Hi Margot
Gefällt mir wirklich gut. Man stellt sich natürlich auch die Frage, woran er gestorben ist. Finde ich aber gut, dass es nicht beantwortet wird. Es lässt insgesamt viele Fragen offen, die einen dazu bringen darüber nach zu denken. Er war ...
Hi Margot
Gefällt mir wirklich gut. Man stellt sich natürlich auch die Frage, woran er gestorben ist. Finde ich aber gut, dass es nicht beantwortet wird. Es lässt insgesamt viele Fragen offen, die einen dazu bringen darüber nach zu denken. Er war derjenige mit den guten Zukunftsaussichten, doch sie ist Schriftstellerin geworden. Ich finde das enthält eine schöne Botschaft. Die Zukunft ist offen, nichts vorbestimmt, es kommt nur darauf an, was man daraus macht.
Ich hab mal ein paar meiner Gedanken dazwischen gekritzelt.
Gruß
Simone
Der Weg war länger, als ich ihn in Erinnerung hatte und ich begann zu schwitzen. Vom bewaldeten Hügel strich ein trockener Wind über die Kornfelder und ließ die gelben Halme rascheln. Links und rechts des Feldweges stand staubiges Grün, und die wenigen Wolken über den Bergen versprachen weder Regen noch eine sonstige Abkühlung. Der Juli würde enden, wie er begonnen hatte: heiß, trocken und schwül. Vier tiefe Glockenschläge, auf die zwölf, (den Ausdruck „auf die Zwölf“ kenne ich nur als Synonym für „auf den Kopf hauen“ „zur vollen Stunde“ wäre mir da geläufiger) etwas höhere, folgten, strichen über die Wiesen und ich hob den Kopf.
Ich war zu früh gekommen. Vielleicht absichtlich, (jetzt mal in Erinnerung deines letzten Kommentars *g das LI sollte doch wissen, ob es absichtlich früher gekommen ist) damit mir etwas Zeit blieb mich umzusehen und darum zu trauern, dass zwanzig Jahre so schnell vorbei gehen können, ohne dass man sich dessen bewusst wird. Oder wahrscheinlich nur in solchen Augenblicken, in denen es nach Vergänglichkeit und verlorenen Möglichkeiten riecht. (auf was bezieht sich denn hier das „oder“? der ganze Satz steht irgendwie so alleine und ich finde da keinen Zusammenhang)
Die Bank stand noch an derselben Stelle. Auch die riesige Eiche war noch da und warf bläuliche Schatten auf die roh gezimmerte Bank, die vormals grün gewesen war. Die Farbe hatte sich im Lauf der Jahre jedoch weitgehend aufgelöst, und als ich mit der einen Hand ( das „einen“ würde ich weglassen, „mit der Hand“ sagt ja, dass es nur eine ist) darüber strich, blätterten kleine, grüne Fetzen ab und fielen zu Boden. Wenn ich mich jetzt hinsetzte, würde ich vermutlich meinen schwarzen Rock ruinieren. Doch es spielte im Moment keine Rolle, ob ich jetzt (zwei mal „jetzt“) grüne Farbe am Hintern hatte oder nicht, schließlich kam ich zurück, um Abschied zu nehmen, das würde auch mit einem schmutzigen Arsch gehen, deshalb setzte ich mich hin und schlug die Beine übereinander.
Ich zog eine Zigarette aus meiner Handtasche hervor. Das Feuerzeug klickte unverhältnismäßig laut in der sonstigen Stille, die nur durch das Zirpen der Grillen in der Mittagshitze und dem leisen Rascheln der Eichenblätter über mir unterbrochen wurde.
Ich hätte eine Schaufel mitnehmen sollen, oder wenigstens eine kleine Harke, ging es mir durch den Kopf. Wenn ich mit bloßen Händen grub, würde mir sicher ein Nagel abbrechen. Doch wie der grüne Arsch, war mir auch ein abgesplitterter Fingernagel in diesem Moment egal.
Ich hatte nicht vor gehabt, zur Bank zu gehen. Besser gesagt, hatte ich sie vollkommen vergessen und erst auf der Autobahn, als ich (in) einen Stau fuhr, fiel mir dieser Platz plötzlich wieder ein.
„Weißt du, weshalb wir das hier vergraben?“
Ich schüttelte den Kopf und meine blonden Zöpfe schlenkerten hin und her.
„Weil das eine ganz besondere Bank ist. Wenn man hier etwas vergräbt, kommt man immer wieder zurück ... wie zu dem italienischen Brunnen.“
Dir stand der Schweiß im Gesicht und unter deinen Achseln begannen sich große, dunkle Flecken auszubreiten, als du versuchtest, mit der rostigen Schaufel, die wir beim Nachbarn aus dem Geräteschuppen geklaut hatten, in den pickelharten Boden ein Loch zu schlagen.
„Schau doch mal!“ Ich folgte deinem Zeigefinger und erblickte ein paar Meter entfernt, kleine, krümelige Erdhügel. „Da sind noch mehr Dinge vergraben, von anderen Leuten. Aber man darf da nicht rumstochern, sonst fallen die tot um!“
Ich blickte skeptisch auf die braunen Häufchen. Maulwurfshaufen waren mir nicht fremd und ich zweifelte daher etwas an dieser Prophezeiung, schwieg aber und nickte bloß.
Meine Mutter hat immer gesagt, dass du Mühe damit hast, Realität und Phantasie zu trennen. Doch für mich waren deine Geschichten und Einfälle immer das Tor zu einer wunderbaren Welt, und in jenem Sommer war ich immer noch in der Lage, dir alles bedingungslos zu glauben. (der bedingungslose Glaube, beißt sich meiner Meinung nach mit dem Zweifel an der Prophezeiung. Wenn ich bedingungslos glaube, zweifle ich nicht)
Auch jetzt war der Boden knochentrocken. Fingerbreite Risse durchzogen die Erde und lechzten nach Wasser. Ich scharrte mit meinem Fuß über die Stelle, an der ich unseren Schatz vermutete. Das würde nicht leicht werden. So weit ich mich erinnerte, hast du damals ein recht tiefes Loch ausgehoben. Oder kam es mir seinerzeit nur groß vor?
„Zu tief darf man aber nicht graben“, hast du gesagt und dir die braunen, nassen Strähnen aus dem Gesicht gestrichen, „sonst fängt man Feuer und wird gebraten. Das geht ganz schnell und am Ende bleiben nur noch ein Häufchen Asche und die Goldzähne übrig. An denen kann die Polizei dann erkennen, wer verbrannt ist.“
Ich erschrak und fuhr mir mit der Zunge über meine Zähne. Von mir würde demzufolge gar nichts übrig bleiben. Ich hatte lediglich eine schwarze Füllung, die mir der Zahnarzt vor einem Monat eingesetzt hatte. Ängstlich trat ich einen Schritt zurück, was dich zum Lachen brachte.
„So, das sollte reichen! Gib mir jetzt die Tüte.“
In der roten Plastiktüte befanden sich ein schwarzer und ein weißer Kiesel; je eine Haarsträhne von dir und mir, sowie der Aufsatz, für den du eine Eins gekriegt hattest. Du warst der Beste im Deutschunterricht, und unsere Lehrerin hat dir damals eine große Zukunft als Schriftsteller prophezeit. Ich hatte für denselben Aufsatz lediglich eine drei gekriegt (zwei mal gekriegt evtl bekommen) und wollte daher lieber einen Mathetest beisteuern.
„Komm, gib mir deine Hand und sprich mir nach: Mit diesem Pfand geloben wir uns nie zu trennen. Für alle Zeiten wollen wir Freunde bleiben. Sollte uns das Schicksal je separieren, wird uns das Pfand immer wieder zurückrufen, wo immer wir auch sind!“
Es war ein sehr feierlicher Moment, obwohl ich das Wort ‚jeseparieren’ nicht verstand, und ich überlegte mir, das Kreuz zu schlagen. Doch ich wollte nicht übertreiben und murmelte deshalb lediglich: „Amen!“
Ich blickte mich suchend nach einem Stock um. Nichts. In meiner Handtasche fand ich eine Diamantnagelfeile, und ich begann - in der Mitte zwischen Eiche und Bank - zu graben. Die Feile knackte ab und zu bedrohlich und verbog sich, doch nach und nach lockerte sich der Boden.
Der Schweiß lief mir den Rücken und zwischen den Brüsten hinab, und der enge Rock behinderte mich bei meiner Tätigkeit. Kurzerhand zog ich ihn über die Hüften und stand jetzt im Slip und mit hochrotem Kopf unter der Eiche. Ich hätte für vorbeigehende Fußgänger sicher ein schönes Bild abgegeben. Bei dieser Vorstellung musste ich kichern und erschrak ein wenig über den hysterischen Ton.
Mein Rücken begann zu schmerzen. Was tat ich überhaupt hier? War ich irre? Vermutlich grub ich an einer ganz falschen Stelle. Selbst wenn ich die Tüte finden würde, was wollte ich damit tun?
Die Nagelfeile brach mittendurch und einen Moment starrte ich sie verblüfft an. Dann also mit den Händen. Aber wenn ich zu tief grub, würde man bloß noch ein wenig Asche und einen - vor drei Jahren teuer erworbenen - Goldzahn von mir finden. Ein unkontrolliertes Lachen stieg in mir hoch, das ich mühsam niederkämpfte.
Als ich mit der Hand auf etwas Weiches stieß, wusste ich sofort, dass es die Tüte war. Ich zog sie vorsichtig hervor. Sie zerriss sofort, (zweimal sofort) beziehungsweise das, was noch von ihr übrig geblieben war. Die Schularbeiten waren verschwunden, ebenso die Haarsträhnen, (da bin ich nicht sicher, aber ich glaube Haare sind nach 20 Jahren noch nicht verschwunden. Man hat ja schon uralte Leichen gefunden, die immer noch Haare hatten) aber die Kiesel waren noch da. Ich spuckte auf die zwei Steine und rieb sie anschließend am struppigen Gras trocken. Ein schwarzer und ein weißer. Yin und Yang. Du und ich.
„Ich danke dir, dass du gekommen bist.“
Deine Mutter strich mir mit einer fahrigen Bewegung über den Arm und wischte sich die geschwollenen Augen. „Er hat noch oft von dir gesprochen und sich gefragt, was aus dir geworden ist. Leider habe ich deine Adresse erst durch den Artikel in dieser Zeitschrift herausgefunden. Ich wollte ihm das Interview noch vorlesen, aber er war zu der Zeit schon nicht mehr ansprechbar. Ich gratuliere dir übrigens zu deinem neuen Buch. Ich werde es mir sicher kaufen. Du kommst doch mit in den Gasthof?“
Ich nickte, obwohl ich nicht die Absicht hatte, am Leichenschmaus teilzunehmen. Bei dem Wort allein wurde mir schon übel. Doch bevor ich noch etwas erwidern konnte, war deine Mutter schon wieder weg und umarmte eine dicke Frau in einem grässlichen Kostüm.
Dein Grab war mit Blumen und Kränzen überhäuft. Ich wartete, bis alle Trauergäste sich auf den Weg zum Gasthof gemacht hatten und trat erst dann an das offene Grab. (zwei mal Grab) In einem Messingbehälter befand sich feiner Sand und eine kleine Schaufel. Ich starrte einen Moment in das Loch und schluckte. In meiner rechten Hand spürte ich die Kieselsteine, die sich warm und glatt an meine Haut schmiegten. Ein leichtes Vibrieren ging von ihnen aus, als würden sich zwei Magnete aneinander reiben. Ich nahm eine Hand voll Sand, legte den schwarzen Kiesel darauf und warf beides in das ausgehobene Grab. (dreimal Grab) Mit einem leisen Klack fiel der Stein auf deinen Sarg, drehte sich zweimal um die eigene Achse und kullerte dann in den dunklen Spalt zwischen Erde und Holz.
Ich würde sicher irgendwann weinen. Vielleicht auf der Heimfahrt, nächste Woche, oder wenn ich den Rock in die Reinigung brachte. (hier hab ich irgendwie ein Problem mir den Zeitformen. Wenn das alles schon vorbei ist, müsste sie wissen ob sie geweint hat. Logischer erschiene mir „wenn ich den Rock in die Reinigung bringe“)
Toll, jetzt hast du noch mal was geändert. Ich bin aber jetzt zu faul nachzugucken was es ist. Also nimm die Version *g
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