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Kritik des Monats September 2008

in Ausgezeichnete Kritiken 22.10.2008 13:12
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
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Kritik des Monats September: [/u]

[b]axolotl[/b] zu [url=t68126294f004-Forum.html] Bitte an die Dichter [/url] von Habibi

[quote][b]axolotl schrieb am 08.09.2008 00:50 Uhr in diesem thread:[/b] t68126294f004-Forum.html

Hallo Habibi,

mich überzeugt das Gedicht auch nicht, leider. Da fehlt der Esprit, die Finesse und auch der nötige Biss. Zähne zeigen ist nicht verboten, gerade wenn ein Text für eine Sache einstehen mag.

Ein wenig mutet es an, als wolltest Du der Gegenwartslyrik (die 'Moderne' ist schon eine Weile vorbei) ins Nest scheißen, dem einen oder anderen Kritiker die Ausdrucksfreude und Empfindung der Klassik/Romantik/Avantgarde zurück ins Gedächtnis rufen, der gähnend frotzelt, die Rose sei metaphorisch verbraucht und abgenutzt in ihrer Bedeutung. Eben jenen einen Vortrag halten und klarstellen, wie es wirklich um die Rose und den Reim stehe. Leider flüsterst Du dabei aber allzu sehr und das recht langatmig und lang anhaltend, anstatt einmal auf den Tisch zu hauen (stellenweise wird die Intention sogar kontraproduktiv verzerrt, womit Du den 'Schandmäulern' eher die Hälse butterst, als sie zu stopfen).

Durch die Länge des Gedichtes erschöpft es sich bedauerlicherweise, obschon es besser knackig oder bissfreudig seinen Standpunkt ausformulieren könnte (schreibt der Kritiker und sülzt sich fortan über eineinhalb Seiten selbst einen zusammen ).

Ich bin letztlich und barsch gesagt bereits nach vier Strophen des Gedichtes überdrüssig, womit Du auch der Rose, für die der Text ja einstehen möchte (um zu reduzieren), keinen rechten Gefallen tust, sondern das bunt ausmalst, was Du im Grunde hast anradieren, widerlegen oder abmildern wollen.


Erebus hat bereits einige Kritikpunkte aufgelistet und diese gilt es zu unterstreichen, gerade wenn man sich in humoristischen und immanent ironischen Bereichen anschickt, Kritiker der traditionellen Formen und Metaphern unter der Nase zu kitzeln, sollte ein solches Gedicht neben Pfiffigkeit in seinem Handwerk stringent sein.

Eine stellenweise holpernde Metrik ist per se kein k.o.-Kriterium, wenn der Text entsprechendes diesbezüglich nährt und erklärt, sie sozusagen auferlegt - hier aber ist das nicht der Fall, weshalb es kritisch ins Auge fällt.

Dass Rosen in Gedichten fehl am Platze sind, ist darüber hinaus kaum richtig. Man kann sich ihrer bedienen, aber als Leser erwarte ich, dass ich nicht das 42ste mal die Rose im Verbund mit einer schmerzlichen und doch schönen Liebelei metaphorisiert bekomme. Ich möchte eine kreative Umsetzung, nichts was wundgeschrieben ist.
Ein Autor muss mich mit seinen eigenen Ideen überzeugen können, seiner eigenen Sprache und einem Stück Kreativität im neuen Pyjama. Wenn ich aber schon allzu oft hergenommene Konstrukte und Metaphern lese, zweifele ich an der Eigenständigkeit seiner Sprache. Das macht u.a. die Rose zu einem schwierigen Symbol, aber nicht zu einem verwerflichen oder unmöglichen. Die Kritik der Verbrauchtheit gilt im Grunde nicht der Rose, sonderm dem was üblicherweise damit angezettelt oder schlicht abkopiert wird.

Die Bezüge Deines Gedichtes u.a. zu Goethe und zu Gertrude Stein (um nur zwei herauszugreifen) sind nett, aber nicht mehr als das. Es wirkt mir in der Fülle - da ja noch einige mehr eingestreut sind - schon zu aufdringlich und in gewissem Sinne auch - in bezug auf die erste Strophe - widersprüchlich. Du führst u.a Vertreter der Strum-und-Drang-Bewegung bzw. Klassik und Avantgarde an. Die Avantgarde aber war Strömung der Moderne (siehe erste Strophe). Obendrein liegen Gertrude Stein und Goethe fernab von einander. Äpfel mit Birnen, wenn Du mich fragst, und zwar um der Rose willen. Widersinnig auch, weil Gotehe die Rose personifizierte und Stein ihr genau das versagte. Dass Du Gertrude Stein anführst, halte ich im übrigen nicht für einen Schachzug die ersten Zeilen betreffend, sondern eher für einen groben Schnitzner (siehe dazu Gegenwartslyrik / Moderne zu Beginn der Kritik). Klär' mich auf, wenn ich falsches annehme oder dummdreist unterstelle.

[btw: Gertrude Stein hat ja den Satz "eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" geprägt, Hemingway hat ihr - nicht ob der Rose, sondern aus anderen Gründen - darauf einmal "ein Miststück ist ein Miststück ist ein Miststück" geantwortet. Nur weil es mir gerade in den Sinn kommt]


Überdies würfelst Du die verschiedenen Strömungen für mich - ad hoc geurteilt - nahezu planlos durcheinander. Wir steigen in der Avantgarde ein, pflücken strumgetragen Heideröslein und finden uns verdutzt Mitte 1300 wieder, wenn Hafes (aka Mohammed Schams ed-Din) als orientalischer Hofdichter mit Rosenwangen aus der Wäsche guckt (zumindest prägte eben jener den Begriff).

Ein weiteres Manko des Gedichtes sind teils Reime (vgl. und e.g. "niemand wird vom Kuss gesund, an den Dornen hangen [sic; hängen]", teils Syntax. Beides läßt Leichtigkeit missen und skizziert eher Abhängigkeit. Ein Reim verliert für mich in dem Moment an seinem Flair, wenn er gekünstelt wirkt und wird, es sei denn, es ist als Persiflage an sich gedacht, was hier aber und wenn dem so sein sollte, nicht heraussticht.

Und wo wir gerade beim Stechen angelangt sind, noch folgende Anmerkung: Entgegen allen Märchen und Gedichten hat die Rose Stacheln und keine Dornen. Da Du einen lyrischen Einbund anstrebst, ist es aber statthaft, diesen Verweis poetisch und nicht biologisch korrekt zu halten.

Bezüglich der allgemeinen Wortwahl fällt noch auf, dass Du scheinbar den Wortspruch für die Rose mit entsprechendem, 'klassischen' Duktus hast unterstreichen wollen. Auch hier fällen Gertrude Stein und Konrad Bayer (dem man den "Rosenmund" ebenso andichten kann wie dem Sinn&Formler Günther Deicke) als Avantgardisten wieder heraus.

Du siehst also, es gibt hier einiges zum monieren oder bestenfalls zu hinterfragen. Nicht aus böser Absicht, aber wenn Du schreibst, dass der Text für einen Wettbewerb entstanden ist, soll die Kritik lediglich helfen, solche Projekte im nächsten Zuge stimmiger anzugehen.


Grüße
axo[/quote]
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