Die Sonne steht am blauen Himmel, die Wolke ziehen verkehrt herum, von Ost nach West.
Mein schwarzer Pullover hat sich stark aufgeheizt, ich sitze aiuf der Terrasse, links unten, einen halben Meter neben mir, sitzt eine Fliege. Die bewegt sich nicht, kein Stück, Schatten der Glyzinienblätter gleiten um sie herum, hin und her.
Ich werde morgen ausziehen. Aus dem Worttümpel, mit meinen Texten.
Das ist jetzt alles geregelt, und ich halte das für einen guten persönlichen Schritt, nachdem mir mit einem Mal beim Lesen eines Gedichtes und der folgenden Kommentare klar wurde, dass es mir nichts mehr bringt, an dem Geschehen hier teilzunehmen.
Ich war noch nie gut in Gemeinschaft, das zum einen, zum anderen konnte ich geradezu ein körperliches Unbehagen spüren, als ich mich da voran las.
Der Entschluss, den Tümpel hinter mir zu lassen, war mit einem mal da und er war sonnenklar. Gradezu erleichternd.
Die Fliege sitzt noch immer im selben Platz, allerdings um neunzig Grad gedreht. So etwas nennt man Entwicklung und Veränderung - ich habe das gar nicht mitbekommen, weil ich darüber nachdachte, wie ich mich hier aus der Affäre ziehe.
Liebe Grüße an Alle
und Danke für die Unterstützung und lehrreichen Begegnungen
Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.
Auf lange Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.
An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.
Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts
Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts,
Es kehrt an das, was Kranke quält, sich ewig der Gesunde nichts,
Und wäre nicht das Leben kurz, das stets der Mensch vom Menschen erbt,
So gäb's Beklagenswerteres auf diesem weiten Runde nichts.
Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod,
Es fragt die Welt nach meinem Ziel, nach deiner letzten Stunde nichts.
Und wer sich willig nicht ergibt dem ehrnen Lose, das ihm dräut,
Der zürnt ins Grab sich rettungslos und fühlt in dessen Schlunde nichts.
Dies wissen alle, doch vergißt es jeder gerne jeden Tag.
So komme denn, in diesem Sinn, hinfort aus meinem Munde nichts!
Vergeßt, daß euch die Welt betrügt, und daß ihr Wunsch nur Wünsche zeugt,
Laßt eurer Liebe nichts entgehn, entschlüpfen eurer Kunde nichts!
Es hoffe jeder, daß die Zeit ihm gebe, was sie keinem gab,
Denn jeder sucht ein All zu sein und jeder ist im Grunde nichts.
Seit Stunden flaut der Wind. Vom Himmel drückt
der starre Grind, die Buckelhaut der Wolken.
Die See aus Tran ist ausgegossen, glatt.
Es hat ein dumpfer Wahn die Welt entrückt
und alle Gunst vertan und ausgemolken.
Aus einem Schlot quält sich der fette Rauch,
er legt sich ölig über Kran und Sprosse.
Die Rose dräut, der Ozean ist matt,
er schläft ganz sanft, er hebt und senkt den Bauch
und wie im Traume zuckt er mit der Flosse.
Da teilen sich die Fluten zum Geschick
des Frachters und der Mannschaft herzueilen;
drei Schwestern ruhten tief, doch nimmer satt,
im Meer, die jagen nun mit grauem Blick
daher und nichts kann ihr Verlangen heilen.
Die erste hebt das Haupt und wölbt zum Kuss
die Lippen, muss, um sich begehrt zu fühlen,
die Seelen rühren, die an ihrer statt
ein Ende spüren, muss im Speichelfluss
der kalten Zunge in den Wanten wühlen.
Die zweite eilt mit nackter Brust herbei,
von schaumbeflockten Zähnen tropft der Geifer.
Sie speit auf Süll und Schanz, durch jedes Gatt,
sie presst den feuchten Busen ins Geschrei
von Mann und Maat, und maßlos ist ihr Eifer.
Die dritte steht, bis an die Hüfte bloß,
sie weitet - um dem Schiff das Los zu wählen -
im kalten Fleisch die letzte Ruhestatt:
dem stählernen Gekreisch den nassen Schoß.
Und zwingt den alten Kahn, sich zu vermählen.
Seit Tagen flaut der Wind. Die See ist leer,
der Himmel hohl und schwer und ohne Zeichen.
Doch gestern war ein guter Tag im Watt.
Es kamen Schwestern, brachten übers Meer
den Krabben reiche Fracht und frische Leichen.
Hier, am Rande der Großstadt, fliegen schon lange keine Schwalben mehr durch die Luft. Der Sommer ist staubig von zerfallendem Taubenkot und Reifenabrieb, an heißen Tagen riecht es zur Mittagszeit nach weichem Asphalt.
Jetzt aber riecht es nach Rasenschnitt, so frisch und vormittaglich, so duftig, als ob der Sommer grade heute die besondere Aufgabe habe, zu zeigen, wie hingebungsvoll er ist.
Dabei ist es schon nach fünf Uhr nachmittags. Die Schatten der beiden Kastanien werden länger und ab und zu geht ein leichter Hauch durch die Blätter. Sie schaukeln sanft und manchmal rauscht es ein wenig.
Im Sandkasten vor dem Hochhaus sitzen drei Jungen auf der steinernen Umfassungsmauer und unterhalten sich. Sie werfen nebenbei Sand in die tiefer liegende, ausgeschabte Mitte des Kastens. Dazu benutzen sie ihre Sandalen wie Schippchen und häufen kleine Berge auf, die sie mit der Sohle in Form bringen. Anschließend schütteln sie den Sand mit ausgestrecktem Bein an der Ferse aus den Sandalen.
Dann wieder graben sie mit den Händen, die wie Schaufeln geformt sind, langsam und hingebungsvoll hinein in die dunkleren, schwereren Sandschichten, kratzen genussvoll den feuchten Sand hervor.
Ihre Bewegungen sehen so absichtslos aus, sie passen so genau zu der Unverbindlichkeit des Tages, dass man den Eindruck hat, die Welt sei fest gefügt und ohne jeden Argwohn. Genau so wie die Unterhaltung, die sie führen. Die geht über Kristofs neues Fahrrad, dessen Speichen in der Sonne glitzern, über Mutmaßungen um die Rückkehr Dumbledoors und um den Ausflug zum Freibad, der für morgen geplant ist.
Frau Hellerich will mit ihren Söhnen Jens und Axel und dem Freund, Kristof Beinmann, in aller Herrgottsfrühe zum NauticDream fahren. Mit dem Fahrrad, weil das gesund und umweltverträglich ist, und mit belegten Broten. Irgendwo zwischendurch wird ein Picknick veranstaltet.
Die drei sitzen da, es ist eine Pause eingetreten, sie schweigen versonnen und schauen sich selbst beim Modellieren der Sandberge zu. Ihre Köpfe sind schief gelegt, ab und zu blinzeln sie in Richtung der Sonne nach Südwesten, über die Grünfläche, an der Kastanie vorbei zu den Garagen. Dorthin, wo nach und nach die Väter und Mütter von der Arbeit oder vom Einkaufen zurückkehren und ihre Autos verstauen.
Die Fahrräder blockieren, sorglos hingeworfen, den Fußweg, der von der Strasse zum Hochhaus führt. Das stört niemanden, denn es ist niemand da, den es stören könnte - nur Frau Jedwitz, die so, wie sie es immer tut, auf ihren Balkon im fünften Stockwerk heraustritt, an irgendetwas herumkramt, einen Blick in die Runde wirft.
Hinter ihr läuft leise der Fernseher und es riecht so versöhnlich nach Rasenschnitt.
Die klein gehackten Halme liegen im Sandkasten herum, vom fünften Stock aus gesehen ist der Sand mit einem grünlichen Schimmer überzogen. Auch auf dem Gehweg, der die Rasenfläche umschließt, liegt ein Hauch Grün.
Frau Jedwitz steht eine Weile unschlüssig am Geländer des Balkons, bevor sie sich brüsk umwendet und wieder hineingeht. In der Küche ist noch das Geschirr einzuräumen. Das Kunststoffimitat der bunten Bambusmatte, das den gesamten Balkon umspannt, ist ausgeblichen, rechts stärker als links. Es klopft im lauen Windzug beruhigend gegen das Geländer. So ruhig. Nur das Rauschen der Schnellstraße, die ein paar hundert Meter weiter, hinter dem Park verläuft, dringt gedämpft heran. Man hört es kaum.
Da liegt das Hochhaus auf seiner Raseninsel, wie ein Ozeandampfer am Anleger, mit buntbewimpelten Balkonen. Und wenn man daran vorbei in den Himmel schaut, wo weiße Wolken nach Osten ziehen, dann könnte man meinen, es kreuzt durch die See.
Es wird von einem Straßenring umschlossen, gefolgt von Häuserreihen, die sich wie die Finger einer Hand abspreizen. Dazwischen sind Doppelhäuser und Freiland eingestreut. Im Norden, Osten und Westen wird alles vom städtischen Park umschlossen, idyllisch umgürtet, der jenseits der Schnellstrasse in die Wälder des Taunus übergeht.
Bis auf die Zufahrtsstraße im Süden, zur Stadt hin - da geht es staubig in die weite Welt - ist die Siedlung ganz in sich geschlossen, ganz für sich.
Von dieser Zufahrtsstraße her kommt Theo, wie aus dem Nichts. Seine Schritte dringen wie ein gemächlich lauter werdendes, tackendes Metronom in den Nachmittag.
Theo, mit dem niemand spricht, weil er sowieso nicht antwortet. Zu Theo sagen fünf Kinder nur „Theo“, weil er nicht der richtige Vater ist. Kein Mensch weiß, warum Martha noch einmal heiratete, nachdem sie endlich geschieden wurde, und vor allem, warum ausgerechnet den Theo Hellerich.
Vielleicht wegen des Geldes. Aber bestimmt nicht um einen Mannes an ihrer Seite zu wissen, denn Theo ist eine Erscheinung, ein pünktliches Phänomen, unerklärlich in seinem Auftreten, aber kein Mann. Theo ist nicht so, wie ein Mann zu sein hat, abgesehen von seinem pünktlichen Auftreten ist Theo nicht vorhanden.
Theo erscheint und man könnte die Uhr nach ihm stellen. Jetzt ist es beispielsweise kurz nach halb sechs. Theo kommt von der Arbeit, zu Fuß, weil er keinen Führerschein hat. Er schaut vor sich hin auf den rissigen Asphalt des Bürgersteiges: grade hier, wo die Ringstrasse in die Zufahrtsstrasse mündet, werden immer wieder die unterirdischen Versorgungs- und Abwasserleitungen repariert oder verbessert. Deshalb ist der Asphalt wie ein Flickenteppich, hubbelig und voller Überraschungen, von den Gärten her durchwachsen mit Flieder- und Birkenwurzeln.
In der Faust hält Theo den dünnen Griff seiner Aktentasche. Er geht den Fußweg am Sandkasten hoch, hält kaum wahrnehmbar inne, schwenkt unmittelbar vor den Fahrrädern nach links auf den Rasen, geht hinter den Bänken entlang über die Wiese.
"N' abend Theo" sagt Axel, Jens ruft "Hallo Theo". Theo schaut nicht auf, antwortet nicht, geht geradeaus weiter, schaut auf seine Schuhe, die im kurz geschnittenen Rasen einsinken und kehrt nicht mehr auf den Fußweg zurück.
Vielleicht hat Theo soeben etwas Neues entdeckt, den Rasen entdeckt, so, wie man einen Kontinent entdeckt und dann erobert. Gut möglich, dass er morgen genauso gehen wird, auch ohne Fahrräder: über das weiche Gras auf die dürftige Rosenrabatte zu. Theo geht in sich versunken über den Rasen und der Rasen wächst unter seinen Schuhen, wird eines Tages krautig und fleckig werden, bis ihn der nächste Schnitt wieder weich und frisch macht und Theo weiß das.
Axel und Jens schauen wieder in den Sandkaste. Kristof sieht der Aktentasche nach, die ist aus dunklem Narbenleder, altmodisch, und oben, wo die Klappe sie wie ein Tunnel im Halbkreis verschließt, faserig und abgegriffen.
Kristof blickt der Tasche nach und Theo, mit dem niemand weiter spricht, nimmt den Rasen in sich auf, während er schweigend darüber hin schreitet. Den Gruß seiner Stiefkinder erwidert er nicht. Vielleicht ist seine Arbeit zu schwer.
Am Ende der Grünfläche angelangt, übersteigt Theo mit einem Schritt die Rosenbüsche, die schmächtig, fast blattlos am Boden verkümmern. Zwischen den heruntergetretenen Ästen stecken die Fetzen einer kleingemähten weißen Kunststofftüte. Er überquert den Vorplatz der Kneipe, schlängelt sich zwischen den Tischen und Stühlen hindurch, auf denen niemand sitzt. Er hört einen lauten Knall vom Parkplatz, von den Garagen her, schaut aber nicht auf und verschwindet in der offen stehenden Kneipentür.
Punkt viertel nach neun wird er dort wieder auftauchen und nach Hause
gehen, zu Martha und den fünf Kindern.
Mit links zieht Herr Siedenbach das Garagentor herunter, das rasselnd und mit einem abschließenden Knall die Stille unterbricht. Die Jungen blicken auf, auch wenn sie das, was nun folgt, längst kennen. Siedenbach zelebriert jedes mal das Verschließen der Garage und den gleichen Beifall heischenden Gang nach Hause, so dass man ihm ganz gedankenverloren dabei zusehen kann. Es ist schön, wenn etwas passiert, das harmlos ist, was die Dinge belässt, wie sie sind: wenn etwas friedlich fließt.
Bei Herrn Siedenbach fließt alles. Alles fließt zu einer einzigen Bewegung zusammen, die scheinbar nicht enden will. Herr Siedenbach ist Bewegung, elegant, geschmeidig und routiniert.
Möglicherweise unterbricht er sich, wenn er schläft. Es ist ja schlecht vorstellbar, dass er sich dann in Bewegung hält, möglicherweise weiß seine Frau mehr, die man kaum sieht, die nur zum Einkaufen das Haus verlässt. Die Siedenbachs sind kinderlos.
Und so hatte Herrn Siedenbach viel Zeit, genau genommen zweiundfünfzig Jahre, um Bewegung zu werden. Siedenbach richtet sich aus gebeugter Haltung auf, die Akten, Briefe, Seminareinladungen und Prospekte ordentlich unter dem rechten Arm eingeklemmt.
Mit der Linken lässt er den Griff des Garagentores los, greift in die Jacketttasche, holt den umfangreichen Schlüsselbund hervor, der schon vorbereitet in der Tasche auf diesen Moment wartete. Er greift den ersten Schlüssel vor dem Schild und fädelt ihn sauber - alles in einer einzigen, sanft fließenden Bewegung - in das Schloss ein. Er dreht den Schlüssel, wendet dabei selbst den Kopf über die rechte Schulter hin zu seinem Publikum, den Jungs am Sandkasten, zieht den Schlüssel ab und geht ansatzlos in eine schlenkernde Fortbewegung über. Man sieht ihm die Genugtuung über das gelungene Manöver an.
Nun wendet er sich auf dem rechten Absatz, diesmal etwas weiter als gewöhnlich. Denn er hat mit einem Blick die Lage gepeilt und eingeschätzt. Die Fahrräder verhindern den normalen Weg am Sandkasten vorbei: er wird über die Strasse gehen müssen. Nun gut, warum nicht, das ist eine kleine Abwechslung. Den Schlüsselbund hält er am leicht abgespreizten linken Arm, als sei derjenige Teil des Bewegungsablaufes, der Hand und Arm betraf, beim Verschließen des Tores eingefroren. Den Daumen hat er durch den Ring des Bundes gesteckt, den er beiläufig rhythmisch schüttelt. Die Schlüssel geben das Marschtempo an. Siedenbach pfeift laut und unbekümmert, durchsetzt vom Geklimpere, während er trappsig-schlacksig wie eine Bimmelbahn auf der Strasse vorüberzieht. Den gaffenden Jungs widmet er ein jugendliches Nicken.
Vor dem Hochhaus, auf der Wiese, berührt der Schatten der westlichen Kastanie bereits den Sandkasten. Durch den Schatten der anderen klimpert Siedenbach, sein Blick streift wohlwollend über die Gärten und er weiß, dass Blicke auch auf ihn gerichtet sind. Die Jedwitz guckt wieder mal von ihrem Ansitz hinter der geschmacklosen Plastikbrustwehr herunter, er nickt munter hinauf.
Denn er belohnt alle Blicke, die seinem Auftritt gelten. Blicke, die er aus den dunklen Verandatüröffnungen und hinter Küchenfenstern ahnt, er belohnt sie mit seinem Wohlwollen. Es riecht nach frisch geschnittenem Gras, und plötzlich denkt er daran, dass er den Rasen schneiden müsste. Das Klirren des Schüsselbundes gerät etwas aus dem Rhythmus, er beschließt aber, das erst am Wochenende zu machen, und schon liegt er wieder im Takt.
Kristof sieht die Sonne in den Speichen seines Fahrrads glitzern, das Vorderrad dreht sich leicht im Wind. Ein Verpackungspapierchen, das mitsamt einem Eishölzchen zwischen die Latten der Bank eingeklemmt ist, knistert. Axel schaut auf, sieht das Papierchen zappeln und dahinter die Sonnenflecken im Schatten der Kastanie. Er blickt verträumt.
Auch Frau Jedwitz sieht die glitzernden Speichen. Die Sonne ist längst hinter der Ecke des Hochhauses verschwunden, hinter dem Geglitzer, das zu ihr heraufzwinkert, dehnt sich der Hang hinab zur Vorstadt, von hier oben kann sie alles weit überschauen.
Siedenbach nickt von unten herauf, sie nickt zurück, legt theatralisch die Hand beschattend über die Augen, dabei ist hier, auf der Südostseite des Hochhauses überall Schatten, und blickt über die mittlere Häuserreihe zum Wald.
Dahinten sieht sie das Altersheim, und etwas entfernter die Funkantennen des Truppenübungsplatzes. Das Rauschen der Schnellstraße ist heute auch hier oben im fünften Stock nicht so laut wie sonst. Unten biegt Siedenbach in den Weg vor der zweiten Häuserreihe ein, er wohnt im sechsten Haus.
Die Jungs sitzen immer noch im Sand, aber im Schatten werden sie nun unruhig. Herr Siedenbach ist nicht mehr zu hören, seit er hinter der Häuserzeile verschwand. Sie stehen auf und gehen unentschlossen auf die Fahrräder zu. In diesem Augenblick schwillt ein neues Geräusch in die Luft, eine Art Pfeifen, sie blicken gleichzeitig in Richtung der Garagen.
Jens sieht das Ding am südwestlichen Eck der Siedlung auftauchen, es saust über den Garagenanbau hinweg auf sie zu, überquert den Parkplatz, die Kastanie und den Sandkasten. Es huscht hinüber zu den Reihenhäusern, die es mit einem eleganten Hüpfer überspringt. Dann noch ein Hüpfer, hinauf über die Bäume im Park, hinter deren Wipfeln es verschwindet.
Frau Jedwitz hört ebenfalls das Pfeifen, das aus dem Pfeifen Siedenbachs hervorzutreten scheint und schaut nach rechts. Sie sieht, dass die drei Jungs wie auf Kommando den Kopf drehen und zu den Garagen blicken, die ihrem Blick leider verborgen bleiben, weil sie hinter der Hochhausecke liegen. Mit einem Mal, im selben Moment, als sich das Ding in das Blickfeld Frau Jedwitzs schiebt, dringt ein schriller Lärm zu ihr, sie folgt ihm mit den Augen und denkt: Oh Gott, und dass sie etwas tun müsse. Sie kann sich von dem Anblick nicht losreißen.
Frau Jedwitz sieht die hübschen Schlenker, als der weiße, dünne Körper in zwei Stufen zunächst die Häuserzeile, dann den Waldrand erklimmt. Sie sieht die weiße Röhre schnurgerade über die Wipfel weiter eilen und hinter dem Park, links neben den Antennen, verschwinden. Frau Jedwitz bemerkt, dass der Pfeifton abschwillt. Unten ist Siedenbach irgendwie an seiner Haustür erstarrt.
Siedenbach hat den Schlüssel im Schloss etwas verbogen, als er plötzlich, ganz deutlich, etwas über sich spürte. Einen kreischenden Schemen, der sogleich wieder über den Bäumen verschwand. Er drehte den Kopf nach links, entgegen der Aufschließbewegung, die er gleichzeitig ausführte, mag sein, daran lag's. Der Schlüssel geht nur schwer wieder aus dem Schloss heraus, aber den kann er wieder grade biegen.
Er steht leicht gebückt vor seiner halb geöffneten Haustür. Eigentlich könnte er auch klingeln, seine Frau ist sowieso immer zu Hause. Warum eigentlich nicht, vielleicht würde sie sich ja freuen, ihm abends die Tür zu öffnen. Er richtet sich auf und bemerkt an der rechten oberen Türecke einen hässlichen Spinnweben. Den sieht er so deutlich, wie nur irgend etwas... wie er noch nie etwas sah. Wie der Spinnweb dort baumelt im hellsten Licht. So gleißend, dass es Siedenbachs Schatten, der zum ersten- und letzten mal auf diese Tür fällt, auffrisst, von den Rändern her zur Mitte. Herr Siedenbachs Schatten wird aufgefressen.
Theo sitzt am Tresen und bemerkt, wie das Licht rechts durch die offen stehende Tür hereinkommt, es kriecht etwas flackerig am Eingang herum und huscht mit einem Satz zu ihm in den Schankraum. So, als würde ein blendendes Weiß hereingekippt, in einem grellen Band zu ihm hingerollt. Auch hinter den dunklen Butzenscheiben ist es mit einem Mal hell, unerträglich hell. Die Sonne ist auf den Vorplatz gefallen.
"n' Ufo" kreischt Jens in den Lärm hinein, Axel schüttelt den Kopf, "nee, 'ne Rakete". Der Lärm lässt nach, dafür wird überm Wald der Himmel grünlich, dann platzt eine gelbe Blase ins Grünliche hinein, die wird weiß und mächtig, stürzt sich auf den Wald. Und der schrumpft. Der Wald wird zum Scherenschnitt, helle Löcher brechen darin auf, werden groß und größer und fließen zusammen.
Axel dreht mit einer wilden, panischen Bewegung den Kopf und sieht Theo, der auf dem Barhocker sitzt, auf einem Band schiersten Lichtes, und mit hellrosa Blick zu ihm herglotzt, blinzelt und die Augen schließt.
Frau Jedwitz will eigentlich hineingehen, aber das geht nicht. Sie sieht den Keim neben den Antennen, der wirft sein grelles Wachstum rasend über den Park auf sie zu, saugt alle Farbe aus der Welt und zeigt die Dinge für Sekundenbruchteile in einem ursprünglichen, eigentümlichen Schwarz. Das ist so kümmerlich und nichts sagend ... und dann zerschmelzen die Dinge wie das Glas in Theos Hand, aus dem das Bier verdampft.
Du stehst vor mir, ein wenig abgewandt,
von hinten sehe ich dich im Profil.
Mit einem Fuß streichst du den Sand, grazil
beschattest du die Augen mit der Hand.
Du blickst zum Horizont und dann zum Strand,
zu mir. Du lächelst und ich glaube dir.
Ich glaube auch dem Wind, der meine Gier
versteht und um dich weht und dein Gewand.
Der zaust am Kleid, wie außer Rand und Band.
Er spielt mit deinem schönen Leib und lupft,
erkundet unter Säumen, die er zupft.
Er drückt das Tuch auf Hintern, Brüste, spannt
es über Schenkel und verweilt gebannt
auf deinem Venushügel. Wie er lockt!
Komm her, hierher, wo ich mich hingehockt.
Denn nun bin ich der Wind in deinem Land.
Du stehst vor mir, ein wenig abgewandt,
von hinten sehe ich dich im Profil.
Mit einem Fuß streifst du den Sand, grazil
beschattest du die Augen mit der Hand.
Du blickst zum Horizont und dann zum Strand,
zu mir. Du lächelst und ich glaube dir.
Ich glaube auch dem Wind, der meine Gier
versteht und um dich weht und dein Gewand.
Der zerrt am Kleid, wie außer Rand und Band.
Er drückt es auf den schönen Leib und lupft,
dass es mit deinen Brüsten spielt und zupft.
Und zwischen deinen Schenkeln liegt, galant
an deinen Hintern schmiegt. Der imposant
und sanft zugleich an einen Ort verlockt.
Komm her, hierher, wo ich mich hingehockt.
Denn nun bin ich der Wind in deinem Land.
Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade -
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb - das weiche grau
Von birken und von buchs - der wind ist lau -
Die späten rosen welkten noch nicht ganz -
Erlese küsse sie und flicht den kranz -
Vergiss auch diese letzten astern nicht-
Den purpur um die ranken wilder reben -
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
Du gingst ganz leis durchs Ostertor, Du warst allein
und nahmst die Lieder mit aus meiner Kinderzeit.
Seither dringt dunkel tönend Flüster auf mich ein:
denn auf dem letzten Weg gab ich Dir kein Geleit.
Da war ein junger Mann mit blond zerzaustem Haar,
auf alten Bildern, die ich später vor mir sah.
Schwarzweiß, in Alben jener Frau, die mich gebar.
Du warst so fern von mir und bist entsetzlich nah.
Als sei ein Weidenstrang um meinen Hals gewunden.
Der zweigt aus der Vergangenheit und manchmal treibt
er grüne Knospen, blüht für zähe, stumme Stunden,
bis er verwelkt und wieder dörrt. Und etwas bleibt:
Geschmack von Salz, von Eisen und ein dürres Reis.
natürlich habe ich bereits die Vorkommentare gelesen, bevor ich zur überarbeiteten Fassung deines Textes kam.
Und der Hinweis auf den Hund ist mir sehr augenfällig. Für mich ist es ganz vordergründig dies: das Herumtollen eines Hundes beim Herbstspaziergang.
Allerdings verbinde ich mit dem Kauen des Weines einen Önologen oder Feinschmecker, das irritiert.
Das ein LI, dabei aus Hundesicht schildert und mit menschlichen Kategorien umgeht, empfinde ich bis auf den Wein nicht befremdlich.
Störend ist für mich der nun fehlende Artikel in S1Z1, das stört mich stärker als die Elision in Version 1.
Eine Möglichkeit wäre doch, diese und den Artikel in Z1 beizubehalten und dafür in S1Z3 beide Artikel und die Elisionen zu entfernen ?
Der Blättertanz ist ein Gewinn.
Aber in S2 habe ich mit den hochgeworfenen Beinen ein ebensolches Problem wie mit dem hingelegten Salto.
Beides sind echte Hindernisse auf dem Weg zur nächsten Strophe.
S4 hat in meinen Augen sehr gewonnen. Denn in der erklärten Sichtweise (Herbst mit Hund) hatte die Beschränkung auf die Nacht etwas unpassendes.
Die Conclusio "zuunterst immer ich" wollte mir anfangs nicht recht eingehen, wenn ich an einen Hund denke könnte es aber passen ?
Ich habe geahnt, dass sowas passiert, wenn ich kommentiere.
Aber welcher Weinkenner verhält sich denn so merkwürdig ?
Der Hund schien mir so naheliegend weil:
Das Bild des Grases unterm Schnee hat bei mir nämlich eine Vorbelegung:
den letzten Schneemann, den ich knarzend auf der verschneiten Parkwiese rollte, brachte eben diese etwas schlabbrigen Halme und hundegängige Nachprodukte hervor. Besser, ich laß es...
Du bist ja sozusagen ein schwerer Brocken, und ich hoffe, ich überhebe mich nicht.
Die zweihebigen Trochäen erzeugten bei mir ein fast manisches Lesen,
etwa so, als ob ich in eine Strudel gezogen würde. Das gefiel mir sehr und entspricht dem Titel.
Wort, zählen, Zeit und Zahl, sowie die "tickenden" Verse sagen mir, das es um die Zeit geht und den Wohlklang der Worte, Lyrik vielleicht.
"Jener Mann" ist für mich das LI über sich selbst, warum er dem LI die Hand küsst, bleibt mir verborgen, eventuell Eitelkeit ?
Die "Wand", hier, das einzige Mal, dass ich beim Lesen aus dem Tritt kam, ist wohl so eine Art Sensor, die Schall und Wärme signalisiert als Lebenszeichen.
Ja. Und enden wird die Konvergenz im Nichtmehrsein. Logisch und gut erreicht. Durch die abschließende Frage kehrt sich der Effekt allerdings wieder um, die erzeugt Divergenz, wahrscheinlich war das so beabsichtigt.
So beeindruckend ich den Text beim ersten Lesen empfand, so sehr befürchte ich auch, das der Eindruck verloren geht - dies waren meine Gedanken, nachdem ich etwas Abstand gewonnen hatte.
Diesen Text denke ich, muss man laut Lesen um seine Konvergenz zum Leben zu bringen.
jetzt würde ich ja gerne kommentieren, aber mir fällt nicht viel zu Deinem Text ein.
Er ist gradlinig, prosaisch, mir persönlich ähnlich schon wiederfahren und mich äußerst zwiespältig ansprechend.
als besonders schön empfinde ich die Zeilen
"spüre ich in mir dir nach
ich räume auf, suche etwas
mehr,..."
Hallo könnt Ihr Euch nicht mal was anhören, was ich auch kenne?
Halt, "Whiter Shade of Pale" kenn ich. Ist das alles sowas altes ?
G.P. da Palestrina - Missa sine nomine