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  • Tiger im ParkDatum20.05.1970 17:43
    Thema von sadi im Forum Kurzes für Knirpse
    Tiger im Park

    Jeden Nachmittag wartete der Park auf Susanna, denn mit ihren Sommerkleidern schmückte er sich wie mit den Abendliedern der Lerchen oder mit dem Plätschern der kleinen Fontäne unter den Lindenbäumen. Wenn Susanna durch das gusseiserne Tor schritt mit den Jugendstillöwen, die von ihren Säulen lautlos die Besucher anbrüllten, öffnete der Park sein Herz. Die Rosenbüsche streuten ihre Blütenblätter auf die Wege, die sie lief. „Schön, dass es dich gibt!“ riefen die Butterblumen, als sie sich zwischen sie setzte. Und das Eichhörnchen brachte ihr die Nüsse, die es tagsüber von den anderen Besuchern gesammelt hatte. Der Park war glücklich mit Susanna und Susanna wollte an keinem anderen Ort sein, als nur in ihrem Park mit den Kastanienbäumen, den Parkbänken um die Fontäne und den Rabatten, die bunte Blumengirlanden auf dem Zierrasen bildeten.

    Die Welt hatte Susanna bereits vergessen, denn sie kam nur noch in ihren Geschichten und Gedichten vor. In ihrem Briefkasten fand sie keine Werbebriefe mehr von den großen Versandhäusern und das Hauslicht vergaß zu leuchten, wenn sie spät abends in ihr Zimmerchen zurückkehrte.

    Auch Susanna hatte die Welt vergessen. Ihr Park hatte hohe Mauern, um sie vor der Welt zu schützen. Der Park hasste die Welt, die mit ihrem Lärm und Gestank jede Minute anbrandete und seinen grünen Traum zu überrollen drohte. Weil der Park Susanna so sehr liebte, hielt er daher alles von ihr fern, was die Harmonie hätte stören können. Besucher, die nicht in das Bild passten, versuchte er mit Regentropfen zu vertreiben, die er von den Blättern der Bäume schüttelte. Ein Maulwurf musste seine vorwitzigen Hügelbauten mit dem Leben bezahlen, als ihn eines Nachts bei einer gemütlichen Ruhepause auf seinem Lieblingsgrabhügel ein herabstürzender Mauerstein erschlug. Der Park hatte sogar überlegt, den Winter auszuschließen. Doch der besaß wohl die größere Macht.

    Sicher und geborgen saß Susanna im karmesinroten Kleidchen zwischen den sonnengelben Butterblumen, als schüchtern und bescheiden ein kleiner Tiger auf sie zutrat und höflich fragte: „Werte Dame, darf ich mich zu ihnen setzen. Ihr rotes Kleid kontrastiert ganz ausgezeichnet mit dem Gelb meines Streifenanzugs.“ „Das finde ich auch, Herr Tiger,“ antwortete Susanna artig, “bitte nehmen Sie doch Platz.“




    In seiner rechten Vordertatze hielt der Tiger eine kleine Maus mit der er sich unterhielt, während er an ihrem linken Öhrchen knabberte. „Entschuldigung“, sagte der Tiger zur Maus, „Entschuldigung, aber ich muss dich fressen. Denn weißt Du, ich bin von Haus aus Fleischfresser. Daher bekommen mir die Äpfel nicht, die wir im Park gefunden haben. Ich müsste verhungern. Darum, guter Freund, nimm Abschied vom Leben.“ „Wenn es denn sein muss,“ antwortete die Maus, „Aber denk dran, was du mir erzählt hast. Wenn ich wiedergeboren werde, komm ich vielleicht als Tierbändiger wieder und verarbeite dich zu Tigerwurst.“

    Die Maus hatte nur eine ungefähre Ahnung von dem Beruf des Tierbändigers und eigentlich gar keine von Wurst. Sie hatte in einem ganz normalen Wohnhaus gewohnt, dessen Besitzer Vegetarier war. Ihre Kenntnisse von Lebensmitteln beschränkten sich auf Brot, Käse, Obst und Gemüse. Der Vegetarier hieß Horst und war von Beruf Künstler. Er war eng befreundet mit einer Deutschlehrerin, die in ihrem Garten einen Feigenbaum aus der Toskana stehen hatte. Der Vegetarier Horst baute im Dachgeschoß seines Hauses künstlerische Flugobjekte und startete sie vom Dachfenster aus. Es war wohl ein Traum von ihm, über den Feigenbaum hinweg in die Toskana zu fliegen. Er konnte ja nicht wissen, dass eines dieser Flugobjekte einem Falken glich. „Oh, Herr Jesus, hilf!!“ hatte die Maus geschrieen und war in den Park geflüchtet. Sie hatte nur eine ungefähre Vorstellung von Falken, sonst wäre sie dem Irrtum nicht erlegen.

    Susanna blickte hinauf, direkt mitten hinein in die Fangzähne des Tigers, auf denen der Speichel verzückt kleine Ornamente bildete. Vorwurfsvoll mahnte sie: „Lassen Sie Sidolin in Ruhe, Herr Tiger, suchen Sie sich eine Eichel.“ Gekränkt blickte sie der Tiger an. Sie hatte offenbar nicht zugehört. „Hier beginnt jetzt die Geschichte, wie ich zu meinem Namen kam,“ sagte Sidolin „Doch zuvor will ich noch erzählen, wie ich in den Park von Susanna gekommen bin,“ brummte der Tiger. „Dazu möchte ich aber wissen, wie der Park zu leben begonnen hat“, fragte Susanna.




    Und der Park begann zu erzählen:“ Die ganze Welt war einmal ein Paradies gewesen, bevor der erste Mensch geschaffen worden war. Klar hatten die Tiger auch damals schon Mäuse gefressen und die Würmer die Tiger.“ Der Tiger blickte erstaunt in den Park: „Hä, die Würmer?“ „Und die Maulwürfe die Würmer“, fuhr der Park fort „Und immer so fort. Aber immer nur eins nach dem andern und niemals gleichzeitig. Die alten, weisen Bäume hatten darüber gewacht. Die Blumen hatten dem Paradies ihre Farben gegeben und die Schmetterlinge hatten die Farben in jeden Winkel der Erde getragen. Da kamen irgend wann die Menschen und begannen die Erde leer zu fressen. Das Paradies sah, dass es keine Chance hatte gegen diese neue Art, die Gott auf es losgelassen hatte. Es rief den großen Rat der Bäume zusammen: „Ihr Wächter des Paradieses, was ratet ihr mir in dieser verzweifelten Lage?“ „Nichts hält die Menschen auf, nicht die stärkste Eiche, nicht einmal der gewaltige Mammutbaum, nicht die tief wurzelnde Akazie, nicht das gewaltige Heer der Fichten aus dem Norden,“ orakelte eine Ulme. „Wir sollten sie auslöschen, uns auf sie stürzen,“ „Aber wie? Sie vermehren sich wie die Blattläuse und sind nur tausend Mal so groß.“ „Da hilft nur der Rückzug,“ sprach der Baobab. „Ich weiß das, ich sammle in mir Wasser und habe noch einen Vorrat, wenn um mich herum schon die Wüste selbst Durst bekommt.“ „Stimmt,“ rief die Akazie, „genau so mach ich es! Ich suche mit meinen Wurzeln in den tiefsten Tiefen nach Wasser und überlebe so.“ Wir müssen versuchen zu überleben.“ „So begann ich nach meiner Quelle zu suchen.“ erzählte das Paradies. „Ich habe sie gefunden, hinten bei den künstlichen Lavafelsen und der Feengrotte .....“, Aber da war Susanna schon eingeschlafen. Auch der Tiger hatte schon seine gelben Tigeraugen geschlossen. Sogar Sidolin hatte die großen rosa Ohren zugeklappt und lag zusammengerollt im Schoß der Katze.

    Die Bienen summten die Geschichte des Paradieses weiter: „... und das Paradies baute eine Mauer, so hoch wie die Mauer des Parks und suchte sich einen Traum und begann darin zu träumen.“ Aber keiner hörte sie mehr, denn sogar die Rosen waren schon eingeschlafen vom Gesumme der Bienen.

    Als Tiger erwachte, verspürte er einen unbändigen Appetit auf weiße Mäuse. Nicht, dass er nur und ausschließlich weiße Mäuse gefressen hätte. Sidolin war schließlich eine simple graue Maus. Tiger hatte eigentlich Appetit auf alles, was sich auf Beinen vorwärts oder rückwärts bewegte oder mit Flügeln flatterte oder mit Flossen schlug oder sich ringelte oder herumkroch oder in die Erde Löcher grub oder in der Nase bohrte oder .... hatte er nicht was Essbares vergessen? Klar, Tiger war nicht der Schlauste. Aber er hatte die besten Zähne und den tollsten Speichel. Das muss man zugeben. Er griff mit der Tatze nach Sidolin. Aber der war längst weg. Er kannte Tiger ja schon länger und wusste genau, das Tiger bald wieder seinen Traum vom großen Jagen am Ihrawaddy träumen würde.

    Seit seiner Zeit im Zirkus, Tiger hatte eigentlich nur Erinnerungen an den Zirkus, hatte er nie mehr ein anderes Tier gefangen. Tiger konnte es sich nicht genau erklären. Aber tatsächlich, das letzte Fleisch, das er zwischen die Zähne bekommen hatte, war der Löwenbändiger mit der Eisenstange gewesen, der sich im in den Weg gestellt hatte. Auch da wusste er nicht mehr genau, ob er nur in die Eisenstange gebissen hatte. Polizisten und Tierfänger aus der ganzen Stadt hatten ihn gejagt, bis Tiger sich mit einem gewaltigen Satz über die Mauer des Parks rettete. Auch der Park war argwöhnisch und schloss seine Wege und Pfade langsam zu mit schnell wucherndem Efeu und der Ackerwinde, dem Hahnenfuß und den wilden Himbeeren. Doch Susanna war Tiger begegnet, sie kannte ja jeden Winkel im Park, und sie hatte ihn gleich gemocht, besonders als sie seine Geschichte von der Flucht hörte. Darum hatte der Park Tiger in seine Träume vom Paradies eingesponnen. Tiger träumte seine Träume vom Fressen und von der großen Jagd nach Gazellen im indischen Dschungel und vergaß die kleine Jagd nach den weißen Mäusen.

    So vergingen die Tage im Park wie die Träume des Tigers. Jeder hatte eine kleine Besonderheit, immer war ein Geschenk für Susanna auf den Wiesen oder zwischen den Büschen, manchmal in den Wipfeln der Bäume. Manchmal war ein Blatt aus Rubinen im Herbst, ein anderes Mal ein Kristall aus reinem Eis, dann wieder ein diamantbesetztes Spinnennetz. Am meisten liebte sie aber den Stein, den ihr Tiger geschenkt hatte, unter seiner dunkel glänzenden Nachtoberfläche hatten sich die Strahlen des Mondes gefangen, als sie einmal durch die Nebelschleier in den Park hinab gefallen waren. Tiger liebte Susanna, aber anders als der Park Susanna liebte, eben wie ein Tiger. Auch Tiger können lieben.

    Sidolin war alt geworden und sonnte sich vor seinem Lieblingsloch am großen Tor. Früher kam es schon mal vor, dass ein verlassener Hund anklopfte und um eine Karotte bettelte oder ein Igel, der mit ein paar Birnen in der Tasche weiter wanderte. Sidolin rief dann immer durch die Luke: „Hallo, wer da!?“ „Ein armer Igel auf Wanderschaft.“ „Eintritt verboten!“ antwortete Sidolin hastig und rollte als Wegzehrung die Birnen unter den Ritzen durch. „Nichts für ungut.“ Aber das war lange her. Auch Susanna hatte den Park nicht mehr verlassen wollen, irgendwann, um in ihre Wohnung zurück zu kehren. Es gab einfach keinen Grund mehr dafür. In dem Briefkasten nisteten Asseln und Tausendfüßler und der kleine Kolonialwarenhändler an der Ecke war längst in die Türkei zurückgekehrt.
  • Am Arsch - Kurz und schmerzlosDatum20.05.1970 17:42
    Thema von sadi im Forum Kurzes für Knirpse
    So schön wie heut war sie im Leben nie
    und nur die gute Schönheitschirurgie
    verschaffte ihr die runden Formen
    ihr Arsch war außerhalb der Normen
    was solls, da half nur noch das Messer -
    Jetzt aber gehts ihr wieder besser
    ihr fehlt die eine oder andre Falte
    na klar. _ Doch sonst ist sie die Alte.
  • Die ZaubervaseDatum20.05.1970 17:40
    Thema von sadi im Forum Märchen, Fabeln, Sci-F...
    Die Zaubervase

    Der Weg aus der Wüste in die große Stadt mitten zwischen den lebensspendenden Flüssen des Euphrat und Tigris war kurz. In diesen Zeiten des Anfangs, als die Menschen aus den Sümpfen und Wüsten in die strahlenden Städte Mesopotamiens zogen, herrschte über die volkreiche Stadt Lagasch aus Gnaden der fruchtbringenden Göttin Baba, die die große Wüste immer neu zum Blühen bringt, Urukagina. Durch seine Kraft lebten die Menschen in Wohlstand. Der Hunger verbarg sich in der Wüste Nefud und die Dürre blieb auf den Hochebenen Elams. Gütig war der Herrscher und freigiebig auf allen Wegen, die er schritt, gewaltig im Krieg, doch auch gerecht zu den Sklaven im Tempel der Nanse und in den Wollwebereien.

    Auch die wandernden semitischen Stämme der Wüsten achteten die Macht und genossen die Gerechtigkeit und Freigiebigkeit des Herrn der Stadt. Immer zum Tag des großen Opfers nach der Haupternte zogen sie in die Stadt, um ihre Ziegen und Rinder gegen das geerntete Korn zu tauschen. In den Gassen der Stadt wurde das Erntefest zu Ehren Babas gefeiert.

    In diesen Tagen war es üblich, dass auch der große Gerichtstag gehalten wurde vor dem Thron des Gerechten auf dem Platz vor der Ziqqurat der Baba. Die Stammesoberhäupter brachten ihre Klagen um Weideplätze und Fehden vor. Und es gab keinen unter ihnen, dem nicht Gerechtigkeit widerfahren wäre. So war es der Brauch, dass, um den Bund des Landes mit der Stadt zu vertiefen, Geschenke ausgetauscht wurden. In feierlichen Prozessionen schritten die Herren die vielen Stufen der Zigurat hinauf und es kam ihnen so vor, wie der Weg in den Himmel.

    Einer dieser Tage war es, als sich Urukagina das Glück seines Lebens begegnete. Vor seinem Thron häuften sich die Geschenke, Gold und Weihrauch, Teppiche und Wollballen. Da trat eine hohe Gestalt vor ihn, angetan mit einem weiten Mantel aus Reiherfedern. Der Fremde mit den dunklen Augen der Semiten des Djebel Schammar trug in seinen Händen vor sich gestreckt, die schönste Vase der Vergangenheit und Zukunft, so schien es Urukagina, als er auf seinem Thron auf sie nieder blickte. Ganz aus Ton glänzte sie doch schöner als die schönste mit ägyptischen Smaragden besetzte Goldvase des Tempels der Baba. In ihrer lichtblauen Glasur war sie ein Ebenbild des Himmels über der Großen Sandwüste, aus der sie stammte. Sanft geführt, sich zärtlich verjüngend wuchs der Hals aus ihrem Körper wie bei jungen Mädchen. Sie war ein Gefäß der Götter.

    Kniefallend, den Nacken gebeugt, hob der Magier die Vase dem Herrscher entgegen und sprach in seinen fremden semitischen Lauten: “Herr dieser großen Stadt, dir bringe ich Dank für deinen Schutz und deine Güte durch diese Vase, die ich mit meinen eigenen Händen geformt habe. Aber wisse, in ihr liegt ein Zauber der Oasen von Djebel Schammar. Diese Vase kann Leben erschaffen und noch mehr, sie kann die Freuden des Paradieses bringen. Sie ist ein Kind der Oasen und ihr Wasser versiegt nie. Doch achte immer auf sie und halte sie in hohen Ehren, denn die Erde, aus der ich sie brannte, ist vergänglich.”

    Entzückt nahm der Herr Urukagina, der Prächtige die Schöne in seine beiden Hände und dankte dem Fremden mit einem Tongefäß, gefüllt mit goldgefärbten Weizenkörnern als Zeichen seiner Huld. Nicht achtete er mehr der anderen Gaben, der Glaube, dass in jedem geschaffenen Ding ein Zauber liegt, war tief in diesen Tagen am Anfang der Zeit.

    Der Herr über die mauerumgürtete Stadt Lagasch befahl den Sklaven seines Hauses, die Vase in seinen Palast zu bringen und wies sie an, sie sorgsam auf das ägyptische Ebenholztischchen in seinem Schlafgemach zu stellen, einem Geschenk des Pharao vom fernen Nil. Sie sollten, so war seine Weisung, die Vase mit den schönsten Lotusblumen der Gärten füllen, die sie finden konnten. Voll Ungeduld erwartete der Herr den Abend, um den Zauber erfüllt zu sehen, den ihm der Magier versprochen hatte. Doch groß war seine Enttäuschung, als er den Saal betrat und die Vase betrachtete. Hatten sich doch die Lotusblumen nicht zum Paradies gewandelt und waren noch dieselben geblieben, die sie schon im Garten waren.

    Wochen vergingen und der Winter nahte. Das waren die Tage, in denen die neuen Felder angelegt und die großen Kanäle gereinigt werden mussten, die die Wasser des Euphrat und Tigris in die Ebene vor der Stadt leiteten. Das waren die Tage, in denen der Herrscher sein hohepriesterliches Amt erfüllte und das Neugeschaffene der Göttin Baba weihte, der Allschöpferin. Darum vergaß er auch die Vase und ihre Zauberkraft ganz über der herrscherlichen Aufgabe fern von der Residenz in den Zelten der Feldarbeiter.

    In den Tagen der Abwesenheit des Königs blieben die inneren Gemächer des Palastes verschlossen und so wusste keiner von dem Wunder, das sich dort zugetragen hatte. Darum war Urukagina es auch ganz allein, der von diesem Wunder erfuhr, als er von seiner Reise zurückkehrte. In der Vase blühten die Lotusblumen noch immer wie am Tag ihrer Ernte. Ihr zartes Rosa leuchtete intensiv im Dämmerlicht und ihnen entströmte ein Duft ähnlich dem Duft der Rosen im Morgentau, wenn sich ihre Kelche der Sonne öffnen.

    Urukagina befahl den Sklaven der Wache die Türen zu schließen und bei Todesstrafe keinen Menschen Zutritt zu gewähren, denn nur er gedachte das Glück des Paradieses zu genießen, das ihm der Magier versprochen hatte. Die Nacht schlief er ruhig, voll angenehmer Träume. Ihm war, als würde er durch einen Garten wandeln, voll der herrlichsten Früchte und Blumen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Und als er des Morgens erwachte, fühlte er sich erfrischt und jung wie nie zuvor.

    So vergingen die Wochen und Monate und aus der Kraft der Vase erwuchs ihm die Jugend neu im Alter. Denn sie war es, die mit ihrem Wasser den Lotus zum immerwährenden Blühen brachte. Und ihre Kraft ließ die Frische des Frühlingsmorgens in der heißen Sommernacht wirken, ihr Zauber brachte die Jugend zurück dem Menschen, der in ihrem Leuchtkreis lag.

    So regierte Urukagina sechzehn Jahre über Lagasch mit der Kraft der Vase und der Gunst des Volkes. Doch es geht den Königen so wie den Menschen. Immer, wenn er glaubt, dass seine Wege sicher seien im flachen Land auf fester Straße, die er Jahr um Jahr gegangen ist, erfüllt sich sein Schicksal und es öffnet sich ihm der Abgrund.

    In diesen Tagen herrschte in Umma der Stadt im Süden im Delta des großen Flusses Euphrat Lugalzagesi, der, einst ein Ekstatikerpriester der Göttin Nisaba, die Herrschaft usurpiert hatte und nun nach der Macht in auf den reichen Fluren Akkads griff. Auch die großen Städte Ur und Uruk waren ihm schon unterworfen. Die Orte des Zweistromlandes zitterten vor der Gewalt seiner Heere.

    Es war der Tag vor der Sonnenwende, bevor man im Land die Feiern für die Ankunft des Großen Regens beging, dass Urukagina Lugalzagesi nach Lagasch einlud zum Zeremoniell für die Göttin Nisaba, der großen Regenbringerin.

    Der König führte seinen Gast durch alle Gemächer des Palastes und sprach zu ihm, um seine Macht zu besänftigen: “Alles, großer Herrscher des Südens, was du in diesem Palast findest, kannst du dein eigen nennen zum Zeichen meiner Zuneigung.” Der Herrscher über die stolzen Städte des Südens durchschritt alle Säle und maß die reich geschmückten Hallen mit seinem Blick und sprach: “Nichts rührt meinen Verlangen, König von Lagasch, denn alles besitze ich schon. Doch sag mir, welchen Schatz verbirgst du vor mir hinter den fest verschlossenen Toren deines Schlafgemachs?”

    Urukagina, das Licht seiner Stadt, erschrak zutiefst und fühlte die Glut seines Herzens in seinen Schläfen. Doch dem gewaltigen Gast konnte er das Liebste nicht weigern zu sehen, das ihm doch sein Leben bedeutete und er öffnete ihm die Tore weit.

    Vor ihnen, auf dem ägyptischen Ebenholztischchen stand die Vase. In ihrem Blau aus Azur und Flieder träumten die Lotusblumen ihren Traum der Jugend in der heißen Sonne der fernen Wüste, deren Strahlen durch die geöffneten Türen drangen. Gedankenlos nahm der ruhmreiche Krieger des Südens die Vase in seine schwertgewohnten Hände und indem er die Lotusblumen zerpflückte, wandte er sich zum Fürsten: “So ist das wohl das wertvollste Stück deiner Schatzkammer, oh Herrscher über hundert Lehmhäuser. So sieh denn,” sprach er und brach ein Stück aus der Vase: ”es ist doch nur auch aus Ton wie dein ganzes Reich und nicht aus hartem Metall. Und Ton wird zu Erde.” Drauf stellte er die Vase zurück auf den Tisch, und Urukagina wusste wohl seine Worte zu deuten.

    In der selben Nacht betete der Herr mit allen Priestern zur Göttin Baba, der Allbeschützerin und erflehte ihren Beistand. Darauf ließ er Lotusblumen bringen zum Schmuck der Vase und wünschte allen einen guten Schlaf. Doch er selbst fand keine Ruhe auf seinem Lager in der dunklen Halle. Das Paradies blieb ihm in dieser Nacht verschlossen. Doch träumte ihm, er stünde vor den Pforten einer Hölle, und aus dem heißen Fieberwahn fielen alle gewonnenen Jahre der Jugend zurück wie ein Gewicht aus glühendem Blei und lähmten sein Gebein zum Greis und all sein Glück der sechzehn Jahre wurde in einem Augenblick zum Unglück ihm und Schrecken. Die Vase hatte ihre Macht verloren.

    In Eile ließ er nach dem Magier schicken, der Hof hielt in den Oasen des Djebel Schamar, dass der ihm deute diesen Wandel und ihm die gute Kraft der Vase zu heilen. Der sprach: “Mein Herrscher gedenke meine Worte, die ich dir einst sagte. Halte die Vase in Ehren, denn sie verspricht das Paradies. Doch ist ihr Stoff ist vergänglich. Es fehlt ein Stück aus ihr, ihr Zauber ist gebrochen. Doch füll sie ganz mit deinen Tränen, dann kann es sein, dass sie die Macht zurückgewinnt.”

    Da wusste der König, dass er sein Glück verloren hatte, denn Ursache aller Tränen ist das Leid, und Tränen trocknen schnell im heißen Wüstenwind. Da fühlte der Herrscher einen großen Zorn und packte die Vase in den Fäusten hoch über seinen Kopf und warf sie mit Kraft zu Boden, dass sie in tausend Stücke zerschellte und rief: ”So such denn nach dem Stück, das dir verloren ging , du bist ja jetzt zu tausend und wirst es wohl finden, auf das so mir wirst, was du mir einstmals warst.”

    In dieser Nacht erfüllte sich sein Schicksal, denn vor die Stadt mit allen seinen Speerträgern und Schleuderern war der Sturmwind des Südens gezogen. Wie die Vase zerbrach, zerschellte Lagasch unter seinen Schlägen. Der König aber, so sagen die Geschichtsschreiber, suchte in den Trümmern noch lange nach den Scherben seines Glücks.




    Was zur Geschichte der Geschichte Quelle: http://members.fortunecity.de/mulmi/artikel/sumerer6.htm

    Enlil, der Gott von Nippur, verlieh um 2500 v. Chr. König Mesannipaddu von Ur das Oberkönigtum. Damit bestätigte er Ur als neues Zentrum. Das Zweistromland trat mit der Ur-I-Zeit (2500-2350) in das volle Licht der Geschichte. Die Kunst des Reliefs gewann wieder an Naturnähe, die Kunst der Metallbearbeitung steigerte am Ende der Epoche den Glanz der Grabbeigaben. So fand Woolley 1922 in den Königsgräbern von Ur goldene Siegelzylinder, einen Goldhelm, eine Mosaikstandarte. Sechzehn Schachtgräber sind bekannt: Kammergrüfte mit Einstiegschächten und Nebenräumen. Bis 80 Diener und Dienerinnen folgten dem König in den Tod, vermutlich freiwillig. Weil man aber die Überreste der Könige nicht fand, schloß man auf kultische Bestattungen, die den König einfügten in den Rhythmus des Sterbens und Auferstehens. Der König trat mehr hervor. Zwischen Tempel und Palast entstand eine Spannung, die den einheitlichen Gottestaat aushöhlte. In Lagasch wurde zeitweise der Oberpriester immer mit dem König genannt, es folgten zwei Priester selbst als Oberhaupt. Offenbar mißbrauchte die Priesterschaft die Macht, ließ die Unterschiede von arm und reich anwachsen, verschärfte sie noch gar, bis das Königtum das Recht in seine Hand nahm. Der ursprüngliche Gottesstaat war nicht mehr lebensfähig. Urukagina von Lagasch griff mit Reformen ein.

    "Esel und schöne Rinder... nahmen die Priester weg, das Korn verteilten die Priester den Leuten des Ensi. Der Priester irgendeines Ortes riß im Garten der Mutter eines Armen die Bäume an sich und die Früchte weg. Wenn ein Toter ins Grab gelegt wurde, nahm der Priester sieben Urnen Bier als sein Getränk, 420 Brote und 120 Silo Korn als seine Speise, ein Kleid, ein Böckchen und ein Bett für sich... Als Ningursu, der Krieger Enlils, Urukagina das Königtum von Lagasch verliehen hatte..., hat er die alten Bestimmungen wiederhergestellt...
    So ordnete er es an und befreite die Leute von Lagasch von Dürre, Diebstahl und Mord..., er setzte die Freiheit ein. Der Waise und der Witwe tat der Mächtige kein Unrecht mehr an..." (Zitiert nach: Hartmut Schmökel, Das Land Sumer, 1956).

    Urukagina wollte Lagasch wieder zu dem erheben, was es vordem unter Eannatum (am Anfang der Ur-I-Zeit) gewesen war: Elam, Ur, Uruk, Kisch, Mari waren abhängig gewesen, und Umma, die Nachbarstadt, hatte in Grenzstreitigkeiten nachgeben müssen, wie der Vertrag auf der Geierstele Eannatums, die älteste historische Quelle, kündet. Aber durch Generationen stritten Lagasch und Umma um Feldmarken und Landstriche. Die rivalisierenden Stadtstaaten Sumers beargwöhnten und befehdeten sich; kurzfristige Vormachtstellung wechselte unter ihnen. Kaum hatte Urukagina seine Reformen begonnen, da schlug der Rivale von Umma zu, Lugalzaggisi. Er wollte keinen Streifen Land, keinen besseren Vertrag, keine Reform. Er wollte die Macht in Sumer an sich reißen, und so zerstörte er nicht nur brutal die Tempel und Heiligtümer von Lagasch, er nahm auch Uruk, Ur, Larsa, Nippur und Kisch ein, nannt sich stolz "König der Länder" und dehnte das Feld seiner Macht bis Syrien. Aus dem System rivalisierender Stadtherren in Sumer war der Gedanke der unbedingten Macht eines Königs. Die offene, ungeschützte Lage des Landes und jeder einzelnen Stadt und die Ballung der Macht in einer Hand ließen eine Poliswelt wie die der Griechen (s. S. 150) nicht aufkommen.


  • AproposprosemitismusDatum20.05.1970 16:56
    Thema von sadi im Forum Kommentare, Essays, Gl...
    Aproposprosemitismus

    Zwecks Erläuterung eines Begriffes. Das Suffix -ismus ist für sich schon problematitsch, denn es wird an nahezu alles angehängt und macht aus dem Angehängten plötzlich ein Glaubensproblem, oder eine Ideologie.

    Erinnert sei in dem Zusammenhang an den verheerenden Rheumatismus oder die Verständigungsprobleme, die aus dem Alphabetismus entstanden sind.

    Das Präfix Anti- dagegen bedarf immer einer Contraposition im Pro-

    So entsteht zum Beispiel die Glaubensrichtung des Protestantismus, die dann logischerweise auch zum leider untergangenenen Antistantismus führte. Und wenn der Mann sich mit seiner Prostata herumquält, gibt es bei der Frau natürlich die Entsprechung in der Antistata.

    "Semit", den es als solchen nicht gibt, beschreibt ein Volkskonglomerat von Persien bis nach Ägypten, mit dem sich die tatsächlichen Völker dort niemals identifizieren würden.

    Verbindet man dann diesen Semiten noch mit einem -ismus entsteht der Semitismus. Das müsste, wenn es ihn gäbe, der Stein der Weisen sein, der diese bis an die Zähne bewaffneten Semiten in einer Ideologie verbinden würde, ähnlich wie der Rheumatimus alle Menschen vereint, die unter ihm leiden.

    Mischt man zu dieser Mixtur aus Sem und -ismus noch ein Anti-, entsteht der berühmte und allseits benutzte Antisemitismus. Nimmt man den Begriff auseinander, kommt die Seltsamkeit zutage, dass das eine Ideologie sein muss, die sich gegen die Gemeinsamkeit aller Völker des Orients richtet.

    Komischerwiese wird aber der Begriff als Ideologiekritik gegen alle die angewandt, die ein Problem mit dem Staat Israel und seiner Staatskunst haben. Da das nahezu die ganze Welt ist, kann man sagen, dass, bis auf sehr wenige Ausnahmen hauptsächlich in Israel, die Welt sehr leicht dem Antisemitismus zugeschlagen wird, keine Ahnung von wem, und aus dieser Falle nicht mehr entkommen kann.

    Also jetzt weiß ich aber dann auch nicht mehr weiter. Ich bin bekennender Prosemit.
  • Thema von sadi im Forum Philosophisches und Gr...
    Fragen, auf die man keine Antwort mehr geben kann

    Täglich, stündlich neue Fragen.
    Antwort gibt es immer irgendwann,
    - oder gab es
    und sie wird vergessen,
    denn die Quelle ging verloren,
    wurd verschüttet.

    Und so nehmen diese Fragen zu,
    die die Antwort nicht mehr finden,
    dass wohl ganz am Ende
    keine Antwort mehr gegeben
    werden kann.

    Und die Weisen werden still in ihre Zellen gehen
    und die Tempel hinter sich verschließen.
  • AlltagDatum27.03.2008 17:44
    Foren-Beitrag von sadi im Thema Alltag
    Hallo Don,

    es hängt überall ein bißchen. Aber man kann das Gedichtchen reiten. Dieses "außerordentlich " ist furchtbar unlyrisch:

    wie wärs mit "nicht aus der Ordnung fallen lässt".

    Dieses fortan ist auch schrecklich.

    sadi
  • Ja, Frank, ich habe mich schon mal mit nem Märchen an dem Thema versucht. Aber es gelingt so richtig nicht, meine Vorstellung, dass die Geschichte der Beantwortung von Fragen kein Fortschritt ist sondern ein Verlust des Erfassens von Realität in einen literarischen Text zu packen. Ich sehe das auch so, der Text ist im zweiten Teil schwach und insgesamt fehlt ihm die Metaphorik. Aber irgend wann treff ich sicher den Punkt.

    Danke übrigens
    Sadi
  • IdiomDatum28.03.2008 10:31
    Foren-Beitrag von sadi im Thema Idiom
    Hallo Frank,

    wir üben wohl beide etwas an den Themen. Hier versuchst Du die ewige Liebe bloß zu stellen. Du übst das an Dir. Ich hätte die dritte Person genommen, um ein Ereignis zu beschreiben, indem ein älterer? Mann literarische Begriffe in seine Schwärmerei für ein weibliches Avatar windet und die Hilflosgkeit seiner Bemühungen erkennen muss. Es ist tatsächlich schlampig gemacht oder ich bin ein Formdödel und erkenn das Schema nicht.

    sadi


  • Über Scheiße wurden schon so viele Worte verloren, dass man heutzutage gar nicht mehr merkt, was genau Scheiße ist. Bei den Mesopotamiern reichte dazu die Metapher "Rizinusöl" und man war sie los. Der Poengdironie führt dagegen nur zum Darmverschluss, weil man eine Arznei hinter jedem schlauen Gedanken vermutet.

    meint sadi
    zu so viel Weisheit

    Und wenn schon Link, dann bitte der richtige:

    http://48539.rapidforum.com/
  • IdiomDatum28.03.2008 17:02
    Foren-Beitrag von sadi im Thema Idiom
    Ja, dann springen wir wohl beide im selben Schlamm. Vorsichtig, hier gibts Brackwasserhaie.
  • Wo waren wir stehen geblieben? - Aber vielen Dank für den Gedankenreichtum. Die Menge der nicht mehr zu beantwortenten Fragen wächst, wie man liest.

    Sadi
  • AproposprosemitismusDatum31.03.2008 09:53
    Foren-Beitrag von sadi im Thema Aproposprosemitismus
    He Kratzbürste, es passt eben nix zwischen dem Ernst des Themas und den paar komischen Verzerrungen. Ich wollts grad mal nicht ernst nehmen. Man sieht ja wie ernst das sofort genommen wird. Leugnen wollt ich diesen Antisemitismus nicht, ich suchte nur nach der Möglichkeit mich positiv PRO auf die Seite aller Semiten zu schlagen.

    sadi
  • WasDatum31.03.2008 10:09
    Foren-Beitrag von sadi im Thema Was
    Hallo Kratzbürste,

    es ist eine beliebte Form, sich ein Gerüst zu geben und über das Türmchen der Fragen "Was wie wo wer" hinauf zu klettern zu einer letzten Antwort.

    Hättes Du ihn nichts gefragt, hättet ihr euch nichts zu sagen gehabt. Kann sein, es wäre nur eine geschwiegene, verschwiegene Liebe gewesen. So wars doch gut, dass Du ein Bein stelltest. Vom nachträglichen Verschweigen hast Du nichts mehr, Dein Preis wäre, Du würdest Dir die Beine brechen, gingst Du in die Knie.

    Meint
    Sadi
  • Babylon oder 9/11Datum31.03.2008 10:40
    Foren-Beitrag von sadi im Thema Babylon oder 9/11
    Der lydische König Krösos hatte mit Babylon nie was zu schaffen. Ansonsten ist das ein ziemliches Geschichtsgemenge, durch das man kaum einen Weg findet. Am Schluss kommt noch ein abartiges Weltuntergangsszenario.

    Sadi
  • Babylon oder 9/11Datum31.03.2008 14:12
    Foren-Beitrag von sadi im Thema Babylon oder 9/11
    Ich habs registriert, Du bist der Meister der Tümpelpforte, Du darfst bei mir, aber ich nicht bei Dir schreiben.

    Und warum willst Du jetzt nicht zur Kenntnis nehmen, dass es im einen Fall um Lydien in Kleinasien und die Auseinandersetzung mit den Persern und im anderen Fall um Mespotamien handelt? Es sind auch einige hundert Jahre und Kilometer dazwischen.
  • Am Arsch - Kurz und schmerzlosDatum31.03.2008 19:00
    Foren-Beitrag von sadi im Thema Am Arsch - Kurz und schmerzlos
    Eigentlich nichts für Kinder. Tut mir leid. Das hing mit meinem Vorschreiber zusammen.
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