Rotzlöffel und Neunmalklugen!! Warum sollte ich in einem Roman detailliertes Schulbuchwissen erfahren? Das ist Bref!
Wenngleich in meinen halbgebildeten Kreisen diese leicht stinkende Sehnsucht nach einer profunden Allgemeinbildung doch vorliegt: So mal ganz locker mediteran wie Prof. Bellavista im Treppenhaus über Philosophiegeschichte einen abschnöseln und nicht wie Dummbatz in der Ecke stehen, nur weil man noch nie was vom sokratischen Paradoxon gehört hat. Ja, Kunststück! Bref!
Und wenn ich jedes Detail wegbrefft habe und alleine mit meinem Internet bin, dann gehe ich auf www.gehirnversand.de.
Stellen Sie sich vor Sie gehen durch England und jeder dort würde ein Queue tragen. Das sind keine kultivierteren Nazis die den Baseballschläger eingetauscht haben, nein, das sind alles registrierte Spieler. Stellen Sie sich vor jeder in Deutschland und Holland, ausnahmslos, hätte sich vor die Glotze gehängt um ein Endspiel – egal worin – zu schauen. Egal was. In China waren diese Hundertmillionen nicht mal 10 %. Und das beim Snooker! Wieviel Chinesen machen Leichtathletik in Vereinen? 2008 könnte uns helfen zu lernen. Also hängt die Körbe höher. Das ist zwar gemein, aber sich ungebremst vermehren ist auch nicht fair. Wenn wir die Tischbeine des Snookertischs nur 20 cm höher schrauben würden, die Titel blieben in Europa. Wie meinen? Es gibt rein quantitativ weit mehr große Chinesen als sonstwo? Das ist schlecht. Das ist ganz schlecht. Also müssen wir Populationsgrenzen einführen. Länder mit mehr als einer Milliarde Einwohner dürfen nur ihre eigene Olympiade, Turniere ausrichten. Nein, nicht nur sondern: sogar! Großzügig. Ganz im Sine der Virgin Islands.
Ehedem war es einfacher. Da gab es zwar auch schon 1 Milliarde Chinesen aber die hatten ja nichts. Die hatten alle das gleiche Fahrrad, den gleichen Blaumann und die Mütze. Und jetzt? Wollen die alle Auto fahren! Das ist die ultimative Gefährdung meiner Spitzenposition in Ressourcen Vernichtung! Wenn nur 30% der Chinesen im Monat 50l Benzin verballern bzw. Jeder Chinese 15 l im Monat verbraucht, dann kommen wir auf die hübsche Summe von 19 500 000 000 l Benzin im Monat. 234 000 000 000 Milliarden l im Jahr. In nur 75 Jahren hätten diese Chinesen den Irak leer gefahren. Ach du Scheiße. Google-Google. Es ist sogar mehr. Weit mehr. 1,7 Barrel pro Chinese im Jahr. 159l*1,7 =270L pro Jahr=22,5 l im Monat. Hinzu kommen 0,8 Barrel pro Jahr für jeden der 900000000 Millionen Inder. Die sollten weiter Elefanten fahren. Wir sollten eine Kampagne starten: Armut ist geil, Fahrrad ist geil; Natur ist geil. Statt dessen Entwicklungshilfe damit alle so reich wie wir werden. Das ist doch Wahnsinn.
Wie?, das sei egoistisch? Natürlich. Das ist hochgradig egoistisch! Taucht doch mal auf den Grund des Mittelmeeres und zählt die Leichen und werft mir dann noch mal Egoismus vor. Wir fahren im Highspeed Tempo an die Ressourcen Grenzen. Sagenhaft. Meine Enkel, ach Söhne, Töchter, Nichten, und Neffen werden in der norddeutschen Tiefebene Bananen pflanzen und Dinge benutzen die mit allem anderen angetrieben werden aber nicht mehr mit Öl oder Benzin. Mad Max lässt grüßen. Funktioniert Fernsehen ohne Öl? Ich hab Angst. Mit Seelenruhe werden Windhosen in der Lausitz beobachtet und 6 Wochen 40 Grad Hitze ausgehalten. Süditalien ist kurz davor nördlicher Ausläufer der Sahara zu werden. Das gab’s doch nur bei den Anderen!! Das hatten wir nicht und ich will das auch nicht. Aber Alle sind so merkwürden ruhig. Gibt es einen Masterplan? Also, außer den Irak besetzen? Ist die Kernfusion etwa machbar? Haben die alle ein Ticket für einen Ersatzplaneten außer meiner einem?? Und Broti? Nee, nee der bleibt hier, der macht’s Licht aus.
Ich muß ruhig bleiben. Tief durchatmen. Ruhig bleiben.
Andererseits: Wir haben jetzt in Deutschland seit 1945, - 61 Jahren - keine riesige Katastrophe bzw. Krieg erlebt. Unsere Großmütter würden uns was husten. Dauernd gab’s was auf die Fresse. Und wenn’s mal ruhig war – so zwischen 1871 und 1914? Da fingen unsere Ahnen gleich zu maulen an: Gott, ist das langweilig und Es muß etwas passieren haben sie gestöhnt und Hurra geschrieen als Wilhelm Zwo zu den Waffen rief. Hurra! 61 Jahre Ruhe. Wenn ich meine Rente und mein Leben friedlich zu ende bringen darf, dann kommen wir auf an die Hundert Jahre Frieden. Ein Jahrhundert ohne Katastrophe? Ja, wer soll das denn glauben?? Fies ist, dass ich nix machen kann. Egal wie’s kommt. Da kann ich Schäuble gestatten, mich bis auf die Toilette überwachen zu lassen. Er wird’s auch nicht verhindern können. Was der sich einbildet? Deswegen wahrscheinlich auch die Ruhe. Du kannst nix ändern. Fährst vollrohr auf einen Baum zu. Hast aber keine Bremse geschweige denn Lenker. Wäre ja auch zu einfach. Du brauchst Langmut!. So wie diese Wachsoldaten im Kongo, die mir das Frühstücksfernsehen zeigte. Ich sehe ein deutsches Auto langsam auf drei Soldaten zufahren. Es darf passieren und keine zwanzig Meter weiter liegen zwei tote Soldaten mit anderer Uniform. Die liegen da so rum. Was denken die drei anderen Zinnsoldaten? Wahrscheinlich : Bloß weg nach Europa. Da kommt das Mittelmeer ins Spiel als natürliche Schießanlage.
Da frag mich doch einer ob ein Clash der Zivilisationen und Kulturen bevorstehe, ein Nord- Süd Konflikt drohe oder das Klima sich wandle. Dreimal Ja, verdammtnochmal. Alles schon geschehen oder mitten im Gange. Wär ich nicht Europäer, würde ich mich hassen und derjenigen Bombe applaudieren die meinen fetten Arsch zerreißt. Statt dessen, räusper, statt dessen haben diese Mitteleuropäer und Großindividualisten nichts besseres zu tun als per digitalem Stift sich an der Punze zu reiben oder ihn sich gleich in den Anus zu schieben bzw,. stecken zu lassen. Römisches Volk das! Jubilieren dabei und halten sich für Genies. Dabei wird Ihnen gleich im Labor um die Ecke der Garaus gemacht. Nicht mit Gift und Bomben. Ach was. Reduzieren unser 26 buchstabiges Alphabet auf nur Vier. Aber genug um jedem der sich einzigartig schimpft, das Rückgrat rauszudrehen. Odoakar hat die Schulen geschlossen und 1000 Jahre Finsternis folgte. Heute substrahieren wir uns einfach selbst. Oder glaubt Ihr, dass irgendjemand viel auf Eure phänotypische Einzigartigkeit hält? Der liebe Des Cartes hat ausgedient. Jedes Ich wird zum Wir. Hurra! Wir werden zu Chinesen, aber zu denen mit Blaumann und Mütze! Von überall ziehen sie an der Tischdecke unseres reich gedeckten Tisches. Wir müssen die Tischbeine verlängern.
Siebenunddreißig Grad im Schatten. Kein Furz will dieser Stadt entweichen. Schon die oberflächliche Betrachtung der Menschen ist klebrig. Will nicht über nässende, schwelende Furchen und Rinnen nachdenken, kann aber nicht ständig Werbeplakatsmenschen ansehen. Wie eklig muss ich eigentlich für die Anderen sein? Will ich das wissen? Muss an die Wellnessmenschen in den Wellnessoasen denken. Obwohl eine Innere Station im Hochsommer tags wie nächtens lang genossen und gerochen mir eigentlich nicht menschliches mehr fremd sein sollte, erschienen die Menschen mir dort von völlig anderer Art. Sehen völlig anders aus, als auf den Plakaten. Völlig. So wie ich. Aber splitterfasernackt und meistens deutlich älter. Bauchfalten gibt es: Sagenhaft. Fast erwartete ich dort nur Ken und Barbies zu erblicken, so dass ich fürchtete mich und meine Fleischsäcke nur mit schamgesenktem Haupt zu zeigen. Aber weit gefehlt. Es war wie auf einem FKK Strand wo du alles erblicken kannst, aber nichts davon sehen, geschweige denn behalten willst. Es gibt so wenig schöne Menschen. Meistens sehe ich nur Backfischspeckfalten, die sich über Hosenbünde quälen, oder taschentuchgestopfte Hühnerbrüstchen die vor spitzen Schulterknochen präsentiert werden. Zwangsläufig muss ich an den Vorteil arabischer Kluft denken. Alles wallend, die Gestalt, fast komplett auch die hässliche Visage, alles, zu- und eingehüllt. Siebenunddreißig Grad im Schatten. Was machen da eigentlich die Huren dieser Stadt? Küssen – bei Sympathie - und schmusen, französisches Vorspiel auch total am verschwitzten Unterleib – gegenseitig? - ohne Kondom, mit Körper- und Gesichtsbesamung, oder Anal oder doch gleich gegenseitig anpissen? Wie sich das anfühlen muss bei diesem Wetter und wie häufig dort die Laken und die Tücher wohl gewechselt werden? Ob die gemeine Bettwanze dorten gut entwickelt ist? Ein Treibhaus der Körpersäfte. Aber nun denke ich ja doch über die fleckigen, feuchten, nässenden oder verkrumten Körperstellen bei großer Hitze nach. Pathologisch. Pathologisch wie an diesem Samstagnachmittag auf der Lunge. Die meisten Perückenträger waren lange fort auf Wochenendurlaub vom Krebs. Der lange Flur wie ausgestorben und vor allem still. Eine Pille oder dergleichen musste verabreicht werden. Die Dame nicht gleich auffindbar. Schließlich die Toilette. Heiß und lichtdurchflutet und vor allem still. Nichts los. Doch da hockt sie ja und qualmt eine nach der anderen. Was soll Sie auch sonst machen? Froh wieder im Schwesternzimmer zu sein. Die Tür steht offen. Der Linoleumflur gähnt mich an. Weit hinten am anderen Ufer des Flures scharrt Sie noch Ihre Zigaretten. Siebenunddreißig Grad im Schatten.
Ich bin jetzt siebenundfünfzig Stunden wach. Ich werde Ihnen alles erzählen und Sie werden glauben, ich halluziniere oder sei durchgedreht. Aber es ist meine Wahrheit. Es ist das, was ich erlebt habe. Still! Ich glaube er kommt. War da nicht ein Geräusch? Ich könnte ja durch den Spion sehen? Geht nicht. Gestern habe ich die Wohnungstür komplett vernagelt. Mist. Aber es ist besser so. Es ist besser zu wissen, dass seine Schlüssel nicht ausreichen hier hereinzukommen. In meine Wohnung wird er sich nicht schleichen können. Hier nicht!
Er ist einer von der leisen, unauffälligen Sorte: älterer Herr, Schiebermütze, grauer Handwerkerkittel und – wie zum Hohn – hat er immer einen kreisch roten Werkzeugkoffer dabei. Still! Nein. Fehlalarm. Wie lange ist es her, dass ich Mr. Toolbox das erste Mal bemerkt habe? Drei Jahre? Nein. Drei Monate? Drei Wochen? Auf jeden Fall ist es länger her als dreißig Stunden.
Ich hatte am Schreibtisch in der Kanzlei gesessen und wie so oft eine Nachbarschaftsklage studiert. Es war mir zunehmend schwergefallen, mich auf die Buchstaben zu konzentrieren. Ich ertappte mich dabei, wie ich Sätze las, die nirgendwo standen. Mein Handy piepte. Der Ton riss mich aus der Versunkenheit meiner Arbeit heraus. Es war eine Erinnerung. Zwanzig Uhr. Isabel. Weihnachtsmarkt.
Bei einem Speed-Dating hatte ich Isa kennengelernt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich ihr oder den anderen Kandidatinnen erzählt hatte. Vielleicht, dass mein Ururgroßvater Schamane war und mit einem Einbaum zweihundert Jahre nach Kolumbus die alte Welt entdeckt hat? Mit Sicherheit hatte ich diese Story erzählt und Isabel musste sie geglaubt haben, denn sonst hätte sie sich nicht mit mir zu einem samstäglichen Date auf den jüngst gestarteten Weihnachtsmärkten verabredet. Dieses Date wollte ich nicht verpassen. Ich hatte mein Handy unmittelbar nach unserer Verabredung, so programmiert, dass es mich von da an, jeden Tag erinnere, dass ich ein Treffen mit Isabel auf dem Weihnachtsmarkt habe.
Da ich zerstreut bin und gerne mal mich selbst vergesse, versuchte ich mich mittels dieses elektronischen Helferleins auf Spur zu halten. Meine neunmalkluge Tante Rosa sagte immer, wenn etwas schief ging: „Und wer ist schuld?“, und bevor Friedbert, ihr Mann, oder sonst jemand antworten konnte, schloss sie selbst: „Die Schneiderfrau.“ Die sei so neugierig gewesen, führte Tantchen aus, dass sie Erbsen gestreut hat, um den fleißigen und rechtschaffenen Heinzelmännchen auf die Fährte zu kommen. Aber die hätten das gemerkt und seien danach nie wieder gekommen. Wer wolle sich auch ertappen lassen?
Nach dem kurzen Schreck, den der Erinnerungston meines Telefons ausgelöst hatte und dem Gedanken, dass ich heute, in viel zu knapper Zeit, Isabel treffen würde, beruhigte ich mich wieder. Am heutigen Tage sollte das Treffen ja gar nicht stattfinden. Trotzdem beschloss ich für heute, die Arbeit ruhen zu lassen. Kein Einspruch, keine Schrift oder Petition musste zwingend und auf dem letzten Drücker fristgerecht in den Gerichtsbriefkasten eingeworfen, kein Schreiben noch unbedingt bis morgen früh eingesprochen sein, damit meine Frau Koch aus dem Sekretariat es tippen konnte. Ich gähnte. Es war jetzt weit nach sechs und ich hatte keine Lust mehr. Für einen Moment surfte ich noch durch das Internet und verzog die Miene wegen des marktschreierischen Schreckens-, Mord- und Ekeljournalismus, den auch seriöse Zeitungen mittlerweile pflegen. Blutige Bilder, nackte Frauen, Sex and Crime und eine Portion Angst und Schrecken, das sind die Zutaten des Groschenromans und des modernen, investigativen Journalismus. Alles ist eine Katastrophe, wenn nicht der Untergang des Abendlandes. Ob die tote Frau in der Wanne, der Benzinpreis, das Fernsehen oder der nächste Terroranschlag. Widerlich. Bevor ich meinen PC herunterfuhr, las ich noch eine Mail von Frau Koch. Sie erinnerte mich, dass jemand vom Sicherheitsservice des Hauses heute wiederholt nach einem Termin gefragt hätte.
Alle im Viertel waren ein wenig nervös geworden, wegen der einen Geschichte, als ein Spezialteam ins Haus gekommen war. Ein Mieter hatte wegen eines verdächtigen Geruches Alarm geschlagen. Am Ende war es ein chemisches Schulexperiment zweier Jungen gewesen. Die vom Haussicherheitsservice sollen sich mal nicht so haben, dachte ich, sammelte meine Utensilien ein, löschte die Lichter, verließ die Kanzlei und wollte zuschließen. Ein Jugendfreund, der jetzt bei der Staatsanwaltschaft ist, hat mich schon zu Schulzeiten damit aufgezogen, dass ich ein Klöterer sei. Damit meinte er meinen Schlüsselbund, der an meinem Gürtel „herumklötere“. Ich tat und tue mich immer noch schwer, Schlüssel wegzuwerfen. Mit der Zeit ist das Bund dicker geworden. Mit der Zeit habe ich Schlüssel am Ring gefunden, deren Schloss ich längst vergessen hatte. Fahrrad? Minitresor? Computer? Dummfug? Schlüssel gibt es ja für alles und ich weiß, dass es meistens lächerliche Sicherheitsbärte sind, die man so mitschleppt. Aber wegwerfen? Könnt’ ja was sein? Während ich meine Schlüssel unschlüssig durchfingerte, schaltete die Automatik der Flurbeleuchtung das Licht wieder aus. Schlagartig war es dunkel im Treppenhaus. Im gleichen Augenblick spürte ich in meinem Rücken Schritte. Ganz leicht. Federnd. Ich bekam eine Gänsehaut. Ich hasse das Gefühl, alleine und einer unbekannten Bedrohung ausgesetzt zu sein. Das hängt mit einem Traum zusammen, den ich als Kind hatte.
Schon als Kind hatte ich einen Traum, der mir weismachte, dass ich aufgewacht sei. Damals träumte ich, dass ich wach werde und meine Kinderzimmertür aufschwingt. Ein Fremder erscheint im Rahmen und hinter ihm ist nur eine gähnende Leere. Er kommt wortlos zu mir an mein Bett. Und ohne dass ich mich wehren kann, hebt er mich heraus und trägt mich fort aus meinem Kinderzimmer.
Obwohl ich wusste, dass es ein Traum ist und mir ein Traum nichts anhaben konnte, fürchtete ich mich Nacht für Nacht. Viele Male stahl er mich aus meinem Bett und jedes Mal dachte ich, es sei endgültig vorbei. Obwohl ich meinte, laut zu schreien und meine Familie aufwachen müsste, trug er mich wortlos durch die Tür in sein schwarzes Nichts. Jedes Mal, wenn ich dann mit rasendem Herz aufwachte, setzte ich mich auf die Bettkante, stellte meine Füße auf den Boden und vergewisserte mich, dass ich noch am Leben war. Und dann ärgerte ich mich, dass der Traum immer noch Macht über mich hatte. Irgendwann, als ich mal wieder auf der Bettkante saß und mich von meinem Alb zu befreien suchte, gewahrte ich den Teppich unter meinen Fußsohlen, spürte seine Beschaffenheit, den weichen Filz, die Härchen. Es war ein spektakuläres Gefühl und es war der Schlüssel, den fremden Mann zu besiegen. Denn ich konnte mich nicht entsinnen, in meinen Träumen jemals meine Füße oder den Boden unter meinen Füßen verspürt zu haben.
In der nächsten Nacht, als ich wieder wach wurde, die Tür zu meinem Zimmer aufschwang, er in der Tür erschien und langsam auf mich zukam, dachte ich nur an eines: „Wenn du wirklich wach bist, dann stell deine Füße auf den Boden und spüre die Realität. Wenn du wach bist, wird er verschwinden.“ Aber er kam auf mich zu.„Stell sie auf den Boden“, schrie ich mich im Traum an, „Stell sie hin!“ Vollkommen unbeeindruckt, wie in den Nächten zuvor, kam er immer näher. Ich hatte das Gefühl, als würde ich wild strampeln und meine Beine durch die Luft wirbeln und meine Decke abwerfen. Alle meine Bewegungen waren vollkommen unkontrolliert, aber es gab einen Willen und einen Plan, sich dem Schrecken zu entziehen: „Bring sie auf den Boden!“
Als er mein Bett fast erreicht hatte, war es mir endlich gelungen, meine Beine aus dem Bett zu wuchten. Ich spürte den Boden unter meinen Sohlen, spürte das Kratzen des Flors und dann machte ich meine Augen auf. Ich saß halb aufrecht im Bett, die Decke lag am Boden, mein Herz schlug wie wild aber er war verschwunden. Ich hatte wieder die Kontrolle und war wach. Nie wieder schaffte er es, mich aus dem Bett zu holen. Jedes Mal war ich schneller und am Ende so routiniert, dass er allen Schrecken verlor und nie wieder in der Tür erschienen war. Trotzdem blieb dieser Alb immer in meiner Erinnerung und sorgte wahrscheinlich mit dafür, dass ich den Schrecken vor der Dunkelheit, die Gänsehaut beim Betreten eines muffigen Kellers immer behalten habe. Die kindliche Angst, seine Welt mit einem Schlag ans Irrationale verlieren zu können, ist mir bis heute erhalten geblieben.
Weshalb ich auch an dem Abend unfähig gewesen war, mich zu bewegen. Steif wie ein Brett stand ich zitternd vor der Kanzleitür. Ich wagte es nicht zu atmen und spürte, wie der Mann den Treppenabsatz erreichte. Ich spürte seine Körperlichkeit und betete, dass er weiter gehen möge. Dann machte es „Klack!“ und das Licht ging wieder an. „Viel besser! Im Hellen ist es angenehmer und im Dunklen finden Sie den Schlüssel sowieso nicht. Das ist übrigens ein beachtliches Bund, das Sie da tragen.“ Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Die Stimme war warm, freundlich und sie hatte Witz. Von dieser Stimme hätte ich mich sofort in den Schlaf singen lassen. Trotzdem blieb mein Unbehagen und ich stotterte irgendwas zur Antwort. Offensichtlich war ich immer noch im Bann meiner Angst und hatte keine Kontrolle über meinen Körper. „Darf ich mal sehen?“, fragte er und sah mich aus stahlblauen Augen an, die unter seiner Schiebermütze hervorblitzten, und ich musste zweimal schauen, damit ich mich versicherte, dass er nicht der bekannte Schauspieler Armin Müller Stahl war. Er war es nicht. Aber er hätte es sein können.
„Zeissikon H007“, sagte er nach einem kurzen Blick auf das Türschloss und zog fast gleichzeitig aus meinem Bund den richtigen Schlüssel heraus. „Das ist der Richtige.“ „Danke“, antwortete ich und fragte spontan: „Wer sind Sie?“ „Ich? Oh. Hier ist meine Karte. Ich muss weiter“, antwortete er leicht irritiert, steckte mir zum H007 Schlüssel seine Karte zwischen die Finger, drehte ab und mit einem „Klack“ ging das Licht wieder aus. Seinen Schritten nachlauschend blieb ich unentschlossen stehen. Dann erst tatschte ich nach dem Lichtknopf. Als das Licht wieder an war, besah ich die Karte. Sie war wirkte merkwürdig. Ich las: „Haben Sie Angst? Dann rufen Sie mich an.“ Darunter stand eine Telefonnummer. „Albern“, dachte ich noch und beschloss wachsam zu bleiben. Ich bin Anwalt, trage Verantwortung, denn mein Beruf funktioniert nur, wenn die Regeln nicht beliebig sind. Mein Freund von der Staatsanwaltschaft hat es während unseres gemeinsamen Studiums so formuliert: „Wir tragen zwar keine Pistolen, aber dafür tragen wir Paragrafen – wir sind Lawman.“ Dabei hatte er mich angezwinkert und spielte auf die Western an, die wir beide uns als Kind so gerne angesehen hatten. Die Rollenverteilung in den Western gefiel uns damals. Der Mann mit dem schwarzen Hut war der Böse, der mit dem Weißen, der Gute. Die Zeiten haben sich geändert. Aber einfach so mit Kennerblick für Schlüssel und einer idiotischen Karte in fremden Häusern herumzuspazieren, finde ich nicht seriös.
Noch in der U-Bahn, eingezwängt zwischen Zeitungslesern, die mit dem Format ihrer Seiten sichtlich Mühe hatten, begann ich, mein Handy mit den vordringlichsten Aufgaben zu füttern: Türschloss gegen alle Wahrscheinlichkeit einer Kompromittierung wechseln, die Telefonnummer auf der Karte des Toolbox-Mannes prüfen, meinen Freund von der Staatsanwaltschaft und die anderen Mieter von meinem Erlebnis in Kenntnis setzen, notierte ich eifrig. Ich war so beschäftigt mit dieser Aufgabenliste, dass ich fast meine Haltestelle verpasst hätte. Dank einer Dame und ihres fast unhöflichen Eingreifens schaffte ich es gerade noch, rechtzeitig auszusteigen. Ihr Gesicht kannte ich, weil ich ihr häufig früh oder abends auf meiner Linie begegnete. „Sieh an“, dachte ich, „Dann bin ich ihr also auch aufgefallen.“ Soziale Kontrolle ist so selten geworden, dass es auffällt.
Still! Er kommt. Ich höre doch was? Oder nicht? Ruhig bleiben. Nicht durchdrehen. Nicht hinter jedem Knacken ein Genick vermuten. Aber warum habe ich am nächsten Morgen nichts von dem getan, was ich mir vorgenommen hatte? Wieso habe ich weder Nachbarn noch die Polizei informiert? Noch nicht mal das Schloss hatte ich wechseln lassen. Idiotischerweise habe ich die Telefonnummer von seiner Karte kontrolliert. Quatsch – kontrolliert habe ich gar nichts. Angerufen habe ich. Mehrmals. Am Tag danach und später auch noch. Immer war ein Anrufbeantworter dran: „Leider ist unser Team zurzeit vollkommen ausgelastet. Bitte hinterlassen sie nach dem Signalton eine Nachricht. Einer unserer Service Mitarbeiter wird sich in kürzester Zeit mit ihnen in Verbindung setzen.“ Und als ich bereit war, eine Nachricht zu hinterlassen, schaltete sich das Gerät mit dem Hinweis ab, das „die maximale Aufnahmelänge erreicht sei.“
Seit dem Tag der Begegnung fiel mir der Schiebermützenmann und sein roter Werkzeugkoffer immer häufiger auf. Quasi im Stundentakt. Wenn ich, um mich vom Aktenstudium zu entspannen, aus dem Fenster auf die Straße blickte, wen sah ich? Eine Schiebermütze und einen roten Koffer, der in einem Hauseingang verschwand. Wenn ich eine vor Ort Besichtigung hatte, wegen irgendeiner verblödeten Nachbarschaftskrise, wen sah ich? Den Mann mit dem Koffer. Wenn ich einfach noch mal abends zum Supermarkt ging, wer kreuzte meinen Weg und verschwand wie ein Zauberer in irgendeinem Hausflur? Wen sah ich im Lokalfernsehen? Natürlich nicht als Protagonisten. Aber dafür spazierte er ganz ungeniert im Bildhintergrund herum. Er ging ein und er ging aus und niemand hinderte ihn daran oder schien ihn auch nur zu bemerken. Und immer wenn ich ihn sah, fütterte ich mein Handy mit weiteren Erinnerungen, dass ich etwas unternehmen müsse.
An einem der nächsten Tage, als ich wie gewohnt Punkt Sieben die U-Bahn bestiegen hatte, bemerkte ich, dass die Dame, die mich kürzlich davor bewahrt hatte, meinen Ausstieg zu verpassen, ungewohnterweise nicht da war. Stattdessen saß er mir gegenüber. Ich ließ mir nichts anmerken und beobachtete ihn verstohlen. So gut es eben ging, denn weder links noch rechts von mir lasen andere Passagiere in überdimensionalen Zeitungen. Wie gerne hätte ich über manch Balkenüberschrift ganz unschuldig zu ihm hinüber hinweggespitzt. Aber ich tat mein Bestes und auch er ließ sich nichts anmerken. So fuhren wir von Station zu Station. Ich zuckte nicht, als meine Station angesagt, erreicht und wieder verlassen wurde. Jetzt wollte ich wissen, wo er aussteigt, was er macht und wo er bleibt. Als er endlich ausstieg, folgte ich ihm so geschickt und unauffällig wie möglich. Wir waren in einem Viertel, in dem ein Block neben dem Anderen stand. Arbeiterregale wurden diese Schuppen auch genannt. Gut, dass mein Handy auch ein Fotoapparat ist. Ich fotografierte, wie er in einem Hauseingang verschwand. Dann stand ich vor dem Zwanziggeschosser, in dem er verschwunden war.
Ich blieb inmitten eines Wohnparks umringt von Wohnungsriesen stehen, wartete und fühlte mich zunehmend unwohl. Mit Hut, Mantel und Tasche, so wie ich mich am Morgen für die Kanzlei zurechtgemacht hatte, stand ich da und starrte auf den Eingang, durch den er verschwunden war. Natürlich vermutete ich, dass mich die Passanten misstrauisch beäugten. Das ist normal und heutzutage, wo ein vergessener Koffer Panik auslöst, all zu verständlich. Aber je länger er wegblieb, um so nervöser und unwohler fühlte ich mich. Nach einer gefühlten Viertelstunde zog ich die Krempe tiefer ins Gesicht und marschierte kurz entschlossen auf den Eingang zu. Mein Herz und mein Puls rasten. Dieses Gefühl war nicht nur unangenehm. Es war auch berauschend. Es war Adrenalin. „Was wäre, wenn?“, hämmerte es durch meinen Kopf. Als ich das von Klingelknöpfen und Namen übersäte Feld betrachtete und einen Weg suchte in das Haus hineinzukommen. „Irgendwo klingeln“, dachte ich, „irgendwo“. Ich drückte das Schild von I.Godard. Ich wartete. Sollte ich meine ganze Hand auf das Brett pressen? Ich sah mich um. Eine Frau schien sich, dem Eingang zu nähern und für einen Moment dachte ich, dass ich sie kenne. Ich spürte in den Achseln, wie ich schwitzte. Kurzerhand drückte ich mit der Handfläche eine Batterie von Knöpfen und fast zeitgleich ging der Summer.
Erleichtert atmete ich im Foyer durch. Dann wurde mir bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, wohin der Mann mit der Mütze verschwunden sein könnte und was ich machen sollte. Das Haus hatte zwar nur einen Eingang, aber etliche Etagen und noch mehr Türen. Hilflos stand ich da. Ich befürchtete, dass die Frau, die ich draußen bemerkt hatte, jeden Moment ins Foyer kommen könnte. Da sah ich, dass ich vor einem Fahrstuhl stand, der mir anzeigte, in welcher Etage, er zuletzt gehalten hatte. Der Lift erinnerte mich an Art Deco Selbstfahrer, die ich sonst nur in Filmen gesehen hatte. Die Schiebetüren waren verziert mit mehreren Halbbögen, die aufeinander aufbauten. Die Intarsien innerhalb der Bögen waren symmetrisch und in abwechselnden Schattierungen angeordnet. Über dem Rahmen waren in einem Halbkreis die Stockwerke in glänzenden Zahlen angebracht. Der goldene Etagenstandzeiger stand auf der Dreizehn. So erleichtert ich war, dass ich einen Anhaltspunkt für meine Suche gefunden hatte, um so nervöser wurde ich, als ich feststellte, dass der Knopf, den Fahrstuhl zu rufen, fehlte. Stattdessen sah ich neben der Tür nur ein Schlüsselloch und darüber eine dunkle Lichtanzeige, die bei Aktivierung ein „Fahrstuhl kommt“ signalisieren würde. Das kannte ich von Altbauten und nicht von modernen Wohnhäusern. Nur die Mieter bekommen einen Schlüssel für den Fahrstuhl und können ihn aktivieren. Aber ich bin ein Klöterer. Ich sah auf das Schloss, auf meinen Bund und der von mir ausgesuchte Schlüssel passte sofort. “Fahrstuhl kommt“ leuchtete in rötlichen Buchstaben auf und der große Zeiger auf der Dreizehn schob sich Nummer für Nummer nach unten. Als der Zeiger die Drei erreicht hatte, spürte ich ein Kribbeln auf meinem Rücken, und als der Zeiger die Eins fast erreicht hatte, hörte ich, wie sich ein Schlüssel in der Haustür drehte. Das kann nur die Frau sein, die ich glaubte, zu kennen. Auf einen möglicherweise peinlichen, gar kompromittierenden Moment, a la „Sie hier?“, hatte ich keine Lust. Ich konnte es kaum erwarten, bis der Zeiger die Null erreicht hatte. Als sich die Türen aufschoben, ich Gelegenheit hatte zu verschwinden, hoffte ich, dass sich die Türen wieder schlossen, bevor ich mich zu erkennen geben müsste.
Mit einem PING kam ich im Dreizehnten an. Die Tür glitt auf und eigentlich hatte ich erwartet, dass der Mann mit der roten Box vor mir stehen würde, stattdessen, war alles ruhig. Ich schritt heraus und links und rechts von mir erstreckte sich ein grauweiß gestrichener Schlauch, der sich, starrte ich lang genug hin, sich endlos in die eine wie die andere Richtung zog. Was machte ich hier? Ich fragte mich, ob ich durchgeknallt sei. Dann hörte ich plötzlich, wie ein Schloss einer Wohnung entriegelt wurde und mein Handy klingelte.
Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe, den Klingelton zu unterdrücken und mich selbst in einem Türrahmen zu verbergen. Verzweifelt versuchte ich meinen Atem zu unterdrücken und sah abwechselnd auf das stumm blinkende Display in meiner Manteltasche, wo anklagend Büro blinkte und in den Wohnungstrakt, in dem er auf einmal stand. Gewissenhaft verschloss er die Wohnungstür, aus der er getreten war, richtete seinen Kittel und ging mit starrem Blick in meine Richtung. Sein Schatten zog an mir vorüber. Was wäre, wenn jetzt der Mieter, in dessen Rahmen ich klebte, hinter meinem Rücken die Tür aufzöge? Was wäre, wenn der Mützenmann sich umdrehte? Immerhin, er hatte mich nicht bemerkt. Wie aufgezogen und mit Tunnelblick war er an mir vorbeigegangen und routiniert wartete er auf den Selbstfahrer. „PING“ machte es und die Fahrstuhltür glitt auf. Er schritt in die Kabine und drückte eine Taste. Jeder normale Mensch dreht sich spätestens jetzt um und schaut wieder zurück. Ich befürchtete natürlich, dass er mich dann sehen könnte, und überlegte, in die Knie zu gehen; oder mein Versteck zu verlassen und in einen toten Winkel zu fliehen. Aber er rührte sich nicht und hielt sein Gesicht stur zur Kabinenwand gerichtet. Meine Intuition versicherte mir: Der dreht sich nicht mehr um. Und richtig: Die Tür glitt zu, ohne, dass er auch nur gezuckt hätte. Beinahe hätte ich mir kurz zuvor in die Hose gemacht und nun dachte ich schon wieder an den Maler Magritte und seine Spiegelbilder. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte hysterisch losgelacht, aber ich hatte meine Nerven im Griff. Nun, da ich wusste, dass er weg war, löste ich mich aus dem Rahmen und ging zur Tür aus der er gekommen, um mir zu notieren, bei wem er gewesen war.
Godard stand auf dem Klingelknopf. Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle. Dieser Name war mir unten aufgefallen, diese Klingel hatte ich gedrückt. Hatte er mir aufgemacht? Wahrscheinlich. Deshalb hatte er sich auch nicht im Fahrstuhl umgedreht. Er wusste ganz genau, schon seit der U-Bahn, dass ich ihm gefolgt war, wusste, als es bei Godard klingelte, dass ich es sein musste, wartete ab, lauschte, bis er die Klingeln nebenan hörte und dann erst öffnete er mir die Haustür. Und hier im Flur tat er so, als sei ich gar nicht da. Er drehte mir demonstrativ den Rücken zu und lachte mir dennoch ins Gesicht. Raffiniert.
Während ich mir Namen und Uhrzeit der von ihm Besuchten in mein Handy programmierte, funkte mir leider wieder mein Büro mit einem Anruf dazwischen. Mist. Ich nahm den Anruf entgegen. Es war Frau Koch, die fragte, wo ich bliebe. Im Fall Mann gegen Heinzel liefen Fristen aus. Das stimmte. Ich sah auf die Uhr. Fast elf. Es würde Mittag vorbei sein, wenn ich im Büro einträfe. Mein Abenteuer am Vormittag hatte länger gedauert, als ich es gedacht hatte und meine Pflichten es vertrugen. Trotz des Stresses und meiner Beschwichtigungs- und Erklärungsversuche gegenüber Frau Koch musste ich, während ich mit ihr sprach, fast zwanghaft an die Peanuts Zeichentrickfolgen im Fernsehen denken. Immer wenn bei den Peanuts die Erwachsenen auftreten, die man nie sieht, ertönen tiefe, lautmalerische Töne, die keinen Sinn, aber eindeutig Respekt einflößend genug sind, um die kleinen Nüsse wieder in die Spur zu bringen. Wenn man solche Dinge reflektiert, wird es einfacher zu gehorchen? Ich weiß es nicht. Jedenfalls sputete ich mich und versuchte auf dem Weg ins Büro nicht darauf zu achten, ob ich irgendwo den Toolbox Mann sehen würde. Ich sah ihn, aber ignorierte ihn.
Wenn ich mir heute alles wieder durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, warum ich nicht schon früher meinen Freund ins Vertrauen gezogen habe? Warum ich nicht bei I.Godard geklopft, geklingelt oder angerufen habe? Warum ich nicht bei meinem Lokalsender angerufen habe und den Aufnahmeleiter gefragt, ob er den komischen Typen mit dem roten Werkzeugkoffer bemerkt hätte? Gar nicht zu reden von den Mietern, die oberhalb der Kanzlei wohnen.
Es mussten wieder zwei, drei Tage nach der Begegnung in dem anonymen Hochhaus und etliche weitere zufällige Begegnungen mit dem Fremden verstrichen sein, als ich mich endlich dazu aufraffen konnte, meinen Freund von der Staatsanwaltschaft aufzusuchen. Es war ein spontaner Entschluss. Ich hatte für einen anderen Fall recherchiert und stolperte im Internet über Schlagzeilen wie Terror, Mord und Totschlag. Es war höchste Zeit, um Rat und Aufklärung zu bitten und ich ärgerte mich, dass ich solange damit gewartet und versucht hatte, hinter ein Geheimnis zu kommen, dass zu lösen nicht meine Aufgabe war. Ich hatte genug andere Akten, die ich wälzen musste. Es war zwar schon spät, aber wenn ich mich sputete, würde ich es noch vor Dienstschluss bis zu seinem Amt schaffen können. Die Straßen waren voller Hektik wegen des nahenden Feierabends. Eine Bahn, die proppenvoll war, fuhr genau vor meiner Nase weg und ich überlegte, ob ich es vielleicht mit einem Taxi versuchen sollte. Aber der Takt der Bahnen war kurz. Die Nächste erschien wenige Minuten später. Sie war ähnlich voll. Irgendwie quetschte ich mich hinein. Mir fiel die Uniformität der Bürger auf. Mantel, Hut, schlichtes Kostüm. Fast alle hatten Knöpfe im Ohr und ließen sich bedudeln. Die Musik schien sie, in eine andere Welt zu tauchen. Ich, der ich das Rauschen, Brummen, Atmen und Sirren hörte, fühlte mich ausgesetzt, aber wirklichkeitsbezogener als die Anderen, die sich mit Musik die Welt erträglich machten. Nur wer den größeren Nutzen hatte oder glücklicher war, wusste ich auch nicht.
Als der Amtsgerichtsplatz erreicht war, musste ich die Schultern der Männer in ihren Trenchcoats fast gewaltsam auseinanderdrücken, um mich durch die Schiebetür auf den Bahnsteig zu zwängen. Fast gleichgültig ließen sie es mit sich geschehen. Vielleicht hätten sie erst aufgemerkt, wenn ich ihnen den Stöpsel aus den Ohren gezogen hätte? Die Zeit drängte, denn schon blinkten über den Türen, die Lampen, die zur unmittelbar bevorstehenden Abfahrt mahnten. Panisch schubste ich einen zusteigenden Passagier, der sich mitten im Weg befand, zur Seite, um nicht von den Türen eingequetscht und möglicherweise bis zum nächsten Bahnhof geschleift zu werden. Erst als ich auf dem Bahnsteig stand, drehte ich mich um, und erkannte, wen ich weggeschubst hatte. Es war Mr. Toolbox. Obwohl die Bahn sich in Bewegung setzte und sich sein Bild sich schnell verlor, war ich mir sicher, dass er mich unter dem Schirm seiner Mütze beobachtete und einen Schlüssel demonstrativ vor sein Gesicht hielt. Der Schlüssel erschien mir bekannt. Ich schluckte trocken und befürchtete, dass er bei dem unfreiwilligen Zusammenstoß, die Gelegenheit genutzt hatte, um mir meinen Schlüssel zu entwenden. Mit zitternden Händen zählte und befühlte ich die Bärte und beruhigte mich erst wieder, als ich den Zeissikon H007 in meiner Hand hielt. „Warum hätte er ihn stehlen sollen“, schalt ich mich, „wenn er doch eh Zugang zu den Häusern hatte?“ Dieser Gedanke erinnerte mich an mein eigentliches Ziel: meinen Freund.
Ich hetzte die Stufen nach oben ans Licht. Ans Licht? Es war dunkel geworden. Matschig und dreckig war es in dieser Stadt ohnehin. Ich dachte in diesem Augenblick, ob ich nicht alles an den Nagel und mich nur noch meinem Hobby der Fotografie weit fort von hier in Feuerland oder Patagonien hingeben sollte? Was hatte ich hier verloren? Broterwerb nach Brago? Was scherte mich der Quark den Nachbarn sich gegenseitig unter die Nase hielten? Immerhin, vielleicht würde das Treffen mit Isabel Licht in mein Leben bringen? Aber das war jetzt nicht das Thema und ich musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass die Behörde die Pforten schloss und die Lawmänner nach Hause strömten. Sie sahen alle gleich aus in ihren hellen Mänteln und breitkrempigen Kopfbedeckungen. Wie ein verirrter Junge, der seinen Papa sucht, vergriff ich mich mal an jener, mal an dieser Schulter und musste mich für die zahlreichen Verwechselungen entschuldigen. Sollte ich ihnen die Hüte vom Kopf schlagen? Plötzlich hörte ich die Stimme meines Freundes. Seine Stimme sprach von einem Mord, einer Frau, die in einer Wohnung eines Hochhauses tot in der Badewanne aufgefunden worden war, dann, abgelenkt durch eine Zwischenfrage von einer Überwachung, einer Zelle, deren Gefährlichkeit noch schlecht einzuschätzen sei, dann wieder von der schönen Toten. Ich wühlte mich durch die vielen hellen Mäntel immer seiner Stimme nach. Endlich erreichte ich ihn, aber leider erst, als die Meute die Bahnsteigkante erreicht hatte.
Mein Freund erkannte mich nicht gleich und war verständlicherweise überrascht, mich zu sehen. Aber kaum das wir uns begrüßt hatten, blinkte an der Tafel ein stilisiertes Bild einer Bahn und kündigte deren Kommen an. Es blieb mir nur Zeit, ihm meine Beobachtungen in knapper Form zuzurufen und um Nachprüfung der Telefonnummer zu bitten. Als sich die Türen der Bahn schlossen, schaffte ich es gerade noch, die Visitenkarte des Werkzeugkoffermanns, zu ihm durchzustecken. Er rief mir durch die geschlossenen Türen zu, dass er sich darum kümmern und sich bei mir melden würde, sobald er etwas wüsste.
Jetzt habe ich jedes Loch in meiner Wohnung zugenagelt und welche Chancen habe ich? Vermutlich keine. Wie viele Fertiggerichte habe ich? Mehr als genug. Mehr als ich aufbrauchen könnte. Kaffee? Soviel, dass meine Hände jetzt schon zittern und ich habe einen Lid Tic. Wenn ich einschlafe, wird er kommen. Das habe ich erlebt; das weiß ich. Ich werde ihn im Schlaf nicht aufhalten können. Im Gegenteil. Keine Ahnung, warum ich jetzt an meinen Onkel „Friedbert der Flieger“ denken muss. Ausgerechnet „Friedbert der Flieger“. Immer kujoniert von seiner Frau, meiner Tante Rosa, aber begehrt von seinen Neffen. Friedbert war Diabetiker. Der einzige Verwandte, dem wir Kinder Süßigkeiten zustecken konnten.
II.
Als Kind war ich häufig bei Friedbert und Rosa zu Besuch. Mein Onkel, der Segelflieger, genoss es, an seiner Zigarre zu knöseln und mir Dreikäsehoch von seinen Abenteuern zu erzählen. Währenddessen lief auch immer der Fernseher. Friedbert und Rosa hatten schon früh Farbfernsehen und ich genoss die bunten Bilder und die Abenteuer meines Onkels. Sein Flugabenteuer vom „Diamanten“, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Er sei einen Diamanten geflogen, davon hatte er mir am Liebsten erzählt. Das Abenteuer begann in Neuchâtel oder in irgendeinem anderen Schweizer Kaff zwischen den Schweizer und französischen Alpen. Dort hätten sie ihn hochgezogen. Hoch und höher und ein Wetter, Kleiner, ein Wetter, sei das gewesen, dass er jeden Millimeter Erde unter ihm gestochen scharf gesehen hätte. Als sie ihn ausgeklinkt hatten, hätte er sich wie ein Gott gefühlt. Da oben schwebe man über allem. Niemand könne dich dort erreichen. Das sei besser, als tauchen. Und die Kulisse, die Alpen, der Fels, Kleiner, das drehe einem den letzten Rest an Verstand heraus und er hätte, Aufwind um Aufwind, Welle um Welle, gesucht und sich weiter hinaufgeschraubt. Normal seien dreitausend Meter Höhe, aber er war schon auf viertausend Meter und stieg noch, als er die Wolkentürme von West wie Ost bemerkt hätte. Zwei Fronten, eine dunkler als die andere. Es hieß zwar, dass niemand zwischen zwei Gewittersysteme geraten könne, aber ihm sei es passiert und er wusste, dass es seinen Segelflieger wie Papier zusammengeknüllt hätte, wenn er zwischen den Wolkentürmen bleiben würde. Der friedliche Ausschnitt unter seinen Füßen, mit den saftigen, grünen Almen und den schneebedeckten Gipfeln hätte mit einem Mal fremd und unwirklich gewirkt. „Da, Kleiner, hat Dein Onkel gedacht, dass sein letztes Stündlein geschlagen hätte. Aus! Aus und vorbei!“, rief Friedbert mit geharzter Stimme und klatschte in die Hände, als seien seine Pranken, die Wetterfronten, zwischen denen er gefangen gewesen sei. Nachdem seine Pranken zusammengeklatscht waren, schwieg er, sog an seinem Zigarrenstumpen, wuschelte mit seinen nikotingelben Fingern über mein Haupt, sog am Stumpen und schwieg wieder. Endlich sagte er: „Aus wäre es gewesen, Junge. Für immer. Aber zwischen den Türmen, zwischen den Fronten, gab es einen Schacht. Du musst Dir das, wie einen Schornstein vorstellen. Der Aufwind, der dort herrscht, ist mörderisch.“ Ich war ein kleiner Junge, als ich Onkels Fliegergeschichten zu Ohren bekam und ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob ich die Geschichten von Friedbert dem Flieger richtig verstanden hatte.
Das Wochenende mit Isabel stand bevor. Es war Freitag und der Freitag war störungs- und irritierungsfrei verlaufen. Rote Koffer hatte ich nicht gesehen. Nach der Arbeitsroutine, für dich ich sehr dankbar war, beschloss ich, den Treffpunkt, den ich für morgen mit Isabel vereinbart hatte, schon heute, in Augenschein zu nehmen. Es könne nicht schaden, sagte ich mir, den Markt zu kennen, um Isabel weltmännisch zu den interessanten Ständen führen zu können. So machte ich mich nach Dienstschluss zum Diogenesmarkt auf, wo jedes Jahr der Weihnachtsmarkt stattfindet. Als ich auf die Bahn wartete, bemerkte ich, wie sich der Bahnsteig mit einem Schwall roter Mäntel füllte. Wo hin ich auch sah, sah ich rot. Rote Kapuzen und rote Mäntel. Schließlich saß ich in einem Waggon, in dem außer mir, sonst nur Weihnachtsmänner in ihren roten Kostümen saßen. Es stellte sich heraus, dass diese Kostümierung für einen Rekordversuch veranstaltet worden war. Tausende Weihnachtsmänner sollten sich vor der Tonne des Diogenes einfinden, und einen alten Weihnachtsmannrekord auslöschen. So zumindest verstand ich die Dialogfetzen, die mir während der Fahrt ans Ohr drangen. Am Ende stieg ich mit einer Kompanie Weihnachtsmännern im Schlepptau aus.
Der Diogenesplatz ist groß. Der Platz ist bei Licht betrachtet eine Wüste aus Asphalt und Beton. Wenn man ihn zur Weihnachtszeit nicht mit Buden und Schaustellerattraktionen aller Art zugepflastert hätte, obendrein das größte mobile Riesenrad der Welt und die größte Tanne Mitteleuropas ins Zentrum des Platzes gestellt hätte, alle Besucher hätten sich vor Einsamkeit geschüttelt. Zur Weihnachtszeit war der leere Charakter des Platzes mit bunten Blinklichtern, Maronen-, Glühwein- und Knoblauchdüften, Gesängen und warmen Wünschen nebst grellen Schaubuden übertüncht worden. Ein totes Gesicht, das mit rotem Lippenstift grell überschminkt ist. Selbst die Tonne des Diogenes, sonst berührend und still wie das Innere eines Kirchenschiffes, war nur noch bunt und laut.
Ich machte mich daran, den Markt zu erkunden. Mittlerweile hatte ich mich an die roten Mäntel, die sich blutstropfengleich um mich scharten gewöhnt, und nahm sie kaum noch wahr. In dieser Traube von Nikoläusen trödelte ich um den Markt und inspizierte die Waren. Immer in der Hoffnung, einen exquisiten Stand zu entdecken, der mir Isabels Respekt einbringen könnte. Am Deutlichsten blieb mir der Stand von den Grimms im Gedächtnis, die aus jedem zugerufenen Wort, Allegorien aus Büroklammern und Alltäglichkeiten zusammenschweißen und in einer Nussschale präsentieren konnten. Die Brüder forderten mich auf, sie mit einem Wort zu füttern. Sie schmeichelten mir, dass ich ganz offenkundig ein Mann des Wortes sei. Sie gaben erst Ruhe, als ich Ihnen nachgab und ihnen das Wort „Paragraf.“ zurief. Sie waren entzückt und schnell war das § Zeichen aus Bürodraht geformt. Dann bastelten sie noch einen Galgenbaum und erhängten mein Zeichen. „Nicht originell, aber knallig“, dachte ich, als ich das in einer Walnussschale präsentierte Ensemble in Empfang nehmen wollte. Aber statt des Kunststücks bekam ich mit einem Mal einen Ellenbogen von hinten in die Seite gedroschen. Mir blieb der Atem weg, ich drehte mich um und sah noch, wie ein Weihnachtsmann Fersengeld gab. Offensichtlich war ich in seinen Fluchtweg geraten. Bevor ich, halbwegs zu Atem gekommen, Verwünschungen hinterher rufen konnte, zerrte mich plötzlich einer der Grimms weg und schmiss mich zu Boden. Eine ganze Meute von Weihnachtsmännern, die Befehle brüllten und Handfeuerwaffen im Anschlag hielten, stieb wie eine Bisonherde über das Pflaster. Wäre ich stehen geblieben, die Herde hätte mich totgetrampelt. Als die rot kostümierte Stampede vorbei war, riss ich mich leicht benommen vom Bruder Grimm los und stolperte der Meute hinterher. Heute weiß ich, dass er mich gerettet hat. Damals wollte ich weg und lieber wissen, welche Seltsamkeit es mit diesen Nikoläusen auf sich hatte. Die Verfolger riefen „Stopp!“, „Polizei!“ aber es fielen keine Schüsse. Der Flüchtende wurde schließlich geschnappt. Als ich den Ort der Festnahme erreicht hatte, konnte ich erkennen, wie ein am Boden liegender Weihnachtsmann, umringt von einem Pulk aus roten Mänteln, mit Baseballschlägern malträtiert wurde. Fast wäre ich nach vorne gestürzt, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Aber zwischenzeitlich hatten einige aus der Weihnachtsmanntraube ihre roten Mäntel fallen gelassen und darunter kamen grüne Polizeijacken zum Vorschein. Alle hatten auf dem Rücken Dreiecke, Quadrate oder andere Swastika aus reflektierendem Material aufgeklebt bekommen; vermutlich zur Kennzeichnung der Teamzugehörigkeit. Erst später fiel mir ein, wie seltsam eine Kennzeichnung ist, die unter einem Mantel verborgen bleibt.
Trotz der Polizeiuniformen und dem Gefühl, viel zu tief in einen Strudel der Gewalt hineingeraten zu sein und obwohl ich meinem Instinkt Reißaus zu nehmen, kaum noch zu beherrschen vermochte, zückte ich meine Handykamera und versuchte, die planlose Gewalt der Gesetzeshüter einzufangen. Es war schier unmöglich, hinter der Mauer aus Beinen und Stiefeln, das am Boden liegende Opfer zu fokussieren. Der Atem stand, die uniformierten Männer lachten hässlich, ich hörte dumpfe Schläge, das Bild im Display war körnig verwackelt und ich dachte, in einen Albtraum geraten zu sein. Zunehmend aufgeregter fotografierte ich schließlich alles, was mir vor die Linse kam, und achtete nicht mehr auf den Ausschnitt. Es machte ein-, zweimal das verräterische Ratschgeräusch eines Kameraverschlusses und die Aufmerksamkeit der Meute schwappte abrupt zu mir rüber. Auf einmal sah ich die aggressive Fratze eines kurz geschorenen Ordnungshüters im Sucher. Sein Gesicht hatte trotz oder wegen der Kälte die Färbung eines Pavianhinterns und ich hatte das Gefühl, als sei ich in ein Raubtiergehege eingedrungen. Ich überlegte nicht mehr und nahm meine Beine in die Hand. Was zu viel war, war zu viel. Ich rannte wie der Teufel. Der Diogenesmarkt verzerrte sich so, als hätte ich auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Adrenalin durchströmte meinen Körper und ich lief, wie ich glaubte, nie zuvor gelaufen zu sein. Es war ein Rausch. Ausgelöst durch die Angst, meine Existenz zu verlieren. Existenz? Was für ein Wort? Leben. Die wollten mich. Die klebten mir am Arsch und wollten zuschlagen. Keine Diskussionen, keine Worte, keine Reflexionen. Einfach das Licht ausmachen. So unerbittlich wie der Timer in einer anonymen Flurbeleuchtung. Klack. Licht aus.
Bis ich wieder in der Lage war, mich von der Adrenalinlichtgeschwindigkeit auf Echtzeit zurückzubeamen, war die U-Bahn schon viele Stationen gefahren. Das Wort „Abgehängt“ dröhnte in mir nach, als ich mir bewusst wurde, dass ich in einem Waggon einer U-Bahn stand und mich trotz meiner zitternden Knie an einem Handgalgen senkrecht zu halten vermochte. Abgehängt. Ich hatte sie abgehängt. Was für eine verrückte Scheiße. Ich lachte. Niemand außer mir war im Waggon. In den Displays des Fahrgastfernsehens lief unter dem Thema Lifestrips eine Art Daumenkino unter dem Titel „Was ein Leben.“ ab: Der Protagonist liest sein eigenes Tagebuch und glaubt nicht, dass es sein Tagebuch ist. Stattdessen beglückwünscht er neidisch den Tagebuchautoren für sein erfülltes Leben. Bevor ich begreifen konnte, was sich mir dargeboten hatte, kamen aktuelle Lokalmeldungen: Anschlag auf Weihnachtsmarkt in letzter Sekunde verhindert. Tausende verdanken der Polizei ihr Leben. Im Geschenksack vom Nikolaus lauerte die Todesbombe. Die Bilder, die zu diesen Headlines eingespielt wurden, erinnerten mich allerdings nicht an meine Begegnung mit den Santas, die ungeniert einen Anderen niederknüppeln. Die Bilder zeigten schwarz uniformierte Sondereinheiten, die vorschriftsmäßig einen normal gekleideten Bürger abführten. Die Sackbombe wurde von einem Bombenentschärfungsroboter ganz steril aus irgendeinem Papierkorb geholt. Es gab keine Baseballschläger, keine Swastika. Alles war, wie nie geschehen. Mit einer Hand am Galgen fuhr ich durch die schwarzen Tunnel der U-Bahn. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich so stand. Fahrgäste kamen, Fahrgäste gingen. Gesprächsfetzen rauschten vorüber. Mal wurde über den Anschlag getuschelt, mal über die Frau, die in der Badewanne verblutet war. Ich sah mich selbst, von links oben gefilmt, im Abteil stehen. Ich sah mich, als sei ich nur eine Erinnerung meiner Selbst. Erst als mein Handy vibrierte und mir signalisierte, dass ich eine Nachricht erhalten hätte, kam ich wieder zu mir.
Alles in Ordnung las ich. Mein Lawman hatte die Visitenkarte überprüft. Mach Dir keine Sorgen, las ich. Der Mann mit dem roten Werkzeugkoffer ist keine Bedrohung. Im Gegenteil. Aber mehr darf ich Dir nicht sagen. Wieder und wieder las ich die SMS und verstand nichts. „Was darf er nicht sagen?“, fragte ich mich. Und: „Was ist das Gegenteil von Sorgen? Muss ich nicht mehr sterben? Oder bin ich schon tot und brauche mir deshalb keine Sorgen mehr machen? Aber vielleicht sollte ich beherzigen, dass mein Freund kein Idiot ist? Vielleicht bin ich dabei durchzudrehen? Was ist das Wahrscheinlichste?“ Mit der letzten Frage legte ich mir selbst Ockhams Rasiermesser an die Kehle. Was ist die einfachere, die elegantere Erklärung: Sind alle anderen durchgedreht oder bin ich es? Und wenn ich durchgedreht bin? Dann sollte ich mir nichts anmerken lassen, um nicht in den Strudel der Psychiatrie zu geraten. Was aber auch bedeutet, dass ich nicht mehr weiß oder beurteilen kann, ob ich durchgedreht oder normal bin? Oder als Normaler unter Verrückten durchgehen kann? Oder umgekehrt?
Zum Glück lösten sich alle Fragen in Wohlgefallen auf, als ich bemerkte, dass ich dabei war, meinen Mantel an der Garderobe meiner Wohnung abzulegen. Trotz der Existenzängste, der wirren Gedanken, der allzu sehr entzündeten Fantasie, hatte ich es oder die Vernunft in mir, ganz souverän zu meiner Wohnung geschafft. Ich kam mir in diesem Augenblick sehr albern vor. Da hatte ich Teufel und Dämonen im Blut, aber statt durch die Gegend zu irren und hinter jedem Busch einen Dieb zu vermuten, war ich ganz ordentlich nach Hause gegangen. Ich schalt mich, dass ich mich so kirre hatte machen lassen. Bei einem Glas Rotwein und laufenden Fernsehbildern las ich meine Mails. Frau Koch hatte mir in der Zwischenzeit ein Dutzend gesendet. Ich ermahnte mich, endlich den Bitten meiner Frau Koch nachzukommen und mich um den Sicherheitscheck des Vermieters zu kümmern. Ich speicherte die betreffende Telefonnummer als Erinnerung in meinen Organizer. Dabei stolperte ich über die Fotografien vom Diogenes Markt. Sie wirkten auf mich auf einmal fremd. Unecht. Schlecht und hilflos. Ich löschte alle Bilder dieses Tages, sowie alle anderen Notizen die ich in diesem Zusammenhang gemacht hatte. Nur bei der SMS meines Freundes zögerte ich kurz, dann löschte ich sie auch. Es war einfach lächerlich, beruhigte ich mich. All die Erlebnisse auf dem Diogenes Markt verdrängte ich und schmunzelte darüber, was ich mir eigentlich vorgestellt hatte, dort zu tun oder gesehen zu haben?
Der Wein schmeckte gut. Ich blieb noch länger auf, saß auf meiner Couch und zappte durch die Programme. Es war der übliche Mist aus Boulevard, drohenden Katastrophen, Weltuntergangsszenarien oder ermordeten Frauen. „Einerlei“, dachte ich „Es ist doch einerlei, ob sie mir von einem Terroristen oder Mörder berichten oder ich den Toolboxmann im Hintergrund herumlaufen sehe?“ Es sei nicht mein Job alles zu ergründen und ich solle einfach meinen Job machen und gut ist, beschloss ich den Abend und ging zu Bett. Ich hatte das Gefühl, dass meine Selbstsicherheit, die ich lange vermisst hatte, zurückgekehrt war. Als ich das Licht ausmachte und die Augen schloss, ruhte ich in mir selbst.
Ich träumte. Ich träumte den Traum aus meiner Kindheit. Aber statt der aufschwingenden Kinderzimmertür hörte ich ein Klacken, ein Schnappen einer Verriegelung, die geöffnet wird und ich spürte, wie jemand in meine Wohnung eintrat. Träumte ich es oder war ich wach und der Eindringling wirklich? Ich musste es geträumt haben. Ich lag im Bett und ich schlief. Und wenn nicht? Wenn er in die Wohnung eingedrungen war? Vielleicht war er schon im Schlafzimmer und hat sich neben meinen Kopf gekniet und seinen Koffer geöffnet? Aber ich träumte doch alles? Aufwachen! Ich musste aufwachen. Um wach zu werden, muss ich meine Füße auf den Boden stellen, meine Sohlen auf dem Boden spüren, meine Augen öffnen und meine Nachtischlampe anmachen. So funktioniert der alte Trick. Ich quälte, ich strampelte mich aus meinem Schlaf heraus.
Ich saß auf der Bettkante und atmete tief durch, denn ich spürte den Boden unter meinen Füßen. Ich sah mein Schlafzimmer im trüben Licht meiner Nachttischlampe und spürte meine Füße. Ich war wach. Es war alles in der Ordnung. Ich stand auf, öffnete die Schlafzimmertür und vor mir lag der lange Flur in dessen Mitte sich ein Durchgang zum Wohnzimmer öffnet und an dessen Ende das Bad liegt. Gemächlich watschelte ich über das Parkett zum Bad. Als ich den Durchlass zum Wohnzimmer passierte, schauderte es mich unmittelbar und ich bekam eine Gänsehaut. Ich öffnete die Badezimmertür, ging hindurch, schloss sie ab und hörte den schmatzenden Sound meiner Füße auf den kühlen Fliesen und spürte sie auch. Aber ich ging nicht auf die Toilette. Ich ließ nicht Wasser. Stattdessen stellte ich mich vor das Waschbecken. Ich stützte meine Ellbogen auf die Kanten des kühlen Emaille auf und atmete durch. Unvermittelt drehte ich den Wasserhahn auf, beugte mein Gesicht hinunter, wollte mein Gesicht benetzen und schaute doch noch mal in den Spiegel: Ich sah mich klar und deutlich. Aber ich sah nichts dahinter. Ich sah nur mein Gesicht, vor einer gähnenden Leere. Im selben Moment hörte ich, wie sich hinter mir, in meinem Rücken, ein Schlüssel im Schloss drehte. Die Badezimmertür öffnete sich und schwang lautlos auf. Jemand trat ein. Meine Nerven schrien, dass der Eindringling gekommen sei, dass er von mir Besitz ergreifen wolle. Erst in diesem Moment wachte ich auf.
Es war noch früh am Morgen an diesem Samstag. Der Sichelmond stand tief, aber scharf gestochen am Himmel. Die Sonne ging grade erst mit violetten Lichtvorläufern auf. Es würde ein schöner, aber sehr kalter Morgen werden. Ein glasklarer Himmel deutete sich an. Ich sah aus meinem Fenster auf einen Hang an dem viele kleine, weiß gestrichene Häuser stehen. Noch waren sie unscheinbar, grau und stachen kaum aus dem Dunkel ab. Wenn aber die Sonne aufgegangen sein würde, würde das Weiß ihrer Fassaden das Licht dutzendfach spiegeln und einen unwirklichen Glanz ausstrahlen. Einen Glanz, der alles übertünchen würde. Es ist eine gute Gegend, in der ich wohne. Es gibt unter den Hausbewohnern auch ein paar, die mich konsultiert haben. Wie immer wegen Nachbarschaftsstreitigkeiten.
Ich nippte an meinem schwarz gebrauten Kaffee und dachte daran, dass doch einer der Besitzer der weißen Häuser den Mut haben sollte, seine Fassade in schwarz, oder in blutrot zu streichen. Einfach mal gegen den Gleichschritt treten oder den Takt schlagen? Natürlich war das ein alberner Gedanke. Als Beobachter fällt es mir leicht, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn sich jemand in einer Gruppe anders als der Rest verhielte. Meines Erachtens hat dergleichen Verhalten auch Charme, wenn es einen Funken Esprit hat. Es ist aufregend, weil es anders ist und wenn es intelligent ist, ist es witzig. Ein Teil meines Jobs ist es, diese Menschen, diese Außenseiter zu verteidigen. Natürlich kann es auch meine Aufgabe sein, die weiße Fassade vor dem schwarzen Punkt zu verteidigen. Auch das. Aber niemals war ich ein Teil der einen oder der anderen Partei, oder begehrte es zu werden. Verteidigen, Fürsprechen? Ja. Gemeinmachen? Nein. Diesen und ähnlichen Gedanken hing ich an diesem Morgen nach. Die Sonne stand schon weit über dem Horizont und der Berg der weißen Fassaden strahlte in voller Pracht, als ich gegen Mittag meine Mails abrief und einen Schrecken bekam. Eine Nachricht von GIsabel. Natürlich. Es konnte nur eine Absage unseres Dates sein. Warum hatte ich mich auch damals darauf eingelassen, mich erst so spät nach dem Speed-Dating mit ihr zu treffen? Oder hatte ich auf den Termin gedrungen? Ich wusste es nicht mehr. Aber vor allem: Warum hatte ich ihr nicht wenigstens alle zwei, drei Tagen mal eine Mail geschrieben? Was für ein Idiot ich doch sei, verfluchte ich mich selbst, als ich die Mail mit einem Klick öffnete. Sie wollte, dass ich zu ihr komme. Zu ihr nach Hause. Heute. Wenn ich wolle, sofort. Das war ein Schlag. Sie schrieb, dass ihr wegen der ganzen Geschichten, die neuerdings passierten, der Diogenesmarkt nicht mehr gefalle. Sicher und geborgen fühle sie sich momentan nur in ihren eigenen vier Wänden. Wenn ich bei ihr sei, könne man ja immer noch losziehen. Aber weihnachtlicher und gemütlicher als bei ihr, sei es nur in Bethlehem. Ich möge schnell antworten, aber sie werde jetzt ein Schaumbad nehmen. Wie ein Idiot grinste ich gegen die Sonne. Was hatte ich mir wieder eingeredet? Ich war ich und Isabel war Isabel und die Welt war schön. Ein Bad? Ein Bad hatte ich auch nötig. Zeit war’s.
Frisch frottiert stolzierte ich durch meine Wohnung und fühlte mich wie neugeboren. Als ich mir den letzten Schliff anlegte und vor dem Spiegel meinen Schlips mit doppeltem Windsor am Kehlkopf zusammenschnürte, schon bereit war Hut und Mantel zu greifen, fiel mir auf, dass ich keine Ahnung hatte, wo Isabel wohnt. Wo wohnte sie? Ich hatte keine Ahnung, dachte aber, ich hätte es in der Mail gelesen. Herausgeputzt klappte ich mein Notebook wieder auf, schaltete es ein, lockerte den Windsorknoten, den ich so stramm gezogen hatte, als wollte ich mich daran erhängen und wartete ab, bis es sich hochgefahren hatte. Während dieser kurzen Zeit schaute ich aus dem Fenster und sah ihn: den Toolbox Mann. Er lief in ein Haus, keine hundert Meter Luftlinie entfernt von mir. „Es ist in Ordnung“, beschwichtigte ich mich und konnte es kaum erwarten, dass mein Laptop die Anmeldemaske zeigte.
Nachdem ich mich angemeldet und meine Mailbox aufgerufen hatte, erhielt ich zu erst eine Nachricht von Frau Koch. Frau Koch und ihre Erinnerungen. Frau Koch musste gar nicht mehr vor ihrem PC sitzen. Diese kleinen, spitzen Erinnerungen würden die Maschinen solange generieren, solange es Mutter Koch befahl. Sie verstand die Technik. Sie konnte sie zu ihrem Zweck und Vorteil nutzen und mich wie einen Sklaven aufs Rad damit spannen. Es ging mal wieder um den Sicherheitscheck. Was sonst? Ich kritzelte die Nummer der Firma genervt auf und öffnete die Mail von GIsabel. Wo war ihre Adresse? Ich scrollte hinab, hinauf und sah es nicht. Erst als ich die Mail ausdruckte, erkannte ich in der Signatur die Adresse und fühlte mich verlorener als mein Onkel Friedbert, als er seinen Diamanten fliegen musste, um sich vor dem Nichts zu retten.
„Junge, ich war verloren“, rief Onkel Friedbert und sog wieder am Knösel. „Da hing ich nun mit meinem Kopf Tausende Meter hoch in dieser Plastikbox und drehte verzweifelt meinen Hals. Unter mir die schönste Welt: grün und gesund. Aber links und rechts? Tiefschwarze Aussichten. Es gab keinen Ausweg. Nur diese Gewitterfronten, die mich zermahlen würden. Es war aussichtslos. Aber dann sah ich den Schlauch. Weißt du, was ein Schlauch ist, Junge? Ein Schlauch, das ist wie ein Kamin, ein Schornstein. Wenn du im Sog bist, wirst du mitgerissen. Als ich keine Rettung mehr sah, sah dein Onkel einen Schlauch. Eine Rettung. So klar und deutlich, wie du vielleicht schon Sonnenstrahlen gesehen hast. So sah ich meinen Strahl, meinen Notausgang, meinen Lift in die Freiheit. Ich riss meinen Steuerknüppel herum und steuerte meine Nase in das Zentrum des Schlauchs und wie beim Staubsauger von Deiner Tante Rosa, schießt es mich direkt in den Beutel. Es reißt mich nach oben. Die Aufwinde, die Welle, Thermik war so stark, dass es mich doppelt so schnell in die Höhe riss, wie ich es sonst gewohnt war. Wenn mich aber die Fronten, die sich da West wie Ost aufgetürmt hatten, erwischt hätten, das hätte mich ohne Gnade zusammengeknüllt. Allerdings stieg mein Höhenmeter auf sechs, auf sieben, ja auf achttausend Meter und mehr. Junge, es hätte mich kaputtmachen müssen, aber ich war nicht mehr bei mir und sah nur aus dem Augenwinkel wie der Höhenanzeiger verrückt spielte. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, ich würde das Weltall berühren können. Es war so ruhig gewesen mit einem Mal. Alle Farben waren gestochen scharf voneinander abgehoben. Ich schwitzte Todesängste aus und war auf einmal ganz bei mir. Alles war ganz selbstverständlich, taub und wie schwerelos. Das ist der Himmel, dachte ich noch, aber dann riss es mich hinunter, dass ich fast den Verstand verlor, aber ich schaffte es, meinen Flieger über den Sturm zu bringen. Ich war über die Gewittersysteme und in Sicherheit gesegelt. Die Welt hatte mich wieder und ich fühlte, dass ich etwas geschenkt bekommen hatte. Gelandet bin ich ganz wo anders, als ich gestartet war und deine Tante hat mehr als einen Tag gebraucht, mich zu wieder zu finden. Aber so glücklich Rosa zu sehen, war ich noch nie gewesen.“
Wo ist mein Schlauch, mein Diamant, fragte ich mich, als ich die Adresse schwarz auf weiß vor mir sah. Ich kannte die Adresse. Ich kannte den Block, das Haus, die Wohnung. Dreizehnter Stock. Godard. G. Isabel oder I. Godard. Alles bekannt. Es war ein Trick. Alles war ein Trick. Es musste ein Trick sein. Während ich den Ausdruck in meiner Faust zerknüllte, sah ich raus und natürlich sah ich ihn: den Mann mit der Box. Wieder ging er ein Haus weiter und wieder kam er ein Haus näher. Rein intuitiv griff ich mein Handy und wählte die Nummer, die ich mir aus der Mail von Frau Koch abgeschrieben hatte: „Leider ist unser Team zurzeit vollkommen ausgelastet. Bitte hinterlassen sie nach dem Signalton eine Nachricht. Einer unserer Service Mitarbeiter wird sich in kürzester Zeit mit ihnen in Verbindung setzen.“ Ich legte auf und lachte lauthals auf. Alles entglitt mir. Ich dachte sofort an Isabels Zeilen: „So richtig geborgen fühle ich mich nur noch in meiner Wohnung.“ „Ha! Ha!“, antwortete ich im Geist. Aber hatte Isabel mir diese Zeilen geschrieben? Nein. Das war ein Fake. Ich sollte aus meiner Wohnung raus. Das Feld räumen. Er sollte freie Bahn haben und mich manipulieren oder sonst wie umprogrammieren können. Niemals! Was stand auf seiner Karte? „Haben Sie Angst? Dann rufen Sie mich an.“ Ja, sicher. Und wenn ich anrufe, dann seid ihr nicht da und doch überall, und wenn ich nicht aufpasse, dann schnappt ihr euch mich! Dann manipuliert ihr mich so, dass mir alles andere egal ist und ich alles fresse, was ihr mir erzählt. Dann ist der Osterhase der Weihnachtsmann. Was hat mein Lawman gesagt? Es ist alles in der Ordnung? Ja, sicher. In der roten Kiste sind genug Werkzeuge, um auch noch die schrägste Schraube anzuziehen, nicht? Nicht mit mir.
Ich bin jetzt achtundfünfzig Stunden wach. Ich habe Ihnen alles erzählt und Sie werden immer noch glauben, dass ich halluziniere oder durchgedreht sei. Aber es ist meine Wahrheit. Ich bin bedroht. Mein Leben, meine Unversehrtheit ist in Gefahr. Ich werde terrorisiert. Still! Ich glaube er kommt. War da nicht ein Geräusch? Ich könnte ja durch den Spion sehen? Geht nicht. Gut zu wissen, dass seine Schlüssel nicht ausreichen hier hereinzukommen. In meine Wohnung wird er sich nicht schleichen können. Er muss sie schon aufbrechen.
Mein Freund, der Unternehmer, der Boss, sah heute in der Frühlingssonne so aus wie Konstantin Wecker vor seinem Entzug. Er war wieder mal wach bis drei Uhr morgens gewesen und hatte an seinen Apparaten rumgespielt. Den Illuminat Server hätte er auf eine andere Maschine geklont. Heute um drei Uhr morgens hätte er das gemacht. Hat geklappt, bemerkte er immer mal wieder ganz stolz. Hat geklappt. Funktioniert. Guckst Du. Das kann auch nicht gesund sein. Sein Kollege, Uli die Hasenscharte, der mir ganz lieb das Telefonkabel, dass ich im Lager gefunden hatte, aufwickelte schien mir auch übernächtigt, aber sehr glücklich zu sein. Er schwallte, während er wickelte, von Multimedia Servern und sagenhaften V-DSL Down- wie Upstream Raten, die er jetzt zu Hause hätte. Er schwöre übrigens auf Mac. Was ich denn heute noch mache?, fragte er. Ich gehe jetzt ein super Modem installieren, antwortete ich ihm. Und da glänzten seine Augen und er wollte mehr wissen. Ob ich so ein V-DSL 48mbit, alter 48mbit! konstant und Antwortzeiten! von 0,82 hätte? Nein, musste ich zugeben, so ein Modem hätte ich nicht gemeint. Mehr den Klassiker: V90 Analog Modem. Da lachte er. Ich sei ja ein Schelm und wickelte lachend das Telefonkabel weiter auf, dass der Boss ihm in die Hand gedrückt hatte, um mir ein Gefallen zu tun. Aber vielleicht könne ich ihm ja sagen wie lang so ein HDMI Kabel denn maximal sein dürfe. Drei Meter, näselte ich gelangweilt, aber souverän zurück. Ich hatte keine Ahnung. Jedenfalls war ich froh, dass er mir das viel zu lange Telefon Kabel aufwickelte, dass ich die Dreier Steckdose mit langer Schnur und zwei USB Kabel bei ihm gefunden hatte und dabei war abzustauben. Andernfalls hätte ich quer durch die Stadt wieder ins Büro fahren müssen, diese Kleinteile, die ich heute morgen vergessen hatte, einsammeln und wieder quer durch die Stadt zurück – wenn man so will – zum Anfang hätte bringen müssen. Fast zum Anfang dieses Tages. Denn der Anfang war sowieso unterbrochen worden, weil
mein Telefon klingelte. Kurz nachdem ich am Schreibtisch Platz genommen und die Kaffeemaschine angeworfen und den Brackwasserbecher unter die Düsen der Maschine gestellt hatte, kurz danach klingelte mein Telefon mit diesem aggressiven Klingeln. Wie ein „Bei Fuß“ Befehl.. Die Nummer kannte ich. Das Gegenteil von Kaffee stand im Display. Natürlich nahm ich ab – für den Anrufer war ich so was wie der Brackwasserbecher.
Der Rechenknecht in der Warenannahme verweigere den Dienst. Der fahre nicht mehr hoch. Was soll ich drücken, was kann ich tun?, forderte er mich auf. Nichts. Nichts? Gar nichts. Da muss ich rauskommen. Ja, dann machen Sie das, antwortete er noch und legte auf. Energie, dachte ich und überschlug die Möglichkeiten, wägte ab, welches Problem der Rechenknecht in der Annahme haben könnte und schnappte mir nach und nach, was ich meinte, dabei haben zu müssen. Zum Glück, so dachte ich noch, während ich die Werkzeuge einsammelte, war mir eingefallen, dass ich noch die alte Modem Karte einstecken sollte, die ich Tage zuvor schon erfolgreich auf Funktion geprüft hatte. So könnt ich nach einer erfolgreichen Notoperation am Konsumumschlagplatz endlich zum Hausmeister von dieser Hausverwaltung fahren können, weil der eh seit Tagen darauf wartete, dass ich ihm den neuen PC, den sie bei mir gekauft hatten, betriebsbereit mache. Dabei vergegenwärtigte ich mir noch, dass, wenn ich bei dem Büttner, dem Hausmeister sei, ich unbedingt beim Geschäftsführer der Hausverwaltung bescheid sagen solle, wenn der Büttner, mir von sich aus erzählen würde dass er schwul sei. Das mache der nämlich bei jedem, aber das wolle er, der Chef, von mir bestätigt haben – sofern es denn stimme.
Die Operation verlief zunächst erfolgreich und ich war guter Dinge, dass der PC am Umschlagplatz schnell wieder genesen und produktiv am Netz sein könne. Während ich so dachte, fiel mir die „Hart aber Fair“ Sendung von gestern Nacht ein: Erstklassig kassieren, zweitklassig kurieren. Also unterzog ich den genesen Rechenknecht einem weiteren Test bei dem er wieder prompt versagte und die Arbeit wieder einstellte. Während ich die Operation wiederholte und wusste, dass ich die Festplatte und das darauf installierte System, wenn Sie es denn noch ein bißchen durchielte, würde klonen müssen, kam der Hauselektriker des Weges mit seinem Laptop. Der würde auch nicht mehr tuen. Der schwule Hausmeister würde warten müssen.
Nachdem ich nun leidlich zussammengeflickte Rechenapparate ihrem elektronischen Schiksal überlassen konnte, fand ich mich beim Arbeitsplatz des schwulen Hausmeisters wieder. Es war ein kalkweiß gestrichenes Loch in irgendeinem Keller der weitläufigen Wohnanlage. Es war eine Abstellkammer. So gemütlich wie eine Gummizelle. Der Büttner war dicklich und weiß und lächelte mich an. Sie, der Eigentümer und die Verwaltung, hatten ihm einen nigelnagelneuen PC, Monitor und Multifunktionsderwisch von einem Drucker spendiert, so wie eine nicht mehr ganz neue Telefon. Fax Amatur von Panasonic. Mitten in diesem kleinen Raum stand ein neuer, wuchtiger Schreibtisch in Buche mit PC Fach – wo die Dinger regelmäßig zu heiß werden – und ich saß dahinter. Vor mir der lächelnde und schwule Hausmeister. Er brauchte es gar nicht zu sagen. Er war dicklich, trug einen Blaumann, schnaufte immer leicht durch die Nase, dessen Ränder so rot waren wie seine durchgetretenen Turnschuhe. Irgendeine Tönung war in seinen Haaren und sein Händedruck war fluffig gewesen. Ob er denn jetzt Internet bekäme? Nein, sagte ich. Da guckte er mich ganz verwirrt an. Nein? Nein. Aber er müsse doch E-Mails lesen und schicken und der PC, der müsse doch noch aktualisiert werden, Bei seinem Notebook hätte er ganz viele Updates einspielen müssen. Das sparen wir uns. Sie kriegen dafür dass hier. Was ist das? Eine Modemkarte. Damit werden Sie ihre E-Mails abholen und lesen können, sofern Sie keinen zu großen Anhang haben. Büttner blieb verwirrt und ich werkelte und fluchte, weil mir jetzt auffiel, dass ich die Hälfte vergessen hatte. Modemkabel, Dreierstecker, USB Kabel. Die Arbeit würde liegen bleiben und ich würde wieder in diesen zugigen Keller müssen. Es wurde zwar Frühling, die Sonne schien, aber dieser Abstellraum war weiß, kalt und windig wie Büttner und ich.
Herr Büttners Verwirrung blieb, aber er lächelte weiter und blieb sehr freundlich. Ja, fast zutraulich. Zwar funktionierte noch nichts an seinem Arbeitsplatz und er hatte auch verstanden, dass er niemals, nie, nicht in seinem Keller würde surfen können, dass sein PC nicht mal einen Virenscanner bekam, weil er damit einfach nur zwei Tabellen und Texte würde schreiben können, aber Büttner bedankte sich und blieb artig. Wann ich denn wiederkomme? Vielleicht heute oder morgen. Ich melde mich bei Ihnen, brubelte ich und verschwand wie Paulchen Panther.
Aber dann rief der Boss an und fragte, ob ich Zeit hätte. Klar hatte ich Zeit. Der Boss und sein Unternehmen war ganz in der Nähe von der weitläufigen Wohnanlage mit dem schönen weißen Keller. Der Boss hatte einen Server geklont. So wie ich es ihm Tags zuvor geraten hatte. Er war stolz wie Bolle. Aber die Tastatur würde nicht funktionieren. Das Ding fahre zwar hoch, aber er könne sich nicht anmelden, weil die verdammte Tastatur nicht funktioniere und dann lachte er und dann lachte ich auch. Ob er ein Modemkabel hätte, fragte ich während wir lachten. Klar hätte er das. In seinem Lager hätte er alles. Komm vorbei. Bedien Dich.
So war ich beim Boss, Hasenscharte und dem großen Lager gelandet. Es war alles da. Dreier, USB und Uli wickelte das lange Kabel auch noch für mich auf – kürzer gab es das leider nicht. Macht nichts. Büttner ist artig, dachte ich. Wir lachten viel und das Tastaturproblem war nach einem Besuch im Bios des Rechners auch schnell behoben. Es ging zack, zack, zack, die Sonne schien auf gräsige Gesichter und flusch saß ich wieder im weißen Keller von Herrn Büttner. Das sei aber schnell gegangen, sagte er ein ums andere mal, während ich mich auf der Zielgeraden befand. Dröhnig erklärte ich ihm wie man so ein USB Multifunzding installiert und dass man sich ja an die Installationsanleitung halten müsse, weil sonst, naja, sonst würde es halt schwer werden. Es wurde schwer.
Das Ding wollte nicht scannen und Büttner saß die ganze Zeit vor seinem Schreibtisch auf diesem Kinderstuhl, dieser große, schwere, weiße und im Blaumann steckende Mann, saß da und glotzte mich mit großen Kulleraugen ganz lieb an. Naja Hauptsache er druckt, meinte er. Das tat dieses Schweinegerät. Aber nach einem kurzen Gespräch mit der Hotline wußte ich, dass es auch scannen würde, wenn ich ein zwei Sachen aus dem Internet herunterladen und installieren würde: Tools und Treiber sowie eine Anleitung zur kompletten Deinstallation der vorherigen Installationsversuche. Warum müssen eigentlich immer Reste übrig bleiben, dachte ich, sah mich aber in einer fürchterlichen Klemme. Sagen Sie, gibt es hier im Haus jemanden der einen DSL Internetzugang hat?, fragte ich Büttner. Ja, antwortete er und veränderte nicht einen Hauch seiner Mimik. Ich müsste mir schnell mal was vom Hersteller herunterladen und mit dem Modem in ihrem PC Dauere es viel zu lange, vervollständigte er meinen Satz. Wir könnten zu seinem Freund gehen, der hätte ein Notebook mit DSL Anschluss. Prima, sagte ich und saß kurz danach auf einem Bullenpenis von einem Barhocker vor einem Laptop, dessen Anmeldeavatar ein sabberndes Gesicht eines Bernadiners war. Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Prima, dachte ich. Hatte ich seinen Freund eigentlich richtig wahrgenommen? Hatte ich das gewollt. Ich war in einem Tunnel und dachte an Pulp Fiction. Gleich würde der schwule Axtmörder mit dem Rasiermesserpenis kommen und mich in einen Ganzkörperlatexanzug stecken, solche und ähnliche gedanken verfolgten mich, wähend ich den 100% der Download Statusbalken entgegenfieberte. Sie tuschelten und lachten hinter meinem Rücken. Der Freund des Hausmeisters hatte so ein bronchiales Husten. Wortfetzen drangen an mein Ohr. Hielten die mich für gestört? Ruhig Brauner, ermahnte ich mich und war froh, als ich meinen Stick aus dem fremden Rechner ziehen konnte.
Zum drittenmal saß ich dann in diesem Keller, an diesem Schreibtisch und zum drittenmal saß der Büttner auf dem Kinderstuhl vor mir und lächelte. Als seien all die Momente geklont. Diesesmal wurde ich fertig. Mit allem. Es lief. Das Anmeldekonto von Büttner schränkte ich schnell noch ein und verließ nach einem letzten fluffigen Händedruck den Verwaltungskeller des Hausmeisters der weitläufigen Wohnanlage.
Im Auto überlegte ich noch, was sie getuschelt hatten. Vermutlich war ich ein Arschloch für sie. Ein Schizo oder Psycho. Meinetwegen, dachte ich, meinetwegen. Meine Arbeit war fertig geworden, das Tagewerk vollendet und Arschgeigen
Aber den Gedanken konnte ich nicht mehr fertig denken weil das Handy wieder klingelte. Es klang wie heute morgen, so als sei der Ton wie der Tag geklont worden.
Wer auf Thriller, Ein-Wort-Sätze, Kugelhagel von Dialogen und schnellen Schnitten steht und trotzdem Intelligenz nicht verabscheut: dem sei dieses Meisterwerk ans Herz gelegt.
David Peace 1974 Heyne Verlag.
Ein Buch mit einer ungestümen Wucht, das man nicht aus der Hand legen mag - Die Zeit
„Lass uns einen Kaffee trinken gehen.“ beschloss sie, als ich mich schon darauf gefreut hatte in wenigen Minuten den Rest des Sonntags schnarchend auf dem Sofa zu verbringen - verdienter Lohn für einen stundenlangen Aufenthalt auf einem Floh- und Trödelmarkt, der auch ein Kunstmarkt sein will.
Das Konzept ist erfolgreich. Ein Gedränge wie bei Knut dem Eisbären. Aber statt einem knopfäugigen Bären - lauter seltsame Leute, die sich durch Anspruch und Geschmack zu tarnen wissen. Soviel Geschmack, das Comics nicht Comics sind, sondern was Besseres, etwas für das man sich nicht schämen muss; eine Art non-mainstream Markenschuh. Ein Ambiente in dem sich der Zweitbuchbesitzer angenehm unterhalten fühlt. Die Kunsthändler und -produzenten, die Trödler freut es offensichtlich auch und ich vermute, es freut sie wegen des Aufpreises.
Mich erfreute, dass ich Imbissbuden entdeckte, die mir eine Curry und Pommes mit Majo verkauften. Wahrscheinlich sind diese Buden noch nicht vom Käfer Catering übernommen worden, weil sie so authentisch wirken. Gegen eine feindliche Übernahme der Panflötenindianer mit ihrer nervtötenden Pustemusik, hätte ich dagegen nichts einzuwenden.
Und zwischen Currywurst und Comictrödel gaben sich die Kunsttrödler die Klinke in die Hand. Das ist eine naheliegende Verkettung, denn Türklinken gibt es da : sagenhaft! Massenhaft Beschläge, Griffe, Klinken - bergeweise. Aber wer braucht das? Wahrscheinlich diejenigen, die an diesem Ort Kinderpuppen kaufen, auf denen „Anfassen verboten“ und ein Traumpreis steht. Aber wieso eigentlich? Klinken kaufen Leute, die keine Griffe oder keine Klinken haben. Wenn die keine Klinke haben, wie öffnen oder schließen sie dann die Tür? Anders, beschloss ich, einfach anders.
“Jetzt noch einen Apfelstrudel im Einstein - das wäre es!“ Wieso wäre? Statt auf der Couch meine Ruhe zu genießen, stattdessen Strudel im Cafe. Das war fix wie der Ort: Das Einstein – Berlin, Kurfürstenstraße, Künstler Cafe, gehobene Klasse. Da geben sich Promikünstler die Klinke in die Hand und das keine hundert Meter von der Love Sex Dreams - LSD - Filiale entfernt. LSD ist der Megasexshop auf der Discount Sexmeile Berlins. Ficken für Fünffünzig. Fünfzig Cent ist der Zewarollenanteil. Wer sich einen Kopierer kauft, zahlt ja auch Urheberrechtsanteil.
„Wieso sollen Künstler anders ficken, wenn sie genauso kacken?“, durchfährt es mich plötzlich wie eine Erkenntnis aus dem brennenden Dornbusch und ich denke sofort an Quantitätsficker wie Immendorf, die es im Dutzend billiger besorgt bekommen oder an den Leute-beim-Interview-Betatscher Friedmann, der sich mit einer Ladung Mädels aus einem ukrainischen Viehwagon vergnügte. Haben die Frauen eigentlich gehalten, was er sich versprochen hat? Was er sich versprochen hat, vor oder auf oder in oder neben sie zu verspritzen? Ist das recherchiert worden? Ist Friedmann ein Künstler? Es wird so vieles einfach nicht zu Ende gedacht, recherchiert oder gesagt. So viele offene Fälle. So offen wie die Frage ob Ariel Scharon noch immer im Koma liegt.
Vielleicht fehlen einfach die Beschläge um die Krisen zuzumachen? Wo die Beschläge, die Schlösser sind, weiß ich.
Zum Glück ist das Einstein ein Bohnenpuff was soviel wie professionell heißt. Die servieren da jedem, die besorgen es jedem, lassen keinen hängen aber das hat seinen Preis. Einen gesalzenen Preis. So wie die Mad Hefte auf dem Kunsttrödelmarkt. Aber nur die Verrückt Hefte, die von Herbert Feuerstein redaktionell bearbeitet worden sind. Egal - Bedienung ist wichtig. Nicht bedient zu werden, kratzt an der Ehre. Wer nicht bedient wird, muss sich fragen, warum ausgerechnet sein Geld stinkt.
Bedient
Als ich mit meinem feuerwehrroten Discount-Fox-Anorak, den ich günstig in der Banane gekauft hatte, die nichts anderes, als eine verglaste aber bananenkrumme Einkaufspassage in Cottbus ist, ein Cafe in Kreuzberg betrat, da passierte es mir, dass ich nicht bedient wurde.
Das Cafe sah aus wie eine komplett ausgeschabte Höhle. Total reduziert. Wenn verziert, dann nur durch Kohlezeichnungen an den Wänden. Zeichnungen großäugiger, junger Mädchen, die so aussehen, als wollten sie mein Y-Gen ab- oder sich selbst die Pulsadern aufschneiden.
In dieser hippen Gruft war hinten rechts noch eine Ecke frei. Rettung. Ich schob mich - mit deutlichem Unbehagen – vorbei durch die gefühlte Kreativabteilung Berlins. Vorbei an toughen, jungen Weibern mit Kurzhaarigelfrisuren und tief wie dunkel geschminkten Augenhöhlen; vorbei an metrosexuellen Typen mit manikürten Fingern und dem Air Notebook auf dem Schoß.
Den Typen gab ich Namen. Namen wie Biomargarine und vermutete, dass Magarine-Audi R8 um die Ecke geparkt ist. „Neid!“, rief ich mich zur Ordnung. Nur Neid und Frevel meinerseits. „Sei doch nicht so hässlich und steh zu deinem roten Anorak aus der Banane.“ Eben drum, konterkarierte ich mich selbst und klopfte mir obendrein ob dieser Reflektion auf die Schulter, weil ich mich nun very british fühlte. Erleichtert erreichte ich die hinterste Ecke und langte nach der Karte.
Als ich die Karte durch hatte und sich keine Bedienung zu mir verirrt hatte, fühlte ich mich sehr allein.
„Wo gucke ich jetzt hin“, dachte ich, und während ich so dachte, fiel mir auf, dass die Bestellkarte ein individuell gestaltetes Büchlein ist, wo auf jeder zweiten Seite die Bilder dieser psychotischen Kohle-Strich-Mädchen abgebildet sind. Mein Blick wanderte von der Karte zu den Wänden und von überall her, glotzten mich die Kohlefrauen an. „Toll“, dachte ich und suchte die Karte erneut nach einem Preis für ein Pils durch. Wieder fand ich, wo nach ich gesucht hatte. Dreieurofünfzig für ein Pils vom Fass. Das wollte ich haben. Aber keine wollte es von mir haben.
Eine gefühlte Stunde später, fasste ich die Karte nicht mehr an und schämte mich dafür, dass ich die Karte überhaupt berührt hatte. Es war offensichtlich, so befand ich, dass man mich mied, weil ich die Karte wie einen Ottokatalog behandelt hatte. Zumindest bildete ich mir das ein. Wenn auch nicht sehr erfolgreich. Es ist nicht die Karte, nagte es in mir. Es ist nicht dein Handeln, es ist deine Aura, deine Präsenz.
You are not one of us. No, no, no, not one of us. Immer wieder hörte ich diese Zeile. Leider gebar mein Herz in dieser Stimmung nur melancholische Peter Gabriel Melodien und Texte. Trotz dieser depressiven Grundhaltung unterließ ich es, mir ein verbrauchtes Glas vom Nachbartisch zu greifen, reinzupissen, auszutrinken, mir den Mund abzuwischen, das Glas auf den Tresen zu hauen und erlöst zu bemerken: „Danke, dass ich wenigstens meine Pisse saufen durfte. Vielen Dank. In Zehlendorf hätten sie mich totgemacht, weil sie meine Armseligkeit nicht hätten ertragen können. Also, Freunde, was bin ich euch schuldig?“
Was wäre passiert, hätte ich Mr. Self Destruct von Nine Inch Nails im Ohr gehabt? Überflüssige Gedanken. Tatsächlich beschloss ich, nachdem ich mich innerlich ausgepisst hatte, mich zu bewegen und nicht mehr auf eine Bedienung zu warten.
So unauffällig und selbstbewusst wie möglich schlich ich zur Theke und war froh, dass ich mich an der Bar festhalten konnte. Nach gefühlten zwei Tagen erbarmte sich eine Bedienung mit Kurzhaarigelfrisur meiner und fragte mich „Was!?“
Das Bier, dass sie mir auf meinen Tisch stellte, schmeckte wie Pisse. Ich saß in meiner hinteren Ecke umrahmt von den Monsterfressen aus Kohle. Ich schluckte, ich trank und ich ließ mir nichts anmerken. Endlich war ich ein Kunde wie jeder andere auch. Das Bier schmeckt hier wohl generell schal, beruhigte ich mich. Ich war sogar stolz, dass ich es geschafft hatte in meinem Outfit, in einem solchen Laden bedient worden zu sein. Strike. Das war doch der Lackmus Test, dass ich kein Gartenzwergsnazispießer bin, dass ich nicht „Konzentrationslager Erhard“ bin? Und warum? Weil mein Geld nicht stinkt. Und wenn mein Geld nicht stinkt, dann bin ich nur ein Kunde.
Als ich dann, weil wieder niemand gekommen war, an der Theke stand und darauf wartete, dass ich endlich abgerechnet werde, bemerkte ich aus dem Augenwinkel einen alten Bekannten, der mich offensichtlich auch bemerkt hatte. Er stand vor dem Lokal, vor dem großen Fenster und er winkte wie ein debiler Duracell Hase auf Viagra. Er winkte mir so zu, als sei das Fensterglas der Kneipe, die Linse einer Fernsehkamera. Ich wünschte mir, dass des Hasen Batterien augenblicklich ihren Geist aufgäben. Sie gaben aber nicht auf und die Igel-Barfrau, der die Situation und mein Unbehagen nicht entgangen war, kassierte mich lächelnd ab.
Strudel Pils Melange
„Eine Melange und den Apfelstrudel mit Vanillesauce, bitte.“, flötete sie der adretten Kellnerin zu. „Und der Herr?“, wand sich die Dame mit gespitztem Stift zu mir. „Pils.“, sagte ich nur.
Kurz bevor ich so antwortete, hatte ich mir einen Blick in mein Innerstes gegönnt. Da lagen am Meeresboden meines Magens viele kleine zerkaute Brocken einer Currywurst. Einer Wurst, fein garniert mit gelben Popeln, die mal Pommes waren. Über allem schwebte, ausgeflockte Mayonnaise. Auf Cappuccino mit Sahne und eine Sachertorte war mir der Appetit vergangen.
„Warsteiner vom Fass? Großes, Kleines?“, hakte die Bedienung ungeduldiger werdend nach. „Ja, bitte.“, antwortete ich gedankenverloren und bemerkte leider den irritierten, wenn nicht angewiderten Gesichtsausdruck meiner Begleitung. Sie war mit der Wahl meines Getränkes offensichtlich nicht einverstanden. „Also ein kleines Warsteiner vom Fass?“, bemühte sich die Kellnerin weiter. Sie wirkte sehr kontrolliert und professionell. „Ja.“, wiederholte ich. Die Sinne waren mir vernebelt und mein Gemüt düster. „Fein.“, zischte die Kellnerin, zog deutlich einen Strich unter die Bestellung, klappte den Block zu und marschierte zum nächsten Tisch.
„Muss ich jetzt fahren? Oder wie hast Du Dir das gedacht? Es wäre nett gewesen, wenn“, giftete sie sofort los. „Moment“, unterbrach ich ihre Predigt, stand auf und brüllte der Bedienung hinterher: „Fräulein, ich hätte doch bitte ein Großes, ja? Ein großes! Pils. Danke!“, dann setze ich mich wieder und wand mich voll konzentriert meiner Freundin zu, die glücklicherweise genauso verstummt war wie der gesamte Laden.
„Was wolltest Du sagen, Schatz?“, fragte ich freundlich. „Du bist unmöglich.“, flüsterte sie nur und verbarg weiterhin ihr Gesicht hinter der großen Karte des Einsteins.
So isoliert von meiner Liebsten, Zeit und Raum konnte ich gelassen meine Blicke durch den Saal wandern lassen. Resigniert stellte ich fest, dass meine Erwartungen erfüllt wurden. Lauter schicke und intelligente Menschen, Künstler, Friseure, Promis und größenwahnsinnige Literatur-Studenten. LSD.
Seit Jahren gönne ich mir den Grusel die Post von Wagner zu lesen. Franz Josef Wagner ist ein Kolumnist der Bild Zeitung. Seine Kolumnen sind Briefe an die lieben Prominenten oder diejenigen, die ins Fadenkreuz und auf die Seiten der Amokjournailsten von der Bild Zeitung geraten sind. Das kann dann auch mal den Papst treffen. Aber immerhin verschafft es Ihnen und mir Gelegenheit die Sache mit Aids, Kondomen und Liebe mal ganz grundsätzlich von F.J.Wagner erklärt zu bekommen:
In Antwort auf: Lieber Bendekit, […]Gott kennt kein Kondom. Gott kennt nicht die Antibabypille. Die Botschaft des Papstes ist: Vermehrt Euch. Alles andere sind Dazwischenquatscher von Familienministerien und Weltkongressen. Für mich denkt der Papst in einer höheren Ebene. Er denkt, dass Aids mit Liebe zu besiegen sei. Er denkt, dass Herumvögeln nicht im Sinne Gottes ist. Er denkt, dass wir Menschen Respekt voreinander haben müssen. Dem Papst geht es nur um die Liebe. Die Definition von Liebe.
Genau, Franz-Josef, Herumvögeln ist nix für die Menschen und den Afrikaner und sowieso nix für die Liebe. Mal ganz grundsätzlich gesagt: Wer nur ficken will, dem darf der liebe Gott den Arschkrebs verpassen. Schon klar. Alles andere sind Dazwischenquatscher. Pinscher oder verirrte Samariter. Wer Kondome nach Afrika schickt, wird die Hoffnung aufgeben müssen jemals dort wie Loth in Sodom und Gomorrha auch nur drei gerechte Bimbos zu finden. Und dass kann ja nun wirklich nicht gerecht sein! Für ein höheres Ziel auf einer höheren Ebene, darf man nicht, nur wegen etwaiger Verluste, den Schwanz einziehen. Jawoll. Der Platz an der Sonne oder rechts neben Papst, den gibt’s nicht umsonst. Frag die Kinder von Winnenden – den hat Wagner auch Post geschickt.
Wenn die Liebe verloren geht, das wissen der Papst und Franz-Josef, wenn die Liebe verloren geht, dann ist alles aus. Welch dunkle Zukunft die Schwulenmetropole Deutschlands – Köln – vor sich hat, dass wissen wir Dank Josef Wagner und seit den Bohrungen im Kölner Untergrund und dessen dunkler Folgen nun auch:
In Antwort auf: Liebe Kölner, […] Was ist Archiv? Archiv ist das Protokoll unseres Lebens. Im Archiv befinden sich unsere Tränen, unsere Hoffnungen. Das Archiv ist auch eine Form von Heimweh. Ihr Kölner müsst ab jetzt in einer Leere leben. Das Museum Eurer Erinnerungen ist tot. Es gibt kein Zeichen von Leben.
Köln ist tot. Allerhöchsten die Totgeweihten grüßen noch. Und ich verstehe jetzt auch, nachdem ich die höheren Zusammenhänge kapiert habe, die tieferen. Es ist das ewige Duell Weiß gegen Schwarz, Gut gegen Böse. Wagner führt das am Inzest-Monster Fritzl nochmal grundsätzlich aus:
In Antwort auf:Böser Fritzl [sic][…], Im Prozess gegen Josef Fritzl haben wir die Dunkelheit gesehen, das Böse. Wir haben in den Abgrund einer menschlichen Seele gesehen. Wir haben die Verderbtheit gesehen, wir haben das Gegenteil des Guten gesehen, wir haben den Teufel gesehen. Wir haben gesehen, was alles in uns sein kann. Teufel und Engel.
Das wird jetzt knifflig. Wagner stößt an Grenzen. Zunächst einmal ist es unglaublich schwer in einem schwarzen Loch, einen Abgrund zu erblicken, ja, bei der Abwesenheit von Licht überhaupt etwas zu erkennen. Wagner spendet uns aber mit seiner Feder, seinen Gedanken Licht, als sei er eine Taschenlampe. Er zeigt uns das Böse, den Teufel. Vergesst Mephisto: Fritzl ists. Aber in dieser schwärzesten Seele, der tiefsten Dunkelheit gemahnt uns das Licht Wagners:
In Antwort auf: Wir haben gesehen, was alles in uns sein kann. Teufel und Engel
Da heißt es aufpassen, dass man nicht auf die falsche Seite gerät! Aupassen, das jenes FritzlfickenmitKondom Virus – obwohl es der Fritzl, Josef ja katholisch korrekt kondomlos mit der Tochter getrieben hat – nicht an der eigenen Weiß- wie Reinheit kratzt. Wenn das doch geschehen sein sollte, dann ist guter Rat teuer oder jeder Schweizer Finanzweltverschwörer willkommen:
In Antwort auf:Liebe Schweiz, […] Die DDR hatte Bankkonten in der Schweiz, der KGB, der CIA. Die Nazis finanzierten ihren Krieg über die Schweiz. Die Schweiz ist eine Geldhure. Der Rohstoff der Schweiz ist die Geldvermehrung. Für die Schweiz stinkt Geld nicht. In den Tresoren der Schweiz wurde das Geld der Holocaust-Ermordeten gefunden. Eure Banken haben Geld damit verdient. Zum Verhältnis Schweiz Deutschland will ich abschließend sagen: Keine Vergangenheit ist ideal. Unsere bestimmt nicht, aber eure auch nicht.
Ja,ja das ist schon diabolisch. Diabolisch gut. Zum einen beweist Wagner, dass selbst wenn man selbst oder in der eigenen Sippschaft so ein Fritzlmonster zu verantworten hat oder hatte und bis zu den Ohren in der Jauche schwimmt, trotzdem jeder klug oder wagnermäßig beraten ist, weiter ordentlich Jauche zu verspritzen. Ein jeder Haderlump und Heuchler weiß, dass dann schon was hängen bleibt beim Anderen. Man muß nur ordentlich denunzieren, vereinfachen und verunglimpfen. Und der Andere ist ja auch im Zweifel immer der Böse. Der Böse lebt in Sodom und Gomorrha und der Böse wird vom Erdboden vertilgt. Wie war das, Herr Wagner? Was macht die Schweizer Hure Babylon noch mal? Das ist wirklich unglaublich:
In Antwort auf: Die Schweiz ist eine Geldhure. Der Rohstoff der Schweiz ist die Geldvermehrung. Für die Schweiz stinkt Geld nicht.
Ja, das ist doch wieder eine Vergasung wert oder, Franz-Josef? Hähä, da leugnet man nichts und stellt hinten rum doch den Persilschein aus. Clever, lieber Wagner, wirklich clever. Aber die Schwarzweißmalerei scheint Grenzen zu haben, bzw. funktioniert nur auf höheren Ebenen auf denen nur der weißgewandete Papst und Sie, lieber Wagner, wandeln. In der Reailtät, da quatschen halt zu viele dazwischen, da ist das Böse oder die Liebe und das Gute stets verwaschen und das erkennen Sie ja auch aufrichtig an, lieber Franz-Josef.
In Antwort auf:Liebe Opelaner[…]was für ein Scheißleben, durch die Werkstore zu gehen und nicht zu wissen, wie lange sie noch offen sind. Wenn Opel stirbt, dann stirbt die Sicherheit.
Dann hilft weder ein Kondom, noch kein Kondom, geschweige denn des Wagners kleine Taschenlampe mit dem Licht des Guten mehr.
PS: Wagner schreibt täglich in der Bildzeitung seine Briefe. Alle Zitate von dort.
Das folgende Machwerk ist mir auf dem Weg nach Haude grad so in den Sinn gekommen - aus aktuellem Anlass. Mir gefällts, aber ich befürchte, dass es nur albern ist
HSV –
Oder:
Der Fluch der Epigonen
Habe nun, ach, genug Chancen und Bälle vorbei amTor ziehen sehen, und mir ist, als gäbe es - auch bei tausend Chancen mehr - noch immer keine Pokale oder gar die Meisterschale. So steh' ich noch und warte; warte in der Nord, vergebens auf ein Tor.
Meister, Titel, gar Pokale? Frisch von der Empore hochgehalten in den Sonnenkranz? Nein, immer ist es nur der alte Glanz, der nie verblasst und alle Mühen leichthin und seit mehr als zwei Dezennien überstrahlt.
Welche Weihen will ich ernten? Welche Welt, wartet noch auf mich, wenn meine Ahnen schon kreuz und quer und alle naslang, alle Globen längst vermessen und eng umschlungen auf allen Balkonen standen?
Mir bleibt nur der Moment. Der Moment im Spiel geschmeidig starker Schritte, wenn sich im Sechzehnmeterkreis, auf allerengstem Raum, für einen Moment die Chance ergibt...