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#1

Samstagabend - Fragmente -

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 14.04.2008 22:19
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte

Samstagabend - Fragmente -



23.45 Uhr - it's only Rock'n'Roll -

“Du Fotze!“ Er holt aus und schlägt ihr seinen Handrücken mit voller Wucht ins Gesicht, so dass sie rückwärts aufs Bett geschleudert wird.

Er geht zum Waschbecken, dreht das Wasser an und starrt auf die blassroten Fliesen an der Wand. Zwei dicke Fliegen sitzen direkt in einer Fuge, aus der die steingraue Füllung bröckelt.
Die Geräusche der Stadt dringen durch das halb geöffnete Fenster herein. Motorenlärm und hupende Autos. Eine entfernte Sirene wird leiser und verklingt. Die Stadt ist in Eile. Sie brodelt. Niemand hat Zeit. Jeder rennt seinen Träumen hinterher, oder flieht vor ihnen. Und was macht das schon für einen Unterschied? Man ist in jedem Fall zu langsam.

Er lässt kaltes Wasser über seinen Penis laufen und begutachtet die vermeintliche Wunde. Gut, nur Lippenstift, kein Blut.
Dann dreht er die Stereoanlage lauter und bleibt breitbeinig, seinen immer noch leicht schmerzenden Schwanz massierend, vor dem Bett stehen.
Sie liegt zusammen gekauert, dicht an der Wand und hält sich die Hände vors Gesicht, wie ein Kind das glaubt, dass es nicht gesehen werden kann, wenn es vorgibt selbst nichts zu sehen.
Mick Jagger singt grade aus vollem Hals ’it's only Rock 'n' Roll, but I like it’. Er grinst. “yes, I do!“


18.25 Uhr - runaway -

Sie legt das Bündel Briefe zurück in die Schreibtischschublade, wischt gewohnheitsmäßig imaginäre Staubflusen von der schweren Holzplatte und sieht zum Fenster raus. Es wird sicher bald regnen. Schön, dann kann sie sich das Blumen gießen heute Abend sparen.

Sie macht sich auf den Weg in die Küche, um das Abendessen zu richten und wirft im Flur einen Blick in den großen Garderobenspiegel. Der Besuch beim Frisör hat sich gelohnt, alles perfekt, bis auf die Tränen, die über ihre Wangen rinnen. Sie sieht die Frau im Spiegel lange an. Waren die kleinen Fältchen um die Augen Gestern schon da?

Aus dem Zimmer ihres Sohnes dröhnt Musik in voller Lautstärke - Pink, ist im Moment total 'In' - und sie fragt sich, was er wohl dazu sagen würde, wenn sie ihm erzählt, dass sie selbst einmal davon geträumt hat Sängerin zu werden. Ganz zu schweigen von den wilden Partys, den coolen Typen und den nicht ganz legalen Zigaretten, die damals so angesagt waren. Ein bitterer Zug umspielt ihre Lippen und sie geht ins Bad, um sich die Beine zu rasieren.


20.50 Uhr - … -

Er hasst Fahrstühle, das tat er schon immer, aber mehr noch hasst er diese Musik, mit der man berieselt wird. Er hat nie verstanden, aus welchem Grund man in Fahrstühlen Musik braucht.

Er liest die Worte bestimmt zum zwanzigsten Mal und kann den Sinn immer noch nicht recht begreifen. Er zündet sich eine Zigarette an und saugt den Rauch tief in seine Lungen. Die dumme Kuh aus dem dritten Stock deutet auf das 'Rauchen Verboten' Schild und schüttelt missbilligend den Kopf.
Die automatische Tür öffnet sich, er zerknüllt das Papier, wirft es in den Abfallkorb neben dem Ausgang und geht nach draußen.

Er steht einige Minuten unentschlossen da. Es ist schwül und er schwitzt in seinem dunkel grauen Jackett. Einige Jungen spielen Fußball, mit einer leeren Cola Dose, zwischen den parkenden Autos. Er ruft ihnen zu, sie sollen verschwinden. Der kleinste zeigt ihm den Stinkefinger und sie lachen. Er braucht dringend etwas zu trinken.


21.15 Uhr - smooth operator -

Sie sitzt allein am Tresen und trinkt einen dieser bunten Cocktails, in denen mehr Strohhalm und Schirmchen zu sein scheinen, als Getränk. Sie ist sichtlich nervös und fasst einmal zu oft an den nackten Ringfinger ihrer rechten Hand. Er lächelt, wie leicht zu durchschauen sie doch alle sind.
Er setzt sich auf den freien Hocker neben sie und bestellt ihr ungefragt noch einen Drink.

Eine mittelmäßige Band bringt eine Coverversion eines älteren Sade Titels. Die Musik ist laut und er hat ihren Namen nicht richtig verstanden. Sie heißt Susi oder Lucy.
Der Barkeeper poliert die ohnehin sauberen Gläser und blinzelt ihm verschwörerisch zu. - Arschloch.

Es ist verraucht und viel zu heiß in der kleinen Bar. Es wird langsam eng und ungemütlich und sie beschließen irgendwohin zu gehen wo es ruhiger ist und man sich besser unterhalten kann.


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#2

Samstagabend - Fragmente -

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.04.2008 11:01
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Eine interessante Geschichte, die mit einem Spoiler beginnt, während im nachfolgenden Text die Geschichte langsam aufgerollt und zum finalen Fiasko hingeleitet wird. Der Spannungsbogen wird - trotzdem man das Ende der Geschichte ja schon kennt - gut aufgebaut. Das Einzige, was mich, was Form und Logik betrifft, ernsthaft irritiert: Warum ist am Ende des Textes die 20.50-Uhr-Sequenz erst nach der 21.15-Uhr-Sequenz zu lesen?
Inhaltlich würde mich interessieren, warum du die Protagonistin im 21.15-Abschnitt als so naiv/dümmlich/billig/überspannt/nervös darstellst, warum du dort eine derartige Wertung einlegst. Innerhalb einer Kurzgeschichte sind solche Wertungen nicht unbedingt üblich, setzen dem Leser vorgekaute Kost vor, anstatt ihn seine Sicht auf die Prots selbst aus dem Geschehen erschließen/finden zu lassen, gängeln die Sichtweise des Lesers, anstatt ihn sich einfühlen zu lassen. Hier hätte ich mir den Text sehr viel sachlicher und die Charakterzeichnungen der Prots viel subtiler und nicht derart platt und dem üblichen Klischee (Protagonistin kriegt die ersten Fältchen, also muss sie sich dringend so billig wie möglich anbieten, sich unbedingt ein neonfarbenes Sonderangebotsschildchen auf die Stirn pappen, auf den schmuddeligen Grabbeltisch schmeißen und notdürftig noch mal...das Näschen pudern.) folgend gewünscht.

LG, Feo
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#3

Samstagabend - Fragmente -

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.04.2008 14:01
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Feo

So wirklich kann ich dir auch nicht sagen, warum ich den 20.50 Uhr Abschnitt am Ende hatte. Ich hatte es erst chronologisch, habe es dann aber spontan geändert, weil ich den 23.45 Teil am Anfang haben wollte und der Rest hat sich für mich in der Reihenfolge ganz gut angehört. Ich habe aber jetzt die Reihenfolge geändert, ich denke du hast recht, das ist logischer.

Ich habe die einzelnen Teile nicht an einem Stück geschrieben und bin in dem 21.15 Abschnitt wohl einfach rein gerutscht, es aus der Sicht des Kerls zu schreiben. Hast du recht (schon wieder *g), muß ich noch mal ändern.
Aber findest du nur die Art wie es beschrieben ist scheiße, oder die Story an sich? also Tussi merkt, dass sie alt wird und zieht los um sich was aufzureißen…

Besten Dank und Gruß
Simone

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#4

Samstagabend - Fragmente -

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.04.2008 19:30
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Ich finde nur das Vorgekaute, Vorgewertete im 21.15-Abschnitt blöde.
Ansonsten gefallen mir Stil und Story. Ich würde lediglich nicht so in den Klischees grasen, die Protagonistin wertneutral schildern, nicht so sehr in die billige, dümmliche Ecke manövrieren, lieber versuchen, das Vertiefen des Charakters subtiler durch Schilderung des Geschehens, der Umstände, nicht durch abwertende Adjektive zu erreichen.

LG, Feo
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#5

Samstagabend - Fragmente -

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.04.2008 21:21
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
o.k. ich hab nochmal gebastelt. besser?

21.15 Uhr - smooth operator -

Sie sitzt allein am Tresen und trinkt einen dieser bunten Cocktails, in denen mehr Strohhalm und Schirmchen zu sein scheinen, als Getränk. Sie ist sichtlich nervös und fasst einmal zu oft an den nackten Ringfinger ihrer rechten Hand. Er lächelt, wie leicht zu durchschauen sie doch alle sind.
Er setzt sich auf den freien Hocker neben sie und bestellt ihr ungefragt noch einen Drink.

Eine mittelmäßige Band bringt eine Coverversion eines älteren Sade Titels. Die Musik ist laut und er hat ihren Namen nicht richtig verstanden. Sie heißt Susi oder Lucy.
Der Barkeeper poliert die ohnehin sauberen Gläser und blinzelt ihm verschwörerisch zu. - Arschloch.

Es ist verraucht und viel zu heiß in der kleinen Bar. Es wird langsam eng und ungemütlich und sie beschließen irgendwohin zu gehen wo es ruhiger ist und man sich besser unterhalten kann.

Gruß Simone


alte Version

21.15 Uhr - smooth operator -

Sie sitzt allein am Tresen und trinkt einen dieser bunten Cocktails, in denen mehr Strohhalm und Schirmchen zu sein scheinen, als Getränk. Sie sieht nicht übel aus, ein bisschen billig in ihrem zu kurzen Rock und den hochhackigen Stiefeln. Aber um diese Uhrzeit ist die Auswahl noch nicht so üppig. Was soll’s, dafür ist es ihr Busen. Er setzt sich neben sie und bestellt ihr ungefragt noch einen Drink.

Eine mittelmäßige Band bringt eine Coverversion eines älteren Sade Titels. Die Musik ist laut und er hat ihren Namen nicht richtig verstanden. Sie heißt Susi oder Lucy.
Der Barkeeper poliert die ohnehin sauberen Gläser und blinzelt ihm verschwörerisch zu. - Arschloch.

Ihr überspanntes Lachen und die zufälligen Berührungen ihrer Hände lassen tief blicken, genau wie der Ausschnitt ihrer Bluse. Sie ist sichtlich nervös und fasst einmal zu oft an den nackten Ringfinger ihrer rechten Hand. Er lächelt, wie berechenbar und leicht zu durchschauen sie doch alle sind.
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#6

Samstagabend - Fragmente -

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.04.2008 19:35
von Feo | 134 Beiträge | 134 Punkte
Das "sichtlich nervös" gängelt den Leser.

Die ersten beiden Sätze beginnen wenig einfallsreich mit "sie", die nächsten beiden mit "er".

Klar wird hier nicht, wem die "Arschloch-Äußerung" zuzuschreiben ist. Dem Erzähler? Der sollte doch objektiv bleiben. Dem weiblichen Prot? Dem männlichen?

Im letzten Abschnitt des Basteltextes beginnen dann beide Sätze mit dem spannenden Wörtchen "es".

Ich glaube, du solltest noch mal ganz in Ruhe drüber schauen, Simone, ein paar Adjektive entfernen, ein paar Satzanfänge austauschen, ein paar vorgekaute Wertungen tilgen und dafür die Schilderungen (und somit die Charaktere) vertiefen - also Handlung und Umstände zeigen, nicht aber als "allwissender und gängelnder Erzähler" dem Leser erklären, warum jemand etwas tut. Erzähltiefe sollte bei einer Shortstory aus der komprimierten Handlung und bildlichen Beschreibung, nicht aber aus der übergeordneten Erzählersicht entstehen.

LG, Feo
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#7

Samstagabend - Fragmente -

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 20.04.2008 13:56
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
ja, du hast recht, ich habe es ein bißchen unüberlegt umgeschrieben. ich werd es mir in Ruhe nochmal vornehmen und sehen ob ich es besser hin kriege. aber ich hab immer so meine Probleme damit, nachträglich was zu ändern.

Besten Dank nochmal für deine Hilfe
Gruß
Simone

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