Leib und Leben nütze deinem Heldenkult
Meine Dienerstimme schwingt in stolzer Schuld,
Ebnet dir mit Druckerschwärze deinen Leichenhain.
Meine Tränen dessen Stein vom letzten Dreck befrei’n.
Einst du nahmst den Klang, dem Volk der toten Münder,
Formtest deinen Puppenstaat der stummen Sünder.
Rote Volkeshorden zieren deine Reinheit
Letzte Worte schwingen „Ewig hallt die Freiheit“.
Flüsternd diese Worte durch die Gassen rinnen.
Und als Straßensilben über Freiheit sinnen.
Sich aus jedem Häuserschlitz ein Fluss aus Perlen reiht.
Jede Backsteinfuge dieser Flut die Richtung leiht.
Blumensaat im Backstein Wurzeln schlägt,
klaffend Mauerloch die Lilie trägt.
Schwächlich Adern - nach oben ranken
durch Granit, das Fundament lässt schwanken.
„Lass mich den Boden unter dir fühlen,
lass mich Blümchen Haupt und Nase kühlen!
Lass mich deinem Sockel Wasser ziehen,
lass deine Härte meinen Wurzeln fliehen!“
Totes muss dem Leben weichen;
das muss dieser Mauer reichen!
„Blüten füllt die Ritzen dieser Leiche,
dass dies Antlitz meinen Farben weiche!
Verbaut dem Mauerklotz die Sonnensichten;
lasst ihn, wie uns, nach Lücken richten!“
Lasst sie blättern die Fassade!
Schluss mit dieser Zart-Scharade!
Stein um Stein löst sich aus diesem Band,
Blumeneifer einen Moment lang stand.
Saft fließt aus den Wundkanälen,
lässt den Lack vom Staub sich schälen.
Darf ich den Herren Geist entzücken?
Meine Welt ins rechte Lichte rücken.
Will ihnen zeigen wie ich Massen banne,
Ich mein fein subtiles Netzwerk spanne.
Nach dem Prinzip der Medienethik
Folgt man blind der Geistästhetik.
Blicklicht bricht durch Linsen im Stativ.
Dieses Monopol macht sie naiv.
Bin die Popcornfront auf Laminaten,
Mitlaufspolitik lässt sich hier beraten.
Meine Herren, bewundern sie mich Gerät:
Die medienoptimierte Realität.
Nun lass den Morgentau dich hüllend winden
Und selbst die Sonnen schmiegt dein hörig’ Engelsgang.
Der stickend Nebel schweigt für dein’ Gesang,
Nun komm, vom Brückenufer lass entschwinden.
Mein weißes Wesen zögerst? Hältst für Schein?
Auf geht’s! Die Brück’ lass schweifen. Fühl den Regen,
Wie seid’nes Leben strömt im nassen Segen.
Und langsam formt dein Schritt den Wegeshain.
Was wendest Blick zur modrig Balkenbrücke?
Die Perlen zier’n die fiebrig’ Stirneslücke.
Besinn dein Weg, den Fluten letztes Pfand.
Das weiße Fieber lockt mit eis’ger Hand.
Der Nebel füllt mit Greul und Hass die Lungen.
Als schmerzlich Lieder, deine Lippen sungen.
Hi Mrs.
So wie du dich durch mein Gedicht winden musst, so muss ich das jetzt bei deiner Kritik.
Du hast recht, oftmals hab ich soviel Inhalt für einen Vers, dass ich versuchen muss, ihn irgendwie dort "hineinzuquetschen". Bei anderen Versen, fehlen mir dann wieder zwei Silben, so dass ich dort immer am Jonglieren bin.
Mittelalterlich? Naja modern ist es nicht, jedoch fand ich diese Worte im Bezug auf den Inhalt sehr passend, nicht zu harsch und vor allem fand ich die Wortwahl sehr eingehend und bezugsorientiert. Das lyrische Ich versucht hier eben auf eine sehr einfühlsame Art und Weise auf das lyrische Du einzugehen, da fande ich "Hey du" doch etwas unpassend.
Beim Vers:
"Und selbst die Sonnen schmiegt dein hörig’ Engelsgang."
Ist natürlich der Engelsgang das Subjektiv, umgeschrieben wäre es dann: Dein höriger Engelsgang schmiegt selbst die Sonnen.
Du musst beachten, dass der Aufgesang sich nicht in der Realität sondern in einer Traumwelt des lyrischen Dus abspielt, was die Hilflosigkeiten des lyrischen Ich auch erklärt. Daher muss ihr engelsgleicher Gang und der beschriebene Gesang als Synekdoche für das eben beschriebende "weiße Wesen" gelten.
Du weißt doch Mrs. wie ich deine Fragen und Anregungen zu schätzen weiß
Es kommt auch nur recht selten vor, dass sich ein Vers samt Aussage perfekt in die Form ummünzen lässt, ich hoff jedoch ich habe bei meinen restlichen Metaphern, die Kurve auch noch bekommen.
Soweit von mir, zur Honorierung der Kritik und der genommenen Zeit.
Das was du hier anklingen lässt Wilhelm zielt absolut in die richtige Richtung, nur bezieht sich das Gedicht auf zwei Arten von Lyrik. Strophe 1, 2, 5 und 6 muss man als einheitlich betrachten, sowie 2, 3, 7 und 8. Den Sarkasmus den du in Strophe 7 (ehemalig 6) anmerkst, kann als Stellungnahme gegen die lyrische Ausrichtung der Strophen 2, 3, 7 und 8 gewertet werden.
Die letzte Strophe spiegelt wahrlich eine Folge wieder, es ist jedoch für mich eher ein Übereinkunft, beiderlei oben erwähnten lyrischen Richtungen.
Ich bedank mich für die Auseinandersetzung. Doch jetzt muss ich erstmal weiter den Keller streichen.
Hallo Ahsil,
das Sonnett kenn ich von dir ja schon auf Gedichte.com.
Dein Sonnett ist formal gut durchgezogen worden, den 5-hebigen Jambus mit wechselnden Kadenzen hast du gut hinbekommen, so wie die Reimschemen. Deine Metaphorik ist stimmig und baut eine passende Atmossphäre auf und kann diese auch über das ganze Werk aufrecht erhalten. Du rundest deine Bilder passend zu den anderen Metaphern ab sodass ein einheitlicher Inhaltsfluss entsteht, jedocht vergestikulierst du dich mit deinen Wortgebilden, ich würde die Sprache eher auf einem einfachen Niveau halten, schon allein wegen der hier beschriebenen Thematik.
Ich störe mich nur an zwei Audrücken:
"erfrischender Kaskaden"
Eine Kaskade beschreibt einen künstlich ästhetisch angelegten Wasserfall. Dies in Verbindung mit erfrischend versetzt der gesammten Stimmung eine ziemlichen Dämpfer und war in deinem Werk der einzige Augenroller.
"Elfenbeinpaläste"
Wieder passt dieses Bild der Pompösität nicht in das gesamte Stimmungsbild. Vor allem in Verbindung mit dem Vers davor, wirkt es sehr auf dein Folterfest hingeschustert.
Leider finde ich den Titel auch nicht weit genug ausgebaut, da dass lyrische Ich bis auf S4V2 keinerlei aktive Handlung gegen sich erfährt. Es beschreibt eher die Situation um sich herum, was einen fragen lässt, warum genau dieses "Folterfest" dein sein persönliches seien sollte? An manchen Stellen wirkt er eher als omnipotent als wirklich persönlich inwolviert. Daher hätte ich mir in diese Richtung noch etwas mehr gewünscht.
Bis auf diese kleinen Schnitzer macht das Gedicht einen professionellen Eindruck und kann aufgrund seiner formal gebundenen Metaphorik auf jeden Fall überzeugen.
Das man zu seinem Werk steht, ist auch eine äußerst wichtige Eigenschaft, die ein Künstler lernen muss. Wenn er jedem Kritik hinterher springen würde, der sich in kurzer Zeit ein Urteil bildet, dass in monatelanger Entstehungsarbeit vom Autor bedacht worden ist, wäre es kaum Kunst. Daher ist es wichtig, dass du deinem Werk so wie es ist zufrieden bist, oder wie willst du sonst irgendeiner Seele dein Werk näher bringen, wenn es nichtmal dich 100%ig überzeugt. Das nur so als Nebenexkurs
Die genannte Schizophrenie die du versuchst hast in dein Werk einzubauen, also Unterteilung in physisches und psychisches Element, kann ich leider nicht erkennen. Die meisten Einbezugspunkte des lyrischen Ich bewegen sich auf der Ebene der Sinne.
Wenn du die Kaskade als stufenweise Umwandlung des Schmerzes, des beschriebenen Sängers in S2V1, in perfektionösen Gesang ansiehst, so passt das "erfrischend" noch viel weniger. Denn Gesang der auf Schmerz aufbaut und sei er noch so gut verstrickt, kann wohl kaum als erfrischend aufgefasst werden.
Selbstherrlichkeit lässt Schmerz entstehen? Da kann ich dir leider nicht mehr folgen, Selbstverherrlichung mag vielleicht im entferntesten etwas mit psychisch/physischen Schmerz zu tuen haben, aber das sieht für mich eher nach einer "Um 7 Ecken muss du gehen" Interpretation aus.
Mich stören mehrere Sachen:
Den inhaltlichen Wendepunkt den du hier schon in S2V2 beginnst, solltest du auf den Abgesang legen, so bekommt das ganze mehr Ordnung.
Das Wort "metzeln" bringst du zwar mit "Schlachtgetier" in Verbindung und es beschreibt schön die "Es-Ebene" des Menschen, jedoch finde ich dieses Wort viel zu plump und Konotationslastig, so dass es versucht seinen Bildwert auf der untersten denkbaren Stufe zu vermitteln.
Die Foreneinteilung in "Philosopisches" will mir auch nicht so recht in den Kopf? Was soll daran philosophisch sein? Die Darstellung des Menschen als blutrünstig ist nun wirklich nicht neu und beinhaltet vor allem kein philosophisches Element, es handelt sich einfach um eine leidige Tatsache. Daher wäre die Einteilung in "Düsteres" besser gewesen.
Ansonsten finde ich die Metaphorik, vor allem der Gegenüberstellung mit der (jungfräulichen) Natur, als sehr passend. Leider fehlt das sprichwörtliche "Etwas" in deinem Werk, wodurch es trotz der schöne Bildebene, nur mäßig Gefallen bei mir findet.
Für mich klingen diese Zeilen mehr nach "Missbrauch mit vorherigem Abfüllen" (mein Gott das ist vielleicht ein grausliger Ausdruck *selbst mit Augen rollen muss*)
Aber inhaltlich passt es doch ganz gut, mit Abfüllen das an ein knappes Ertrinken erinnert (naja okay, die Übertreibung sehen wie hier einfach mal als Hyperbel an). Und bevor sie überhaupt begriff, was vor sich ging, bezahlte sie den Exzess mit ihrer persönlichen Ehre und musste sich dann schließlich nackt in der Gasse wiederfinden.
Nun gut meine Ausführungen wirken vielleicht etwas überdreht, aber für mich machen sie Sinn
Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen, jedoch stört mich die "Scheinwerfer". Die ersten zwei Verse sind relativ konkret wohingegen du mit im Verlauf deines Gedichts in das abstrakte übergehst, das ist zwar ein schön formaler Aufbau, doch leider wollen mir die Scheinwerfer nicht gefallen. Wenn du Vers 2 rauslassen würdest und Vers 3 anpassen würdest, würde es meiner Ansicht nach besser passen. Doch das nur so am Rande.
Du hast es geschafft, was sich jeder Dichter vornehmen sollte und zeichnest mit deinen äußerst einfachen Worten ein unglaubliches Metapherkonstrukt, das du fein und subtil so veränderst, dass ein Fluss im Inhalt entstehst, so dass du dieses Konstrukt im letzten Vers einstürzen lassen kannst. Ich hoff man liest mehr solche Sachen.
Hallo Arno,
wiedermal zeigst du einem, das auch das kürzeste Gedicht noch mehrebig interpretierbar bleibt.
Ich muss sagen, als ich das geschrieben habe, kam mir nicht ein einziges Mal, Glauben oder sogar Jesus in den Sinn, obwohl ich deiner Interpretierung nach es absolut nachempfinden kann.
Es freut einen immer, wenn man ein Werk nicht so schreibt, dass es dem Leser unweigerlich seine Meinung aufzwingt.
Meine Intention bei diesem Gedicht leitet sich jedoch vom Titel ab. Trotzdem eine gelungene und verständliche Interpretation.
Hey ihr beiden,
Willi tendiert absolut in die Richtung die ich mir auch vorgestellt habe. Es geht um die Nichtigkeit und Vergänglichkeit eines Menschens allgemein und darum wie er versucht sich selbst von diesem Sumpf der Vergänglichkeit abzugrenzen, daher hat Arno Recht, dass dieses Widersprechen gegen diese "Ordnung" wiederum ein Stück Erkenntniss seiner selbst ist.
Mir geht es oft so, dass ich sehe, dass alles was ich sage denke und tue schon von Millionen von Menschen vor mir vorgesagt, vorgedacht und getan wurde. Ich bin also sozusagen nur ein Stück einer Kette die im Laufe der Zeit nur länger wird aber immer die gleiche alte Kette bleiben wird. Wie einer Fabrik bei der schließendlich nicht mehr der Faden interessant ist, sondern nur das immer wieder kopierte Stück. Das gleiche mit dem Lied, in welchem eine einzelne Note nur dem Rest des Stückes folgen kann.
So ich hoffe man konnte der Flut meiner Alltags-Philosophien, die ich beim Spaziergang mit meinem Hund mit mir ausmache, wenigstens ein bisschen verstehen.