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  • NebelmorgenDatum23.05.1970 04:13
    Thema von Habibi im Forum Natur
    Nebelmorgen

    Auf bricht es
    durchs Wolkenweiß
    mit Macht.
    Lässt glitzern
    die Spinnenfäden
    im Licht.
    Auf den Wiesen
    unendlicher Glanz.
    Der klagende Ruf
    des Bussards
    bricht
    und im raschelnden Tanz
    der letzten Blätter
    eine heisere Stimme
    lacht.
  • Wie Schatten
    liegt Verklärung
    überm Gilb der Zeit
    Erinnerungen nähern
    folgsam sich
    den Bildern an
    vergeblich
    such ich mich
    dahinter
    mein Lächeln
    wem gehört es
    und warum?
  • MutterDatum23.05.1970 02:18
    Thema von Habibi im Forum Diverse
    Mutter

    Wenn ich dich denke
    denk ich einen Baum,
    der Kindheit Lieder im Geäst.
    Die Wurzeln stets im Boden fest
    und in den höchsten Zweigen einen Traum.

    In deinem Schatten
    Trost und Zuversicht,
    wie schwer dir selber auch
    das Wachsen fiel.
    Stets strecktest du
    die Äste in das Licht
    und gabst von deiner
    Kraft uns Kindern viel.

    Der Stürme manche hast du überlebt,
    und bebte auch die Erde um dich her,
    du hieltest stand, fiel es auch oft dir schwer,
    nicht nur den Himmel hast du angestrebt.

    Wenn ich dich denke,
    denk ich einen Baum,
    mit einem dichten grünen Blätterdach,
    für Alle Stärkung, die alleine schwach
    und Kühlung auch am Schattensaum.

    Der Jahre Kerben tief im Stamm versteckt,
    die Rinde borkig und nicht unversehrt.
    Du hast erleichtert, was uns doch beschwert,
    hast abgemildert, was uns so erschreckt.

    Ein Baum, der nicht das Licht uns nahm,
    der nun im Herbst das Laub sich färbt.
    Dem Wetter immer noch die Rinde gerbt
    und der noch jedes Jahr zum Grünen kam.

    Auch wenn er einmal nicht mehr blüht,
    weil kahl wie Knochen seine Äste sind,
    wenn ich dich denke, bin ich wieder Kind
    und du, mein Baum, wirst mir zum Lied,
    das Tag und Nacht durch meine Träume zieht,
    bis auch in mir der letzte Ton verrinnt.
  • FrageDatum22.05.1970 23:52
    Frage

    Es ist dir genug
    dass du bist
    der du bist.
    Achtest nicht
    der täglichen Kriege
    in deinem Namen
    deinem Schatten
    geführt
    seit Anbeginn.
    Sammelst
    die Fragen
    immergleich
    in einem Fass
    ohne Boden:
    Warum?

  • EHJE ASCHÄR EHJEDatum22.05.1970 18:07
    Du bist der du bist
    Herr
    Über all mein Begreifen
    weit hinaus
    Unfassbar

    Bist da
    Warst da

    Keiner Kugel
    gelang es
    Keiner Bedrängnis
    dass meine Ohren
    taub wurden
    für die Lieder
    der Vögel
    Dass meine Augen
    blind wurden
    für die Farben
    des Herbstes
    Dass mein Mitgefühl
    stumpf wurde
    für das Leid
    des Nächsten

    Warst da
    Herr
    Bist da

    Bleib
  • Thema von Habibi im Forum Natur
    Winterlämmer weiß
    und wollig weich
    toben Übermut
    ins karge Gras

    Unbewegt die Katze
    vor dem Loch

    Flach des Habichts
    Schwingen überm Feld:
    maisstrohgelb
    Geraschel
    Endzeitlied.
  • ParisDatum22.05.1970 16:27
    Thema von Habibi im Forum Gesellschaft
    faulender leib
    auf deinen schwären
    nutten und bettler
    hocken wie fliegen
    nächtens
    wenn über ängstlichen seelen
    das damoklesschwert hängt
    wie ein fallbeil
    kreisen die gierigen geier des todes
    tiefer und tiefer
    das aas zu beäugen
    wartend
    bis du dir selbst zur legende
    und deine namen
    nur schall und rauch noch
    endlich versunken
    im kot deiner straßen
    bis dass der ratten requiem
    mitleidlos in den schlaf dich pfeift
    der ist traumlos
    und ohne erwachen
  • AbschiedDatum22.05.1970 16:27
    Thema von Habibi im Forum Natur
    Nun windet sich der erste Nebelschal,
    den Herbst verheißend, über Stoppelfelder.
    In stiller Andacht neigen sich die Wälder,
    des Himmels Weiß erstickt den Sonnenstrahl,

    der viel zu selten uns'ren Tag gewärmt.
    Und laue Nächte nicht wie sonst uns lockten.
    Statt wir bei Mondschein in das Gras uns hockten,
    wurd' von vergang'nen Sommern viel geschwärmt,

    die uns mit ihrer Wärme eingehüllt.
    Da waren Abende, im Blut ertrinkend,
    wenn uns're Leiber, zwei in eins versinkend,
    ward Geist und Körper gleichsam ausgefüllt

    mit jenem unbeschreiblich tiefen Glanz.
    Doch etwas müd' scheint die Natur zuzeiten.
    Die Höhen flacher, eng und kurz die Weiten
    und träge mutet an der Blätter Tanz,

    als ob im Schweben noch ein Zögern wär.
    Die Frage, ob an winterkahlen Zweigen
    erneut im Lenz wird frisches Grün sich zeigen,
    die Frage nach der Zukunft lastet schwer

    und lässt den Herbst mir trostloser erscheinen.
    Möge die Hoffnung nach Erfüllung streben,
    damit erneut den Frühling wir erleben...
  • HerbstmonologDatum22.05.1970 09:29
    Selbst die Spiegel bedecken sich schamhaft mit Dampf, wenn ich meiner Badewanne entsteige. Umsonst. Die Haut umschließt den Körper, als wäre sie zwei Nummern zu groß und wirft Falten wie eine schlecht sitzende Strumpfhose.

    Die Spiegel sind längst nicht mehr meine Feinde. Und die Kosmetikindustrie verdient an mir nicht.

    Wenn da nur nicht die Angst wäre, auszurutschen und zu stürzen. Es ist nicht die Angst vor dem Tod. Nur vor der Lächerlichkeit der Hilflosen. Wenigstens würdevoll sollte es zugehen, wenn es so weit ist.

    Noch immer brennt’s unter meiner Haut, unter meiner Hirnschale, in den Höhlen und Falten dieses abgelebten Körpers. Nachts, wenn niemand da ist, die Gedanken einzusperren, den Erinnerungen und ungelebten Möglichkeiten einen Maulkorb umzulegen. Auf wie viele Blicke den Kopf abgewendet, wie viele Chancen der „Anständigkeit“ geopfert. Feucht wird’s dann zwischen meinen Schenkeln, dort, wo sich schon lange keine fremde Hand mehr hin verirrt hat.

    Die Flüssigkeiten ergießen sich, so wie tagsüber dieses andere dünne Rinnsal, das, wie früher das nutzlose Blut, von ebensolch dichten Erfindungen der Chemieindustrie aufgefangen wird; andere Farbe, anderer Geruch, doch zeitlebens der Körper ein leckendes Gefäß.
    Zeitlebens ungefüllt und unerfüllt die meiste Zeit.
    Soll das die Krone der Schöpfung sein?

    Der Welt Befindlichkeiten entlocken mir nur ein müdes Lächeln. Bin ich wirklich vor Äonen auf die Straße zum Demonstrieren gegangen? Was hat es gebracht?

    Vergeblichkeit. Der Tage und Wochen nie wechselnder Gleichklang. Warten. Die Veränderungen um uns: ein Trick. Als bewege sich etwas. Als trete nicht immer alles auf der Stelle. Als müsse nicht jede Erfahrung tausendfach wieder aufs Neue gemacht werden.

    Trost finden in der Sprache der Musik. Totenmessen so weit das Ohr reicht. Am liebsten das Deutsche Requiem von Brahms. Das Gras vertrocknet, die Blume abgefallen. Wer wüsste das besser!

    Die Jahreszeiten: eine Zumutung. Nur der Herbst ist erträglich. Das Aufbrechen der Knospen im Frühling empfinde ich als persönliche Beleidigung. Die Verschwendung des Sommers als Verhöhnung. Allein im beschneiten Feld sehe ich das Kommende. Unendlichen Frieden.

    Ob Licht oder Tunnel, Musik oder Nichts, ist mir egal. Hauptsache: das hier ist endlich vorbei.


  • KalleDatum22.05.1970 08:47
    Als Kalle erwachte, war es dunkel. So dunkel, wie es hinter - oder sollte er lieber sagen: vor - geschlossenen Lidern nur sein konnte. Sein erster Gedanke war: “Was für ein Scheiß-Trip ist das hier?” Doch als er eine Weile nachgedacht hatte, war er sich ziemlich sicher, dass er in den letzten Monaten weder etwas geraucht noch etwas eingeworfen hatte. Er war genau genommen ziemlich clean. Ein zweiter Gedanke schoss durch sein Hirn wie ein Stromstoß aus einer Hochspannungsleitung: Man hatte ihn lebendig begraben! Davor hatte er immer Angst gehabt. Wie oft schon hatte man davon gehört, dass Scheintote eingebuddelt worden waren und irgendwann erwachten. Durch lautes Rufen hatten manche ihr Schicksal noch einmal abwenden können. Und immer mehr Leute ließen sich ein Handy mit in den Sarg legen. Für den Fall der Fälle. Und nun war es ihm passiert. Jemand von seinen Scheiß-Verwandten hatte es sehr eilig gehabt, ihn zu verscharren.

    Beim Versuch, die Augen zu öffnen, um die Ursache der absoluten Dunkelheit zu ergründen, vielleicht in der Schwärze, die ihn umgab, einen Anhaltspunkt in Form eines etwas helleren Schwarzes, zu finden, stellte er fest, dass er nicht nur seine Lider nicht anheben konnte, sondern dass auch seine Beine und Arme sich nicht bewegen ließen. Als die kurz in ihm aufwallende Panik etwas abgeebbt war, versuchte er noch einmal konzentriert, irgendeinen Muskel in seinem Körper zu bewegen. Er formulierte den Befehl an sein Hirn erst langsam und geduldig, als spräche er mit einem unartigen Kind, dann, wie es seine Art war, unwirsch und nicht gerade stubenrein: “Tu endlich, wozu du da bist, du verschissener grauer Batzen: zeig mir, dass ich lebe und lasse mich meinen Scheiß-Körper fühlen!”

    Aber es geschah nichts. Die Gedanken in Kalles Hirn überschlugen sich, stolperten übereinander und standen sich gegenseitig im Wege, doch am Ende dieses Feuerwerks von Überlegungen, Vermutungen und Ängsten schien eine unumstößliche Tatsache zu stehen. Das Einzige, was erklärte, warum er zwar denken konnte, seinen Körper aber nicht mehr fühlte: Es musste was dran sein, dass nach dem Tod die Seele oder das, was jeder sich darunter vorstellte, weiterlebte. Anscheinend konnte man damit auch denken. Und so, wie es aussah, war es im Jenseits ziemlich dunkel.

    Aber nicht still. Unterschiedlich weit entfernt und aus verschiedenen Richtungen war in ungleichmäßigen Abständen ein wie durch Watte oder Wasser gedämpftes Klopfen oder Knarren zu hören. Auf seinen Ohren spürte er einen leichten Druck. Das einzige körperliche Gefühl, das er hatte. Was hatte das verdammt noch mal zu bedeuten? Entweder er war hinüber, dann dürfte er gar nichts mehr spüren, oder jemand verarschte ihn hier granatenmäßig. War das die Erde, die die trauernden Anverwandten auf den Sarg warfen? Kalle fragte sich, wer wohl da oben stehen würde. Ganz sicher seine Alten. Die einzige, die wohl wirklich trauern würde, wäre seine Mutter. Der hatte er leider nicht gerade viel Freude während der knapp vierzig Jahre seines Erdenlebens bereitet. Schon als Kind nicht. Und gesehen hatte er sie auch schon jahrelang nicht mehr. Um sie tat es ihm echt leid. Wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, hätte sich sicher ein Tränchen aus seinem Auge geschlichen. Aber seine Scheiß-Augen waren tot. So tot wie kalter Glibber. Und sein Alter, der sollte bloß nicht so tun, als ob er seinem missratenen Sohn ein Träne nachweinte. Schließlich hatte er es ihm, Kalle, zu verdanken, dass er nicht mehr mit seiner Frau zusammen leben konnte. Weil er sich mit vierzehn dazwischengestellt hatte, als der Alte im Vollsuff wieder einmal seine Mutter verprügeln wollte. Und als er einen linken Haken landen wollte, hatte Kalle das erste Mal zurückgeschlagen. Seitdem war Funkstille. Und irgendwann hatte die Mutter endlich den Mut gehabt, die Scheidung einzureichen. Scheiß-Alter, der sollte sich bloß verpissen!

    Freunde, Bekannte? Kalle konnte sich keinen der Looser bei seiner Beerdigung vorstellen. Nicht einen einzigen! Scheiß-Gedanken!

    Da war es wieder, dieses verhaltene Klopfen. Hörte es sich so an, wenn die Würmer sich durch die Sargwände nagten? Von außen nach innen oder umgekehrt? Der Gedanke an bleiche fette Maden gefiel Kalle gar nicht. Verbrennen wär ihm eh lieber gewesen. Aber man wurde ja nicht gefragt.

    So sehr er sich sein Hirn zermarterte, er konnte sich nicht daran erinnern, was er zuletzt getan hatte. Bevor er erwacht war und alles war dunkel.

    Kalle registrierte verwundert, dass seine Angst auf einmal verschwunden war. Eine Angst, die er nirgendwo in seinem Körper gespürt hatte, nicht als Faust im Magen oder als Kloß im Hals, weil er nichts mehr in diesem Körper spüren konnte, die aber da gewesen war, unzweifelhaft, in den Windungen seines Hirns, in diesem von ihm so schändlich missbrauchten, durch Alkohol, Zigaretten und Drogen geschädigten Organ. Jetzt wäre er davongeschwebt, wenn er gekonnt hätte. Machte sich seine Seele jetzt auf in den Himmel? Wo er doch die Hölle verdient hatte?

    Plötzlich verschwand der Druck von seinen Ohren und neben seinem linken Ohr hörte Kalle eine Stimme. “Herr Mertens, Sie werden jetzt gleich aufwachen. Bewegen Sie vorsichtig ihre Finger und Zehen und öffnen Sie dann ganz langsam die Augen. Die Untersuchungen sind abgeschlossen und haben interessante Ergebnisse gebracht. Zur Auswertung bringe ich Sie nach nebenan, wo Dr. Zeyer auf Sie wartet.”

    Dr. Zeyer. Den Namen kannte er. Die Erinnerung kam schneller als die Beweglichkeit seiner Gliedmaßen. Die Anzeige in der Zeitung: “Pharmaunternehmen sucht Probanden für Arzneimitteltest.” Er wusste zwar nicht, was ein Proband war, aber er hatte die Nummer angerufen, weil der darunter stehende Betrag jegliche Fragen erübrigt hatte. Kalle hatte zwar von dem missglückten Versuch in England gehört, der einige junge Leute das Leben und die Gesundheit gekostet hatte, aber hier in Deutschland würde sicher alles seine Richtigkeit haben. Und so war er hier gelandet. In der Einführung hatte der Arzt irgendwas von “Phobien” gefaselt und dass sie ein Heilmittel ausprobieren wollten, aber er hatte es gar nicht so genau wissen wollen. Und dann hatten sie ihm die Kopfhörer aufgesetzt und in die Röhre geschoben. Vorher natürlich eine Kanüle in den Arm, durch die dann die Medikamente gegeben wurden.

    Kalle bewegte vorsichtig die Zehen. Verdammte Scheiße, so was wollte er aber nicht für alles Geld der Welt noch mal erleben! Wer brauchte schon das Gefühl, lebendig begraben zu sein.

    Als er sich endlich mühsam aufgerappelt hatte und am Arm einer hübschen Schwester in ein anderes Zimmer gewankt war, hatte dort Dr. Zeyer noch Fragen bezüglich dem, was er unter den Drogen erlebt und gefühlt hatte. Kalle geizte mit Worten. Das war noch nie seine Stärke gewesen. Die hatten ihn gefickt und jetzt sollten sie sehen, wer ihnen erzählte, wie es war, dazuliegen und sich nicht bewegen zu können. Das war jetzt seine Rache.

    Nach einem starken Kaffee - wieder in der Sonne auf der Straße stehend, hatte er das Gefühl, ein anderer zu sein. Er ging in den nächsten Blumenladen, der an der Straße lag, kaufte einen großen Strauß mit bunten Frühlingsblumen und stieg in den Bus mit der Nummer 9. Bei dem Gedanken an das Gesicht seiner Mutter musste er lächeln.
  • Das sirrende Geräusch eines nahenden Insekts unterscheidet sich in nichts von dem uns, von einheimischen oder anderen europäischen Vertretern dieser Gattung, leidvoll bekannten. Doch hat man das Licht angeschaltet, um den Ruheplatz des Plagegeistes ausfindig zu machen, lässt sich der erste Unterschied feststellen: Man sieht erst einmal nichts. Obwohl in hellen Farben schmucklos getünchte Wände die Suche erleichtern, obwohl sämtliche Altkadaver sorgsam vom gründlichen Personal entfernt wurden, obwohl kein Summton von andauernden Aktivitäten zeugen würde, nirgends – und erst recht nicht im Bereich des Landeplatzes üblicher, einfallsloser mitteleuropäischer Vampire, nämlich im Bereich des Lichtkegels der Lampe - ist der Hauch eines Schattens zu sehen.

    Hat man die Abfolge der immer gleichen Schritte – Licht aus, Adrenalin-Senkung, Versuch einzuschlafen, fernes, schließlich näher kommendes Sirren, vergebliche blindwütige Schlafversuche, Licht an, konzentriertes Absuchen aller Wände und der Decke, Schütteln an Vorhängen, Licht aus – häufig genug wiederholt, wird man an irgend einer – gar nicht so versteckten Stelle – fündig. (Wenn es sich nicht um eine Vertreterin der ganz ausgeschlafenen Sorte handelt, die es liebt, sich genau im Schatten der Bettpfosten oder unerreichbar an der vier Meter hohen Decke zu platzieren.) Man greift also voll Vorfreude und stets mit Kontrollblick auf das mit Todesstrafe belegte Objekt, zu einem nahe liegenden Taschenbuch, einer Zeitschrift oder einem Handtuch. Doch hat man sich gerade in die Ausgangsposition der optimalen Annäherung begeben, den Arm langsam, damit das scheue Wild nicht verschreckt werde, erhoben und voll Vorfreude über den nahenden Sieg und auf den dann winkenden redlich verdienten Schlaf, dann – ist die Wand wieder jungfräulich leer. Wohin ist die Mücke entwischt? Vergeblich suchen die vor unterdrückter Müdigkeit überweit offenen Augen die Flächen ab, vergeblich lauschen die auf das sensibelste eingestellten Ohren in die trügerische Stille des Zimmers hinein. Nichts zeugt von dem eben noch kurz vor dem Ende stehenden Kampf. Es ist die Ruhe vor dem nächsten Sturm.

    Ist es die Schnelligkeit, die so ganz im Gegensatz zu der seit fünftausend Jahren kultivierten Lebensmaxime ihrer Landesherren steht? Ist es die geringere Größe, die schon fast als Grazilität durchzugehen sich anschickt und zu dem falschen Rückschluss auf mindere Blutrünstigkeit verleitet? Oder ist es eine bei Tieren so niederer Art selten gesehene Intelligenz, vielleicht gar ein ausgeprägter sechster Sinn, der die ungeheure Wendigkeit, bar jeden Ansatzes von Trägheit oder gar Faulheit, begründet, der diesen winzigen Tierchen zum Lebenserhalter wird?

    Man möge, wie ich, die Stunden der Nacht, die sonst nutzlos mit vergeblichen Jagden nach doch schnellerem Wild verstreichen würden, zwischen zwei Griffen auf den Lichtschalter, nutzen, um eine Antwort auf die Frage zu finden, was die ägyptische Stechmücke so sehr von der europäischen unterscheidet, die nur eines kann: bei erster Gelegenheit sich vollsaufen, faul und träge auf einem Fleck im Lichtkegel an der Wand verharren und darauf warten, bis sie ihrer gerechten Strafe zugeführt wird.
  • Herbst IIDatum22.05.1970 05:02
    Es tut nicht weh,
    nicht so sehr weh,
    dass man ihn nicht ertragen könnt’
    den Schmerz, der sich so langsam
    stückchenweis und leis
    hineinfrisst in mein müdes Herz
    mit jedem nicht gesagten Wort
    und manchem abgewandtem Blick
    ein Stück, ein kleines Stück...

    Noch friert es nicht,
    die Blätter fallen leis,
    so leis, dass man der Bäume Sterben
    beiläufig fast und ohne Tragik
    unabänderlich erlebt
    wie eine Liebe, die vergeht,
    weil ihre Zeit gekommen ist,
    sich hinzuopfern für das grelle
    kalte Licht des Wintertags,
    das alles Ungefähre gnadenlos durchbricht.
  • AllerseelenDatum22.05.1970 02:34
    Mächtig
    schwingt sich
    der Glocken Klang
    vielstimmig
    zum Friedhof
    hinauf.
    Der Gräber Putz
    kämpft an
    gegen Nebel
    und nassbraunes
    Laub.
    Die Kerzen
    flackern
    geduldig
    und für ein Jahr
    ist die Schuldigkeit
    wieder
    getan.
  • Bitte an die DichterDatum22.05.1970 02:22
    Thema von Habibi im Forum Liebe und Leidenschaft
    Die Rose als solche, gereimt oder nicht,
    ist absolut fehl im modernen Gedicht.
    Wer dennoch sie quält - wehren kann sie sich nicht,
    dem es an besserem Stoffe gebricht.

    Ist sie die Rose die Rose die...
    sticht sie und bricht sie
    ein Knab ab, weil nie
    so etwas Schönes er sah?
    Wähnt er dem Himmel sich nah?
    Hörte er nicht, wie sie schrie?

    Redet nicht vom Rosenmund,
    singt nicht von Rosenwangen,
    niemand wird vom Kuss gesund,
    bleibt an Dornen hangen.

    Badet nicht in ihren Blüten,
    Parfümiert den Körper nicht.
    Kostet nicht von der Essenz,
    der im Orient man zuspricht.

    Drum ein guter Rat zum Schluss:
    trifft euch mal der Musenkuss,
    aus der Themen Überschuss
    sucht getrost euch etwas aus,
    nur die Rose, die lasst raus.

    Denn der Reime schlechte
    gibt es mehr als rechte
    und die edle, schöne Blume
    reicht dem Dichter nicht zum Ruhme.
    Eher wächst o Gram o Graus
    statt der Blume vor dem Haus
    rosenrot der Überdruss.
  • Das BildDatum21.05.1970 23:58
    Das Klingeln des Telefons machte meine Hoffnung auf ein paar Stunden Schlaf zunichte. Ich kannte die Straße, die die Anruferin schluchzend durchgab. Sie befand sich in dem Ort, in dem auch ich seit vier Jahren lebte. Weit genug entfernt von der Stadt und der Klinik und nah genug am Wald.

    Ein Dorf mit zwei Neubaugebieten und einem deutlich zur Schau getragenen Abgrenzungsbedürfnis der Ureinwohner gegenüber den „Neigschmeckten“. Das wurde am augenfälligsten bei den zahlreichen von der Kirche oder den Vereinen organisierten Festen im Dorf sowie beim alljährlich wieder mit unverminderter Wucht über alle hereinbrechenden Fasnetstrubel. Die Alteingesessenen hockten in einer, die Zugezogenen in einer anderen Ecke. Vermischung erfolgte nicht einmal beim Schunkeln oder in der Bar. Nun gut, damit konnte ich leben. Nach Verbrüderung war mir ohnehin selten.

    Das Haus befand sich im alten Ortskern. Die Frau mit dem verkniffenen Gesicht, die uns in einem rosenübersäten Dederon-Morgenmantel entgegen trat, war mir als eifrige Kirchgängerin bekannt. Sie führte uns ins Untergeschoss, wo sich eine Einliegerwohnung befand. Den Geruch, der uns beim Öffnen der Tür entgegen schlug, kannte ich: Terpentin und Ölfarben. Es war derselbe Geruch, der mich empfing, wenn ich mein zum Atelier umfunktioniertes Schlafzimmer betrat.

    Bevor ich meinen Augen gestattete sich umzusehen, beugte ich mich über den am Boden liegenden Körper. Nur zur Sicherheit überprüfte ich den Puls und horchte auf Herzgeräusche. Fehlanzeige, wie vermutet. An den Fingern seiner rechten Hand war die Ölfarbe noch feucht. Auf der Staffelei stand ein Bild, auf dem gerade eine Explosion aus Rot und Blau, Gelb und Schwarz stattfand. Der Pinsel lag unweit der Leiche.

    Mein Kollege Steffen befragte inzwischen die Mutter des Toten nach den Umständen seines Ablebens. Jetzt kam der unangenehme Teil. Wie bei ungeklärter Todesursache üblich, musste die Kripo hinzugezogen werden. Während wir warteten, fragte ich danach, ob ihr Sohn irgend welche Medikamente eingenommen habe, was sie durch Kopfschütteln verneinte.

    Der Tote war mir schon oft bei meinen einsamen Spaziergängen begegnet. Er war das, was man in dem Ort, in dem ich aufgewachsen war, als „Dorftrottel“ bezeichnet hätte. Noch gut erinnerte ich mich an das wohlige Erschrecken, das uns durchrieselte, wenn wir in dem Wäldchen zwischen unserem und dem Nachbardorf spielten und einer rief: „Dort kommt Fettbrots Karl!“ Ob dieser tatsächlich so hieß wie die häufig auf unserem Abendbrotstisch anzutreffende Arme-Leute-Speise, war für uns unwichtig. Er war der Trottel vom Nachbarort und um ihn rankten sich schaurige Legenden. Vor unserem eigenen, dem harmlosen Resultat seit Generationen praktizierten inzüchtigen Verhaltens fürchteten wir uns nicht.

    Der hier vor mir liegende Mensch hatte nichts mit jenen Gestalten meiner Kindheit gemeinsam. Er war so klein wie ein achtjähriger Junge, hatte aber den gedrungenen Körperbau und das Gesicht eines Mannes. Man sah ihn nie, ohne dass er unverständliches Zeug vor sich hinbrabbelte, mit schlenkernden Gliedmaßen und kaum je ohne eine Blume oder einen Zweig in der Hand. Er war eindeutig nicht nur minderwüchsig, sondern auch geistig behindert. Was zu seinem Tod geführt hatte, eine Krankheit oder sein eigener Wille, würde die Gerichtsmedizin klären müssen. Schonend bereitete ich die Mutter auf die Wahrscheinlichkeit einer Obduktion vor.

    Während sie sich entschuldigte, um sich etwas Anderes überzuziehen, hatte ich Muße, mich im Atelier umzusehen. Überall an den Wänden, auf Staffeleien und kleinen Tischen standen Bilder unterschiedlichster Größe. Bespannte Keilrahmen, wie auch ich sie benutzte. Doch das Faszinierende an den Bildern, die ich halb oder ganz sah, waren die Farben. So hatte ich schon immer malen wollen! Keineswegs dunkel und schwermütig, wie ich es vermutet hätte, sondern klare leuchtende Farben nebeneinander gestellt, so kraftvoll und lebensbejahend, dass es eine Lust war sie anzuschauen. In manchen Bildern waren Landschaften zu erahnen, andere zogen den Blick magisch in die Tiefe wie in einen Tunnel.

    Steffen musste mich am Arm fassen, um meinen Betrachtungen ein Ende zu machen. Draußen hielt soeben der Wagen der Kripo. Die Kollegen stellten die üblichen Fragen und machten einige Fotos. Dann trugen sie die Leiche zusammen mit Steffen auf einer Trage in den Leichenwagen, der soeben eingetroffen war.

    Bevor wir fuhren, fragte ich die Frau, ob ich in ein paar Tagen noch einmal kommen und mir die Bilder anschauen könne. Sie sah mich an, als hätte ich ihr ein unsittliches Angebot gemacht. Ihre kaum verständliche Antwort nahm ich als Zustimmung.

    Die Bilder ließen mich nicht los. Zwei Tage später klingelte ich wieder an der Tür. Die Frau schien mich nicht zu erkennen, was wohl am fehlenden weißen Kittel lag. Nachdem ich endlos lange erklärt hatte, wer ich bin und was ich will, ließ sie mich misstrauisch eintreten. Im Atelier war alles unverändert. Wachsam beobachtete die Mutter, in der Tür stehend, meine Bewegungen. Ich sah mir jedes Bild an, aus der Nähe und von fern. Auf meine Frage, was sie mit den Bildern vorhabe, schaute sie mich verständnislos an. „Was soll i mit dem G`schmier ofanga? Dr Bua hot hald ebbes do miassa, s´ war hald sei ei ond ells.“ Ich dachte an meinen Galeristen, der für mich schon ein paar meiner „Werke“ verkauft hatte, dem meine Akte ebenso wie meine Landschaften jedoch zu gegenständlich waren. Doch wann immer ich wild entschlossen, endlich etwas „Abstraktes“ großzügig auf die Leinwand zu bringen, loslegte, endete dies mit einer grauenvollen Schmiererei.

    Hier war mit einer solchen Unbekümmertheit und gleichzeitig traumwandlerischer Sicherheit zu Werke gegangen, wie es nur Kinder oder Genies können. War dies das Geheimnis des Kleinwüchsigen? Ganz hinten in einer Ecke stand ein Bild, das sich von allen anderen unterschied. Zwischen den beidseitig hochsteigenden bewaldeten Hängen ging eine Gestalt. Besser gesagt: sie stemmte sich gegen einen scharfen Wind, der durch die drohend über allem hängenden dunkelgrauen Wolken für den Betrachter fühlbar wurde.

    In dieser Gestalt erkannte ich mich. Der Weg, das Tal, der Mantel. Der Kleppermantel, mein Hort, meine Zuflucht. Als er noch bei meinen Großeltern am Gardarobenhaken hing, wickelte ich mich oft hinein, wenn ich von den anderen nicht gesehen werden wollte. Er war so lang, dass er fast bis auf den Boden reichte, und deshalb, wenn ich mich ganz an die Wand presste, nicht einmal meine Fußspitzen hervorlugten. Dieser Mantel hatte einen ganz besonderen Duft. Ein wenig hing immer von den Zigarren darin, die mein Großvater nur im Freien schmauchen durfte, damit die Gardinen der gestrengen Großmutter nicht darunter litten. Und der derbe Geruch männlichen Schweißes nistete ebenfalls in den Falten des Futterstoffes. Hier fühlte ich mich sicher.

    Wie oft hatte ich den Mantel probiert, um die Zeit nicht zu verpassen, wenn seine Ärmel nicht mehr hoffnungslos zu lang sein würden. Diesen Mantel musste ich um jeden Preis haben. Meinen Schutz vor der Welt.

    Und nun sah ich auf dieses Bild, bei dessen Anblick mir nur Worte wie „Verlorenheit“ und „Einsamkeit“ einfielen und konnte nicht anders als mich abzuwenden. Bevor etwas zerbrach, tief in mir drin. Die immer noch im Türrahmen ausharrende Frau zuckte erschrocken zusammen und ich verließ mit einem gemurmelten Gruß den Keller.

    Meine Wohnung empfing mich still wie immer. Doch zum ersten Mal empfand ich dabei keine Befriedigung. Ich ging durch die Räume wie eine Fremde und betrachtete mit der Distanz einer Fremden die geschmackvolle Einrichtung. Hier hatte ich nichts dem Zufall überlassen: jede Lampe, jedes Bild hatte seine Funktion, nahm einen Farbton oder das matte Glänzen eines Metalls auf; alles war geschmackvoll und schön, funktionell und edel. Wieso nur war dann in mir so eine Leere, so ein Gefühl, als fehle etwas?

    Wenn in den letzten Jahren einer meiner Lover bei mir übernachtet oder ein Wochenende mit mir zusammen verbracht hatte, litt ich unter den überflüssigen Spritzern auf den empfindlichen Feinsteinzeugfliesen im Bad. Und die Glasfront meiner Duschkabine vermochte trotz gründlicher Einweisung niemand so streifenfrei abzuziehen wie ich. Von all den anderen unangenehmen Dingen, wie herum liegenden Kleidungsstücken, verkrümelten Couchpolstern und beklecksten Designerstühlen ganz zu schweigen. Wenn einer der Männer im Überschwang seiner Gefühle angedroht hatte, für uns zu kochen, setzte ich all meine Überzeugungskunst daran, um ihn zu einem teuren Italiener zu bugsieren. Auf meine Kosten selbstverständlich. Das war es mir die Sache wert. In meiner Zwanzigtausend-Euro-Küche sollten nur meine Fingerabdrücke an den Edelstahlflächen und den hochglanzlackierten weißen Fronten zu sehen sein. Die Summe all dieser Mann-im-Haus-Erfahrungen ließ es gar nicht zu, dass sich mir ernsthaft die Frage stellte, ob es wünschenswert sei, mit einem Partner zusammen zu leben. Und Kinder? Diese Frage beantwortete sich ebenfalls von selbst. Lieber jettete ich drei Mal jährlich zu den schönsten Plätzen der Welt, als dass ich Windeln wechselte und mir vorlaute Sprüche anhörte.

    So jedenfalls waren meine Gedanken gewesen, bevor ich dieses Bild gesehen hatte. Zwei Tage später fand ich mich wieder vor jenem Haus, um zu fragen, was die Mutter denn nun mit den Bildern zu tun gedenke. „Was moine se denn, wo ma die no due ko?“ Ich schlug vor, einem Altersheim oder einer anderen sozialen Einrichtung einige zu schenken, erklärte mich auch bereit, meinen Galeristen zu fragen, ob er Interessenten kenne. Auch im Krankenhaus wollte ich mich erkundigen, ob in einem der vielen Flure noch Platz für moderne Kunst sei. Dann hörte ich mich ganz erstaunt um jenes Bild bitten, das mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Sie lief in die Ecke, zog das Bild heraus und drückte es mir in die Hand. „Do, nehms, Freullein, i frei mi, dass ebber sei Sach mag.“ Als ich wegen der Bezahlung fragte, war sie fast beleidigt.

    Zu Hause angekommen, überlegte ich, wo das Bild einen Platz finden könnte. Meine Wände waren mit eigenen Bildern dekoriert, das Treppenhaus ebenso; in meinem Atelier stapelten sich die großformatigen Leinwände, die ich nirgends mehr hatte unterbringen können.

    Doch viel entscheidender schien die Frage zu sein, ob ich diese Manifestierung meiner Niederlage, die Infragestellung meines Lebensentwurfes, überhaupt würde um mich ertragen können. Jeden Tag den Zweifel an mir nagen fühlen, ob der eingeschlagene und mit Vehemenz vor mir und allen anderen verteidigte Weg, der richtige war? Ob eine durchgestylte Wohnung, berufliche Karriere und finanzielle Sorglosigkeit die Leerräume auszufüllen vermochten, die sich vielleicht mit zunehmenden Alter noch in mir auftun würden?

    Was wäre, fragte ich mich, wenn an der linken Seite der Frau, da, wo der Weg noch genug Platz ließ, eine kleine, ebenfalls vermummte Gestalt, sich anschmiegen würde an den großen kräftigen, den Wetterunbilden trotzenden Körper? Oder ein noch größerer Umriss, einen Arm schützend um die verloren wirkende Einsame gelegt? Oder aber ein Paar, zwischen sich an den Händen haltend den kleinen Knirps?

    Bevor es mir richtig bewusst wurde, hatte ich schon den Pinsel in der Hand und brachte mit kräftigen Strichen die dunklen Umrisse des Waldes, den drohenden Himmel und das nach hinten immer schmaler werdende Band des Weges auf eine neue Leinwand. Erstaunt betrachtete ich das Bild und wunderte mich über die mutigen Spuren, die mein Pinsel hinterlassen hatte. So losgelöst von meinem Verstand hatte ich noch nie gemalt. Jetzt mussten die Farben noch trocknen. Bis dahin hatte ich Zeit, mir zu überlegen, wie viele Personen ich auf den Weg gegen den Sturm schicken wollte.

  • Im NebelDatum21.05.1970 23:24
    Im Nebel verwirrt sich
    des Selbstmitleids Faden
    gesponnen aus Tränen
    auf froststarren Gräsern.

    Und hinter den Augen
    fährt's rasend mit Messern
    durchs weiche Gekröse
    zwecks endlicher Stille.

    Mit Raureif bedeckt
    die lästigen Wünsche,
    vergebliches Hoffen
    und Harren und Warten.

    Der grinsende Narr
    hockt im kahlen Geäst,
    nur die Raben schrein
    weiter ihr uraltes Amen.
  • November IDatum21.05.1970 20:37
    Thema von Habibi im Forum Natur
    November

    Der Herbstzeitlosen Tage sind vorbei.
    Die Wiesen sehen ohne sie so trostlos aus.
    Noch grün zwar, doch bereit, den ersten Reif zu tragen,
    der dann im schwachen Abendschein auf Gräsern
    wie Geschmeide glitzert.

    Der Bäume großes Glühen dauert noch.
    Und eine Träne jedes Blatt, das nun zur Erde schwebt.
    Zu schnell der Takt des Spechts für dieses Requiem.
    Und von der Ahnung frühen Abschieds
    zeugt uns der Duft der letzten Rosen.
  • Der erste VersuchDatum21.05.1970 18:38
    Wie oft hatte ich mich schon über meine Feigheit und Unentschlossenheit geärgert! Wie viele interessante Begegnungen fanden deshalb nicht statt, wie viele Männer hatte ich deshalb nicht kennen lernen dürfen? Zu früh den Blick gesenkt. Falsche Signale ausgesendet. Eine Aura von „Rühr mich nicht an“ um mich, die doch gar nicht dem entsprach, was ich eigentlich wollte. Hatte ich nicht selbst durch mein zaghaftes Verhalten dazu beigetragen, dass immer nur Anderen die tollen Männer begegneten?

    Als ich den fremden, gut aussehenden Geschäftsmann einige Meter neben mir auf dem Bahnsteig stehen sah, bemühte ich mich wieder krampfhaft, nicht zu auffällig in seine Richtung zu schauen. Dass sein Blick mich mehr als nur zufällig streifte, hatte ich bald bemerkt. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass sich eine Frau zu ihm gesellte, die ebenfalls sehr businessmäßig gekleidet war. Sie schienen sich gut zu kennen und plauderten angeregt. Fast war ich enttäuscht. Aber auch erleichtert. Wieder mal um eine Entscheidung herum gekommen!

    Die S-Bahn kam und wir stiegen in den gleichen Wagen ein. Seine Blicke brannten mir im Nacken. Mir war unbehaglich zumute. Gleichzeitig spürte ich aber auch ein Kribbeln zwischen meinen Schenkeln. An der Station Friedrichstraße stieg die Frau aus dem Zug. Jetzt saß er allein da. Erschrocken über meine eigene Courage setzte ich mich ihm gegenüber. Ein kurzer Blick in sein erstauntes Gesicht ließ meinen Mut schnell wieder in sich zusammenfallen. Ich hielt meine Zeitschrift wie einen Schutzschild vor meinen Körper. Ärgerlich registrierte ich, wie sich eine heiße Röte bis zu meinen Haarwurzeln ausbreitete.

    Der Fremde dachte nicht daran, desinteressiert aus dem Fenster zu schauen. Er beobachtete mich. Schweigend. Als überlege er, was als nächstes käme und von wem es ausginge. Ich grübelte, ob ich Pickel im Gesicht habe, mein Lippenstift verschmiert wäre und vor allem, ob ich den vielen Episoden schmählicher Feigheit eine weitere hinzufügen sollte, mit dem wohlbekannten Ergebnis, dass ich mir noch tagelang hinterher ausmalen würde, was alles Wundervolles hätte geschehen können, wenn ich nur...Ja, was war eigentlich in solch einer Situation das Angebrachte? Übers Wetter reden? Dann lieber schweigen, da gab es auch keine Peinlichkeiten.

    An der nächsten Station musste ich ohnehin aussteigen. Er anscheinend nicht, denn er blieb sitzen. Fast aufatmend trat ich auf den Bahnsteig. Einer plötzlichen Eingebung folgend drehte ich mich zum Fenster um und winkte ihm lächelnd mit der Hand einen Abschiedsgruß zu. Beschwingt rückte ich meine Handtasche zurecht, schloss den Gürtel meines Trenchcoats und ging zur Praxis meines Therapeuten.

    Plötzlich überholte mich jemand und ich blieb mit offenem Mund stehen. Der Fremde lächelte mich charmant an und sagte fast entschuldigend: „Einer so netten Geste konnte ich einfach nicht widerstehen!“ Wie immer in solchen Situationen fehlten mir die Worte, doch er rettete mich, indem er mich zu einem Kaffee einlud. Ich entschuldigte mich mit meinem Termin. Aber so leicht ließ er sich nun nicht mehr abschütteln. „Dann treffen wir uns danach im Cáfe, ich kenne hier in der Gegend ein nettes Lokal.“

    Ich war damit einverstanden, schließlich konnte ich jetzt keinen Rückzieher machen. Als ich aus der Praxis auf die Straße trat, dachte ich in einem ersten Impuls daran, nach Hause zu fahren. Die Frage, wohin das alles führen würde, kreiste unaufhörlich in meinen Gehirnwindungen. Aber ich gab mir einen Stoß und ging zum verabredeten Ort.

    Der Fremde saß bereits an einem Tisch mit Blick zur Tür und kam auf mich zu. Ich war irritiert. Er sah nicht mehr so aus wie vor einer Stunde. Er hatte sich umgezogen und den Nadelstreifenanzug gegen eine legere Hose und ein Hemd ohne Krawatte getauscht. Und er roch anders. Nicht mehr nach sich selbst, wie jemand am Ende eines langen Arbeitstages riecht, sondern frisch geduscht und mit einem teuren Männerduft überreichlich eingesprüht. Das Tragische daran war nur, dass ich diesen speziellen Duft absolut nicht riechen konnte!

    Sofort war die anfängliche Faszination und Anziehung verschwunden und machte einer Unsicherheit Platz, mit der ich nicht umgehen konnte.

    Alfred Göbel, wie er sich mir vorstellte, schien nichts von der Veränderung zu bemerken. Er behandelte mich mit ausgesuchter Höflichkeit, erzählte von seiner Arbeit in einer großen Versicherung und lud mich zum Essen ein, was ich ihm nicht abschlug. Als der Wein mich etwas gelockert hatte, brachte ich unsere Begegnung zur Sprache, weil mich seine Sicht der Dinge interessierte. Er gestand, dass ich ihm schon auf dem Bahnsteig aufgefallen war. Auch er zählte zu den schüchternen Menschen, die aus Angst vor Zurückweisung nicht wagten, den ersten Schritt zu tun. Deshalb hatte er mein Abschiedswinken als Signal verstanden, die Gelegenheit zu nutzen und war mir spontan gefolgt. „Du hast tolle Beine und einen sexy Gang“, vertraute er mir an. Mittlerweile waren wir zum „Du“ gewechselt.

    Die Gesprächsthemen drohten uns langsam auszugehen und ich bemerkte die Müdigkeit, die sich mit dem Wein in mir ausbreitete. „Hast du Lust, noch mit zu mir zu gehen?“ unterbrach er meine Gedankengänge, die sich um die Frage drehten, wie ich mich am stilvollsten wieder aus dieser Situation herauslavieren könnte. Denn dass dieser Mann, so nett er zweifellos auch war, irgend etwas in mir in Brand setzen könnte, war ausgeschlossen. Deshalb antwortete ich mit einer Gegenfrage: „Und was sollen wir bei dir tun?" Seine Antwort war nicht dazu angetan, meine Meinung zu ändern. „Ein bisschen Kuscheln vielleicht?“ Ich schüttelte mich innerlich. Um nichts in der Welt wollte ich mit diesem Menschen kuscheln. Aber eine andere Seite in mir übernahm das Kommando. So, als wollte sie sehen, wie der eingeschlagene Weg enden würde.

    Und so fand ich mich kurz darauf vor seiner Wohnungstür, nicht wissend, was ich eigentlich hier verloren hatte. Die Wohnung war ein weiterer Schock. Noch nie habe ich einen Raum gesehen, der solche Einsamkeit ausstrahlte, wie dieses Appartement. Penibel aufgeräumt und sauber, kein herumliegendes Kleidungsstück, keine Zeitschrift, kein Buch. Steril. Unpersönlich. Mich fröstelte beim Gedanken an die Abende, die dieser Mann auf seiner Designercouch vor dem Fernseher zubrachte, einen Teller mit Microwellen-Fastfood auf dem flachen Tisch aus gebürstetem Stahl und Glas und eine Flasche Wein, um wenigstens die innere Kälte zu betäuben.

    Geschäftig war Alfred zur Couch gegangen, um sie mit wenigen Griffen in eine Liegefläche zu verwandeln. Danach nahm er meine Hand und führte mich zu dieser auberginefarbenen Fläche aus Leder, die sich so kalt anfühlte wie der Rest des Raumes. „Was möchtest du trinken?“ Meine Antwort verunsicherte ihn sichtlich. „Mineralwasser.“

    Als wir uns gegenüber saßen, dachte ich nur noch darüber nach, wie ich ihm am schonendsten beibringen könnte, dass es mit uns nichts werden würde. Nicht für länger und nicht mal für eine Nacht. Als er mein Gesicht in die Hände nahm und mich vorsichtig küsste, war ich mir ganz sicher. Zwischen uns stimmte die Chemie nicht. Hätte ich mehr Wein getrunken, wäre mir mein Mitleid mit ihm sicher zum Verhängnis geworden. Ich hätte mit ihm geschlafen, um sein Selbstwertgefühl nicht zu sehr zu verletzen. Dann hätte er wenigstens auf einen One-night-stand zurück blicken können. Nichts Ungewöhnliches immerhin. Er hätte sich als ganzer Mann, als erfolgreicher Jäger, fühlen können. Doch wie hätte ich mich gefühlt?

    Es hatte keinen Sinn. Besser ein schnelles Ende. Alfred hatte natürlich meine fehlende Leidenschaft bei seinem Kussversuch bemerkt und entschuldigte sich prompt. Er wollte wissen, was er tun solle. Ich schob meine Müdigkeit vor, was nicht einmal gelogen war und versicherte ihm voll Enthusiasmus, dass er nichts falsch gemacht habe und dass es nicht an ihm liege. „Du bist ein netter Kerl, Alfred, aber das mit uns wird nichts!“

    Sein trauriger Blick verursachte mir wieder Schuldgefühle. Warum hatte ich mich nur in diese Situation begeben? Brauchte ich diese Erfahrung unbedingt? „Können wir uns wieder sehen? Kann ich dich anrufen?“ Aber auch diesen rettenden Strohhalm musste ich ihm kappen. Nichts hasse ich so sehr, wie absichtlich verursachte falsche Hoffnungen. „Es war ein schöner Abend, Alfred, für uns beide. Belassen wir es dabei.“ Er nickte resigniert. Sein Angebot, mir ein Taxi zu rufen, lehnte ich dankend ab. Ich brauchte jetzt frische Luft und Bewegung.

    Als ich wieder unten auf der Straße stand, spürte ich, wie in mir ein unbändiges Lachen aufstieg. Ich hoffte nur, er hätte es oben in seinem Zimmer nicht gehört und falsch gedeutet. Ich lachte über die Frau, die ich in den vergangenen Stunden gewesen war, die Dinge getan hatte, zu denen mir immer der Mut gefehlt und die ich nun endlich einmal ausprobiert hatte. Es war ein befreiendes Lachen, das sich an den Häuserfassaden brach und in den besternten Nachthimmel kletterte, unter dessen Schutz ich dahin lief, dem nächsten Tag entgegen.


  • EntschwindenDatum21.05.1970 18:23
    Vielleicht war das der Beginn gewesen: als er das leere Glas vom Mund nahm und inmitten des noch halb vollen Tellers absetzte. Mitten hinein in den Spinat. Warum habe ich dem nicht die Bedeutung zugemessen, die es verdiente? Wollte ich es nicht wahrhaben?
    Hätte ich damals, an jenem winterstarren Mittag zu ihm sagen sollen: Jetzt ist es soweit, Geliebter. Lass mich dir den Schierlingsbecher reichen?

    Oder hatte es schon früher begonnen? Als die minutenlangen Abwesenheiten, die seinem Gesicht den Stempel der Verwirrung und Verlorenheit aufgedrückt hatten, immer häufiger wurden? Er hatte dagegen angekämpft, nicht mehr Herr im eigenen Hause zu sein - der Kopf war ihm vom Verbündeten zum Feind geworden. Und war doch in seiner Hilflosigkeit gegen das zunehmende Versinken im Nebel des Nichts sichtbar von Furcht erfüllt. Was hätte ich tun können? Müssen? Die menschliche Psyche mit ihren Verdrängungs- und Beruhigungsmechanismen funktioniert ja so perfekt. Ein depressiver Schub, hatte ich mich beeilt, bekannte Erklärungen zu bemühen. Er wird halt vergesslich, beruhigte ich mich, wenn er mit dem Korkenzieher in der Hand verloren in der Küche stand und nicht wusste, was er damit wollte. Ich war schließlich auch nicht mehr die Jüngste und es konnte auch mir geschehen, dass ich mich, im Keller stehend, fragte, weshalb ich dorthin gegangen war, was ich dort holen wollte.

    Wann hätte ich die Situation als die erkennen müssen, die unweigerlich einen bestimmten, oft diskutierten Schritt nach sich gezogen hätte? Wann hätte er selbst diese Entscheidung noch treffen können? Treffen müssen, wenn er seinen Teil unserer wechselseitigen Abmachung hätte einlösen wollen?
    War es schon zu spät, als er eines Morgens vor seinem Lieblingsbild, Fontanes Porträt, im Wohnzimmer stand und mich fragte, wer der Mann auf dem Bild sei? War es auf jeden Fall zu spät, als er nicht mehr wusste, wer ich war?

    Anfangs, als die Aussetzer nur von kurzer Dauer waren, einige Minuten, eine Stunde, er aber bereits spürte, dass etwas in ihm am Erlöschen war, hatte er noch versucht, mit Geschick darüber hinweg zu gehen, in der Annahme, wenn er so täte, als existiere das Bedrohliche nicht, wenn er es schaffe, dass ich nichts davon mitbekäme, wäre es weniger real. Ein Kind, das, wenn es nicht gesehen werden will, die Augen schließt. Wenn ich dann sein Arbeitszimmer betrat, fand ich ihn oft angestrengt in ein Buch schauend, als lese er. Dies hatte mich anfangs beruhigt, bis ich einmal beim Nähertreten bemerkte, dass er das Buch falsch herum hielt. Längst schaffte er es nicht mehr, die aus dem Regal entnommenen Bücher an ihren alten Platz zurück zu stellen.

    Seine Wut, als ihm nach und nach immer bewusster wurde, was mit ihm geschah. Dass sein Geist ihn verlässt, dass etwas Unfassbares in seinem Kopf passiert. Etwas, das ihm die Fähigkeit raubte, klar zu denken. Das, was ihn sein ganzes Leben ausgemacht hatte, dieses zielsichere Denken - es verschwand. Und als er das realisierte, schlug er oft wild um sich, warf mit seinen geliebten Büchern. Er, der Sanfte, der nie seine Hand gegen einen Menschen oder ein Tier erhoben hatte. Fast noch schlimmer aber als diese Wutausbrüche war es, wenn er still auf dem Sofa oder an seinem Schreibtisch saß und die Tränen über sein faltiges, von unzähligen Altersflecken bedecktes Gesicht liefen.

    Die Sprache, seine Geliebte, kam ihm mehr und mehr abhanden. Es schmerzte, wenn ich ihn stammeln hörte, nach den einfachsten Wörtern suchend, und daran dachte, was für großartige Werke er geschaffen, welch edlen Gestalten er seine Stimme geliehen hatte. Tausende von Studenten hatten sich von ihm in die Kunst der Rhetorik einweisen lassen. Jetzt verstummte er langsam. In einem seiner wenigen lichten Momente, als ihm die ganze Katastrophe voll bewusst wurde, hatte er gesagt: Mir ist die Sprache gestorben. Hätte ich damals die seltene Gelegenheit nutzen sollen und ihn fragen, ob er noch immer für Sterbehilfe war, ob er seinen Zustand als “menschenunwürdig” empfand?

    Wer bin ich, dass ich die Entscheidung treffe, ob er sein Leben noch als “lebenswert” empfindet? Der Geist ist weg, doch vielleicht ist an seine Stelle etwas Anderes getreten, in dem er sich eingerichtet, mit dem er sich arrangiert hat. Heute freut er sich nicht an wohlgesetzten Hexametern seiner geliebten Griechen oder an Fontanes gelungenen Landschaftsbeschreibungen, heute freut er sich, wenn er mit der Pflegerin Einkaufen und den Wagen schieben darf oder wenn er beim Metzger ein Fleischkäswecken bekommt. Wer bin ich, dass ich ihm seine Freude aufrechne? Gibt es unterschiedliche Qualitäten von Freude? Ist die Freude über klassische Musik höher einzustufen als die über den Geschmack eines Stück Fleisches?

    Und wer ist er heute? Ist er wirklich ein Anderer, nur, weil alles das, was ihn ausgemacht hat, nun entschwunden ist? Ist er nur die Hülle, die gefüttert, gewickelt und gestreichelt werden will wie ein Baby?

    Ich sehe ihn an, seine lieben Augen, in denen jetzt abwechselnd die Angst und das Vergessen wohnt, sehe ihn an und weiß, dass er mich zwar sieht, aber nichts mit dem Gesicht, was er sieht, verbindet. Ein Mensch, der ihn umsorgt, wie seine Pflegerin. Ist für mich der Schmerz nicht viel größer als für ihn, der doch den Verlust gar nicht mehr realisiert?

    Trauere ich deshalb der nicht genutzten Chance auf ein schnelles selbstbestimmtes Ende so nach? Weil ich nicht damit umgehen kann, dass ein Mensch sich so radikal ändert? Weil ich nicht sagen kann: diesen Mann habe ich nicht geheiratet? Er geht mich nichts mehr an! Denke ich so?

    Er liegt auf der geblümten Tagesdecke in seinem Anzug, den er noch immer jeden Tag anziehen will, ebenso wie seine Schuhe. Er starrt mit offenen, leeren Augen an die Decke. Was sieht er?
  • AbwärtsDatum21.05.1970 17:43
    I

    Heute werde ich wieder Lyra sein, die 1,80 m große, schlanke Blondine. Noch während ich die Überreste des Abendessens entsorge, die Töpfe auskratze und die Spülmaschine einräume, durchrieselt mich warme Vorfreude auf den ersten Klick meiner Maus. Klaus liegt mit der obligatorischen Flasche Trollinger auf der Couch und ruft mir, nachdem ich mich mit einem Glas bedient habe, hinterher: “Mach nicht so lange heute, du brauchst mal wieder richtig Schlaf!” Wenn der wüsste, was ich brauche!

    Vor dem bläulich flackernden Bildschirm überkommt mich das bekannte Gefühl, nun endlich angekommen zu sein. Hier findet mein richtiges Leben statt. Nicht in der durchgestylten Küche und nicht im Bett unter Klaus. Erst recht nicht im Büro, wo ich die meiste Zeit auf eine ebensolche Tastatur einhämmere.

    Im Chat werde ich als Neuankömmling begrüßt und beim Lesen der Namen, die sich bereits auf der virtuellen Spielwiese tummeln, erhöht sich meine Herzfrequenz. Tom ist auch wieder da. Schon bald ziehen wir uns in den geschützten Bereich zurück und nun kann ich endlich meine Phantasie wieder ausleben.

    Natürlich weiß ich, dass Tom nicht wie Tom Cruise aussieht und auch wahrscheinlich keine Flugzeugmotoren konstruiert. Genausowenig wie ich Regieassistentin bin. Aber über unseren Job reden wir ohnehin nicht viel. Auch Sex spielt in dem direkten Sinn keine Rolle. Ein paar Ausflüge in derartige Regionen haben mir statt eines Kribbelns nur ein Gruseln beschert. Nein, wenn ich mit Tom chatte, tauchen wir tief in das Land unserer Wünsche und Träume ein. Wir finden uns an den schönsten Plätzen der Welt wieder, wo wir unser Leben leben. Kein schlechtgelaunter Ehemann, kein nie zufrieden zu stellender Chef, keine Krankheiten und keine Frustrationen.

    Natürlich kam der Zeitpunkt, da Tom mich in natura kennenlernen wollte. Doch warum einen Traum zerstören, der uns beiden so viel bedeutet? Warum soll ich ihm den Anblick meines übergewichtigen Körpers zumuten, dem bis zur angegebenen Größe noch fast 20 cm fehlen? Eines Körpers, an dem die Spuren des Alters schon begonnen haben sich abzuzeichnen. Dem man ansieht, dass er 10 Jahre älter ist als angegeben. Und warum soll ich mir das Bild, das ich mir von Tom gemacht habe, von der Realität eines in die Jahre gekommenen dünnhaarigen Vertretertyps zerstören lassen?

    Mein Mann steckt den Kopf zur Tür herein und ich klicke schnell den dafür vorbereiteten Geschäftsbrief an. “Ich gehe ins Bett”, verkündet er anklagend, wohl wissend, dass ich ihm wieder nicht folgen werde. Unser Sexualleben erschöpft sich seit Jahren im deutschlandüblichen Samstagsabend-3-Minuten-Raus-Rein. Manchmal, nach einem besonders schönen Erlebnis mit Tom, wenn mich seine Komplimente das Spiegelbild im Bad vergessen lassen, streichle ich mich selbst in den Schlaf. Es sind dann Toms Hände, die mich auf einer sanften Woge steigen lassen, bis ich kopfüber ins Wellental stürze. Was weiß Klaus schon von solchen Freuden!

    II

    Gelehnt an die Bar habe ich den ganzen Raum im Visier. Die Blicke einiger Männer haben bereits meine blonde Perücke gestreift und sind an meinen schwarzbestrumpften Beinen hinaufgewandert. Seit ich mir einige Liter Fett habe absaugen lassen und die Brust auf Idealgröße bringen ließ, akzeptiere ich auch meine nicht allzu große Gestalt. Mit High-Heels lässt sich viel ausgleichen. Statt in Chats herumzutigern, gehe ich nun in Bars auf die Pirsch. Alles erschöpft sich irgendwann. Wird fad wie meine immer noch auf dem Papier bestehende Ehe. Auch hier bin ich eine andere. Begebe mich in die Rolle der kühlen Blonden oder der Femme fatale. Lasse mich zu einem Drink einladen, den ich auch selbst bezahlen könnte, nehme plumpe Anmachsprüche und mehr oder weniger originelle Komplimente entgegen und fungiere ansonsten nur als Stichwortgeber. Männer wollen reden. Nie gehe ich mit einem mit. Man braucht Prinzipien, an die man sich halten kann. Männer sind so einfach gestrickt, dass es manchmal derart langweilig ist, dass ich mir nicht einmal die Mühe mache, eine Begründung für meinen schnellen Abgang zu geben, was ich sonst meist tue, um das Selbstwertgefühl des Mannes nicht zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Sicher werde ich mir bald eine neue Möglichkeit suchen müssen, dem Alltag zu entfliehen. Mir zu entfliehen.


    III

    Der letzte Rest Achtung, den ich noch vor den Männern hatte, ist nun auch verbraucht. Seit ich hier einmal in der Woche im Domina-Studio arbeite, während Klaus mich auf einem Volkshochschulkurs wähnt, fällt es mir schwer, meinem Chef in die Augen zu sehen, ohne die Möglichkeit einzubeziehen, dass auch er solcherart Etablissements besucht. In meiner Lackrüstung mit der schmalen Augenmaske und der roten Perücke bin ich selbst für mich kaum zu erkennen. Trotzdem fuhr mir der Schreck in die Glieder, als in der letzten Woche plötzlich Klaus im Vorraum stand. Zum Glück hatte ich für solche Fälle mit Lisa ein Zeichen vereinbart, so dass ich mich nicht zeigen musste. Sein Besuch beschäftigte mich aber noch lange. Warum tut er das? Sind wir uns noch fremder geworden, als ich ohnehin schon wusste? Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir Kinder gehabt hätten. Aber zuerst wollten wir beide beruflich noch einiges erreichen und später dann war es zu spät. Es hatte einfach nicht geklappt mit dem Schwangerwerden.

    Heute hat mir Lisa, die Chefin, angeboten, ihre Partnerin zu werden. Ich hätte bereits in kurzer Zeit einen beachtlichen Kundenstamm gewonnen und wäre wie geboren für diese Art Job. Allerdings müsste ich dann meine Arbeit kündigen. Die aber und meine Ehe sind das Einzige, was mich noch mit dem “normalen” Leben verbindet. Ich habe Angst, abzurutschen, wenn mir diese Anker verloren gehen. Könnte ich überhaupt noch außerhalb dieser Räume voll mit “Folterwerkzeugen” einen Mann betrachten, ohne ihn auf der Streckbank oder mit Klammern an Brustwarzen und Penis zu sehen? Doch was ist noch “normal” in diesem Leben? Wenn man die Nachrichten sieht, kommt einem diese Welt aus Lack und Latex, aus Peitschen und Masken fast heimelig vor. Ich bin 40 und das ewige Einerlei aus Büro und Haushalt langweilt mich unsäglich. Soll ich mich wirklich für den Rest meines Lebens - wenn ich Pech habe, noch einmal 40 Jahre - darin einrichten? Als einzige Abwechslung den Urlaub auf den Kanaren oder in der Karibik vor Augen? Was fange ich bloß an mit meinem Leben? Was fange ich bloß an mit mir?
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