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#1

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.08.2008 18:29
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Ene, mene, meck





Sie sang, sang, sang im Kopf, sang, auf dem ganzen Heimweg. Wir treffen heute unsre Freundin Biene Maja, diese kleine, freche Biene Maja, Maja zeigt uns ihre Welt. Den Blick hatte sie auf die Linien zwischen den Bordsteinplatten und auf ihre Schuhspitzen gerichtet. Aufgeschrappte, verbeulte, abgestoßene Lederschuhspitzen, alt, alt, alt, rot, rot, rot.
Fünfzehn Hüpfer, ohne auf den Strich zu kommen und es wird ein guter Tag. Vorausgesetzt, die Bedingungen waren schwer genug: nur auf dem kippeligen linken Bein oder nur auf den Fersen auftuppen, Vogelvaufüsse plus der vollgepackte Tornister, der beim Hüpfen hin und her rumst.
Heute waren es nur acht, weil der Dackel dazwischen kam. Acht, Mist. Mist, Mist, Mist. Man ruft nur: Flipper! Flipper ist unser bester Freund, lustig wird's immer, wenn er erscheint!
Der silberne BMW stand vor der Haustür und Mutter hinter der Gardine. Zu spät, sich zu verstecken. Der, die, das, wer, wie, was, wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm. Zu spät für Rulle aller Art. Zwei mal drei macht fünf, widewide, wer will’s von mir lernen, ich mach mir die Welt, widewide, wie sie mir gefällt. Hey, Pippi Langstrumpf, falleri, fallera, fallerhoppsassa, hey, Pippi Langstrumpf, die macht, was ihr gefällt.
„Beeil dich, Schatz, Onkel Werner ist da. Er wird dich nachher baden und ins Bettchen bringen.“ Ihre Mutter hatte hektische Engelaugen, das Ausgehkleid und das hohe, fröhliche Lachen angelegt. Auf der Kommode lag eine Schachtel Pralinen, auf dem Tisch ein neuer Knopfimohrbär. Die Wohnküche roch nach plüschrotem Nichts. Hey, hey, Wickie, hey, Wickie hey, zieh fest das Segel an.
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#2

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 26.08.2008 22:39
von Joame Plebis | 3.371 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Abend, Feo!

Noch kein Kommentar? Meiner fehlt, das verwundert mich nicht, muß ich doch erst die Art und das Datum berücksichtigen und bei der Reihenfolge der zu lesenden Beiträge, den Rösselsprung berücksichtigen, wobei auch die Wochentage ihre Rolle spielen.
Spielst Du Schach? Was für eine Frage, Du kannst es, sogar Go, gegen das Schach ein Kinderspiel ist.

Es ist diese Art Phantasie- und Kinderspiel, das sich einsame Kinder in ihrer Welt aufbauen, das aber schon gewisse Züge einer Zwangsneurose aufweist, wenn kein einschneidender Wandel im Umfeld stattfindet, auch in einer manifesten Manie endet.
Das Umfeld und Elternhaus, die Einflußfaktoren und Auslöser des psychischen Desasters sind zwar nur kurz aufgezeigt, aber erkennbar.
Ich würde das Kind gerne in die Schule einer kleinen Dorfgemeinde stecken, wo es unter Kindern Freunde gewinnen und die Welt von einer anderen Basis aus erleben kann.

Mit Gruß
Joame
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#3

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 26.08.2008 22:52
von Habibi (gelöscht)
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Hallo Feo, hatte die Geschichte ganz übersehen und bin jetzt froh, dass sie wieder oben stand. Sie hat mich sehr bedrückt und du hast DAS Thema, das für mich ganz eindeutig ist, sehr gut, ohne es zu benennen, nur anhand des Verhaltens des Kindes eingebracht. Ich glaube, da hat Joame etwas übersehen, denn mit dem "Freunde gewinnen" ist es wohl hier nicht getan. Eine sehr gute, berührende, schockierende Geschichte.

Wieso hast du sie eigentlich "steinreich" genannt? Das blick ich nicht.

Grüße von Habibi
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#4

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 27.08.2008 00:03
von Joame Plebis | 3.371 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Abend!
Feo wird es zwar besser erklären können, doch will ich einen Versuch wagen, indem ich auf die psychische Armut des Kindes hindeute, das offensichtlich in einer wohlhabenden, sogar materiell reichen Umgebung seiner Einsamkeit frönt. Der Titel 'steinreich' kann nur sarkastisch gemeint sein.

Gruß
Joame
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#5

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 27.08.2008 11:04
von Habibi (gelöscht)
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Hallo Joame, wieso sprichst du von "psychischer Armut" des Kindes? Für mich ist das ein durch Missbrauch zutiefst traumatisiertes Kind, das sich seine Abwehr- und Schutzmechanismen aufgebaut hat (Reime, Abzählen, innere Wetten etc.)Und nur, weil der "Onkel" einen Mercedes fährt und Steiff-Tiere verschenkt, muss er ja nicht reich sein, ebensowenig wie die Mutter oder das Kind. Wie schon angedeutet: die Einsamkeit des Kindes ist für mich auch ein Schutz, eine selbstgewählte. Wie soll ein missbrauchtes Kind auch mit Gleichaltrigen kommunizieren? Über was? In dem Zusammenhang passt der Begriff "frönen" genauso wenig. Denn das Kind lebt ja nicht gern so.

Aber vielleicht missinterpretiere ich da auch was. Bitte um Aufklärung!

Gruß Habibi
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#6

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 27.08.2008 11:22
von Joame Plebis | 3.371 Beiträge | 3363 Punkte
@ Habibi
Es ist ja nur meine Vorstellung:
Nichts wie weg mit dem Kind aus dieser Umgebung, von den Pralinen und dem Onkel samt Mutter!
Abschotten würde ich das Kind nicht, sondern in eine Schar 'urwüchsiger und naturbelassener' Kinder stecken. Dort gäbe es die Ablenkung und Verarbeitung ihres bisherigen Lebens, je nachdem wie weitreichend und reversibel die Schädigung ist.

Gruß
Joame
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#7

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 28.08.2008 22:57
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Guten Abend, ihr beiden.
Habt Dank für eure intensive Auseinandersetzung mit dem Text.

Ich bin gar nicht so sicher, ob ich die Interpretation, die Geschichte rings um das geschilderte Geschehen wirklich vorgeben möchte. Natürlich hatte ich ein ganz bestimmtes Bild vor Augen, als ich den Text schrieb, aber ich finde es gar nicht tragisch, wenn jeder für sich entscheiden kann, was dieses Kind dazu gebracht hat, dass es sein Leben nur noch durch "Ausknipsen" der Realität ertragen kann - denn etwas anderes ist dieses "Wegsingen" nicht, als eine Fluchtreaktion aus einer beängstigenden, schmerzhaften Situation. O

b diese Situation nun daraus besteht, dass das Kind derartig vernachlässigt wird, dass es TV als einzig Angenehmes im Leben, beziehungsweise als Ersatzleben betrachtet, ob es Angst vor Bestrafung, vor dem Alleinelassen, vor Misshandlung hat oder einfach nur eifersüchtig ist, auf Onkel Werner oder die Zeit, die seine Mutter woanders verbringt oder ob es - mit oder ohne Wissen und Billigung der Mutter - regelmäßig missbraucht und gequält wird, das ist hier - im Gegensatz zum wirklichen Leben - für den Text relativ irrelevant. Mir war lediglich wichtig, dieses "Unerträgliche" möglichst ohne Standardwertung und erhobenen Zeigefinger aus der Sicht eines Kindes zu schreiben.

Zum Titel:
Meine Überlegung war: Steinreich, Reich der Steine, gezählte Pflastersteine, Stolpersteine.
Hier hatte ich den Dackel im Blick, eben das, was verhindert, dass die vielen kleinen Schutzrituale des Kindes funktionieren. Vielleicht zu sehr um die Ecke gedacht?

Als Alternativtitel hatte ich "Ene, mene, meck" (und du bist weg) im Kopf, der letzte Vers aus dem Titelsong "Ene, mene, miste" der Kindersendung Rappelkiste.

Viele liebe Grüße,
Feo
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#8

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 28.08.2008 23:54
von Joame Plebis | 3.371 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Abend, Feo!

Wäre es meines, paßte für mich 'steinreich'.
Tja, die kleinen Zwangsneurosen, wer hat sie nicht schon zumindest kurzfristig einmal gehabt. Manchmal zähle ich sogar Silben.

Gruß
Joame
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#9

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 29.08.2008 00:03
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Mist, jetzt wo du es sagst - ich glaub, das ist mir auch schon mal passiert!
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#10

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 01.09.2008 08:01
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
Hallo Feo,

für mich ist dies eine aussagekräftige und deutliche Skizze. Allerdings halte ich den Untertitel für wesentlich besser geeignet als den eigentlichen Titel "steinreich". Da dem habe ich das Gefühl, dass mir als Leser der Bezug fehlt. Obwohl ich dazu etwas im Hinterkopf habe, aber das stammt aus anderen Zusammenhängen, einer anderen Veröffentlichung von dir und ist mir deshalb hier zu weit weg.

Als störend empfinde ich das Wort "Titelsongs" gleich zu Beginn des Textes, das unterbricht m.E. die Unmittelbarkeit. Diesen Einschub würde ich an deiner Stelle durch ein nochmaliges "sang" ersetzen, dadurch würde die Getriebenheit verstärkt, die du durch die vielen Wiederholungen einzelner Worte herstellst.
Grade dieses Hektische in Verbindung mit der bruchstückhaften Darstellung sich wiederholender Gedankengänge und Betrachtungen macht den besonderen Reiz der Skizze aus. Die der Leser sehr unmittelbar erlebt.
Aus diesem Grund würde ich auch hier noch ändern:
"Hässliche, alte Lederschuhspitzen, abgestoßen, rot, rot, rot."
Vielleicht das zu weite und erwachsen klingende "hässliche" durch eine etwas genauere und nicht wertende Beschreibung ersetzen? Die schlichte Betrachtung, wie das "abgestoßen" ist?
Bei der Formulierung "Gleich schwoll Flipper ist unser bester Freund in ihrem Kopf zur Hymne an." werde ich zum distanzierten Beobachter. Dort vielleicht ebenfalls einen ganz unmittelbaren Einstieg in Text und Melodie wählen "Man ruft nur Flipper, Flipper, gleich wird er kommen .."

Interessant wäre es zu wissen, ob dieser Text immer funktioniert, oder ob er die exakte Kenntnis der Melodien voraussetzt? Ob die Ohrwürmer abgerufen werden müssen, um die Atemlosigkeit und die Flucht in mechanische Gedanken erfühlbar zu machen? Oder kommt da auch ein Leser hinein, der diese Melodien nicht kennt, jedoch ähnliche Erfahrungen mit anderen gemacht hat?

Mir gefallen Idee und Umsetzung gut.

LG
Uli

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#11

Ene, mene, meck

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 01.09.2008 17:42
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Hallo Uli,
recht hast du, ich habe deine Anregungen umgesetzt. Der Perspektivwechsel war mir vorher gar nicht in der Form bewusst.
Vielen Dank.

Liebe Grüße,
Sabine
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