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#1

vorhang auf

in Diverse 17.12.2008 16:53
von Karl Feldkamp • Mitglied | 194 Beiträge | 194 Punkte
heute vorm haus
lichtete sich plötzlich
das dezembergrau
gelb umkränzt
eröffnete blasses blau
den himmel

kahle buchenäste
flehten über mir
am offenen fenster
kichert meine demente
nachbarin und
der orangene
mann von
der müllabfuhr
pfiff leise

oh, du fröhliche
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#2

vorhang auf

in Diverse 18.12.2008 10:07
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Karl,

ich stellte mir gerade vor, wie cool es wäre, dieses Gedicht an Heiligabend unterm Weihnachtsbaum vorzutragen.
Diese Vorstellung half mir, mich in das Gedicht reinzudenken.
Die Szenerie erscheint wie eine Aufblendung. Es beginnt grau mit dem Haus, wird heller, gelb umkränztes blasses Blau im Himmel. Die gelbe umkränzung kann ich mir nur vorstellen als ein Loch in einer dichten Wolkendecke. Das kann ich mir so, ehrlich gesagt, im Dezember schwer vorstellen, da zumindest hier im nordosten Deutschlands zu dieser Zeit am Himmel mehr Mischmasch als klare Linien zu finden sind, sowohl farblich als auch lichttechnisch.

Kahle Buchenäste flehen was auch immer, Nachbarin kiechert, der orangene Farbtupfermann pfeift. Das Lied ist das einzige in dem Bild, das irgendwie zu dem Weihnachtsklischee passt. Zwei Personen tauchen auf, die aber nur nebeneinander stehen ohne Verbindung, außer, dass sie sich beide im Blickfeld des lyrischen Ichs befinden.

Die nachbarin ist durch ihr Kichern und ihre Demenz charakterisiert. Der Müllmann durch das Pfeifen. Das orange ist hier eigentlich eine Tautologie. Ein orangener Müllmann ist wie ein weißer Schimmel. Allerdings tupft es Farbe ins Bild und verdeutlicht vielleicht die Vordergründigkeit und die Isoliertheit der Freude der Figuren. Beide erwähnten Personen sind fröhlich oder zeigen entsprechende Symtome. Zweifel über die Wahrhaftigkeit kommen beim Leser auf, weil die Szene dennoch etwas trostlos wirkt, nicht zuletzt aufgrund der Isolation der Beiden Figuren.
Das einzige, das sich, wenn auch ungezielt, irgendwohin richtet ist das Flehen der Äste, und die sind aufgrund ihrer Kahlheit eines Großteils ihrer Lebendigkeit, der Blätter, beraubt.

Gegenüber dem grauen Beginn wirkt die Szene zwar schon belebt, aber nach innen gekehrt. In gewisser Weise schildert das Gedicht diese Zeit vielleicht als Phase der inneren Einkehr und dass jeder so sein inneres Weihnachten in sich tragen muss in einer Szenerie ohne die typischen Weihnachtsrituale.
Aber der Christbaumschmuck und die Rituale würden die Isolation der Figuren wahrscheinlich auch nicht aufheben. Wie auch immer. Wahrscheinlich ein Stück realexistierende Weihnachtszeit.

Jetzt lese ich übrigens erst den Titel. Ja, so hat das ganz auch noch mehr etwas von einer Theaterbühne.

Sprachlich zunächst mal nicht so mein Geschmack, zumal mir da inhaltlich, soweit ich das verstehe, zu wenig rausspringt. Aber vielleicht muss ich mich auch mehr durch weiter Deiner Texte in Deine Welt einlesen.

Viele Grüße,
GerateWohl

_____________________________________
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#3

vorhang auf

in Diverse 18.12.2008 14:14
von Karl Feldkamp • Mitglied | 194 Beiträge | 194 Punkte
Hallo GerateWohl,
vielen Dank für deine ausführlich Analyse. Sie hat mir manches zu denken gegeben. Übrigens hier im Rheinland gibt es jene gelb umkränzten blasslauen Löcher in der grauen Wolkendecke. Den orangenen Müllmann habe ich tatsächlich als kräftigen Farbkleks in mein Bild gebracht.
Herzliche Grüße
Karl
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