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  • KongoDatum10.07.2010 17:47

    Die Welt ist voller Wunder und Mysterien, voller Zauber und Magie.
    Unsere Fantasie kann der Schlüssel zu einer der Türen sein, hinter denen sich diese zauberhafte Welt verbirgt.
    Ist es uns gelungen eine solche Tür einmal zu öffnen, so sollten wir nicht leichtfertig und unüberlegt hindurch gehen.
    Denn manchmal gibt es kein zurück mehr.

    Bis zu meinem zwölften Lebensjahr lebte ich mit meinen Eltern in einem winzigen, verschlafenen Weiler im Hochwald, südlich der Eifel. In unserem Ort gab es einen Milch- und Käsehändler und einen Bäcker, der auch die nötigsten Lebensmittel anbot. Es war eine Zeit, nicht sehr lange nach dem großen Krieg, als die Begriffe Discounter und Supermarkt für uns noch zur Sprache der Außerirdischen, oder der Zulu-Kaffer gehört hätten, wären sie seinerzeit von jemandem ausgesprochen worden.

    Vier Häuser neben dem, in welchem ich wohnte, lebte die Familie Maloschyk. Zur Familie Maloschyk gehörten die Eltern und zwei Kinder, nämlich Gertrud und Gregor. Gertrud war drei Jahre älter als ihr Bruder und Gregor war ein halbes Jahr älter als ich und er war mein bester Freund.
    Dass Gertrud und Gregor einen so komischen Nachnamen hatten, kam daher, dass ihre Eltern im Krieg aus Schlesien fliehen mussten.
    Damals fand ich Gregors Nachnamen schöner, oder besser gesagt interessanter, als meinen eigenen. Ich heiße nämlich Weber. Peter Weber. Das klingt so einfach und langweilig – jedenfalls war das meine damalige Ansicht.
    Nun, Gregor und ich waren praktisch den ganzen Tag zusammen. Die Leute machten Scherze und nannten uns Max und Moritz.
    „Ihr seid genau solche Lausbuben wie Max und Moritz“, sagten sie und streichelten uns über die Köpfe.
    Gregors Kopf war pechschwarz. Nein, nicht sein ganzer Kopf, nur seine Haare. Dagegen waren meine hellblond. Und ich hatte Sommersprossen. Diese verhassten Tupfen im Gesicht und an den Unterarmen, die sich im Sonnenlicht von Tausend Stück zu Milliarden vermehrten. Ich mochte sie nicht, und habe mich oft über ihr Dasein beschwert.
    „Lass doch“, sagte dann Gregor. „Wenn ich sie hätte, würde mich das nicht ärgern.“

    Eines Abends im Sommer, nachdem ich mal wieder eine Schimpfkanonade gegen die blöden Sprossen losgelassen hatte, meinte Gregor: „Weißt du was? Heute Abend, wenn wir ins Bett gehen und das Nachtgebet sprechen, bitten wir den lieben Gott, dass er mir deine Sommersprossen gibt. Dann bist du sie los und mir machen sie nichts aus.“
    Und so haben wir es auch gemacht. Es hat aber nichts genützt. Warum der liebe Gott unserem Wunsch nicht nachgekommen war, weiß ich nicht. Vielleicht hatte er an diesem Abend Wichtigeres zu tun.

    In der warmen Jahreszeit waren wir, wie es damals üblich war, von morgens bis abends draußen. Die Hälfte der Dorfbewohner verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft und so war unser Ort umgeben von Äckern und Wiesen. Dorf und Felder wiederum waren in ein riesiges Waldgebiet eingebettet. Ein Paradies für uns Kinder.
    Wenn wir unser Dorf in östliche Richtung verließen, kamen wir nach etwa zwei Kilometern an einen kleinen Weiher. Dort war zwar das Schwimmen verboten, aber wer sollte uns schon davon abhalten? Alle Leute hatten tagsüber ihre Arbeit und wir waren immer auf der Hut, falls doch mal jemand vorbeikommen sollte. Jedenfalls hat uns nie jemand erwischt. Außerdem waren alle Verbotsschilder so verrostet, dass wir uns sagten: Wenn die so verrostet sind, dann gelten sie auch bestimmt nicht mehr.

    Weil es in jener Zeit in allen Wintern noch ordentlich Schnee gab, war es selbstverständlich, dass auch wir stolze Besitzer eines Schlittens waren. Mein Opa war ein hervorragender Zimmermann und er hatte für Gregor und mich, als wir ungefähr sechs Jahre alt waren, zu Weihnachten jedem einen Rodelschlitten gebaut. Unsere Rodelbahn war auch nicht sehr weit weg. Wir mussten nur in Richtung Weiher laufen und auf halbem Wege nach links abbiegen und an Bauer Berwangers Maisfeldern längs bis zum Waldrand. Dort war ein kleiner Hügel – nicht sehr hoch, aber sehr lang. Ideal um ordentlich Fahrt aufzunehmen.

    Damals waren Entfernungen von drei, vier, fünf Kilometern, die man zu Fuß zurücklegen musste, kein Thema. Unsere Schule war im Nachbarort und ungefähr drei Kilometer Fußweg von zu Hause weg. Zu jener Zeit hatten die Eltern weniger Angst um ihre Kinder, wenn diese außer Haus waren, als heute. Ihre Sorgen beschränkten sich darauf, dass der Bub vom Baum fallen und sich den Arm brechen könnte. Oder dass sich die Tochter in dem alten, gesprengten Bunker das schöne Kleid an einer Stahlarmierung zerreißen könnte.
    Pädophilie, Kindesmissbrauch oder gar Kindstötung hatte es damals sicherlich auch gegeben, aber wohl in einem so geringen Maße, dass uns Kindern jedenfalls nie so etwas zu Ohren gekommen war.
    Dass es in unserem Dorf, unserer kleinen, heilen Welt, trotzdem zu einer unfassbaren Katastrophe kommen konnte, hätte keiner je für möglich gehalten.

    Mein erstes Fahrrad bekam ich zu meinem achten Geburtstag. Gregor bekam seines ein Dreivierteljahr später. Es war das Jahr, in dem das Entsetzliche passierte.

    Als wir Räder hatten, erweiterten wir natürlich unseren Horizont. Einmal kam mir die Idee, meinen Onkel zu Besuchen. Er wohnte etwa fünfundzwanzig Kilometer weit entfernt. Wir hatten Ferien und das Wetter war warm und trocken. Also machten wir uns früh morgens auf den Weg. Es war ganz schön kompliziert zu meinem Onkel zu kommen, lag doch eine große Stadt zwischen unserem und seinem Dorf. Und da mussten wir durch. Überall fuhren Autos und Straßenbahnen. Wir entschlossen uns, bis wir aus der Stadt raus sind, unserer Räder zu schieben nachdem ich einmal beim Straßenüberqueren mit dem Vorderrad in einer Straßenbahnschiene stecken blieb und beinahe samt Fahrrad umgefallen wäre.

    Als wir nach gefühlten hundert Stunden an unserem Ziel ankamen, war mein Onkel gar nicht zu Hause. Wir hatten vergessen, dass er arbeiten musste.
    Aber meine Tante versorgte uns mit Kakao und Keksen und so fuhren wir nach kurzem Aufenthalt mit vollem Magen wieder Richtung Heimat.

    Wir hatten bereits auf dem Hinweg die breite Straße entdeckt, die parallel zu dem Fluss verlief, der die große Stadt teilte. Da gab es keine Straßenbahn und keine Fußgänger, keine Ampeln und keinen Gegenverkehr. So beschlossen wir auf dem Rückweg, diese Straße für den Heimweg zu benutzen. Nachdem wir ungefähr einen Kilometer auf dieser Straße unterwegs waren, überholte uns ein Polizeifahrzeug und hielt direkt vor uns an, sodass wir bremsen und absteigen mussten. Die beiden netten Polizisten fragten uns, ob wir nicht wüssten, dass wir uns auf der Stadtautobahn befänden, und dass hier nur Autos, aber keine Fahrräder fahren dürften. Natürlich wussten wir das nicht, aber die Standspur war tadellos geeignet zum Radfahren, und wenn man hintereinander fuhr, war sie auch breit genug.
    Die Polizisten schickten uns wieder zurück, also drehten wir um, und schoben unsere Räder entgegen der Fahrtrichtung bis zur Autobahnauffahrt. Danach quälten wir uns wieder durch den Stadtverkehr, bis wir am späten Nachmittag fix und fertig, durstig und hungrig zu Hause ankamen.
    Ich glaube nicht, dass die Polizei heute genauso reagieren würde. Wahrscheinlich hätten wir unsere Räder hinter der Leitplanke deponieren müssen und zu den Beamten in den Wagen einsteigen müssen. Aber damals war eben damals.

    Nach diesem aufregenden Sommer kam ein langer, nasskalter Herbst. Wenn es draußen so ungemütlich war, spielten wir abwechselnd bei Gregor oder bei mir in der Wohnung.
    Ich hatte einen Mechanik-Baukasten, für den sich Gregor mehr interessierte als ich, und er
    hatte einige Plastikfiguren mit denen ich mich lieber als er beschäftigte. Es waren Cowboys und Indianer. Manche saßen auf Pferden, andere standen auf ihren Füßen und schwangen Lasso oder Tomahawk. Dazu gab es zwei Zelte und eine Pferdekutsche. Trotz unserer Vorlieben für das eine, oder das andere Spiel, spielten wir immer zusammen. Außer mit dem Baukasten oder den Figuren spielten wir Schwarzer Peter, was Gregor immer zu Neckereien mit meinem Vornamen veranlasste, oder wir malten.
    Malen war etwas, was wir beide sehr gerne taten. Das Problem war allerdings, dass zu jener Zeit weißes Papier, auf dem man zeichnen konnte, sehr teuer war und man es auch nicht an jeder Ecke kaufen konnte.

    Also nutzten wir zum Zeichnen den unbedruckten Rand von alten Zeitungen, oder die Rückseite von Tapetenresten. Einmal schenkte uns Bäcker Niedermaier, der wusste, dass wir gerne malten, fünf Papierrollen, die eigentlich für seine Kasse gedacht waren. Unglücklicherweise waren sie ihm beim Kramen in einer Schublade heraus gefallen und im darunter stehenden Putzeimer gelandet. So waren sie nach dem Trockenen ganz wellig und gelblich-braun verfärbt, sodass er sie als Kassenquittung nicht mehr nutzen konnte.

    An diesem Tag hatten wir bis zum Abendessen bereits zwei komplette Rollen auf der Vorder- und Rückseite voll gemalt. Mit Mal- und Bleistiften versorgte uns meistens Frau Zöllner, eine Nachbarin der Maloschyks. Sie arbeitete dreimal die Woche in der Stadt in einem Schreibwarenladen. Dort gab es immer mal wieder Zeichenstifte die gebrochen waren, oder deren Verpackung zerrissen war, sodass man sie nicht mehr verkaufen konnte. So erklärte sie uns, wie sie zu den Stiften kam. Heute glaube ich, sie hat die Stifte gekauft, weil sie wusste, dass wir gerne zeichneten. Sie selbst war unverheiratet und kinderlos.

    Wenn wir aber auch vom Malen genug hatten, blätterten wir in Gregors Buch über Afrika.
    Das war ein dicker Wälzer mit vielen Schwarz-Weiß-Fotos von wilden Tieren und von Landschaften und Menschen des Kontinents. Gregor sagte oft, dass er Afrika-Forscher werden will, wenn er groß ist.
    Ich weiß nicht, wie viele Male wir dieses Buch aus Gregors Wäschekommode holten und aufschlugen, wir fanden immer etwas Neues, was uns zuvor nicht aufgefallen war. Er hatte mich mit seiner Begeisterung zwar angesteckt, aber ich wollte lieber nach Amerika und Cowboy werden.
    Hatten wir genug vom Bildergucken, nahmen wir eine von seinen Reiterfiguren, und hockten uns an die Wand neben die Zimmertür. Das war die unheimlichste Wand, die ich je gesehen hatte. In unserer Fantasie verwandelte sie sich in ein gefährliches Abenteuerland.
    Und diese Wand sollte eines Tages das Leben von Gregor und mir und unseren Familien auf grausame Weise für immer verändern.
    Es war an einem trüben Nachmittag Ende Oktober. Den ganzen Tag über hatte es geregnet und nun kam ein lauwarmer Wind auf. Gregors Vater meinte, dass wären die besten Voraussetzungen für ein Gewitter. Wir saßen auf Gregors Bett und blätterten wieder mal in seinem Afrikawälzer. Das Licht, das durch das kleine Fenster in die Stube fiel wurde immer spärlicher. Der Wind trieb welke Blätter und kleine Äste über die Straße. Wir konnten die Fotos kaum noch erkennen, so dunkel war es mittlerweile geworden. Daher beschlossen wir das Licht anzumachen und nach Afrika zu gehen.
    Afrika lag an der Wand zwischen Eingangstür und Zimmerecke.
    Die untere Hälfte dieser Wand war mit einer ganz besonderen Tapete verkleidet. Während die anderen drei Wände des Zimmers, wenn ich mich recht erinnere, irgendein langweiliges Blümchenmuster hatten, so hatte diese Tapete ein Wege- und Pfadmuster. So sah es in Afrika aus. Jedenfalls für uns. Die Tapete reichte von der Fußleiste genauso hoch, wie wir uns, mit erhobenem Arm und auf Zehenspitzen stehend, strecken konnten. Der Rest der Wand darüber war mit weißer Raufaser beklebt.
    Die Grundfarbe unserer Abenteuertapete war ein helles Grün, das durchzogen war, von sich schlängelnden hellgelben Streifen. Wie eine endlose, ständig die Richtung wechselnde Straße, durchbrach das gelbe Band diese große Grasebene. Die gelbe Linie begann an der rechten Zimmerecke ganz unten oberhalb der Fußleiste und endete links oben neben dem Türrahmen. In unregelmäßigen Abständen waren überall fast kreisrunde, schwarzgrüne Flächen, die uns wie geheimnisvolle dunkle Augen zu beobachten schienen. Darin erkannten wir die dichten, unerforschten Urwälder, die voller Gefahren und Geheimnisse waren.
    Dort lebten wilde, menschenfressende Wesen, die nur darauf lauerten, dass ein unvorsichtiger Abenteurer einen unbedachten Schritt in ihr Revier machte. Und sollte der Unglückliche den Reißzähnen der Urwaldbestien entkommen sein, so würde ihn der vergiftete Pfeil eines eingeborenen Kriegers töten.
    Das war für Gregor ganz klar, und ich träumte mit, wenn ich auch lieber durch die Prärie geritten wäre. Aber dazu fehlte eine passende Tapete.
    Wir nahmen also die Pferdefiguren mit den Cowboys und Indianern drauf in die Hand und ritten über diese Wege an der Wand, die uns zu immer neuen Abenteuern führten.
    Einer dieser gefährlichen, dunkelgrünen Flecken, er war unmittelbar neben der Tür in Höhe des Schlüssellochs, schien etwas dunkler und größer als alle anderen zu sein. Gregor sah in ihm ein besonders verwunschenes und gefährliches Stück Urwald. Er gab ihm den Namen Kongo. Diesen Namen hatte er im Afrikabuch gelesen und er war sein Synonym für Wildheit und Gefahr. Um diesen Kongo machten wir auch immer einen Bogen. Obwohl eine Straße beinahe den gesamten Flecken umschloss, vermieden wir es, diesen Weg zu benutzen.

    „Aber wir müssen unbedingt über alle Wege reiten und dürfen keinen auslassen. Wir müssen unten anfangen und dort oben rauskommen“, sagte Gregor und zeigte auf das obere Ende der Tapete. „Nur dann finden wir am Ende der Straße die goldene Schatztruhe.“

    Das war nämlich unser Ziel: die goldene Schatztruhe, die oben neben dem Türrahmen, am Ende der Straße vergraben war.

    Wir knieten nebeneinander auf dem Fußboden. Als Knieschoner benutzten wir unsere Pullover.
    Inzwischen kam das Gewitter immer näher. Wir erschraken jedes Mal, wenn es so heftig donnerte, dass die Fensterscheiben erzitterten.
    Da die Straßen zu schmal waren, um die beiden Reiterfiguren nebeneinander führen zu können, ließ ich Gregor den Vortritt und folgte ihm. Schließlich war er der Ältere und es war ja auch seine Idee und seine Wand.

    Wir ritten hintereinander her und kamen schon bald in die Nähe des ersten Urwaldes. Er lag auf unserer linken Seite und Gregor warnte mich: „Peter, pass auf die neunköpfige Schlange auf. Sie ist riesig. Sie wird versuchen, dich mit einem ihrer Köpfe vom Pferd zu schubsen und dann zu fressen.“
    Er hatte es kaum ausgesprochen, da sahen wir, wie sich das Dickicht des Urwaldes an einer Stelle teilte. Wir waren bereits auf gleicher Höhe und konnten in die gelb leuchtenden Augen der Bestie blicken. Zu unserem Schutz hielten wir uns an den rechten Rand des Pfades und gaben unseren Pferden die Sporen.
    „Du darfst ihr nicht in die Augen schauen!“, rief ich, und wir rasten mit klopfendem Herzen weiter bis links und rechts vom Weg nur noch offenes Land war.
    „Das ging noch mal gut“, stellte Gregor erleichtert fest und stoppte sein Pferd.
    „Ja“, antwortete ich und blieb ebenfalls stehen. „Das wird spannend. In jedem Urwald hausen Ungeheuer, die uns an den Kragen wollen.“
    „Wir müssen immer ganz außen auf der anderen Straßenseite reiten und ganz schnell, dann kriegen sie uns nicht“, wusste Gregor. Mit vorgeschobenem Kinn und zusammengekniffenen Augen gab er seinem Gaul die Sporen.
    Der gelbe Pfad durchschnitt nahezu schnurgerade die flache Landschaft. Aber schon hinter der nächsten Biegung führte er am zweiten Urwald vorbei. Diesmal auf der rechten Seite.
    Und wieder durchzuckte das helle Licht eines Blitzes das kleine Zimmer. Zwei Sekunden später folgte der krachende Donner. Und wieder vibrierten leise die Fensterscheiben.

    Unsere Fantasie ließ uns zwischen Neugier und Angst hin und her pendeln. Schwarzgrün stand der Wald und tausend glühende Augen nahmen uns ins Visier. Wir gaben den Pferden die Sporen, doch es schien als nähme der Wald kein Ende, als bewege er sich mit uns mit.
    „Ich kann sie hören!“, schrie Gregor. „Sie schreien und zischen.“
    „Ja!“, schrie ich zurück. „Das sind die riesigen Saurierlöwen. Wir dürfen nicht hinsehen. Sie könnten uns hypnotisieren!“

    Es war ein ausgesprochen kribbliges Gefühl, das wir verspürten. Eine Mischung aus Spieltrieb, dem Erfinden von neuen Monstern, der Angst, die wir uns damit selbst einflößten, die uns gleichzeitig aber auch Spaß machte. Es war wie das Anschauen eines Horrorfilmes – man weiß zwar, dass man Ängste ausstehen wird und sich erschrickt, aber es ist die Freude am Nervenkitzel die uns zuschauen lässt.

    Das Gewitter war nun genau über unserem Dorf angekommen. Der Regen klatschte gegen die Scheiben und der Wind war so stark, dass er durch die Ritzen des Fensters hindurch die Vorhänge schaukeln ließ.
    Wir hatten ungefähr die Hälfte unseres Weges geschafft, als der dunkelste und unheimlichste Urwald auf der linken Seite vor uns auftauchte.
    Gregor hielt an und ich ebenfalls. Mein rechter Arm tat mir weh, sodass ich die Gelegenheit war nahm, um mein Plastikpferd in die linke Hand zu wechseln.
    „Wir müssen uns überlegen“, begann Gregor, „wie wir an am Besten an diesem supergefährlichen Monsterwald vorbei kommen.“
    Ich nickte und dachte nach.
    „Dort gibt’s nicht nur Saurierlöwen und mehrköpfige Todesschlangen. Da sind riesengroße Giftspinnen, die ihr Gift bis auf die Straße spritzen können und Mammutelefanten die dich tottrampeln und Echsen, die so lange klebrige Zungen haben, dass sie uns damit vom Pferd reißen können.“
    Gregor hatte mir bei diesen Worten seine freie Hand auf die Schulter gelegt und mich ernst und eindringlich angeschaut. So, als müsste er mich dringend vor diesen Gefahren warnen.
    Dabei war mir vollkommen klar, dass wir vor der riskantesten Aufgabe standen, die wir jemals zu bewältigen hatten.
    „Aber welche Möglichkeiten haben wir denn, außer rasend schnell vorbeizureiten?“, fragte ich besorgt.
    Jetzt dachte Gregor angestrengt nach.
    Unser Schweigen wurde von drei unmittelbar hintereinander folgenden Blitzen, gefolgt von drei ineinanderlaufenden ohrenbetäubenden Donnerschlägen unterbrochen.
    Wir blickten erschrocken zum Fenster. Der Himmel war schwarz, und der Wind peitschte den Regen gegen die Scheiben, als wolle er diese mit aller Gewalt zerbrechen.
    Die Ablenkung war aber nur von kurzer Dauer. Es galt ein großes Abenteuer zu bestehen und wir standen unmittelbar vor der größten Herausforderung, die uns noch vom Schatz am Ende der Straße trennte.
    Gregor hatte die Augen geschlossen. Das tat er immer, wenn er sich ernsthaft auf etwas konzentrieren musste. Ich machte es ihm nach, aber außer schnell auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbeizureiten, fiel mir nichts ein, so sehr ich mich auch anstrengte.
    Plötzlich riss Gregor die Augen auf und rief: „Ich weiß, was wir machen. Wir reiten, so schnell wir können wie immer ganz am Rand der Straße und zusätzlich…“, an dieser Stelle hob er seine Hand und streckte den Zeigefinger nach oben, „ gehen wir aus dem Sattel und hängen uns auf die Seite, sodass wir vom Pferd verdeckt sind.“
    Er hatte ganz glänzende Augen und grinste von einem Ohr zum anderen.
    Ich aber konnte mir das gar nicht vorstellen. „Wie sollen wir uns auf die Seite hängen? Wir können uns doch nicht am Pferd festkleben.“
    „Ich hab das mal in einem Heft gesehn mit einem Cowboy-Roman“, erklärte Gregor.
    „Wir müssen doch ganz rechts reiten und stellen uns mit dem rechten Fuß in den Steigbügel. Das linke Bein heben wir über den Pferderücken, so als wollten wir absteigen, dabei halten wir uns, mit dem Zügel in der Hand, am Sattelknauf fest. Wenn wir dann den Kopf noch ein bisschen einziehen, sind wir ganz vom Pferd verdeckt und die Monster können uns nicht sehen.“
    „Ach, so“, erwiderte ich. „Jetzt hab ich’s kapiert.“
    „Also“, sagte Gregor. „Kann’s los gehen?“
    „Ja“, hauchte ich und mir war schon etwas mulmig.
    Wir hielten unsere Pferdefiguren wieder auf unsere vorherige Position und Gregor gab das Kommando: „Los!“
    Wir ritten wie der Teufel und ließen uns in unserer Fantasie aus dem Sattel gleiten, wie es ein Stuntman nicht eleganter hätte machen können.
    Jetzt trennten uns nur noch wenige Meter von diesem Ungetüm eines verwunschenen Monsterwaldes. Hinter unseren Pferden bildete der aufgewirbelte Staub eine dicke, gelbe Wolke, sodass ich Gregor mit seinem Pferd nur schemenhaft erkennen konnte.
    Glühende Augen verfolgten uns und meterlange, züngelnde Schlangenzungen
    zielten in unsere Richtung. Feuerspeiende Flugechsen kreisten zwischen Waldrand und Straßenböschung. Wir trieben unsere Pferde mit lauten Rufen an und konnten den Blick nicht vom schwarz-grünen Waldrand abwenden.
    Ich beobachtete, wie sich das undurchdringlich scheinende Gebüsch an einer Stelle teilte und sah eine am ganzen Körper mit Schleim bedeckte, rotbraune Echse hervortreten. Sie riss das Maul auf und eine lange, feuerrote Zunge schoss in unsere Richtung. Das war die gefährlichste Bestie überhaupt. Ihre Zunge war so klebrig, dass locker ein ganzes Pferd daran festkleben konnte. Ich schloss blitzschnell meine Augen und zog reflexartig den Kopf ein.
    Ich dachte noch, hoffentlich reitet Gregor nahe genug am Straßenrand, denn durch die Staubwolke konnte ich ihn nicht sehen.
    Im selben Augenblick sah ich ein helles Licht durch meine geschlossenen Lider. Und noch bevor mir klar war, dass das Licht von einem Blitz herrührte, knallte ein Donner an mein Trommelfell, dass ich dachte das Haus sei getroffen und es fiele jeden Augenblick in sich zusammen.
    Ich erinnere mich, dass ich die Augen aufriss und zum Fenster rannte, weil dies aufgesprungen war. Mit all meiner Kraft stemmte ich mich dagegen und drückte die beiden Flügel wieder zu. Trotzdem hatte der Sturm soviel Regen ins Zimmer geblasen, dass mein Gesicht und mein Oberkörper geduscht wurden.
    „Mann, hast du das gesehn“, rief ich, während ich mich zu Gregor umdrehte.

    Aber Gregor antwortete nicht.
    Ungläubig blickte ich im Zimmer umher, doch Gregor war nicht mehr da. Wie hat er das angestellt? So schnell und ohne ein Geräusch zu verschwinden. Wie elektrisiert begann ich hinter alle Möbel zu schauen. Das war ein toller Trick, den musste er mir unbedingt erklären. Trotzdem war ich sicher, dass ich ihn gleich finden werde. Ich rief seinen Namen und schaute in seinem Schrank nach. Vielleicht war es aber auch gar kein Versteckspiel, Vielleicht hatte er wegen des schlimmen Unwetters Schiss bekommen, und sich deshalb verstecken wollen. Aber im Schrank war er nicht. Auch nicht unter seiner Bettdecke und nicht unterm Bett. Damit hatte ich alle möglichen Verstecke überprüft. Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Ich riss die Tür auf und rannte in die Küche. Gregors Mutter stand am Fenster.

    „Wo ist Gregor?“, rief ich.
    Sie schaute mich entgeistert an und ich erklärte ihr, was los war. Ihren ungläubigen und doch Unheil ahnenden Blick werde ich nie vergessen. Ihre immer lauter und hysterischer werdenden Gregor-Rufe und ihr hektisches Gerenne, ließen schlagartig auch in mir Angst und Verzweiflung aufsteigen. Verdammt, das war kein Spiel. Da ist etwas Unheimliches, etwas Schreckliches passiert. Es war kein sicheres, begreifbares Gefühl. Es war wie eine langsam immer stärker werdende Übelkeit, die einem mit Sicherheit den Magen umdrehen wird. Man schluckt und schluckt und versucht panisch an etwas anderes zu denken, um das Unvermeidbare doch noch zu verhindern. Aber man schafft es nicht. Der Dämon im Innern bahnt sich brennend mit brachialer Gewalt seinen Weg nach draußen und demonstriert seine Macht.

    Wir durchsuchten alle Zimmer, den Keller und den Speicher. Wir rannten im strömenden Regen hinters Haus und suchten im Schuppen. Dann spurteten wir wieder in Gregors Zimmer und drehten alle Kissen um. Wir zogen den Teppich weg und untersuchten die Dielen nach einer geheimen Falltür. Wir hämmerten gegen die Wände in der Hoffnung eine unsichtbare Tür ginge auf und der lachende Gregor streckte uns die Zunge raus.
    Aber da war nichts.

    Wir liefen schreiend und mit heißen Gesichtern die Straße rauf und runter und fragten alle Nachbarn. Das Gewitter tobte ungezügelt unter einem schwarzen Himmel. In Sekunden hatte uns der Regen bis auf die Haut durchnässt. Aber ich spürte nur Verzweiflung und Angst.
    Unzählige Male drückte mein Daumen auf die Klingeln der Nachbarn. Unzählige Male formte mein Mund die Frage: „Haben Sie Gregor gesehen?“

    Seit jenem Tag sind mehr als fünfzig Jahre vergangen.
    Eine Antwort auf meine Frage von damals habe ich bis heute nicht bekommen.

  • TobyDatum11.07.2010 13:16

    Toby hatte wieder mal die Schnauze ordentlich voll.
    Und zwar so voll, dass er seine Alten am liebsten weit weg gebeamt hätte.
    Am besten ins Jenseits – oder wenigsten ziemlich nahe dran.
    Sein Vater war der Schlimmste der beiden. Der und seine Scheißkarre.
    Nur weil Toby den Kotflügel des Cabrios mit den Schnallen seines Rucksacks gestreift hatte, musste der Alte einen Affenaufstand machen und schreiend um das Auto hüpfen, dass alle Nachbarn vor Schreck die Fenster aufrissen. Oberpeinlich! Toby zeigte seinem Vater daraufhin, wie sauber der Nagel seines rechten Mittelfingers war.
    Was seinen Alten an den Rand eines Schlaganfalles brachte.

    Tobys Mutter erklärte ihrem Gatten, dieses Verhalten sei völlig normal, weil der Kleine mitten in der Pubertät stecke. Da gäbe es nun mal Phasen, in denen sich der Heranwachsende in der eigenen Haut nicht wohlfühle. Er protestiere dann gegen alles und jeden. Oder er verspüre dringende Lust die Nachbarkatze mit Spiritus zu übergießen und anzuzünden.
    So dachte die Mutter und fing an, einen Marmorkuchen zu backen und
    hörte dabei die neueste CD von André Rieu.

    Sein Vater sah das ganz anders und klebte dem Filius erst mal eine.
    Woraufhin der Junior in sein Zimmer lief und aus dem Fenster pinkelte.
    Sein warmer Strahl traf genau den Beifahrersitz von Papas Cabrio, das drei Meter unterm Fenster in der Hofeinfahrt parkte. Dann warf sich der Rächer aufs Bett und starrte an die Decke. Ach, was wussten denn die Alten schon? Sie lebten ihr Spießerleben und hatten nicht den Hauch einer Spur eines Schattens einer Ahnung, was im Kopf ihres Jüngsten vor sich ging.
    Toby griff unter die Schublade seines Nachttisches und nahm aus dem Holzkästchen, das mit Klettband unter der Schublade befestigt war, eine Selbstgedrehte und zündete sie mit dem beiliegenden Feuerzeug an.
    Er inhalierte tief den süßlichen Rauch und entließ eine ganze Schar kleiner blau-grauer Kringel aus seiner Mundhöhle. Dann schloss er die Augen.
    Als er sie wieder öffnete, hustete er sich die Lunge aus dem Leib und seine Augen tränten wie blöde. Irgendetwas stank hier gewaltig. Er machte vor Schreck fast in die Hose, als er durch den Tränenschleier wahrnahm, dass beißender Qualm vom Boden neben seinem Bett aufstieg,
    Seine im Schlaf runtergefallene Kippe hatte den Bettvorleger in Brand gesetzt. Toby sprang auf und trampelte auf dem kokelnden Stoff herum. Aber nur so lange, bis er merkte, dass er barfuß war. In seinen herzerweichenden Schrei mischte sich der wütend brüllende Bariton seines Vaters, der soeben die Pfütze im Cabrio entdeckt hatte.
    Toby humpelte neugierig ans Fenster und sah wie sein Vater mit hochrotem Kopf zum Nachbarn rüber eilte und gegen dessen Haustür trommelte. In dem Moment, als Doppelnamen-Nachbar Dillmann-Pitz arglos die Tür öffnete, musste der Junge erkennen, dass sein Alter, wenn er richtig verärgert war, kein Problem damit hatte, jemandem richtig weh zu tun. Er packte nämlich den Nachbarn wortlos am Kragen und schlug dessen Kopf einmal satt an den Briefkasten. Es gab ein Geräusch wie in einer Autopresse – nur kürzer. Die Dillmann-Pitz-Knie gaben nach, sodass Papi sein Opfer einfach fallen ließ. Aber nicht, ohne ihm noch eine Drohung mitzugeben: „Wenn ich deine Scheißkatze, die mir heute schon wieder ins Auto gepisst hat, zu fassen kriege, mach ich Hackfleisch aus ihr und stopf es dir in kleinen Brocken ins Maul!“
    Mit diesen netten Worten drehte sich Papi um, und ging zurück zum Wagen, um dort über dem nassen Polster seinen Tränen freien Lauf zu lassen.

    Toby stand mit offenem Mund am Fenster und staunte. Nie zuvor hatte er gesehen, dass der Alte so ausgerastet war. Nun ja, das Cabrio war sein ein und alles. Und wenn sich herausstellen würde, dass Mama Krebs im Endstadium hätte, Toby schwul wäre und Tochter Heike eine Bahnhofsnutte, könnte ihn das nicht so berühren, wie eine Beule an seinem feuerroten Spaßmobil. So gesehen, konnte der Nachbar froh sein, dass ihm nach der Kollision mit dem Briefkasten wenigstens noch ein sehtüchtiges Auge geblieben war.

    Mittlerweile war der Alte wieder im Haus verschwunden. Gerade wollte sich Toby vom Fenster wegdrehen und nach seinem noch ein wenig qualmenden Teppich schauen, als er sah, wie der blutende Nachbar mit einer Flinte zu ihnen herüber stiefelte. Jetzt wird’s heiß, freute sich Toby und humpelte zur Zimmertür. Er drehte den Schlüssel zweimal, und presste ein Ohr an das Holz. Jetzt hörte er die Klingel und die schweren Schritte seines Vaters.
    Dann donnerte die Stimme von Dillmann-Pitz – oder war es Clint Eastwood?
    „So, du Arschloch! Ich werde dir jetzt deine Eier mit Schrot perforieren und dann deinem missratenen Sohn mit dem Taschenmesser die Ohren abschneiden! Weißt du warum? Weil dieser kleine, rotzende, popelfressende, zu nichts zu gebrauchende Bettnässer von seinem Fenster aus in dein beschissenes Auto gepisst hat. Und du Vollidiot wirst keine Gelegenheit mehr haben, meine Katze auch nur anzusehen!“

    Es folgte ein entsetztes Kreischen, das Toby seiner hysterischen Mutter zuordnete. Dann hörte er seinen Vater mit sich überschlagender Stimme:
    „Verschwinde! Sonst stopf ich dir dieses rostige Blechrohr in deinen schwulen Arsch!“

    Was war geschehen? Toby rannte zum Fenster und sah noch, wie der Nachbar zu seiner Haustür lief und ihm seine alte doppelläufige Schrotflinte hinterher flog.
    Puh, dachte Toby, das war knapp! Das verrostete Schießeisen hat wohl geklemmt. Im selben Moment hämmerte jemand an seine Tür.
    „Toby, Toby!“, hörte er seine Mutter schreien. „Toby, mach die Tür auf!“

    Er schnappte sich sein Kopfkissen, ließ es auf den Brandfleck fallen und drehte in aller Ruhe den Schlüssel um. Seine Mutter stieß ungeduldig die Tür auf, warf ihm ihre fetten, nackten Arme um den Hals und drückte Tobys Kopf an ihren Busen.
    Boah, pervers! schoss es Toby durch den Kopf als er begriff, zwischen was seine Nase und sein Mund eingequetscht waren.
    Noch bevor er sich aus dieser heiklen Lage befreien konnte, riss ihn eine kräftige Hand aus Mutters Klammer. Toby schaute hoch und sah einen Schatten auf sich zurasen.
    Klatsch! Die Hand seines Vaters traf voll und sauber Tobys linke Wange. Volltreffer! Die Wucht war so groß, dass der Junge hinfiel und mit seinem Kopf genau auf dem Brandfleck-Versteck-Kissen landete.
    Er hörte seine Mutter etwas sagen, aber sein Vater brüllte jeden Beschwichtigungsversuch nieder.
    Tobys Schädel dröhnte, wie nach dem Genuss von 2 Litern Jägermeister, runtergespült mit einem Kasten Rülps-Bräu. Sein Vater hatte sich zu ihm herabgebeugt. Toby riskierte vorsichtig ein Auge und sah vor seiner Nase eine Riesenhöhle mit kleinen hellen Randsteinen, aus der feine Spucktröpfchen in sein Gesicht flogen. Aus den Tiefen dieser nach Tabak, Bier und Essensresten riechenden Drachenwohnung kamen Worte wie: sofort runter! Pisse wegwischen! sauber wie geleckt! Auto picobello! Knochen brechen! Stubenarrest!
    Dann folgte ein Knall – und es war mucksmäuschenstill. Die Alten waren gegangen, und die Zimmertür war zu.
    Toby rieb sich die Wange, rappelte sich auf und fummelte einen Glimmstängel aus seinem Versteck. Nach dem ersten Zug, öffnete er das Fenster und dachte nach.
    So konnte es nicht weitergehen. Das wurde immer klarer für ihn, je mehr er über seine Situation nachdachte.
    Seine Schwester war drei Jahre älter als er und würde sich bald eine eigene Wohnung suchen. Dann wäre er dem Schwachsinn seiner Alten ganz alleine ausgeliefert. Er musste etwas tun. Und zwar schnell. Aber was? Abhauen? Er hatte keinen müden Cent auf dem Sparbuch, das er plündern könnte. Folglich müsste er zuerst ein paar Dinge zu Geld machen. Sein Handy, den DVD-Recorder, die Spiele-Konsole. Nein, das dauerte alles zu lange und war zu aufwändig.
    Sein Blick fiel auf den zerbeulten Briefkasten und dann sah er etwas neben der Haustür liegen, das vielleicht die Lösung seiner Probleme wäre.
    Er schnippte die Kippe aus dem Fenster und rannte aus dem Zimmer hinunter in die Einfahrt. Er schaute sich um und ging zur Dillmann-Pitz-Haustür. Toby bückte sich, hob die alte Flinte auf und ging zurück ins Haus. Als er die Tür zudrückte, drohte ihm sein Vater aus der Küche heraus mit schlimmen Konsequenzen, wenn er jetzt nicht sofort das Cabrio auf Vordermann brächte.

    Fünf Minuten später hörte Dillmann-Pitz den Motor des Cabrios aufheulen.

    In der Blöd-Zeitung konnte man am nächsten Tag lesen, dass ein Ehepaar von einem Unbekannten in seiner eigenen Küche mit einer Schrotflinte erschossen worden war.
    Der Täter sei mit dem Wagen seiner Opfer geflohen.

  • Du weißt es genau: Die Letzte auf die Du trittst, kickt Dich ins Aus.
    Tröstlich dabei ist, dass es jedem von uns so ergehen wird. Wir sind alle dazu auserwählt, über dieses verdammte Minenfeld zu laufen.
    Aber zwischendrin, und das ist das Übel, kannst du jederzeit auf kleinere oder größere Exemplare treten, die dir das Leben von seiner hässlichen Seite zeigen.
    Ob du willst oder nicht.

    Der eine oder andere erwischt zum Glück nur eine Kleine - sagen wir, eine ganz Kleine - und er verliert nur ein paar Zehen.
    Manchem zerfetzt es einen Fuß, oder ein Bein.
    Wieder andere sind so übel dran, dass sie mit fünfundzwanzig den falschen Schritt machen. Und wenn sie wieder aufwachen, sind beide Beine samt Arsch weg.
    Du weißt, was ich meine.
    Man nennt es Schicksal, Kismet, Vorsehung.
    Wir können absolut nichts dagegen tun! Gar nichts!

    Ob wir auf den höchsten Berg steigen, oder in das tiefste Meer tauchen –
    ob wir uns in der ödesten Wüste verstecken, oder im dunkelsten Urwald - ob wir zum Nord- oder zum Südpol fliehen -
    ob ins dichteste Häusermeer, oder ins entlegenste Kaff –
    ob wir uns in den sichersten Bunker verkriechen, oder uns hinter den Mond schießen lassen.
    Es wird nichts nützen!
    Die Minen sind überall. Zu jeder Zeit. An jedem Ort.

    Mit dem ersten Atemzug haben wir auch schon den ersten Schritt getan auf das Minenfeld des Lebens.
    Das Einzige, was wir genau wissen ist, dass wir gehen müssen. Eine unbarmherzige Macht treibt uns voran. Jeder Widerstand ist zwecklos.
    Verweigerung und Reklamation sind ausgeschlossen.

    Bei diesem beschissenen Spiel, dessen Regeln von niemandem beeinflussbar sind, und das sich der Höllenfürst an einem Tag ausgedacht haben muss, an dem er wirklich miese Laune hatte, haben wir nur zwei Möglichkeiten, unter denen wir frei wählen dürfen:

    Erstens die Freiheit, die Richtung zu wählen.
    Wir können geradeaus gehen oder diagonal.
    Wir können es mit Schlangenlinien versuchen, oder im Zickzack.
    Oder hüpfen, wie beim Himmel-und-Hölle-Spiel.

    Und zweitens die Art und Weise unserer Bewegungen.
    Wir können vorsichtig tastend einen Fuß vor den anderen setzen.
    Wir können mit geschlossenen Augen, verkniffenem Mund und mit vor Angst nasser Hose vorwärts schleichen.
    Oder mutig und beherzt drauf los rennen.
    Ganz egal! Mindestens eine Mine wird die unsere sein!
    Und die ist ein Knaller! Garantiert!
    Das ist so sicher, wie diese Worte wahr sind!

    Beten wir, dass für uns nicht so viele, und auch nur die Kleinen vorgesehen sein mögen.
    Bis dann die Letzte, die Endgültige, uns das Licht ausbläst.

    Das Leben ist ein Lauf über ein Minenfeld.

    Deshalb weiß ich eines ganz gewiss:
    Wenn ich wieder auf diese Welt kommen muss, dann will nicht mehr laufen müssen - dann will ich ein Adler sein!

  • Der SonnenschirmDatum25.07.2010 21:57

    Im Sommer, wenn die Sonne lacht,
    Da ist es häufig angebracht,
    Den Körper zu beschatten.
    Ein Sonnenschirm, der Farbe Bunt,
    Der achteckig, also nicht rund,
    Steht bei Herrn B. im Garten.

    Noch steht er nicht, er liegt viel mehr,
    Nun, der Herr B. bemüht sich sehr,
    Den Schirm jetzt zu entfalten.
    Doch halt! Zuerst braucht er nen Schluck.
    Vom kühlen Bier, das geht ruck zuck
    Jetzt kann ihn keiner halten.

    Er hebt ihn auf, die Sonne brennt.
    Er legt ihn hin, zieht aus sein Hemd
    Die Hitze lähmt die Glieder.
    Er hebt ihn auf, ein zweites Mal
    Zum Spannen, doch das ist ne Qual.
    Er legt ihn lieber wieder.

    Das Tuch, es klemmt, hat sich verhakt
    Das Spannsystem, es ist vertrackt
    Schweißgetränkt ist jetzt Herr B.
    Die Speichen, ach, sie rühr’n sich nicht.
    Er zieht und zerrt, die Sonne sticht.
    Seine Glieder tun ihm weh.

    Ja, ist es wirklich denn so schwer
    Solch einen Schirm zu spannen, der
    Hier harmlos liegt im Grase?
    So fragt verzweifelt sich Herr B.
    Jetzt tut ihm auch die Schulter weh.
    Ganz rot ist seine Nase.

    Ein letztes Mal er es versucht
    Da hört man auch schon wie er flucht.
    Es platzt ihm jetzt der Kragen.
    Die Sonne hat Herrn B. versengt.
    Der Schirm nun im Holunder hängt.
    Die Wut hat ihn getragen.

    Herr B. flach auf dem Bauche liegt.
    Im kühlen Haus hat er gekriegt,
    Was ihm der Schirm bisher versagt.
    Im Hollerbusch ein Schirm sich grämt,
    Er weiß, er war sehr unverschämt
    Nun ist er traurig und verzagt.

  • Die Überraschung (Drabble)Datum03.08.2010 00:22
    Thema von erdbeermund im Forum Zwischenwelten

    Johnny Muckefuck und Larry Schotter sitzen auf der Veranda und beobachten den Sonnenuntergang.

    „Herrlich!“, sagt Larry und nippt an seinem kalten Bier.
    „Es sieht aus, als versinke die Sonne in einem Meer aus Gold und Rubinen.“

    „Ja“, antwortet Johnny.
    Der rotgoldene Himmel spiegelt sich in seiner Sonnenbrille als er fortfährt:

    „Kürzlich hab ich gelesen, dass die Erde untergehen wird, wenn der letzte gute Gedanke gedacht ist, die letzte gute Tat vollbracht ist, das letzte liebe Wort gesagt ist, der letzte Liebesbrief geschrieben und das letzte Liebeslied verklungen ist.“

    „Jetzt bin ich perplex“, flüstert Larry ehrfurchtsvoll.

    „Wieso?“

    „Dass du lesen kannst!“

  • AbwechslungDatum06.08.2010 11:30

    Lass doch dem Fass den kleinen Spass
    Und lass Regen darauf rinnen
    Dann wird’s auch mal von außen nass
    Und nicht nur von innen

  • Abschied (Drabble)Datum25.01.2011 21:12
    Thema von erdbeermund im Forum Zwischenwelten

    Bereits seit tausenden von Jahren begleiten wir die Menschheit. Niemand kann uns etwas schwerwiegend Negatives nachsagen. Und doch scheinen unsere Tage gezählt.
    Unsere Ära geht zu Ende.
    Das menschliche Verhalten ist stetem Wandel unterzogen und diesem Umstand müssen wir nun Rechnung tragen. Unsere festen und farblich ansprechenden Formen – von unseren Düften ganz zu schweigen – waren dem Menschen immer gut. Doch in Zeiten wie diesen nicht mehr gut genug. Obwohl unsere haptischen Vorzüge für Männer und Frauen gleichermaßen ein Vergnügen sind, wird unsere Präsenz in deren Behausungen zunehmend seltener.
    Es kommt der Tag, an dem das letzte Stück Seife aufgebraucht ist.

  • Ich hab Hunger, Mama (Drabble)Datum29.01.2011 16:56
    Thema von erdbeermund im Forum Zwischenwelten

    Mama, hast du schon wieder kein Essen gekocht?
    Willst du uns beide verhungern lassen, oder willst du dein einziges Kind für irgendwas bestrafen? Das konntest du immer gut. Du hast mich nie richtig lieb gehabt.
    Trotzdem habe ich dich bei mir aufgenommen, obwohl ich selbst krank bin.
    Ja, schweig du nur - wie immer.
    Du widersprichst nicht und sitzt lieber in deinem Sessel vor der Glotze.
    Schlecht siehst du aus. Deine Haare fallen aus und du riechst streng. Deine Haut ist blass.
    Du brauchst mehr Bewegung an der frischen Luft.
    Wenigstens ansehen könntest du mich, wenn ich mit dir rede, Mama.

  • Herbert geht’s nicht gut (Drabble)Datum29.01.2011 16:58
    Thema von erdbeermund im Forum Zwischenwelten

    Herbert fühlte sich miserabel an diesem Morgen. Sein Spiegelbild bestätigte diesen Eindruck.
    Er nahm sich vor, demnächst zum Arzt zu gehen. Herbert war mit seinen fünfzig Jahren noch nicht bereit abzutreten.
    Im Büro kam Schulze aufgeregt auf ihn zu: „Stell dir vor, der Heinz ist heut Nacht gestorben. Herzinfarkt.“
    Herbert wurd’s schlagartig schlecht. Er musste sofort zum Arzt.

    „Ich kann mich nur wiederholen“, sagte der Doktor. „Sie sind kerngesund. Was Ihnen fehlt, ist Bewegung in frischer Luft und positives Denken“.
    Gottseidank! Herberts Herz hüpfte vor Freude, als er frohgemut zu seinem Wagen lief.
    Leider sah er den Bus zu spät.

  • Angst (Drabble)Datum30.01.2011 17:56
    Thema von erdbeermund im Forum Zwischenwelten

    „Papa, lässt du bitte das Licht brennen?“
    „Dann kannst du aber doch nicht schlafen, Tobi“
    „Doch, kann ich“
    „Ich lass die Tür etwas offen stehen. Ja?“
    „Ja. Und bitte, stelle einen Stuhl vor den Schrank“
    „Aber du weißt, dass im Schrank nichts ist. Wir haben beide eben nachgesehen“
    „Ja, aber wenn das Licht aus ist, ist es da. Und dann kommt es da raus“
    „Glaub mir, Tobi, im Schrank ist kein Monster“
    „Bitte, lass die Tür ganz auf und das Flurlicht an“
    „Na, schön. Gute Nacht“
    „Gute Nacht, Papa“

    „Dein Paps hätte dir besser einmal glauben sollen. Nicht wahr, Tobi?“

  • Besuch bei einem kranken FreundDatum10.02.2011 19:52
    Thema von erdbeermund im Forum Zwischenwelten

    Hallo Alter! Wenn die Ärzte Recht haben, stehst du mit gepackten Koffern am Bahnhof.
    Sieh es positiv. Du zeigst dieser Welt den Stinkefinger und bist sorgenfrei.
    Hast keine Schmerzen mehr und die Peinlichkeiten mit deiner Prostata sind Vergangenheit.
    Erinnerst du dich, wie wir als Kinder Cowboy und Indianer spielten? Immer hast du gewonnen und mich abgeknallt. Scheint so, als wären wir jetzt quitt.
    Übrigens, um Sonja mach dir mal keine Gedanken. Sie und dein Cabrio sind bei mir in besten Händen. Sowie beide auf Touren sind, schnurren sie wie die Kätzchen.
    Ciao, Alter. Muss gehen. Du verstehst – die Kätzchen füttern.

  • Wibbelchen und WabbelchenDatum27.08.2011 00:05

    Wibbelchen und Wabbelchen gingen in den Wald
    Sie kamen an ein Häuschen, das war verwobbelt alt
    Sie klopften an das Türchen vom wobbelalten Haus
    Und wie ein Wusch kam Tropfenklipper raus

    He! Ihr kumpen Nasen sprach pripp der große Klipper
    Was wollt ihr schrobben Hasen vom alten Tropfenklipper
    Er war bestimmt zweineunzig und stank wie ne Mugmose
    er sah nem Krobbel ähnlich in seiner niffen Hose

    „Wir wollten nur mal fragen fragen, ob wir ein Glas Wasser haben haben können können. Wir haben haben so großen Durst Durst“, antworteten Wibbelchen und Wabbelchen synchron.

    „Padorz!“, podarzte der stinkende Tropfenkiffer und schnaufte dabei wie ein angesägter Zeppelin. „Wieso ist dieses gemuppfte Märchen auf einmal nicht mehr in gereimten Versen? Und warum quatscht ihr gleichzeitig und alles alles immer immer doppelt doppelt?“

    „Weil die Reime echt Scheiße sind“, sagten die beiden Bbelchen. Außerdem sind wir aus einer Zelle, gelle und in so einem Falle redet man immer immer wenn der andere das auch tut tut. Aber wir reden reden nicht doppelt doppelt, großer Klippentropfer, du hörst es nur doppelt doppelt, weil du ja zwei Ohrwatscheln hast hast.“

    „Was kann ich dagegen tun? Das ist so quälisch und macht mich ganz schnück im Kopf!“ jammerte jammervoll der große stinkende Kopfentrippser.

    Die Bbelchen lächelten freundlich und hoben alle ihre neunzehn Zeigefinger: „Du musst musst dir einen Finger ins Ohr stecken stecken, dann hörts hörts auf auf.“

    Sofort befolgte der Jammerer den Rat und stopfte sich einen Finger ins Ohr.

    „Isses so besser?“ fragten die Bbelchen.

    „Ja!“ freute sich Tribbenklopfer und bat die Bbelchen ins Haus.

    „Bekommen wir jetzt ein Glas Wasser?“

    „Gläser hab ich keine. Ihr müsst eure Schnäbel unter den Wasserhahn halten. Aber passt auf, dass er euch dabei nicht auf die Zunge kackt.“

    „Wir mögen Hühnerbrühe“, antworteten die Bbelchen und tranken das nasse Zeugs, das da aus dem Ventil fiel.

    Der Pfropfentippler schaute ihnen zu, kratzte sich mit der linken Hand am Sack, weil ein Teil der rechten noch im Ohr steckte und sagte: „Wie sieht’s aus Leute, mögt ihr Gold?“

    „Oh, geil, großer Stinker, was fragst du so meschugge?“

    „Wenn ihr wollt, könnt ihr in meiner Mine arbeiten und zehn Pront für euch behalten.“

    „Was? Nur zehn Pront? Vergiss es Alter. Außerdem ist Kinderarbeit verboten.“

    „Wer redet von euren Kindern? Ihr beide sollt das Gold aus dem Berg holen.“

    „Wir haben doch gar keine Kinder. Wir sind doch noch selbst Kinder. Hast was mit den Glubschern Burschi?“

    Der große stinkende Tripfenklobber stellte sich vor die beiden hin und beugte sich zu ihnen runter.
    „Tatsächlich! Verdammte Hacke! Ihr seid ja noch Rotznasen.“

    Er ging zur Tür: „Nun verschwindet, aber furrzhurrz. Und ich geb euch einen guten Rat. Vergesst nie, was euch der große stinkende Trockenklotzer jetzt sagt: zieht die weißen Tennissocken aus, die machen euch um Jahre älter.“

  • Genau besehenDatum27.08.2011 00:14
    Thema von erdbeermund im Forum Minimallyrik

    Ein Hering und eine Scholle
    Bekamen sich derfragend wegen bös in die Wolle
    Wer nun der bessere Schwimmer wär - ing oder olle

    Darob könnte man natürlich zischen:
    Die haben doch gar keine Wolle, weil das sind doch Fischen
    Die haben weder Felle noch Haare
    sondern nen Haufen Schuppen
    Das ist – genau besehen – akkurat exakt und rückhaltlos wahre
    Doch – verzeiht - mir ist das vollkommen schnuppen

  • Es war ein Mal eine kleine 5.
    Sie ging noch nicht zur Schule, denn sie war ja erst 5.
    Eines Tages kam sie vom Spielen nach Hause und fragte:
    „Opa, warum bin ich eine 5?“

    „Tja“, sagte der Opa und setzte sich neben das Fenster in den schweren Polstersessel. Und während er nach einer Antwort suchte, kletterte die kleine 5 auf seinen Schoß.
    „Du bist eine 5“, begann Opa bedächtig. „Weil du als 5 geboren wurdest“.

    Die kleine 5 dachte über diese Antwort nach. Und während sie das tat, drehte sie den großen roten Knopf an Opas Strickweste hin und her. Mit dem Zeigefinger der anderen Hand bohrte sie in der Nase.
    Nasebohren war beim Nachdenken immer die beste Hilfe.

    Vorsorglich kramte Opa in seiner Hosentasche schon mal nach einem Taschentuch. Aber da war keins.

    „Bist du auch eine 5?“, fragte die kleine 5 und spielte jetzt mit beiden Händen an dem großen roten Knopf. Die Sache mit dem Taschentuch war somit erledigt.

    „Ja“, antwortete Opa und lächelte. „Wir sind alle 5en! Du, deine Mama, dein Papa, deine Oma und ich. Alle sind wir 5en“.
    Der große rote Knopf an seiner Weste machte ihm jetzt langsam Sorgen. Die kleinen Hände seines Enkels strapazierten das schwarze Garn, das den Knopf bisher immer gut im Griff hatte, sodass es schon etwas locker wurde. Und dem großen roten Knopf war auch schon ganz schwindelig vom dauernden Hin-und-Hergedrehtwerden. Vorsichtig schob Opa seine großen Finger zwischen die Hände seines Enkels und hielt den Knopf fest. Woraufhin die kleine 5 ihre Hände auf die Knie legte.

    „Opa, warum sind wir keine 7en?“

    „Warum willst du denn eine 7 sein?“, fragte Opa erstaunt.

    „Weil das ganz prima wäre“, sagte die kleine 5 und entdeckte, dass Opas Weste sehr grob gestrickt war und dass seine Finger ausgezeichnet durch die Löcher der Maschen passten. Während sie probierte, wie viele Finger gleichzeitig durch ein Loch gingen, fuhr sie mit ihrer Erklärung fort.
    „Dann hätten wir den 7. Sinn, könnten über 7 Brücken gehen und hätten eine 7-Tage-Woche“.

    Opa wusste schon lange, dass er einen besonders klugen Enkel hatte, trotzdem machte er große Augen, als er der kleinen 5 zuhörte.
    „Aber das haben wir doch auch so. Dazu brauchen wir keine 7en zu sein“, beschwichtigte er.

    „Oder wenn wir eine 13 wären, dann hätten alle Angst vor uns, denn 13 ist gaaanz furchtbar“.
    Bei dem langgezogenen „gaaanz“ hatte er vier Finger auf einen Schlag in ein Loch gekriegt.

    „Ja, ich weiß“, lachte Opa. „Und am Freitag dem 13. passieren einem die blödesten Sachen“.

    Er fand es erstaunlich, dass nun die ganze Hand seines Enkels durch so ein kleines Loch geflutscht war. Nun, ja, die Weste war dehnbar, aber trotzdem ziemlich stabil.

    „Oder ich möchte eine 6 sein“, sagte die kleine 5 und versuchte, die Hand wieder rauszuziehen. Ging aber nicht, und Opa musste helfen, wobei der froh war, dass seine Frau nichts davon mitbekam.

    „Warum denn eine 6?“, fragte Opa neugierig.

    „Weil Papa sich immer freut, wenn er Fernsehen guckt und dann auf dem Tisch ein Sechserpack Bier steht“, antwortete die unsichtbare 5, die ihren Kopf unter Opas Achsel geschoben und die eine Westenhälfte übers Gesicht gelegt hatte.
    Das Problem war ja folgendes: Kann man seine Nase durch so ein Loch in der Weste drücken und gleichzeitig vor jedes Auge ein Loch ziehen, sodass man auf seine Unterlippe gucken kann, wenn man diese weit genug nach vorne durch ein anderes Loch schiebt?

    Opa musste lachen: „Das kann ich gut verstehen“, sagte er und wunderte sich darüber wie stabil das Garn war. „Du möchtest also lieber etwas anderes sein als eine 5. Wie wär’s denn mit einer 1000?“
    Er schaute durch die Löcher in die hellblauen Augen seines Enkels. Der nickte zustimmend, wobei er darauf achtete, dass seine Nasenspitze im Loch stecken blieb.

    „Aber hast du dir schon mal überlegt, wie groß so eine 1000 ist? Da kommst du nicht so einfach hier durch die Zimmertür. Und in deine Kleider passt du auch nicht mehr. Du musst dir dann vom Schneider extra lange Hosen schneidern lassen, verstehst du? Das kostet ein bisschen was. Da reicht dein Taschengeld nicht“.

    Die kleine 5 kam unter dem Arm hervorgekrochen und schaute ihrem Opa ins Gesicht.
    „Ja, aber vielleicht könnte ich eine 9-malkluge 9, oder eine 8-bare 8, oder eine einzigartige 1, oder ein 4-blättriges Kleeblatt sein“.
    Bei jedem dieser Vorschläge tippte die kleine 5 dem alten Mann mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze.

    „Oh, ja“, antwortete Opa. „Das sind alles wunderschöne Dinge. Nur du solltest dir lieber nicht wünschen ein Kleeblatt zu sein. Denn wenn du dann auf der Wiese stehst, kommt ne Ziege und frisst dich auf“.

    Nachdem die kleine 5 sich gerade vorgestellt hat, wie sie als Kleeblatt im Maul einer Ziege verschwindet, griff sie wieder nach dem großen roten Knopf und fragte: „Opa, bist du gerne eine 5?“

    Opa atmete tief ein und sagte stolz: „Oh, ja, das bin ich“.

    „Und warum?“

    Opa lehnte sich nach hinten, zog die kleine 5 zu sich heran und gab ihr einen Kuss mitten auf den Haarschopf.
    Den Kopf an Opas Brust gelegt, begann die kleine 5 wieder damit den großen roten Knopf zu drehen.

    „Weißt du wie viel Zehen du an jedem deiner Füße hast?“, fragte Opa leise.

    Die kleine 5 nickte und sagte: „Fünf“.

    „Weißt du wie viel Finger du an jeder Hand hast?“.

    Wieder nickte die kleine 5 und antwortete: „Fünf“.

    „Siehst du“, sagte Opa zufrieden. „Du könntest nicht laufen, wenn dein Fuß nicht fünf Zehen hätte. Du könntest nicht mit dem schönen roten Knopf spielen, wenn deine Hand nicht fünf Finger hätte. Und ich könnte meinem kleinen Schatz hier nicht den Kopf streicheln, wenn meine Hand keine fünf Finger hätte“.

    Bei diesen Worten fielen der kleinen 5 die Augen zu. Und in ihrem Traum war sie jetzt ganz stolz eine 5 zu sein.

    Kurz darauf war auch Opa eingenickt.
    Er öffnete nur einen Moment die Augen, als er durch ein kleines Geräusch kurz geweckt wurde.
    Das war, als der große rote Knopf, der übrigens fünf Löcher hatte, auf die Holzdielen fiel und unters Sofa rollte.

  • PoetenkummerDatum31.08.2011 16:54

    Grad will ich mein Gedicht vollenden
    Da stockt der Atem mir – oh Graus
    Ich schlottere an Bein und Händen
    Vor Schreck ein kalter Schweiß bricht aus

    Ich les es wieder und noch mal
    Hadernd denk ich – Mann, oh Mann
    Und meine Suche wird zur Qual
    Weiß nicht, was ich reimen kann

    Auf das Wörtchen - Nasenwurzel

  • Ein (Drabble-)GedichtDatum01.09.2011 16:03
    Thema von erdbeermund im Forum Diverse

    Hundert kleine Worte
    Sollen hier zu lesen sein
    Hundert kleine Worte
    Putzig wie ein rosa Schwein

    Ich hab jetzt grad mal zwanzig
    Und das ist schon zu viel
    Denn das Gedicht ist ranzig
    Und stinkt wie alter Müll

    Oder bin ich viel zu streng mit mir?
    Vielleicht gefällt es Dir. Oder Dir?
    Und Du da hinten – sag mal was
    Ist es gut? Macht es Dir Spaß?

    Gut, wenn Du bis hier hin durchgehalten
    Dann wird’s so mies nicht sein
    Du kannst es Dir ja umgestalten
    Ich schenk es Dir – jetzt ist es Dein

    Kleb’s unters Sofa,
    Oder polier damit dein Mofa

  • Coq au loresDatum13.09.2011 11:54

    Wo Bänkelsänger gerne bänkeln
    Auch Schnürsenkel sich lustvoll senkeln

    Wo der Hirsch durch Rohre röhrt
    Ein Störsender sich selber stört

    Wo Kaffeefilter lustvoll filtern
    Schildermaler Schilder schildern

    Wo ein Schuppen Fische hat
    Ein Stromkreis stakt im Kilowatt

    Dort ist die Welt an sich OK

    Wer sich mokiert: das ist kein Reim -so klingt das schlecht
    Dem sag ich prompt: Das stimmt, hast Recht.
    ©Coco Flanell

  • Ein Stück vom HimmelDatum07.10.2011 13:53
    Thema von erdbeermund im Forum Minimallyrik

    Für mich bist du ein Stück vom Himmel
    Du bist mein Paradies, mein Glück
    Doch horch! Von droben tönt Gebimmel
    Der Himmel will sein Stück zurück

  • Beschlossene SacheDatum07.10.2011 13:59

    Die Liebe ist ein merkwürdig Ding
    Sie treibt uns herum, wie den Boxer im Ring
    Man kann sie nicht halten - man kann sie nicht seh'n
    Sie bebt in den Fingern - sie tanzt in den Zeh'n
    Im Kopf läuft sie Amok und fährt Karussell
    Die Seele lernt fliegen mit diesem Gesell'
    Die süßeste Frucht, das hellste der Lichter
    Das höchste Gefühl - so singen die Dichter

    Drum hab ich beschlossen - um viertel vor zehn
    Ab morgen zu lieben - weiß bloß noch nicht wen !

  • Vertraue mirDatum07.10.2011 15:46
    Thema von erdbeermund im Forum Zwischenwelten

    Er kam in der Nacht.
    Und mit den Worten: „Vertraue mir. Ich bin dein Schutzengel“
    kroch er zu ihr ins Bett.
    Nie wieder konnte sie an Engel glauben.
    Sie war doch erst neun......

    Version 2:
    Er kam in der Nacht.
    Er flüsterte: "Vetrau mir. Ich bin dein Schutzengel."
    Lächelnd kroch er zu ihr ins Bett.
    Nie wieder konnte sie an Engel glauben.
    Sie war doch erst neun

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