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  • Kurt Tucholsky (1890 - 1935)Datum19.05.1970 23:00
    Thema von Margot im Forum Rumpelkammer


    Augen in der Großstadt

    Wenn du zur Arbeit gehst
    am frühen Morgen,
    wenn du am Bahnhof stehst
    mit deinen Sorgen:
    dann zeigt die Stadt
    dir asphaltglatt
    im Menschentrichter
    Millionen Gesichter:
    Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
    die Braue, Pupillen, die Lider -
    Was war das? Vielleicht dein Lebensglück...
    vorbei, verweht, nie wieder.

    Du gehst dein Leben lang
    auf tausend Straßen;
    du siehst auf deinem Gang,
    die dich vergaßen.
    Ein Auge winkt,
    die Seele klingt;
    du hast's gefunden,
    nur für Sekunden...
    Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
    die Braue, Pupillen, die Lider -
    Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
    vorbei, verweht, nie wieder.

    Du mußt auf deinem Gang
    durch Städte wandern;
    siehst einen Pulsschlag lang
    den fremden Andern.
    Es kann ein Feind sein,
    es kann ein Freund sein,
    es kann im Kampfe dein
    Genosse sein.
    Es sieht hinüber
    und zieht vorüber...
    Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
    die Braue, Pupillen, die Lider -
    Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
    Vorbei, verweht, nie wieder.
  • Zum JahreswechselDatum19.05.1970 19:49
    Thema von Margot im Forum Plauderecke
    Das gehört einfach dazu!

    Ich wünsche Allen einen guten Start ins neue Jahr.



    ... oder mit den Worten von Miss Sophie:

    The same procedure as every year!
  • WaldauDatum19.05.1970 12:38

      Waldau



      Am Rande der Nacht hör ich manchmal ein Klagen;
      das Pendel der Uhr scheint sich wahllos zu drehn.
      Ein irres Gelächter zerstiebt zwischen Fragen
      und irgendwo bleibt eine Lüge bestehn.

      Es knarren die Balken, es knistern die Laden,
      ein helles Gewand schwingt das Beil über mir.
      Im gleissenden Licht schmelzen Gummifassaden;
      ein Traumloser spreizt die geschlossene Tür.

      Am Rande der Nacht, wenn die Zerrbilder raunen -
      und zwischen den Laken ein Elender schreit -,
      versickert die Wahrheit in schütteren Daunen,
      und Glaube macht sich für den Absprung bereit.



      © Margot S. Baumann
  • KreislaufDatum19.05.1970 10:05
    Thema von Margot im Forum Liebe und Leidenschaft


      Kreislauf


      Und sie weiss um dieses Fehlen;
      weiss von jenem Unbekannt
      zwischen ihrer beider Seelen,
      das sich immer fester spannt.

      Selbst am Rand des steten Schweigens
      windet es sein straffes Band,
      und noch während ihres Reigens
      bricht Begierde den Verstand.



      © Margot S. Baumann

  • KurzgeschichteDatum19.05.1970 07:12
    Thema von Margot im Forum Allgemein
    Wenn sich jemand etwas eingehender mit Kurzgeschichten befassen möchte, hier ein paar (meiner) theoretische(n) Aspekte:



    Merkmale einer KG (Kurzdefinition)

    In der KG ist nicht viel Zeit, bzw. Raum, Charaktere langsam zu entwickeln. Deshalb wird oft mit Stereotypen gearbeitet, um dem Leser einen Charakter darzustellen (z.B. Krimineller: kantiges Gesicht, Narbe im Gesicht, stechende Augen).
    Meist ist auch die Handlung der KG kurz. Sie verläuft in der Regel nach einem bestimmten Aufbau:
    sparsame Einführung/ Einleitung, Entwicklung, Höhepunkt, oft ein überraschendes Ende/ Pointe - oder aber ein offener Schluss zum Nachdenken


    Merkmale einer KG (ausführlicher)

    Erzähltechnik und Sprache
    • Meist personaler Erzähler, Bericht aus der Distanz, in einigen Texten aber auch Ich-Erzähler oder auktoriale Erzählperspektive
    Zusatz:
    Die Erzählperspektive ist häufig die des Ich-Erzählers (Rückschau, chronologische Anordnung) mit eingeschränktem Wissen für den Leser. Er erfährt oft nicht mehr (sogar weniger) als der Icherzähler zum Zeitpunkt des Geschehens weiss. Moderne Kurzgeschichten haben oft einen Er-Erzähler, der weit hinter (in) die Hauptfigur(en) zurücktritt. Er ist häufig nur noch in verbindenden Zwischentexten nachweisbar (..sagte er.). Manchmal erzählt er wie aus dem Bewusstseinszentrum einer oder mehrerer Personen (innerer Monolog), oder er verhält sich wie ein völlig neutraler Beobachter, ohne die Gedanken und Gefühle seiner Figuren preiszugeben (wie eine neutral registrierende Kamera), indem er ausschliesslich äussere Vorgänge abschildert (Schnitttechnik). Absicht / Wirkung letzterer Erzählhaltung: Der Leser ist gezwungen, den Text sehr intensiv zu lesen, vieles an inneren Vorgängen zu erschliessen, um zu verstehen, die Gedanken, Gefühle und Reaktionen aus den äusseren Hinweisen abzuleiten und auch die Charakterzüge so zu erfassen: aktives, mitdenkendes, mitschaffendes Lesen wird erforderlich.


    • Keine oder nur sehr kurze Einleitung (Exposition); sofortiger Einstieg in die Handlung (in medias res), etwa durch Einführen der noch unbekannten Personen durch Pronomina.
    Zusatz:
    Unmittelbarer Beginn (Einstieg) ohne Einleitung, welche die W-Fragen (Wer? Wo? Wann? etc.) klärt. Diese wird im folgenden Verlauf früher oder später nachgeholt oder muss zwischen den Zeilen erschlossen werden. Absicht / Wirkung: Spannung wird erzeugt, der Leser wird an den Text gefesselt, wird zum aufmerksamen, intensiven, sogar wiederholten Lesen gezwungen (vertieftes Verständnis beim wiederholten Lesen = hermeneutischer Zirkel).


    • Techniken der Verdichtung durch Aussparungen, Andeutungen, Metaphern und Symbole.

    • Chronologisches Erzählen hauptsächlich im Präteritum, teilweise Simultaneität durch innere Monologe, Einblendungen

    • Die erzählte Zeit beträgt meist nur wenige Minuten oder Stunden, häufig wird das Geschehen auf wenige Augenblicke, eine exemplarische Situation, ein Bild oder eine Momentaufnahme reduziert.
    Zusatz:
    Die Geschichte soll in einem Zug lesbar sein (amerikanische Faustregel (short-story) 1000 Wörter (U-Bahn-Lektüre). Daher nähern sich Erzählzeit und erzählte Zeit an. Aus traditioneller Zeitraffung wird praktisch Zeitdeckung


    • Lakonischer Sprachstil, Alltagssprache, teilweise Verwendung von Umgangssprache, Dialekt oder Jargon.
    Zusatz:
    Die Sprache ist in der Regel ebenso schlicht und alltäglich wie die Menschen und das Geschehen. Wortwahl und Satzbau können sehr unterschiedlich sein, neigen aber zur Schlichtheit. Die Analyse dieser beiden Bereiche liefert immer wichtige Hinweise für das Textverständnis.


    • Doppelbödigkeit, Mehrdeutigkeit: das geschilderte Alltagsereignis verweist auf komplexere Probleme, die oft über Metaphern und Leitmotive zu erschliessen sind. Wenn dieses poetisches Material (Metaphern, Vergleiche, Personifizierungen, Anaphern etc.) auftreten, so sind sie meist von besonderer Bedeutung und ausgesprochen aussagekräftig.

    • Offener Schluss oder eine Pointe => Der offene Schluss „zwingt“ den Leser förmlich dazu, über das Geschehen nachzudenken, denn es bleiben noch Fragen übrig - der Leser muss zwischen den Zeilen lesen.
    Zusatz:
    Offener / halb offener Schluss: Die Handlung bricht ab, die Geschichte endet oft ohne einen Abschluss, ein Ende. Dies kann ein völlig offener Schluss sein ohne irgendeinen Hinweis auf den Ausgang; oder beim halb offenen Schluss gibt es Hinweise auf einen wahrscheinlichen Ausgang, ohne dass dieser erzählt wird. Absicht / Wirkung: Der Leser soll / muss sich selber Gedanken machen, welche Wirkung, Folgen das Geschehen für den / die Beteiligten haben kann. Er wird gezwungen, am Text "mitzuarbeiten", das Ereignis und die möglichen Folgen zu bewerten. Dabei können verschiedene Leser zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen gelangen.


    • Vermeiden von Wertungen, Deutungen, Lösungen
    Themen, Handlung und Personen

    • Konfliktreiche, häufig nur skizzenhaft dargestellte Situation, geprägt von Emotionen.

    • Ein oder zwei oft typisierte Hauptpersonen stehen im Mittelpunkt (es gibt jedoch auch Kurzgeschichten mit deutlich mehr Hauptpersonen). Personen werden nur in Aspekten beschrieben/charakterisiert.
    Zusatz:
    Ebenso sind die wenigen (oft nur eine Person) Charaktere alltägliche, durchschnittliche Menschen. Ihr Charakter wird durch die Geschichte nur skizziert, meist nur auf einem bestimmten Zug reduziert (Roman = Gemälde, Kurzgeschichte = Skizze). Indirekte Charakterisierung (d.h., sie muss aus dem Handeln, Verhalten erschlossen werden).


    • Die Geschichte spielt nur an wenigen Orten.

    • Ein entscheidender Einschnitt aus dem Leben der handelnden Person oder Figur wird erzählt.
    Zusatz:
    Die Handlung ist in der Regel eine alltägliche, keine aussergewöhnliche, beinhaltet aber einen Konflikt (innerer oder äusserer) und einen wichtigen Einschnitt, oft sogar einen Wende im Leben des / der Beteiligten, wenn danach die Dinge, die Lebensumstände, nicht mehr so sind wie zuvor. Handlung und Konflikt können sich völlig in einen Menschen verlagern, so dass diese innere Handlung bedeutsamer ist als das rein äussere sichtbare Geschehen (Wechselwirkung).


    • Einsträngige Handlung.

    • Wenig Handlung.

    • Themen sind Probleme der Zeit.

    • Meist gibt es einen Glückswechsel (Peripetie).

    • Alltäglichkeit von Handlung und Personen: Die Figuren sind Menschen, die nicht herausragen oder heldenhaft auftreten.


    Kriterien zur Bewertung von Kurzgeschichten


    • Stil, Bilder

    • Idee, Innovation

    • Umsetzung in Bezug auf das Thema

    • Formale Gesichtspunkte (Rechtschreibung, Grammatik, Satzbau, Ausdruck, Absatz etc.)


    Aspekte der Textanalyse

    1. Das erzählte Geschehen selbst:
    - Personen / Zeit / Ort / Situation (sogenannte 'w-Fragen' = wer / wann / wo / wie)

    2. Die Art des erzählten Geschehens:
    - historisch beglaubigt ('wahr')
    - historisch wahrscheinlich
    - allgemein beispielhaft
    - rätselhaft
    - unmöglich, übersinnlich, Sience Fiction

    3. Die Erzählform
    - Ich-Form
    - auktorial
    - personal
    - polyperspektivisch

    4. Die Stellung des Erzählers
    - allwissend
    - abwägend /vermutend
    - beschränkt / desorientiert / einsichtslos

    5. Die Erzählhaltung
    - leidenschaftlich, engagiert
    - sachlich, neutral
    - distanziert
    - ironisch, sarkastisch, satirisch

    6. Die Gliederung des Geschehens
    - chronologisch-linear
    - rückschreitend / rückgreifend
    - episodisch verschränkt

    7. Darstellerische Besonderheiten und ihr Zweck (ihre Wirkung)
    - rätselhafter Anfang / überraschender Schluss
    - Vorausdeutungen / Spannungsaufbau
    - Zeitraffung / Zeitdehnung
    - Beschreibungsgenauigkeit: detailliert, summarisch, vage

    8. Sprachliche Besonderheiten und ihr Zweck (ihre Wirkung)
    - Auffälligkeiten der Wortwahl / des Satzbaues (einheitlich oder von Gegensätzen bestimmt)
    - Leitbegriffe / Symbole (Bedeutung des Titels)
    - Wörtliche Rede

    9. Intention (Wirkung) und Bedeutung insgesamt
    - persönlicher Eindruck und Gefallen



    (Quellen: persönliche Erfahrung, Wikipedia, div. andere, die ich nicht mehr weiss *g)
  • Thema von Margot im Forum Arbeitshügel
    Liebe Tümpler

    Ich würde Euch gerne um Hilfe bitten. Für meinen Roman bräuchte ich die männliche Sichtweise eines Liebesaktes. Das klingt relativ einfach, ist aber - für mich als Frau - nicht wirklich leicht zu verfassen, da ich - logischerweise - "nur" aus der Sicht einer Frau schreiben kann, bzw. das widergeben, was ich als vage Erinnerung gespeichert habe.

    Wenn also jemand Lust (!) verspürt, mir die männliche Sichtweise mitzuteilen, wäre ich sehr dankbar. Ich denke da an Vergleiche, Empfindungen, Wünsche, Gefühle, körperliche Reaktionen etc. .... kann ruhig auch deftig sein, aber bitte nicht pornomässig oder verkitscht.

    Meine E-Mail Adresse steht im Profil, wenn jemand lieber über Mail was mitteilen möchte. Ich werde mit den Infos natürlich nicht hausieren gehen und als "Belohnung" kann ich nur eine Danksagung versprechen (natürlich ohne spez. Hinweis, womit mir derjenige geholfen hat ), sollte der Roman gedruckt werden.

    Ich danke schon mal im voraus denjenigen, die sich trauen. Merci.

    Margot

  • SchweigegeldDatum19.05.1970 05:38
    Thema von Margot im Forum Diverse

      Schweigegeld


      Es braucht nicht viel, um Wege zu verlassen
      und an der nächsten Kreuzung links zu gehn;
      hältst du zu früh, wirst du den Zug verpassen,
      sitzt du verkehrt, musst du nach rückwärts sehn.

      Ich ging durch Täler, weil die Hitze brannte,
      doch meinen Stecken hielt ich nah bei mir;
      lief oft voraus, da meine Sehnsucht rannte
      und blieb doch stets ein Stückchen hinter dir.

      Ein falscher Schritt zur Zeit trieb zarte Blüten
      und trotz der Stille schwang die Melodie,
      jedoch mit Fesseln kann man nichts vergüten
      und mit dem Zweifel starb die Poesie.

      Nun sind die Äcker wieder brache Felder -
      selbst unsre Rosen schneiden wir zurück -,
      wir streiten noch um lose Schweigegelder
      und meucheln so das letzte bisschen Glück.



      © Margot S. Baumann
  • JahresringeDatum19.05.1970 01:22

      Jahresringe


      das Licht schmeichelt der Sehnsucht
      und lässt die Trauerränder verblassen

      durch halbherzene Schritte getrennt
      treibt die Illusion bemühte Blüten

      beim ängstlichen Verzichten
      lechzen wir nach neuen Jahresringen

      und verfluchen den Morgen




      © Margot S. Baumann
  • säumige LitaneiDatum18.05.1970 21:32

      säumige Litanei


      es ist zu spät

      die Welt hat sich gedreht
      und hält nie wieder an dem Ort
      der unsre Hand
      verband

      die Namen sind verweht
      was bleibt ist dieses Wort
      das so verletzt
      noch jetzt

      auch wenn der Mund noch fleht
      die Tage sind hinfort
      und was sich neigt
      das schweigt

      zu spät


      © Margot S. Baumann
  • A Chorus LineDatum18.05.1970 17:27
    Thema von Margot im Forum Ausgezeichnete Prosa
    A Chorus Line

    Ich habe Tanzfilme immer gemocht. Als Kind schaute ich sie mir mit meiner Mutter im Fernsehen, später mit einer Freundin zusammen im Kino an. Ich liebte die Lieder, die tollen Kostüme und die Leichtigkeit, mit der die Künstler über die Bühne wirbelten, samt ihrem Enthusiasmus für das, was sie taten.
    Im Laufe der Jahre verflog diese Affinität ein wenig und nicht viel ist mir von all dem Gesehenen im Gedächtnis geblieben. Aber, woran ich mich immer wieder erinnere, ist der Film ‚A Chorus Line’. Und nicht etwa, weil dort die Tanzszenen besser gewesen wären, als in den anderen Filmen, nein, es ist ein Lied, an das ich von Zeit zu Zeit denken muss.

    Eine Frau mit lateinamerikanischen Wurzeln – ich erinnere mich nur noch an ihren Nachnamen: Morales – singt dieses Lied auf der Bühne. Es handelt davon, dass ihr Schauspiellehrer die Klasse auffordert, sich vorzustellen, sie wären ein Stein, ein Tisch, irgendein lebloses Objekt. Und Morales kann sich nicht einfühlen. Findet es sogar lächerlich, einen Stein zu mimen, was es an sich ja auch ist.
    Der Lehrer rügt sie deswegen. Sagt zu ihr, sie hätte kein Einfühlungsvermögen, keine Feuer. Sie gebe sich keine Mühe und aus ihr würde nie eine gute Schauspielerin werden. Morales fühlte sich deswegen natürlich minderwertig, unzulänglich, gedemütigt und als Versagerin.
    Irgendwann, Jahre später, stirbt dieser Lehrer. Morales, als sie davon hört, geht in sich, um zu ergründen, ob sie Trauer fühlt, und sie spürt: Nichts!
    Das ist das Lied, die Szene, die mich bei diesem Tanzfilm am meisten bewegte. Und ich weiss noch, was ich damals dachte, dass es doch unmenschlich ist, nichts zu fühlen, wenn ein Mensch stirbt, den man gekannt hat.

    Heute Morgen rief mich meine Mutter an und sagte mir, dass mein ehemaliger Lehrmeister gestorben ist. Er war Zahnarzt und schon alt, als ich damals meine Lehre als Dentalassistentin bei ihm begann. Das liegt jetzt bald dreissig Jahre zurück; er muss daher ein biblisches Alter erreicht haben.
    Ich hatte mich damals spontan zu dieser Lehre entschlossen, weil ich nicht wusste, was ich werden wollte. Daher war diese Wahl so gut wie jede andere. Oder so schlecht, je nach dem. Denn nach einem Jahr habe ich die Ausbildung abgebrochen. Nicht, dass man mich geschlagen oder mir die Arbeit nicht gefallen hätte, aber der ‚Herr Doktor’ gab mir immer das Gefühl, ich sei nichts Wert. Ich konnte mich noch so anstrengen, mir noch so viel Mühe geben, er fand immer etwas an mir auszusetzen.
    Es gab Tage, da wünschte ich mir, dass die Strassenbahn, mit der ich zur Arbeitsstelle fuhr, entgleisen würde, nur damit ich nicht in die Praxis müsste.

    Ich war oft krank während meiner Lehrzeit. Und je öfters ich fehlte, desto mehr wurde mir meine Abwesenheit vorgeworfen. Meine Eltern waren ratlos. Ich, die vorher nie krank gewesen war, litt ständig unter Bauch- und Kopfweh, Müdigkeit und Erbrechen. Die erprobten Hausmittelchen halfen wenig bis gar nicht, aber zum Arzt ging man wegen so einer Lappalie nicht.

    Was hätte ich ihnen sagen sollen, auf die Frage, was denn mit mir los sei? Dass ich ständig von Alpträumen geplagt würde und meine Lehrstelle hasste? Dass ich mich vor meinem Chef fürchtete, weil er mich mit seinem Sarkasmus zum Weinen brachte? Für meine Eltern war ein studierter Mann über alle Zweifel erhaben. Sie hätten mich nicht verstanden.

    „Als Lehrling muss man unten durch!“, sagte mein Vater immer. Zähne zusammenbeissen, war seine Devise. Welche Ironie, bei einer Dentalassistentin!
    So biss ich halt meine Zähne zusammen, bis sie schmerzten und bis der Zusammenbruch kam. Telefonanrufe wurden getätigt. Eine Frau von der Lehrlingsaufsichtsbehörde kam zu mir und fragte Dinge, die mir peinlich waren. Mein Vater fuhr zum ‚Herrn Doktor’ und kam mit ernster Mine zurück. Meine Mutter weinte und es fielen harte Worte: Versagerin, unbrauchbar.

    Der Lehrvertrag wurde aufgehoben. Ich wurde wieder gesund und fand eine andere Lehrstelle in einem Warenhaus, wo ich eine Ausbildung zur Verkäuferin absolvierte. Als ich das erste Mal ein Lob für eine gute Kundenberatung erhielt, brach ich in Tränen aus.
    Die Alpträume verschwanden, das Bauch- und Kopfweh auch. Meine Mutter erzählte noch Jahre später, dass ihr selbstgemachter Kamillentee wahre Wunder bei mir gewirkt hätte. Die Strassenbahn fuhr ohne Zwischenfälle, bis ich die Abschlussprüfung bestanden hatte. Mein Vater klopfte mir auf die Schultern. Seine Art, mir zu zeigen, dass er mir vergeben hatte. Aber was?

    „Erinnerst du dich noch an den ‚Herrn Doktor’?“, fragte mich meine Mutter.
    Ich stand vor dem grossen Panoramafenster und blickte über die kahlen Felder.
    „Ja“, sagte ich.
    Sie hätte heute die Todesanzeige in der Zeitung gelesen und sich gefragt, ob ich nicht eine Beileidskarte schicken möchte. Die Traueradresse laute folgendermassen ....
    Ich griff nach einem Kugelschreiber und notierte mir mechanisch die Angaben, dann legte ich den Hörer auf.

    Aus dem Kinderzimmer dröhnte laute Musik und ich strich mir über die Stirn. Dann ging ich zum Fenster und öffnete es weit. Die kalte Winterluft vertrieb die aufkommenden Kopfschmerzen. Ich knüllte den Zettel zusammen, warf ihn in den Papierkorb und fühlte nichts.


    © Margot S. Baumann

  • Jane DoeDatum18.05.1970 15:45
    Thema von Margot im Forum Diverse


      Jane Doe


      mein Schlaf ist tief
      nichts kann erschrecken
      lass mich allein

      als ich noch rief
      begann sich Zeit zu strecken
      bis sie zerriss

      im Nachhinein
      ist Lust nur Sünde
      und Liebe vogelfrei

      nichts wärmt die Blicke
      nur Wut und Gründe

      ein letzter Schrei
      den ich ersticke
      mit einem Nein

      lasst mich allein



      © Margot S. Baumann
  • Der werfe den ersten SteinDatum18.05.1970 13:34
    Thema von Margot im Forum Ausgezeichnete Lyrik


      Der werfe den ersten Stein



      Nein, weit gefehlt, du warst nie der Bedachte,
      in all den Jahren sprach ich nicht zu dir.
      Und wenn ich jetzt das alles so betrachte,
      dann tut’s mir leid, doch kann ich nichts dafür,

      dass diese vielen Worte, das Begehren,
      das mich umgab und durch die Zeilen trieb,
      dem galten, der in meine Seele schrieb:
      In jener Nacht begann das Sichverzehren.

      Es kommt die Zeit, ich werd die Strafe tragen,
      doch hätte ich die Wahl, ich tät es gleich;
      denn diese kurze Spanne Himmelreich
      wog tausendfach das künftige Entsagen.

      Drum wirf den Stein, er schmerzt nur eine Stunde
      auf meiner Haut und das geht schnell vorbei,
      doch innen quält die stete Sklaverei:
      Man stirbt so langsam an vernarbter Wunde.



      © Margot S. Baumann



      ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

      ursprünglich 3. Strophe

      Es kommt die Zeit, ich werd die Strafe tragen,
      doch hätte ich die Wahl, ich tät es gleich.
      Für diese kurze Spanne Himmelreich,
      wog tausendfach das künftige Entsagen.


      Mit vereinten Kräften und viel Geduld (Eurerseits) zurecht gebogen.
  • NeigeDatum18.05.1970 12:50
    Thema von Margot im Forum Liebe und Leidenschaft


      Neige


      Am Glas klebt noch die rote Lippe,
      dein Duft mutiert zur Zeitmaschine;
      geknickter Halm, gekickte Kippe,
      der Asphalt glänzt mit Trauermiene.

      Ich trete auf der andren Stelle,
      auch die wird durch Berührung warm.
      Durch eine aufgeplatzte Quelle
      verdampft dein inhaltsloser Charme.

      Nicht, dass man leiser sprechen müsste -
      das Übel trägt sein Schwarz mit Stolz -
      und wenn ich dich zum Ende küsste,
      blieb doch ein Dorn im Ebenholz.



      © Margot S. Baumann
  • PollenflugDatum18.05.1970 11:40
    Thema von Margot im Forum Diverse

      Pollenflug



      Es war ein wundervoller Tag:
      Die Sonne streifte reife Kirschen,
      von fern ein heller Glockenschlag,
      unds Hündchen übte anzupirschen.

      Da sah ich sie am Wegesrand:
      Sie waren alt - so gegen Achtzig –
      und hielten sich die Runzelhand;
      das fand ich doch recht aberwitzig.

      Wer geht denn schon in diesem Alter,
      noch Hand in Hand die Strasse lang?
      Der Köter schnappte einen Falter,
      und ich derweil nach Spottgesang.

      Im Lebensherbst noch Zärtlichkeiten
      auf offnem Feld, im hellen Licht?
      Was sollen diese Albernheiten?
      Nein, wirklich, so was tut man nicht!

      Ich war pikiert und recht empört,
      da bückte sich der Kavalier,
      und brach – als hätt er mich gehört –
      ein zartes Röschen vom Spalier.

      Und reichte es, mit einem Diener,
      der Liebsten in der Häkeljacke.
      Die Frau rief lachend: „Du Schlawiner!“
      und küsste ihm die Faltenbacke.

      Da wurde es mir eng ums Herz,
      und forsch pfiff ich nach meinem Hund,
      lief übers Feld vom Bauern Merz
      und kam nach Haus zur vollen Stund.

      „Ach, schon zurück!“, klangs aus der Stube,
      „dann bring mir doch ein kühles Bier
      und etwas Streichwurst aus der Tube.
      Ganz blödes Spiel, das sag ich dir!“

      Und während ich den Hund ableinte
      und Brot ins Fernsehzimmer trug,
      da sah ich plötzlich, dass ich weinte:
      Vermaledeiter Pollenflug!




      © Margot S. Baumann / 2007

  • Madame Bonnet und ihre StrasseDatum18.05.1970 10:03
    Thema von Margot im Forum Diverse

      Madame Bonnet und ihre Strasse


      Sie denkt noch oft zurück an Kinderlachen,
      an Kreide auf dem flirrenden Asphalt;
      die selbstgemachten, bunten Seidendrachen,
      die sich verfingen in dem Mauerspalt.

      Vergangnes Jahr fiel hier die letzte Birke
      und dort riss man den Brunnen aus dem Bett.
      Ein Anzug sprach vom neuen Stadtbezirke
      und schwitzte dabei Flecken ins Jackett.

      Das Fensterkissen sah schon bessre Tage
      und manchmal schmerzt sie ihre linke Brust.
      Das Pärchen bringt die Möbel zur Garage:
      Die ziehen nach Lyon, Anfang August.

      Sie schliesst das Fenster, isst ein bisschen Kuchen
      und gönnt sich dazu eine Flasche Bier.
      Sie wollte immer eine Kreuzfahrt buchen,
      ein Moped knattert einsam durchs Quartier.



      © Margot S. Baumann
  • Thema von Margot im Forum Humor und Fröhliches


      Nestflüchter, oder wirre Gedanken zur Morgenstunde


      In deinem Blick liegt noch der Schimmer eines Traumes,
      der Morgen hält kaum Zwiesprach mit dem ersten Licht,
      als durch die hohe Krone eines nahen Baumes,
      ein dunkler Schatten durch die grünen Blätter bricht.

      Als wäre ich nur eine transparente Hülle,
      durch die ein Windstoss wehen könnte, ohne Not,
      befällt mich plötzlich eine beispiellose Fülle
      ganz rätselhafter Ängste um den nahen Tod.

      Und während wirre Bilder um mich toben,
      und Zweifel meine Glieder hält,
      beginnt ein Fink den neuen Tag zu loben.
      Mit ihm zerstiebt die Furcht und fällt

      auf nachtzerzauste Decke. Ich lege mich ermattet
      zu dir und halte dich umschlungen - viel zu fest.
      „Denkst du, mir ist noch weitre Zeit mit dir gestattet?“
      Du aber ziehst mich nur zurück ins warme Nest.




      © Margot S. Baumann
  • Dornenrosa, reichlich unbefriedigtDatum17.05.1970 20:19
    Thema von Margot im Forum Circus Lyricus

      Dornenrosa, reichlich unbefriedigt


      Ach, lieber Prinz, auf deinem stolzen Ross,
      kämst du heut wirklich endlich angeritten,
      du fändest mich zwar noch im Dornenschloss,
      doch aus dem Brüstchen wurden Hängetrauben.

      Du edler Mann, mit Schwert und goldner Rüstung,
      ich säh den Schrecken wohl in deinem Blick,
      entdecktest du mein Antlitz auf der Brüstung,
      so grauste es dir vor erhofftem Trunk.

      Der Fluch ging leider schiefer als geplant,
      trotz all dem vielen Schlaf, vertieften sich die Falten.
      Hat es die Hexe wohl vorausgeahnt,
      dass es dich ekeln würde vor antiken Möbeln?

      Ich hab mir das auch wirklich anders ausgemalt;
      mir stand der Sinn nach Lachen und nach Tanz,
      nun habe ich die Zeche zweimal gar bezahlt:
      Krieg keinen Kuss und keinen jungen Spatz!

      Und all der Kummer nur infolge einer Spindel?
      Sag an, wie ist mein Schicksal nur zu stoppen?
      Was nützt mir jetzt der Koch, die Tauben unds Gesindel,
      wo mir der Sinn so schmerzlich steht nach singen!?
  • Vertagte NächteDatum17.05.1970 18:29
    Thema von Margot im Forum Diverse

      Vertagte Nächte


      Nieselregen synonymt
      Abschiedstränen

      unangemessener Schmerz
      für lose Stunden

      im Rückspiegel trotzt
      deine fröstelnde Gestalt

      der mitgebrachte Kuss
      wird zollfrei abgefertigt

      und über den Wolken
      platzen die Nähte




      © Margot S. Baumann



    Auf Wunsch in eine Rubrik verschoben
  • Wer ohne Sünde istDatum17.05.1970 14:20


      Wer ohne Sünde ist


      Sag an, wie lange willst du dich noch quälen
      und weiter leugnen, was dein Herz entzweit?
      Die Zeit macht eine Ausflucht nicht zur Wahrheit;
      steh endlich auf, es gilt zu wählen!

      Ach, red mir nicht von bösen Schicksalsschlägen
      und leg darob die Hände in den Schoss.
      Noch ist dein Sehnen sichtbar grenzenlos,
      so lass dich bitte nicht durch Feigheit prägen.

      Es stimmt, mich ängstigt auch sehr oft das Neue,
      und manchmal ist der Weg nur steil und weit,
      jedoch das Schlimme ist – zuletzt - die Reue,

      für die verpasste eine Möglichkeit:
      War es am Ende wirklich echte Treue,
      vielleicht nicht einfach nur Bequemlichkeit?



      © Margot S. Baumann
  • DichterschicksalDatum17.05.1970 13:50
    Thema von Margot im Forum Circus Lyricus


      Man mag mich nicht besonders hier im Dorf.
      Wer schreibt, ist ihnen absolut suspekt.
      Und weil ich’s tu, verwehrt man mir Respekt.
      Trotz Stattlichkeit erscheine ich amorph.

      Geh ich am Sonntag frisch geputzt zur Messe,
      sitz ich alleine auf der letzten Bank,
      und greif ich reuig nach dem Christustrank,
      seh ich meist nur des leeren Kelches Blässe.

      So ist mein Leben, wegen meines Schreibens,
      nicht wirklich glücklich, wie man jetzt bemerkt.
      Gut möglich, dass ich, ob dies bittren Leidens,

      es aufgeb, was wohl keinen heftig schreckt.
      Jedoch, und trotz des demütigen Treibens,
      bin ich ein Dichter, leider unentdeckt!



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Homepage: www.margotsbaumann.com
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