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  • Fiesta MexicanaDatum20.05.1970 01:05
    Fiesta Mexicana

    "Du musst einmal unter andere Kinder!", sagt Mutti und verkündet, dass wir am Samstag zum Faschingsfest nach Woltwiesche fahren. Noch ein Tag mehr wie 'Turnverein' und 'Gottesdienst' und 'kleine Pause' und 'große Pause' - eigentlich ein Tag wie jeder. Andere? Mir sind die Kinder genug, die ich kenne. Wie eine große Wolke, die immer dahin wandert, wohin ich gehe, mir nur Schatten lässt. Ich friere dem Vergnügen entgegen: Montag, Dienstag - fallende Kalenderblätter grinsen mir zu.

    Mutti freut sich, schneidert mir einen Poncho und zaubert bunte Bänder an meine alten Winterstiefel. Dann geht es zu Büttners. Dort langweilen sich lustige Faschingshüte an der Wand und erzählen sich Geschichten. Ein roter Sombrero aus Pappe muss sich verabschieden. Und neue Zündplättchen für meinen Revolver bekomme ich auch. Ich setze eine schwarze Maske auf, lächle Mutti zu. Sie weiß ja nichts von der Wolke.
    Fallende Kalenderblätter: Mittwoch, Donnerstag, Freitag. Mir ist kalt.

    Samstag. Es ist soweit, Mutti verkleidet mich: Poncho, Stiefel, ein schmaler Bartstrich mit ihrem Schminkstift. Sie bewundert ihr Werk. Nun geht es los, im Auto über die Dörfer. Auf dem Parkplatz habe ich Mühe, ihr klarzumachen, dass ich nicht mit lautem 'Peng, peng' in das Gasthaus stürmen möchte. Wenn sie entdeckt, dass ich meinen kleinen Colt gegen Vaters echten ausgetauscht habe, erschrickt sie nur. Dabei möchte sie doch, dass ich fröhlich bin ...

    Mutti führt mich zu einem Tisch in der Mitte des Saales. Dort sitzen bereits zwei Astronauten, ein Clown, eine Hexe, ein Marienkäfer. Und ein Junge, der Gerd Müller sein möchte. Mit leichter Stimme bestellt sie mir Brause, Bockwurst und Kartoffelsalat. Ich mag keinen Kartoffelsalat. Und keine Astronauten, Clowns, Hexen. Und keine Jungen, die wie Gerd Müller sein möchten.

    Ob der Marienkäfer fortfliegen kann? Es ist kalt im Saal.
  • Die Flucht aus dem HandtaschenlandDatum19.05.1970 21:59
    1. NEIN

    Nein. Nein! Hochgerissen, vorwärts! Sofort, jetzt! Jeden Moment kann sie kommen, mich finden. Ich haste, falle, stolpere, reiße meine Haut auf an Dornen, pralle gegen die Nacht, renne weiter. Weg von der Handtasche; ihrer Hand, die sie öffnet. Sie macht sie auf. Sie macht sie wieder auf. Immer wieder! Da ist das Schnappen. Das Schloss springt auf. Die Hand greift hinein. In mich.

    Ich muss weiter. Immer weiter. Irgendwohin; dahin, wo sie nicht hinkommt. Fort aus der Welt! Ich laufe. Haste weiter. Durch den Wald, das Dunkel. In mir, aus mir, vor mir - denn überall ist sie. Und ihre Hand, die nach mir greift. Sie zerrt mich aus dem Schwarz in das gleißende Licht. Das explodierende Licht in meinem Kopf, das mich zurück ins Dunkel stößt. Ihr Dunkel, meine Nacht.

    Nicht schlafen! Ich reiße die Augen auf, meine Ohren. Wo ist ein Laut? Wo ist sie? Irgendwo ist ein Licht. Ein Auto. Sie kommt. Ich renne, falle. Ein Schloss schnappt wie ein Pistolenschuss durch den Wald. Ich stolpere, falle in ein dunkles Loch. In eine Tasche aus Schwarz. In sie.
    Ich muss mir eine Höhle graben! Das ist es! Eine Höhle, tief hinunter in die Erde, hier im Wald. Weg aus der Welt. Ihrer Welt. Ihrer Hand. Und der Tasche. Tiefer, immer tiefer graben muss ich. Mich eingraben, fort, hinein, tiefer, in die Erde.

    Und ich erwache. In Erde. Und ich reibe meinen müden Kopf am Erdenloch, dem krumig Braun, das so sehr nach Bleiben schmeckt, lockt und nie mehr Hunger sein. Und weine mich in Wurzelhaar. Und den Speichel, der dunkel auf meine Hand fällt, in grobem Fadenschaum. Und ich mache mich wie ein Engerling und hoffe auf ein Erwachen als anderer.

    2. EIN ANDERER

    Ein anderer, ein jener, ein welcher, ein anderer. Als den, der ich schon immer sein wollte. Seit ich in den Spiegel schauen konnte - damals bei ihr. Besonders an den Tagen, an denen sie das Kalenderblatt abriss, das sie rot angekreuzt hatte, nagellackrot, und dann, jede Silbe wie eine lange Schraube in mein Ohr bohrend, die Tagesweisheit auf der Rückseite des Blattes vorlas. Dabei sanft die Kantenwellenlinie des Risses streichelnd. Dann wußte ich: es war ein Bösebösetag!

    Ein Bösebösetag. Zu dem der kleine Anzug gehörte in Pepita. Und die kleine rotblaue Fliege, an der sie immer zupfen musste, dass es mich erfror, im Erschaudern vor ihrem fauligen Atem so nah. So nah. So nah. Und dann nahm sie die Handtasche und öffnete sie mit keckem Schnappen. Und holte die Fessel hervor, das Koppel, Geschirr für ihr kleines Wildpferd, wie sie immer sagte, ihr kleines böses Wildpferd. Und auch die Schachtel mit den Tabletten, die den Traum vertrieben. Jeden. Und das Licht im Kopf auf Grau stellten. Ein Ohnebildgrau. Ein Schlimmnebelgrau.

    Und dann ging es los. Ins Städtchen, wie sie immer sagte. Mit der Straßenbimmelbahn; immer nur ein Qualton meinen Ohren. Und schon beim Aussteigen, dieses Zurren, wenn ich zu schnell. Oder zu langsam: trödelte. Trödeljochen! Lederschnüre in den Schultern, Striemenspuren wie die Schienen der Straßenbimmelbahn. Blaulilagrüne Spuren unter kleinem Pepita, schwarzweiß.

    Und dann der Klapps in den Nacken, wenn ich wen zu frech anguckte. Und dann wieder der Blick nach unten zum Wiedererkennen des Immerwiederwegs zum Doktormann. Plattenmuster, Asphaltmeter, Kopfsteinpflaster, Bordsteinkanten, Bürgersteige - ganz viel Graubuntfarben, Muster, Linien - doch, immer ein Zurren, ein Ruck. Und immer auf die falsche Linie getreten, auf die, die das Unglück bringt. Und dann die Angst vom gierig rollenden Scherenmesserband der Rolltreppen gefressen zu werden, zerrissen.

    Und Schuhe zählen - immer nur bis sieben - und dann wieder von vorn. Soviel Schuhe und immer Dreck am Hacken. Nicht nur an grieselschneeschmutz Februartagen. Und dann immer wieder dieses Zurren, wenn ich mal stehenblieb, die Geschichten hören wollte, die von den Schuhen erzählt wurden. Oh ja, sie wollten mir viel erzählen, das wusste ich! Doch ich hörte sie nicht mehr genau; nur sehr leise. Denn die Tabletten vertrieben nicht nur die Träume. Sie machten auch den Schuhen Angst, die sich nur noch zu flüstern trauten. Dabei wollte ich ihnen so gerne zuhören. Aber wenn ich mich zu ihnen bückte, gab es immer ein Doppelzurren und einen Klapps.

    Doch eines Tages habe ich mein ganzes Hörenwollen Ihr entgegengestellt. mich ganz schwer gemacht im Wollen. Und habe den Ton gespürt, das Reißen von Leder. Und das frei sein wie Vogel, der in die Luft geworfen. Und ich bin geflogen. Über Gehwegplatten, Bordsteinkanten, Bürgersteige, Unglückslinienkreuze, das Labyrinth der Straßen, geflogen, geschrien vor Glück, laut. Geflogen und im Flug erstarrt, wie Vogel, der gegen Schaufensterscheibe prallt, die für mich das Rot des Autos vom Erschrockenen.

    Und dann sah ich den Doktormann immer. Jeden Tag; fast jeden. Denn ich wohnte dann in seinem Haus. Und nur am Wochenende kam sie. Mit der Tasche. Da gab es außer den Tabletten dann auch noch Spritzen, von der liebenliebedick Schwester, die mir auch die Worte nahmen für meine Gedanken, die dann immer weniger wurden, wie Tintenschrift im Regen. Und ich sah ein letztes Wort. Ein Wort nur und dann nur sie. Und die Handtasche.

    Und so jahrein, jahraus. Und wieder anders rum, jahraus:jahrein. Und dann sagte sie irgendwann nicht mehr kleines Wildpferd, böses zu mir. Oder Trödeljochen. Aber sie kam trotzdem. Immer an den Tagen, den Bösebösetagen. Doch dann einmal vergebens. Jajajajajaja, denn, dadadadada da war ich weg. Schon hier. Im Wald. Wo sie mich nicht finden wird. Ihr kleines Wildpferd, ihr böses, ist ausgebrochen, weggaloppiert. Fort! Nicht mehr beim Doktormann wohnen. Sondern hier, bei Bruder Erde. Als Engerling. Und ich mache mich zu einem anderen. zu einem welchen. einem jenen. Und rieche mich in die Ruhe hinein.

    3. UND DIE TÜR

    Und die Tür klappt wie ein Pistolenschuss durch den Wald. Das Schnappen der Handtasche. Ein Echo, von Baum zu Baum gereicht. Und Stimmen pfeilen in mein Ohr. Ihre Stimme, hundertfach. Laut und leis. Und immer bös. Kleines Wildpferd, Trödeljochen, kleines Wildpferd, Trödeljochen, ins Städtchen, mit der Straßenbimmelbahn. Und der Doppelklapps. Nein - kein Traum. Sie ist wieder da, da draußen, überall. Und so auch hier, hier drinnen. Jede Wurzel greift mit ihrer Hand. Erde nicht mehr Bruder mir, sondern ihr Taschentuch, das mir wie eine Scherbe übers Gesicht fährt. Im Tränenlauf.

    Und die Zweige küssen die Narben der alten Wunden, peitschen die Erinnerung hellrot. Schneller! Fichten drahtbürsten über die Finsternis meiner Hände, Haselzweige weidenruten Blutstreifen, ein, zwei, drei, zarte Schmerzenslinien, kleintropfende Kriegsbemalung, die aus Poren trinkt mein Eigenblut. Ein warmer Trank im Unterwegs.

    Schlingpflanzen, die gierend greifend mich halten, netzen, fangen, angeln, fallen. Meine Hände durch Straucheswirrwarr und Brombeergerank, Heckenrosen, Johanniskraut, Brennesseln. Feuerfuß frisst Wade ab. Kletten widerhaken Haaresspur. Und immer wieder taumelstürzend in den Schlamm. Kurzes Nass für das Trocken der Lippen.

    Ein Bösebösetag. Und ich höre sie. Aus allen Richtungen. Rufen. Ein Pfiff. Echo zerstört mein Liedliedeigensumm. Das Schnappen der Handtasche; ein Pistolenschuss - die Peitschen. Und immer höher: die Laubwälle, die den Ausweg verstellen. Dann doch - dem Häher folgend - seinem hohen Ton - ins Freiloch des Grünhimmels.

    Letzte Luftholschritte durch Trockenschilf und Sumpf und Ziest, brackigen Bruch, Blutegelreich. Und dann das Zerbersten der Schneckenhäuser unter meinem Blindtritt in vages Ried. Es geht mir nicht aus dem Ohr, dieses knarschig-trocken-in-sich-fort-Sterben. Und dann: die Angst des Körpers unter der Sohle, das Fühlen des selbst so seins. Wie eine Schnecke in den Scherben ihres zerstörten Hauses, die mit spitzen Haut reißen, tiefe Stücke. Aus mir.

    Gelähmt sein. Wie Birke Stamm und totes Holz werden, mein Wunsch. Doch ich höre nur das Zerbersten, die Weichangst, sehe den Schatten ihres Trittes über mir. Stetes schwebendes Sein. Ein Unglücksein.

    Und dann der Blick, die Augen eines Freundes. Meintraumwolfhund steht mit mutvoll zitternden Flanken zwischen Schilf und Erlenbraun. Und er führt mich zu sich in sein Sein. Und ich sinke als leere Hülle in die Wurzelerde der Birke. Und bin mein Wolfhundtraum. Und entfliehe den näher kommenden Stimmen, dem metallenen scheppernden Chor, dem Suchlicht, dem hellblend Augenschmerz. Und ICH mache mich auf die Suche. Das erste Mal. Ja, Jäger sein. Mit spitzen Zähnen. Und spüre ihre Schärfe. Meine Schärfe: Reisszähne! Die ihr Fleisch wollen.


    4. UND ICH NEHME

    Und ich nehme die Witterung auf, die Fährte der Handtasche, des alles durchdringenden Geruchs der zitronenquitten Erfrischungstücher, der Salbeibonbons, des billigen Parfüms, der benutzen Taschentücher mit Mundspitzspeichel. Und ich ahne den dünnen Pepitastoff, das Gummiband der rotblauen Fliege, das durchnetzt mit der Angst meines Knabenkinderhalses.

    Und sehe hier im Schilfwald wie sich der Kleiderschrank öffnet im Schlafzimmer, das immer ein Dunkel war, und wie sich tausende von Lavendelblüten in ihren kleinen selbstgenähten Blumenstoffsäckchen regen, schreien, rufen und wollen, dass ich den Weg zu ihnen find. Zu ihr.

    Und ich mache mich auf den Weg. Lasse Erlenbruch zurück, Birkenhain, das Laubwohl, den Weichmoospfad, das Streichelwollgras. Und muss aufpassen. Sehr viele Augen im Wald und Suchblicke und blaues Karussellicht. Und ich mache mich klein. Und finde den Pfad durch den Fichtengrund, das Finsterland der Nachtfalter, die mir mit braunzartem Schlag die Spur weisen.

    Und da ist es wieder: das Locken der Lavendelblüten. Und dann - dann bin ich wieder am alten Zaun, hinter dem ich immer in das Glück hinausschaute, das Holz der Latten liebkosend. Und durchquere den Garten, die Rabatten, die Rabatttten, wie sie immer sagte. Und ich spüre, wie das eine Wort nur in mir aufsteigt und wie Wolkenschrift am Himmel bergegroß. Und ich will, dass sie nie wieder.....
    Und da ist Sie. Da sitzt sie in dem blauen Gartenstuhl. Und da sitze ich. In dem grünen Gartenstuhl. Und da steht die Handtasche. Und dann nimmt sie wieder diese Handtasche. Und macht sie auf.

    Und ich springe, springe zu. Und bin nur noch Zähne. Und in ihrem Rot. Und weide mich, mein Herz auf grüner Aue. Der Herr ist mein Hirte! Ja! Und genau jetzt ist er ganz weit weg. Und kann sein Schaf nicht mehr halten, das dem Wolf gehört. Dem Wolf folgt, in eine Welt ohne Handtasche, ohne Zaumzeug, ohne Doktormann, ohne Straßenbimmelbahn und ohne Tabletten, die den Traum doch nicht vertreiben können, nicht ganz.

    Dem Wolf folgen: in eine Welt, wo sie nicht hinkommt, wo sie bei mir ist. Und lieb. Und mir ein Lied singt, gegen meine Angst beim Schlafengehen. Und ich ziehe sie in meine Höhle aus Blut und Fleisch und Haut und Haar.

    Und ich schmecke sie. Schmecke Erde. Reibe meinen müden Kopf am Erdenloch, dem krumig Braun. Und weine mich in Wurzelhaar. Und ich mache mich wie ein Engerling und hoffe auf ein Erwachen als anderer, jenseits meiner Schneckenflucht.
  • TannengrabDatum19.05.1970 21:29
    Tannengrab

    ‘Die Tage werden wieder länger!’, hat Mutti gesagt und Fresien gekauft. Die Süßbuntblumen, die mit ihrem Duft die Weihnachtsgeister aus den Zimmern vertreiben. Engel, Glocken, die Krippe und Strohstern schlafen schon wieder auf dem Dachboden. Die Tanne im Garten, wo sie auf Ostern wartet.

    Frau Hoffmann und Frau Uhlenhaut haben auch Fresien gekauft. Und die anderen in der Siedlung ebenso. Und überall liegen sie hinten auf der Feuerstelle; vor der Pforte und harren der Osternacht oder der Müllabfuhr - die toten Weihnachtsbäume.

    Ich sehe Schneeschmutz in ihren Zweigen, letztes Lamettahaar, traurig winken. Und gehe unsere Straße entlang, schaue zu, wie die Nachbarskinder sie durch den Rinnstein treiben. An einem kleinen Baum hängt eine zerbrochene Kugel, die mich anschaut wie ein beinahtot Vogelkind, aus Nest gefallen.

    Ich nehme sie in die Hand, drücke ganz fest zu, bis, bis sie Blut in meine Faust malt. Und ich streichle sanft Rot über die noch gar nicht kahlen Zweige, beschließe Brüderschaft mit der Tanne, den anderen Toten. Und es fängt an zu schneien...

    Zuerst ziehe ich unseren in meinen Verschlag aus Bretterholz. Und klettere über Zäune, winde mich durch Hecken, mache Besuche: Spannhuths, Rodermunds, Wittenborns. Und es schneit. Hoffmanns, Uhlenhauts. Und ich schminke mir Tod ins Gesicht.

    Und es schneit. Weißröckchen tanzen im Laternenlicht. Und ich feiere Weihnachten. Ziehe mit dem Schlitten los, die Straßen entlang und zurück. Und entlang und zurück. Bis kein Zweig mehr hineinpasst, in mein Haus.

    Und ich singe bei jedem Hammerschlag, bei jedem weiteren Brett, mit dem ich die Tür verschließe, die Tür von meinem Tannengrab. Und ich lasse mich in den Schnee fallen. Und ich lasse mich träumen. Es schneit.
  • Auf der Höhe der ZeitDatum19.05.1970 16:42
    Thema von corvinus im Forum Gesellschaft

    Auf der Höhe der Zeit
    wachen Moose,
    kümmernde Kiefern;
    weit oben;
    auf der Höhe,
    der Höhe der Zeit.
    Und hören,
    hören
    nähernden
    Gleichklang,
    Gleichklang der kleinen Schritte:
    Lemminge,
    horizontweit an Zahl,
    nahe,
    nahe dem Ziel.

  • ElsternschneeDatum19.05.1970 16:26
    Elsternschnee

    "Es geht auf Tanne, ..." sagt Vater und holt den Dachgepäckträger hinter Sommerreifen hervor und Campingtisch. Mit seinem "..., die ja eigentlich eine Fichte ist!" lassen wir die Siedlung zurück. Acker, Weide, Moor liegen unter schmelzendem Weiß. Mittagslicht schneidet Schwarz in das weite Land.

    Zur Schonung, wo in den großen Ferien Nesseln meine Beine peitschen, Klette nach Sandale giert. Und Himbeeren locken... Vaters Blick prüft den ersten Baum, sucht bereits, ob der andere nicht doch schöner ist. Eine Elster schreit.

    Ich ziehe den Fäustling aus, greife nach der Frucht des letzten Sommers, pflücke sie aus Rankenwerk. Ein kleiner Wurm tänzelt wie die Schlange Indiens aus dem tauroten Kelch. Flocken fallen, die Elster schreit; von ferne Vaters Fluch. Die Frucht schmeckt gut, obwohl nur Marmeladenobst, mit Fleisch.

    "Marmeladenobst!" wiederholt meine Großmutter, lächelt mir zu und öffnet die Thermoskanne mit dem dicken Korkenpfropf. Zu gerne würde ich einmal den Silberlöffel hineinwerfen, doch Kleineomi ist streng. Auch wenn sie in ihrem blauen Kleid mit den Punkten lieb ausschaut.

    Ihr gegenüber am Campingtisch sitzt ein alter Mann mit Bart, Falten, Pelz. Sie trinken Kaffee, reden wenig. Und jedesmal, wenn die Elster schreit, lauschen sie, ob man Vaters Axt hören kann. Vergeblich.

    Schneedick liegt auf unserem Auto, Fichten und Himbeergesträuch. Unter dem Campingtisch blüht Johanniskraut. Großmutter hat das Reisespiel ausgepackt: 'Mensch ärgere dich nicht!'. Wir spielen zu viert: Kleineomi Rot, ich in Blau, der Fremde Grün und Vater Schwarz. Der Alte würfelt, zieht für ihn. Verliert.

    Die Elster schreit. Unser Gast trinkt den Rest Kaffee, steht auf, ein stummer Abschied. Auch wir gehen einiges darauf. Nach Haus. Dass Großmutter nicht friert in ihrem dünnen Kleid?

    Vater lassen wir zurück. Er hat sich im Labyrinth der schönsten Tanne verlaufen. Sein "..., die ja eigentlich eine Fichte ist!" wird mir fehlen.

  • Kalter KaffeeDatum17.12.2007 10:44
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Kalter Kaffee
    Werter Michael,
    als 'Neutümpler' habe ich ein wenig im Archiv gestöbert und bin am schön 'unambitionierten' Titel Deines Textes hängengeblieben. Es hat sich gelohnt: fein lakonisch diese kurze Vita, besonders in den Punkten Intro und Extro. Und ein nachklingendes Bild: der Fangzaun der Mülldeponie ...
    Grüße
    c.
  • Die Stadt der HundeDatum17.12.2007 12:33
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Die Stadt der Hunde
    Werte Margot,
    der Titel hat mich beim Stöbern verweilen und der starke erste Satz dann einsteigen lassen. Feiner Rhythmus und m.E. ein sehr ausgewogenes Verhältnis zwischen Andeutungen und Direktheit. Da ich eher ein Freund der vagen, kryptischen Skizze, bin ich recht bald auf die Verbindung von Titel und der Objektartigkeit der Patienten gekommen. Von meiner Seite also ein kleiner Extraapplaus hierfür.
    In summa ein starker Text, der bannen kann.
    Erlesene Grüße
    c.
  • WinterschweinDatum17.12.2007 13:32
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Winterschwein
    Werter Viktor,
    hier passt es: ein schlichtes 'saustark'!
    Grunzgruß
    c.
  • WaldauDatum18.12.2007 12:13
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Waldau
    Salut Margot,

    starke Zeile, jenes hier 'Im gleissenden Licht schmelzen Gummifassaden'! Und im allgemeinen sei allen empfohlen, sich in den vergangenen Zellen der Waldau einmal umzuschauen, 'saßen' doch Robert Walser und Friedrich Glauser dort ebenso wie Adolf Wöllfi und mannig andere Künstler. Schaurigschöner Ort, der es einem schwermacht, das 'an der Welt irre werden' nicht zu idealisieren.

    Erlesene Grüße
    corvinus
  • Pan ruftDatum18.12.2007 12:29
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Pan ruft
    Allein das famose Bild der Augen als verschlossenen Weinbergschnecken lohnt das 'Hervorkramen.
    Allerdings, werter Alcedo, erscheint mir der von Dir sicherlich höchst bewusst gewählte Zeilenumbruch mit Verlaub ein wenig zu bemüht. In einfacher Zeilensetzung wirkt der Text womöglich stärker.
    Mutmaßgruß
    c.
  • Auf der Höhe der ZeitDatum07.01.2008 10:20
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Auf der Höhe der Zeit
    Salut Margot, Maya & 'Brot',

    zunächst vielen Dank für Eure ausführliche Resonanz. Zum Hintergrund dieser Zeilen folgendes: Das Textlein entstand als Beitrag zu einem Lyrikwettbewerb meines Heimatsstädtchens, der unter dem Thema 'Auf der Höhe der Zeit' ausgeschrieben wurde.

    Nun ist es so, dass hier derweilen, resp. derzeiten (sprich Frühjahr 2007) eine eigentümliche 'Hurraeuphorie' herrscht, nachdem Braunschweig nicht nur eine höchst fragwürdige Schlossatrappe erhalten hat, sondern letztes Jahr auch den Titel 'Stadt der Wissenschaften' führen durfte.

    Daher war ich dann doch verlockt, dem ein kleines Gegengew(d)icht zu setzen, in dem ich versucht habe, die Höhe der Zeit als karge, nordländische Klippe zu zeichnen, auf der ein kalter (Gegen-)Wind herrscht. Halt eine ganz kleine, skeptizistische Skizze. Klar, dass da die Lemminge reingehören - es empfiehlt sich übrigens sehr, dazu mal bei Carl von Linne nachzulesen! - auch wenn sie heuer recht klischeeiert sind.

    Ob die Tatsache, dass ich mit diesem Dinglein, das nun wahrlich nicht den Anspruch auf große Lyrik hat, bei dem Wettbewerb (mit) gewonnen habe, für oder gegen die Stadt BS spricht, mag entscheiden wer will ;-))
    Klippschiefergrüße
    corvinus
  • TannengrabDatum07.01.2008 11:05
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Tannengrab
    Gratulation, Brot, zu Deinem Erinnerungsvermögen ;-). Ja, das LC hat wohl sein Forum geschlossen, so dass ich mir erlaubt habe, hier ein bisserl Schnee von gestern schneien zu lassen, da er ja zur aktuellen 'Baum-raus-Stimmung' passt.
    Und auch mit Deiner Lesart liegst Du gar nicht ganz so weit daneben. Das 'Tannengrab' gehört wie der 'Elsternschnee' zu einer Reihe von kleinen Textlein, die ich in der Art von Tagebuchnotizen eines etwas eigentümlichen Jungen, Jünglings anlege (bzw. anzulegen versuche, die in ihrer Gesamtheit ursprünglich als 'Metatext' in einen Krimi integriert werden sollten. Da das 'Großprojekt' derweilen auf Eis liegt, bastele ich unabhängig davon weiter.
    Dank fürs 'Gern-gelesen'!
    Fresiengrüße
    c.
  • ElsternschneeDatum07.01.2008 12:55
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Elsternschnee
    Salut Alcedo und Dank für Deine Rückmeldung. Gerade, da Dich der Text nicht so recht erreicht.

    Der stetig wiederholte Elsterschrei soll zum einen Struktur geben, zum anderen nahendes Unheil ankündigen. Und da erscheint m.E. ein Schreien sinniger als ein Rufen oder gar Singen. Obgleich ich ansonsten schäkernde Elstern durchaus posierlich wie erfreulich finde.

    Die Gegenwart der Erinnerung, bzw. das Verschwimmen der Zeiten ist eine Eigentümlichkeit des 'erzählenden Ichs'. Für ihn sind Augenblicke, die Monate zurück liegen, wirksame, präsente Wirklichkeit. Und so blüht denn auch - für ihn - das Johanniskraut unterm Campingtisch, obwohl 'eigentlich' ja Winter ist. Mir erscheint ein derartiges Spiel der Wahrnehmungsverschiebung reizvoll; manchem einem anderen auch, manch anderem nicht. Schade, doch nicht wirklich schlimm ;-).

    Ach ja - die Sicht der Frucht als Eibe ist gut, vielleicht sogar sinniger darob der Kelchartigkeit. Dennoch sollte es eine Himbeere sein, sozusagen der Schlüssel, der ihm die Tür zur 'Zeitverschiebungssicht' öffnet.

    Himbeergeistgruß!
    c.

  • BoxerDatum09.01.2008 10:13
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Boxer
    Ahoi Brot,

    liest sich 'süffig' und gefällt. Auch mir kam rechts flugs der Gedanke - bevor ich andere, entsprechende Kommentare las - der filmischen Umsetzung. Grad' auch aufgrund der zahlreichen angedeuteten Lebensgeschichten, die jede für sich ja eigentlich so 'Ein Kapitel für sich' (mein Lieblingsstück: das Jubiläumsmoped)sind. Und - dann auch ausführlicher, eben so als Fortsetzung Kempowskischer Chroniken für die Jahre ab 1960.

    Machwasdrausgruß
    c.
  • Im ZwielichtDatum11.01.2008 10:35
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Im Zwielicht
    Salut Geratewohl,
    gefällt mir sehr! Obwohl ich erst einmal Anlauf nehmen musste, um die Kaninchenstall-F.Degenhardt-Schmuddelkinder-Assoziations-Hemmschwelle zu überwinden. Hat sich aber gelohnt. Nur die S2. erscheint mir ein wenig unrund, ohne dass ich es konkretisieren kann. Das sind ja immer so die hilfreichsten Tipps ;-)
    Löwenzahngruß
    c.
  • Die Flucht aus dem HandtaschenlandDatum14.01.2008 09:59
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Die Flucht aus dem Handtaschenland
    Ahoi Joame und K.B,

    zunächst Euch beiden Dank für Aufmerksamkeit und Resonanz.

    Gut, es freut natürlich besonders, wenn der Text dergestalt verstanden wird, Gefallen findet, wie bei Dir, K.B.!!

    Dch auch Deine Reaktion, Joame, ist mir - zumindest für die geschriebene Version der Geschichte - nicht unbekannt, da es sich hierbei um eine Art 'korrespondierenden' Text handelt.

    D.h. ich habe ihn vor einiger Zeit als Vernissagebeitrag für die Ausstellung einer befreundeten Künstlerin geschrieben und mich zunächst von ersten Assoziationen zu ihren Fotoarbeiten inspirieren lassen, die allesamt auf mich den Eindruck machten, als seien sie im Lauf aus der Sicht eines rennenden, fliehenden Tieres 'geschossen' worden.

    Hinzu kam die Erinnerung an einen Jungen aus der weiteren Nachbarschaft in den Jahren meiner Kindheit (60er, 70er Jahre). Jener - heute wohl als hyperaktiv zu diagnostizierende - Knabe wirkte immer 'als von tausend Hunden' gehetzt, was mich im Gegensatz zu manchen anderen, die sich ein Spässchen daraus machten, ihn zu foppen, doch merkwürdig berührte. Hinzu kam, dass er tatsächlich auch im Alter von 12, 13 Jahren bisweilen von seiner Mutter an einer Art Koppel geführt wurde, wie es damals höchstens beim Lauflerntraining für ganz kleine Kinder üblich war.
    Später ward er dann nicht mehr gesehen, resp. 'verschwand' in einer 'betreuenden Einrichtung'...

    Auf dieser Basis habe ich dann meine kleine Geschichte weiter entwickelt, bzw. versucht aus seiner Sicht zu schildern, zu erinnern, zu 'sehen': Flucht aus der Psychatrie - Aufenhalt im Wald - das Umbringen der Mutter (entweder die Befreiung in Gedanken. Oder als reale Tat).

    Vorgelesen, im Angesicht der Bilder und entsprechend präsentiert (so ein wenig im 'Klaus-Kinski-Stil') kam der Text ziemlich gut an, derweilen ich beim lesenden Publikum durchaus auf Fragezeichen stieß. Da ich das Ding neulich wieder einmal und eben mit positiver Resonanz vorstellte, wollte ich es auch mal an dieser Stelle versuchen. Allerdings sind noch ein paar Patzer drin; seinerzeit bevorzugte ich die radikale Kleinschreibung und beim 'Umschreiben' habe ich einiges übersehen - mea culpa.

    Gutetagegruß
    c.

  • Auf der Höhe der ZeitDatum17.01.2008 15:21
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Auf der Höhe der Zeit
    Auch Euch, Joame und bas(ti)an, Dank für Eure Anmerkungen.
    Zu den Wiederholungen kurz folgendes: da ich eigentlich mehr 'Literaturvermittler' (szenische Lesungen, Hörspiele etc.), denn 'Literaturproduzent' bin, orientiere ich mich beim ehe seltenen Schreiben oft am Klang des laut gelesenen Textes. So habe ich mir bei der Rezitation, gerade von expressionistischer Lyrik, angewöhnt, gelegentlich einige Zeilen zu wiederholen. Dies ist auch in diesem kleinen Text eingeflossen. Zugegeben - ein recht subjektives Verfahren im Vergleich zu objektiveren Konstruktionsprinzipien der Metrik. Und eben drum wohl auch nicht für jedermensch nachzuvollziehen.
    Obgleich Dein Interpretationsansatz weltklasse ist:
    'hö hö hö ei ei ei und na na na *abgefahren*:D wenn das so gewollt war'

    Gebirgsgruß
    c.

  • Ein siegreicher TagDatum22.01.2008 11:09
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Ein siegreicher Tag
    Ahoi Marcel,

    Etliche starke Passagen wie jene:
    'Männlich oder weiblich frage ich mich und gebe der Fliege einen Namen. Gott nenne ich sie, da ich mir denke, dass sie ihn verdient hat.'

    und auch ein fein lakonische Auflösung. Allerdings hatte ich ebenfalls ein bisschen Mühe, mich bis zu eben jenem Finale zu bewegen. Daher lohnt es sich m.E., die Interpunktionstipps von Joame zu beherzigen, um das semper idem zu strukturieren. Womöglich ist auch eine weitere Unterteilung in dieverse Absätze sinnreich...

    Motivationsgruß
    c.
  • Die NachtmalerinDatum23.01.2008 11:35
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Die Nachtmalerin
    Salut Marcel,

    ich gehöre nun nicht wirklich zu den Lyrikern dieses Forums und schon gar nicht zu den Meister(n)(innen)der Metrik. Und eigentlich ist 'derlei' Text aus der Abteilung 'Lieb & Leid' auch nicht mein bevorzugtes Genre.

    Daher, resp. dennoch ein lakonisch-lapidares 'Gefällt mir' Sowie ein Extrasternchen für den Titel!
    Und 'ne klitzekleine Anregung:
    Statt 'Auf Brüsten, Arm und im Gesicht,'
    vielleicht 'Auf Brüsten, Armen, im Gesicht,'?

    Gerngelesengruß
    c
  • StätteDatum23.01.2008 11:39
    Foren-Beitrag von corvinus im Thema Stätte
    Ahoi Alcedo,

    famose Auftaktzeilen! Das derart gezeichnete Bild ist derart stark, dominant, 'stimmig', dass es m.E. gar keiner Folgestrophen bedürfte, resp. jene fast erübrigt. Ist aber nur mein subjektiver Eindruck....

    Geschmackssachegruß
    c.
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