Der wüsten Hoffnung Untergang geweiht,
ich Narr, der ins gelobte Land wollt’ ziehen,
ein letztes Mal der Wirklichkeit entfliehen –
wo lieg’ ich nun? Zum Sterben ist’s schon Zeit?
Ich bin doch schon mein ganzes Leben lang
gestorben, Tag für Tag im Sand gekrochen,
im Treibsand deiner Wünsche eingebrochen –
was bleibt, ist nur dein Text und mein Gesang.
Nun, hörst du sie, die Wüstenmelodie?
Ich sing’ sie fröhlicher als du’s je konntest,
da du – nicht so wie ich – die Stimme schontest.
Mit mir zusammen rauscht Melancholie
den leeren Grund hinab. Finaler Akt;
Crescendo – und mein Herz im letzten Takt.
Ich werde kälter, aber
das ist in Ordnung.
Mein Blut, das gestern
noch heiß pochend meine
Adern verdampfte,
gefriert heute in meinem
Fleisch aber
das ist in Ordnung.
Ich werde nun einmal
älter wie wir alle
je nach Lebenslinien
verwelken oder erfrieren.
Stilles Blut liegt in
meinem Körper,
ruht sich aus, muss nicht mehr
pulsieren.
Und ich hauche
ein kristallenes „Gute Nacht“
und warte, dass
mein Lebenssaft zu dem
Eisblock erkaltet, der ich
schon lange bin
da das Gestern im Heute
erfroren ist.
Ich öffne die Augen und kann dennoch nichts sehen. Nach einem kurzen Moment, während dem ich angestrengt ins Schwarz starre, schließe ich die Augen wieder um sie erneut zu öffnen. Das gleiche Resultat: Ich sehe nichts.
Ich bin blind.
Dann wird mir meine Position bewusst – ich liege. Es fühlt sich weich an, als wäre ich in dem Inneren eines großen, flauschigen Pullovers. Meine Hand tastet sich voran, ertastet den weichen Untergrund. Samt. Das könnte es sein. Ich taste mich weiter, stoße weiter rechts auf eine Wand. Sie ist hart – und kälter. Nicht aus Beton. Vorsichtig klopfe ich mit meinen Knöcheln dagegen, es hallt dumpf. Und vertraut. Holz. Eine Holzwand. Und weiter geht die blinde Reise, hinauf, die Holzwand entlang. Ich bin vorsichtig, berühre das Holz kaum. Es ist glatt lackiert, dennoch habe ich Angst, mir einen Splitter einzuziehen. Man kann nie wissen.
Eine Holzdecke. Über mir. Ich kann meinen Arm nicht ausstrecken, sofort stoße ich auf die Decke.
Ich bin in einer Kiste.
Und nun verstehe ich auch, warum ich nichts sehen kann. Ich bin nicht blind. Erleichterung, auch wenn ich trotzdem gerne etwas gesehen hätte. Aber wenigstens werde ich wieder etwas sehen können, sobald ich aus dieser Kiste gestiegen bin. Doch wie soll ich das anstellen? Ich kann keinen Griff ertasten, kein Schloss. Alle Wände scheinen nahtlos ineinander über zu gehen. Ein beunruhigendes Gefühl. Ich weiß, dass es irgendwo eine Öffnung geben muss – wie bin ich sonst in diese Kiste hinein geraten? – aber wo? Hier ist alles so dunkel, ich kann nichts sehen, alle Wände sind glatt, der Boden ist samtig, der Boden ist
Ich bin in einem Sarg.
Ich bin in einem Sarg!
Welcher Idiot hat mich hier hineingesteckt? Tobi? Wahrscheinlich Tobi. Er hat immer die Ideen. Die anderen sind lediglich seine willigen Instrumente. Hammer und Meißel. Besen und Schaufel. Alle erwachsene Männer und doch Kinder geblieben. Wahrscheinlich stehen sie draußen vor dem Sarg und lachen sich halb krumm.
Wieso spielen sie immer mir diese üblen Scherze? Wie damals bei der Weihnachtsfeier meiner Firma. Ich erinnere mich, dass …
[i]... Ich gehe nur kurz auf die Toilette. Alle haben schon ein bisschen über den Durst getrunken, ich bin hier keine Ausnahme. Eigentlich geht es mir sogar grottenschlecht. Ab einem gewissen Alter sollte man nicht mehr so viel trinken. Mitte Zwanzig und schon hat man die Bestform hinter sich. Eigentlich unglaublich. Ich hantele mich weiter, von Türgriff zu Türgriff, alles dreht sich, fast ist es zu spät, als ich endlich die Toilette erreiche.
Ich hänge seit etwa zehn Minuten über der Schüssel, als ich ein Klacken hinter mir höre, das Einschnappen eines Schlosses. Und dann ein Kichern. So schnell es mir mein Kopf erlaubt ohne aufgrund der Rotationsbewegung neuerlich k.o. zu gehen, drehe ich mich um. Die Tür ist zu. Der Schlüssel, der vorhin noch auf meiner Seite steckte, ist weg. Wo er nun steckt, kann ich leicht erraten – selbst in meinem Zustand.
Eingesperrt auf dem Häusel! Es gibt nichts Schöneres! Ich rufe nach draußen, höre nur noch das Kichern von Tobi und Marlen und sich entfernende tapsende, unsichere Schritte. Und dann bin ich allein. Überall der Gestank meines Erbrochenen, der Raum klein (wenigstens brennt das Licht), die Wände kahl und dreckbeschmutzt. Jetzt, wo ich genauer hinschaue, sehe ich auch noch Spuren von Scheiße am Toilettenrand ...[/i]
Ich bin fast drei Stunden dort drinnen gesessen und habe die Ansprache meines Chefs verpasst, was mir gleich einmal einen ordentlichen Malus für das beginnende neue Jahr bei ihm verschafft hat. Erst nach meinem Weihnachtsurlaub habe ich erfahren, dass Tobi ein „Außer Betrieb“-Schild an die Toilettentür gehängt hat. Den Schlüssel hat er natürlich entfernt und versteckt. Erst als er gegangen ist, hat er mir den Schlüssel unter dem Türschlitz durchgeschoben. Als es mir mit meinen vor Wut zitternden Fingern endlich gelungen war, die verdammte Tür aufzusperren, war er schon weg. Und ich war im Urlaub.
Genau die gleiche, dämliche Aktion wie heute. Manche Geschichten wiederholen sich immer wieder. Doch dass er mich jetzt in einen Sarg gesteckt hat, übertrumpft alles. Das ist die größte Sauerei von allen, die er bis jetzt mit mir angestellt hat. Wenn ich nicht so ein gutmütiger Kerl wäre, ich hätte ihn schon längst zu Brei geschlagen. Er hat natürlich immer seinen Spaß mit seinen „Scherzchen“, wie er die Quälerei nennt, aber was ich dabei empfinde, kümmert ihn nicht im geringsten. Überhaupt scheint sich niemand für meine Gefühle zu interessieren. Das war immer schon immer so. Wie damals, als ich ...
[i]... Ich spiele Fangen mit meinen Freunden. Am Schulhof, in der Pause. Wie jeden Tag. Das Wetter ist schön. Die Sonne scheint. Es ist schön hier. Keine Schule, nur Pause. Nur Fangen spielen. Das mag ich. Ich laufe. Ich bin dran. Ich kann nicht so schnell laufen, wie die anderen Kinder. Günter ist der Schnellste. Ich laufe ganz schnell. Vielleicht schaffe ich es heute, Günter zu fangen. Das habe ich noch nie geschafft. Er ist immer schneller. Ich stolpere über eine Wurzel. Blöde Wurzel. Und dann falle ich hin. Es tut weh. Mein Knie tut ganz weh. Ich schreie und weine, aber die anderen spielen weiter. Dann kommt die Frau Lehrerin. Sie bringt mich zum Doktor. Sie nimmt mich bei der Hand. Ich drehe mich noch einmal um. Jetzt ist Karin dran ...[/i]
War das wirklich meine Kindheit? Ist das die einzige Erinnerung, die mir von meinen ersten sechs, sieben Lebensjahren geblieben ist? Habe ich alle anderen verdrängt? So sehr ich mich auch bemühe, Fetzen meiner Kindheit aus meinem Unterbewusstsein hervorzukramen – es gelingt mir nicht. War es wirklich so schlimm? Wo sind all die schönen Erinnerungen an endlose Sommer, an Eistüten, so hoch wie Berge, an die schönen Geschenke zu Weihnachten? Mein erstes Weihnachtsgeschenk, an das ich mich erinnern kann, ist ...
[i]... Was soll das? Ist das wirklich alles? Ich habe mir doch so sehr die neue Legoburg gewünscht. Ich muss lächeln und mich freuen. „Danke Mama, danke Papa! Ja, ich freue mich wirklich darüber. Das wollte ich immer schon haben.“ Ich will heulen. Nein, ich bin ein großer Junge. Ich will nicht heulen. Aber eigentlich will ich es doch. Ich war mir sicher, dass in diesem Packerl die Legoburg ist. Deshalb habe ich mir das Packerl auch bis ganz zum Schluss aufgehoben. Und jetzt ist da so ein blödes Mikroskop. Mit dem man tote Fliegen anschauen kann. Ich will keine toten Fliegen anschauen, ich will meine Ritterburg! Das verstehen sie nicht. Niemand versteht mich. Aber ich habe es ihnen gesagt. Ich will die Ritterburg, habe ich gesagt. Ich habe es extra auf einen Zettel geschrieben. Und jetzt habe ich nur so Mikroskop ...[/i]
Ich war schon ein undankbarer Fratz, wenn ich mich zurück erinnere. Meine Eltern haben dieses Geschenk für mich mit Bedacht ausgewählt, haben lange überlegt. Das haben sie mir vor einigen Jahren erzählt, als wir bei einem Gläschen Wein zusammen gesessen sind. Sie waren überzeugt, dass ein Mikroskop mich geistig stimulieren könnte, dass damit mein Forscherdrang geweckt werden könnte. Im Nachhinein stimme ich Ihnen völlig zu, aber damals, als Kind, war das eine Tragödie. Ich weiß noch, dass ich mich viele Jahre lang nicht auf Weihnachten gefreut habe, weil ich der Ansicht war, dass ich ohnehin nicht das bekommen würde, was ich mir wünschte. Erst mit den Jahren kommt die Einsicht und die Erkenntnis, dass Weihnachten mehr bedeutet als nur Geschenke. Als Kind kann man das nicht verstehen. Ich weiß nicht, wie viele Kinder noch von unerfüllten Weihnachtswünschen traumatisiert sind. Denn ja, solche Erlebnisse, wie banal sie als Erwachsener auch zu sein scheinen, graben sich tief im Unterbewusstsein des Kindes ein wie ein fetter Wurm, der dir die Gehirnwindungen verstopft.
Doch was nützen mir all die Erinnerungen und die schönen Erkenntnisse, die ich daraus ziehe, wenn doch mein vorrangiges Ziel sein muss, aus diesem vermaledeiten Sarg herauszukommen. Von Tobi ist anscheinend keine Gnade zu erwarten, immerhin liege ich nun schon eine Weile hier. Wie lange kann ich nicht sagen, da meine Uhr kein Leuchtziffernblatt hat, aber mir kommt es wie eine Ewigkeit vor. Wahrscheinlich werden es in Wirklichkeit ein paar Minuten sein. In der Dunkelheit verliert man das Zeitgefühl.
Ich hatte eigentlich nie Angst vor der Dunkelheit. Ich habe mich immer wohl gefühlt in ihr, sie als schützende Hülle betrachtet. Oft bin ich in der Nacht vor dem Badezimmerspiegel gestanden, habe hineingestarrt und war froh, nichts gesehen zu haben. Nur Schemen. Die Andeutung eines Kopfes, eines Halses. Mehr brauchte ich nicht zu sehen, mehr wollte ich nicht sehen. Die Dunkelheit war mein ureigenes Metier. Doch nun, gefangen in dieser Dunkelheit ohne Fluchtmöglichkeit, sieht die Sache anders aus. Ganz anders.
Es kann nicht Tobi gewesen sein.
Die Erkenntnis trifft mich wie der sprichwörtliche Blitz. Bei mir äußert sich das in einem Zusammenziehen aller Bauchmuskeln.
Er ist in München bei unserem Lieferanten.
Es war nicht Tobi.
Wer sonst?
Warum?
Ich liege hier in einem Sarg und habe nicht die leiseste Ahnung, wie ich hier hineingekommen bin. Die einzige plausible Möglichkeit hat sich gerade verabschiedet.
Was mich am meisten quält: Warum?
Ich muss hier raus!
Ich erinnere mich an den Film Kill Bill von Quentin Tarantino, als Uma Thurman, die Braut, sich mit Hilfe ihrer asiatischen Kampfkünste aus einem Sarg boxen hat können. Ich versuche zwei, drei Schläge, doch weder kann ich asiatische Kampfkünste noch ist der Sarg, in dem ich liege, eine ähnlich instabile Holzkiste wie der in dem Film. Nein, dieser hier ist massiv. Teuer. Ein Sarg, der gebaut wurde, damit das, was drinnen liegt, auch drinnen bleibt.
Angst.
Zerfetzen.
Das erste Mal. So richtig.
Nerven.
Beruhige dich, beruhige dich. Noch ist nichts verloren. Das alles wird sich schon noch klären, keine Bange! Du bleibst hier nicht lange liegen. Es kommt sicher wer, um dich hier herauszuholen. Sind bestimmt schon unterwegs. Mit Schaufeln. Und Kränen. Gleich, nur noch einen Moment. Entspanne dich. Spare deine Kräfte. Damit du dann allen die Hand schütteln kannst. Einen Burger essen. Danach. Hast du dir verdient, wirklich. Vergiss die Diät, heute ist ein Burger dran. So ein richtig großer. Menü. Natürlich, mit Pommes und Cola. Scheiß auf die Kalorien. Wenn du wieder draußen bist, musst du feiern. Feiern. Feiern. Feiern. Fei ...
[i]... Es ist gleich fünf Uhr. Heute höre ich pünktlich um fünf auf. Nur noch wenige Minuten. Tick tack, tick tack. Herrlich – wie die Sekunden sausen! Tick tack. Nur habe ich mich immer noch nicht entschieden. Insofern ist es nicht gut, dass die Zeit so schnell vergeht. Sage ich es ihnen? Wie nur? Einfach ein lockeres „Kommt ihr morgen eigentlich zu mir? Ich habe heute Geburtstag, morgen können wir uns bei mir ein wenig zusammensetzen, ein bisschen feiern, ihr wisst schon. Oder seid ihr am Samstag schon verplant?“ Kommt auch nicht gut. Die lockere Nummer habe ich einfach nicht drauf. Das kann ich vergessen. Überhaupt: Will ich wirklich, dass die alle morgen in meine Wohnung stürmen? Die meisten sind ohnehin Arschlöcher. Tobi. Max. Frau Zeidt. Die haben mich ja schon zu Weihnachten schief angeschaut, als ich ihnen ein frohes Fest gewünscht habe. Nein, die brauche ich nicht in meiner Wohnung. Wirklich nicht! Aber wie nur die anderen einladen? Von Tür zu Tür gehen? Aber diejenigen, die ich nicht einlade, werden sich bestimmt gekränkt fühlen. Wir sind schließlich Kollegen und unter Kollegen lädt man sich ein. Andererseits würden sie wahrscheinlich eh nicht kommen. Oder es kommen nur die, die ich eigentlich gar nicht dabei haben möchte. Gratis saufen. Die Anständigen, mit denen man reden kann, haben ja alle Familie, die haben sicher schon was vor. Garantiert! Mit den Kindern in den Zoo oder schwimmen gehen. Die haben sicherlich keine Zeit für mich.
Es ist schon fünf Uhr? Dann wurde mir die Entscheidung ja abgenommen – ich habe keine Zeit mehr, die Leute zu fragen. Ich gehe nach Hause. Heute um Punkt fünf, weil mein Geburtstag ist. Keine einzige Minute länger – an meinem Geburtstag mache ich doch keine Überstunden ...[/i]
Am Abend bin ich allein zu Hause gesessen und habe mir einen Film angeschaut. Dazu ein Bier getrunken, zur Feier des Tages. Auch am Samstag war ich allein. Am Sonntag dann Kaffee und Kuchen bei meinen Eltern. Die alljährliche Langeweile am Geburtstag. Ich war wenigstens wieder rechtzeitig zum Hauptabendprogramm zu Hause.
Der mieseste Geburtstag, den ich bisher hatte – sogar für meine Verhältnisse unglaublich.
Was habe ich mir dabei gedacht? Wieso einfach nicht den Mund aufmachen und ein paar Kollegen fragen? Hätte ja nicht weh getan. Aber so eine Geheimniskrämerei um meinen Geburtstag machen. Niemand in der Firma weiß, wann ich Geburtstag habe, bis auf den Personalchef, da es in meiner Akte vermerkt ist. Interessant ist nur, dass mich niemand jemals auf meinen Geburtstag angesprochen hat. Niemand.
Ich muss das unbedingt ändern, wenn ich hier wieder draußen bin. Einfach meinen Geburtstag im Outlook eintragen, dann sieht es jeder. So wie die anderes es auch machen. Kann ja nicht das Problem sein.
Wie lange reicht eigentlich
Ja, das werde ich morgen machen, gleich in der Früh.
die Luft?
Verdammt, jetzt habe ich mir selbst einen Floh ins Ohr gesetzt. Luft. Das habe ich nötig, dass ich mich jetzt selbst in Panik versetze. Luft. Wird schon reichen. Bin ohnehin bald wieder an der frischen
Luft.
Außerdem habe ich noch genug, denn ich weiß, dass ...
[i]... „Das Atemzugvolumen des Menschen beträgt bei einem normalen Erwachsenen zwischen 0,5 und 0,8 Liter. Hermann, was gibt es hier zu tuscheln? Ich bitte um Ruhe! Also, zwischen 0,5 und 0,8 Liter, wie gesagt. Ein Erwachsener atmet etwa 12 mal in der Minute ...“
Mein Gott, ist mir langweilig. Wenigstens muss ich beim Mitschreiben nicht Mitdenken. Ist sowieso sinnlos. Zwei Wochen nach der Prüfung habe ich den Stoff eh wieder vergessen.
„... und das heißt, dass ein normaler Mensch pro Minute zwischen sechs und zehn Litern veratmet ...“[/i]
Ich habe die letzten Minuten sehr schnell geatmet, auch sehr tief. Natürlich, die Angst. Sagen wir, dass ich etwa zehn Liter in der Minute geatmet habe. Das sind 0,1 Kubikmeter. Wie groß wird die Kiste eigentlich sein? Zwei Meter ist sie sicherlich lang, vermutlich länger. 2 Meter 30. Wahrscheinlich. Nehmen wir es mal an. Und hoch? Nicht einmal einen Meter. Da bin ich mir sicher. Ich kann meine Arme nicht ausstrecken. Vielleicht 80 Zentimeter. Und genau so breit. Also 0,8 Meter mal 0,8 Meter mal 2,3 Meter. Ergibt
also
Warum bin ich im Kopfrechnen so schwach? Das gibt es doch nicht!
0,8 mal 0,8 ist noch leicht – das ist 0,64. Aber das multipliziert mit 2,3. Runden wir halt. So genau muss es nicht sein. Ein bisschen mehr als die Hälfte von 2,3, also ungefähr 1,4 bis 1,5. Das müsste hinkommen. 1,5 Kubikmeter Luft. 15 Stunden.
Genug Zeit. Genug Luft. Alles kein Problem. Entspanne dich! Denk an was Schönes. Denk an ... denk an ... Julia ...
[i]... Meine Hand streicht über ihren nackten Körper, ihren schlanken Bauch, ihre festen Brüste, die feinen Halslinien entlang, bis zu ihrem Mund. Wie schön sie ist! Drei Monate sind es schon und immer noch entdecke ich jeden Tag eine neue Kleinigkeit, die mir vorhin nicht aufgefallen ist. Heute: Dass ihre Lippen die gleiche Farbe wie ihre Brustwarzen haben.
Sie lächelt und küsst meine Fingerspitzen.
„Hast du mich denn nicht schon satt?“
Sie tut so, als ob sie überlegen würde, dann schüttelst sie vehement den Kopf. „Nö. Aber halte dich ran, dass sich das nicht ändert.“
Dann lachen wir beide.
Es tut gut, zu lachen. Ich habe so viel gelacht in den letzten drei Monaten, so viel. Als könnte ich gar nicht mehr aufhören damit. Als müsste es immer so weitergehen. Dann beuge ich ... mich ... zu ihr hinab, küsse ... sie ... zärtlich ... ich fühle mich einfach wohl ... einfach wohl ... ge ... bor ... gen ... woh ...[/i]
Verdammt! Das gibt es doch nicht! Wie kann man nur so blöd sein? Eingeschlafen bin ich, eingeschlafen! Ich weiß nicht einmal, wie lange ich gepennt habe. Ich kann ja nicht auf die Uhr blicken. Aber ich fühle mich, als hätte ich Tage geschlafen. Total steif. Gliederschmerzen. Ich reibe meine Augen, versuche, krampfhaft, ein Gähnen zu vermeiden. Da liegt er, fällt es mir ein, da liegt er in seiner gemütlichen Kiste, reckt sich und streckt sich.
Gehen wir zusammen in die Kiste?
Was ist los mit mir? Drehe ich jetzt völlig durch? Das kann doch nicht sein! Wach auf, wach auf!
Wakey, wakey, eggs and bacey.
Schnauze! Konzentration! Das ist nicht zum Spaßen hier, das ist nicht lustig. Ich vermodere in einem Sarg und anstelle mich darauf zu konzentrieren, wie ich hier wieder raus kann, reiße ich blöde Witze.
Aber es lacht ja keiner darüber. Bist schließlich nur du hier. Und du erzählst die Witze ja.
Aus! Das reicht. Halt die Klappe! Bin ich etwa schon ein Schizo? Ich führe Selbstgespräche, mein Gott! Ja, ich habe früher auch schon immer viel gedacht und manchmal auch laut gedacht. Aber so was? Nein, ich bin doch kein Schizo! Ich nicht! Soweit wird es noch kommen, oder was? Runter mit dem Puls. Vernünftig denken. Streng dich an, Mann
oh, ein Reim!
und versuche, hier wieder raus zu kommen. Aber erst einmal wieder beruhigen. Abkühlen. Woran habe ich eigentlich gedacht, als ich eingeschlafen bin? Ach ja, Julia. Es ist klar, dass ich eingeschlafen bin. Bei der Schnarchnase! Bin froh, dass es vorbei ist. Ist schon wieder eine Zeit her, drei, vier Jahre vielleicht. Mittlerweile habe ich mich ja wieder ganz gut erholt. Aber diese Julia ... Tut heute noch so, als wäre sie es gewesen, die Schluss gemacht hat. Dabei hat sie einfach kein Feuer gehabt, keinen Zunder. Mir ist es langweilig geworden mit ihr. Dann habe ich einen Schlussstrich gezogen. Das kann man natürlich auslegen, wie man will, aber faktisch bin ich es gewesen, der die Geschichte beendet hat. Das „Es ist aus zwischen uns“ ist dann nur der letzte, formale Akt. Die Unterschrift sozusagen, die eine gescheiterte Beziehung besiegelt.
Und schon ist er wieder oben, der gute Puls. Nicht an Julia denken! Blöde Idee. Das regt dich nur wieder auf.
Nein, da stehe ich drüber. Ist schließlich schon vier Jahre her. Was interessiert mich das, was vor vielen Jahren mal war?
Du liebst sie immer noch, stimmt’s?
Ach, was weißt denn du? Groß daherreden, das kannst du! Aber in Wirklichkeit hast du keinen blassen Schimmer, wie es in mir aussieht!
Ich [i]bin [/i]in dir.
Geh weg, du dummer Schizo! Quatsch mir nicht drein, lass mich in Ruhe.
Ja, Ruhe. Das hast du schließlich so gerne. Das [i]brauchst [/i]du. Hast du nicht damals auf dem Klo genug Ruhe gehabt? Das war doch wunderbar, oder? Und als du nicht mehr mit den blöden Kindern spielen musstest? Im Krankenzimmer war es so ruhig. Genau das hattest du nötig. In der Schule warst du auch immer der Ruhigste. Immer brav mitgeschrieben. Kannst nun Volumen berechnen. Das ist schön. Und dieser herrlich ruhige Geburtstag, den du gehabt hast! Und hast du dich nicht über die Maßen gefreut, als du endlich Julia aus deiner Wohnung weg hattest und du wieder allein ruhige Abende verbringen konntest? Ja, du brauchst die Ruhe. Das ist deine Heimat.
Halte endlich die Schnauze!
Mein Armer, ich weiß, du hättest es jetzt gerne wieder so ruhig wie damals – und, ehrlich gesagt, sind die äußeren Umstände dafür ja mehr als gut. Du liegst drei Meter unter der Erde in einem Sarg. Kannst du dir ein ruhigeres Plätzchen auf Erden vorstellen? Aber ich lasse mir nicht den Mund verbieten, nicht heute! Ich will es mal so ausdrücken: Du kannst mir nicht entkommen, denn hier und jetzt gibt es nur uns. Drei Meter unter der Erde. Das ist meine Gelegenheit.
Ich höre dir nicht zu!
Doch, du hörst mir zu. Denn du selbst bist es, der gerade diese Gedanken ausformuliert. Das ist das Tolle an dieser Situation – du musst das, was du hier hörst, auch noch auf deine eigene Kappe nehmen. So, wie du auch dein ständiges Scheitern auf deine eigene Kappe nehmen musst. Nur du allein darfst dich verantwortlich fühlen für den Verlauf deines Lebens. Du selbst. Du hast dich in einen Sarg gesperrt, dein ganzes Leben lang. Und nun wunderst du dich, dass dich niemand aus dem Sarg befreit? Sie glauben alle, dass du tot bist! Denn du hast niemals gelebt. Nun liegst du wirklich in so einer Kiste – und fühlst dich beengt? Du müsstest dich heimisch fühlen, mein Freund, denn das ist deine natürliche Umgebung. Holz. Das Material, aus dem du geschnitzt bist. 15 Kubikmeter Luft. Der Raum, in dem du dich bewegst.
Ich weiß nicht, wie du hier hineingeraten bist, ich weiß auch nicht, wie du hier wieder raus kommst. Aber ich weiß eines: Eigentlich warst du schon immer in diesem Sarg.
Und ich verrate dir ein kleines Geheimnis: Du wirst auch in diesem Sarg sterben. Und wenn irgendjemand aus irgendeinem Grund irgendwann einmal diesen Sarg öffnen sollte, so wird er eine vermoderte Leiche finden, die ihre Arme verkrampft nach oben gestreckt hat und am Sargdeckel finden sich Kratzspuren im Holz.
Und jetzt schlafe noch ein bisschen. Spare dir deine Kräfte für deine letzten Atemzüge. Nicht, dass du dich vorher schon verausgabst. Warte auf den Showdown, wenn die Luft ausgeht – und dann gib noch einmal alles, was du hast! Ich will etwas zu lachen haben.
Die Menge schob sich weiter, folgte dem schwarzbefrackten Hirten durch den Staub, den Wind, die Hitze des beginnenden Sommernachmittages.
„Kommen wir zum nächsten Gehege. Auch hier hat sich durch die Renovierung vieles verändert. Sie sehen, dass wir einige Felsen hinzugefügt haben, auf denen sich unsere Tiger sonnen können. Oder aber auch in deren Schatten sie der Sonne für eine Weile entfliehen können. Ganz nach Belieben. Weiters haben wir das Gehege um einige Meter verbreitert. Die ehemals dahinter angesiedelten Kattas haben im Affenbereich ihr neues Zuhause gefunden. Sheyla und Khan, Sie sehen übrigens gerade Khan, genießen die neu gewonnene Fläche sehr. Wir sind bemüht, sie aktiv zu halten. Zu diesem Zweck wurde auch die Vorrichtung installiert, die Sie links hinten sehen können. An diesem Seilzug binden wir Fleischstücke fest, die wir dann durch das Gehege ziehen, mit einer Geschwindigkeit von etwa 80 km/h. Unsere Tiger müssen, sofern sie etwas fressen wollen und glauben Sie mir, das wollen sie immer, ...“
Vereinzeltes Gelächter ertönte aus dem Publikum.
“... sie müssen den richtigen Moment abwarten und dann mit einem wuchtigen Prankenhieb das Fleisch von der Vorrichtung reißen, wenn es an ihnen vorüber saust. Dazu gehört viel Geschick, aber die beiden lernen schnell. Überhaupt sind Großkatzen im Allgemeinen sehr aufnahmefähige Tiere. Man findet sie auch heute noch immer wieder in Zirkussen, wo sie durch brennende Reifen springen oder Männchen machen. Übrigens eine Praxis, die ich selbst sehr verurteile, da kein Tier in einem Zirkus artgerecht gehalten werden kann. Auch die eben genannten Kunststücke gehören nicht ins Standardrepertoire von wilden Tieren. Und ja, so harmlos und knuffig unser Khan hier im Moment auch erscheint, er ist und bleibt ein wildes Tier. Man muss seiner Natur Respekt entgegenbringen und diese auch entsprechend würdigen. Wie es hier im neuen Gehege der Fall ist. Wir haben keine Kosten gescheut, um den Tieren in unserem Tiergarten das Leben so angenehm und natürlich wie möglich zu machen. Gibt es hierzu Fragen? Das heißt – ich bin mir sicher, dass es Fragen gibt. Es ist Ihr Beruf, neugierig zu sein. Ich bitte.“
Zehn Minuten lang beantwortete der Tiergartendirektor die durcheinander prasselnden Fragen der Journalisten. Artgerechte Haltung. Tierversuche. Aussiedelungsprogramme. Tierschutzinitiativen. Medizinische Versorgung. Und immer wieder die Renovierung.
„Meine Damen und Herren, wir können uns gerne später noch ein Weilchen länger unterhalten, aber es ist heute ein heißer Tag und so wollen wir nicht allzu lange in der Sonne stehen. Zudem habe ich noch eine Attraktion für Sie, eine Weltneuheit, die ich mir bis zum Ende unserer Führung aufgehoben habe.“
Das Prasseln der Fragen ging in ein wogendes Murmeln über.
„Sie wissen, Block F ist das letzte halbe Jahr für die Öffentlichkeit gesperrt gewesen und viele werden sich an die Planen erinnern, die den ganzen Bereich abgedeckt haben. Es ist nun an der Zeit, diese Planen zu entfernen. Sehen wir, was sich dahinter verbirgt. Kommen Sie, kommen Sie. Es ist nicht weit. Folgen Sie mir. Und erleben Sie als erste Menschen überhaupt eine Attraktion, die in zoologischen Gärten noch nie gesehen wurde!“
Unter der erbarmungslosen Einstrahlung der frühen Nachmittagssonne schob sich die Prozession mit all den Fotoapparaten, Stativen, Mikrophonen, verschwitzten Hemden, roten Gesichtern und keuchenden Mündern durch die stehende Luft. Immer dem Tiergartendirektor nach, dem die Sonne scheinbar nichts anhaben konnte. Schwarzer Anzug, das Hemd bis oben zugeknöpft – und dennoch keine Schweißperle auf seinem vor Freude strahlenden Gesicht. Es sah so aus, als hätte er seine Gedanken woanders als bei der lästigen Sonne, der stickigen Luft, dem Schweiß – und so kam er auch nicht ins Schwitzen.
Schließlich gruppierte sich die Menge bei einem großen, fast schon überdimensionierten Gehege, dass von allen Seiten mit einer schwarzen Plane umgeben war.
„Geparden“, flüsterte einer der Journalisten seinem Kameramann ins Ohr. „Bin mir sicher. Das sind Geparden. Die brauchen Platz, um laufen zu können.“
„Scht – habe den Film schon laufen. Toni hat wegen deinem Gequatsche schon einmal eine ganze Filmrolle wegschmeißen können. Am Jangtsekiang. Also halt’ die Klappe. Und stell’ am Ende gescheite Fragen.“
Der Journalist ging eingeschnappt ein paar Meter auf die Seite, stellte sich an den Rand der Gruppe, grummelte vor sich hin: „Und das ganze Tamtam nur wegen ein paar Geparden ...“
Ich habe diesen Kollegen nicht persönlich gekannt, nur von einigen Berichten, die er gebracht hat. Er war immer ein Idiot, ist auch nicht lange Journalist geblieben, soweit ich das mitbekommen habe. Er hat immer wieder reingequatscht. Aber ich wünschte, er hätte damals Recht behalten.
„Meine Damen und Herren, es ist mir eine Ehre und ein ganz außergewöhnliches Vergnügen,“ die Stimme des Direktors zitterte vor Aufregung, war im Begriff, sich zu überschlagen, „Ihnen eine Weltsensation zeigen zu können. Etwas Derartiges hat es noch nie in einem Tiergarten gegeben. Sie nehmen teil an einem historischen Augenblick.“
Er griff zu einem Schalthebel, der hinter ihm am Gehege befestigt war.
„Ich präsentiere Ihnen ...“
Nun schrie er fast.
„... zum ersten Mal in einem zoologischen Garten ...“
Seine Hand umklammerte den Hebel. Die Knöcheln traten weiß hervor.
„... die ....“
Kraftvoll betätigte er den Hebel, die Plane, die das gesamte Gehege umgab, fiel vom Gitter herab.
„... Ureinwohner Papua-Neuguineas!“
Oh, wie ich gestarrt habe! Unfähig, mich zu bewegen, auch nur zu atmen. Wie wir alle gestarrt haben! Keinen Mucks hat es damals gegeben, von niemanden von uns. Wenn neben uns eine Pistole abgefeuert worden wäre: Wir wären tot umgefallen. Herzstillstand. Alle.
Gebannt blickten die Anwesenden in das Gehege. Was sie dort sahen: Eine Familie – zumindest sah es aus, als wäre es eine Familie – von kaffeebraunen Eingeborenen, mit Lendenschürzen bekleidet, die, mit einem Male fünfzig Blickpaaren ausgesetzt, sich zitternd aneinanderklammerte. Von der Mutter sah man nur noch das Weiße in den Augen, so sehr hatte sie diese in ihrer Angst verdreht. Ihre vier Kinder presste sie an ihre blanke, schwere, von Milch strotzender Brust.
Der Vater erholte sich als Erster von dem Schock und während die Journalisten noch immer regungslos in der grellen Sonne standen und zu erfassen versuchten, was sie sahen, stieß er wütende, unverständliche Laute aus und griff nach einem Stein, den er kraftvoll in Richtung der Zuschauer warf. Obwohl die Entfernung groß war – dreißig Meter mindestens – erreichte der Stein mühelos das Ende des Geheges, wo er jedoch mit einem peitschenden Knall gegen das engmaschige Gitter flog, auf Augenhöhe der Journalisten.
Der verzweifelte Angriff des gefangenen Eingeborenen schien die Journalisten wieder zurück in die Wirklichkeit zu werfen, wie aus Trance erwacht, blinzelten diese und blickten sich verstohlen um. Was tat der Nachbar? Welche Reaktion zeigte dieser? Wie weitermachen? Hüsteln? Fragen stellen?
Es war der Tiergartendirektor selbst, der das Schweigen schließlich brach. „Sensationell, nicht? Und sehen Sie erst die Landschaft, die wir gestaltet haben! Wie auf Papua-Neuguinea. Quasi eine naturgetreue Abbildung der dortigen Natur. Sie fragen sich sicher, wie wir das im Winter machen, da die klimatischen Begebenheiten hier doch völlig anders sind als auf Neuguinea: Nun, wir sind gerade dabei, einen gewaltigen Verbau aus Plexiglas fertig zu stellen, das im Spätsommer über dem Gehege installiert wird. Dadurch können wir in Verbindung mit Nebelmaschinen und Heizapparaturen ein originalgetreues Klima erzeugen, so wie unsere Zöglinge hier sie es von ihrer Insel kennen. Man könnte sagen, dass wir ein Treibhaus bauen, in dem unsere neuen Gäste wachsen und gedeihen können. Wir hoffen doch sehr, dass wir auch bald Nachwuchs begrüßen können. Die Frau ist in ihren fruchtbarsten Jahren und vier Kinder sind für eine Eingeborenenfamilie von Papua-Neuguinea nur ein erstes Warmlaufen, bevor es richtig losgeht.“
„Haben Sie völlig den Verstand verloren?“ Der Reporter einer angesehenen Tageszeitung trat mit hochrotem Kopf, die Hände in die Hüften gestemmt, vor die Gruppe der Journalisten. „Sind Sie irre? Das ist Unmenschlichste und Grausamste, was ich in meiner bisherigen Laufbahn erleben musste! Was sagt denn eigentlich Amnesty International oder die Regierung zu ihrer so genannten ‚Attraktion’ hier?“
„Mein Freund, beruhigen Sie sich“, lächelte der Direktor. „Wir haben von allen Behörden, in deren Zuständigkeitsbereich diese Angelegenheit fallen könnte, die schriftliche Genehmigung. Ich denke, Sie schätzen die Situation falsch ein. Bedenken Sie bitte, welche primäre Aufgabe einem Tiergarten zukommt. Es ist die Arterhaltung, die Bewahrung von Lebewesen, die von der Ausrottung bedroht sind, vor diesem Schicksal und die Schaffung eines angenehmen, naturnahen Lebensraums für sie. Nehmen Sie die vorhin gezeigten Tiger als Beispiel. Khan und Sheyla sind beide Sibirische Tiger, von denen es heutzutage in freier Wildbahn kaum tausend Tiere gibt trotz unzähliger Schutzmaßnahmen und Programme. Andere Tigerarten wie beispielsweise der Bali-Tiger oder der Java-Tiger gelten überhaupt als ausgestorben. So ähnlich ist es auch bei den Ureinwohnern Papua-Neuguineas, den Melanesiern. Durch die massive Abholzung des Regenwaldes ist ihr natürlicher Lebensraum akut gefährdet und damit auch sie selbst. Wissen Sie, dass es heute gerade noch etwa achttausend im Dschungel Papua-Neuguineas lebende Melanesier gibt? Nicht erst in diesem Jahrhundert wurde der Urwald, der ihnen Nahrung und Zuflucht bot, Tag für Tag zerstückelt, verkleinert, verbrannt. Und was denken Sie, wo diese Melanesier im neuen Jahrhundert, zu dem wir immerhin noch siebzig Jahre hin haben, sein werden? Die letzten dreißig Jahre sind kein Ruhmesblatt für uns – haben wir doch den Lebensraum von fast fünf Millionen Menschen auf den Inseln von Papua-Neuguinea zerstört! Sie sind Journalisten – Sie müssten es wissen, haben Sie doch sicherlich selbst schon davon berichtet! Der zunehmende Grad der Urbanisierung in Papua-Neuguinea. Von knapp zwanzig Prozent Anfang des Jahrtausends auf über fünfundachtzig Prozent im letzten Jahr. Allein Port Moresby, die Hauptstadt, ist auf vier Millionen Menschen angewachsen – von knapp über zweihunderttausend vor dreißig Jahren! Sie haben sicherlich schon selbst darüber geschrieben oder gesprochen: Die zunehmende Slumbildung und Armut in den Städten Ozeaniens, vor allem eben Port Moresby. Hungersleid. Die Verbreitung von Aids in diesen Gebieten. Achttausend noch tatsächlich im Urwald lebende Melanesier! Achttausend! Die anderen am Land lebenden Menschen kreisen wie die Geier um die Städte, haben schon längst Religion und Identität abgelegt. Blicken Sie auf diese Familie hier ...“
Er deutete mit seiner Hand auf die Eingeborenen, die immer noch an der gleichen Stelle waren, sich nun aber gesetzt hatten und mit angsterfüllten Blicken jeder Bewegung, die außerhalb des Geheges zu sehen war, folgten.
„Diese Familie ist nicht eingesperrt worden, vielmehr ist sie vor dem Untergang gerettet worden! Sehen Sie sich die Kinder an. In zwei, drei, spätestens fünf Jahren wären sie tot gewesen, das kann ich Ihnen versichern! Wir haben Sie von einer kleinen Inseln im Bismarckmeer geholt, wo es nur noch zwei Hektar Regenwald gegeben hat, in dem sie versucht haben, zu überleben. Der Rest: Abgeholzt und abgebrannt. Sie waren die letzten, die noch auf der Insel waren. Ihre Stammeskollegen sind alle schon vor Monaten mit ihren Booten in See gestochen und auf die Nachbarsinsel gefahren. Nur diese Familie – und Gott allein weiß, weshalb – ist dort geblieben und hat versucht, mit Fischfang so halbwegs über die Runden kommen. Wir haben sie halb verhungert aufgelesen, sie alle waren unterernährt und zeigten schwere Mangelerscheinungen. Wir haben sie gerettet und ihnen ein neues Zuhause gegeben.
Können Sie das verstehen?“
Die vorhin noch donnernde Stimme des Tiergartendirektors war im Laufe seines Plädoyers immer leiser und leiser geworden, der letzte Satz war kaum mehr als ein Flüstern.
Niemand will es gewesen sein (im Nachhinein kann sich keiner mehr daran erinnern, von wo die Stimme gekommen ist, nicht einmal der unmittelbare Nachbar des Mannes, der schließlich als Erster reagierte), aber irgend jemand musste es gewesen sein:
„Er hat Recht!“
Und als ich dieses „Er hat Recht!“ hörte, ging ich.
Ich habe meinen Job in der Woche darauf gekündigt. Wie kann ich über diese Welt berichten, wenn ich sie nicht verstehe?
Sie trat mit schweren Schritten die alte, knarrende Treppe hinauf. Ihre massive Statur machte jeden Schritt zur Qual und sie schnaufte heftig durch die Nase, so dass die beiden Nasenflügeln bebten und summten wie Elektrogeneratoren. Ihre Erscheinung strahlte überdies Energie aus, wuchtig und massiv, die grauen Haare mit einem flammenden Rot übertüncht, grell geschminkt und die Augen jugendlich blitzend.
Mrs. Eleonora McCarthy. Witwe von John Isaac McCarthy, dem Wurstfabrikanten. Glorreiche Vergangenheit, in der sie mit ihrem Mann in Reichtum geschwelgt hatte. In ihrem schönen, geräumigen Penthouse an der Upper West Side. Wie weit lag diese Zeit nun zurück? Wann war der Zeitpunkt gewesen, als John, Gott habe ihn selig, seufzend zu ihr gemeint hatte: „Eli, wir sind pleite.“ Um sich nur Monate später mit einem Herzinfarkt aus dieser widerwärtigen Mittelklasse zu verabschieden? (Die McCarthy’sche Definition von ‚pleite’ ist eine sehr eigene und dehnbare.)
Und nun musste Mrs. Eleonora McCarthy ihre Einkäufe alleine nach Hause schleppen in ihr kleines Apartment in Chelsea. Sie hatte nichts gegen Chelsea an sich, es war eine nette Wohngegend mit einigen schönen Plätzchen. Aber sie war das Leben, das sie nun führen musste, nicht gewöhnt. Das Leben abseits all der schönen Annehmlichkeiten, die man sich nur leisten kann, wenn der Ehemann, Gott habe ihn selig, beispielsweise ein angesehener Wurstfabrikant war. Und so ist in ihr Schnaufen und Keuchen beim Stiegensteigen auch ein wenig Wut und Frustration hineinzuinterpretieren.
Endlich oben, im zweiten Stock, angekommen, schlurfte Mrs. Eleonora McCarthy die letzten Schritte den Gang entlang, dabei hin und her wackelnd wie ein Hochseedampfer. Vor ihrer Tür angekommen, stellte sie die beiden Einkaufssäcke (sie kaufte immer mehr ein, als sie essen konnte) auf den Boden und kramte in ihrer Tasche nach dem Schlüssel. Dabei sah sie es:
Die Tür war offen.
Einen Spaltbreit etwa. Gerade so viel, dass sie nicht an der Türangel anlehnte, sondern leicht durch den durchziehenden Wind bedingt wippte. Einen Moment lang war Eleonora irritiert. Dann lächelte sie, schüttelte den Kopf und dachte bei sich: ‚Törichtes, altes Mädchen. Hast wohl vergessen, abzusperren. An diese Türen werde ich mich wohl nie gewöhnen. In der alten Wohnung sind die Türen immer von selbst ins Schloss gefallen. Aber hier. Was will man auch schon erwarten von einem Apartment in Chelsea!’
Dann bemerkte sie, dass durch den Spalt, den die Türe offen stand, das Vorzimmerlicht durchschimmerte. Und mit einem Male war es vorbei mir ihrer gerade eben wieder gewonnenen Gemütsruhe. Wie konnte das sein? Wenn sie auch vergessen haben sollte, die Türe zuzusperren, das Licht machte sie immer aus, wenn sie ging. Immer.
Die Situation schmeckte ihr nun gar nicht mehr. Ein leises Gefühl von Panik schlich sich von ihrem Bauch in den Hals.
Einbrecher!
In der guten, alten Wohnung in der Upper West Side hatte es immer wieder Einbruchversuche gegeben, die aber allesamt durch die wundervollen Alarmvorrichtungen in die Flucht geschlagen worden waren. Aber hier gab es keine Alarmanlagen. Nichts, was das Apartment vor unberechtigtem Zutritt schützen konnte. Nicht einmal einen Hund hatte sie.
Einbrecher! In ihrer Wohnung!
Sie lehnte sich schwer atmend gegen die kalte Wand neben der Tür. Was tun?
Die Polizei rufen!
Aber wie? Sie hatte kein Handy und bei den Nachbarn wollte sie nicht klingeln. Denn das würde der Einbrecher (oder vielleicht sogar die Einbrecher) sicher hören. Und dann wehe, wenn sie herauskamen ... (Es waren sicher mehrere, mindestens zwei, die arbeiteten doch immer im Team!) Diese Verbrecher würden sie, die arme Eleonora McCarthy, zum Schweigen bringen. Sie sah sich schon blutüberströmt und leblos am Boden liegen.
Aber was konnte sie tun? Was konnte sie ausrichten?
Weg gehen und später noch einmal kommen, in der Hoffnung, dass sich die Einbrecher in der Zwischenzeit aus dem Staub gemacht hatten. Doch was, wenn sie es gerade gemütlich in ihrer Wohnung fanden? Wenn sie vielleicht sogar auf die arme, unschuldige Wohnungsinhaberin warteten, um dann Spielchen mit ihr zu treiben? Diese Menschen waren zu allem fähig!
Und dann vermeinte sie, kalten Atem neben der Tür zu spüren, einen gehässigen Windhauch, der aus der Tür hervorstieß und die Wand entlang kroch, bis er auf ihre Wange stieß.
Sie warten hinter der Tür! Sie lauern! Und wenn ich mich rühre, wenn ich schreie, dann packen sie mich und zerren mich hinein und machen dann Dinge mit mir, bis ich nicht mehr schreien kann bis ich blutüberströmt und leblos am boden liege bis ich tot bin tot bin tot tot tot wie john am boden lag als ich nach hause kam tot so tot und kalt wie john wie john
Der alte Paddy Linegan vom Apartment gegenüber, der mit seinem phlegmatischen Retriever Saint Anton spazieren gegangen war, fand Mrs. Eleonora McCarthy zwei Stunden später in der Embryonalstellung apathisch an der Wand neben ihrer Tür kauern. Neben ihr lagen zwei Einkaufssäcke. Die Tür, die einen Spaltbreit offen stand, wippte im Wind leise auf und zu.
Eleonora McCarthy atmete, reagierte aber nicht auf seine Ansprechversuche. Paddy versuchte, Mrs. McCarthy hochzuheben, stellte aber fest, dass sie zu schwer für ihn war. So nahm er die beiden Einkaufssäcke und trug sie in die Wohnung. Er stellte fest, dass es sehr kühl in der Wohnung war und ein reger Durchzug herrschte. Die Ursache dafür fand er im offenen Küchenfenster, welches er sofort schloss. Er war nicht mehr bei bester Gesundheit, er konnte sich rasch eine Verkühlung einfangen, wenn er nicht aufpasste.
Dann stellte er die Einkaufssäcke auf den Küchentisch und rief die Ambulanz an.
Ein Schritt neben den anderen. Am Weißen Haus vorbei, an den Menschen vorbei, die Schlange stehen – scheinbar nur um des Schlangestehens willen. Der Wind zerrt an meiner Jacke, scheint von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. Mein Haar wird zerzaust, ich halte meinen Fotoapparat fest aus Angst, er könnte weggeblasen werden. Bei dem Gedanken lächle ich.
Dann sehe ich die Kirschbäume.
Ein kleines Wäldchen, vielleicht zwanzig, dreißig Bäume, dicht aneinandergedrängt. Ihre leicht rosa blühenden Kronen decken die Fläche völlig ab. Und wie ich Schritt für Schritt auf dieses kleine Kirschbaumblütenwäldchen zugehe, kann ich es auch riechen: Süßlich, sehr dezent. Nicht wie Kirschen – eher, wie frisch geschnittenes Gras, nur nicht so intensiv.
Der Wind bringt all die kleinen, rosa-weißlichen Blüten durcheinander, spielt mit ihnen und sie folgen seinem Spiel, tanzen wild umher. Die knorrigen Äste bewegen sich auf und ab und mit ihnen die Blüten, die sie tragen. Es rauscht und knistert in dem kleinen Wald.
Am Himmel schieben sich die blauen Gewitterwolken bedrohlich zusammen, bilden eine unheilvolle Allianz, in der Ferne höre ich Donnergrollen. Elektrizität liegt in der Luft. Ich rieche Regen. Es können nur noch Minuten sein.
Vereinzelte Kirschblüten werden vom Wind von ihren Ästen gerissen und schweben zu Boden. Manchmal verharren sie in der abwärts treibenden Bewegung, stehen still in der Luft, als könnten sie sich nicht entschließen, ob sie wieder hinauf in die schützenden Baumkrone oder doch hinab zur Erde wollten.
Eine Blüte bleibt in meinen Haaren hängen, eine andere verfängt sich im Kragen. Ich nehme die aus dem Kragen auf, drehe sie zwischen meinen Fingern, samtig, weich, eher weiß als rosa, hell, duftend. Dann lasse ich sie weiterfliegen und blicke ihr nach, bis sie einige Meter von mir entfernt auf der weichen Erde zu Ruhe kommt.
Der Stamm des kleinen Bäumchens, zu dem ich mich setze, ist kühl und glatter, als ich dachte. Über mir spielt sich eine wilde Szenerie ab: Die Blüten in aufgeregtem Tanz, darüber die drückende Gewitterfront – der Wind als Vermittler, als derjenige, der das Aufrüsten des Himmels mit dem tanzenden Wäldchen verbindet. Ich sehe die Gesichter der anderen Touristen ängstlich nach oben blicken. Kameras werden hektisch in Taschen verstaut.
Ich schließe die Augen.
Und lausche.
Ich höre die Geschichten des Windes. Er erzählt von längst vergangenen Zeiten, als er schon hier war und es sonst nichts gab. Er erzählt von dem Bau der Stadt, wie sie Stein für Stein, Haus für Haus zusammengesteckt wurde, einem Baukasten gleich. Dann die Jahrhundertwende, das Jahr 1907 und das großzügige Geschenk der Japaner. Er hat mitverfolgt, wie die Washingtoner die Samen eingepflanzt haben, überall, in der ganzen Stadt. Tausende. Einige hat er fort getragen – er hatte andere Pläne für sie. Die meisten aber blieben in der Stadt, hier, genau hier. Dann die ersten, zarten Äste, die sich aus der Erde wagten. Er hat schon damals mit ihnen gespielt. Sie wuchsen heran in den Jahren, verbreiteten sich, starben wieder, gaben ihr Erbe an ihre Nachkommen weiter – ein sich ständig erneuender Zyklus. Und immer war der Wind bei ihnen. Er kennt die alten Geschichten. Alles ist immer gleich, flüstert er mir ins Ohr. Nur die Menschen ändern sich, aber um die kümmere ich mich nicht. Für mich zählen nur meine Kirschbäume und ihre herrlichen weißen und rosafarbenen Blüten, die ich zum Tanzen bringe. Das ist alles, was zählt, seit hundert Jahren.
Ich öffne die Augen. Der Himmel ist mittlerweile von einem sehr intensiven Blau, das langsam in Grau übergeht. Und noch immer kein Tropfen Regen.
Ich atme tief durch, atme die Kirschblütenluft, die der Wind in meine Lungen presst. Es ist Anfang April, und doch ist bereits Sommer.
Kirschblütensommer.
Mutwillig zerhacke und zerm
antsche ich meine Zeilen
und auch auf die Länge brauche ich nicht zu achten, denn ich bin schließlich ein mo
derner Dichter, der – auch, Satzzeichen! so setzen kann, wie e
r will, schön nicht?
Es ist übrigens der neueste Schrei, Trenn-
zeichen zu verwenden.
Auch die Fäkalsprache darf Einzug halten in das Ge
dicht, - .. / find’ ich persönlich aber Scheiße.
Wichtig ist weiters noch, Metaphern zu meiden wie Glastüren Mariah-Carey-Konzer
te. Nein, nein: Der mod-erne Dichter gibt sich UNVERSCHLÜSSELT (sagte
ich schon, dass auch Großbuchstaben kein
Tabu
mehr sind?)
ABER BEDENKE IMMER: Wenn dich der Genius nicht (in
den Arsch) beißt, kannst du
dir das Dichten ab-
schminken, denn für so was – muss – man – ge-
boren – sein
Lasst mich beschreiben
wie ich
lasst mich
lasst mich erzählen
warum ich
einen Ansatz finden
fabulieren und
gestikulieren
mit all den mir zur Verfügung
stehenden Mitteln
meine Kraftlosigkeit beschreiben
lasst mich
mich in Worte zu fassen
die Schwerkraft überwinden
mich zu
erheben
lasst es mich versuchen
wenigstens
Atemlos sehe ich euch
dort oben am
lasst mich doch
am Himmel kreisen
ein kleines Stück
mitfliegen helft mir
mich zu
erheben
mit all den mir zur Verfügung
stehenden Mitteln
Es ist wahr, dass die Gedankengänge
im Vorüberschreiten blasser werden;
dass im allgemeinen Handgemenge
- welches sich von Zeit zu Zeit
wegen unsrer Eitelkeit
aufbauscht in Gehirnesenge -
die Vernunft von uns begraben wird.
Sieh ihn an, den angsterstarrten Mann,
den du eingepfercht in schwarzen Herden,
wo er jammervoll ersticken kann,
mit sadistischer Mechanik,
die aufgrund der eignen Panik
einst dein kranker Geist ersann,
seiner schwarzgebrannten Haut entkleidest.
Alles nur, damit du letztlich weißt,
röter ist dein Blut auf weißen Erden.
Blasser Mann mit wurmgespicktem Geist
hat den Mannesstolz gewahrt,
toter Mann wird aufgebahrt,
und die Würmer sind gespeist.
Kühlen Mutes ziehst du neue Kreise.
Es geht
Es geht nicht
Es geht nicht ohne
Es geht nicht ohne Computer
Es geht nicht ohne Computre
Es geht nicht ohne Compurte
Es geht nicht ohne Comprute
Es geht nicht ohne Comrpute
Es geht nicht ohne Cormpute
Es geht nicht ohne Crompute
Es geht nicht ohne
Es geht nicht
Es geht
Es geht nicht
An die
rebhuhngetränkten Gesichtsgewitter,
Glashauserbauer, Gedankenzwitter,
Buchluftgehenkten, im Gas Verklärten,
die, die mich immer im Schlaf beschwerten,
an die
Daktylen blühender Dichterberge,
raumfahrtgeholzten Schabrackensärge,
Wintergezeiten und blasse Sonnen,
an die gestorbenen Frühlingswonnen:
Kommt nun,
faule Metaphern, herbei zu mir,
nützt ihr mir doch für die Reime hier.
Er kam wieder zu mir.
Gestern Nacht klopfte er sachte
an meine Fensterscheibe
und lud mich ein, mitzukommen,
zu fliegen.
So breitete ich meine Flügel aus,
pustete den Staub aus den Federn,
sah, wie sie sich im Wind bewegten.
Ich schloss die Augen,
und träumte mich in mein altes Land,
erfand es mir zurück,
mit all seinen unzähligen Sonnen
und den himmelhohen Bäumen
und ewig langen Tagen.
Doch ehe ich ans Fenster gehen konnte,
um mich in die Nacht zu erheben,
merkte ich, dass mein Land
zu klein für mich geworden war
und ich blieb liegen.
Ein wenig verwirrt steht er am Flughafen, die Griffe seiner Koffer fest umklammert, so dass die Knöcheln weiß hervortreten, den Blick hat er suchend auf die vielen Glastüren gerichtet, die sich ihm anbieten. Er entscheidet sich für eine Tür in seiner Nähe und tritt hinaus in den Wind, in die Kälte, auf die Straße, nach New York.
Rasch hat er das System durchschaut – anstellen, wo die meisten Menschen stehen, warten, bis einer der freundlichen Helfer ein Taxi zugewiesen hat, hinten einsteigen (alle setzen sich auf die Rückbank, niemand vorne zum Fahrer), Ziel nennen. Als er selbst an der Reihe ist, entdeckt er sofort, dass der Fahrer, der ihm zugewiesen wurde, Moslem ist. Turban, wallender schwarzer Bart, dunkle Haut. Für einen kurzen Augenblick ist er ein wenig besorgt. Nine eleven. Wie von Geisterhand in sein Bewusstsein gebracht. Nine eleven. Nine eleven. Und dann die Erinnerung an brennende dänische Botschaften. Wütende Moslems, die Fahnen westlicher Länder verbrennen.
Du Narr, schilt er sich, versucht, die Bilder aus seinem Kopf zu bekommen. Wie war das mit den Stammtischrunden, bei denen er sich immer lautstark und vehement für Toleranz und Gleichberechtigung eingesetzt hat, gegen seine besten Freunde, alles nationalistische Sturköpfe? Hat er sich nicht immer überlegen gefühlt dank der Bildung, die er genossen hat? Von sich geglaubt, vorurteilsfrei seine Meinung über andere Menschen bilden zu können? Und nun sitzt er hier, in diesem gelben, schmutzigen Taxi, vor sich einen armen Schlucker, der vermutlich durch das Taxi fahren kaum genug Geld verdient, um seine drei, vier Kinder über die Runden bringen zu können, der freundlich lächelt und auf weitere Instruktionen wartet. Er sitzt hier und verdächtigt diesen Taxifahrer nur aufgrund seines Turbans, seines Bartes, seiner dunkleren Haut, ein Terrorist zu sein.
Er schüttelt den Kopf, schämt sich, versucht es sich nicht anmerken zu lassen. Er nennt sein Ziel, Midtown Manhattan, korrekte Straßenbezeichnung, vollständige Adresse, doch er spricht zu leise und der Taxifahrer muss nachfragen. Ohne dabei auch nur den Bruchteil einer Sekunde das Lächeln zu lassen. Er sammelt sich, schüttelt allen Argwohn von sich ab wie eine lästige Katze, die ihm auf dem Buckel sitzt, nennt sein Ziel mit lauter Stimme – übrigens eine sehr schöne, tiefe, feste Stimme, ein lupenreiner Bariton – und, als Kompensation für seine eigenen Vorurteile, als Wiedergutmachung für etwas, wovon der Fahrer als Opfer nichts weiß, beginnt er mit dem Taxifahrer zu plaudern. Zunächst die allgemeinen, belanglosen Dinge. Wie ist der Verkehr heute? Wie lange werden wir brauchen? War es die letzten Tage auch schon so kalt? Was muss man in New York unbedingt gesehen haben?
Irgendwann, irgendwo in Queens auf einer verstopften Straße, auf der kein Vorwärtskommen ist, wird das Gespräch persönlicher. „Wie lange leben Sie schon in den Staaten?“ „Ich bin hier geboren“ lautet die Antwort. Das Lächeln hat der Fahrer mittlerweile aufgegeben, während der Fahrt hat er einen konzentrierten Gesichtsausdruck aufgesetzt, der besser zum Verkehr passt.
„Sie sind also hier geboren – und Ihre Eltern?“
„Meine Familie kommt aus dem Iran. Mein Bruder ist dorthin zurück gegangen, um eine eigene Familie zu gründen.“
„Warum ist er nicht in den Staaten geblieben? Hier lebt es sich doch viel besser als im Iran, nehme ich an.“
„Zu viel Angst.“
Daraufhin schweigen beide. Während der Fahrer konzentriert nach vorne starrt und sein Taxi in halsbrecherischem Zickzack durch die sich nun wieder wogende Straße lenkt, blickt sein Gast aus dem Fenster, lässt Häuser an sich vorüberziehen, andere Autos, Passanten. Nach einer Weile traut er sich dann doch:
„Angst wovor?“
„Vor den Amerikanern, natürlich. Weil sie vor uns Angst haben. Wegen Nine Eleven. Alles ist anders geworden, alles ist viel komplizierter.“
Dann stecken sie wieder im Stau fest und der Fahrer dreht sich um. Seine dunklen Augen blitzen, er holt tief Luft, setzt an:
„Meine Familie lebt hier seit fast vierzig Jahren. Ich bin hier geboren, mein Bruder auch. Mein Vater arbeitete dreißig Jahre für eine Holz verarbeitende Fabrik, ehe er in den Ruhestand ging. Zum Abschied hat ihm der Direktor persönlich die Hand geschüttelt. Mein Vater hat in der Firma etwas bedeutet, er war der Big Man, den alle fragen konnten, wenn sie nicht mehr weiter wussten. Ein bisschen war er wie ein Onkel für alle Mitarbeiter und nie hat sich jemand um seine Hautfarbe oder seine Religion geschert. Am Anfang natürlich schon – als meine Eltern in die Staaten gezogen sind, war das eine kleine Sensation. Die Leute hier waren Moslems nicht gewohnt, aber nach einer gewissen Eingewöhnungszeit ist man miteinander ausgekommen. Doch dann war Nine Eleven. Der Terroranschlag. Und plötzlich waren wir alle Terroristen. Ganz gleich, was wir gesagt haben oder getan haben – alle waren wir direkt oder indirekt mit Osama in Verbindung. Alles Mittelsmänner, alles Selbstmordattentäter. Wir alle – ob nun mein Vater, meine Tochter, Mr. Patel vom Supermarkt in meiner Straße. Ich kann meinen Bruder verstehen, dass er es nicht ausgehalten hat.“
Nach diesen Worten dreht er sich um, die Kolonne setzt sich wieder in Bewegung. Sein Gast grübelt eine Weile über das Gesagte, fragt dann in die Stille:
„Wie sehen Sie die Terrorakte? Ich meine, können Sie verstehen, was die Leute dazu bewegt hat?“
„Ich bin nur ein einfacher Taxifahrer. Ich bin ein gläubiger Mann, ich bete jeden Tag zu Allah, ich besuche die Moschee, so regelmäßig ich kann – aber erwarten Sie nicht, dass ich Seinen Willen immer verstehe. Warum soll es anderen, ja, selbst Osama anders gehen? Osama hat gedacht, er hätte Allah verstanden und deshalb so gehandelt. Doch wer versteht Allah schon wirklich außer Allah selbst?“
„Sie distanzieren sich also nicht von den Anschlägen?“
„Ich distanziere mich von gar nichts, ich fahre nur mein Taxi, das ist alles. Erwarten Sie nicht von mir, dass ich richtig von falsch unterscheiden kann, wenn es um solche Dinge geht. Ich muss nur wissen, wie ich von hier nach dort komme, wo links ist und wo rechts, damit ich mein Taxi richtig steuern kann. Mehr brauche ich nicht. Ich kann nur sagen, dass es schwer geworden ist, seit wir alle in eine Schublade gesteckt werden. Vielleicht hätte ich tatsächlich eines der Flugzeuge gelenkt, wenn ich es gekonnt hätte und wenn mich Osama zu überzeugen versucht hätte. Ich bin ein einfacher Mann, wenn mir jemand die Dinge erklären kann, so dass ich sie verstehe, dann bin ich bereit, ihm zuzuhören. Aber Tatsache ist nun mal, dass ich nie im Leben daran gedacht habe, den Menschen, unter denen ich hier lebe, etwas Böses tun zu wollen. Aber was weiß ich schon?“
Darauf schweigt der Fahrer, alle Versuche, ihn weiter zum Reden zu bringen, scheitern. Er müsse sich nun auf den Verkehr konzentrieren, sagt er. Der Gast lehnt sich nach vorne, umklammert die Rücklehne des Vordersitzes, ist unruhig. Warum hat sich dieser Kerl hier nicht zu einer klaren Aussage gegen den Terrorismus bewegen lassen können? Was soll dieses Gefasel, dass er nur ein einfacher Mann sei und nichts verstehen könne? Warum nicht einfach Schwarz oder Weiß? Warum dieses undefinierbare Grau? Was hat er zu verbergen?
Und mit einem Mal bekommt es der Fahrgast mit der Angst zu tun. Nine Eleven. Nine Eleven. Es könnte auch ein Taxi sein. Natürlich – ein gelbes Taxi. In das Empire State Building. Mitten rein. Im Kofferraum vielleicht Bomben gepackt. Er hat zwar den Kofferraum gesehen, hat selbst seine Koffer hinein gehoben, aber man weiß nie. Unterhalb vielleicht. Ein doppelter Boden. Alles möglich. Diese Burschen sind erfinderisch. Empire State Building. Nine Eleven. Was ist heute für ein Tag? Der Elfte? Unmöglich. Absurd. Das Empire State Building. Na klar, die anderen Türme haben sie ja schon erledigt. Die nächste große Bastion des Kapitalismus. Sein Symbol. Obwohl er kein Amerikaner ist. Nine Eleven. Nine. Wie heute. Turban. Allah. Moslem. Dänemark. Flaggen. Feuer. Bomben. Flugzeug. Taxi. Empire. State. Building. Genau. Hier. Vor. Seinen. Augen.
„Lassen Sie mich hier raus“, ruft er plötzlich.
„Hier?“, ist der Fahrer verwundert. „Das ist nicht die richtige Adresse. Das ist sogar noch ein ziemliches Stück entfernt von der Straße, die Sie mir gesagt haben.“
„Egal, ich will hier raus.“ Er bezahlt den verdutzt blickenden Fahrer, hebt eilig seine Koffer aus dem Auto, stellt sich an den Straßenrand. Ich gehe zu Fuß, denkt er bei sich. Auch, wenn es hundert Blocks sind. Ich gehe zu Fuß. Er sieht das Taxi um die Ecke verschwinden, ist erleichtert. Dennoch halten seine Hände die Koffergriffe dermaßen fest, dass das Weiß der Knöchel hervortritt. Ein paar Blocks vor ihm türmt sich majestätisch das Empire State Building in den Himmel.
Als er ein Flugzeug hört, zuckt er zusammen.