Es war die dunkelste aller möglichen Zeiten:
Die Fahnen hielten wir flatternd über den Köpfen
und spieen unseren Leichtsinn auf die Gestade,
stets kampfeslustiges Schnauben, bereit zu streiten.
Es war die dunkelste aller möglichen Zeiten
Fanfarenklänge wie Donner schmetterten tosend
in alle Ecken hinab, wo wir uns versteckten
um uns auf jenes Gemetzel vorzubereiten.
Es war die dunkelste aller möglichen Zeiten,
und trunken blickten wir auf die tanzenden Zahlen.
Verklärtes Grinsen von Haien, allseits Getümmel
im Saal, weil Aktien ins Unendliche gleiten.
Es war die dunkelste aller möglichen Zeiten
als wir das Menschsein in Geld zu pressen versuchten
und wir die Hungernden unbekümmert vergaßen.
Doch stumm in unserem Schatten werden sie schreiten.
Niederalm ist eine kleine Ortschaft mit weniger als zweitausend Einwohnern. Die Straßen tragen Namen wie Schmiedgasse, Kirchenstraße, Bäckerstraße, Dorfstraße, sogar eine Sonystraße gibt es, die zu der Produktionsstätte des Konzerns führt. Es gibt Bauernhöfe, aber auch Reihenhäuser und Gewerbe. Tankstellen, ein Autohaus, ein Multimedia-Unternehmen, eine Lagerstätte für wieder verwertbaren Müll, den Pressegroßvertrieb, Friseurläden, Ärzte, eine Poststelle, auch eine freiwillige Feuerwehr.
Die Häuser schmiegen sich an die lange Salzachtalbundesstraße, die von der Gemeinde Anif, zu der Niederalm gehört, in den Süden führt, bis nach Hallein. Es herrscht reges Treiben in dieser Gegend, Autokolonnen schieben sich jeden Morgen von den Umlandgemeinden im Süden nach Salzburg im Norden und abends vom Norden in den Süden. Ständiger Verkehrslärm übertönt das Gegacker der Hühner, das Bellen der Hunde und den Motor der Mähdrescher und Traktoren, die auf den nebenan liegenden Feldern zum Einsatz kommen.
Eine seltsame Stimmung umfängt jeden, der beim Geruch von frisch gemähten Wiesen und Kuhdung neben der belebten Straße spazieren geht. Der Blick wandert hinaus und gleitet über Felder, Wiesen und Wald bis zum Tennengebirge und dem Hagengebirge im Süden, nicht besonders hohe, aber schroffe und zerklüftete Bergketten, und dem gewaltigen Untersberg im Westen, während eine lärmende, stinkende Blechschlange das Bild im Hintergrund begleitet. Im Geiste versucht man, sich die Autos wegzudenken und manchmal funktioniert es. Zunächst wird es still und dann hört man wieder das Gegacker der Hühner, das Bellen der Hunde und die Maschinen auf den Feldern. Man hört den Wind über die Wiesen streichen, atmet klare Luft, und blickt hoch hinauf zum Gipfel des Untersberges, der von der Sommersonne hell beleuchtet wird, während es in seinem Schatten düster und kühl ist. Nun entfernt man in seiner Vorstellung noch all die modernen Häuser und Gewerbebetriebe, belässt es nur bei den Bauernhöfen und der alten Kirche mit dem kleinen, vermodertem Friedhof und man kann sich vorstellen, wie es hier in Niederalm vor fünfzig Jahren war. Und vielleicht sieht man im Geiste auch noch ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, gekleidet in einer grünen Bauerntracht, mit rotblonden Zöpfen nachdenklich über die Wiesen gehen.
Das ist Stefanie Riedelsperger, die Tochter des größten Milchbauern in Niederalm. Sie geht gerne über die Wiesen und durch die Wälder, sie liebt die unberührte Natur. In Gedanken versunken wandert sie oft stundenlang durch das Umland von Niederalm, manchmal bis nach Hallein. Aber sie versucht die Gegenden, wo Menschen wohnen, zu meiden und dreht stattdessen große Runden durch die Wälder. Sie genießt die Zeit alleine und denkt über Bücher nach, die sie gelesen hat. Im Ort gilt sie unter den meisten als verrückt, zumindest verschroben, im Grunde ist sie aber nur eine Träumerin, die sich in Büchern besser zurecht findet als unter Menschen. Vor allem Karl May hat es ihr angetan, was ungewöhnlich ist für ein Mädchen. Aber die Abenteuer im Wilden Westen begeistern sie mehr als die für Mädchen gedachten üblichen Geschichten von verwöhnten Großstadtgören, die ihren Sommer auf einem Pferdehof verbringen und sich dort in den Stalljungen verlieben. Stefanie möchte selbst Abenteuer erleben, sie möchte mit Indianern reiten und unschuldige Farmer vor dem Marterpfahl bewahren. In unserer Zeit der Vielfalt und der Verschwimmung von Rollendefinitionen würde über Stefanies Abenteuerlust höchstens milde gelächelt werden, zu ihrer Zeit aber ist sie durch ihre Leidenschaft das Gespött des Dorfes. Wen wundert es daher, dass sie die Gesellschaft der Tiere im Wald der Gesellschaft der Dorfgemeinschaft vorzieht? Wen wundert es, dass sie stundenlang fernab jeglicher Zivilisation spazieren geht?
Und so wandert sie zuweilen auch tief hinein in die Wälder, wo man nicht mehr gehört werden kann, wo die Bäume dunkel und bedrohlich wie eine Allianz aus hartem Holz zusammenstehen und wo man sich leicht im Gestrüpp der Wildnis verfangen kann. Meistens ist ihr die unheimliche Stille um sie herum nicht bewusst, da sie in Gedanken an der Seite von Old Shatterhand, Winnetou, Old Surehand, Old Firehand und Sam Hawkins durch die heißen Schluchten des Death Valley reitet. Aber hin und wieder schreckt sie aus ihren Träumen hoch und gewahrt der tiefen Stille. Dann schlägt ihr Herz schneller und sie läuft nach Hause.
Wieder einmal war sie alleine unterwegs. Und wieder einmal war sie tief in Gedanken versunken. Ausnahmsweise fantasierte sie nicht über den Wilden Westen, sondern dachte an einen Jungen in der Klasse. Das war ungewöhnlich. So etwas passte nicht zu ihr.
Aber dieser Junge.
Dieser Junge mit seinem spitzbübischen Lächeln in seinem Gesicht, in das immer eine wilde, blonde Locke fiel.
Hannes Gerber hieß er, er kam aus dem Nachbarort, aus Grödig. Hannes ging schon seit drei Jahren in Stefanies Klasse, er war ein bekanntes Gesicht, dem man normalerweise keine Beachtung schenkte. Er trieb seine Späße, spielte den Pausenclown, pfiff den Mädchen nach, die das kokett und unschuldig mit Augenzwinkern quittierten.
Aber da hatte es diesen einen Moment gegeben, vor nicht ganz einer Woche. Stefanie saß im Schulhof und unterhielt sich mit ihren Klassenkolleginnen Gerda, Inga und Rosmarie über die bevorstehende Klassenarbeit beim Lehrer Zempl. Alle Schüler hatten Angst vor dem Zempl, alle hatten Angst vor seinen gefinkelten Aufgaben, die immer Fallen und falsche Fährten enthielten. So gingen die Mädchen noch einmal die Aufgaben der letzten Woche durch um sich so gut wie möglich auf Zempls Fallen und falsche Fährten vorzubereiten.
Hannes jedoch spielte mit den Jungs Fußball, er verschwendete keinen Gedanken an Lehrer Zempl und seinen Rohrstock. Nicht, dass er sich das aufgrund herausragender schulischer Noten leisten hätte können, aber Jungs sind nun mal Jungs, sie meinen, über diesen banalen alltäglichen Dingen wie Schule zu stehen. Die Rechnung wurde für gewöhnlich am letzten Schultag mit der Zeugnisverteilung präsentiert, doch soweit dachte im Frühling niemand.
So konzentrierte sich Hannes auf die im Moment einzig wichtige Aufgabe: dem dicken Bertl ein Tor zu schießen. Bertl war trotz seiner massiven Körperfülle und seinen 85 Kilo Kampfgewicht bei 1,55 Meter Größe sehr schnell in seinen Reaktionen und dank seiner Fülle deckte er das Tor immer gut ab. Das Tor wurde von den Stämmen zweier junger Pappeln begrenzt, die etwas mehr als zwei Meter voneinander entfernt standen. Der erste Ast der linken Pappel markierte die imaginäre Querlatte. Es war nicht leicht, den ausgeleierten alten Lederball an Bertl vorbei zwischen die beiden Pappeln zu schießen – ihm ein Tor zu schießen galt als sportliche Referenzleistung. So legte sich Hannes mächtig ins Zeug, er dribbelte Rolf, der etwas langsamer war als andere, gekonnt mit einem Übersteiger aus, ging im Laufduell an Andreas vorbei und ließ schließlich auch noch Max mit einem Haken nach rechts stehen. Er stand alleine vor dem dicken Bertl, der kampfeslustig schnaubte. Hannes legte all seine Kraft in das linke Bein, sein Schussbein, und zog durch.
Die braune Lederkugel zischte schnurgerade wie ein Strich los, zog pfeifend an Bertl vorbei und klatschte gegen die rechte Pappel. Von dort sprang der Ball mit nahezu unvermindertem Tempo rechts weg und fand sein Ziel schließlich in Stefanies Gesicht, die mit ihren Kolleginnen neben dem Spielfeld im Schatten einer alten Linde saß.
„Spinnst du?“ In Stefanies Aufschrei lag mehr Entrüstung als Schmerz.
Hannes schlich mit schuldbewusstem Blick zu der Linde. „Es tut mir leid, das wollte ich nicht.“
Er kauerte sich vor Stefanie und blickte ihr ins Gesicht. Stefanie wurde rot, aber sie konnte nicht sagen, warum.
„Lass mal sehen.“
Hannes nahm Stefanies Gesicht in seine Hände und untersuchte es fachmännisch. Die Berührung ließ ihr Herz schneller schlagen, sie spürte die Wärme seiner Hände auf ihren Wangen und hatte plötzlich den Drang, sich noch näher, noch intensiver an diese warmen, pulsierenden Hände zu schmiegen.
„Schaut nicht so schlimm aus“, urteilte Hannes schließlich und ließ sie los. Er zwinkerte ihr spitzbübisch zu und lief zu den anderen Jungen zurück.
Stefanie blieb verwirrt und eigenartig beschwingt zurück und als die Mädchen dann mit dem Rechnen der Aufgaben fortfuhren, konnte sie keine einzige Rechnung mehr korrekt lösen.
Sie war tief in einen alten Wald hineingeraten, während sie an diese Begegnung mit Hannes dachte. Sie nahm die Stille war, die sie umgab. Kaum ein Vogel sang, stattdessen hörte sie nur den Wind schwach durch das Laub fahren. Der Wind konnte nicht über die erdrückende Schwüle, die in der Luft lag, hinwegtäuschen. Auch war die Sonne, die die noch grell über dem Tag gehangen war, als sie losgegangen war, mittlerweile fast vollständig hinter einer grauen Wolkendecke verschwunden. Allzu lange konnte es nicht mehr dauern, bis der Regen kam, ein paar Stunden vielleicht, wenn Stefanie Glück hatte.
Sie kannte diesen Wald kaum, sie war zweimal oder dreimal in ihn hineingeraten und nur, wenn sie – so wie heute – in Gedanken versunken war. Jedes mal war sie froh, wenn sie wieder hinaus kam. Die Bäume standen enger zusammen als in anderen Wäldern, sie wuchsen höher hinauf und schirmten den Boden von jeglichem Sonnenlicht ab. Doch es war nicht nur die Dichte der Baumstämme, die diesen Wald in ihren Augen bedrohlich machte. Vielmehr hatte sie das Gefühl, dass dieser Wald älter war als alle anderen Wälder in der Gegend. Das Holz der Bäume wirkte morsch und verfault, der Boden war mit einem fast grauen Moos überzogen, das ihre Schritte schluckte. Manchmal knackte ein herab gefallener toter Ast unter ihren Schritten und das plötzliche Geräusch ließ Stefanie zusammenzucken. Sie stolperte über Wurzeln und totes Holz. Sie rannte gegen dicke Baumstämme, wobei die Berührungen mit dem kalten Holz ihr einen Schauer über den Rücken jagten, kämpfte sich durch Schlingen und Büsche durch, verstrickte sich immer tiefer und tiefer in dem undurchdringlichen Geäst. Nach einer Weile hatte sie jegliche Orientierung verloren und lief blind in eine beliebige Himmelsrichtung. Einfach nur irgendwo hinaus aus dem Wald, dann um ihn herumlaufen bis sie an eine bekannte Stelle gelangt, von der aus sie zurück nach Hause findet, so ihr Plan. Doch es schien, als hätte sich der Wald gegen sie verschworen. Sie rannte und rannte, doch der Wald hatte kein Ende. Stattdessen geriet sie noch tiefer hinein.
Langsam wurde es dunkel, der Tag neigte sich dem Ende zu. Die letzten hartnäckigen und unerschrockenen Vögel verstummten, auch der Wind legte sich und Totenstille griff um sich. Stefanies Herz schlug schneller, kalter Schweiß rannte ihre Stirn hinunter, über ihre Augen, an ihrem Rücken herab. Noch kämpfte sie sich weiter durch das Gestrüpp, aber sie war kurz davor, ihre Nerven wegzuwerfen. Schon bald konnte sie die dunklen Baumstämme im fahlen Licht nur noch als Schatten wahrnehmen.
Schließlich gelangte sie zu einer kleinen Lichtung. Für sie bedeutete diese Lichtung eine Zufluchtsstätte vor der Mauer an Bäumen, vor den dichten Büschen, dem wurzelbedeckten Boden. In der Mitte der Lichtung lag ein großer Stein, oder eher schon ein Felsen. Er versprach Ruhe und die Möglichkeit, sich hinzusetzen und die Füße ein wenig baumeln zu lassen.
Ihre Fußsohlen brannten, sie musste schon seit mehr als vier Stunden gelaufen sein. Um halb drei Uhr nachmittags war sie losgezogen, dunkel wurde es zu dieser Jahreszeit etwa um sieben Uhr. Langsam müssten sich auch ihre Eltern Sorgen machen. Stefanie war zwar oft lange unterwegs, aber fast immer kam sie vor Einbruch der Dunkelheit zurück. Und falls nicht, so wussten ihre Eltern für gewöhnlich zumindest, wo sie war; entweder beim Schmöllerbauern in Grödig, den sie oft besuchte und der sie mit Apfelsaft und alten Sagen vom Untersberg versorgte oder beim Ponyhof in Rif, wo ihre beste, ihre einzige Freundin Karla wohnte oder bei ihrem Onkel Peter im „Guten Hirschen“, der das alte Wirtshaus ihrer Großeltern führte.
Doch nun war sie weder beim Schmöllerbauern, noch bei Karla, noch bei Onkel Peter – sie war stattdessen in der Mitte von nirgendwo, sie hatte sich verlaufen. Das war ihr zuletzt vor fünf Jahren passiert, als sie als neugierige Achtjährige von zu Hause ausgebüchst war um den Untersberg zu besteigen. Sie hatte es nicht einmal bis zum Fuße des Berges geschafft. Der Pfarrer vom Nachbarort hatte sie damals schließlich an einem kleinen Bach gefunden, wie sie ihre Füße ins Wasser baumeln hatte lassen.
„Nu, kleines Mädchen, was machst du hier?“ Im Blick des Pfarrers war die Erleichterung, sie gefunden zu haben, erkennbar gewesen.
„Ich ruhe mich aus. Ich möchte auf den Berg gehen, da ist es schön. Wenn meine Füße nicht mehr so weh tun, dann gehe ich weiter.“
„Aber der Berg ist hoch, da kommt man nicht so ohne weiteres hinauf. Du bist die doch kleine Stefanie, nicht wahr?“
„Ich bin Stefanie, aber ich bin schon groß!“
„Stefanie, deine Eltern suchen dich, sie haben alle Leute in der Gegend verständigt. Sie machen sich Sorgen.“
„Ach, die brauchen sich keine Sorgen machen. Nicht um mich, ich kann schon auf mich aufpassen.“
So war es immer gewesen, Stefanie passte schon auf sich auf. Vielleicht war sie anderen Kindern in ihrem Alter voraus, vielleicht war sie einfach nur unbedacht. Nun, in dieser misslichen Lage, in diesem gespenstischen Wald, dachte sie eher das Letztere von sich. Sie schalt sich eine Närrin, eine unaufmerksame Träumerin, eine Idiotin. Idiotisch war es, in einen Wald zu gehen, den man nicht kannte.
Sie schlug sich durch die letzten Büsche vor der Lichtung. Bald könnte sie eine Rast auf dem Stein einlegen, sich ein wenig beruhigen, neue Pläne schmieden. Diese neuen Pläne konnten durchaus auch eine Nacht im Wald beinhalten; sie wusste, wie schlecht die Chancen waren, heute noch nach Hause zu finden.
Die Lichtung bestand aus einer Wiese, die kreisförmig mit einem Durchmesser von etwa dreißig Metern wie in den Wald hinein geschnitten schien. Kein einziger Busch bedeckte die Wiese, keine Blumen, nicht einmal Unkraut. Lediglich der große Stein in der Mitte hob sich vom Gras ab. Auch war die Wiese sehr dunkel, was nicht nur an der hereinbrechenden Nacht lag. Vielmehr lag die fast ockerfarbene Färbung am Morast. Die Wiese war sumpfig und nass. Stefanie sackte bei ihrem ersten Schritt fast knöcheltief ein.
Sie zögerte. Sollte sie sich tatsächlich durch diesen Sumpf plagen und ihre Schuhe versauen? Andererseits lockte sie der Stein sehr. Er war rund geschliffen und sah richtig gemütlich aus. Was soll’s, dachte sie sich, schmutzig sind die Schuhe ohnehin schon, da kommt es auf ein bisschen Matsch auch nicht an.
Sie ging weiter. Mit jedem Schritt sank sie ein paar Zentimeter ein, der Schlamm saugte ihre Schuhe in die Erde, mit einem widerlichen „Pflatsch“ zog Stefanie sie wieder heraus. Auch drohte sie ihre Schuhe bei jedem Schritt zu verlieren. Sie trug gemütliche Lederschuhe ohne Schnürsenkel, auch trug sie aufgrund der warmen Frühlingstage keine Socken. So hatten die Schuhe schon grundsätzlich keinen guten Halt und durch den Sumpf artete jeder Schritt in einem Kampf um die Schuhe aus.
Sie war schon etwa zehn Meter weit gekommen. Das Gehen auf diesem Untergrund war mühsam, sie schwitzte. Noch etwa fünf Meter trennten sie von dem Stein, doch der Boden wurde schlechter. Nun sank sie schon bis über die Knöchel ein. Noch ein Schritt. Und noch einer. Vielleicht noch zehn Schritte. Gleich ist es geschafft. Nur noch ein wenig durchhalten.
Wieder sank ihr rechter Fuß ein, diesmal etwa fünfzehn Zentimeter. Der Fuß saugte sich in den Boden, widerlich kalter Schlamm umspülte ihre Knöchel. Sie fühlte etwas Eigenartiges am Knöchel. Als hätte sie etwas berührt. Vielleicht eine Wurzel. Oder ein kleiner Ast. Oder ein Finger. Sie verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Törichtes Mädchen!
Angestrengt versuchte sie, ihren Fuß aus dem Schlamm zu ziehen, als eine kalte Hand sie von unten am Knöchel packte. Sie schrie auf. Das war unmöglich, so etwas konnte es nicht geben. Eine Täuschung, eine Halluzination! Sie musste an einer Wurzel hängen geblieben sein. Aber warum fühlte sie dann Finger: Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger, kleiner Finger? Und wie konnte eine Wurzel oder ein Ast schnell loslassen und wieder zuschnappen auf der Suche nach besserem Griff? Verzweifelt versuchte sie sich zu befreien, doch die Hand hielt ihren Fuß in einer eisernen Umklammerung. Sie zog und zerrte, doch ihr Fuß bewegte sich keinen Zentimeter aus dem Sumpf heraus.
Sie blickte nach unten. Sumpfiger Boden, Erde. Ihr rechter Fuß, der in dieser Erde verschwand. Mehr konnte sie nicht erkennen. Diese Hand war tatsächlich unter der Erde. Dieser Mensch, wenn es überhaupt ein Mensch war. Denn wie konnte dieser unter der Erde liegen und nach ihrem Fuß schnappen? Eine Höhle vielleicht. Eine Höhle unter der Erde und dieser Mensch greift durch die Decke der Höhle nach ihrem Fuß. Nein, sie wusste, dass es keine Höhle war. Und sie wusste auch, dass es kein Mensch war, der sie festhielt. Die Hand fühlte sich in ihrer Form menschlich an, doch war sie das nicht. Das wusste sie. Manche Menschen nennen das eine Vision; andere, die Visionen für Humbug halten, eine Intuition, sie wusste es jedenfalls. Kein Mensch, kein Mensch, kein Mensch, kein Mensch – ihr Denken war nur von diesen zwei Wörtern besessen. Kein Mensch, kein Mensch, kein Mensch.
Wieder unternahm sie einen verzweifelten Versuch, ihren Fuß zu befreien. Sie sprang in die Höhe, aber als hätte die Hand das geahnt, wurde sie brutal nach unten gerissen und sie stürzte auf die Knie. Ihre linke Hand versank im Schlamm. Sie sah das Bild einer körperlosen Hand, die gierig durch den schmatzenden Morast nach oben stoßend auf ihre versunkene linke Hand zuschoss. Schnell zog sie ihre Hand aus dem Schlamm und es war ihr, als sähe sie eine halbe Sekunde später weiße Fingerkuppen aus der Erde ragen. Diese Fingerkuppen, wenn sie überhaupt da waren, verschwanden ebenso schnell wieder wie sie gekommen waren. Stefanie atmete auf, ihre linke Hand gehörte immer noch ihr. Ihr Puls, der zuvor noch jenseits der hundertfünfzig Schläge gerast war, beruhigte sich ein wenig. Doch dann spürte sie wieder den Druck an ihrem rechten Knöchel. Die ganze Zeit über hatte dieser Druck kein einziges Mal nachgelassen.
Stefanie stand auf. Durch Springen konnte also nichts erreicht werden. Vielleicht führte langsames, aber stetiges Ziehen zum Erfolg. Sie versuchte nun, ihren rechten Fuß vorsichtig aus dem Schlamm zu ziehen. Und tatsächlich, langsam konnte sie den Fuß einen, dann zwei, drei, vier Zentimeter nach oben ziehen. Die Hand ließ nicht los, ging aber mit nach oben. Noch ein Zentimeter, noch einer. Schon hatte sie ihren Fuß bis knapp über den Knöchel befreit. Dann noch ein Zentimeter, der Knöchel. Sie fühlte Luft an ihrem Fuß, ein gutes Gefühl. Sie konnte es schaffen. Sie würde es schaffen. Schließlich war sie ein großes Mädchen, sie konnte die Dinge alleine richten.
Die ganze Zeit über hatte sie den Wald um sie herum fixiert. Sie konnte in der Dunkelheit kaum etwas sehen, die Bäume ließen sich nur als dunkle, große Schatten erahnen. Während sie arbeitete, ihren Fuß Stück für Stück aus dem Morast zog, biss sie sich angestrengt auf die Lippen. Bald fühlte sie, wie ein Blutstropfen an ihrer Lippe hing. Sie kniff die Augen zusammen, schleckte den Tropfen weg und arbeitete weiter.
Der Knöchel lag ganz frei, sie fühlte, wie die Luft ihn umspielte. Noch die Ferse, den Rist, gleich ist es geschafft. Immer noch fühlte sie die Hand, die ihren Fuß bei dem Knöchel fest umfasste. Sie blickte nach unten.
Es war stockdunkel. Ihr Rücken war kalt und nass. Ihre Haare klebten am Boden, hatten den Schlamm aufgesogen. Sie versuchte, den Kopf zu heben, doch ihr war schwindlig. Außerdem fehlte ihr jegliche Orientierung. Sie lag auf dem Rücken in etwas Kaltem, Nassen mitten in der dunkelsten Nacht. Sie lag im Freien. Der Mond war halb durch Wolken verdeckt, auch ein paar Sterne konnte sie in den Löchern der Wolkendecke erkennen. Der Abendstern. Der Gürtel des Orion. Sie kannte sich in Astronomie ein wenig aus, ihr Vater hatte ihr letztes Jahr ein Buch über Sternenkunde geschenkt, nachdem sie wochenlang darum gebettelt hatte.
„Weiß nicht, wozu das gut sein soll“, hatte er gebrummt, doch schließlich hatte sie ihren Willen durchgesetzt.
Dort, der kleine Bär!
Das Sternbild des Steinbocks!
Sie hob ihre Hand und malte die Linien mit dem Zeigefinger nach.
Sie hob Ihre Hand.
Ihre Hand. Ihre Hand!
Die Erinnerung brach unbarmherzig wie eine Flutwelle über sie herein und ihr Herz zog sich zusammen. Die Hand! Sie hatte sie gesehen! Diese Hand, die sie fest umklammerte, die sie immer festhielt. Als sie ihren Fuß aus dem Schlamm gezogen hatte, Zentimeter für Zentimeter, hatte sie kurz nach unten geblickt. Und sie hatte die Hand gesehen. Dieser Anblick würde sie nun für immer verfolgen, unter Tags, wenn sie durch Wälder ging, in der Nacht in ihren Träumen. Das wusste sie. Es gibt Dinge, die man nicht vergessen kann, so sehr man sich das auch wünscht.
Zuerst hatte sie strahlend weiße Fingerkuppen gesehen, die ihn langen, grauen Nägeln (wie von einem Tier) endeten. Ihr Blick war diesen Fingerkuppen weiter nach unten gefolgt. Die Finger sahen abgenagt aus. Es hatte ein paar Sekunden gedauert, bis sie begriffen hatte, dass das Fleisch an den Fingern verwest war. Die Knochen hatten in der beginnenden Dunkelheit phosphoreszierend geleuchtet. Wie kleine, weiße Leuchtstäbchen. Weiters: Die Handknöchel. An den Knöcheln von Zeigefinger, Mittelfinger und dem kleinen Fingern hingen Klumpen von grauem Fleisch. Vom Ringfinger und vom Daumen waren nur noch die Knochen vorhanden. Dann: Die Handfläche. Die wenigen Stellen, die noch von Fleisch bedeckt waren, sahen grau und alt aus. Eine kleine Made bohrte sich durch den kümmerlichen Rest an Fleisch. Stellenweise bedeckte ein flaumiger, weißer Pilz die Hand. Und überall Sehnen wie Würmer, die sich im Griff nach ihrem Fuß spannten.
So sah die Hand aus.
Wen wundert es, dass sie bei diesem Anblick weggekippt war?
Blankes Entsetzen lähmte sie beim Gedanken an die Hand. Sie spürte, wie diese langen, grauen Nägel sich in ihren Fuß bohrten und ihre Haut aufritzten.
Die tote Hand.
Sie wollte nicht wissen, wie der zu der Hand gehörende Körper aussah.
Sie setzte sich auf und rieb ihre Schultern, die verspannt und verknotet waren. Auch ihr Hals war steif. Sie musste wohl eine Zeit lang in einer unbequemen Position gelegen sein. Den Kopf verdreht, halb auf der linken Schulter liegend, die Arme weit ausgestreckt, das linke Bein nach außen verdreht, das rechte Bein bis zum Knie in die Höhe, dann hinunter in die Erde. Ein Wunder, dass nicht noch mehr schmerzte.
Wie spät mochte es wohl sein? Der Mond war nun hinter einer dichten Wolkendecke verschwunden so wie alle Sterne. Der Himmel musste mittlerweile vollständig bedeckt sein. Sie konnte also nicht die Gestirne zur Bestimmung der Zeit zur Hilfe nehmen. Auch eine Uhr hatte sie nicht. Es war immer noch stockdunkel, allzu lange konnte sie also nicht bewusstlos am Boden gelegen sein. Zumindest nicht lange genug, um die Nacht schon überstanden zu haben.
Am Morgen, wenn die Sonne kommt, würde alles wieder gut werden. Sie würde sich recken, sich den Schmutz von der Kleidung klopfen und nach Hause gehen. Dort würden ihre Eltern bereits ungeduldig auf sie warten und sie in die Arme schließen. Vielleicht setzte es eine Standpauke, aber die hatte sie wohl auch verdient. Sich in der Nacht im Wald herumtreiben – so etwas macht man schließlich auch nicht. Dummes Mädchen! Das gibt Hausarrest für die nächsten vier Wochen! Dummes Mädchen.
Und wenn die Hand nicht von alleine losließ? Wenn sie gegen die Sonne immun war? Die Hand hatte Zeit, sie war schließlich schon tot. Die Hand hatte alle Zeit der Welt, konnte Stefanie aushungern und verdursten lassen. Und dann würde sie etwas energischer ziehen. Sie würde die Knöchel noch fester umfassen und ziehen, ziehen, ziehen, bis das rechte Bein unter der Erde war, dann die rechte Hüfte, auch das linke Bein rutscht nach, weiter ziehen, kräftig und bestimmt, dann der Bauch, der Oberkörper, der Hals, der Mund, die Nase, ziehen, ziehen, dann die toten Augen, die Stirn, die Haare und zuletzt würden die Arme und Hände hoch gestreckt in den Waldhimmel im braunen Morast versinken. Nichts würde daran erinnern, dass hier ein blondes, dreizehnjähriges Mädchen gelegen hatte, ängstlich und verstört, hungrig, durstig und schwach bis es tot war.
Die Hand hatte Zeit. Stefanie fühlte, wie sie auf den richtigen Augenblick lauerte. Noch war Stefanie stark, aber sobald ihr Lebenswille gebrochen war, würde die Hand unbarmherzig zuschlagen. Fette Beute, hörte Stefanie sie schmatzen, gutes Mädchen, fette Beute!
Es begann zu regnen. Zunächst nur ganz leicht, es war mehr ein Nieseln, dann wurde der Regen stärker. Bald war Stefanie bis auf die Haut durchnässt. Der ohnehin schon nasse und sumpfige Boden unter ihr verwandelte sich in ein Swimmingpool aus Matsch und Stefanie konnte ein Einsinken nur verhindern, indem sie sich flach auf den Boden legte. Immer wieder kontrollierte sie, ob auch tatsächlich noch alle ihre Gliedmaßen frei beweglich waren. Nur nicht einsinken! Nicht noch einen Arm oder den zweiten Fuß an diese grauenvolle Hand verlieren. Sobald die Hand noch etwas packen konnte, war Stefanie verloren. Den einen Fuß hoffte sie irgendwann befreien zu können, aber wenn sie zwei Glieder verloren hatte, dann war Schluss.
Doch wie wollte sie ihren Fuß befreien?
Bevor sie ihr Bewusstsein verloren hatte, hatte sie den Fuß durch stetiges, langsames Ziehen schon fast befreit gehabt. Dann hatte sie nach unten geblickt und die Hand gesehen. Doch nun wusste sie, wie diese aussah. Der Anblick war schrecklich, aber diesen erschreckenden Effekt wie beim ersten Mal konnte er nicht mehr verursachen. Wenn sie nun wieder langsam zog, ihren Fuß Stück für Stück befreite. Das konnte gelingen. Noch einmal würde sie der Anblick von vermodertem Fleisch und ein paar Knochen nicht aus den Schuhen kippen lassen. Sie lachte auf. Du Hand, nun kannst du was erleben! Du denkst, du hast mich? Falsch gedacht!
Sie zog wieder langsam, aber kraftvoll. Der Fuß rückte ein Stück in die Höhe, vielleicht zwei Zentimeter. Das war nicht viel, aber dennoch Erfolg versprechend. Ein paar Minuten lang ziehen, dann würde dieser Alptraum ein Ende haben. Sie zog weiter und konnte wieder einen Zentimeter befreien. Durch die Anstrengung verfärbte sich ihr Gesicht rot, Schweißtropfen rannen über ihre Stirn, ihre Augen und ihre Wangen. Sie musste eine kurze Pause einlegen. Eine Minute lang rasten, dann konnte es weitergehen. Sie atmete tief durch.
In diesem Moment fühlte sie, wie die Hand ihren Fuß losließ.
Sie konnte es kaum glauben. Völlig perplex verharrte sie, sie fühlte sich fast einsam. Konnte es sein, dass sie sich an die Gegenwart dieser abscheulichen Hand gewöhnt hatte?
Sie wollte ihren Fuß gerade aus dem Schlamm ziehen, als sich lange Fingernägel in ihren Fuß oberhalb des Knöchels bohrten. Die messerscharfen Nägel rissen die Haut auf und vergruben sich im Fleisch von Stefanies Fuß. Sie schrie vor Schmerz laut auf. Und weiter wühlten sich die krallenartigen Fingernägel durch ihr Fleisch, tiefer und tiefer. Der Schmerz schoss wie eine Stichflamme von ihrem Knöchel ihr Bein hinauf, über die Hüfte bis in ihren rechten Arm. Stefanies erster panischer Schrei ging in ein heiseres Gekreische über, sie schlug wie wild um sich, sie zog und zerrte an ihrem Bein, doch die Hand ließ nicht locker. Stefanie fühlte, wie ein Fingernagel an ihrem Schienbeinknochen schabte. Dieses Schaben ließ ihren Körper erschüttern und wieder wurde ihr schwarz vor den Augen.
Sie lief mit großen Sprüngen über eine saftig grüne Wiese. Sie lachte dabei laut auf, ihr Lachen erklang glockenhell und schien sich über die ganze Wiese zu verteilen. Der Wind bauschte ihr schneeweißes Kleid auf und sie fühlte, wie die Luft an ihren nackten Beinen entlang strich. Sie atmete tief die klare Luft des Landes ein. Es strömte kalt ihren Hals hinunter und ihre Lungen füllten sich geräuschvoll. Dann wieder ausatmen. Sie war völlig frei und unbeschwert, drehte sich im Kreis, genoss jeden Augenblick.
Die Wiese schien unendlich zu sein. Nirgends standen Bäume oder Sträucher, nur grüner Rasen erstreckte sich bis zum Horizont. Der Himmel war intensiv tiefblau, vereinzelt standen weiße Schäfchenwolken wie in das Blau des Himmels gemalt. Sie fühlte das Prickeln der Sonnenstrahlen in ihrem Rücken, drehte sich zur Sonne hin und schloss die Augen. Die Sonne strahlte in ihr Gesicht, sie fühlte die Sonne durch ihre geschlossenen Lider hindurch brennen. Die Wärme der Sonne erzeugte einen angenehmen Kontrast zu dem eher kühlen Wind, der immer noch ihre Beine umspielte.
Sie kannte die Wiese nicht. Es war nicht eine von denen, auf denen sie spazieren ging. Es war keine Wiese in der Umgebung ihres Heimatortes. Überhaupt, eine dermaßen große Wiese hatte sie noch nie gesehen. Dennoch war ihr die Wiese auf eine seltsame, unterbewusste Art vertraut, wie ein deja vú, aber ohne von einer blitzenden Erkenntnis getroffen zu werden, sondern als eine Art stetigen Beinahe-Wiedererkennens. Sie fühlte sich heimisch, ohne es zu sein. Das Gras unter ihren Füßen, der Wind unter ihrem Kleid, die Sonne in ihrem Gesicht – all das war ihr überdeutlich bewusst in einer nicht gekannten Intensität und Schärfe.
Wieder drehte sie sich, die Arme weit ausgebreitet, bis sie die Sonne in ihrem Rücken spürte. Sie öffnete die Augen. Das Bild, das vor ihr lag, war unverändert: Eine unendlich weite und saftig grüne Wiese, ein tiefblauer Himmel, strahlend weiße Wolken. Es schien, als gäbe es nichts anderes auf der Welt als diese Wiese und diesen Himmel – ein Gedanke, der ihr gefiel.
Doch plötzlich verdunkelte sich der Himmel, die eben noch vereinzelt stehenden weißen Schäfchenwolken verdichteten sich zu einer gewaltigen grauen Masse. Der Wind nahm zu, blies stärker und aggressiver, zwang sie in die Knie. Die grünen Grashalme auf der Wiese starben ab, vertrockneten zu einer knittrigen graubraunen Masse, der Boden sah verbrannt aus. Vereinzelt zuckten Blitze hysterisch am nunmehr fast schwarzem Himmel. Sie hatte Angst.
Am Horizont sah sie nun schwarze Bäume, die im Kreis um die abgestorbene Wiese standen und deren Wipfel im Wind einen schaurig-feurigen Tanz aufführten. Mit dem Wehen der Baumwipfel im Wind schien die Wiese zu schrumpfen und mit jeder Sekunde zog sich der Kreis der schwarzen Bäume enger um Stefanie zusammen. Sie konnte nun erkennen, wie die schwarzen, knorrigen Äste auf und ab wippten. Manche der pechschwarzen Blätter, die die Bäume bedeckten, fielen von den Ästen ab und flatterten hysterische Kapriolen im aufkommenden Sturm. Weiter zog sich der Kreis zusammen und einige der im Sturm tanzenden Blätter umspielten Stefanie, ohne sie jedoch zu berühren. Die vormalige Wiese, die nun vollständig zu einem harten, trockenen, grauen Boden verdorrt war, wurde immer noch kleiner, bis sie einen Durchmesser von etwa zehn Metern erreicht hatte. Manche der dürren, schwarzen Äste streckten sich nach Stefanie, konnten sie jedoch nicht erreichen. Noch nicht. Aber sie kamen näher, waren nun überall neben ihr, auch über ihr. Und als ein Ast sich widerlich schmatzend nach ihr streckte, verwandelte sich das Ende des Astes in eine verweste, tote Hand, die gierig alle Finger nach Stefanies Kehle streckten, während grellweiße Maden aus den Fleischresten tropften.
Sie schreckte aus ihrem Traum hoch.
Das Erste, was Stefanie empfand, war Erleichterung, noch am Leben zu sein. Dann schoss der Schmerz in ihrem rechten Fuß in ihr Bewusstsein zurück. Sie versuchte zu schreien, bekam aber nur ein kümmerliches Winseln zustande. Sie war geschwächt und fiebrig. Ihr Blut pulsierte heiß und schnell, kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn.
Sie versuchte sich aufzurichten. Noch immer war ihr rechter Fuß in den Fängen der Hand gefangen. Als sie sich bewegte, spürte sie wieder, wie ein Fingernagel an ihrem Knochen kratzte. Ein Schauer jagte über ihr Bein und ihren Rücken. Lieber liegen bleiben, so wenig wie möglich bewegen. So lange sie darauf achtete, dass ihr Fuß das Einzige war, was die Hand unter der Erde gefangen hielt, konnte sich ihre Situation zumindest nicht verschlechtern. Aber ob sie sich verbessern könnte? Stefanie empfand Trostlosigkeit. Sie hatte gekämpft und verloren. Es war aussichtslos. Ihr Fuß war verloren und damit auch sie selbst. Selbst wenn sie den Mut und die Kraft gehabt hätte, ihren Fuß zu amputieren, mit was hätte sie das durchführen können? Und wer hat schon den Mut und die Kraft zu solch einer verzweifelten Tat? Stefanie wusste, dass es ihr selbst bei einem geeigneten Werkzeug, einer Axt vielleicht, und der nötigen Portion Mut an der Kraft fehlen würde. Einmal kräftig auf das Bein gehackt, spüren, wie sich die Schneide in das Fleisch bohrt und den Knochen zertrümmert, wie die Axt vielleicht fünf Zentimeter tief eindringt, dann wäre sie wieder in Ohnmacht gefallen. Der Schmerz war auch so – ohne dem Versuch einer Selbstamputation – schlimm genug.
Was konnte sie also tun?
Sie dachte nach. Sollte sie einfach liegen bleiben und darauf hoffen, dass ihre besorgten Eltern sie suchten und fanden? Es war noch mitten in der Nacht, soweit sie das erkennen konnte, wahrscheinlich – wenn überhaupt – konnte sie erst bei Tageslicht gesucht werden. Bis sie dann tatsächlich gefunden wurde, konnten einige Tage vergehen. Sie hatte keinen Proviant, keine Jause mitgenommen. Sie war sich nicht sicher, wie lange ein Mensch ohne Nahrung und ohne Wasser auskommen kann. Sie glaubte zu wissen, dass man ohne Wasser einige Tage überleben konnte, vielleicht zwei, vielleicht aber auch fünf oder acht. Das Risiko war ihr aber zu groß. Außerdem hatte sie starke Schmerzen im Fuß, die Wunde, in der sich die Hand festkrallte, schien sich zu entzünden. Kein Wunder, ist doch alles vergammelt! Sie dachte mit Widerwillen an den Anblick der Hand. Der Gedanke, dass sich die kleine Made, die zwischen Daumen und Zeigefinger im toten Fleisch herumgekrochen war, nun durch ihren Fuß bohren könnte, machte sie wahnsinnig.
Sie musste etwas tun. Sie konnte nicht darauf warten, dass eine wundersame Rettung erfolgte. Es war besser, wenn sie die Dinge selbst in die Hand nahm. Nur was tun? Ihre Lage war sehr böse. Sie konnte ihren Fuß nicht herausziehen, zu tief hatte sich die Hand in ihren Fuß gerissen.
Konnte sie vielleicht jemanden auf sich aufmerksam machen? Durch lautes Schreien? Wenn sie all ihre Kraft bündelte und in einen markerschütternden Schrei legte? Doch es war aussichtslos, sie war hier mitten in der Nacht in einem schier unendlich großen Wald in der Mitte von Nirgendwo. Wer außer den Eulen sollte sie hören?
Sie war verzweifelt. Sie wusste, dass sie unrettbar verloren war an diese grässliche Hand. Sie würde sterben, hier in diesem Sumpf, in dieser tiefschwarzen Nacht. Zum ersten Mal, seit dieser Alptraum begonnen hatte, weinte Stefanie.
Es war mehr ein Wimmern als ein richtiges Weinen, zu mehr war sie nicht im Stande. Sie dachte an ihre Eltern, ihren Vater, der immer mürrisch schien, der seiner Tochter, wenngleich nach langem Tauziehen zwar, aber doch jeden Wunsch erfüllte. Ihre Mutter, die so viel Liebe für die Tiere auf ihrem Bauernhof übrig hatte, dass sie jedes Mal bittere Tränen vergoss, wenn eines der Hühner oder ein Kaninchen einem Festbraten zum Opfer fiel. Sie dachte an Lilly, ihre Lieblingskuh im Stall, mit ihren großen, braunen Augen, die so viel verständnisvoller blickten als es Menschenaugen tun konnten. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie eine frisch gemähte Wiese roch, wie der saftige Schweinsbraten ihrer Mutter schmeckte, wie sich das Heu auf dem Schober anfühlte, wenn sie sich dort nach einem anstrengenden Tag ausruhte. Teilweise gelang es ihr: Sie schmeckte den vollen Geschmack des Fleisches übergossen mit dem besten Bratensaft der Welt, wie sie immer meinte, auf ihrer Zunge. Sie glaubte den intensiven, frischen Geruch einer gemähten Wiese zu riechen und wenn sie die Augen schloss, dann kitzelten Heuhalme ihren Rücken und ihre nackten Arme. Doch darunter lag das Dunkle, das Bedrohliche der Realität: Der Geschmack von Schlamm auf ihrer Zunge, der Geruch von Morast und verfaultem Fleisch, die eklige Nässe des Bodens auf ihrem Rücken. Und überall der Schmerz, der sich von ihrem Fuß ausgehend über den ganzen Körper verteilte.
Die Hand schien sich in Stefanies Fuß wieder ein wenig zu bewegen. Sie stöhnte laut auf. Bitte mach, dass es aufhört, bitte mach, dass es aufhört, bitte mach, dass es aufhört. Wie lange sollte sie noch hier liegen, worauf sollte sie noch warten? Wenn sie von der Hand schon nicht loskam, wieso setzte die Hand ihr nicht einfach ein Ende? Alles schien ihr erträglicher zu sein als der Schmerz in ihrem rechten Fuß und die Gewissheit, dass es kein Entrinnen gab. Der Tod erschien nun verlockend, eine Erlösung von ihren Qualen.
Und wenn die Hand nun nicht die Kraft hatte, Stefanie hinunterzuziehen in das schlammige Grab? Wenn sie sich in einer Pattsituation befanden: Stefanie unfähig, den Fuß aus der Umklammerung der Hand zu ziehen, die Hand unfähig, Stefanie unter die Erde zu zerren? Wenn die Hand sie wirklich aushungern und verdursten lassen wollte? Stefanie wusste nicht, wie lange sie bei klarem Verstand bleiben konnte. Die Nacht war nicht mehr ganz so dunkel, es wurde langsam Morgen. Eine ganze Nacht lang war sie nun schon gefangen, davon die meiste Zeit bewusstlos. Wie viele weitere Tage und Nächte konnte sie überstehen, ohne den Verstand zu verlieren?
Und wenn sie sich die Pulsadern aufbiss?
Schnell und entschlossen handeln, einmal kurz die Zähne vergraben und alles hatte ein Ende.
Verlockend.
Sie hatte scharfe Zähne, das wusste sie. Einmal hatte sie Karla an einen Baum gefesselt, sie hatten Winnetou gespielt und Karla war das Halbblut gewesen, das an den Marterpfahl kommen sollte. Stefanies Knoten waren beeindruckend gut, sie hatte sie nicht mehr öffnen können. So hatte sie das drei Zentimeter starke Seil durchgebissen. Sie hatte zwar einige Mühe damit gehabt, aber ihre Zähne hatten sich schließlich als scharf genug herausgestellt.
Ja, mit einem Ruck die Pulsader aufbeißen und sie hatte der Hand ein Schnippchen geschlagen. Selbst über das eigenen Schicksal entscheiden, selbst die Todesart wählen, das war es, was Stefanie noch blieb. Darüber hatte die Hand keine Kontrolle.
Sie stellte sich die Wut der Hand vor, wenn diese feststellte, dass sie nur noch ein totes Stück Fleisch umklammerte. Der Gedanke, diese tote, kalte Hand wütend zu machen, gefiel ihr.
Sie wollte es tun. Sie wollte diesen einzigen Ausweg nehmen, der ihr noch offen blieb aus ihrer trostlosen Situation. Keine Schmerzen mehr. Keine eisige Umklammerung einer verwesten Hand mehr. Kein morgen. Keine Familie. Keine Freunde. Keine Geschichten mehr vom Wilden Westen. Keine Schule. Kein Hannes Gerber, der ihren Kopf zwischen seinen Händen hielt und sie aus seinen intensiven graugrünen Augen ansah.
Aber ein Ausweg.
Sie blickte auf ihre Arme, die sie in der Dunkelheit nur schemenhaft wahrnehmen konnte. Welchen sollte sie nehmen, den rechten oder den linken? Sie entschied sich nach einiger Überlegung schließlich für den rechten Arm. Ihr gefiel die Symbolik, die dahinter steckte. Die Hand hatte sie durch den Griff an den rechten Fuß gefangen genommen, mit einem Biss in den rechten Arm würde sie sich wieder befreien.
Sie fühlte den Drang, an ihrem Arm zu lecken und tat es. Salzig. Ein wenig sumpfig. Wie würde es schmecken, wenn sie hinein biss?
Stefanie legte ihren Mund, ihre Zähne, um die Stelle des rechten Unterarms, unter der sie die Pulsader vermutete. Ihre Zungenspitze ertastete die salzige Haut ihres Armes. Die Zähne gruben sich ein wenig ins Fleisch, so dass Druckspuren entstanden.
Nicht darüber nachdenken, es einfach tun, dem Grauen ein Ende setzen.
Sie biss zu.
Ihre Zähne gruben sich in ihren Unterarm und ritzten die weiche, aber dehnbare Haut auf. Blut sickerte in dünnen Rinnsalen aus den kleinen Wunden und benetzte ihre Lippen. Nach dem ersten Schock, der ihren Körper schüttelte, die Erkenntnis: Nicht tief genug! Sie hatte zu zögerlich zugebissen.
Sie ließ von ihrem Arm ab und betrachtete die Stellen, an denen die Zähne in ihr eigenes Fleisch gedrungen waren. Im ersten Moment hatte sie keinen Schmerz verspürt. Dann aber, nach einigen Augenblicken, fühlte sie das Pochen des Blutes in den Wunden, der Schmerz setzte ein. Kein Schmerz der Welt schien ihr vergleichbar zu sein mit dem, der von ihrem rechten Fuß ausging, doch taten die kleinen Wunden am Arm das Übrige, um sie vollends in eine Wolke nebligen Schmerzes zu führen. Sie nahm ihre Umgebung kaum noch war. Sie sah das Blut nicht, das von ihrem rechten Arm nun, nach dem ersten Adrenalinschub, der ihre Blutgefäße verschlossen hatte, in größerem Schwall nach außen drängte. Ihre einzige Wahrnehmung war Schmerz, überall. Sie stemmte sich gegen eine drohende Ohnmacht. Nicht schon wieder, ich muss durchhalten. Doch wozu eigentlich? War es nicht verlockender, sich dem Schmerz vollends hinzugeben und in eine andere Bewusstseinsebene zu gleiten? Sie war schon tot, ihr verzweifelter Biss in ihren Arm war lediglich Versuch, das Unausweichliche zu beschleunigen. Doch, da sie gescheitert war, fehlte ihr jegliche Motivation zu einem weiteren Versuch. Solle doch kommen, was wolle.
Gedankenverloren leckte sie wie eine Katze ihre Wunden und legte sich wieder flach auf den Boden. Sie wartete.
Langsam wurde es heller. Bis Sonnenaufgang konnte es nicht mehr lange dauern. Stefanie hatte die Nacht tatsächlich überstanden. Sie lag immer noch auf dem Boden. Sie wusste nicht, wie lange sie schon so lag. Sie hatte im Laufe dieser dunklen, alptraumhaften Nacht jegliches Zeitgefühl verloren. Sie hatte an nichts Besonderes gedacht, meistens dumpf in die Schwärze über sie gestarrt. Einzelne bildhafte Gedankenfetzen waren manchmal durch ihren Kopf geschossen: Hannes, wie er zum Schuss ansetzte, ihre Mutter, die in der Küche hantierte, Vater beim Kühe melken, Klara auf ihrem Lieblingspferd Paul, einem gewaltigen Wallach, ein riesengroßer, duftender Schweinsbraten, in der Sonne über Wiesen laufen, im Bett liegen mit einem Karl-May-Buch, Hannes, der ihren Kopf zwischen seine Hände nahm und ihr prüfend ins Gesicht blickte und immer wieder die schreckliche Hand und die kleine, weiße Made. Aber größtenteils beschränkte sich Stefanie darauf, an nichts zu denken. Denken machte sie müde.
Doch nun, mit zunehmender Helligkeit, kehrten auch langsam ihre Lebensgeister zurück. Sie fühlte sich stärker und, als die ersten Sonnenstrahlen, über das Blätterdach des Waldes auf die kleine Lichtung fielen, auch wieder willig, den Kampf gegen die Hand erneut aufzunehmen. Ein neuer Tag, dieser Gedanke gab ihr Kraft und Mut.
Sie setzte sich auf und rieb ihre müden Glieder. Die Wunden an ihrem Arm fingen bereits an zu verkrusten. Die Wunden pochten dumpf, aber nicht unangenehm. Anders verhielt es sich mit der Wunde an ihrem Fuß, in die sich die Hand mit ihren spitzen Fingernägeln gegraben hatte und die sich offensichtlich entzündet hatte. Auch war Stefanie immer noch leicht fiebrig. Doch sie fühlte sich bereit weiterzukämpfen. Sie gönnte sich noch eine kurze Pause, Zeit, sich für den Tag zu wappnen, bevor sie an Schlachtpläne dachte. Sie saß fast friedvoll am Boden und blinzelte in die Sonne. Wie sehr liebte sie das Tageslicht! Ihr war es früher nur nicht so bewusst gewesen. Man nimmt das Sonnenlicht für etwas Gegebenes und Alltägliches, man verschwendet normalerweise keinen Gedanken daran. Doch wenn man, so wie Stefanie, einmal fürchten muss, das Tageslicht nie mehr erblicken zu können, dann weiß man, was man daran hat. Es ist wie bei allem: Den wahren Wert einer Sache erkennt man erst dann, wenn man sie nicht mehr hat.
Also wieder auf in den Kampf! Sie wusste nun auch, worum sie kämpfen wollte. Sie wollte um ihr Recht kämpfen, die Sonne noch öfter aufgehen zu sehen. Das war ihre Motivation, keine andere wäre besser gewesen. Aber mit welchen Mitteln wollte sie diesen Kampf bestreiten? Der Gegner erschien übermächtig stark, zudem war er durch den Schlamm unsichtbar. Er war eingegraben im Sumpf. Wie sollte man gegen unsichtbare Gegner kämpfen? Indem man ihn sichtbar macht.
Der Blitz der Erkenntnis traf Stefanie, sie richtete sich kerzengerade auf. Die Hand war eingegraben im Sumpf. Und wenn sie diese Hand nun ausgrub?
Das war es! Wie hatte sie nur so blind sein können? Die Lösung war doch offensichtlich. Sie würde ihren Fuß einfach ausbuddeln und mit ihm die Hand, sie würde die Hand ans Tageslicht holen und dann
und dann
abhacken!
ausreißen!
Und wenn sie sich jeden grässlichen, madenversuchten Finger einzeln vorknöpfen musste! Es lag nur an ihrer Willenskraft und die war nun, dank des Sonnenlichtes, wieder erstärkt. Ausgraben, draufschlagen, ziehen und zerren, wenn nötig reinbeißen. Aber am Ende des Tages würde die Hand keine Wunden mehr in Füße schlagen, da sie dann selbst zerrissen und zerstört sein würde!
Stefanie blickte grimmig auf ihr Bein, das im Morast verschwand. Sie stand auf und beugte sich hinunter, bereit zu graben, was ihre Hände und Arme hergaben. Mal sehen, wie dir das schmeckt.
Kurz, bevor sich ihre Finger in den Sumpf bohrten, zog die Hand energisch an ihrem Fuß. Sie schrie auf, zum einen aus Überraschung und zum anderen (was den Schrei in markerschütternde Höhen trieb) aus Schmerz, da sich durch das ruckartige Ziehen der Hand die Finger durch das Fleisch rissen, bevor sie den Fuß mit nach unten zogen. Stefanies rechtes Bein knickte ein und sie landete unsanft auf dem Hintern. Sie versuchte dagegenzuhalten, aber die Hand verströmte eine unbändige entfesselte Kraft, gegen die sie nicht ankommen konnte, gegen die niemand, auch der stärkste Mann nicht, ankommen hätte können. Sie hat die ganze Zeit über mit mir gespielt.Stefanies rechtes Bein verschwand verzweifelnd schnell im Morast. Schon steckte ihr Bein bis zum Knie unter der Erde. Stefanie wurde förmlich nach unten gerissen. Es hat ihr Spaß gemacht, mich leiden zu sehen.
Stefanie heulte auf, riss und zerrte an ihrem Bein, aber vergebens. Der Oberschenkel sank in den Boden und sie fühlte den kalten Matsch, der ihr rechtes Bein umhüllte. Sie warf sich von einer Seite auf die andere, aber nichts half. Sie kreischte in den schrillsten Tönen, dass sogar die wenigen Vögel im Wald, die zu ihrem Morgengezwitscher angesetzt hatten, verstummen. Sie fühlte, wie ihr Hintern versank. Sie versuchte, sich mit ihrem rechten Arm aufzustützen, was zur Folge hatte, dass der Arm ebenfalls im Sumpf verschwand. Die Hand zog nun schräg nach unten. So lag Stefanie seitlich auf dem sumpfigen Boden, wobei ihre rechte Seite fast vollständig unter der Erde war, während ihre linke Seite sich krampfartig aufbäumte und die Glieder wild in der Luft herumschlugen.
Der Hals.
Kalter Schlamm umspülte die rechte Seite ihres Halses. So kalt, so kalt, ich werde mich entzünden. Stefanie war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Sie war zu einer kreischenden, strampelnden linken Körperhälfte geworden.
Die Hand änderte die Richtung, in die sie zog, als gäbe es unterirdisch in ihrem toten Reich bestimmte Wege, denen man folgen musste.
Der Bauch.
Hintern und Bauch verschwanden vollkommen im sumpfigen Grab, während das linke Bein ab dem Knie grotesk in die Höhe stand.
Aufgrund der geänderten Zugrichtung nun das linke Bein, das seine spastischen Zuckungen aufgegeben hatte und still in der nassen Dunkelheit versank.
Die Brust.
Der ganze Hals. Zuvor war nur die rechte Hälfte des Halses in den Morast getaucht. Nun, da es wieder auf direktem Wege nach unten ging, folgte die linke Hälfte.
Weiter.
Tiefer.
Das Letzte, was Stefanie, nur halb bei Bewusstsein, wahrnahm, bevor der Schlamm über ihrem Gesicht zusammenschlug, war das Glitzern eines Wassertropfens, der an ihrem linken Augenlid hing.
Im ewigen Kältemeer hast du entbunden
und willst die Unsterblichkeit letztlich erlangen.
Doch du verendest im glitzernden Weiß
und musst deinem Kinde die Wärme verwehren.
Die Jahre, erbarmungslos hacken sie Wunden
dem wachsenden Sprössling, der zittert in bangen
Nächten des Zweifels: es fehlt der Beweis
für menschliche Regung – Du kannst nicht erklären.
Und während die Winde die Schollen erkunden,
sich dabei im Pelze des Schweigers verfangen,
dreht sich die Erde stets rastlos im Kreis
um deinen sich einsam bewegenden Bären.
Zuletzt hat er doch eine Flamme gefunden,
umarmt nun die Gletscher mit glühenden Wangen,
taut durch erhitztes Gemüte das Eis:
und es versinkt ein Polarbär in nasskalten Sphären.
Hier ist er! Mitten unter euch! Hängt ihn auf, er ist mit Satan im Bunde! Mit Satan! Schützt die Seelen eurer Kinder, knüpft ihn auf! Sucht einen starken Baum, an dem er baumeln soll! Satan ist sein Verbündeter, er ...
Die Falltüre öffnete sich, der blonde, knapp dreißigjährige Mann fiel. Sekunden später drehte sich sein Leichnam langsam um die eigene Achse. Mit einem milden Lächeln, das verfaulte gelbe Zähne offen legte, erwiderte der Richter den wütenden Blick des Erhängten.
Nur wenige Kilometer entfernt ergriff ein vielleicht zwanzigjähriges Mädchen den Dolch um sich endgültig der Kreatur in ihrem Keller zu stellen.
Lange Jahre
Formung ihres alten Willens.
Lange Jahre
Plastilin in seinen Händen.
edit: Habe nun, wie du, Margot, vorgeschlagen hast, die vorletzte Strophe gestrichen, in der letzten aus den Händen Augen gemacht (was das Ganze vielleicht noch ein wenig kühler und distanzierter beschreibt), weiters eine kleine Korrektur in Strophe 2 vorgenommen (nun: Leinwand) und in Strophe 3 werden nun Kreise geschlossen statt geformt.
hier noch eine meiner ersten Geschichten. Vor allem bin ich darauf stolz, die Geduld für die Länge aufgebracht zu haben ...
Falls hier keine Kommentare/Kritiken/Anregungen kommen, kann ich das gut verstehen ...
Grüße
Thomas
Das Nashorn
1
Man nannte mich „das Nashorn“. Einmal in Bewegung gesetzt, war ich nicht mehr aufzuhalten. Ich stürmte über jedes Hindernis hinweg und erreichte meine Ziele scheinbar mühelos. Ich war die treibende Kraft hinter sieben Firmenübernahmen und verschaffte meinem Unternehmen, dem ich vierzig Jahre lang treu geblieben war, umgerechnet einen Wertzuwachs von 28 Milliarden Dollar.
Ob ich stolz darauf war? Natürlich. Auch wenn die von mir inszenierten Übernahmen insgesamt fast neuntausend Arbeitern den Job kosteten. Aber ich war immer stolz auf meine Arbeit und die Freisetzung von nicht benötigten Arbeitskräften gehörte zu meiner Arbeit.
Ich kannte niemals die Namen der entlassenen Menschen, bis auf einen. Guido Hennike, ein Schichtarbeiter in der Fertigungsstätte in Gütersloh. Ich traf ihn auf der Straße, als ich eine Demonstration gegen die Schließung dieses Werkes sprengen wollte, vor vier Jahren. Er war ein grobschlächtiger blonder Mittvierziger, mit wucherndem, fast weißem Bart. Eigentlich war der Bart blond wie sein Haupthaar, aber im grellen Sonnenlicht konnte man das nicht gut erkennen. Hennike war groß und robust, seine Statur konnte einem Angst einflößen. Er stand in der Menge, zunächst in der zweiten Reihe, dann trat er vor und rief mir zu: „Du bist das Nashorn, oder?“
Ich nickte perplex. Dann schoss er.
Hennike war kein besonders guter Schütze, drei seiner Kugeln gingen daneben. Einer dieser verirrten Blindgänger traf einen anderen Demonstranten in die Hand, zwei weitere schlugen in einer Hausmauer ein. Die anderen drei trafen mich. Ich wurde viermal operiert, jedes mal unter Vollnarkose. Die Kugeln hatten mich in den Brustkorb, in die Hüfte und in das linke Knie getroffen. Ich lag fast drei Monate im Krankenhaus, danach ein halbes Jahr Rehabilitation. Ich musste wieder gehen lernen. Für einen fast Sechzigjährigen ist das keine leichte Aufgabe und ich hinke immer noch. Zwar nur leicht, aber Treppen steigen und unebenes Gelände machen mir große Probleme.
Am meisten vermisste ich während meiner Zeit im Krankenhaus und auch danach fettiges Essen. Ich hatte immer fettig gegessen, was sich auch in meiner Figur ausdrückte. Aber nach den drei Kugeln war Schluss damit. Keine Schnitzel mehr, kein Schweinsbraten, keine Pommes Frites. Im Krankenhaus gab es ohnehin nur Schonkost und auch danach wurde mir von meinem Arzt geraten, mich gesund zu ernähren. Ansonsten könnte ich sterben, meine Leber und meine Nieren sind angeschlagen. Ich hänge am Leben, so esse ich jetzt Gemüse. Lustlos, aber mit dem Bewusstsein, dass mir das grüne Zeug ein paar weitere Jahre schenken kann. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Wer kann schon seinen eigenen Tod vorhersagen? Es könnte sein, dass ich morgen von einem Auto überfahren werde, dann habe ich mir völlig vergebens vier Jahre lang Karotten, Broccoli, Karfiol, Salat, Gurken, Tomaten, Zucchini, Melanzani, Kartoffeln, Paprika und Mais hineingestopft. Aber es gibt mir ein Gefühl der Kontrolle. Ich werde zumindest nicht an Leberverfettung sterben. Und falls ich doch, dann ist das schlicht und ergreifend Pech. Dagegen kann man nichts tun.
Für einen Lebemann, wie ich es immer war, ist es hart, wenn man fast das Leben verliert. Ich dachte damals während der Rehabilitation viel nach. Warum sollte mich jemand erschießen wollen? Wahrscheinlich stellt sich diese Frage jeder, auf den geschossen wurde – selbst wenn er es verdient hatte. Wir reagieren mit ungläubigen Entsetzen auf diese Tat, selbst, wenn wir sie im Grunde heraufbeschworen habe. Guido Hennike hatte seine Gründe auf mich zu schießen, doch konnte ich diese nicht erkennen. Verstehen Sie mich nicht falsch, niemand sollte einen anderen erschießen, dafür kann es keine guten Gründe geben. Aber Hennikes Tat war verständlich, auch wenn ich lange brauchte, um sie zu verstehen.
Ich war immer Everybody’s Darling, zumindest in meinen Kreisen. Ich war schließlich das Nashorn – jemand, der etwas bewegen konnte, den man voraus in die Schlacht schicken konnte, wenn es hart auf hart ging. Ich trug diesen Namen immer mit Stolz und mir kam es nicht in den Sinn, dass andere Menschen diesen Namen negativ behaftet sahen. Menschen wie Guido Hennike sahen in diesem Nashorn einen zerstörerischen Bulldozer, der alles niederriss, was sie sich mühsam aufgebaut hatten. Sie sahen in mir einen Tod und Verderben bringenden Hurricane, der ihr Leben verwüstete. Und, um ehrlich zu sein, war ich das auch. Ich nahm es damals nur nicht so wahr. Es brauchte drei Kugeln, jede Menge Gemüse und viel Zeit zum nachdenken, um zu der Wahrheit zu gelangen.
Die Erkenntnis, dass ich ein Arschloch war, schmerzte sehr. Mehr noch als die Kugeln von Hennike, mehr als die sechs Monate Rehabilitation. Ich hatte mein ganzes Leben auf meinen Erfolgen als Manager aufgebaut und nun musste ich feststellen, dass dieses Leben nichts wert war.
Wie kann man sich selbst aus diesem Sumpf ziehen? Wie kann man sich neu motivieren? Wie kann man im bestenfalls letzten Drittel seines Lebens noch einmal eine Kehrtwendung schaffen und in eine andere Richtung marschieren? Wäre es nicht sinnvoller weiterzumachen wie bisher, da man ohnehin nicht mehr allzu lange Zeit hat? Oder kann man sein Leben zu jedem Zeitpunkt, selbst am Sterbebett ändern? Diese Fragen beschäftigten mich über Wochen und Monate. Einerseits war ich alt und bequem, ich war an mich als Nashorn gewöhnt. Andererseits konnte ich mein eigenes Spiegelbild nicht mehr ertragen. Ich war in einem Dilemma, aus dem ich ohne fremde Hilfe kaum finden konnte. Doch ich hatte diese fremde Hilfe.
2
Maria.
Sie ist Tschechin, sie wurde in Brünn geboren und wuchs dort auf. Sie hat sich angewöhnt, Brünn statt Brno zu sagen, schließlich lebt sie in Deutschland, sagt sie. Dafür, dass sie erst seit sechs Jahren hier ist, spricht sie sehr gut Deutsch, mit einem leicht östlichen Akzent, aber grammatikalisch richtig.
Maria Hašek – wie soll ich sie nur beschreiben, wie kann ich ihr gerecht werden? Irdische Maßstäbe treffen bei ihr nicht mehr zu. Für mich ist sie ein Engel, herabgestiegen zu meiner physischen und psychischen Rettung. Und klar, ein Engel muss langes, blond gelocktes Haar haben, also hat sie langes, blond gelocktes Haar. Ein Engel muss ein sanftes, ebenmäßiges und aristokratisch schönes Gesicht haben, also hat sie ein sanftes, ebenmäßiges und aristokratisch schönes Gesicht. Nur bei den Augenfarben hat Gott sie nicht dem Stereotyp entsprechend angepinselt, statt klaren blauen Augen, die still wie Bergseen im Mondlicht schimmern (auch wenn es zu abgedroschen und pathetisch klingt – eine bessere Beschreibung fällt mir nicht ein), hat sie geheimnisvolle graugrüne Augen, die an ein Meer von moosbewuchertem Berggestein in der sommerlichen Nachmittagssonne erinnern. Und wissen Sie, was das Schönste ist? Als ich in der kalt-weißen Intensivstation des Krankenhauses zu mir kam, waren diese Augen das Erste, was ich sah.
Zunächst sah ich natürlich alles nur sehr verschwommen durch einen milchigen Schleier durch. Meine Augen mussten sich erst wieder an das Licht gewöhnen. Ich blinzelte ein paar mal und langsam wich der weiße, milchige Schleier. Ich schloss meine Augen noch einmal, zählte bis drei und öffnete sie wieder. Da sah ich in diese unglaublichen graugrünen Augen.
Dann ihr Haar, wie es wild, aber dennoch ihrem Willen untergeordnet, von ihren Schultern fiel. Dann ihre weiße, sterile Schwesterntracht, die mich erkennen ließ, wo ich war und bei der sie dankenswerterweise den obersten Knopf offen gelassen hatte. Ihre Brüste, ihre Brüste – stellen Sie sich einfach einen perfekten Menschen vor, mit allem, was dazugehört, dann haben Sie eine ungefähre Ahnung von Maria.
Sehen Sie, ich schwärme wie ein Schuljunge, aber diesen Effekt hatte Maria auf mich und sie hat ihn noch immer. Beim Aufwachen: Ich war Guido Hennike fast dankbar, dass er mich über den Haufen geschossen hatte. Doch dann stellte sich der Schmerz an, überall am ganzen Körper, in der Brust, in den Beinen, im Kopf. Ich stöhnte laut auf und Maria flößte mir Morphium ein. Meine Dankbarkeit gegenüber Hennike war damit wieder verflogen.
Ich weiß nicht, warum sie sich in mich verliebt hat. Man sagt, dass die Wege des Herrn unergründlich sind. Ich bin nicht gläubig, aber der Satz gefällt mir in diesem Zusammenhang sehr gut.
Anfangs war ich wohl mehr eine Herausforderung für sie, ein alter Sack, der aufgrund seiner schweren Verletzungen erst wieder gehen lernen musste. Noch dazu war ich nicht besonders sympathisch oder nett. Wenn man ein Leben lang ein kalter Mistkerl war (auch, wenn ich selbst das immer anders gesehen hatte), dann legt man das nur schwer ab. Und ich sah damals auch keine große Veranlassung, mich zu ändern. Aber ich war nachdenklicher als sonst, der Anschlag hatte mich emotional sehr mitgenommen, und dadurch hatte ich weniger Zeit, unsympathisch zu erscheinen. Meistens lag ich einfach nur apathisch in meinem Krankenbett, das mir im Laufe der Wochen und Monate zur Heimat wurde.
Besuch bekam ich nur selten, es zeigte sich, dass ich tatsächlich nur wenige echte Freunde hatte. Drei Leute, die mich halbwegs regelmäßig besuchten: Christa Stumpfer, meine langjährige Sekretärin, die fast zeitgleich mit mir in die Firma gekommen war. Helge Rattke, ein Jugendfreund, der sich nach fast dreißig Jahren an mich erinnerte, als er vom Schussattentat in der Zeitung gelesen hatte. Und schließlich meine Kusine Edith, die einzige Frau, über der ich jemals über meine Gefühle reden konnte, die mich mit all meinen Facetten (oder eher: Abgründen) erfasste und trotzdem nicht hasste. Bis auf Maria natürlich, aber die sollte erst sehr langsam diesen besonderen Status erringen.
Fürs Erste war sie an mir als Person nicht interessiert, sie sah mich, wie bereits erwähnt, als eine Herausforderung. Nur darum kümmerte sie sich täglich um mich, begleitete mich zur Rehab und übte mit mir im Krankenzimmer, wenn ihre Schicht zu Ende war. Sie gibt es heute auch freimütig zu, wenn ich sie danach frage.
„Ich liebe schwierige Fälle und du warst ein ganz spezieller schwieriger Fall“, sagt sie immer. „Dass du auch ein spezieller Mensch bist, das habe ich erst später erkannt.“
„Außergewöhnlich“, verbessere ich sie dann.
„Nein, speziell passt gut.“
Und ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.
Nach einem halben Jahr Rehabilitationsprogramm konnte ich wieder laufen. Das ist durchschnittlich, sagten mir die Ärzte. Ich war irritiert – das erste Mal in meinem Leben, dass ich in irgendetwas durchschnittlich war. Ich war immer entweder gut oder schlecht, aber niemals durchschnittlich. In der Schule war ich gut, im Studium auch. In meinem Beruf war ich sehr gut, zumindest war das die Meinung des Vorstandes. Beim Tanzen bin ich schlecht und beim Singen auch. Dafür kann ich gut kochen. Aber durchschnittlich? Die Rehabilitation war meine erste Erfahrung mit dem Mittelmaß und das im Alter von fast sechzig Jahren. Allerdings sollte sich dieses Mittelmaß als schicksalsbehaftet erweisen, denn erst im letzten Monat meiner Rehabilitation begann Maria sich für mich zu interessieren. Ich begann eine persönliche Herausforderung für sie zu werden statt einer beruflichen, als ich begann, meine Vergangenheit aufzuarbeiten.
Die ersten drei Monate im Krankenhaus war ich schwer beschäftigt gewesen, meinen aktuellen Status zu erfassen und zu verarbeiten, ich dachte damals nur von Operation zu Operation. Die ersten drei Monate in der Rehab hatte ich versucht, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren und die war einfach und klar: Wieder gehen lernen.
Nach meinen ersten Fortschritten bei der Erfüllung dieser Aufgabe hatte ich die Zeit gefunden, mir zu überlegen, was ich Hennike antun konnte. Doch bald hatte ich eingesehen, dass mich Rachegefühle zu nichts führen konnten. Im Gegenteil, ich hatte begriffen, dass ein von Rache geleitetes Leben ein vergeudetes Leben ist und viel Zeit hatte ich ohnehin nicht mehr vor mir. Man kann mehr aus seinem Leben machen, man kann es leben. Ich gelangte schließlich zu einem Wendepunkt, nämlich zu mir selbst. Ich begann, intensiv über mein bisheriges Leben nachzudenken, über meine Erfolge, meine Misserfolge und stellte mir endlich die einzig wichtige Frage: Hätte ich die Erde als zufriedener, vielleicht sogar glücklicher Mensch verlassen, wenn Hennike damals besser gezielt hätte? Die Antwort war schnell gefunden – ich war niemals ein zufriedener, geschweige denn glücklicher Mensch.
Und die Gründe?
Dafür brauchte ich mehr Zeit. Es strengt an, wenn man in die eigene Seele herabsteigt wie Orpheus in die Unterwelt. Doch während Orpheus seine Eurydike aus den Fängen des Hades befreien wollte, war ich damit beschäftigt, mein eigenes Ich, meine Existenz zu retten. Keine minder schwierige Aufgabe. Orpheus’ Mission kann als gescheitert betrachtet werden, bei mir zeigt sich das Ergebnis meiner Bemühungen erst am Sterbebett. Wenn ich dann, wann immer das auch sein wird, zu einer anderen Antwort auf die Frage, ob ich als zufriedener oder vielleicht sogar glücklicher Mensch sterbe, als vor fast vier Jahren in der Klinik komme, dann war der Ausflug in meine eigene, persönliche Unterwelt ein erfolgreicher.
Es war damals, als ich meine Vergangenheit aufarbeitete und versuchte, mein Leben zu rekonstruieren, als Maria mir in die Augen sah. Sie hatte mich schon oft angeblickt, wir sahen uns schließlich jeden Tag, aber damals, an einem verregneten Oktobertag, sah sie mir in meine Augen, durch meine Augen und tief hinab in meine Seele. „Du kannst dein Leben immer ändern, jeden Tag, jeden Moment, wann immer du willst.“
Nachdem wir uns acht Monate lang täglich gesehen hatten, war dies der Beginn. Tag eins unserer gemeinsamen Geschichte.
3
Ich bin ein Kämpfer. Ich war immer ein Kämpfer, ein weiterer Grund, warum man mich Nashorn nannte. Nashörner ziehen nicht den Schwanz ein und trotten davon, wenn es brenzlig wird. Nashörner stellen sich fest mitten auf den Weg, senken den Kopf und schnauben angriffslustig.
Manchmal dachte ich schon an Selbstmord. Ich kokettierte eine Zeit lang mit dem Gedanken, mich aus dem Fenster des vierten Stocks, in dem ich lag, zu stürzen. Ich habe einmal gelesen, dass ein Fall von zehn Metern Höhe unter Umständen schon ausreicht, um tödliche Verletzungen zu verursachen. Es wäre so einfach gewesen, Maria zu bitten, mich im Rollstuhl ans Fenster zu fahren, damit ich die Sonne genießen könne, dann, wenn sie weg war, das Fenster zu öffnen, sich auf das Fensterbrett zerren (meine Arme waren bald wieder ziemlich kräftig) und fallen zu lassen. Ich versuchte auch immer wieder, mich auf das Fensterbrett zu heben, nur um zu sehen, ob meine Arme wirklich schon stark genug waren. Sie waren es. Warum ich dann doch nicht sprang: Weil ich eben ein Nashorn war.
Vielleicht wollen Sie wissen, wie ich zu dem Menschen geworden bin, der ich war, wie das Nashorn entstanden ist, wie es geboren wurde. Ich wollte das damals auch wissen. Der Schlüssel zu dem ganzen Schlamassel, in dem ich steckte, schien mir in diesem Spitznamen „Nashorn“ zu liegen. Warum war ich das Nashorn? Wer gab mir den Namen? Und was bedeutete er letztendlich?
Ich hatte, wie gesagt, den Begriff des Nashorns immer mit etwas Starkem, Mächtigem, Unaufhaltbarem assoziiert. Wie konnte das auch anders sein? Ich dachte lange nach und kam zu keinem Ergebnis. Falls Sie das wundert: Versuchen Sie selbst einmal für sich, ihre Persönlichkeit zu begründen. Warum sind Sie so, wie Sie sind?
Und so kam es, dass ich Maria an jenem verregneten Oktobertag fragte, ob sie mich als Patient mochte.
„Ja, du bist ein interessanter Fall. Du bist tapfer, du gibst nicht auf.“
Und wie sah es mit mir als Menschen aus? Was meinte sie dazu?
So kam es, dass sie sich vor mein Bett kniete und mir tief in die Augen sah. „Du kannst dein Leben immer ändern, jeden Tag, jeden Moment, wann immer du willst.“
Sie ergriff meine Hand und drückte sie leicht.
„Ich bin also kein guter Mensch“, stellte ich fest, was Maria als Frage auffasste.
„Ich weiß nur, wie du im Moment bist. Du denkst viel nach, über dich und über deine Fehler. Ich kann nicht beurteilen, wie du früher warst. Aber das ist auch egal. Wichtig ist nur, wer du jetzt bist und wer du in Zukunft sein willst. Und wenn du dich ändern willst, dann tu es.“
Ich dachte danach viel über ihre Worte nach, tat aber nichts, um mich zu ändern. Ich konnte nicht, obwohl ich es wollte. Ich fühlte mich in einer sehr passiven Lage. Wie kann man im Liegen auch sein Leben ändern? Außerdem kann man nichts an sich verbessern, wenn man nicht genau weiß, woran Verbesserungsbedarf besteht.
Nach diesem Tag besuchte mich Maria immer öfter, auch wenn ich nichts benötigte. Manchmal kam sie außerhalb ihrer Dienstzeiten. An meinem Geburtstag brachte sie mir einen Strauß Blumen und sie hatte sich fein herausgeputzt. In ihrer Schwesterntracht sah sie gut aus, in Zivil jedoch umwerfend. Sie stellte die Blumen neben dem gewaltigen, überdimensionierten Blumenstock, den mir der Firmenvorstand geschickt hatte. Im Vergleich zu diesem gewaltigen Blütenmeer, in dem mich die Firma begraben wollte, wirkten ihre Blumen zierlich und verloren. Ich ließ den Firmenblumenstock bald entfernen, um Marias Blumen besser betrachten zu können.
Sie merkte, dass meine Gefühle zu ihr von Tag zu Tag wuchsen. Ich drückte mich durch Blicke, Gesten und scheinbar zufällige Berührungen aus, nie durch Worte. Was hätte ich ihr auch sagen können? Ich war mir über meine Gefühlslage selbst nicht ganz im Klaren. Ich fühlte mich sexuell zu ihr hingezogen, aber das allein war es nicht. Sie war diejenige, die mich am Leben hielt – buchstäblich gesprochen. Sie betreute mich, sie fütterte mich, sie forderte mich auf einer intellektuellen Ebene heraus. Die Ärzte, die Chirurgen hatte mich operiert und mir das Leben gerettet, aber dass ich danach am Leben blieb, verdanke ich Maria. Doch meine Gefühle waren auch mehr als Dankbarkeit. Ich verliebte mich, wie ein Schuljunge, idealisierte sie und ich idealisiere sie noch heute.
Maria hat ihre kleinen Fehler und Mätzchen, sie kann sehr eigensinnig sein, sehr bestimmend. Sie war ihr ganzes Leben lang allein, hat nie geheiratet und ihre Beziehungen vor mir waren nur von kurzer Dauer. Sie war es also gewohnt, ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Aber das trug ich ihr nicht nach, ich sah darüber hinweg. Verliebt. Wie ein Schuljunge.
Dadurch, dass ich meine Gefühle nicht leugnen konnte, zweifelte ich an ihnen. Das klingt nun paradox, aber mit meinen sechzig Jahren hatte ich genug Erfahrung gesammelt um immer zweifeln zu können. Ich hatte verschiedene Beziehungen geführt, manche waren glücklicher als andere, aber keine hatte länger als drei Jahre gehalten. In fast allen Fällen ging die Trennung von mir aus, meine Gefährtinnen begannen mich zu langweilen. Meine Gefühle zu ihnen waren nicht tief genug. Umgekehrt, aus meiner heutigen Sicht der Dinge, muss ich gestehen, dass fast alle meiner Geliebten froh waren, wenn ich den Schlussstrich zog. Sie selbst hatten nur selten die Kraft dazu, sie fürchteten sich vor meiner Dominanz. Ich war nie cholerisch, hatte nie Wutanfälle, gab ihnen keinen Anlass zu einer Szene. Doch ich strahlte diese passiv-aggressive Dominanz aus. Sie fürchteten sich vor mir.
Bei Maria war das anders. Sie war selbst ein dominanter Mensch, eben mit einem eigenen Kopf geboren. Und ich hatte keinen Grund, meine Gefühle zu leugnen, sie waren diesmal, dieses erste und einzige Mal in meinem Leben, zu stark. Das gab mir zu denken und so zweifelte ich an meiner Aufrichtigkeit. Ich dachte, dass ich mir etwas einbildete, dass ich einfach aus dem emotionalen Gleichgewicht geraten war und so anfällig für Marias Reize war.
Ich hatte unrecht. Ich war tatsächlich bis über beide Ohren verliebt. Doch ich brauchte eine Weile, um mir das eingestehen zu können.
Was Maria in mir sah, warum sie meine Gefühle schließlich erwiderte, kann ich nicht sagen. Was mich schließlich von einer beruflichen Herausforderung zu einer menschlichen Herausforderung und schließlich zum Freund und Geliebten werden ließ, ist schwer nachzuvollziehen. Maria weiß es selbst nicht.
„Ich sah dich jeden Tag im Krankenhaus. Ich gewöhnte mich an deinen Anblick. Dann, als ich an dich gewöhnt war, sah ich dich aus Interesse anders an. Versuchte festzustellen, was an dir außergewöhnlich war. Und du hast um mich geworben, mit deinen Augen, mit deinen Fingern, mit deinem ganzen Körper und deinem ganzen Herzen, das in diesem Körper steckt. Das mochte ich. Und daher mochte ich dich.“
„Aber sind deine Gefühle, die du mir gegenüber hast, auch stark genug?“
„Ich denke schon.“
Das genügt mir. Ich habe keine absolute Sicherheit über ihre Gefühle, aber diese Sicherheit gibt es im Leben ohnehin nie. Manchmal muss man sich einfach fallen lassen und hoffen, dass man aufgefangen wird. Noch eine Lektion, die ich im Krankenhaus gelernt habe.
4
Maria war und ist eine zentrale Figur in meinem Leben, dank ihr hat sich vieles zum Guten gewandt. Durch sie erfahre ich tagtäglich meine Erlösung. Doch die zentrale Figur, die in mir dieses ‚Klick’ auslöste, diesen Tritt in den Hintern gab, war Guido Hennike. Er gab mir die Kraft mich zu ändern. Maria gibt mir die Kraft, so zu bleiben wie ich nun bin. Jemand, der mich hasst und jemand, der mich liebt. Ich dachte, es braucht beides, um ein rundes Leben zu führen. Wir brauchen Menschen, die uns zeigen, dass wir nicht weitermachen können wie bisher, wenn wir eine falsche Richtung eingeschlagen haben. Das sind diejenigen, die uns hassen. Und wir brauchen Menschen, die uns zeigen, wer wir werden könnten, wenn wir uns Mühe geben. Das sind die Menschen, die uns lieben. Natürlich zeigen uns auch diejenigen, die uns lieben, unsere Fehler auf, zeigen uns, was wir falsch machen und übernehmen so die Aufgabe derer, die uns hassen. Aber die Sprache derjenigen, die uns hassen, ist deutlicher. Kugeln beispielsweise kann man nicht missverstehen.
Sind Sie schon jemals von einem anderen Menschen derart gehasst worden, dass diese Person zu körperlicher Gewalt gegen Sie fähig war? Ich denke, das passiert den wenigsten Menschen. Man sieht es in Filmen, man liest es in Büchern, aber im realen Leben ist zügellose Gewalt gegen andere ein bloßes Wunschdenken. Das mag nun zynisch klingen, aber die meisten Menschen hassen zwar, haben jedoch Angst vor der Gewalt. Der Hass muss schon unendlich groß sein; eine prall gefüllte Blase an Hass braucht es und eine Nadel, die in diese Blase sticht. Es scheitert entweder an der Blase oder an der Nadel.
Nun, Guido Hennike trug diese Hass-Blase in sich und ich war die Nadel. Ein seltener Fall, äußerst ungewöhnlich. Man liest dann von diesen Fällen in der Zeitung und denkt sich: Die Welt ist schlecht, schon wieder ist etwas passiert. Doch dass es einen selbst erwischen könnte, hält man für undenkbar. Und dass man einen Menschen so hassen kann, dass man ihm etwas antun könnte, ist eben nur Wunschdenken. Wäre ich doch keine Memme, sondern ein Mann – ich hätte diesen Idioten längst zu Brei geschlagen ... Wenn ich jetzt ein Messer in der Hand hätte, ich könnte für nichts garantieren ... Ich könnte ihn mit bloßen Händen erwürgen ... und so weiter und so fort. Gedankenspiele. Doch dann wird man plötzlich selbst ein Opfer der Gewalt, die man in den Tagträumen anderen antut und von der man gedacht hat, dass sie gegen einen selbst gerichtet unmöglich ist. Das Weltbild wird aus den Fugen gehoben. Wer hat dann noch große Lust, weiterzuleben? Auf einmal stellt man fest, dass die Welt schlechter ist, als man geglaubt hat. Gewalt gegen andere – ja, natürlich, davon liest man schließlich jeden Tag in der Zeitung! Gewalt gegen mich – unfassbar! Habe ich es verdient, weiterzuleben? Hatte Guido Hennike nicht Recht, als er abdrückte?
Die Nächte werden lang im Sumpf der Selbstzweifel, vor allem, wenn diese Selbstzweifel berechtigt sind. In Gedanken versucht man, eine bestimmte Stelle, einen ganz bestimmten Zeitpunkt in seinem Leben zu finden, der das Attentat begründen könnte. Die Schließung der Produktionsstätte in Gütersloh: Natürlich ein Auslöser, aber nicht die Ursache. Ich tat nur meinen Job. Der eigentlich Grund muss tiefer liegen, viel tiefer. Doch man findet ihn nicht, man findet nicht dieses eine Ereignis in der Kindheit, oder in der Jugendzeit, in der Studienzeit, im Arbeitsalltag, das diese Kugeln ausreichend begründen kann. Doch was man findet: Kleine Fehltritte. Falsche Entscheidungen. Momente, die man sofort darauf bereut, aber nicht mehr rückgängig machen kann. Gespräche, die anders verlaufen, als man möchte. Wutanfälle. Grobheiten. Verstohlene Blicke von Kollegen. Leises Tuscheln hinter vorgehaltener Hand. Kälte. Einsamkeit. Zwanghaftes Lächeln für die zahlreichen Schulterklopfer, die es nicht ernst meinen. Die Suche nach Rechtfertigungen für Taten. Was man findet: Man mag sich nicht.
Ich stellte fest, dass ich mich mein ganzes Leben lang bemüht hatte, die Meinung anderer Leute zu ignorieren. Ich war mit der oberflächlichen Begeisterung meiner unmittelbaren Vorgesetzten zufrieden, mit der durch übertriebene Freundlichkeit ausgedrückte Angst meiner Untergebenen, mit der teilnahmslosen Heuchlerei meiner angeblichen Freunde. Ich war ein Gewinner, das allein zählte. Als ich damals vor diesen zweihundert protestierenden und dem einen hassenden Arbeiter stand, war ich eine Manifestation der Gefühlskälte. Ich machte es Hennike leicht die Pistole zu ziehen.
Endlich sah ich die Tür vor mir, die Tür zu mir selbst, zu einem anderen und besseren Ich. Was mir fehlte, war der passende Schlüssel. Guido Hennike konnte dieser Schlüssel sein, jedenfalls hatten wir noch ‚unfinished business’ zu erledigen, wie die Engländer sagen. Das gefällt mir besser als der deutsche Ausdruck ‚eine offene Rechnung begleichen’. Das klingt zu dramatisch, das klingt nach Rache und Blutdurst. Ich verspürte jedoch nichts davon. Vielmehr ging es mir darum, einen Schlussstrich unter diese Angelegenheit zu ziehen und das Attentat als letzten Teil meines alten Ichs aufzuarbeiten. Als ich wieder ohne fremde Hilfe gehen konnte, besuchte ich Hennike im Gefängnis.
5
Ich hatte dreißig Minuten mit ihm. Einerseits können dreißig Minuten eine lange Zeit sein, wenn man nicht weiß, was man sagen soll. Andererseits kann dieser Zeitraum auch viel zu kurz sein, wenn das Gespräch fließt und man auf einer Ebene liegt. Das erwartete ich nicht, aber ich wollte meine Zeit mit ihm ausnutzen.
Die Verhandlungen waren bereits geführt worden. Die Sache war klar gewesen: Der Täter, das Opfer, das Motiv. Auch hatte Guido Hennike seine Tat gestanden, ohne Wenn und Aber. Er hatte drei Jahre unbedingt bekommen, ein mildes Urteil. Ich hatte das in der Zeitung gelesen. Edith, meine Kusine, hatte alle Zeitungsausschnitte, die sich mit dem Attentat befassten, gesammelt. Viele waren es nicht, schließlich war ich nicht an den Kugeln gestorben. Für die Auflagen wäre ein toter Manager natürlich besser gewesen als ein im Krankenhaus dahin vegetierender.
Ich wurde in ein separates Besuchszimmer geführt, kurz darauf betrat Hennike, geführt von zwei bulligen Beamten, den Raum. Sie befürchteten offenbar Schlimmes, dass wir uns gegenseitig an die Kehle springen, uns die Augen ausreißen oder was weiß ich etwas antun könnten. Stattdessen blickten wir uns stumm an.
Er hatte sich seinen weißen (nein, blonden) Bart abrasiert, sein Gesicht wirkte dadurch jugendlicher. Allerdings hatte ihm die Zeit im Gefängnis zugesetzt, er ging gedrungener, die Wangen wirkten eingefallen, seine Augen leuchteten nicht mehr in dieser kämpferischen Wildheit, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Er wirkte ruhig, fast teilnahmslos und doch war ihm meine Gegenwart unangenehm. Er wusste nicht, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Warum besuchte ihn sein Opfer im Gefängnis?
Ich brach schließlich das Schweigen.
„Guten Tag, Herr Hennike.“
Kein guter Start; zu förmlich, zu kalt, zu geschäftsmäßig.
„Hallo Guido.“
Besser.
Er blickte mich an, taxierte mich, schien zu überlegen. „Hallo Nashorn.“
Das hatte kommen müssen. Kannte er überhaupt meinen richtigen Namen? Ich bezweifelte es.
„Das Nashorn war früher einmal. Es ist inzwischen gestorben.“
„Habe ich es getötet?“ Er sprach leise, abwartend.
„Nein. Das habe ich selbst getan.“
Er schien mit dieser Antwort nicht viel anfangen zu können. Woher sollte er auch von meinem innerlichen Kampf in den letzten Wochen und Monaten wissen? Woher sollte er von Orpheus in der Unterwelt wissen?
„Weißt du, ich habe in der letzten Zeit viel nachgedacht. Warum du damals geschossen hast.“
„Das war eine Kurzschlussaktion, das hat nichts mit dir zu tun.“
„Doch, es hat nur mit mir zu tun. Du hast schließlich auf mich geschossen und auf keinen anderen.“
„Du warst verantwortlich dafür, dass ich meinen Job verlieren sollte. Deswegen habe ich auf dich geschossen und nicht auf jemanden anderen.“
„Aber ich konnte es in deinen Augen sehen, du hast mich gehasst. Da war mehr. Das ging tiefer.“
Wir plauderten fast ungezwungen miteinander. Eigentlich schon absurd. Er taxierte mich, dann nestelte er aus seiner Brusttasche eine Packung Zigaretten und hielt mir die offene Packung hin.
„Nein danke, Nichtraucher.“
Er nickte, als habe er das gewusst und steckte sich eine Zigarette an. Er tat ein paar Züge, dann sprach er. „Ich habe“, er zögerte, „ich habe schon viel von dir gehört. Es hat mir nicht gefallen. Dortmund, Wuppertal, Cuxhaven, Lüttich, Krakau, Linz, ich weiß nicht, wie viele Werke du schon schließen hast lassen. So etwas macht die Runde. Du hattest einen gewissen Ruf.“
„Achtundzwanzig“, sagte ich.
„Was meinst du?“ Er blickte mich verständnislos an.
„Achtundzwanzig Schließungen bei sieben Übernahmen. Neuntausend Arbeiter entlassen. Keine schöne Bilanz.“
„Nein, wirklich nicht.“ Er nickte und rauchte. „Also, warum bist du hier?“
Ich rückte mir meinen Stuhl zurecht, er war nicht besonders bequem und meine Beine schmerzten. Sie waren noch nicht an das Sitzen auf unbequemen Stühlen gewöhnt.
„Ich sagte bereits, ich habe in der letzten Zeit viel nachgedacht. Und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich die Kugeln irgendwie verdient habe. Das klingt jetzt sehr melodramatisch, vor allem vor dir, aber so ist es. Ich war kein guter Mensch, ich habe mich nie um andere gekümmert. Und du hast mich darauf aufmerksam gemacht. Deine Maßnahmen waren zwar etwas übertrieben“, er lächelte gequält, „aber du hast dein Ziel erreicht.“
„Welches Ziel?“
„Das Nashorn zu vertreiben.“
„Du hast gesagt, dass du das selbst geschafft hast.“
„Das ist schon richtig, nur hätte ich mein Leben nicht überdacht und geändert, wenn du nicht auf mich geschossen hättest. Ich hätte einfach so weitergemacht wie bisher.“
Er überlegte. „Rechtfertigt das, einen anderen zu erschießen? Nicht, dass ich mich hier rechtfertigen möchte, nur so ein Grundsatzgedanke.“
Der Bursche hatte mehr drauf, als man ihm ansah. Wenn er auch nicht unbedingt die beste Schulbildung genossen hatte, so machte er sich zumindest Gedanken über vielerlei Dinge. Und er hatte anscheinend vor allem im Gefängnis viel nachgedacht, so wie ich im Krankenhaus. Mir war vorher nicht bewusst gewesen, dass wir in einer ähnlichen Lage steckten, dass wir in gewisser Weise Leidensgenossen war. Der Freiheit beraubt – er aufgrund von Gitterstäben und Wächtern, ich aufgrund meiner Verletzungen – und zutiefst verwirrt. Es ist bestimmt nicht leicht, ein Attentäter zu sein.
„Du hast deine Aktion nicht geplant, oder?“
Er zögerte. „Doch, eigentlich schon. Ich holte mir die Waffe von einem Freund. Der ist Sportschütze. Ich habe mir eingeredet, dass ich dich damit erschrecken wollte, vielleicht als Geisel nehmen oder so. Aber im Unterbewusstsein habe ich gewusst, dass ich dich erschießen wollte.“
Ich nickte. „Du bist dem Unterbewusstsein gefolgt. Man kann sich viel einreden, aber handelt dann doch gemäß dem Willen, der tief in einem verwurzelt ist.“
Er hatte seine Zigarette aufgeraucht und steckte sich eine neue an. Dabei zitterten seine Hände leicht. So gleichgültig, wie er tat, war er nicht.
„Du hasst mich noch immer“, stellte ich fest.
Er blickte von seinem Feuerzeug hoch, sah dabei schuldbewusst aus. „Ich weiß nicht. Ich sollte eigentlich, sonst wäre das Attentat doch sinnlos gewesen, oder? Aber so richtig kann ich nicht. Ich sehe meinen Fehler ein, war eine Riesendummheit von mir, aber ich habe meine Gründe gehabt. Doch nun, da du hier sitzt, weiß ich nicht so recht, was ich fühlen soll.“
Ich verstand ihn. Mir ging es schließlich ähnlich. Eigentlich hätte ich Hennike hassen müssen, er war mein Feind, er hatte mich töten wollen. Aber es gelang mir nicht, auf ihn wütend zu sein. Stattdessen empfand ich Mitleid, größtenteils.
„Wann hast du beschlossen, dass du mich umbringen wolltest?“
Er blickte überrascht. „Ich habe das eigentlich nicht beschlossen. Man muss schließlich bewusst etwas beschließen, oder? Bei mir ist es eher zufällig passiert. Ich habe die Waffe von einem Kumpel. Ich habe sie genommen, als ich erfahren habe, dass unser Werk geschlossen werden sollte. Ich war zufällig bei meinem Kumpel auf Besuch, wir haben das aus dem Radio erfahren. Keine schöne Art, solche Neuigkeiten zu hören. Und als mein Kumpel dann kurz auf die Toilette ging, bin ich in sein Schlafzimmer und habe mir die Pistole geschnappt. Er hat sie immer in seiner Nachttischlade. Nicht, dass er irgend so ein Rambo wäre, der beim leisesten Geräusch in der Nacht aufspringt und wie wild um sich ballert, aber er mag Waffen, er mag sie gerne um sich. Ich weiß, es ist illegal, wenn man seine Waffe nicht ordnungsgemäß wegsperrt und ich habe ihn damals ganz schön in die Scheiße geritten. Ist dumm gelaufen; wenn er seine Pistole eingeschlossen hätte, dann hätte ich sie nicht klauen können, dann würden wir jetzt nicht hier sitzen und dieses Gespräch führen und er hätte noch seine Lizenz. Aber man muss es nehmen, wie es kommt.“
Wieder tat er einen tiefen Zug, dann fuhr er fort.
„Man kann immer versuchen, sich auf dieses ‚wenn’ auszureden, aber das nützt gar nichts. Man muss sich immer mit der Situation abfinden – egal, wie sie ist. In der Zeit zurückgehen – ein schöner Traum, aber eben nur ein Traum. Wir müssen ausbaden, was wir verbocken. Und ich habe es verbockt.“
Ich schwieg. Er hatte Recht. Er hatte es verbockt. Die vom Freund gestohlene Pistole und die Kugeln, die er auf mich feuerte, sind sein Teil der Schuld. Doch auch ich hatte es verbockt. Wäre ich ein anderer Mensch gewesen, hätte er keine Veranlassung gehabt, mich niederzuschießen. Doch da ist es wieder, dieses ‚wenn’. Es schleicht sich immer wieder ein, wie ein kleiner Dieb, der versucht, unsere Schuldgefühle zu stehlen. Aber ich war der Mensch, der ich war und niemand anderer.
Das sagte ich ihm und er dachte darüber nach.
„Du warst ein ziemliches Arschloch. Dennoch hätte ich niemals das tun dürfen, was ich getan habe. Aber so ist es gelaufen und Punkt.“
„Und nun hasst du mich nicht mehr?“
Er lehnte sich zurück, tat zwei Züge, blies den Rauch gedankenverloren aus. „Nein. Je länger du hier sitzt und je länger ich darüber nachdenke, desto schwerer fällt es mir, dich zu hassen. Du solltest gehen, bevor ich anfange, dich zu mögen.“ Er lächelte gequält.
Ich dachte darüber nach. Spielte es eine Rolle, ob er mich nun hasste oder nicht? Spielte es überhaupt eine Rolle, ob er mich damals gehasst hatte? Er hatte mir klargemacht, dass ich so nicht weiterleben konnte, wie ich es getan hatte. Das war alles, was ich wissen musste. Nachbohren wegen Hass oder nicht Hass, was machte das schon für einen Unterschied? Ich musste mich ändern, das war die Konsequenz aus Guido Hennikes drei kleinen Geschenken. Ich gelangte zu der Überzeugung, dass es niemanden braucht, der einen liebt oder der einen hasst. Ändern muss man sich immer selbst. In anderen Menschen den Auslöser für Veränderungen zu sehen, heißt, die eigene Verantwortung auszuschlagen und sie anderen in die Schuhe zu schieben. Das ist feige. Das einzige, was andere Menschen tun können, ist es, Fehler aufzuzeigen. Die Veränderung oder vielmehr die Verbesserung muss von jedem selbst ausgehen. Guido Hennike hatte mir meine Fehler aufgezeigt, auf seine eigene, sehr dramatische Weise. Verändern musste ich mich selbst. Es lag in meiner Macht, ich hätte auch so weiterleben können wie vorher. Dass ich mich tatsächlich als Mensch zum Guten geändert habe, heißt, dass ich die Verantwortung für mein Leben akzeptiert habe. Wir sind nicht nur ein Produkt unglücklicher Verkettungen und Zufälle, wir reagieren nicht nur auf Anstöße und Anreize von außen, diese Sicht der Dinge ist zu einfach. Das menschliche Wesen ist weitaus komplexer, wir können uns selbst manipulieren, auch zum Guten hin.
Diese Erkenntnis traf mich ziemlich plötzlich, auf ein Mal machte mein Besuch bei Hennike überhaupt keinen Sinn mehr. Doch genau darin lag der Sinn, dass ich gekommen war. Hätte ich Hennike nicht besucht, zu welcher Überzeugung wäre ich gelangt? Dass es einen Auslöser braucht, um sich zu ändern.
Welch eine fatale Einschätzung! Wie hätte ich mich ändern können, wenn ich die Verantwortung von mir geschoben hätte? Ich wäre vielleicht nicht der gleiche Mensch wie vorher, vor dem Attentat, geworden, geändert hätte ich mich schon, aber ich hätte dann das „neue Nashorn“ als unabänderbar hingenommen und nicht an neuen Fehlern gearbeitet. Jeder Mensch hat Fehler, egal, wie er ist; jeder Mensch macht Fehler, egal, was er versucht; aber ein Mensch, der anderen die Verantwortung für Veränderungen zuschiebt, wird an den Fehlern nicht arbeiten. Ich lernte im Gefängnis eine wichtige Lektion, von der ich heute noch zehre: Jeder Mensch muss seine Fehler selbst erkennen und an ihnen arbeiten. Heute bin ich ein zufriedener Mensch, ich lebe mit Maria in einer glücklichen Beziehung, ich habe alte Freundschaften wieder aufgenommen und das Wichtigste: Ich habe mich pensionieren lassen, da meine Firma ein Nashorn brauchte, was ich nicht mehr sein konnte.
Ich sprach mit Hennike über meine Erkenntnis, teilte ihm alles mit, was ich hier, in diesem Besuchsraum festgestellt hatte. Hennike hörte zu und rauchte, ab und zu nickte er. Je länger ich sprach, desto entspannter wurde er. Seine Hände, die zuvor noch leicht gezittert hatten, lagen nun stoisch ruhig auf seinen Knien, die Asche seiner Zigarette fiel unbeachtet auf den Boden.
Die dreißig Minuten waren fast vorüber. Ich stand auf und reichte ihm die Hand zum Abschied. Guido Hennike blickte mich an, wir waren uns einig. Er hatte seine Schuld abbezahlt, indem er hier festsaß, obwohl er mich nicht mehr hasste. Ich hatte meine Schuld abbezahlt, indem ich ein Mensch geworden war, den er nicht erschießen hätte wollen.
Er stand auf und ließ sich von den zwei Beamten in seine Zelle führen.
Kurz bevor er aus dem Zimmer verschwand, rief ich ihm nach: „Und danke, dass du vorher nicht geübt hast.“
Er drehte sich um.
„Was geübt?“
„Schießen.“
Maria wartete im Wagen auf mich. „Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?“
Ich nickte.
„Und?“
Ich dachte nach. „Man kann sein Leben immer ändern, unabhängig von den äußeren Umständen.“
Sie drehte ihren Kopf zur Seite und sah mich mit ihren intensiven graugrünen Augen an. „Vor zwei Monaten, als wir uns das erste Mal wirklich in die Augen geblickt haben“
„Ja?“
„Damals habe ich dir das schon gesagt.“
Ich schloss die Augen und lehnte mich zurück.
„Fahren wir nach Hause.“
Ich lächelte.
nachdem ich meine Vorstellungsrunde in der Plauderecke erledigt habe, ist es an der Zeit, mich mal ein wenig in der Luft zu zerreißen. Gelegenheit findet sich jetzt und hier. Viel Spaß!
Grüße
Thomas
Die Verflossene
Er kratzte sich gelangweilt am Hinterkopf, balancierte sein Sektglas durch all die geschwollenen, zuckenden Körper Richtung Bar und stellte sich weltmännisch fadisiert an den Tresen. Die Musik polterte dumpf in seinen Ohren, der Alkohol stieg ihm allmählich in den Kopf und verachtend blickte er auf die ausgelassene Fröhlichkeit, die um ihn herum wellengleich anschwoll und wieder abschwoll. Fleischige Frauenbrüste in knappen, grellen Kleidern wippten an ihm vorüber, die Männer lechzten mit haifischartigem Lächeln nach eben jenen kaum verhüllten Hügeln, alle atmeten alkoholgeschwängerte Luft.
Sich lässig nach dem Barkeeper umdrehend um etwas Hochprozentiges zu bestellen, fiel sein Blick im Vorübersausen auf ein knallrotes Dekollete, prall ausgefüllt mit blank-rosa Fleisch. Entgegen seinen Gewohnheiten hielt er inne und haftete seine Augen an die Brüste dieser Unbekannten. Sie kamen ihm vertraut vor und doch waren sie fremd und fern, obwohl er sie fast berühren konnte. Ihm war, als erkenne er die salzige Haut der Fremden auf seiner Zungenspitze, als rieche er diesen leicht süßlichen, frühlingshaften Duft, den der dralle Körper im roten Kleid versprühte, nicht zum ersten mal. Er war erregt, doch war es weniger die Art von Erregung, die all die stieläugigen Hormonspritzen um ihn herum an die knapp bekleideten Mädchen klebte, sondern das Gefühl, etwas lang Verlorenes wieder gefunden zu haben. Nachdem er nun etwa fünf Sekunden lang in dieses tiefe Dekollete gestiert hatte ohne sich zu rühren, hob er nun den Blick und ertastete den Rest des Körpers, die gleichmäßig elegant geschwungenen Halslinien, die weich-blasse Kinnpartie, die rot bemalten prallen Lippen, die leicht geröteten, makellos reinen Wangen, die haselnussbraunen Rehaugen, die in gelangweilte Falten gelegte Stirn, das wallende tiefbraune Haar. All diese szenisch erfassten Einzelbilder setzten sich hinter seiner eigenen runzeligen Stirn zu einem Film zusammen und er erkannte seine längst Verflossene.
Sie hatte sich verändert. Vor Jahren, bevor sie im Streit auseinander gegangen waren, hatte sie ihr seidiges Haar meist hochgesteckt getragen. Ihre Lippen waren nun eindeutig voller und sinnlicher. Ihr Busen schien ein wenig größer und straffer zu sein. Und vor allem das Kleid, so anders, gar nicht ihr Stil. Das Bild, das sich vor seinem geistigen Auge ungewollt aufbaute, war sie in ihren zerschlissenen, eng anliegenden Jeans, in ihrer weißen Bluse, den obersten Knopf immer offen, darüber eine warme, aber hässliche grüne Strickjacke, von der sie sich nicht trennen konnte. Dazu ihr unsicheres Lächeln aufgesetzt, die Stirn in Sorgenfalten gelegt, immer zittrig, immer fahrig und schusselig, durch ihre Rehaugen lechzte ihr Verlangen nach Bestätigung.
War sie es wirklich? Wie konnte er diese geballte Ladung Weiblichkeit mit seiner zittrigen, fahrigen, schusseligen Verflossenen in Einklang bringen? Und doch schien sie es eindeutig zu sein, die selben Rehaugen, aber selbstsicher abschätzig blickend; die gleichen Brüste, wenngleich von sicherer Hand wohlgeformt; die gleichen Lippen, jedoch in ihrem Ausdruck sinnlich verstärkt durch eine neue Lippenstiftmarke; die gleichen Haare, nur offen getragen und nicht knotig zusammengewirrt. Die Frau, die er vor vielen Jahren verlassen hatte, war fast in Griffweite und doch stand dort eine neue Person. Mit Erstaunen und Befremden sah er am Ringfinger ihrer rechten Hand die gold glitzernde Fessel der Ehe. So viele Jahre waren seither auch wieder nicht vergangen, dachte er bei sich. Sie spielte mit ihrem Ring, drehte ihn hin und zurück. Er folgerte daraus, dass sie noch nicht lange verheiratet war und für einen kurzen Moment war er aus unerfindlichen Gründen erleichtert. Doch dann packte ihn wütender Ingrimm, er fühlte sich verletzt und zurückgewiesen. Er trank einen letzten hastigen Schluck aus seinem Sektglas und überlegte, einen Whisky oder Wodka Lemon zu bestellen, wie er es vorhin hatte tun wollen, bevor er auf halber Drehung über diesen kaum verhüllten Busen gestolpert war. Stattdessen weihte er den eilig herangewinkten Barkeeper tuschelnd ein, ihm ein kleines Bier und einen Caipirinha, ihren Lieblingsdrink, zu bringen, aber schnell und diskret. Der Barkeeper, ein mächtiger Glatzkopf mit russischem Schnauzer, nickte verständnisvoll ob des obskuren Verhaltens und machte sich routiniert abwesend an die Arbeit. Wie von Zauberhand baute sich das Bestellte auf dem Tresen auf und er ergriff die beiden Gläser, tastete sich langsam durch das hitzige Gewühl immer dem roten Kleid nach, die ihm einem hellen Stern inmitten tiefschwarzer Nacht gleich erschien. Fast hätte er sie verloren, als sie vor einem volltrunkenen Zweiteiler einen unvermuteten Haken schlug, aber er kannte die Sprunghaftigkeit, zu der sie bisweilen neigte, und folgte ihr ohne große Mühe. Als sie müde der gequälten Jagd, die hinter ihr ohne ihres Wissens stattfand, stehen blieb, nahm er die beiden Gläser umständlich in eine Hand und tippte ihr mit der anderen leise auf die Schulter. Ihr blitzendes Erkennen freute ihn, für einen Moment sah er wieder die Jeans, die weiße Bluse, die Strickjacke vor sich stehen. Dann nahm sie ihm dankend den Cocktail aus der Hand und sie stießen auf ihr Wiedersehen an. Nichts war zu spüren von vergangener Bitterkeit, zumindest verstellte sie sich gekonnt. Er stopfte sie mit belanglosem Gewäsch, um die vergangenen Jahre für sie auszufüllen, sich dabei immer auf das Unwesentliche konzentrierend – ja mir ging es gut ich komme gut voran in der arbeit habe mir eine größere wohnung genommen nein nicht im alten viertel sondern in einer reihenhaussiedlung am stadtrand der hund ist gestorben ja schade um ihn er war einfach alt. Sie hörte ihm scheinbar interessiert zu. Woraus er das schloss, war ihr verträumtes Spielen mit ihrem Haar, eine alte Gewohnheit, wenn sie jemanden zuhörte. In diesen Momenten war er irritiert von ihrem Kleid, ihrem Lippenstift, ihrer Frisur, ihrem Busen, als hätte sich seine ehemalige Freundin in den Körper einer anderen geschlichen. Trotzig erzählte er weiter all die Belanglosigkeiten, die sein Leben umrahmten, in dem festen Vorsatz, sich nicht von ihr verunsichern zu lassen. Schließlich hatte er geendet oder vielmehr wusste er nicht mehr, was er ihr noch sagen hätte können, ohne ins Persönliche zu gleiten, und stellte ihr stattdessen die alltäglichen Fragen, die man stellt, wenn man einen Menschen, den man früher gut gekannt hat und dem man sich über die Zeit entfremdet hat, unvermutet wieder trifft. Auch sie konnte mit ihrer detaillierten Beschreibung von Banalitäten glänzen. Was sie jedoch nicht verschwieg (wenngleich nur als Fußnote vorkommend), war ihre Hochzeit mit ihrer alten Jugendliebe, die vor zwei Jahren wieder in ihr Leben getreten war und als Mann, der aus seiner Kleinjungenrolle gewachsen war, alte und nie ausgesprochene Rechte eingefordert hatte. Er hatte sie dafür gut bezahlt und sich damit seinen eigenen, privaten Schwan gebastelt.
Und wo ist er jetzt?
Geschäftsreise in Italien.
Ah, Italien, sehr schön! War ich letztes Jahr, nur kurz, eine kleine Reise nach Rom, um die ewige Stadt mal zu besichtigen. Man kann nicht so alt werden wie ich ohne Rom gesehen zu haben.
Sie erwiderte, dass er keineswegs so alt sei.
Er zuckte hilflos mit den Schultern. Man ist so alt, wie man sich fühlt.
Sie mustere ihn abschätzig, strahlte dann und versicherte ihm, dass er sich keinen Deut verändert hätte. Obwohl er dies im Grunde als Beleidigung auffasste, raffte er sich zu einem Kompliment auf, dass sie schöner sei, als er sie in Erinnerung hatte. Er wusste nicht, ob das Wort schön den Kern der Sache traf, aber aufreizend oder verführerisch oder geil, was schon eher dem entsprochen hätte, was er meinte, schienen unangebracht zu sein. Sie schien ihn trotzdem zu verstehen und leckte sich geistesabwesend die Lippen, was ihn fast verrückt vor Begierde machte. Wie konnte dieses Vollweib, dieser Inbegriff fleischlicher Lust, das verflossene Entlein sein, das er damals die Toilette hinuntergespült hatte? Mühevoll zügelte er seine Begeisterung, spielte den selbstsicheren Eisklotz, doch zitterten seine Hände leicht, was sie bemerkte. Sie spöttelte über seinen Anflug von Verfrorenheit, meinte damit das heiße Brennen, das sein Körper auszuströmen schien und leckte sich beiläufig, diesmal aber ohne Zweifel bewusst, ein weiteres Mal über die Lippen. Es schien ihr zu gefallen, mit ihm, dem über sie jahrelang dominierenden Alphamännchen, spielen zu können. Sie kostete jeden Augenblick aus, betrieb den unbeabsichtigten Rollentausch bis zum Exzess. Am Ende war er nur noch ein wabbelndes Stück Schwanz. Er genoss es sogar, die Kontrolle über sich zu verlieren und ihr das zu zeigen, da es so gar nicht zu ihm passte. Mal etwas anderes ausprobieren, Rollen spielen, Kleider anlegen, dachte er bei sich, um sich wenigstens einen letzten Hauch von Kontrolle und damit Selbstidentifikation einreden zu können.
Nachdem er mit ihr fünfzehn Minuten über Belangloses geredet und sich dabei sexuell aufgeladen hatte, überraschte sie ihn mit einem festen Griff ihrer Hand. Sie zog ihn über die Tanzfläche, hauchte mit ihrem stolpernden, willenlosen Anhängsel durch die inzwischen nur noch matt zuckenden Menschenmassen durch und steuerte zielstrebig auf ein kleines Separee abseits des müden Getümmels zu. Vielmehr als eine schmuddelige, kleine Besenkammer war es nicht, was sich vor ihm auftat, aber ihr schien es zu genügen. Als die Tür ins Schloss fiel, kam sie über ihn wie eine hungrige Pantherin, schnell, geschmeidig und zerstörerisch. Er revanchierte sich, indem er ihr das knappe, rote Kleid in Streifen von der Haut abzog. Mit jedem Fetzen streifte er ein wenig von der alten Freundin ab und die Nackte, die schließlich vor ihm stand, ähnelte in ihrer zügellosen Leidenschaft seinem liebsten Mauerblümchen in keinster Weise mehr. Er fand es irritierend, dass sie – dem befremdlichen roten Kleid entwaffnet – ihm dennoch völlig fremd schien, sogar viel fremder als zuvor. Er kannte zwar die kleine, hufeisenförmige Narbe an ihrer linken Hüfte, das Muttermal auf ihrer rechten Brust, aber diese äußerlichen Nebensächlichkeiten traten in den Hintergrund, als sie an seinem Ohr nestelte und es begierig ableckte. Sie war so anders, so bestimmend und dominant, kaum etwas erinnerte an das apathische Wesen, das in Urzeiten unter ihm gelegen war und vor dem Höhepunkt zu winseln begonnen hatte.
Sie befahl ihm, sich auszuziehen. In ihrer Stimme lagen sowohl kaum verhüllte Lust als auch distanzierte Kälte. Sie konnte ihn unterwerfen, das war ihre Gelegenheit. Doch statt dagegen aufzubegehren und seinen alten Status zu fordern, genoss er es, ihr ausgeliefert zu sein. Eine tief vergrabene masochistische Neigung schien sich ihren Weg an die Oberfläche zu fressen. Sie stürzten sich mit leidenschaftlicher Begierde ineinander, er ließ seinen Trieben freien Lauf, sie tauchte immer wieder aus ihrer hitzigen Passion auf um ihn kalt mit Worten, mit Taten zu demütigen. Dies machte den Akt für ihn noch reizvoller, ihre unterkühlten Befehle gaben ihnen die Möglichkeit, Dinge zu tun, an die sie nicht gedacht hätten, wenn sie sich ihren animalischen Urinstinkten bedingungslos hingegeben hätten.
Und wenn uns jemand erwischt?
Sie leckte sich die Lippen, wie sie es vorhin schon zweimal getan hatte, ihre Zunge schien ihre tiefsten Wünsche zu offenbaren.
Da durchfloss ihn tiefste Erregung, die Begierde, erwischt zu werden. Er wollte es herausfordern. Er sah sich mitten auf der Tanzfläche mit ihr in wüster Vereinigung unter all den stampfenden Körpern, die nach einigen verständnislosen Sekunden auseinander stieben. Irritiertes Staunen, schockiertes Getuschel, Finger, die auf sie deuteten, entsetzte Mienen, manche auch amüsiert, einige wenige auch unverhohlen erregt. Doch niemand machte Anstalten, die beiden zu trennen oder gar aus dem Lokal zu werfen.
Als es vorbei war, spendeten einige der unfreiwilligen Zuseher grinsend Applaus, in den sie höhnisch einfiel.
Er schreckte hoch und blickte dem an den Knien leise flatternden roten Kleid nach. Unmerklich schüttelte er den Kopf, drehte sich auf seinem Hocker weiter und bestellte beim russischen Schnauzer einen Wodka Lemon.
der Dekorationswert deines Hundes ist enorm! Ich habe selbst eine Katze, die - energetisch gesehen - das Bild optimal ergänzen würde. Die könnte man ein Regal darunter deponieren.
ein Riesendankeschön, weil du dich erstens so tapfer durch meine doch etwas lange Erzählung gekämpft hast, zweitens trotz angeschlagener Form eine Kritik zu meinem Werkl geschrieben hast und drittens dir das Werkl auch noch gefällt.
Ich bin viele Stunden daran gesessen, habe geschwitzt und geblutet (okay, okay, das ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber aufwändig war das schon), insofern freut es mich umso mehr, wenn das nicht nur Beschäftigungstherapie war.
Angefangen hat alles mit dem kleinen Satz: Man nannte mich "das Nashorn". Dann war für ein paar Wochen Funkstille. Irgendwann habe ich diesen Satz wieder mal hervorgekramt und versucht, dem Nashorn Leben einzuhauchen. Ich habe selbst nicht gewusst, welche Richtung das nehmen wird, es hat sich alles irgendwie ergeben. Wenn damit auch noch philosophische Neigungen befriedigt werden, ist das erstaunlich, aber auch sehr erfreulich.
Noch einmal vielen Dank - und hoffentlich gefällt dir die Erzählung im nüchternen Zustand auch noch.
So, so you think you can tell ... heaven from hell ... blue skies from pain ... can you tell a green field ... from a cold steel rail ... a smile from a veil ... do you think you can tell?