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„Hafen“

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 29.04.2008 21:33
von van hengel (gelöscht)
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„Hafen“

Als Hermann sich mit der Hand durchs Haar fuhr, die Finger leicht gekrümmt wie eine Kralle über seine blasse Kopfhaut, was sehr angenehm war, verdammt angenehm sogar, da spürte er, dass nicht mehr viel übrig geblieben ist. Vom Haar natürlich. Sein Kumpel Heiko war schon mit 25 grau, und was musste der einstecken deswegen!
Jetzt beneidete Hermann ihn. Denn der brauchte sich nur zu färben, und schon war die Sache gegessen. Eine angehende Glatze brachte schon überhaupt keine Weiber mehr in die Nähe, jüngere frische schon gar nicht. Und er ließ es, sich durchs Haar zu fahren, aus Angst, dass dadurch unnötigerweise noch mehrere ausfielen…
Seine Frau war schon im Bett. Sie ließ immer ein Kleidungsstück von sich in der Küche zurück, wenn er Spätschicht hatte. Es war mit den Jahren ihr heimlicher Begrüßungskuss. Sie war ein Frühchen, Frühaufsteher, die sich immer gequält hat, wenn Herrmann erst gegen elf nach Hause kam – und eine gähnende Hannelore mochte er nun wirklich nicht, wenn er von der Arbeit kam; das tat ihrer Liebe keinen Abbruch. Und als er ihr das sagte, nach reiflicher Überlegung, atmete sie gleich auf, umarmte ihn und ging ins Bett.
Früher hätten sie noch etwas Liebe gemacht, auf dem Küchenstuhl, und sie wäre danach erst hinauf gegangen, während er die Hose ganz ausgezogen und in den Trainingsanzug gekrabbelt wäre. Jetzt hat sich die Lust halt aufgehoben und ist eingegangen in die reine Liebe. Außerdem sind die Kinder mittlerweile nicht nur groß, sondern auch gut geraten, Alkoholiker zu werden passiert halt schnell, wie bei ihrem Bernhard. Aber das war nur wegen dieser Schnepfe, die gleich auf Weltreise wollte, als Bernhard von 2-Schichten auf 3-Schichten wechselte und damit nach der Heirat fast alles möglich wurde…
„Ich habe ihm immer gesagt“, dachte Hermann, als er sich ein kaltes Bier einschenkte (er musste schnell das Glas an den Mund setzen, weil der Schaum überkochte), „dass sie nichts für ihm war“, allein ihr Name haben ihm, Herrmann, 3000 Haare gekostet, mindestens. Sie hieß Sibille, mit zwei „i“. Seine Oma hieß zwar auch so, aber die hatte wenigstens ein Ypsilon im Geflecht, nach dem „b“, und das mochte er immer, er liebte es fast, wie ihm jetzt aufging.
Später, und das noch nicht mal so lange her, hatte er erfahren, dass Sibylle, oder wars Sybille, aus dem Griechischen kam und die Seherin hieß. Nur, was hatte Bernhards Schnepfe damit zu tun, was hatte sie gesehen? Dass er im Alkohol seinen Seelenfrieden findet? Oder das sie mit daran beteiligt ist? Eigentlich, dachte Herrmann ganz ernst, machen Frauen alles kaputt. Sie stören eigentlich und sind überflüssig. Beim Saufen sind wir glücklich. Und unser Glück wird uns genommen, weil wir scharf werden dadurch. Wenn sie nur nicht an irgendeiner Stelle nicht eine Öffnung hätten, aus der sie ihr Lasso werfen, mit dem sie uns immerzu bekommen, dachte Herrmann und nahm noch mal einen kräftigen Schluck. Welcher Mann läuft nicht mit einem Nasenring herum, an dem man ihn angekettet hat, da konnte er den kurzen Schmerz des Einstichs nicht mal orten, dachte Herrmann, da wars schon geschehen um ihn.
Und er schenkte sich noch einen ein. Diesmal lief nichts über. Das Glas war eingetrunken. Es schäumte nichts mehr über. Komisch, dass die weiße Krone irgendwann immer oben Schluss macht und nie wieder über den Rand kippt, dachte Herrmann; er stand dann auf, um sich eine neue Fasche zu holen. Komisch, dachte er, nachdem er sich wieder hingesetzt hatte, komisch, dass mir plötzlich alles egal wird. Verdammt. Ist das schön. Dass ich den Augenblick genieße, aus mir heraus, wie ich noch nie etwas genossen habe, nicht mal meine Hannelore auf dem Stuhl, nass wie Sau, was ist das?
Und er fragte sich, ab wann er sich den Trainingsanzug angezogen hatte, und ab wann es nicht mehr dazu gekommen ist, dass sie aufstand und alles auf ihm hängen blieb…
Mit dem Geruch, so erinnerte er sich, ist er dann tagelang herum gelaufen. Ohne sich zu waschen. Die Anarchie eines Schnüfflers. Er wusste, spürte es im Blut, dass Hannelore bald herunter kommen würde, um ihn ohne ein einziges Wort so anzuschauen, dass ein einziger Blick genügte, um der gerade gewonnenen Freiheit den Laufpass zu geben…
Also stand Herrmann auf, machte den Fernseher aus, nahm die leere Flasche in die Hand und ging in die Küche, um sie in den Kasten fallen zu lassen. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer, drehte die Anlage auf, holte den Hennessy aus seinem Versteck mitsamt dem terracottafarbenen Eierbecher hinter dem alten Plattenspieler und kippte sich diese herrliche Flüssigkeit in den Hals, ganz langsam über die Zunge.
Herrliches Hinüberdunkeln zu dir, dachte er, und fühlte sich glücklich.
Vielleicht zum zweiten Mal in seinem Leben.

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#2

„Hafen“

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 29.04.2008 21:51
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
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