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#1

Nur

in Diverse 14.08.2008 22:57
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Nur

Nur einen Fingernagel breit tut sich der Abgrund auf und
Mein Nachbar trägt gerade seine leeren Bierflaschen zurück
Er hat Zähne, die lange schon keine Bürste gesehen haben
Und er entschuldigt sich, weil er sich nicht gemeldet hat
Weil er Stress hat, sagt er, weil er an seiner Doktorarbeit schreibt
Und ich entschuldige ihn
Und ich frage nicht ob er anruft
Und ich denke an seine schlechten Zähne und an meinen Zahnarzttermin nächste Woche
Und frage mich gleichzeitig
Wann zum Teufel ich falsch abgebogen bin





Über mich erzählten sie endlose Schrecklichkeiten und Lügen, dass einem schier die Phantasie platzen wollte. Offenbar stärkte es sie innerlich, derart über mich herzuziehen, es brachte ihnen Gott weiß welche Art Mut, den sie brauchten, um immer erbarmungsloser zu werden, widerstandsfähiger und regelrecht bösartig, um durchzuhalten, um zu überstehen. Und auf diese Weise schlecht zu reden, zu verleumden, zu verachten, zu bedrohen, das tat ihnen ganz offenbar gut.

L.F Celine

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#2

Nur

in Diverse 15.08.2008 12:12
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
Hallo Gem,

Dein Text gefällt mir, wenn er mich auch zwiespältig läßt.
V1 ist zweifellos ein lyrischer Einstieg, Dreh- und Angelpunkt deines Gedichtes. "Nur" ein leichtes Unbehagen, das LI zum eigentlichen Gedanken an das eigene Scheitern kommen läßt. Die Trivialität der Lebensumstände, hier durch den Nachbarn verkörpert, führen LI vor Augen, dass es unerfüllt beibt.
Finde ich gut beschrieben und nachvollziehbar.
Nicht ganz so gut gelungen erscheint mir bei längerem NAchdenken, dass dieses Fingernagel breite Öffnen des Abgrundes durch solch einen Antitypen evoziert wird. Ich denke, viel geringere Anlässe reichen da völlig aus -irgend ein Haar in der Suppe- es muss nicht eine ganze plakativ beschriebene Person herhalten, die zudem auf ein bestimmtes gesellschaftliches Niveau verweist. Die Vernachlässigung der Erscheinung impliziert ja viele andere Umstände, soziale wie wirtschaftliche, und der unbedarfte Leser kann durchaus herauslesen, dass LI mit der Welt versöhnt wäre, wenn der Nachbar sich die Zähne putzte. Oder nicht?
Da frage ich mich natürlich, ob das nicht oberflächlich argumentiert ist, denn den Kern des Scheiterns sähe ich woanders, und ob das so angemessen ist.
Kann aber durchaus als Sozialstudie gemeint sein, ich für mein Teil ticke allerdings anders.

Wie gesagt, lyrischer Anspruch in V1 und dann handwerklich lyrifiziert durch das vierfache "Und" der Verse 6 bis 9, was mir immer aufstößt, weil es mir etwas "billig" erscheint - unbenommen der Wirkung, die ein solches Verketten beim Leser hat, auch bei mir.

OK, gefällt mir.

LG
Uli
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#3

Nur

in Diverse 15.10.2008 20:57
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte

Ja du hast Recht, ich bin ein geiler Schreiber.
Deine Interpretation ist richtig und sehr gut ausformuliert und dafür danke ich dir.
Ich denke, dass dieser angehende Doktor sich ruhig einmal die Zähne putzen könnte, weil ich das mit meinem mörderischen Gehalt ja auch tu. Nicht jeder arme Mann muss ungepflegt sein.

Lieben Gruß

Gem

Über mich erzählten sie endlose Schrecklichkeiten und Lügen, dass einem schier die Phantasie platzen wollte. Offenbar stärkte es sie innerlich, derart über mich herzuziehen, es brachte ihnen Gott weiß welche Art Mut, den sie brauchten, um immer erbarmungsloser zu werden, widerstandsfähiger und regelrecht bösartig, um durchzuhalten, um zu überstehen. Und auf diese Weise schlecht zu reden, zu verleumden, zu verachten, zu bedrohen, das tat ihnen ganz offenbar gut.

L.F Celine

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