Was die Formstrenge angeht, phil, romanische Lyrik usw., kann ich hier leider nicht viel beitragen. Die Alten, Luis de Camoes 1524-1579 (Titel: Ohne Dich) könnten hier beispielsweise als gute Formvorlage des Gedankenspiels dienen, wenn du magst. Ansonsten rhythmisch einwandfrei, eventuell: auf des Winters letztes Krachen, um den Lesefluß nicht durch Apostroph zu stören? Tirili?
U.a. der Flammtorte wegen war ich dort - die ‚kränkelnden Blumen’, die wilhelminischen Baukunst, die Ghettos und die Fenster des Träumers Chagall nicht außer Acht lassend. Mehr davon, wenn ich Zeit habe.
Dein Text gefällt mir, Rainek Radar. Dennoch möchte ich bezüglich Rhythmus und Verdichtung nachfolgenden (unvollständigen) + unverbindlichen Vorschlag unterbreiten. Für die jeweils letzte Zeile, (ich würde jeweils nur noch eine unterbringen) die ich bei meinem Vorschlag nicht mehr berücksichtigt habe, stehen die passenden Worte aus den noch nicht verdichteten Zeilen aus deiner Version bereit. Für diese letzte Zeile würde ich einen 5 hebigen Rhythmus mit jeweils zwei Senkungen in Anspruch nehmen. Selbiger unterstützt die getragene Stimmung.
LG Katerchen
ich trage schwarz an dem tag der mich heimbringt erklimme die stufen zum einsamen haus sehe mich selber als buben der den hausflur hinaufspringt und den unerfahrenen jungen der nichts als die kleider am leibe mitbringt in die lockende welt hinaus
schwarz gekleidet am tag der mich heimbringt erklimme ich stufen zum einsamen haus
(hier beispielsweise auf die Vielzahl der Konsonanten in deiner Version aufpassen)
XxXx xX xxXx xXxxXxxXxxX
ich trage schwarz an dem tag der mich herbringt schaufle erde ins frisch gehoben loch und die träne die mir salzig die wange entlang rinnt erinnert mich an den feigling von damals der sich fern von zuhause verkroch
schwarz gekleidet am tag der mich herbringt schaufle ich erde ins finstere Grab
XxXx xX xxXx XxxXxxXxxX
ich trage schwarz an dem tag der zurückbringt was einst ein leben gewesen war und während erinnerung den steinernen garten durchdringt sehe ich freudig und klar wie der bub von damals den mann heute einnimmt und wie dieses mannes vater so unglaublich stolz auf ihn war
schwarz gekleidet am tag der zurückbringt sehe ich klarer den jungen von einst
Zitat wobei ich mir nicht ganz sicher bin ob das in deinem sinne wäre, so, wie es jetzt hier steht;
In meinem Sinne muß dein Text nicht funktionieren. Ich finde, daß deine jetzige Version weniger Wiederholungen aufbietet. Stellenweise konnte ich keinen Rhythmus lesen, obwohl ich das regelmäßig von deinen Texten erwarte. Bezüglich der jeweils letzten Zeile melde ich mich, sobald ich wirklich Konstruktives beitragen kann. Ich arbeite daran! Bis jetzt lese ich jeweils eine Senkung weniger, an jeweils anderer Stelle.
ins weite hinaus -> ich würde mich für "ins weite" oder "hinaus", denn da ist ja noch "zog", entscheiden
salzige tränen -> tränen finde ich grundsätzlich gut, aber salzig sind sie doch schon (Verdichtung)
Zitat den buben, den vater, den mann der beide vereint
Dieser gefällt mir rhythmisch und sprachlich sehr! Versuche das mit S1Z5 + S2Z5.
bis dahin mit liebem Gruß Katerchen
Nachtrag: Keine Sorge; mein eigenes Radar ist meist zuverlässig.
warum "glasige Gräser"? Warum nicht gläserne zum Klirren und der traurigen Stimmung? Ich rate unverbindlich zur Kürzung. "Mit nichts am Leib + nackt" oder auch "wegträgt + gehe", "empor" usw.. Sind denn die Wiederholungen wirklich beabsichtigt?
Vorschlag: (nicht für alle Strophen)
Nackt, in der Nacht, die mich trägt, klirrende Gräser, vereinsamte Mütter.
Zitat du hast null phantasie. sry dir das zu sagen.
Ein überflüssiges Kompliment.
Mein Änderungssvorschlag war unverbindlich angedacht. Also, schiebe dir deinen etwas gravitätisch anmutenden Kommentar ins Kopfkissen deiner Traumwelten.
Zitat nimm den text von RADAR und schreib dein eigenes antonymo - hm?
Was hat das mit deinem Text zu tun, nichts - richtig.
Zitat Ein überflüssiges Kompliment. leider nichts als die nackte wahrheit.
Du mußt es ja wissen ./
Zitat na ja wenn schon dann UNTERS KOPFKISSEN, wenn ich dir auf die sprünge der deutschen sprache helfen dürfte. aber lassen wir das. kein wort deiner kritik hat was mit unverbindlich zu tun, denn du willst meine worte entbandagieren, ihnen also das wegnehmen was sie haben sollen: die mumifizierung eines anderen werkes. mit so etwas rekonsurrektiven scheitert man immer an ralfelchens inversalen textarbeiten
Ein schönes Exemplar, mcberry, danke! Sie mutet mir wie eine "Charles Bonnet", eine "Talisman" eine "Mme. L. Dieudonné" oder gar eine "Coupe d'Hebe" an.
Ich empfinde deinen tranceinduzierenden Rauschmitteltext als sehr gut gelungen, Rainek Radar. Rasendmacher, Scheingestalten und Wahnbilder; Schlange, ' schlangensaphirfarben' Oxelbeere, Anemone + Fleisch, hier paßt einfach alles. Dein Text stimmt eher traurig an.
Tja, was soll ich nur schreiben. Da komme ich von meinem Abendspaziergang nach Hause und finde ein hartgekochtes Ei mit scharfem Senf und die Komplexität einer Aubergine vor. Ich entscheide mich für den simplen dünnen Draht, den Motor und Exzentrizität, damit der Text zumindest in Z2 besser funktioniert.
Zitat zerfließt das letzte Licht der Sonne
Ich übernehme dankbar und verbleibe
mit Gruß K.
(Nachtrag 15.3.; der Genitiv stört nicht wirklich, schön)
Zitat und welch gelungener Vergleich in den ersten beiden Zeilen! das gefällt mir. weniger aber die Genitivkonstruktion in der zweiten Zeile, beim Zentralgestirn. ich fragte mich unmittelbar nach dem lesen ob es nicht besser funktionieren würde mit: zerfließt das letzte Sonnenlicht. oder zerfließt das letzte Licht der Sonne oder wolltest du den Endreim unbedingt vermeiden? darum der Genitiv? muss das sein?
später bei Zeile sieben folgt ja noch ein weiterer Genitiv bei den Würmchen. hier störte er mich nicht mehr so stark bei der Rezeption, aber wenn ich mir die Zeilen wiederholt durchlese, stelle ich fest, dass man es auch so formulieren könnte: als mit den Würmchen ungenaues Blinken wie gut, das ist ein erheblicher Eingriff in deine angeschlagene Rhythmik, aber ich streich den Vorschlag nicht mehr. du wirst ihn kommentarlos überlesen wenn er dir nichts gibt, nicht wahr?
weiter: wunderbar wummernde w-Alliterationen führen zum verrätselten Endwort Wald (Zeilen 2+3), Rätsel welches schön klanglich aufgefangen wird durch stabende i-Vokale in den jambischen Hebungen der 5. Zeile: knistern, Zwischen, Rinden. das ist handwerklich hervorragend gemixt und hat gewiss Ohrwurmpotential. der explizite Bezug (auf den Wald) mit "Er" ist am Anfang dieser Zeile 5 aber wohl nicht nötig. erstens lesen es die meisten sicher "Es" (ja, ich tat es auch beim ersten Lesen), zweitens wiederholt sich das männliche Pronomen sonst klanglich in "seiner" Rinden. ausserdem weiß es an der Stelle sowieso jeder, dass es um ihn geht, den Wald.
die Zitternzeile ist stark. sehr stark. kein Wunder dass sie zur Überschrift taugt. es steckt auch mehr darinnen als bloss erzitterndes Laub, oder Licht: die flügellosen Weibchen steigen/klettern buchstäblich ins Laub um die anfliegenden Männchen möglichst sichtbar anzulocken, und wenn diese Fliegenden Männer nur über je eine einzige Leuchtplatte am Unterleib verfügen, so haben die Weibchen mehrere (beim kleinen Leuchtkäfer auch seitlich) die ihre Signalwirkung nicht verfehlen. und eben durch die Bewegungen der Käfer, oder der des Beobachters, oder durch die Lüfte im Laub, wird ein zitterndes Blinken nie aufhören zu steigen und zu sein und im Fokus des Beobachters bleiben. das gefällt mir sehr.
und dann, mit einem Mal, fällt der Blick auf die Sterne. es bleibt die gleiche Perspektive, ja, aber da wird mit einem lapidaren Vergleich ein Wurm, oder ein Wurmgewusel mit dem Sternenhimmel in Verwandtschaft gesetzt. warum nur muss ich da gleich an Pascal denken, und ihn gedanklich gleich zitieren weil es so schön passt: Räumlich umfasst mich das Universum und umschliesst mich wie einen Punkt. Aber durch mein Denken umfasse i c h es. ja, so ist es, ich, Leser, habe das Gefühl es umfassen zu können, jetzt wenn ich so einen lapidaren Satz, oder Vergleich lese wie den aus deinem Gedicht, K. und dieses Gefühl verursacht Erhabenheit und Schweigen. all das liegt in deinen Zeilen. zuviel des Lobes? egal. ich schreib nicht mehr. lass mich von Silberdisteln stechen und rätsle wie die letzte Zeile wohl gemeint sein mag. und bleibe letztlich bei Pascal, ertappe mich aber doch wie ich in Suchmaschinen vergleiche ob diese Halskrausen wie bei Shakespeareportraits auch auf Pascal zutreffen. Halskrausen wie Silberdisteldolden. für edle Namen, ja, und damit hab ich meine Bilder wieder und bin zufrieden. danke für die Präsentation.
Einfachheit und Sparsamkeit sprechen aus den Zeilen und regen dazu an, deinem Text das bloße Dasein abzugewinnen. Der rastlose Lebenszyklus des Waldes setzt dabei u.a. den Rahmen. (Die Nutzung des Waldes und nicht seine Ausnutzung.) Ferner beinhaltet dein Gedicht eine gewisse Entzauberung oder auch Überwindung durch Freilegung im wahrsten Sinne des Wortes (Schwein/Maden) und damit einhergehend die Bewußtmachung des Vorhandenen unter Zuhilfenahme aller Sinne. Die Sinne der Tiere spielen wohl gleichfalls eine Rolle, wenn mich der Strömungssinn gedanklich nicht eben verläßt. Auch das Madengewimmel, die Beweglichkeit der Flosse und die Schritte lassen mich nicht steif vor Angst im Text zurück, sondern bedeuten Leben schlechthin, welches dein Gedicht mit höchster Sensibilität und nach Kräften durch den Auwald trägt, ohne kollektive Emotionen heraufbeschwören zu wollen, sondern ein Lächeln. Letztlich unaufdringlich bewegende Zeilen, Alcedo, obwohl rhythmisch unharmonisch, aber das sollte in diesem Fall auch nicht sein.
"klebt" -> zeigt ausreichend die Zähflüssigkeit an, meine ich. „kleben“ erinnert mich (auch) an Farbe, welche wiederum zum Rhododendron paßt.
"Sonnenauf/Untergang, dann und wann, + noch" -> wirken zwar wie auf dem Sprung ins Positive, aber der Vorhang läßt sich nicht schließen, weswegen ich zur Kürzung rate. „Meine Hoffnung hängt“ schließt den Rest ein.
Mein unverbindlicher Vorschlag:
am fenster kleben rhododendronblätter (Blätter/Dauerzustand) meine hoffnung hängt am vorhang
(der sich nicht schließen läßt seitdem ich denken kann)
ist die kordel gerissen
Dein Text gefällt, Rainek Radar, sehr sogar.
LG Katerchen
Nachtrag: Version, um den giftigen (auch immergrünen+winterharten) Zustand in einen Kreislauf zu binden.
meine hoffnung hängt am vorhang ist die kordel gerissen
Zitat mit dem ich das spinnenbild im rhododendrons
Nun, offensichtlich bin ich nicht gut informiert, denn ich bringe keine der verschiedenen toxisch wirkenden Rhododendron- arten, es hat übrigens unzählige, mit dem Spinnenbild (Terpene/ Spinne?) in Verbindung: Honig/Rhododendron/hippokratische Medizin beispielsweise sehrwohl, womit ich wieder zur Zähigkeit gelange, die ich nicht in erster Linie mit den Fäden des Spinnbilds/Rad/Kreislauf in Verbindung bringe. Ich muß diesbezüglich schlicht passen, obwohl der Text für mich selbstverständlich auch so wirkt.