"Oh Entschuldigung, mein Mann müsste eigentlich gleich wieder kommen."
"Ach? Na, bis dahin kann ich ja meine Hand auf Ihr Knie legen. Sie haben wirklich schöne Schenkel."
"Meinen Sie?"
"Aber wirklich!"
Langsam malte sich ein rotbraunes Rinnsal durch die Toilettentür. Von den kurvenreichen Tunnelfahrten dirigiert, vibrierte es im Rhythmus der Gleise bis zur verkrusteten Erstarrung.
Schere im Kopf
Angst aufzuschreiben, was ich denke
Angst, dafür an die Wand gestellt zu werden
Erschossen
Unkontrollierte Zuckungen
Dann
Blitzartig und bluttriefend
Entferne ich die Kugel
Habe mich
Wieder zusammengeflickt
Jedes Mal etwas verstümmelter
Nicht das Verbinden der Augen
Nicht das Anlegen der Gewehre
Nicht der Schuss
Die Schere wird mich töten
Oder ich sie
Leises Quietschen. Weibliche Kommandos.
"Noch ein Stück!"
Brummendes Fluchen.
"Lutz, vielleicht wäre es dort drüben schöner?"
Schulterzucken.
"Du sagst ja gar nichts!?"
Stützen werden herunter gekurbelt, die Anhängerkupplung wird gelöst, das Auto an der Linie ausgerichtet. Als die Wohnwagentür geöffnet wird, springt mit freudigem Gebell ein Hund aus dem Wagen und rennt mit wilden Sprüngen davon.
"Rex! Komm her!"
"Ach lass ihn doch, Elfriede. Nach dieser langen Fahrt braucht er Bewegung."
Erste Musterung der Nachbarn. Rechts steht ein Zelt, Fahrräder davor. Rhythmische Bewegung der Zelthaut. Mit dem Finger auf dem Mund schleicht sich Lutz näher heran.
"Lutz! Komm mal bitte!"
Vorzelt aufbauen. Stromkabel ausrollen. Wasserschlauch anstecken. Links sitzt ein Rentner am Campingtisch und schleift mit einem Wetzstein sein großes Messer.
"Hallo der Herr! Ich bin Lutz Teufel aus Heilbronn. Auf gute Nachbarschaft!"
"Und ich bin die Elfriede!", tönt es hinterher.
Der Mann schaut kurz auf, nickt mürrisch und schleift mit kreisenden Bewegungen weiter. Knurrendes Fletschen. Ein kurzes Bellen.
„Rex! Kommst du her! Aus!“
Zu spät. Der Gebissene steht langsam auf, das scharfe Messer drohend vor sich her tragend.
„Habe ich mich vorgestellt? Wohl noch nicht. Ich bin Fritz Engler, gelernter Messerschleifer! Mein Leben lang habe ich nichts anderes gemacht. Und dieses hier ist ganz besonders scharf. Also, wo ist der Hund? Ich schneide ihm die Kehle durch, darauf können Sie sich verlassen. Oder Sie verschwinden hier sofort! Also? Her mit dem Hund!“
Geschickt und so, als ob es selbstverständlich sei, nimmt Lutz das Messer dem Nachbarn aus der Hand. Dann reißt er seinen Kopf zurück, blickt in den Zeltplatzhimmel und steckt das Messer, mit der Spitze zuerst, in den aufgesperrten Mund. Ungläubiges Staunen. Jetzt ist nur noch der Griff zu sehen! Zack! Weg ist das Messer, verschwunden im unheimlichen Rachen von Elfriedes Mann. Mit entwaffnendem Lächeln verbeugt sich Lutz Teufel. Dem lauten Rülpsen folgt die Erklärung:
„Ein Leben lang habe ich nur Feuer gespien und Messer geschluckt. Ich kann nichts anderes. Und nun, Herr Engler, wenn Sie den Hund nicht mögen, verschwinden Sie vom Platz. Verstanden?“
Am nächsten Morgen reibt sich Lutz Teufel bedächtig seinen Bauch und seufzt zu seiner Frau:
„Eines kann man nicht bestreiten, unser Nachbar war wirklich ein Meister seines Faches.“
....."Kannst du schwimmen, Paula?"
Emil saß im schwedischen Schwingsessel und sah mit warmen Augen in sein Gegenüber. Paula, die gerade mit der gelben, brennenden Kerze ins Geschichtenzimmer kam, antwortete verwundert:
"Ja wieso?"
"Es gibt da eine Geschichte die ich dir erzählen möchte."
Ganz gespannt setzte sich Paula auf die alte Truhe und hüllte sich in eine wärmende Decke. Emil schloss die Augen und begann leise zu erzählen.
"Es war um die Zeit, als die Truhe, auf der du sitzt, geschaffen wurde, da lebte in einem Fischerdorf das kleine Mädchen Silja, deren Mutter schon früh gestorben war. Der Vater des Mädchens war Fischer, wie die meisten Männer im Dorf. Silja liebte ihren Vater über alles. Sehr stolz erlebte sie, wie ihrem Vater große Achtung entgegengebracht wurde, da er einen Spürsinn für die Fische und damit für die besten Fangplätze hatte. Morgens, wenn das Mädchen aufstand, kam ihr Vater müde nach Hause, setzte sich zu Silja und erzählte vom endlosem Meer und der großen Kraft des Windes und den Gefahren, die da draußen auf die Fischer lauerten. Manchmal rannten sie zu den Felsen und spürten beim Aufschlagen der hohen Wellen etwas von dem, was die Fischer erlebten. Manchmal gingen sie schwimmen und Silja tauchte besonders gern nach Muscheln, in denen sich manchmal kleine Perlen für sie versteckt hielten. Es war eine glückliche und sorglose Zeit und Silja wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es immer so bliebe.
Eines Morgens war ein Klagen und Weinen im Dorf zu hören und Silja lief neugierig auf die Strasse. Da zog eine Menschentraube den Weg entlang und bewegte sich gerade auf ihr Haus zu. Von weitem schon hörte sie, oh weh, oh weh, das arme Kind. Die Schwester ihres Vaters, eine böse und giftige Frau, trat aus der Menschenmenge hervor und sagte, das Meer hat deinen Vater behalten, er ist heute morgen nicht zurückgekehrt. Pack deine Sachen und komm, wir werden für dich von nun ab sorgen.
Arbeiten war Silja ja gewöhnt, aber was sie bei dieser Frau schuften musste, kannst du dir nicht vorstellen. Schelte und Prügel waren oft der einzige Lohn und um satt zu werden nahm sie heimlich vom Futter für die Tiere. Eines Tages, Silja war inzwischen zu einer jungen Frau herangewachsen, stand ein Mann mit einer süßlichen, unangenehmen Ausstrahlung in der Tür und feilschte mit der Schwester ihres Vaters. Als der Handel abgeschlossne war, band man Silja die Hände und führte sie auf ein großes Schiff. Wo bringt ihr mich hin, fragte Silja. Du wirst es gut haben, zu einen Sultan in fernen Ländern werde ich dich bringen und wenn du tust, was man von dir verlangt, wirst du dich nie mehr sorgen müssen. Silja begriff, dass sie verraten und verkauft war und stille Tränen rannten ihr fortan über ihre Wangen. In der Nacht hatte sie einen merkwürdigen Traum. Sie sah vom Schiff aus ihren Vater, wie er auf dem Meeresgrund spazierte und von da aus ihr zuwinkte.
Mit freundlichem Lächeln zwinkerte er seiner Tochter zu, zog einen Ring von seiner Hand und steckte diesen einem vorbeischwimmenden Fisch auf die Rückenflosse und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dann ging er, ohne sich noch einmal umzudrehen davon und verschwand im Dunkel des Meeres. Der Fisch aber schwamm an die Meeresoberfläche, sprang in die Luft und wirbelte dabei den Ring geradewegs in die offenen Hände von Silja.
Am nächsten Morgen entdeckte Silja beim Erwachen einen goldenen Ring an ihrem Finger. Erschrocken verbarg sie ihn an ihrer Brust und hütete so ein Geheimnis, welches ihr Hoffnung und Zuversicht gab. Dem süßlichen Herrn aber diente sie. Sie putzte und kochte für ihn, sang dabei Lieder aus ihrer Heimat und reimte neue Strophen hinzu. Dabei traf es sich, dass wiedereinmal Wasser zum Putzen gebraucht wurde. Mit einem leeren Eimer in der Hand fragte Silja nach einem Seil, an dem Sie den Eimer befestigen könne um aus dem Meer das zum Putzen notwendige Wasser zu schöpfen. Misstrauisch gab der süßliche Herr, wonach Silja verlangte und begleitete sie an Deck. Er setzte sich in einiger Entfernung auf ein Fass und beobachtete Silja aus zusammengekniffenen Augen. Blitzschnell holte sie ihren goldenen Ring hervor und steckte ihn auf ihren Finger.
Dann schwang sie das Seil, an deren einem Ende der leere Eimer befestigt war und ließ diesen so in Richtung des Herren sausen. Im selben Augenblick sprang Silja mit einem beherzten Sprung in das Meer und tauchte weit unter. Sie wusste, dass nun ein Beibot herabgelassen würde, um nach ihr zu suchen. Sie tauchte und tauchte und empfand dabei eine lang nicht mehr gespürte Leichtigkeit. Immer wenn ihr die Luft ausging und ihre Brust nach Atem rang, drehte sie den goldenen Ring und ihr war, als ob sie dabei die Luft ihres Vaters atmete. Nach langer Zeit tauchte Silja endlich auf und das große Schiff war nur noch von Ferne zu sehen. Einwenig ruhte sie sich auf dem Rücken aus und überlegte, in welche Richtung sie schwimmen sollte. Sie wusste es nicht. Bald schon verwünschte sie ihre neue Freiheit und ihre Kräfte verließen sie. Da hörte Silja neben sich eine Stimme.
Das ist die falsche Richtung, Silja. Wenn du so weiter machst, wirst du bald untergehen.
Neben ihr schwamm ein alter Delphin, dessen Stimme schon brüchig klang. Silja ärgerte sich über die Belehrung und schwamm nun in genau entgegengesetzter Richtung.
Auch in diese Richtung kommst du nicht weit, völlig aussichtslos.
Wenn du es besser weißt, sag du es mir, antwortete Silja und sendete wütende Blicke.
Der Delphin tauchte und verschwand. Müde änderte Silja noch einmal die Richtung und in ihrer Verzweiflung schrie sie laut, so helft mir doch. Ich schaffe es allein nicht. Da tauchte genau unter ihr der Delphin aus dem Wasser und Silja klammerte sich an seiner Rückenflosse fest.
Na du machst ja Sachen mit mir, lachte Silja und ein tiefer Schluchzer befeite sich aus ihrer Brust. Wie heißt du denn?
Ich bin Pedro, der dienstälteste Delphin hier in der Gegend.
Oh, sehr angenehm Don Pedro. Silja rutschte sich auf dem Rücken des Delphines zurecht und saß nun aufrecht. Sie genoss die Wendung ihres Schicksals und streichelte den Rücken des Fisches. Hab Mitleid mit mir, Pedro. Kannst du mich nicht an Land bringen?
Solche Sachen! Warum springst du auch vom Schiff. Eigentlich müsste ich dir den Hintern versohlen. Weißt du eigentlich, was du für Glück hattest, dass ich hier gerade in der Gegend war?
Sei doch nicht so, versuchte Silja Pedro zu besänftigen. Ich hab es da nicht mehr ausgehalten, an einen Sultan wollten sie mich verkaufen.
Na immer noch besser, als hier im Meer rumzuplanschen, oder?
Silja schwieg und wusste es besser. Der alte Delphin aber verstand ihr Schweigen und lenkte vorsichtig ein.
Silja, weil du ein gutes Herz hast und weil du nach meiner Hilfe gerufen hast, will ich dir helfen. Allerdings erbitte ich mir auch etwas von dir.
Was immer du willst, mein lieber Herr Pedro, antwortete Silja schnell.
Ich möchte deinen goldenen Ring, der fehlt mir nämlich noch in meiner Sammlung.
Entschlossen und traurig zog Silja ihren goldenen Ring vom Finger und übergab diesen dem Delphin. In Windeseile schwamm Pedro mit Silja an das Ufer einer ihr neuen Welt.
Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch immer mit dem jungen König, den sie am Ufer der neuen Welt getroffen hat. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte."
Am Anfang war das Wort. Es stand mit großen Buchstaben auf dem Zettel, den Harro Klein, ein hoch gewachsener schlanker Mann mit einer Narbe über dem Kinn, während einer Sitzung zugesteckt bekam. PRAG. Harro kratzte sich an seiner rechten Braue - ihr fehlten an einer Stelle die sonst so buschigen Haare -, drehte den Zettel um, malte ein großes Fragezeichen darauf und gab diesen unauffällig zurück. Statt einer Antwort streckte der Vertriebsleiter, Roland Straub, seine auf dem Tisch liegende Hand flach aus und ließ die geschlossenen Finger schräg nach oben zeigen. Dann stieg die Hand in Richtung der ausgestreckten Finger auf und zeigte anschließend mit dem Zeigefinger erst auf den Zettel, dann auf Harro. Mehr wollte der Vertriebsleiter dazu nicht von sich geben, die Sache schien ihm eindeutig und klar.
Nach der Sitzung eilte Harro auf den Gang. Von Roland Straub war nichts mehr zu sehen. Er rannte zum Treppenhaus, lauschte hinab und hörte die eiligen Schritte. „Herr Straub", rief Harro hinterher, "so warten Sie doch! Was um alles in der Welt soll ich denn in Prag?“
„Gehen Sie zu meiner Sekretärin!“, hallte es zurück. „Sie wird Ihnen alles Weitere erklären. Entschuldigung, aber ich habe es sehr eilig! Sie wissen schon, den Vorstand lässt man nicht warten. Und enttäuschen Sie mich nicht, Herr Klein, ich brauche Ihren Erfolg!“
Das war alles. Kein weshalb, kein wie lange, kein zu wem. Kopfschüttelnd schwenkte Harro in das leere Zimmer der Sekretärin, setzte sich auf den Besucherstuhl vor ihren Schreibtisch und wartete. Er betrachtete die gerahmte Stadtansicht von New York, sah, dass das Bild etwas schief an der Wand hing, stand auf und rückte es in die stimmige Position. Mit verschränkten Armen lief er im Zimmer auf und ab, versuchte sich vorzustellen, was genau er in Prag zu erledigen hätte. Er freute sich, dass seine Wichtigkeit in dieser Firma wuchs. Nach einiger Zeit erschien Frau Müller, die Sekretärin, wedelte aufgeregt mit einem Flugticket und sagte mit ihrer dirigierenden Stimme: „Herr Klein, gut, dass Sie hier gewartet haben. Sie wissen, dass Sie heute noch nach Prag fliegen müssen? In drei Stunden geht Ihr Flug.“
„Liebe Frau Müller", gab Harro im gleichen eindringlichen Ton zurück, „wenn Sie mir noch verraten würden, was ich da soll und wann ich meine Koffer packen dürfte, wäre ich schon fast weg.“
„Morgen früh treffen Sie sich mit Vaclav Prteck in Ihrem Hotel. Kennen Sie ihn? Er ist der einflussreichste Mann der Entscheidungskommission. Für uns geht es dabei um ein Gesamtvolumen von 20 Millionen Euro. Sie, Herr Klein, sollen Herrn Prteck davon überzeugen, dass wir die Richtigen für diesen Auftrag sind. Wie Sie das anstellen, ist Herrn Straub übrigens egal, Sie haben alle Freiheiten. Muss ich noch erklären, wie wichtig der Auftrag für uns ist?“
„Es geht also um Leben und Tod, um Anfang und Ende?“ Frau Müller runzelte erstaunt ihre Stirn und lächelte verlegen.
„Wie Sie das immer sagen, Herr Klein! Ohne Pathos geht es wohl nicht?“
Harro mochte die Sekretärin. Vor einiger Zeit hatte sie sich diskret und dennoch liebenswert nach seinen zwei unterschiedlichen Augenfarben erkundigt. Ihre stille Aufmerksamkeit war ihm angenehmer, als der doppeldeutige Augenaufschlag einiger anderer Damen seiner Abteilung. Jetzt ging sie zum offen stehenden Rollschrank, zog einen schmalen Ordner heraus und reichte diesen an Harro weiter.
„Hier sind die wichtigsten Unterlagen, die restlichen sende ich ihnen per Mail hinterher. Sie werden sich ja irgendwo mit ihrem Notebook einwählen können, oder?“
„Und wenn nicht, machen wir die tschechische Telefongesellschaft für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich und klagen auf Schadensersatz.“
„Herr Klein, es darf nichts schief gehen! Der Chef schickt nicht umsonst seinen besten Mann dahin. Also, Kopf hoch, Sie schaffen das schon! Legen Sie Ihre Telefongespräche auf mich und dann schieben Sie endlich ab zu Ihren Koffern.“
***
Seit dreißig Minuten kreiste die Maschine aus Berlin über Prag, mit ihr kreisten Harros Gedanken. Hoffentlich, so dachte Harro, habe ich dieses Mal mehr Zeit für mich. Immer diese Hetzerei; einsteigen, fliegen, Hotelankunft, nicht schlafen können, verhandeln, zum Flughafen eilen, Abflug. Ich kenne von den Städten das Luftbild und die Taxiperspektive. Wie sagt Straub immer? „Wir bezahlen Ihnen doch keine Lustreisen, Herr Klein.“ Ich möchte mal wissen, was er so auf seinen Reisen treibt; ganz harmlos dürften diese, bei allem, was man so hört, jedenfalls nicht sein. Ob es wohl stimmt, dass er mit unseren Kunden nach Vertragsabschluss immer ins Bordell geht? Ach, was geht es mich an, ich jedenfalls werde für so etwas nicht zur Verfügung stehen. Sicher nicht. Ich könnte Hannah nicht mehr in die Augen sehen. Ob sie inzwischen meinen Zettel gefunden hat?
***
„Hallo? Hannah? Ach Rieke, du bist es, du bekommst immer mehr die Stimme deiner Mutter. Wie bitte? Nein, nein; das war ein Kompliment oder sollte zumindest eines werden. Versprochen, ich übe weiter daran. Ist denn Hannah zu Hause? Wie? Ach stimmt, heute hat sie ja ihren Spanischkurs. Warum hast du es denn so eilig? Tanzstunde… Weißt du was, dann lege doch bitte meinen Zettel auf Hannahs Kopfkissen und schreibe ihr noch darauf, dass ich gut in Prag gelandet bin. Ja, Rieke, bis morgen. Tschüss!“
***
Warum verstand der Taxifahrer ihn nicht? Harro drehte sich unruhig im fremden Bett. Knirsch. Zahnreihen rieben aufeinander. Knirsch. Er wollte doch nur zur Prager Burg, sonst nichts. Der Taxifahrer wiederholte mit monotoner Stimme und unbeweglichem Gesicht seinen Preis. Eintausend Kronen. „Ich gebe Ihnen Fünfhundert, das ist mehr als genug. Wenn Ihnen das nicht langt, fahre ich lieber mit der U-Bahn.“ Der Schein wurde Harro aus der Hand gerissen, die Türen verriegelten sich und das Taxi schoss durch die Straßen des nächtlichen Prag. Knirsch. Waren sie noch in dieser Stadt? Das Gold der Türme schien von der Nacht verschluckt, tschechische Funkwörter blieben unverstanden, dicker Nebel zog von der Moldau herauf. Harro drückte auf Knöpfe in der Wagentür und versuchte so das Fenster herabzulassen. Nichts geschah. „Wo fahren Sie hin? Das ist nicht der Weg zur Burg!“ Keine Antwort. „Hallo! Ich will wissen, wohin Sie fahren!“ Wieder keine Antwort. Harro versuchte trotz der schnellen Fahrt die Straßenschilder zu erkennen; sie fuhren auf der Nuselský most, bogen dann im scharfen Tempo in die Allee unter den Linden. Staatskarossen parkten am Straßenrand, in respektvoller Entfernung wartete die Polizeieskorte.
Plötzlich setzte diese sich wie auf ein Zeichen in Bewegung, folgte dem Taxi und eskortierte bis zum Brandenburger Tor. Achtung, eine Durchfahrt! Niemand verlangte einen Ausweis, keiner wollte einen Fingerabdruck. Polizeihubschrauber kreisten über Harro und dem Taxifahrer, beleuchteten die Straßen einer ihm fremden Stadt; diese dunkle Gegend kannte er nicht. Das Taxi wurde langsamer. Es fuhr im Schritttempo, blieb umringt von einer Horde Jugendlicher stehen. Fratzen, dachte Harro, schwarze und weiße Fratzen; gut, dass die Türen verriegelt sind. Das Auto wurde geschaukelt, wippte im Rhythmus des Rapgesangs der Ghettoblaster. Schweiß, es roch nach frischem Schweiß. Zungen leckten gierig an den Scheiben, leckten und leckten. Das Auto fuhr nicht. Harro sah erschrocken, wie sich dennoch dunkle Hauseingänge an ihnen vorbei schoben. „Sie tragen uns!“, rief er zum Taxifahrer. „Hörst du?“ Das versteinerte Gesicht gab keine Antwort. Stattdessen wurde der Zündschlüssel abgezogen und die Scheibe der Fahrertür herabgelassen; mit einem schnellen Griff zur Dachreling zog sich der Taxifahrer aus dem offenen Fenster, drückte, bevor er von der Horde grölend davongetragen wurde, noch in der Seitentür auf jenen Knopf, der den elektronisch gesteuerten Mechanismus zum Schließen der Seitenscheibe auslöste.
Erleichtert fühlte sich Harro nicht in seiner Kapsel, vielleicht etwas sicherer. Noch immer wurde er im Auto durch fremde Straßen einer Stadt geschleppt. War er in Paris? Nein, Harro hielt solche Zustände in Paris nicht für möglich. Dann schon eher New York. Brooklyn? Die vielen farbigen Jugendlichen, der Gesang der Straße, Polizeihubschrauber; alles sprach dafür. Der Mob war an einem Schacht angelangt. Es öffneten sich zwei riesige Stahltore. Hau, hau, hau! Ruck! Das Auto krachte in einen schwarzen Schlund, rutschte holpernd eine schiefe Ebene hinab und landete auf einer metallenen Plattform. Harro sah nichts, alles um ihn war schwarz. Er spürte, wie sich die Plattform in Bewegung setzte; so viel war sicher: das Taxi stand, die Plattform rollte. Ein Eisenbahnwagon? Erste Lichter tauchten entfernt auf, kamen näher, entfernten sich, verschwanden. Kabel. Er hatte deutlich dicke Kabel an der Wand gesehen. Wieder kamen Lichter, heller und dichter als zuvor. Wieder diese Kabel. Harro schwang sich von hinten auf den Fahrersitz, wollte mit den Händen am Lenkrad notfalls in die Situation eingreifen können, begriff aber, dass er sich gut überlegen müsse, was zu tun sei. Durch die Frontscheibe erkannte er vor sich einen Wagon. Eine U-Bahn? Wie zur Bestätigung gingen vor ihm im Wagon die Lichter an, leuchteten ein wenig den dunklen Tunnel aus und gaben Harro ein nüchternes Bild seiner Situation. Der Zug raste durch die Dunkelheit, manchmal blitzten für Sekunden einzelne Stationen auf; die Namen der Stationen waren für ihn Zeichen des Lebens.
Es gab sie also noch, die Anderswelt. Alexanderplatz, Krasni Ploschatch, Champs Elysées, Columbus Circle. Harro wusste, dass es keine Station „Prager Burg“ gab. Und doch hielt schließlich das rasende Ungetüm genau an dieser Stelle. Prager Burg. Alles Aussteigen, der Zug endet hier. Harro öffnete die Tür des Wagens, stieg auf die Plattform und spürte den wohltuenden leichten Wind einer U-Bahn- Station. „Hallo? Ist hier jemand?“ Der Bahnhof schwieg. Er sprang auf den Bahnsteig, staunte, als er sich noch einmal umdrehte, über das große Schild auf dem Taxi. „Prager Burg.“ Wie eine Empfängeradresse stand es da in großen schwarzen Lettern. Geliefert, dachte Harro, ich bin geliefert worden. Wem?! Warum nur? Der Ausgang war mit großen Gittern verschlossen. Die Lichter erloschen plötzlich. Ein kalter Wind zog über den Bahnsteig, aus der Dunkelheit blitzten zwei grüne Augen. Wolfsaugen! Harro rannte, sprang die Gitter hoch, kletterte bald ohne Kraft. Immer höher. Unter sich hörte er hungriges Knurren. Malmendes Knirschen. Unruhige Wendung.
***
„Hören Sie, dass kann doch gar nicht sein. Ich weiß doch ganz genau, dass ich gestern Abend vom Flughafen mit dem Taxi direkt in das Maximilian-Hotel gefahren bin. Wie bitte? Nein, ich war gestern Nacht nicht unterwegs. Ich habe die Unterlagen für das Prteck-Gespräch durchgearbeitet. Frau Müller, was denken Sie denn von mir?! Also bitte, versuchen Sie diesen Prteck zu erreichen, ich komme etwas später. Zehn Uhr schaffe ich, also um zehn im Maximilian-Hotel.“ Harro legte das Handy auf den Nachttisch und versuchte zu begreifen was geschehen sein könnte. „Ich brauche frische Luft!“, hörte er sich sagen, als er schweißgebadet und viel zu spät an diesem Morgen erwachte. Er stolperte zum Fenster, riss die schweren Vorhänge zur Seite und stand einige Augenblicke wie gelähmt. Wo war er? Das Fenster, aus dem er schaute, zeigte eine unwirkliche Kulisse. Alte, mit grauweißen Ornamenten geschmückte Fassaden umschlossen auf der rechten und linken Seite einen kleinen Platz, einen Burghof. Die hohen Fenster ließen die Größe der dahinter liegenden Räume und Säle erahnen. Gegenüber, vor einer riesigen Kirche, tötete seit ewigen Zeiten ein zarter Reiter eine schon am Boden liegende Bestie. Tief hatte sich die Lanze in das Fleisch gebohrt. Ein stummer, qualvoller Schrei; gleich würde das tödlich getroffene Untier besiegt sein. Harro war für Momente noch einmal in seinem Traum, dachte daran, dass dieser Kampf wohl nie enden würde. Immer würde irgendein Georg töten müssen, um selbst überleben zu können.
Vielleicht liegt das Geheimnis des Überlebens in der Verfügbarkeit einer Lanze, der Rest würde sich schon ergeben. Beifall drang an Harros Ohr, er wandte seinen Kopf, sah eine bunte japanische Gruppe, sah in ihrer Mitte die junge tschechische Stadtführerin mit einem Glitzerstab in seine Richtung wedeln. Ergötztes japanisches Gekreische und ein tschechischer Handkuss flogen ihm entgegen. Er winkte und entdeckte gleichzeitig erschrocken seine Nacktheit. Vorhang zu. Er konnte sich nicht erinnern. War er in genau diesem Zimmer eingeschlafen? Zu ähnlich sind sich die Hotelzimmer dieser Welt, zu austauschbar wirkt ihre aufgesetzte Gemütlichkeit. Seine Sachen hingen geordnet über der Stuhllehne, der Hartschalenkoffer stand mit ausgezogenem Griff wie zum Abflug bereit, alles schien normal. Bis auf den Blick aus dem Fenster.
Bald darauf trat Harro Klein, den Koffer hinter sich her ziehend, in den dritten Hof der Prager Burg. Die Statue des heiligen Wenzel wies ihm mitleidig den Weg in den zweiten, dann hastete er mit hochrotem Kopf in der Nähe vom Matthiastor an der japanischen Reisegruppe vorbei. Harro hatte es eilig. Er überlegte, wie er am schnellsten um diese Zeit zum Maximilian-Hotel, nahe der Prager Altstadt auf der anderen Moldauseite, gelangen könnte. Mit dem Taxi? Nein, nicht schon wieder! Mit dem Bus? Oder der rot-weißen Straßenbahn? Harro entschloss sich zu laufen. Durch die nördliche Kleinseite der Stadt ging es auf der Nerudova bergab, auf der Malustranské Námesti wusste er, dass seine Entscheidung richtig war; in wenigen Minuten müsste er die Karlsbrücke erreichen schon bog er in die Mostecká und staunte über die schier endlosen Menschenströme. Sein Handy klingelte. Im Eilschritt nahm er das Gespräch an, blieb abrupt stehen und wollte das, was er soeben gehört hatte, nicht glauben. "Was sagen Sie da? … Der Termin ist abgesagt? … Was soll das heißen?... Prteck ist verschwunden? Wie verschwunden?... Ja, ich habe verstanden. Rückflug 16:30 Uhr.“
Auf einmal hatte Harro alle Zeit der Welt. Er ging in das nächste Hotel, gab an der Rezeption gegen eine maßvolle Gebühr und ein reichliches Trinkgeld seinen Koffer zur Aufbewahrung ab und schlenderte so befreit durch das Tor der Kleinseitener Türme zur Karlsbrücke hinauf. Er hielt sein Gesicht in die Sonne, ließ sich von den wärmenden Strahlen durchfluten, und ganz langsam tauchte in ihm aus großer Tiefe das Glück über unvorhergesehen geschenkte Zeit auf. Mit geschwellter Brust schritt er nun auf der Mitte der Straße, die vielen Menschen verschwanden aus seinem Blick. Er war der König dieser Stunde, ließ sich vom Spalier der Statuen zujubeln und nickte gelegentlich der einen oder anderen zu. Auf der anderen Seite der Moldau, kurz vor dem Altstädter Brückenturm, schien Harro einen geheimen Befehl zu erhalten. Zackig wendete er, stolzierte bis zur Mitte der Brücke zurück und betrachtete die imposante Kulisse. Noch immer fühlte er sich erhoben, stand genau im Kreuz der sanften Moldau und des fließenden Menschenstromes. Wie an die Brückemauer angenäht, säumten Händler mit gemalten Bildern, Souvenirs und Schmuck zu beiden Seiten den Weg. Ein Maler mit zwei roten Hörnern auf dem Kopf streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus und versuchte dieses Bild mit einem Kohlestift festzuhalten.
Unaufhörlich knäuelte eine Reisegruppe nach der anderen hinter ihren Stabführerinnen über die Brücke. Einer dieser Stäbe - ein Tulpenstab - hielt vor einer ehrwürdigen Brückenfigur, es dauerte einige Augenblicke, bis die Gruppe ihre Plätze im Halbrund eingenommen hatte. Ältere zischten kopfschüttelnd nach hinten, Frauen zupften an ihren Gatten, Jüngere nahmen ihre Stöpsel aus dem Ohr. Die Führerin schien erfahren, erst als sie den Blickkontakt der Gruppe erspürte, ertönte laut und klar ihre Stimme zu schwingen.
"In alter Zeit", so begann sie, "genauer gesagt im Jahre 1393, lebte in dieser Stadt der Generalvikar Johannes Nepomuk, der das Vertrauen der Königin genoss und zugleich ihr Beichtvater war. Eines Tages wurde Nepomuk zum König gerufen. Was war passiert? Der König war eifersüchtig. Betrog ihn die Königin, und wenn ja, mit wem? Nepomuk wollte das Beichtgeheimnis nicht lüften. ‚Du willst nicht reden, Pfaffenwicht?’, tobte der König und sperrte Nepomuk in den Hungerturm. Schwach wurde sein Körper, doch der Geist hielt stand und seine Zunge schwieg. Dann kam das Foltern, Daumenschrauben drehten sich ins Fleisch. Doch nichts verriet der Vikar. ‚Nun gut, dann schweig für immer!’ befahl der König, der für seine Grausamkeiten vom Volk gefürchtet und gehasst wurde. Genau hier von dieser Stelle wurde der tapfere Nepomuk in die Moldau gestürzt. Der Seitensprung, an den der König so sehr glaubte, blieb ohne Beweis und das Beichtgeheimnis der Königin gewahrt."
Händler drängten sich ins Knäuel und versuchten potentielle Käufer zu umgarnen. Einer der Touristen zog schon für seine Frau die Brieftasche hervor. Kein großes Feilschen. „Das ist der Preis, wollen Sie kaufen? Sehr, sehr schönes Bild, alles Handarbeit.“ Der Tulpenstab schwebte weiter. „Schnell, schnell. Mach doch, wir dürfen den Anschluss nicht verpassen.“ „Fünfhundert Kronen? Ist das zuviel?“ „Ach was, wir sind nur einmal hier in Prag.“
Harro Klein stand über die Brückenmauer gebeugt, ließ die Besuchergruppen an sich vorüberziehen und lauschte der ungewöhnlichen Geschichte nach. Seine Gedanken fütterten saugende Strudel, schwebten über gekräuselter Flusshaut und ließen sich von einem aufsteigenden Schwan in hohe Lüfte entführen. "Fliegt!", rief er ihnen nach, "Fliegt ihr Gedanken! Lasst euch nicht fangen! Keinem außer mir sollt ihr gehorchen, in keinem Käfig - und sei er noch so golden - ist Leben für euch möglich!"
Der Schwan schaukelte eigenartig in der Luft, sein Flügelschlag wurde schwächer, setzte aus. Man hätte meinen können, er würde in die Moldau stürzen, dann fing er sich wieder, setzte zu neuem Steigflug an. Es fiel ein Schuss. Am Ufer stand ein Jäger, zielte mit seinem Lauf noch einmal auf den Vogel und schoss. Für einen Augenblick noch hielt sich der Schwan tapfer in der Luft, dann stürzte er vom Himmel und blieb als weißer Klumpen am Ufer liegen. Verhüllte Gestalten standen mit einem Plastiksack bereit und sorgten für einen schnellen Abtransport. Wieder hat der brave Georg eine Bestie besiegt. Die Ströme indes fließen weiter.
Eine leichte Berührung an seiner Schulter ließ Harro erschrocken zusammenfahren. Er drehte sich um und sah vor sich die japanische Reisegruppe vom Morgen, die tschechische Stadtführerin wedelte mit ihrem Glitzerstab in der Luft herum und erklärte etwas, was die Gruppe in fröhliches Gelächter ausbrechen ließ. Wieder errötete Harro; diesmal aber legte er seinen Arm um die tschechische Frau und war für Minuten für die japanischen Gäste das beliebteste Fotomotiv.
"Wie heißen Sie?"
Die Frau lachte verlegen. "Ich bin Helena. Und wer bist du?"
"Ich heiße Harro. Leider bin ich nur für kurze Zeit..."
Helena legte ihren Zeigefinger auf Harros Mund und flüsterte: "Nicht so viel reden. Siehst du dort drüben den alten Mann? Er sieht dir irgendwie ähnlich."
"Warum erzählst du mir das? Wer bist du?"
Statt einer Antwort küsste Helena ihn auf die Wange, begleitet von japanischen Begeisterungsrufen. Ein Lächeln, ein Händedruck zum Abschied. Die Gruppe folgte dem Glitzerstab und verschwand wenig später durch das Altstädter Tor.
Der alte Mann aber stand noch immer etwas entfernt, hielt eine merkwürdige Kamera in Bauchhöhe und fotografierte aus der Hüfte die Menschen. Was für eine sonderbare, dünne Gestalt! Er trug zwei völlig unterschiedliche alte Sandalen und löchrige graue Socken, aus denen lederne Kaktuswaden empor wuchsen. Die ausgewaschenen Knickerbockers und das rotblau karierte Holzfällerhemd wurden von einem langen durchsichtigen Regenmantel überdeckt, der im Sonnenlicht wie ein goldenes Messgewand blinkerte. Immer wenn er auf den Auslöser seiner Kamera drückte, blitzten in seinem faltigen Gesicht wache Augen auf. Um seine schlohweißen dünnen Haare hatte er sich ein rotes Schleifenband gebunden. Harro ging, nachdem er merkte, dass der Apparat unaufhörlich in seine Richtung klickte, langsam auf den Alten zu.
"Sprechen Sie Deutsch?"
"Auch Deutsch."
"Sie sprechen also mehrere Sprachen?"
"Ich spreche alle Sprachen. Ich sammle sie."
"Ach hören Sie doch auf! Es gibt hunderte von Sprachen, niemand spricht alle."
Der Alte schwieg über Harros Kopf hinweg. "Warum fotografieren Sie mich?"
"Ich trenne dein Bild."
"Mein Bild? Was soll der Quatsch! Wovon wollen Sie mein Bild trennen?"
"Ich trenne es von deiner Sprache."
"Sie sind aber ein komischer Kauz. Warum machen Sie das?"
"Sind erst die Bilder von der Sprache getrennt, lassen sich die Worte aus ihren Hülsen locken. Erst dann nützen sie mir wirklich etwas."
"Nützen? Was um alles in der Welt stellen Sie mit den gesammelten Worten an?"
"Mit ihnen grabe ich den babylonischen Schacht."
"Hach, das habe ich schon einmal gehört. War es nicht Kafka, der das sagte?"
Wieder schwieg der Alte.
"Wer sind Sie? Erzählen Sie mir bloß nicht, Sie seien der auferstandene Kafka persönlich! Das glaube ich Ihnen sowieso nicht. Also raus mit der Sprache, wer sind Sie?"
"Ich bin Niemand. Du bist ich. All die Jahre habe ich auf dich gewartet."
Etwas verunsichert trat Harro Klein einen Schritt zurück, entdeckte im Gesicht des Alten auf einmal die gleiche Narbe über dem Kinn. Auch seine Augen hatten diese zwei unterschiedlichen Farben, und inmitten der rechten Braue fehlten an der gleichen Stelle die sonst so buschigen Haare.
"Da bin ich aber platt! Gute Maske, mein Lieber, das muss man dir lassen. Ich verstehe zwar überhaupt nicht, was das Ganze soll, aber ich bin beeindruckt. Ehrlich!"
"Keine Maske. Nie wieder wirst du eine Maske brauchen. Kafka wusste, dass die Verwirrung der Sprachen nur durch die Negation des Turmes aufgehoben werden kann. Ich bin Niemand, du bist ich. Gemeinsam graben wir den babylonischen Schacht."
Der Alte legte seinen Regenmantelarm um Harros Schultern und drehte ihn zur Kleinseite der Stadt. Zusammen gingen sie über die Brücke, weiter durch das zinnenbewehrte Tor, durch die engen Straßen und alten Gassen, und tauchten schließlich durch ein quietschendes Tor in den Vojan-Park ein. Würdevoll schritt der Eine, Harro, noch immer vom alten Arm umschlossen, schlich wie hypnotisiert nebenher. Im Schatten einer uralten Kastanie holte der Alte unter einer Bank einen langen Eisenhaken hervor und steckte diesen in die Öffnung eines Gullydeckels. Mit mühsamem Ächzen und einem schleifenden Geräusch öffnete der Alte das Loch. Harro hörte Stimmen aufsteigen. Er ging zum Rand des Schachtes, sah an der Wand tausende Bilder kleben, die sich wie eine Spirale in ein endloses blaues Nichts nach unten drehten. Er hörte die Stimme seiner Tochter, das tschechische Gemurmel des Taxifahrers, den schwarzen Rapgesang der Nacht. Da waren die englischen Erklärungen der Stadtführerin zu hören, japanisches Gelächter, das deutsche Gefeilsche von der Karlsbrücke, die kläglichen Schreie des sterbenden Schwans. Stieg nicht sogar das flüsternde Beichten der Königin empor? Harro spürte auf seiner Schulter die knochige Hand des Alten. Sie schob ihn sanft und einladend weiter.
"Steig hinab, mein Freund! Es ist Zeit für große Taten; heute werden wir den babylonischen Schacht vollenden! Die Sprachen der Welt vereinen sich und am Ende wird jeder den Anderen verstehen."
***
Im Hotel, hinter dessen Rezeption Harros Koffer wartete, klingelte ein Telefon.
"Hallo?"
"Guten Morgen, hier ist Hannah Klein. Sprechen Sie Deutsch?"
"Auch Deutsch. Wie kann ich Ihnen helfen?"
"Ich möchte gern mit meinem Mann, Herrn Harro Klein, sprechen."
"Einen kleinen Moment bitte… Es kann sein, dass er noch schläft. Ich verbinde."
Am Anfang dachte ich, sie wird mich schon nicht stören. Sicher nicht. Soll sie doch bleiben. Ich lasse mich doch nicht von so einer verrückt machen. Vielleicht mochte ich sie auch deshalb, weil sie in heimlichen Stunden sich so selbstsicher auf mir bewegte. Füße kitzeln, das mag ich. Was sollte weiter dabei sein. Lasse ich sie eben meine Füße kitzeln. Aber kaum habe ich mich daran gewöhnt und beginne es zu genießen, da ist sie auch schon wieder fort, am Fenster, hinter mir oder sonst wo. Manchmal versteckt sie sich hinter der Gardine, vielleicht eine Psychose? Oder manisch-depressiv? Du siehst sie nicht, hörst sie nicht und hast sie schon fast vergessen. Kürzlich las ich bei einem befreundeten Autor:
„Sie schiebt depri. Sie schiebt depri.“
Das hat mir gefallen. Man legt sich diesen Schutz einfach an, und alle meinen, man schiebt hinter der Gardine depri. Doch darauf ist kein Verlass. Grade kommt sie wieder angeschwirrt und lässt mir keine Ruhe. Wahrscheinlich ihre manische Phase. Was weiß ich. Klatsch! Nur eine auf einem Streich. Immerhin.
Wer Fehler macht, kommt in den Kartoffelkeller. Diese Drohung hängt über mir, wie eine schwarze Wolke. Natürlich fürchte ich mich nicht vor einem Keller. Zumindest nicht vor einem, dessen trockene Räume auch gut zum Wohnen geeignet scheinen. Solche Räume verdienen nicht den Namen Keller. Vielmehr sind sie ein Produkt unserer rationierten Spaßgesellschaft, in der jeder Platz sinnvoll genutzt werden muss. Schließlich hat er doch viel Geld gekostet. Nennen wir solche Räume lieber nach ihrem Verwendungszweck: Abstellraum, Werkstatt, Tischtennisraum, Kinderzimmer, Folterkammer, Sicherungskasten und Zählerableseraum, Gästezimmer, Arbeitsraum. Bitte ergänzen Sie hier der Vollständigkeit halber selbst und nach Belieben.
Wirkliche Keller hingegen haben ein dunkles Vermächtnis. Ausgetretene Sandsteinstufen führen in eine feuchte Muffigkeit.
Tiefer.
Alte Spinnweben hängen als schwappende Gewebe an den Wänden, hier müsste ich einmal mit dem Staubwedel lang gehen. Irgendwann waren die Mauern einmal weißgekalkt, der raue Putz hat den Schwarzstaub aufgehalten und verhindert so ein zu grelles Reflektieren des uns begleitenden Kerzenlichtes.
Tiefer!
Die Oberweltgeräusche bleiben zurück, mit jedem Schritt wird es leiser. Die wenigen Kellerklänge dringen Konzentriert an unser Ohr. Tropf. Tropf. Tropf. Ach, das wird die Verschraubung an der Wasseruhr sein. Ist sie also immer noch nicht dicht. Dabei hatte ich sie doch letzten Monat erst… Tropf. Tropf.
Tiefer, noch tiefer!
Na klar, bald sind wir unten. Bald spüren wir den leichten Windhauch, von dem ich immer noch nicht sagen kann, wie er eigentlich entsteht. Es muss irgendwo ein Loch geben, eines, welches nach verborgenem Luftaustausch verlangt. Ich halte schützend meine Hand vor die Kerzen und wir folgen dem Gang. Rechts und links liegen mit Holzlatten verschlossene Gewölbekammern. Aus einer ist ein rhythmisches Nagen zu hören. Ritzeritzeritz. Ruhe. Ritzeritzeritz. Ruhe. Sicher eine Maus. Was sonst? Weiter, kommt doch weiter! Da hinten ist es gleich. Da, wo das matte Licht leuchtet. Huch! Wieso leuchtet es da? Da ist jemand! Weitergehen? Wenn wir jetzt nicht weitergehen, werden wir es nie erfahren, wer da vor uns Kartoffeln holt. Und wenn da gar keine Kartoffeln sind? Doch! Ich selbst habe doch die Säcke dahin getragen. Nur noch die paar Schritte, los kommt!
Wer Fehler macht, kommt in den Kartoffelkeller. Da seid ihr nun. Ich lasse Euch die Kerze. Zurück finde ich auch ohne Licht. Ich kenne ja den Weg, kenne ihn gut. Und hole nun die Nächsten.
Als mein Gedankenberg mit verklebtem Mund einmal das Meer besuchte, erlebte er das Geheimnis rauschender Wellen. Weißer Sand floss um meine Füße und so gefangen wartete ich. Alte Gedanken krochen hervor. Erinnerungen.
Iß nicht Sand.
Sand ist nicht.
Sand ist nichts.
Ist nicht Sand.
Sand ist alles.
Alles ist nichts.
Nichts.
Da streckte sich vorsichtig neben mir ein Finger. Aus dem Nichts. Wuchs zur Hand. Schau! Da drüben noch eine. Dann Arme. Ein Kopf erhob sich, auch ein Körper. Wunderschön. Das Wesen stand auf. Ich sah die Anmut, schrie mit meinem Blick:
„Hier bin ich!“
Doch so nah es mir auch war, ich blieb unbemerkt. Mit weichem Schritt ging das Wesen dem Geheimnis auf den Grund. Vielleicht aber auch, um sich neu anspülen zu lassen. Immer wieder. Jede Nacht.
Solange, bis eines Tages jemand die Worte findet, die es bemerkt.
Verstehen Wartezimmer etwas von Pädagogik? Nein, das wird niemand ernsthaft behaupten. Und doch wollen sie uns Geduld lehren. Wir erachten die dort verbrachte Zeit als nutzlose Minuten, füllen sie mit Nebensächlichkeiten, hoffen auf schnelle Heilung. Alle Warteräume aber haben eines gemeinsam: unbequeme Stühle und ein eigentümli-ches Sammelsurium krauser Zeitschriften.
Auf dem blank polierten Messingschild hätten sie lesen können „Psychologe und Psychotherapeut Dr. Mai", doch dafür war keine Zeit. Für einen Moment sah es so aus, als ob sich Marek Sonntag mit der etwa gleichaltrigen Frau in der Tür verkeilen würde. Ihr energisches "Sie werden doch einer Dame den Vortritt lassen!?" sorgte zwar für die vage Einhaltung antrainierter Umgangsformen, verursachte aber zugleich einen pelzigen Geschmack auf seiner Zunge. Die Frau fingerte aus ihrer gerippten Handtasche eine Lesebrille und setzte sie etwas affektiert ins Gesicht. Gleich darauf betrat ein zweiter, zart wirkender Herr, mit spitzem Gesicht, ebenfalls im schwarzen Mantel, den Warteraum.
"Sie müssen halb blind sein, wenn sie diese Schrift nicht lesen können", revanchierte sich Marek Sonntag.
Die Frau drehte sich um und erwiderte wie aus der Pistole geschossen: "Würden Sie ihre impertinenten Äußerungen bitte für sich behalten? Was erlauben Sie sich denn!"
"Wieso?", tönte der Getroffene mit sonorer Stimme. „Da steht in den größten Buchstaben: ‚Bitte klopfen und warten!’. Und wenn sie dafür eine Brille brauchen, dann habe ich doch Recht. Oder?"
Er stellte seinen silbernen Businesskoffer auf einen der Stühle, suchte in ihm nach seinem Organizer und überprüfte die Uhrzeit mit dem vorgemerkten Termin.
"Entschuldigung!", raunte der zweite Schwarzmantel, trat an der Frau vorbei und klopfte laut an die Sprechzimmertür. Die zwei Herren sahen sich verstehend an; verschmitzt lächelnd der eine, kopfschüttelnd und nur kurz vom Gerät aufblickend der andere. Die Tür wurde von einer korpulenten Frau im weißen Kittel geöffnet, die gut zehn Jahre älter als die drei Wartenden hätte sein können. Auf ihrer Brust strahlte ein Schwester-Edeltraut-Schild, ihr glattes Gesicht barg verhaltene Güte und zugleich unnachgiebige Strenge.
"Bitte?"
Die zwei Herren begannen gleichzeitig zu reden, sprachen von einem telefonisch vereinbarten Termin, und dass sie es eilig hätten.
"Gehören sie zusammen?"
Beide schüttelten den Kopf.
"Mein Name ist Marek Sonntag, Privatpatient", sagte der Businesskoffermann über die Köpfe der anderen hinweg, "ich habe um 17:00 Uhr den Termin bei Dr. Mai."
"Ich bin Tilo Wachsmuth, Schwester. Und ich muss sagen, ich bin etwas verwirrt… Ich habe doch um 17:00 Uhr den Termin, oder etwa nicht?"
Die Schwester löste sich aus der Tür, stampfte durch das Wartezimmer, zog einen Schlüssel aus der Kitteltasche und schloss die Praxis ab.
"So, für heute sind Sie die letzten Patienten, irgendwann haben wir alle einmal Feierabend." Dann ging sie auf die Frau zu und sagte im vertraulichen Ton: "Frau von Selz, Dr. Mai wird sich etwas verspäten, er bittet Sie hier zu warten."
"Heißt das etwa, dass Dr. Mai gar nicht im Haus ist? Sie wissen, dass ich extra aus Hamburg…"
"Sie haben eine schnelle Auffassungsgabe, Herr Wachsmuth“, fiel ihm die Schwester lobend ins Wort, "leider haben wir den 17:00 Uhr-Termin versehentlich gleich zweimal vergeben. Wir bitten das zu entschuldigen. Aber keine Sorge, Herr Dr. Mai wird sicher bald hier sein."
Damit schloss sich die Tür, die drei Wartenden waren wieder allein. Mantel ausziehen, Portmonee aus der Tasche nehmen und nebenbei den Platz erspähen.
Marek Sonntag schaute sich im rechteckigen Raum um. Er zählte acht unbequeme Stühle und auf zwei kleinen Tischen vier krause Zeitschriften. Neben der Sprechzimmertür befand sich links die Toilette, dazwischen stand der Garderobenständer. An den Wänden hingen beleuchtete, große Bilder eines lokalen Künstlers, auf einem erkannte er das hiesige Rathaus im Fachwerkstil. Er stand auf, ging unruhig zur Sprechstundentür. Vier Schritte. Dann zur Eingangstür. Acht Schritte. Drehung und zurück. Acht Schritte. Im Kopf rechnete er die heutigen Abschlüsse zusammen. Wendung und wieder acht Schritte. Er wusste, das auferlegte Ziel war noch nicht erreicht. Sieben Schritte. Marek Sonntag öffnete die Tür zur Toilette, wusch sich die schweißnassen Hände und begann erneut auf und ab zu laufen. Wie sagt doch mein Chef immer, dachte er, das Geld liegt auf der Straße, man muss es nur aufheben. Wenn ich bis zum Wochenende mein Soll nicht schaffe, bin ich geliefert. Bausparverträge, pah! Bei diesen niedrigen Zinsen, wer will da noch Bausparverträge? Ich muss mehr Aktienfonds anbieten, irgendeinen mit Rohstoffen und Solarzellen. Er klingte an der verschlossenen Eingangstür. Tatsächlich abgeschlossen, jetzt kann ich nicht einmal mehr das Geld aufheben.
"Nun setzen Sie sich schon hin", seufzte das Spitzgesicht, "Sie machen einen ja ganz nervös." Tilo Wachsmuth - ganz in Schwarz gekleidet, nur durch den offenen Hemdausschnitt leuchtete es Weiß - hatte sich inzwischen an einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes niedergelassen und blätterte lustlos durch Feng Shui-Ratschläge und Sauerkraut-Diäten. Zeitungsrascheln, gelegentliche Blicke auf Armbanduhren, unauffälliges Beobachten über den Brillenrand.
Marek Sonntag kramte sein Handy aus dem Koffer und legte es neben sich auf einen Stuhl. Als ob er eine Eingebung gehabt hätte, blickte er zur inzwischen in ein Buch vertieften Dame. Sie hat bestimmt schon eine Lebensversicherung; einen Bausparvertrag will sie nicht, so etwas rieche ich. Aber Aktienfonds? Ich muss sie in ein Gespräch verwickeln. Wie hieß sie noch gleich? Die Menschen hören so gern ihren eigenen Namen. Cool bleiben, jetzt kommt es darauf an.
"Frau von Selz?"
Die Angesprochene blickte neugierig auf. Grüne Augen, ich mag grüne Augen. Und dazu dieses wissende Lächeln!
"Ja?"
"Sind Sie auch für 17:00 Uhr bestellt?"
"Nein, für 17:30 Uhr, aber ich bin gern etwas eher da."
"Aha… Waren Sie schon oft bei Dr. Mai, ich meine wie ist er?"
"Oh, er ist eine Kapazität auf seinem Gebiet, ich habe lange nach einem solchen Therapeuten gesucht. Glauben Sie mir, das Warten lohnt sich."
"Natürlich, natürlich... Haben Sie es auch bemerkt?" Marek Sonntag wischte sich mit einem gefalteten Stofftaschentuch kleine Schweißperlen von der Stirn. "Die Schwester hat uns eingeschlossen. Sie hat einfach den Schlüssel rumgedreht und abgezogen! Niemand von uns kann diesen Raum verlassen. Warum macht sie das mit uns? Dabei habe ich heute noch Termine. Ich kann gar nicht solange warten."
"Klaustrophobie?"
"Nein, nein, ich bin Vermögensberater. Wenn Sie einmal in Ihre Zukunft investieren wollen", sagte Herr Sonntag und überreichte der Dame eine Visitenkarte, "ein Anruf genügt. Für Sie bin ich immer da."
Frau von Selz nutzte die Karte als Lesezeichen und schlug das Buch zu. "Vermögensberater? Ach! Meinen habe ich gerade zum Teufel gejagt. Stellen Sie sich vor, die letzten Jahre habe ich auf sein Anraten viel Geld in einen Immobilienfond gesteckt. Und nun hat die Bank diesen einfach geschlossen."
"Tja, es gibt immer schwarze Schafe in der Herde."
"Platzangst", mischte sich, eine latente Überlegenheit in der Stimme, der schwarze Herr ein, "die Dame wollte wissen, ob Sie an Platz Angst leiden."
"Platzangst? Nein. Ich weiß nicht. Ich mag es nur nicht besonders, wenn man mich einschließt."
Tilo Wachsmuth nickte verständnisvoll lächelnd, wandte sich dann aber an Frau von Selz: "Wenn Sie in die Zukunft investieren wollen, sollten Sie nach Alternativen suchen."
"Ach", sagte die Dame überrascht, "sind Sie auch Vermögensberater?"
"Um Himmels willen, nein!", wehrte Wachsmuth ab und fügte etwas ruhiger an, "Ich bin Priester."
"Ein Pastor?", fragte sie ungläubig.
"Gestatten? Bischof Wachsmuth aus Hamburg. Und mit wem habe ich die Ehre?"
Einen Augenblick schien die Dame verblüfft, dann lächelte sie kurz und nickte dem Bischof zu. "Gräfin Sibylle von Selz.“
„Sehr angenehm.“
"Sie sprachen von Alternativen; welche gibt es denn für meine Zukunft?"
"Warum investieren sie nicht in Gott? Glauben Sie mir, eine bessere Anlageform gibt es nicht."
"So?", rutschte es Marek Sonntag heraus. "Da bin ich aber gespannt.“
„Einmal kam Jesus nach Jericho“, begann der Bischof zu erzählen. „Da gab es einen Zöllner Namens Zachäus, der auf einem Baum saß und Ausschau hielt. Was meinen Sie, warum Jesus den Zachäus vom Baum herab steigen ließ?“
Nein, Marek Sonntag war kein Christ. Er stöhnte bei dem Gedanken, dass er einer Wiederholung der letzten Sonntagspredigt nicht entfliehen konnte. Eine Weile noch hörte er sich die Ausführungen an und staunte, dass auch der Bischof Zachäus verstehen konnte. „Es ist nun mal so, Geld schließt viele Türen auf. Und was geben wir nicht alles für das Gefühl, irgendwo dazu zu gehören. Zachäus befand sich in einer Sackgasse, hatte sich im Labyrinth von Immer-mehr-haben-Wollen verrannt.“
Marek Sonntag hielt es nicht mehr aus. Er nahm sein Handy und suchte die Nummer von Dr. Mai. Kein Empfang? Ärgerlich sprang er zurück, ging zur Sprechstundentür und klopfte. Hinter der Tür blieb es ruhig. Nochmaliges Klopfen. Nichts rührte sich.
„Würden Sie bitte das Fenster schließen?“, mahnte der Bischof, der sich inzwischen seinen weißen Schal um den Hals gewickelt hatte. „Ich vertrage nämlich keine Zugluft.“
„Und ich vertrage Ihr Geschwafel nicht. Ganz schlecht wird mir dabei!“
Einen Moment nur sah ihn der Geistliche verdutzt an,„Investieren Sie in Gott, lassen Sie sich von Jesus erlösen und Ihr Leben hat wieder eine Zukunft!“
Die Gräfin hatte aufmerksam zugehört, hing förmlich mit ihren Augen an den spitzen Lippen von Bischof Wachsmuth und ließ das Gesagte einige Sekunden auf sich wirken. „Ich möchte Sie unterstützen.“
„Oh, Gräfin Sibylle, ich darf Sie doch so nennen“, säuselte der Bischof, „das hätte ich nie zu hoffen gewagt.“
Marek Sonntag hämmerte nun mit seiner Faust gegen die Tür. Er atmete heftig, unter den Achseln seines weißen Hemdes waren deutliche Schweißspuren zu sehen. Endlich hörte er klappernde Schritte, die Tür öffnete sich und eine zornige Schwester Edeltraut wies Herrn Sonntag zurecht. Im Übrigen wäre der Doktor soeben gekommen und Herr Wachsmuth dürfe eintreten.
„Ich will aber nicht länger warten“, rief Marek Sonntag dem Bischof hinterher, der durch das Sprechzimmer ging und im Therapieraum hinter einer gefütterten Tür verschwand.
„So? Na dann kommen Sie mal mit.“
Marek Sonntag folgte demütig der Schwester, setzte sich im Sprechzimmer auf einen freien Stuhl und sah ungeduldig auf die große Wanduhr.
„Wird der Bischof lange brauchen?"
„Welcher Bischof?“, fragte Schwester Edeltraut ohne von ihrem Schreibtisch aufzublicken.
„Na Bischof Wachsmuth, wer denn sonst?“
„Hat er das gesagt?“
„Wie bitte? Ich verstehe Sie nicht.“
„Manche behaupten auch, sie wären der Papst.“
„Wirklich? Ach du Schreck!“ Marek schlug sich auf die Stirn, sprang auf und rannte in das Wartezimmer.
„Frau von Selz, stellen Sie sich vor, der Wachsmuth ist ein Hochstapler! Sie haben Ihren Scheck einem Betrüger gegeben!"
„Aber Herr Sonntag, regen Sie sich doch nicht so auf. Seine Megalomanie war das Erste, was mir auffiel. Oder haben Sie schon mal einen Bischof bei einem Psychologen gesehen?"
“Wie bitte? Was meinen Sie denn damit? Ein Priester ist er jedenfalls nicht.“
"Er ist so wenig ein Bischof, wie ich eine Gräfin bin..."
"Was denn, keine Gräfin? Aber ihr Name...."
"Ha!“, lachte die Frau kurz auf, „Mein Name ist das Einzige, was ich von meinem Vater geerbt habe. Und was Tilo Wachsmuth betrifft: etwas Größenwahn, etwas religiöser Sendungswahn. Seine Zachäus-Geschichte ist doch das beste Beispiel und war zugleich sehr amüsant."
"Na ich weiß ja nicht. Wenn man Sie so reden hört, könnte man denken, Sie haben drei Semester Psychologie studiert."
"Ich? Ach wo, ich bin Schauspielerin.“
„Und was sollte das dann mit dem Scheck?“
„Wollen Sie auch einen?" Noch einmal beobachtete Marek Sonntag, wie die ehemalige Gräfin verdeckt etwas schrieb und einen weiteren Umschlag zuklebte. "Ich habe ihn auf Ihren Namen ausgestellt. Das Kuvert aber erst öffnen, wenn sie zuhause sind!"
"Natürlich, natürlich..."
Einst standen drei Häuser erhöht auf fruchtbaren Grund. Sommer war es, die Ernte nicht mehr weit. An einem schwülheißen Mittag blies der nahende Sturm das Tageslicht aus. Frauen rannten um ihre Wäsche, Kinder wurden ins Haus gerufen, Hühner verkrochen sich im Stall. Klappe zu. Immer näher schob sich die schwarze Wand. Finsteres Grollen am Firmament; erste Blitze.
Er kam. Woher ist schwer zu sagen. Schritt um Schritt stieg er den Hügel hinauf.
Am ersten Tor bat er, gestützt auf einem knorrigen Stock, um Einlass.
"Nichts da", wehrte sich die Herrin, "ich kenne Euch nicht, mein Mann ist unterwegs, Ihr kommt hier nicht herein. Da drüben steht ein Baum, er wird Euch Schutz gewähren."
"Die alte Eiche? Schutz gibt’s da keinen, nicht für mich und nicht für Euch. So werdet Ihr’s bereuen."
"Was wollt Ihr, was beschwert Euch", wurde am zweiten Tor gescholten, "hat sie Euch nicht eingelassen, werde ich doch nicht die Dumme sein. Da unterm Brunnendach wird Euch schon nichts passieren.“
"Schutz gibt’s da keinen, nicht für mich und nicht für Euch. So werdet Ihr’s bereuen."
Bald goss es in Strömen. Klatschnass klopfte der Fremde an das dritte Tor. "Kommt doch herein und trocknet Euch", rief eine junge Frau durch das Getöse, "auf dem Herd steht heiße Milch. Geduldet Euch einen Augenblick, zuerst will ich mein Kind in die Wiege legen."
Draußen war die Hölle los. Die Bäume bogen sich im schweren Sturm. Dachziegel zersplitterten vor dem Haus und Hagelkörner trommelten ans Fenster, dass einem Angst werden konnte. Da zuckte ein heller Blitz durch die alte Eiche und entflammte sie sogleich. Ein zweiter fuhr in den Baum, gespalten fiel er auf das erste und das zweite Tor. Die Frauen rannten panisch los, um Löschwasser vom Brunnen zu holen. Auch die Frau vom dritten Tor wollte hinaus, doch trat der Fremde ihr in den Weg, in den Armen ihren jüngsten Sohn.
"Frau, dein Sohn braucht dich dringender. Verdorbenes ist nicht zu retten." Sie nahm das Kind und ging nachdenklich zum Fenster. In diesem Moment zerschlug ein dritter Blitz das Brunnendach und begrub die Unglücksweiber.
"Wer bist du, Fremder? Woher hast du solche Macht?"
"Ich bin, der ich bin."
"Willst du nicht bleiben?"
Still lächelte der Fremde, zog aus seinem Rock eine kleine Flöte und legte sie dem Jüngsten in die Hand. "Gebt auf ihn Acht. In ein paar Jahren komme ich zurück, dann soll er mein Schüler werden.“
Das Gewitter verschwand so rasch, wie es gekommen war. Der Fremde aber öffnete das Tor und ging davon.
Als der Maler Pawel Ott die Frau aus dem Staub hob, dachte er an sein Werk. Halb nackt und geschunden fand er sie, ihr Gesicht war zerkratzt, ihre rechte Brustwarze hing nur noch an einem Faden.
„Meine Heldin“, sagte Ott und trug die Frau in sein Atelier, „ich nenne dich Anfissa.“ Staunend betrachtete sie den hellen, warmen Raum. Bilder standen an den Wänden, die Staffelei am Fenster trug einen bespannten Rahmen, eine alte Tür auf zwei Holzböcken diente als Arbeitsplatz; es roch nach frischen Blumen und Terpentin. In der Mitte des Raumes lag nun Anfissa, auf einem roten Sofa, weich gebettet im künstlichen Paradies. "Hier kannst du schlafen; trink, wenn es dich dürstet, was du zu essen findest, soll deinen Hunger stillen. Nur um eines bitte ich dich: Lass meine Pinsel und Farben in Ruhe! Hörst du?“ Anfissa aß, trank, beobachtete Pawel und fiel in einen tiefen Schlaf. Träume vom Malen.
Bald darauf, Pawel Ott befand sich auf seinem nachmittäglichen Spaziergang, entdeckte Anfissa auf gespannter Leinwand ihren blonden Flaum; ihre rechte Brustwarze schwebte mitten im Bild, Konturen waren mit dünnen Bleistiftstrichen vorgezeichnet. Etwas stimmte mit den Proportionen nicht. Sie suchte nach einem Radiergummi. Ob die Korrektur bemerkt würde? Am nächsten Tag, wieder streunte der Maler über die Felder, zog sie Anfissas Brauen nach. Das konnte sie besser. Pawel stutzte, als er mit dem Galeristen Beckmann zurückkehrte. „Du malst Gorkis Anfissa? Viel versprechend, wirklich! Das wird dein Durchbruch, ich brauche es bis morgen!“ Der Maler schüttelte den Kopf. „Unmöglich!“ „Morgen oder gar nicht“, sagte Beckmann im Gehen, “das ist mein letztes Wort!“ Pawel zitterte. Er suchte seine Tröster, vergrub sich im blonden Flaum und ertrank in der Nacht.
Lautes Klopfen weckte am Nachmittag den Maler; Anfissa öffnete, Beckmann stürmte mit einem Kunden an ihr vorbei. „Habe ich zuviel versprochen?“, säuselte der Galerist. „Ganz außergewöhnlich! Beachten Sie den grünen Mond. Keiner malt so wie Pawel.“ Dann drehte er sich zum fassungslosen Maler und reichte ihm ein Bündel. „Hier, mein Lieber, dein Lohn.“
Noch einmal fiel Anfissa, geschunden, zerkratzt, verraten. Sie stand auf, machte sich aus dem Staub und gewann lachend die Welt.