das ist sowohl be-, als auch anrührend, weil erdig, ehrlich, wahr und ja, auch ein wenig weise. Handwerklich ist es wie immer sauber alternierend, wobei du dir hier die Freiheit unterschiedlicher Hebigkeiten gönnst und das tut dem Werk auch gut, denn schließlich ist das lyrI noch ein halbes Kind. Die andere Hälfte dichtet sehr sauber, quält keine Syntax und keinen Reim, geht geradeaus durch den Text, welcher inhaltlich genügend Ecken und Kanten bietet, die nicht auch noch sprachbildlich dargestellt/unterstützt werden müssen. Das ist also alles sehr angenehm und gefällig, im besten Sinne ein schönes Gedicht, welches vielleicht eine Spur zu wehmütig auf die Zeitläufte schaut, aber warum auch nicht, wenn man gerade in dieser Stimmung ist. Die gleiche Augenhöhe zum Schluss relativiert die Altersweisheit auf erträgliches Maß, insofern alles okay.
Der sprachlichen Barriere zwischen der Schweiz und Deutschland rechne ich das „rührig“ zu. Im Deutschen hieße das eher etwas wie „geschäftig, umtriebig“, in diesem Text scheint es mir eine andere Bedeutung zu haben. Oder ich bin einfach unfähig, das richtig zu verstehen, was mindestens ebenso wahrscheinlich ist. Wenn ich noch ein wenig mäkeln müsste, kreidete ich das „Ponstan“ an. Ist das ein Medikament? Mir erscheint es als einzig unpassende Stelle im Gedicht. das „keiner“ in S4V4 sähe ich noch gerne gegen ein „niemand“ getauscht und daraus magst du wohl erkennen, wie wenig ich hier kritisieren kann.
die Überraschung gelingt dir natürlich in dem Text, das ist keine Frage. Und nach mehrfachem Lesen und Analysieren konnte ich dann tatsächlich auch mehr herauslesen, als ich zunächst sah.
Es reimt nicht, klingt nicht so besonders, es gibt keine besonderen Metaphern, keine ansonsten treffenden Formulierungen. Die Hitze atmenden Wände sind Südlands im September nicht besonders überraschend, weder klimatisch, noch metaphorisch. Sollte das irgendwie sinnbildlich auch für den Herbst des Lebens und damit das fortgeschrittene Alter der Akteure stehen, würde ich mir das aber noch gefallen lassen. Allerdings brächte ich es nicht so recht in Zusammenhang mit dem weiteren Fortgang, wenn es auch vielleicht die Überraschung noch steigerte.
Strophe 2 baut nun die Brücke zum Hotel. „Granadas“ Bedeutung erschließt sich mir vermutlich nicht ganz (gibt es so einen Tanz?), ich lese es als Ortsangabe. Der Kreis (Reigen) und das laute Mitsingen des Refrains sprechen für eine (alkoholbedingte?) Ausgelassenheit, welche den Koitierungswunsch noch steigern und das Unwohlsein am nächsten Tag doppeldeutig machten.
Schließlich die wohl vorbereitete Abfuhr im Hotel: Die Beschmachtete lässt durchblicken, das bei Wohlgefühl zur Lautstärke neigende lyrI (siehe Vorstrophe) durchaus bereits durch die dünnen Wände gehört zu haben und will nun nicht die nächste Durchgereiste werden.
So lese ich mir das und so kann es mir dann auch gefallen.
Zitat von Karl Feldkampwenn du das Gedicht aufmerksam liestl
Weißt du, mein lieber Karl, das ist schon eine Art Unverschämtheit, die unterstellt, ich hätte es nicht aufmerksam gelesen. Die Zusammenhänge sind natürlich da, aber ganz bewusst verzichtest du ja darauf, sie auch herzustellen. Wenn du jetzt behauptest, das Gedicht bestünde nur aus vier Sätzen, dann hast du also nur die bindenden Glieder fortgelassen, die der potentielle Leser sich nur wieder dazu denken muss und hoppala hat er ein ausformuliertes Gedicht. Und was soll diese lächerliche Übung dann?
Heinz Erhardt hat einmal aus dem Stand heraus, während eines Interviews, als er krampfhaft versuchte, seine Hose anständig zu schließen, folgenden Spruch gebracht: Alles auf der Welt geht natürlich zu, nur meine Hose, die geht natürlich nicht zu. Keine Ahnung, warum ich jetzt daran denken musste, vermutlich, weil ich nur eine eigene Ahnung habe, worum es in deinem Gedicht gehen könnte, während das lyrische Ich sich zuhause die Hose abschnallt und fallen lässt.
Ich lese es als ein Gedicht über die Spannungen und Verkrampfungen zwischenmenschlicher Beziehungen, die sich eigentlich keiner wünscht, kaum einer versteht, wie und warum sie entstanden und vor allem, wie sie schnell und unblutig zu beenden sind. Das haus des lyrI brennt und er hat keine Ahnung warum. Die Eifersucht des Partners scheint unbegründet, da doch weder gezielt noch zufällig irgend eine Frau dem lyrI durch die freigelegte Unterhose in die Arme springt. Möglich ist natürlich auch, dass dieses lyrI vollkommen einsam ist und an der Welt verrückt geworden, sein Haus tatsächlich in Brand gesetzt hat, aber mir gefällt das brennende Haus als Metapher dann doch noch besser.
Jedenfalls beeindruckst du mich mit ungewöhnlichen Formulierungen, die aber allesamt nachvollziehbar sind. Die gottlob einzige Ausnahme findet sich in S2V3, diese Metapher ist mir zu dunkel, klingt aber schön durchgedreht. ;)
Wenn ich jetzt so davor sitze, kommt mir meine Eifersuchtsdramadeutung doch etwas hergeholt vor. Es spielt letztlich auch keine Rolle, welches Lebensdrama dieses lyrI verbrennen lässt, am Ende stellt sich nur die Frage, was in den Taschen war und das ist entgegen meiner Vermutung eher keine inquisitorische Frage der gehörnten Ehefrau, sondern eine philosophische, sorry. :o Klasse Gedicht, gefällt mir sehr gut und zwar ohne Abstriche.
in diesem wehmütigen Gedicht ist kein Werden, nur ein Vergehen. Es ist stimmungsvoll, keine Frage, und auch handwerklich gut gemacht. Da es inhaltlich jedoch wie das lyrI letztendlich ins Leere läuft, fallen ein paar Stockfehler um so mehr auf.
Der Augenblick begleitet nichts, der Augen Blick sehr wohl. Wenn schon dichterisch, dann eher so etwas wie „Im Augenblick der Weidenzäune steht Binsengras im besten Saft“. Denn auch Zeile 2 glänzt nicht gerade mit der Konstruktion von „Das Binsengras, es..:“ Zeile 3 halte ich für sehr schön formuliert, Zeile 4 kann mit der verdrehten Syntax und dem erneut gedoppelten „Das Tor, es…“ nicht gefallen.
Der Strophen übergreifende Zeilensprung führt leider ins Nichts, der Gedanke ist abgeschlossen, in S2V2 tritt das lyrI auf, dessen Blick sich jetzt offenbar nach innen richtet. Das Kompositum „Kindgesicht“ empfinde ich als missglückt, es wirkt zu arg dem Metrum geschuldet. Das ist schhade, weil diese Sequenz ansonsten sehr gelungen ist. Das Partizip in V4 mag ich nicht leiden und inhaltlich widerspricht es sich zudem: Wenn ich gedanklich in den Jahren reise, habe ich sie offensichtlich nicht vergessen und vergesse sie auch nicht gerade.
Das erneut die Strophe übergreifende Enjambement erfüllt nun seinen Zweck, da der Gedanke fortgeführt wird. Das empfinde ich als sehr gut gemacht, auch dass die gesamte Strophe aus einer Aufzählung besteht, unterstützt die Dramatik, bringt Fahrt hinein und führt damit treibend zum Schluss. Das gefällt mir. Das Verlegen des Grases auf das Dach klingt dagegen nicht gut und der falsche Artikel in V4 auch nicht. Mir ist zwar bewusst, dass das Alleinsein dem Tod folgte und daher sinnlogisch auch folgen muss, von der dramatischen Steigerung ist es etwas schade. Wenn das Gedicht auch in der Abschlusszeile mit dem Tod geendet hätte, wäre mein Lob deutlicher ausgefallen.
So bleibt es etwas verhalten, aber zu loben ist es.
Zitat von Margot... unterhalten und gleichzeitig angesprochen.
kann ich mehr wollen? Nein.
Vielen Dank! Wenn du mir dann auch noch ein wenig Originalität, Alltäglichkeit, Ausgewogenheit und Leichtigkeit attestierst, dann ist mein Tag gewonnen.
Zitat von MargotWieso benutzt der Sprecher die Höflichkeitsform?
Zitat von Margot...kann ich den Inhalt sowohl auf andere Interndetdichter projizieren, als auch auf mich
Das kann der Autor auch. Zwar ist er als selbstgerechter Patron bemüht, diese Ansage weit von sich zu weisen, was besser als mit einem etwa eingemeindenden Plural eben mit direkter Ansprache möglich ist, doch wird ihm das kaum gelingen. Letztlich weist dieser ausgestreckte Zeigefinger auf ihn zurück und macht es auch für die Allgemeinheit leichter, sich nicht angesprochen fühlen zu müssen. Der Plural wäre eine pauschale Beleidigung gewesen, die gewählte Form erlaubt aber auch die Interpretation der satirischen Anrede einer einzelnen Person im pluralis majestatis. Aber natürlich kann auch eine Anrede aller hier versammelten Dichterlein gemeint sein. Mit Ausnahme des Autors, selbstverständlich.
Zitat von gheggrunSie haben es nämlich schon bewiesen.
Hallo gheggrun, was den Mist angeht, so muss man sich fast immer fragen, was eigentlich auf dem eigenen gewachsen ist, ob alt oder jung. Ich habe diesen Satz nicht bewusst irgendwo gelesen, insofern reklamiere ich ihn bis zum Beweis des Gegenteils für mich.
Zum Thema: Die Welt, in die ich gebotren werde, ist zu einem nicht unerheblichen Teil von meinen Vorgängerinnen und Vorgängern gestaltet, keine Frage. Damit haben viele von denen tatsächlich bereits ihre Unfähigkeit bewiesen, auch wahr. Insofern haben "die Alten" meinethalben grundsätzlich erst einmal Respekt oder Verachtung verdient, da würde ich dir zustimmen. Im Einzelnen aber habe ich als Alter einem Jüngeren - bis zum Beweis des Gegenteils - nur mein Alter voraus. Das ist ein so schlichter Allgemeinplatz, dass ich mich jetzt schon schäme, den überhaupt für mich reklamieren zu wollen.
Hallo Perry, ich fürchte du hast recht. Das Ding ist vermutlich zu aufgebläht, auch wenn die enthaltene Larmoyanz durchaus beabsichtigt ist. Was den "Hass auf sich und die Umwelt" angeht, fühle ich mich prima verstanden. Gruß Oliver
danke für die wohlwollende Kritik. Das Gedicht war eindeutig als Einsteiger und auf äußere Wirkung geplant und gehört zu denen, die ich beim nächsten Mal dringend besser machen möchte.
Nein, einfach ist es mir bei diesem Reim nicht gefallen, aber der war ja nun einmal vorgegeben. Insofern war ich froh, als ich ein halbwegs vernünftiges Ding zusammen hatte. Und da ich bereits einen Reim wiederhole und einen unreinen hineinmogelte, kannst du erkennen, dass mehr bei mir nicht drin war. Freut mich daher, wenn es einigermaßen bestehen kann.
ich hatte auch meinen Spaß daran, obwohl ich durch Jandl auf etwas ganz anderes gefasst war. Insofern finde ich den Titel nicht so gelungen. Das Gedicht aber ist gut gearbeitet, schwungvoll gedichtet und bringt den Gag locker-flockig heran und über die Bühne. Sogar die Elche gehen dann durch, vor allem weil sie an Bernstein erinnern und aus dessen Zitat heraus dann folglich unkritisierbar werden. Das hat doppelten Witz!
schön, dieses gleichzeitig komische und brutal traurige Gedicht jetzt auch schriftlich vorzufinden. Ich muss zugeben, es beim Vortrag nicht vollständig gepeilt zu haben.
Diese Zurückführung, Eindickung, Verdichtung ist meiner Meinung nach sehr gelungen. Der sehr komische Einsteiger (letzter Kniefall) deutet bereits an, dass es hier um Wesentliches geht, Wichtigeres als pure Körperlichkeit. Der Zynismus ist natürlich unverkennbar und die sprachliche Nähe zwischen dem folgenden Hand- und einem finalen Halsabschneiden sicher kein Zufall. Das lyrische Ich ist auch in seiner Denkweise derart reduziert, dass es sich vergisst: es braucht sich nicht. In Wahrheit widerspricht der Dichter hier ganz krass und muss es auch wohl: Wer so verkopft denkt, vergisst einen wesentlichen und wichtigen Teil. Ich deute die Körperteile, die Körperlichkeit hier als Gefühl. Und wer ohne Gefühl und nur mit Verstand an das Leben herangeht, der ge-braucht es nicht, jedenfalls sicher nicht ausreichend. Der kann zwar durchaus sein eigenes Glück formen, das aber bleibt reduziert.
Na ja, etwas wirr jetzt und auf die Schnelle, aber das Gedicht stößt viele Türen in viele Gedankengänge auf, ist also neben seinem Wortwitz entgegen dem Titel nicht auf die eine Aussage reduziert.
Meine Fresse, was für ein Kommentar und was für eine tiefgründige Interpretation! Vielen Dank, ich fühle mich sehr verstanden, wenn ich auch das Eltern-Kind-Thema nicht vor meinem geistigen Auge hatte. Großartig finde ich, dass du dich ganz offensichtlich nicht von dem Vordergründigen hast abschrecken lassen,sondern in die Tiefe gegangen bist. Ich weiß, wie arrogant das klingt, das nehme ich in Kauf. Jedenfalls gewinnst du diesem Text alles ab, was darin ist, schöpfst sogar mehr als die Neige aus. Dafür noch einmal vielen Dank, besser kann es einem nicht ergehen.
Blabla, ich schwafele, weil ich eben so geplättet bin. Schön, dass jemand deine Kritik nominierte, sonst hätte ich das getan.