ich schreibe Ihnen diese Zeilen, nicht etwa, weil ich zutiefst betroffen bin,
sondern, weil mich der Verlust einiger individueller Einzelteile doch weniger hindert,
als ich es bei Vertragsabschluss gedacht hatte.
Zu meiner Verwunderung ist die Entnahme des Gefühlszentrums bisher nicht wesentlich ins Gewicht gefallen.
So führe ich meine Ehe und meine sozialadäquaten Kontakte wie bisher
und verzichte lediglich auf die Unterstützung meines Handelns durch eine emotionale Mimik.
Die Reaktionen hierauf sind mir unbekannt, da ich mich auch jetzt zeitlich nicht in der Lage sehe,
Interpretationen zu finden.
In speziellen ist mir aufgefallen, dass der Verlust der äußeren Geschlechtsorgane
durchaus auch positive Aspekte aufweist.
Der Paarungsreiz ist zwar erhalten worden ( weiß Gott, wie sie dass gemacht haben ),
aber durch den Umstand, dass eine Realisation nicht praktikabel ist, fällt der Verzicht auch nicht ins Gewicht.
Wie bereits weiter oben schon erwähnt, bin ich also auch hier in der Lage
meine Ehe wie bisher aufrecht zu erhalten.
Ähnlich gute Erfahrungen kann ich ihnen auch von der Amputation meiner Beine berichten.
Denn wo ich noch vor Monaten das innere Bedürfnis hatte, mich zu beeilen,
habe ich jetzt eine sehr ausgeglichene Einstellung zur Zeit bekommen.
Nicht zuletzt aus diesen Gründen und der tiefen, ehrlichen Zufriedenheit,
würde ich Ihnen gerne mein Gehirn anbieten.
So weit nichts dagegen spricht und sie mein Angebot annehmen,
würde ich mich am 25.04. diesen Jahres in ihrer Klinik einfinden
und sie könnten mir dieses lästige Organ entfernen.
Die Erfahrungswerte, die meine Frau, die diesen Eingriff jetzt drei Monate hinter sich hat,
gemacht hat, sind sensationell.
Sie hat bisher kein einziges Wort darüber verloren, doch zeigt mir
ihr entspannter und unangestrengt wirkender Gesichtsausdruck,
dass sie in vollkommener Ruhe und Entspannung vor sich hinvegetiert.
Das ist es, was ich immer erreichen wollte.
Den Zustand, der absoluten Zufriedenheit.
Ich hoffe wir werden uns auch hier geschäftlich einig.
Die Haare meiner Tochter und die Arme meines Sohnes sind ihnen in der letzten Woche bereits geschickt worden.
Leider ist die Gutschrift auf meinem Konto noch nicht erfolgt.
Cellulitis war eines der Worte, die unser Zusammenleben prägten, wie kaum ein anderes.
Im Sommer war es am schlimmsten, denn ein Besuch im Schwimmbad war ausgeschlossen.
Wanda zog sich die Hose herunter, kniff eine Stelle an den Oberschenkeln fest zusammen und fragte:
"Meinst du, so setz ich mich dahin?"
Ich verzichtete inzwischen darauf diese Frage zu beantworten und war damit zufrieden,
dass wir genug zu essen hatten, um jeden Tag im Sommer zu grillen.
"Hier ist doch auch schön, Schatz."
Auch hierauf verkniff ich mir jede Antwort, stopfte weiter Bauchfleisch, Nackensteaks und Minutenkotellets in mich rein.
Im Laufe der Jahre erweiterte ich nicht nur meinen intellektuellen, sondern auch den Horizont meines Bauches.
Das hieß, wenn ich mich in den Gartenstuhl setzte,
musste ich die Hose öffnen, damit ich nicht in den Zustand der Klaustrophobie verfiel.
Die Cellulitis blieb die gleiche.
Ich glaube Frauen bekamen direkt bei der Geburt einen Chip eingesetzt, der auf Orangenhaut programmiert ist.
Egal, ob eine Frau sie tatsächlich bekam, oder nicht, sie sprachen darüber, wie Männer über Fußball oder Autos.
Unsere Jahre verstrichen wie im Flug.
Ich hatte inzwischen das Gewicht einer Schlachtkuh, ein famoses Doppelkinn,
dass von einem Dreitagebart kaschiert wurde und Wanda sah aus wie vor 10 Jahren: Schlank, edel und schön.
Ach ja, und natürlich mit Dellen am Oberschenkel.
Ich hatte es aufgegeben, ihr zu sagen, dass da keine waren.
Dann kam der Tag, der unser Leben eingehend veränderte.
Ich kam von der Arbeit und Wanda kam mir schon im Flur entgegen:
"SCHAU WAS ICH HABE!!!!!"
"Ja, was denn Süße?"
"Zwei-Wochen-Anti-Cellulite-Entspannungs-Bad."
Sie hielt mir die Flasche hin.
Ich nahm sie und stellte sie auf den Tisch.
"NEIN, LIES WAS DA STEHT!!!!!!"
Ich nahm die Flasche wieder vom Tisch und las was da stand:
Ihre Oberschenkel, Ihr Bauch oder auch Ihr Po weisen nicht mehr die Festigkeit auf, die Sie sich wünschen? Sie möchten Ihre Orangenhaut beseitigen? Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihre aas erfrischende Cellulite Bad aus reinem Aloe Vera Saft aktiv und intensiv einsetzen für die körpereigenen Regenerationskräfte Ihrer Haut nutzen können.
Heilpflanzenextrakte aus jungen Efeublättern, Mäusedorn, Rosmarin und Tigergras aktivieren in Verbindung mit reinem Koffein aus grünem Tee die Microzirkulatiion
Die Silhouette wird sichtbar gefestigt und gestrafft.
"Wanda, das ist das gleiche, das du immer kaufst. Seit Jahren:
Cellulitis-Gell,
Schwämme,
Cellulitis-Packungen.
Nur jetzt steht da Cellulitis-Bad drauf."
"Aber das wirkt in zwei Wochen!!!"
Das war das letzte was ich von Wanda hörte, dann verschwand sie im Bad, ließ sich Wasser ein,
kippte eine Verschlusskappe der Wunderdroge hinein und war in den Fluten verschwunden.
Nach drei Stunden ging ich nach ihr sehen, aber alles war in Ordnung.
Sie ließ gerade heißes Wasser nachlaufen und schien glücklicher als je zuvor.
Sie blieb die ganze Nacht in der Badewanne.
Als ich morgens aufstand und mich im Bad frisch machte, lag sie immer noch im Wasser.
Als ich von der Arbeit kam war es nicht anders.
Auch die nächste Nacht verlief wie die erste.
"Wie lange willst du denn jetzt in der Wanne bleiben?"
"ZWEI WOCHEN!"
Ich nahm es hin, wie es war, denn wenn ich eines gelernt hatte, dann war es die Celluitis-Problematik ernst zu nehmen.
Ich versorgte sie mit Essen und Getränke, baute den Fernseher aus dem Schlafzimmer im Bad auf und verlegte einen Telefonanschluss zu ihr.
Nach einer Woche fing die Haut böse an aufzuquellen.
Sie jauchzte vor Freude:
"SCHATZ, es fängt an zu wirken."
Am zehnten Tag, waren erste Hautstücke von den Fingerkuppen abgelöst
und die Zehnägel fingen an sich von den Zehen zu verabschieden.
Einen Tag darauf fiel sie in für mehrere Stunden ins Koma, aber ich hatte vorsorglich eine "Anti-Ertrink-Hilfe" eingebaut, die es verhinderte, dass der Kopf unter Wasser kam, wenn sie einschlief.
Am dreizehnten Tag holte ich den Notarzt, weil keine Stelle ihrer Haut mehr feste Struktur hatte. Ihre Atmung hatte sich auf den Rhythmus eines Igels im Winterschlaf reduziert und sie war nicht mehr ansprechbar.
Sie reagierte nicht auf meine Stimme, oder auf kräftiges Kneifen.
Der Notarzt rief den Krankenwagen und sie wurde ins nahe gelegene Hospital eingeliefert.
Erst nach zwei weiteren Wochen war sie einigermaßen wieder auf dem Damm und konnte die Umgebung erkennen.
Der stationäre Aufenthalt dauerte insgesamt drei Monate und sie hatte wirklich Glück, dass sie noch lebte.
Nach ihrer Entlassung packte sie ihre Klamotten und zog zu ihrer Mutter,
weil ich ihr alles versaut hatte.
Einen Tag hätte ich noch warten können, dann hätte es gewirkt, sagte sie zum Abschied.
Auf dem Wohnzimmertisch lagen zwei meiner Bücher und der Rest des gestrigen Abends, von dem ich mir sicher war, dass er mich tagelang beschäftigen würde.
Der Geruch von Zigaretten und Alkohol war so unerträglich, dass ich das Fenster öffnete.
"Sag mal, hast du den Arsch auf? Soll ich mir den Tod holen, oder was?"
Ich schloß das Fenster wieder und ging ins Bad.
Der Mann im Spiegel erinnerte mich an einen missglückten Kreuzungsversuch zwischen einem Humanoiden und einem Sack Müll, wobei die Gene des Mülls sehr dominant gewesen sein mussten.
Ich hielt den Kopf unter den Wasserhahn.
Es nutzte nichts.
Ich schleppte mich wackelig in die Küche, setzte einen Kaffee auf und setzte mich auf den Stuhl, um zu warten bis er fertig war.
Rita kam rein.
"Gibt's Frühstück?"
"Siehst du welches?"
Ich ging vorbei an ihr ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein.
11.15 Uhr Sonntags vormittags.
Gut, ich schaltete ihn wieder aus.
Rita kam mit zwei Tassen hinterher und stellte sie auf den Tisch.
"So, erstmal ein Käffchen."
In der Küche hörte man die Kaffeemaschine, wie sie die letzten Tropfen Wasser unter riesigem Geräuscheaufwand in die Kanne würgte.
Rita war eigentlich 'ne gute Frau.
Ich kannte sie jetzt sechs Jahre und wir verstanden uns mittelprächtig.
Wir gingen am Wochenende in die gleichen Läden, so ließ es sich nicht vermeiden, dass wir uns hin und wieder über den Weg liefen.
Wenn zu viel Alkohol im Spiel war, sahen wir uns auch morgens.
Meistens trieben wir es nicht miteinander, weil die Motorik es uns nach einem solchen Abend nicht gestattete.
Vor einem Jahr hatten wir sogar versucht ein Paar zu sein.
Es ging schief. Warum wussten wir nicht.
Eines Abends zog sie zurück in ihr 30 m² Appartment und ich schleppte ihr die Sachen in den fünften Stock.
An diesem Abend hatten wir das einzige mal vernünftigen Sex.
Vielleicht weil wir erleichtert waren, dass es so gekommen war.
Jedenfalls war sie wieder da und meistens war das nicht gut.
Sie hatte inzwischen den Kaffee aus der Küche geholt und schüttete ihn ein.
Es roch ein wenig nach Leben und Familie und ein bisschen nach Sonntag Morgen mit Rita.
Sie blätterte in meinem letzten Gedichtband.
Ziemlich desinteressiert, aber sie meinte wohl, dass es mir schmeichelt, oder was weiß ich.
"Sag mal, wer ist den Elli?
"Wer?"
"Elli. Hier stehen ein paar Gedichte über sie."
Sie blätterte und zeigte mir eine Seite:
Hier: ...Elli war die Frau,
die das Scheitern erfunden hatte,
aber sie liebte mit der Hingabe einer
Mähmaschine....
Ich nahm einen Schluck Kaffe und sah Rita an.
"Elli ist ein Fantasiename."
"Erzähl keinen Scheiß."
Ich ging auf die Toilette und übergab mich zweimal, wusch mein Gesicht,
putzte meine Zähne und ging zurück ins Wohnzimmer.
"Sag mal, wer ist denn Elli jetzt? Oder ist das ein Geheimnis?"
Ich nahm mein Buch aus der Hand, blätterte ein bisschen herum, öffnete das Fenster und schmiss es raus.
"Elli ist weg, kannt du jetzt auch gehen?"
Rita sah mich verwundert, überrascht und angewiedert an.
"Naja, das muss ja geheim sein, dass du so einen Aufstand machst.
Aber es geht mich ja nichts an, oder? Wie immer, eigentlich geht mich gar nichts was an. Hauptsache ich lass mich zwischendurch flachlegen, oder ich ertrage deine Anrufe, wenn du mal wieder im Arsch bist.
Klaro, dafür bin ich gut.
Aber mit deinem Leben, da habe ich natürlich nichts zu tun. Verstehe."
Sie zog sich die Jacke an und verließ die Wohnung unter schweren Türschlägen und lautstarkem Gezeter im Flur.
Ich sah aus dem Fenster und sah wie sie das Buch in ihre Handtasche steckte.
Dann verschwand sie durch die Hoftüre.
Tschüss Elli.
Man muss den Mädchen nicht erzählen, dass man ihnen Gedichte widmet, dass macht sie nur komisch.
Oder anhänglich.
Ohne sie war es besser.
Ich trank den Kaffee aus und rief meine Mutter an, ob ich zum Essen kommen kann.
Gabi gehörte zu der Art von Frauen,
die sich selber ernst nahmen.
Sie erfand die Zeit neu
und fickte wie eine gebrauchte Standuhr.
Man musste sie ständig aufziehen
und manchmal funktionierte sie
trotzdem nicht.
Irgendwann stand sie mit
irgendeinem Typen in unserem Wohnzimmer.
"Mike, das ist Jim aus Nigeria.
Jim, that's Mike."
Vor mir stand ein zwei Meter großer,
muskelbepackter Mann,
gab mir seine riesige schwarze Hand
und sah mich mit seinen gelblich schimmerden Augen an.
"Hey Mike,
i've heard a lot from you.
Nice to meet you."
Ich antwortete ihm nicht,
drehte mich um und schaltete
den Fernseher an.
Ich wusste wie solche Sachen liefen.
Und ich hatte meistens Recht.
Danach wohnte Jim bei uns,
Seine Funktion konnte ich nicht zuordnen.
Er stieg nicht mit ihr ins Bett,
er beteiligte sich an nichts.
Er sah kein Fernsehen,
er aß nichts,
er atmete nicht.
Oder nur so, dass ich es nicht erkennen konnte.
Jedenfalls war er da.
Gabi zog nach drei Monaten aus.
Sie meinte, irgendwie hätten wir uns
auseinander gelebt und sie hätte da
so einen netten jungen Mann
kennen gelernt.
Er wäre wirklich der Richtige für sie,
hätte einen tollen Job
und nächstes Jahr würde er sie mitnehmen
auf eine Rundreise durch die USA.
Jim ließ sie mir als Andenken zurück.
Ich stellte ihn auf den Balkon,
neben die leeren Cola Flaschen
und die verwelkten Geranien
vom letzten Sommer.
"Hi Mike, that's great."
Ich schloß die Balkontüre
und setzte mich auf Sofa.
Die Dinge werden sich entwickeln,
wie sie es müssen.
Ich habe keinen Einfluss darauf.
Nein,
Angst vorm Tod habe ich nicht,
es sind vielmehr die kleinen Phobien,
die mich jeden Tag ein wenig sterben lassen.
Dieses komische Gefühl,
wenn ich an einer Gruppe junger Männer vorbei gehe.
Vor ein paar Jahren hätte ich noch erwartungsvoll
in dieMenge gelächelt.
Immer die Frage:
"Na alles klar, Jungs?"
auf den Lippen.
Heute sehe ich zu Boden,
vielleicht auf die andere Strassenseite,
oder gehe einfach nicht weiter.
Es ist keine Angst,
sicher nicht.
Es ist das klare Gefühl,
dass ich die Stellung des ranghöchsten Männchens
lange verloren habe.
Und Erika.
Mein Gott, wir trafen uns zwei drei mal die Woche.
Wir wussten was wir wollten.
Es war immer gut.
Es war brachial, irgendwie krank,
aber es trieb mich immer wieder in ihre Arme,
zwischen diese kräftigen Beine des Vergessens.
Gestern hab' ich sie getroffen.
Sie hatte immer noch diesen BLick,
für den du auf einen guten Nachmittag mit Freunden verzichtest.
Du würdest ohne mit der Wimper zu zucken,
deinen Job hinschmeissen,
für eine einzige Nacht mit ihr.
"Hey Mike, Lust auf 'ne Runde zu zweit?"
"Ne, ich muss weiter, Süße."
Sie schaute mich an,
wie einen, dem man die Eier amputiert hat
und sie beim Metzger um die Ecke aufgehangen hat.
Mit 'nem kleinen Zettel dran: Versager-Eier
Ich musste schlucken bei diesem Blick.
Scheiße, es war vorbei.
Wenn es dir an einem trüben Nachmittag
im November klar wird, trifft es dich noch härter.
Alles ist von Melancholie und Nostalgie angehaucht.
"Und außerdem bin ich nicht in Stimmung."
Sie gab mir einen Kuss auf die Wange,
und ging weiter.
Ihr praller Arsch in dem kurzen roten Röckchen
wippte die Strasse entlang
bis er an der Hand irgendeines Rudelführers verschwand.
Ich pinkelte an einen Baum
und hinterließ mein letztes Zeichen.
Die kleinen Schneeflocken setzten sich auf die Äste
und versuchten mit Gewalt ein Winterbild zu zaubern.
Ich sah auf die Strasse,
sah die Menschen in ihren dicken Mänteln.
Mir war kalt.
Mehr nicht.
Jule fickte gerade einen anderen.
In irgendeiner Stadt.
In irgendeinem Bett.
Ich hatte schon drei Tassen Kaffee intus
und rauchte die was weiß ich wievielte Zigarette.
Moni stand auf.
“Guten Morgen.”
Ich schüttete ihr einen Kaffee ein.
“Kein Problem, wegen gestern Abend.” sagte sie.
Jule kuschelte sich gerade an irgendeinen Kerl.
Und hauchte unsere Worte
in fremde Ohren.
Scheiß drauf.
Holly beugte sich weit
über den Tisch
und zog sich die Hose
bis zu den Knien runter.
"Na, findest du ich habe einen geilen Arsch?"
"Sicher Baby, hast du."
Ich hatte drei Nächte
nicht geschlafen.
Mein ureigenstes Bedürfnis
auf Paarung war noch auf Wanderschaft.
Ich erwartete es in den
nächsten Tagen erst wieder zurück.
"Und?"
fragte sie und bewegte
sich rhythmisch im Takt
der Musik,
die aus meinem alten Radio dröhnte.
"Nichts und, zieh dich an
und geh nach Hause.
Heute ist nicht mein Tag."
Sie zog die Hose wieder hoch,
drehte sich um und sah mich an.
"Du bist seltsam,
weißt du das?"
"Klar."
Sie nahm ihre Jacke
und verließ meine Wohnung.
Ich machte den Fernseher an
und sah mir eine Sendung
über die Laichplätze
der Lachse an.
Es war langweilig.
Ich schaltete auf
"Welt der Wunder" um.
Sie zeigten wie man
Corned Beef herstellte.
Ich bekam Hunger
und bestellte mir eine Pizza.
Der Wanderstock
meldete sich früher als erwartet zurück
und ich rief Holly an:
"Hey, Lust noch mal vorbei zu kommen?"
"Ne, lass mal, ein anderes mal vielleicht."
Eine Viertelstunde später
kam die Pizza.
Fettig, verbrannt und
nicht genießbar.
Ich nahm mir ein Bier,
schaltete noch auf ein paar
andere Programme
und blieb bei
"Playbov TV" stehen.
Ein paar blonde Schönheiten
lagen auffordernd im Sand
und streckten ihre Ärsche
in die Kamera.
Ich drückte die Wahlwiederholung.
"Vielleicht ein Viertelstündchen?"
Sie legte auf.
Ich trank mein Bier aus
und ging schlafen.
Ich träumte von Lachsen
und Fleischfabriken.
Von ihr träumte ich nicht.
Alles war gut.
Er wachte nur langsam auf.
Irgendwie kamen seine Sinne nicht so recht in Bewegung. Irgendetwas war anders als sonst. Er versuchte noch im Dämmerschlaf herauszufinden was es war.
Er konzentrierte sich so gut er konnte, aber er vernahm nur irgendwelche elektronischen Geräusche, die er nicht einordnen konnte. Irgendwie fühlte er sich leer und kalt.
Er bemühte sich seine Augen zu öffnen, ab es funktionierte nicht.
So sehr er sich auch anstrengte, es klappte nicht. Sie schienen verklebt zu sein.
Als er sich die Augen reiben wollte, bemerkte er, dass er seine Arme nicht bewegen konnte.
Auch Beine und sein ganzer Körper schienen in einer Art Starre zu sein.
Aber es beunruhigte ihn nicht.
Er hörte neben sich Stimmen.
Zwei Männer unterhielten sich.
"Jetzt ist X2007-16 an der Reihe", sagte die tiefere der beiden Stimmen.
"Ja, mache ich gleich, aber es fehlt noch ein Torso aus diesem Jahr", erwiderte die andere Stimme gelassen, aber sehr bestimmend.
Er vernahm Schritte die sich ihm näherten.
Eine Frau sagte: "Und, Funktionen in Ordnung?"
Dann fühlte er, wie sich Hände an seinem Kopf zu schaffen machten.
Sie fühlten ihn ab. Untersuchten ihn.
"Umfang okay, Temperatur noch drei Grad unter Eingriffsbereich. Noch mal strahlen, bitte", sagte die Frau.
Dann ging irgendeine Maschine an.
Es dröhnte in seinem Kopf und es war, als würde er vibrieren.
"Reicht. So ist es gut.", klang dumpf die dunklere Männerstimme.
"Vorbereiten, auf geht's".
Dann spürte er wieder Hände. Diemal mehrere. Sie hantierten an seinem Kopf. Er hörte eine Schere. ""Vorsichtig mit dem Port", sagte ein Mann.
Ein anderer fügte lachend hinzu:" Mach ihn nicht kaputt, ich hab' keine Lust wieder tausend Formulare auszufüllen, bevor ich einen neuen bekomme."
Die anderen lachten mit.
Dann spürte er, wie eine Art Verband, oder Stoff von ihm abgewickelt wurde. Es fühlte sich angenehm an. Er erinnerte sich, wie er las Kind mal den Unternahm gebrochen hatte und man ihm den Verband abnahm. Ja, das war genau so, dachte er.
Er spürte durch die Augenlider, dass es hell war im Raum, aber er schaffte es immer nich nicht seine Augen zu öffnen.
"Mach mal richtig sauber", sagte die Frau.
Dann wurde sein Kopf gewaschen. Es roch nach Desinfektionsmittel.
Wie in einem Krankenhaus.
Seine Augen wurden auch gesäubert.
Langsam konnte er wieder ein bisschen sehen.
Aber es war grell.
Nach einer Zeit klappte es besser.
Er sah sich um.
Weiße Wände, weiße Instrumente.
Überall liefen Menschen umher. Sie trugen kleine Instrumente, die an einem Draht hingen und ständig irgendwelche Informationen anzeigten.
der Raum war voller Tische.
An jedem Tisch schien ein eigenes Team zu sein.
Und auf dem Tisch lag jeweils ein Kopf.
Er bemerkte wie ein fürchterlicher Schauer ihn durchzog.
Die Tische schienen in verschiedenen Vorbereitungsphasen zu sein.
Teilweise sahen die Köpfe aus wie ganz normale Menschen. Sie bewegten sich. Einige unterhielten sich mit dem Team.
Andere waren noch eingehüllt, in eine Art Papierfolie.
Einige waren noch komplett eingewickelt in eine Gewebe, das so aussah wie Pergament.
Eine Frau kam auf mich zu.
"Ach, X2007-16, endlich aufgewacht? Ich hoffe es geht ihnen gut.
Ich denke sie sind in einer Stunde an der Reihe. Also noch ein bisschen Geduld."
Womit an der Reihe.
Scheiße, was ist hier los. Wo bin ich?
Er versuchte aufzustehen. Es funktionierte nicht. Er schaffte es nicht sich einigermaßen zu bewegen. Er schaute an sich hinunter.
Aber da war nichts.
Direkt unter seinem Hals war der Tisch.
Das kann nicht sein, dachte er.
Er war einer dieser Köpfe, die auf den Tischen standen.
An den Enden der Hälse waren Kabel angebracht, die mit Geräten verbunden waren.
Diese Geräte schienen ununterbrochen Diagramme und Daten zu erstellen, die in einem nicht enden wollenden Tmpo über einen riesigen Bildschirm liefen.
Hin und wieder ging einer der Menschen zu diesen Geräten und las irgendetwas ab. Dann koppelte er das Gerät, das er bei sich trug daran an.
Sehr wahrscheinlich um Daten abzustimmen, dachte er.
Wofür Daten, wofür die ganzen Köpfe?
1. Aufnahme
Nach einiger Zeit kam die Frau, deren Stimme er schon kannte auf ihn zu. Sie trug mehrere Akten unter dem Arm und wirkte gestresst.
"So, dann wollen wir mal", fing sie an.
"Ihr Name ist laut den hier vorliegenden Unterlagen "Mike Lyders". Sie sind am 03.05.1963 in Detroit geboren. Verheiratet und eine Tochter. Soweit richtig?"
Der Mann nickte.
"Antworten sie bitte mit ja, oder nein." sagte sie.
"Ja." sagte er und wunderte sich, dass es ihm möglich war zu sprechen.
Das ganze schien absurd. Wie in einem schlechten Traum. Aber irgendwas wies ihn darauf hin, dass dies kein Traum war. Aber was zum Teufel, war es dann.
"Was ist hier los?" fragte er.
"Alles zu seiner Zeit." entgegenete die Frau.
"Also machen wir weiter. Mein Name ist Helen Byrd. Ich wurde eingeteilt, mit ihnen die Aufnahme zur Bereitstellung eines Torsos zu besprechen."
Er verstand nicht was sie sagte, vielmehr wollte und konnte er es nicht verstehen. Bereitstellung eines Torsos. Was war damit gemeint. Warum überhaupt war er hier.
"Welche Bereitstellung", frage Mike.
"Später, Herr Lyders, lassen sie uns erst die Formalitäten erledigen und dann schauen wir mal, wie wir ihnen in den detailierten Fragen weiterhelfen können.
"Also, sie unterschrieben im April 2007 bei der Firma US-Arrive einen Vertrag, dass sie im Todesfall eingefroren würden und für eine in der Zukunft liegenden möglichen Reanimation, wieder in die Gesellschaft aufgenommen werden wollten.
Zu diesem Fall wurde ihr Kopf getrennt von ihrem Körper und mit der Nummer X2006-16 präpariert. Ihr Torso wurde mit der Nummer X2007-16/2 ebenfalls konserviert. Dieser Vorgang war nötig, da für die mit dem Gehirn in Zusammenhang stehenden Gewebeteile eine andere Konservierungsmethode benutzt werden musste, als für die restlichen Organe.
Im Jahre 2037 kam es zu einem größeren Störfall im Kühlaggregat der US-Arrive. Die Notstromgeneratoren wurden hierdurch auch zum größten Teil zerstört.
Einzig die Zellen in denen die Köpfe der Probanten gelagert wurden, wurden nicht beschädigt.
Die Torsen waren nicht mehr zu retten und die US-Arrive musste kurze Zeit später in Insolvenz.
Die funktionierenden und sich noch in gutem Zustand befindlichen Gehirne, nebst umliegenden Gewebe, wurden bei der Zentrale für wiederverwertbare humanoide Strukturen zwischengelagert und im Rahmen einer Auktion im Dezember 2039 von uns ersteigert.
Somit liegen alle Rechte an ihrem Gehirn, so wie die damit verbundenen Erinnerungen, Gedanken und sonstige Tätigkeiten, die ihr Gehirn in der Zukunft erbringt, rechtlich bei uns.
Wir stellen unseren Probanten geeignete Körper zur Verfügung, die aus dem Abkommen des Verteidigungsministeriums mit uns, durch verschiedene Ausfälle an strategischen Kommunikationszentralen, entstehen.
Hierbei werden ausschliesslich die Gehirne der eingesetzten Menschen zerstört.
Der Körper bleibt absolut unverletzt und würde ihnen zur Verfügung gestellt werden.
Nach der Rekonstruktion der Verbindungskanäle würden sie an den letzten Einsatzort des Ausgefallenen gesandt und würden dort seine Aufgaben übernehmen.
Haben sie das so weit verstanden Herr Lyders?"
“Nicht so ganz.” erwiderte Mike. “Woran bin ich überhaupt gestorben, warum bin ich hier, warum lebt mein Kopf und....”
“Also”, sagte Helen, “die Todesursache ist in Ihren Unterlagen leider nicht hinterlegt.
Ich gehe auf Grund ihres Alters im Jahre 2007 davon aus, dass es sich sehr wahrscheinlich um einen Unfall handelte. Leider ist auch im Datenabgleich mit dem entsprechenden Jahr keinerlei Hinweis darauf gefunden worden. Nun ja, ich denke, dass dies nun auch eine nebensächliche Rolle spielt, da sie jetzt ja aktiviert wurden und einem weiteren Leben nichts mehr im Wege steht.”
“Das wirkt alles so unwirklich”, sagte Mike. ”Ich verstehe es nicht. Wie in einem Horrorfilm.”
“Ach sie meinen diese Aufzeichnungen, in denen Menschen andere Menschen spielten, um sie zu unterhalten?”, fragte Helen.
“Ja, so kann man es nennen. Schauen sie keine Filme?”
“Filme braucht man nicht. Sie haben keinen Informationswert. Sie entstehen aus Erinnerungen und Ideen. das sind Fehlfunktionen im Ablauf der menschlichen Gehirne. Wir sind auf viele dieser Defekte gestoßen, aber wir konnten noch nicht alle katalogisieren. Einige verstehen wir nicht.”
“Welche Defekte?”, fragte Mike.
“Trauer zum Beispiel. Es scheint so, als hätte der Mensch eine Anreicherung verschiedener Hormone, die ihm Emotionen erstellen, die sich aber nicht real zu den anderen Alltagsempfindungen verhalten. Auch Freude, Liebe, oder wie sie es nennen: Wut.”
“Sind sie nie traurig oder ängstlich?” fragte Mike
“Nein, wozu”, antwortete Helen.
“Nie verliebt oder wütend?”
“Nein, natürlich nicht.”
“Aber zurück zum Thema”, sagte Helen. “Ich lese ihnen jetzt die Bereitstellungsbedingungen vor:
1. Ich Mike Lyders, hier registriert unter X2007-16, erkläre mich hiermit eiverstanden am Bereitstellungsprogramm der Human Factory teilzunehmen. Mir wird hierzu ein Körper aus der Reihe “Humanoide Grundstruktur 0-123-MV” zur Verfügung gestellt. Bis zur kompletten Übergabe an das Ministerium für Wiedereingliederung menschlicher Lebensformen, bleibt der mir überlassene Körper Eigentum der Human Factory.
2. Zur Optimierung meines Einsatzes für Zwecke der Kommunikationsoffensive stimme ich zu, dass die Teile meiner Erinnerung, die sich auf nicht relevante Gebiete des Denkens beziehen, entfernt werden. Diese Erinnerungen werden der Human Factory zur Verfügung gestellt, um sie im Bereich “Fehlerqoutenreduzierung im Bereich organischer Prozesse zu nutzen. Eine Kopie dieser Erinnerungen wird zusätzlich in der Datenbank der Human Factory gespeichert, falls die Rekonstruktion des X2007-16 erforderlich sein sollte.
Zu den Fragmenten die aus dem X2007-16 gelöscht werden, zählen insbesondere die Erinnerungen, die sich auf die dem Probanten erläuterten zwischenmenschlichen Defekte beziehen.
3. Ich erkläre mich damit einverstanden alles mir anvertraute geheim zu halten und mich mit anderen Humanoiden nicht auszutauschen. Prozesse oder Abwicklungen die ich im Rahmen meiner Bereitstellung erfahren habe, sind ersatzlos zu löschen. Sollte die Mitarbeiter dieses Vorgang im Rahmen meiner Überführung vergessen, stimme ich zu, diesen Teil selbstständig zu deaktivieren. Eine Instruktion über die Bedienung meiner eigenen Programmierung erhalte ich bei Übergabe an das Ministerium.
Jegliche Zuwiderhandlung, die sich aus den Verträgen ergeben, führen zur Löschung meines gesamten Speichers.
Die hieraus entstehende Speicherkapazität, stelle ich der Human Factory für die Wiederbestückung im Rahmen eines Emotionsrasterversuches zur Verfügung.
"Ist das so wiet verständlich für sie, Herr Lyders?”
Mike versuchte zu verstehen was hier passierte, aber er konnte sich noch so konzentrieren, ihm fehlte das Vorstellungsvermögen dafür einfach.
Er nickte kurz.
“Sie müssen mit Ja oder Nein antworten”, sagte Helen.
“Warum?”, fragte Mike.
Eigentlich nicht, weil ihn die Antwort ernsthaft interessierte, sondern vielmehr um überhaupt was zu sagen.
“Nun”, sagte Helen, “andere Antworten kann ich nicht verarbeiten. Ein Kopfnicken kann Zustimmung bedeuten, aber auch der Reflex eines Halsmuskels sein. Und im Übrigen sieht meine Programmierung eine Deutung von humanoiden Zeichen nicht vor. Ganz einfach. also.”
“Sieht ihre sogenannte Programmierung überhaupt irgendwelche menschlichen Deutungen vor?, fragte Mike.
Helen schaute ihn regungslos an. “Nein, natürlich nicht.”
“Und warum nicht?”
“Weil wir keine Humanoiden sind. Sie sind ein Humanoid. Oder wie sie es nennen Mensch.”
Mike schaute Helen an. Sie sah gut aus. Hatte dunkles schulterlanges braunes Haar, Wunderschöne Zähne und samtige Haut.Sie konnte unmöglich was anderes sein als eine Frau. Durch das weiße Oberteil konnte er sogar die Spitzen ihrer Brüste sehen.
Ihre Hände waren filigran und zart.
Er versuchte ein weinig ironisch zu klingen. “Dafür sehen sie aber ganz gut aus.”
“Es stand keine andere Hülle zur Verfügung.”, sagte Helen.
“Also auch aus dem Bereitstellungsprogramm einen Torso bekommen?” fragte Mike.
“Nein, ich bekam noch einen der komplett erhaltenen. Es wäre zu umständlich gewesen, die Erstbestückung von uns erst aus verschiedenen vorhandenen Strukturen zu erstellen.”
“Welche Erstbestückung?”
“Herr Lyders, nehmen sie zur Kenntnis, dass es gewisse Bereiche gibt, deren Begründung ihnen noch nicht zusteht. In drei bis vier Abschnitten, bekommen sie eine eigene Speichereinheit, mit dem Basiswissen dazu. Eine Erläuterung ist nicht Inhalt dieser Kommunikation. Also machen wir weiter.”
Sie drückte auf einen Knopf unter dem Tisch auf dem sein Kopf stand.
Kurz danach brachten zwei andere weiß gekleidete Menschen eine Edelstahlkiste.
Die sah eher aus wie aus einem Kühlhaus und passte nicht in das so steril gehaltene klinische Ambiente, dass er sonst überall sah.
Die Kiste wurde geöffnet.
In ihr lag ein Frauenköper. Vielleicht der Körper einen vierzigjährigen.
Normale Figur.
“Ihr Torso,” sagte Helen.
“Mein Torso?”, fragte Mike erstaunt. “Da ist was falsch gelaufen, oder?” Ich bin ein Mann”
“Mann?”, fragte Helen. “Das bedeutet was?”
Mike überlegte. Aber ihm fiel keine Antwort ein.
Er beobachtete wie der Körper vorbereitet wurde. Die kleinen roten Schläuche, die in unglaublicher Anzahl überall in ihm steckte, wurden entfernt. Es hörte sich an wie ein Dampfbügeleisen, wenn zu wenig Wasser aufgefüllt war.
“Was bedeutet Mann?” fragte Helen erneut. “Meinen sie die körperliche Differenzierung der verschieden gestalteten Geschlechtsteile?”
Mann:
Mein Papagei kann sprechen. zeigt auf Papagei
Anderer:
Toll.
Mann:
Wollen sie mal hören?
Anderer:
Gerne. Aber nur kurz, wir müssen die Verträge noch durchgehen.
Mann: Geht zu Papagei
Papa, Papa, Papa, Lori, wo ist der Papa
Lori: sagst nichts
Mann:
Moment, Lori ist aufgeregt.
Papa, wo ist der Papa. Lori, wo ist der Papa.
Anderer:
Egal, vielleicht will er heute nicht.
Mann:
Ja wo ist der Papa? Lori, wo ist der Papa?
Lori: frisst ein paar Körner.
Anderer:
Lassen sie mal. Kommen wir zum Geschäftlichen. Ich habe da folgendes für sie ausgearbeitet. holt einen Aktenordner aus der Tasche.
Mann:
Eine Sekunde noch.
Lori, Lori, wo ist der Papa. Sag mal wo ist denn der Papa. macht mit dem Mund Küsschenbewegungen. Papa, sag mal Papa.
Anderer:
Ich möchte nicht unhöflich klingen, aber in einer Stunde muss ich schon in Düsseldorf sein und ich habe noch dreißig Minuten Fahrt vor mir.
Mann:
Sicher.
Ich hohl nur eben einen Leckerli aus der Küche. Manchmal braucht sie eine kleine Aufmerksamkeit. Geht in die Küche und kommt mit einer Knabberstange wieder. Na, was haben wir denn da? Ein Leckerli für die liebe Lori? Sagt die liebe Lori dann auch mal Papa für den lieben Onkel?
Papa, wo ist der Papa? Na, wo ist der Papa? Lecker, lecker, lecker.
Anderer:
Wir sollten eben zu den Unterlagen kommen, denn....
Mann:
Ja wo ist der Papa? Wo ist er denn?
Lori: frisst an der Knabberstange
Anderer:
Ihr Papagei frißt. Da wird er jetzt nichts sagen.
Mann:
Moment noch, das klappt immer
Anderer:
Ich habe nicht viel Zeit.
Mann:
Die paar Minuten. Warten sie jetzt. Sehen sie. Sie plustert sich schon auf.
Ja, so ist schön, so machst du das fein. Ja, ja. Papa. Papa. Wo ist der Papa?
Anderer:
Ich muss jetzt los. Wenn sie eben....
Mann:
Was denn?
Anderer:
Ihr Vertrag. Wir sollten wenigstens das Formelle kurz abhandeln.
Mann: trägt Käfig zum Tisch. Schiebt Tassen zur Seite und stellt Käfig in die Mitte des Tisches. Schauen sie, jetzt wird sie ruhiger. Das ist ein gutes Zeichen. Gleich spricht sie.
Lori, Lori, wo ist die Lori. Ist die Lori aufgeregt? Will die Lori jetzt dem Onkel mal zeigen wie toll sie sprechen kann?
Anderer:
Sie spricht nicht.
Mann:
Sonst immer. Vielleicht weil sie sie nicht kennt.
Gehen sie doch mal eben hinter den Vorhang
Anderer:
Nein.
Mann:
Nur kurz, Dann spricht sie.
Anderer:
Nein.
Mann:
Aber so wird das nichts.
Anderer:
Ihr Papagei spricht heute nicht.
Mann: nimmt die Hand des Anderen. Komen sie, nur schnell verstecken.
Stellt den Anderen hinter den Vorhang.
So Lori, so ist das schön. Sag mal Papa. Papa, Papa.
Anderer: hinter Vorhang. Reicht es jetzt. Das wird mir zu blöd.
Mann.
Nur noch einen kleinen Moment. Sie dürfen nicht sprechen.
Anderer:
Ich kann wenigstens sprechen.
Mann:
Soll das jetzt komisch sein?
Anderer:
Nein. kommt hinter Vorhang zurück, Packt seine Tasche.
Ich gehe.
Mann:
Ja auf Wiedersehen.
So, meine Kleine, jetzt kannst du schön Papa sagen.
Mann: schlägt Türe zu. Rennt Treppe runter.
Lori:
Papa
Mann: Rennt zum Fenster, macht es auf.
Hallo, kommen sie schnell noch mal hoch. Sie spricht jetzt.
Anderer: reagiert nicht. Steigt ins Auto, fährt weg.
Mann: geht zurück zum Käfig.
Das hast du aber fein gemacht. Und sagen wir denn auch mal Lori heute?
Poet: blättert in kladde.
Ich hab was Neues geschrieben.
Setzt dich mal.
Elke: setzt sich in Sessel. wirkt genervt
Muss das jetzt sein?
Poet:
Nur kurz.
Pass auf:
Der Grund der Tagelosigkeit
Der Eierlöffel sticht ins Ei
Gedanken bleiben zwanghaft frei.
Der Hund erkennt sein rechtes Bein.
Aus Watte ist der zweite Stein.
Und?
Das ist der Hammer, oder?
Elke:
Was soll der Scheiß?
Poet:
Ne, sag’ mal. Echt gut, oder?
Elke: Was?
Poet:
Das Gedicht.
Elke:
Das ist kein Gedicht, das ist Schwachsinn.
Poet:
Warte,
geht ja noch weiter. Also:
Erinnerung wie Mottengras
der Hinterhof ist glänzend nass.
Die Nacht erbricht ein nacktes Kind,
wo Emotionen tötend sind.
Ist das der Burner?
Na, sag’ mal
Elke:
Du bist der Beste.
Poet:
Echt jetzt?
Elke:
Sicher, du wirst ein ganz Großer.
Was hältst du davon:
Mein Mann hat eine kleine Meise,
er dichtet nur auf blöde Weise.
Er labert mir die Taschen voll
und findet sein Geschwafel toll.
Poet:
Junge, Junge.
Großes Kino.
Echt, Schatz.
Auch die Metapher mit der Meise.
Kaum erkennbar, der Hinweis auf Natur und Schönheit.
Tasche als Synonym für dass, was man mit durchs Leben trägt.
Irre, echt.
Dann die klare und direkte Essenz der Beziehung, durch die Nutzung
des Wortes Mann. “Mein Mann“. Da steckt so viel drin. Klasse.
Am besten kommt dann der Abschluss. Und das Wort “Geschwafel“. Es kann
für so viel stehen. Für die Liebe, es kann ein Zeichen des Verstehens oder die Beschreibung von Verlust sein,
vielleicht die Aufforderung zur Kommunikation.
Besonders in der Kombination mit dem Wort “Labern“.
Ich wusste gar nicht, dass du so ein Verständnis für Lyrik hast.
Elke:
Micha, du hast ‘ne Macke.
Poet: schaut sinnierend aus dem Fenster.
Was?
Elke:
Schon gut.
Stell dein Gedicht doch in den Worttümpel ein ein.
Fred stand seit einer halben Stunden im Geschäft, ohne sich auf irgendetwas festlegen zu können. Er schaute sich alles genau an. Zwei Verkäufer und zwei junge Frauen. Eine davon mit einem ca. 11 jährigem Kind. Nichts von Bedeutung also. Er schien sich nicht sicher zu sein, ob das hier der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt war.
Doch dann spornte ihn eine innere Stimme an. Es brach aus ihm heraus:
“ÜBERFALL, das ist ein Überfall. Ich bin bewaffnet und möchte niemanden verletzten. Legen sie sich alle auf den Boden. Gesicht nach unten. Keiner rührt sich.”
Es tat gut. Wie in den Filmen, die er sich gerne ansah.
Die Leute im Laden legten sich auf die Erde. Er hörte hier und da ein Winseln.
“Wo ist das Geld?” schrie er in den Raum.
“Da, hinter der Theke,” erwiderte ein grauhaariger Mann, ohne den Kopf zu heben.
“Stehen sie auf, los. Gehen sie hin und packen mir das Geld in diese Tüte.”
Er schmiss eine gelbe Edeka-Tüte vor den Mann.
“Es ist noch nicht viel Geld hier, wir haben gerade erst aufgemacht”, sagte er zitternd.
“Was heißt, nicht viel”, fragte Fred unruhig.
“Ich weiß es selber nicht”, sagte der Mann.
Fred sah ihn an. Er schien so um die 55 Jahre zu sein. Viel zu klein für einen richtigen Mann, der ihm gefährlich werden könnte.
“ Schauen sie nach. LOS.”
Der Mann stand auf und ging zur Kasse hinter der Theke. Unsicher öffnete er sie und fing an zu zählen.
“Lassen sie uns am Leben?”, fragte er.
“Zählen sie, und halten sie die Klappe, seh‘ ich aus wie ein Mörder”
Während der Mann das Geld sortierte und anfing zu zählen, überlegte Fred, wie es auf die anderen wirkte. Er verspürte große Genugtuung.
Sein Leben lang wurde er gehänselt. Er hatte schon als kleiner Junge viel zu große Füße.
Schuhgröße 51.
Bigfoot oder Mega-Latschen haben ihn alle genannt. Und die Mädchen fanden ihn zu dick. Nie hatte eine einzige ihn gefragt, ob er mit er gehen würde. Nie hat eine ihn geküsst.
Er ging auf eine Frau zu.
“Wie finden sie mich?”
Die Frau ließ ihr Gesicht auf dem Boden.
“Schauen sie mich an, Gott verdammt. Wie finden sie mich?”
Sie hob ihren Kopf und sah ihn an.
“Wie meinen sie das?”
“Stell dich nicht blöder an, als du bist,” sagte er zornig.
”Sag schon was. Zu dick für dich? Zu klein? Zu unattraktiv?”
Die Frau fing an zu weinen. “Nein, sie sehen gut aus.”
“Zieh dich aus” sagte Fred.
“Nein, bitte nicht. Nicht das.”
“Bitte lassen sie doch die Frau in Ruhe”, sagte der Mann an der Kasse.
“HALT’S MAUL UND ZÄHL DEIN GELD,” schrie Fred ihm zu.
Dann ging er rüber, zog seine Knarre aus dem Hosenbund und hielt sie ihm an den Kopf.
“Willst du sterben?”
“Nein, Entschuldigung, aber die Frau hat doch nichts damit zu tun. Bitte lassen sie....”
“WILLST DU JETZT STERBEN, DU ARSCH?”, wiederholte Fred.
“Nein”.
Der Mann fing am ganzen Körper an zu zittern und zählte das Geld zu Ende.
“325 Euro”, sagte er.
VERARSCH MICH NICHT!” schrie Fred ihm entgegen. “ ICH WILL ALLES.”
“Mehr ist nicht da”, entgegnete der Mann.
Fred drückte ab.
Wie in Zeitlupe knallten Blut und Gewebeteile an die weiße Wand hinter dem Mann.
Dann fiel er um.
Aus seinem Kopf lief Blut. Extrem viel Blut. Aber das Loch war auch extrem groß.
Fred bückte sich zu ihm herunter.
“Hey, das wollte ich nicht. Ehrlich.”
Die Frauen und der andere Verkäufer fingen an lauter zu weinen.
“HEY DAS WOLLTE ICH WIRKLICH NICHT.” schrie er.
Er ging zu der Frau zurück, die panisch anfing sich die Bluse aufzuknöpfen.
“Lassen sie das”, sagte er. ”Ich bin nicht so einer. Ich bin ein guter Mensch.”
Dann stellte er sich Mitte in das Geschäft und dachte nach.
Alle haben ihn gesehen. Er trug keine Maske. Er muss sie alle umbringen.
Oder sich selbst.
Er hockte sich wieder neben die Frau.
“Sie können mich beschreiben, oder? Was mache ich jetzt?”
“Ich sage nichts, wirklich, aber bitte lassen sie mich am Leben. Ich sage wirklich nichts. Lassen sie mich gehen.” Sie brach in Tränen aus. “Bitte lassen sie mich und die anderen gehen.”
“Ich denke das geht nicht mehr”, sagte er.
“ Es geht immer noch.” sagte die Frau.
“Ihr habt mich gesehen. IHR HABT MICH ALLE GESEHEN. ALLE.”
Er nahm die Waffe in die Hand und drückte sie der Frau auf das Brustein.
“Ich bin kein schlechter Mensch.”
Dann zog er den Abzug.
Die Frau wurde durch den Druck ein Stück nach hinten geschleudert.
Sie atmete noch.
Er kroch zu ihr.
“Sorry.”
Dann drückte er noch zwei mal ab.
Er überprüfte die Atmung. Nichts.
Er stand auf und ging zum anderen Verkäufer.
“Haben sie Kinder?”
“Ja, zwei Mädchen”, antwortete dieser.
“Ich auch”, sagte Fred, obwohl es nicht stimmte.
Er hatte nie mit einer Frau geschlafen, geschweige denn eine Familie oder Kinder gehabt.
“Auch zwei Mädchen”, sagte er. “Jenny und Luisa. Ich werde sie nicht mehr wiedersehen, oder?”
“Ich weiß nicht”, sagte der Mann.
“Doch sie wissen es.”
Er kam mit seinem Gesicht ganz nah an den Mann heran und streichelte ihm zart über den Kopf.
“Kinder sind das wichtigste auf der Welt. Ich würde alles für meine Töchter geben. Alles”, flüsterte Fred ihm ins Ohr.
Nicht das ich mich beklagen könnte. Das Leben hat sich meiner immer angenommen. Ich hatte schon mit 15 Jahren keine Ahnung von dem, was ich mal werden sollte und auch fünf Jahre später war meine Antwort immer: Keine Ahnung.
Als ich klein war gab es immer Schmalzbutterbrote. Ich mochte Schmalz so gerne, dass ich mich meistens am Frühstückstisch übergeben habe. Meine Eltern vermuteten eine Darmkrankheit und schleppten mich von einem Arzt zu anderen. Ich hätte ihnen gerne gesagt, dass es nur am Schmalzbrot lag, aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass meine Eltern durchaus in der Lage waren, diese kleinen Aufwendungen für mich zu erbringen.
Als ich in die Pubertät kam, hatte ich so viele Pickel, dass ich ernsthaft dachte, ich würde mich in einen Streuselkuchen verwandeln. Nicht so einen, den man gerne beim Bäcker gekauft hätte, sondern so einer, den die Kinder bekamen, wenn sie Tage später nach Kuchenresten fragten. Was dann nicht abgeholt wurde bekamen die Müllabfuhr oder der Bauer im Nachbardorf. So viel dazu.
Meine erste Freundin hatte ich auch dann als einer der letzten. Sie fragte mich schon nach kurzer Zeit, ob wir vielleicht mal miteinander schlafen könnten. Ich fand es zu früh, denn ich war gerade einunddreißig und hatte noch nicht viel Erfahrung mit solchen Dingen.
Wir trennten uns nach drei Monaten und ich begann mich weiter auf meine berufliche Karriere zu konzentrieren. Nach einiger Zeit hatte ich dann auch endlich eine Anstellung bei der hiesigen Mülldeponie. Meine Arbeit bestand daraus, morgens die Fangzäune abzulaufen, und nachzusehen, ob sich anstatt von Papier, hier und da vielleicht ein Vogel verfangen hatte.
Was übrigens in meiner dreijährigen beruflichen Tätigkeit nicht einmal passierte. Natürlich bemerkte auch die Stadtverwaltung, dass diese Stelle nicht zu besetzen sei. Man teilte es mir schriftlich mit.
Es folgten noch diverse Versuche mit anderen Jobs und vor allen Dingen mit anderen Frauen. Nichts funktionierte so, wie in den vielen Videofilmen, die ich mir Nacht für Nacht reinzog. Da war alles einfach. Insbesondere, dass mit den Frauen.
Na ja, irgendwie ging es nicht vorwärts. Den zweiten Bildungsweg habe ich nie gefunden. Sicher weil ich mich selbst da verlaufen hätte. Irgendwann fing ich dann an zu schreiben. Bis heute wieder so ein Text hier im Forum steht.
Der Rest ist kalter Kaffe. Ich glaube nicht, dass ich nochmal warmen zu trinken bekomme.