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Der Tag, an dem alles anders war.

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.10.2007 13:43
von roronoa (gelöscht)
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Du siehst ihn mit geweiteten Augen an.
„Aber.. D…Das kann nicht möglich sein, das KANN nicht ihr Ernst sein!“
Dein Herz schlägt dir bis zum Hals, du kannst es einfach nicht glauben.
„Doch, leider ist es so.“
„Sie müssen mich verwechseln!“
„Eine Verwechslung in Ihrem Fall ist unmöglich, Frau Schweizer, es tut mir Leid.“
Der arrogante Arzt streicht sich seufzend durch das braune wellige Haar, vor ein paar Minuten hattest du noch überlegt ob du ihn nach seiner Telefonnummer fragst, aber das würde dir jetzt nicht mal mehr im Traum einfallen.
Warum du? Warum kann das keine Verwechslung sein?
Verzweifelt fängt der Arzt vor dir an zu verschwimmen, aber du willst nicht dass er sieht dass du weinst. „Okay, dann gehe ich jetzt.“ bringst du noch schnell hervor, stehst schnell auf, nimmst deine Tasche und läufst zur Tür.
Sie ist kaum mehr als Tür erkennbar, so viele Tränen sind jetzt in deinem Auge.
„Ich wünsche Ihnen viel Glück Ma’am!“ ruft der Arzt noch hinterher, dann schlägst du die Tür zu.
Pah, der kann sich sein Mitgefühl sparen, er kann sich deine Situation ja nicht mal ansatzweise vorstellen!
Du lehnst deinen Kopf gegen die Praxistür, schließt die Augen.
Eigentlich ist es heute ziemlich warm denkst du.
Was sollst du heute noch machen? Es gibt ja so viele Möglichkeiten!
Du öffnest die Augen, immer noch verschwommen nimmst du den Warteraum wahr, alle wartenden Patienten starren dich an. Das ist dir peinlich, also setzt du deine Mütze auf und verlässt so schnell wie möglich das Krankenhaus.
Deine Haare kratzen an deinem Hals, von der Mütze an ihn gepresst. Vielleicht solltest du sie dir schneiden lassen? So wie letztes Weihnachten, das sah eigentlich gar nicht so schlecht aus!
Vor dem Krankenhaus ist eine Bank, du lässt dich auf die harten Bretter fallen.
Dein Atem verpufft in einer weißen Wolke.
Du fragst dich ob Tränen gefrieren können.
Dann musst du weinen.
Du willst es eigentlich nicht, du hasst es wenn man über sich selbst weint, aber du kannst es einfach nicht aufhalten.
Der Penner da drüben guckt dich an, er soll gefälligst woanders hin gucken denkst du und weinst weiter.
Dann kommt er auf dich zu, hau ab denkst du.
Du suchst nach einem Taschentuch, zum Glück hast du dir heute Morgen welche eingepackt. Natürlich hättest du nie erwartet dass du sie brauchen würdest!
Die Tränen die einfach so aus deinen Augen geflossen sind haben eine nasse Spur auf deiner Wange hinterlassen, vorsichtig tupfst du sie ab.
„Is’ jemand gestorben?“ fragt der Penner, er setzt sich neben dich.
Warum kann er nicht weggehen denkst du „Nein“ sagst du, in der Hoffnung dass er wieder geht.
Aber er geht nicht.
Er guckt dich an.
„Aber warum weinst du dann?“
„Was geht dich das an? Das ist meine Sache!“ herrschst du ihn an, er soll nicht so unverschämt fragen.
Und schon wieder kommen die Tränen.
„Ich dachte vielleicht kann ich dir Gesellschaft leisten…“
Was soll das denn?
Du fragst dich aus welchem Grund er das macht.
Ob du ihm von dem Arzt erzählen solltest? Und von dem was er dir gesagt hat?
„Nein Danke, ich brauche deine Hilfe nicht“ beschließt du zu sagen.
Der Penner zuckt mit den Schultern,
„Schade, ich hätte dir gern geholfen. Wenn du mich brauchst, ich bin heute den ganzen Tag hier. Tschüss!“ sagt er als du aufstehst und zu deinem Auto gehst.
Warum er den Tag vor dem Krankenhaus verbrachte? Tröstet er gerne Menschen? Oder raubt er sie aus? Bettelt er?
Du weißt es nicht, aber eigentlich willst du es gar nicht wissen, du findest du bist im Moment genug mit dir selbst beschäftigt.
Seufzend steigst du ins Auto.
Bevor du den Motor startest denkst du noch mal an Zeit in der Praxis, es kommt dir vor als wäre das schon Stunden her.
Die Tränen schießen wieder hoch, doch du willst sie jetzt unterdrücken, du hast genug geweint.
Konnte der Arzt nicht ein bisschen weniger arrogant sein? Warum sind manche Menschen so Gefühllos und andere genau das Gegenteil?
Eigentlich ist es gar nicht so kalt…
Du startest den Motor, fährst auf die Straße, überlegst wo du hinfahren sollst.
Nach Hause?
Nein, dann würden dich zu viele Gefühle übermannen und du willst nicht wieder weinen.
Ob die Kunstausstellung noch offen hat?
Instinktiv biegst du rechts ab und hältst vor dem Atelier.
Doch du steigst nicht aus.
Deine Finger wählen wie von selbst die Telefonnummer die du schon in und auswendig kannst. Während du verbunden wirst denkst du darüber nach was du sagen wirst. Doch dir fällt nichts ein.
„Hallo?“ ertönt die Stimme die du so sehr vermisst hast.
„Hallo Ron.“ Du flüsterst - aus Angst durch lautere Geräusche sein Bild vor deinen Augen zu zerstören.
„Hey du, wo bist du denn gerade? Müsstest du nicht schon längst vom Arzt zurück sein?“
Lächelnd schließt du die Augen, genau diese Frage hattest du von ihm erwartet, er macht sich immer gleich Sorgen.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, es geht mir bestens. Ich kann nur leider nicht zu der Geburtstagsfeier morgen gehen, könntest du Lucy für mich anrufen und absagen?“
„Ist etwas passiert? Du hörst dich so seltsam an.“
„Nein, es ist alles gut, ich muss nur ein paar Tage…“
Du stockst.
Nein, nicht weinen! Du musst jetzt realistisch klingen, er darf sich keine Sorgen machen!
„ein paar Tage zu Hause bleiben, dann bin ich wieder wie neugeboren!“
„Ach das ist super, ich freu mich für dich! Wie wär’s wenn wir dann übermorgen mit einem romantischen Dinner deine Genesung feiern?“
Du streichst dir glücklich die Haare aus dem Gesicht, bist dir sicher dass du nie einen Mann mehr lieben würdest als ihn.
„Das wäre sehr schön, danke Ron!“
„Ich liebe dich!“
„Ich liebe dich auch.“
Dann legst du schnell auf, befürchtest dass, wenn du nicht auflegen würdest es aus dir herausplatzen würde und du ihm alles erzählen würdest.
Aber das kannst du ihm nicht zumuten, also legst du auf.
Die Autotür klemmt, aber du steigst trotzdem aus.
Es ist ungewöhnlich warm denkst du…
Das Atelier ist hell erleuchtet, aber es sind nicht viele Menschen dort.
Langsam gehst du von Bild zu Bild.
Der Künstler hat echt Talent denkst du.
Du bleibst vor einem der Gemälde stehen, es zeigt eine alte Frau die ein Bündel Holz durch den Schnee trägt. Man erkennt sie kaum, so doll tobt der Sturm.
Das bin ich denkst du.
Aber dir ist nicht so kalt wie der Frau.
Schönes Bild denkst du.
Trauriges Bild.
Du guckst an die Decke, dort hat sich eine kleine Spinne ein Netz gebaut.
Was für verschiedenartige Künstler es gibt denkst du.
Die Spinne ist auch einer.
Du gehst weiter.
Niemand spricht dich an.
Die Frau da an der andern Seite des Raumes hat eben zu dir geschaut. Sie sieht nett aus. Ihr würdest du alles erzählen denkst du.
Aber sie kommt nicht auf dich zu.
Schade denkst du.
Du gehst noch einmal durch die ganze Ausstellung, nimmst dir Zeit für jedes einzelne Bild.
Eigentlich ist es ganz warm denkst du, aber die Mütze nimmst du trotzdem nicht ab.
Eines der Bilder hängt schief, dir wäre es nicht aufgefallen hättest du nicht genau hingesehen.
Du traust dich nicht es anzufassen, also lässt du es so hängen. Vielleicht soll es ja so sein.
Aber trotzdem sticht es irgendwie heraus als du dich auf dem Weg zum Ausgang noch einmal umdrehst.
Es ist ein schwarzes Bild mit einem großen roten Dreieck in der Mitte.
Schicksal ist der Name.
Passt irgendwie denkst du.
Tolles Bild.
Als du das Atelier verlässt liegt eine dünne weiße Decke auf der Straße.
Aber es ist gar nicht kalt.
Schade dass es jetzt nicht mehr schneit denkst du.
Deine Füße hinterlassen dunkle Fußspuren auf dem Bürgersteig, sie durchbrechen die Perfektion des weißen Schnees.
Das Auto lässt du stehen, du willst lieber ein bisschen laufen. Tut auch mal gut sich körperlich zu betätigen denkst du.
Du fragst dich ob der Schnee etwas dagegen hat dass du durch ihn durchläufst.
Du läufst immer an der Mauer lang, es ist keine zu große Mauer, aber du willst gar nicht auf die andere Seite gucken.
Dein Blick sucht immer wieder die Fugen der Pflastersteine, durch den Schnee sind sie kaum zu erkennen.
Es ist ganz still auf der Straße, kein Mensch ist zu sehen.
Doch dann hörst du Lachen, Rufe und andere Geräusche.
Du folgst ihnen.
Nicht dass du jetzt in der Stimmung wärst zu lachen, aber ein Lachen in einer stillen Straße macht einen doch neugierig.
Du gehst an der Mauer entlang.
Plötzlich ist sie nicht mehr da und rechts ist eine riesige freie Fläche.
Mitten auf der Wiese ist ein großer Kinderspielplatz.
Du hast Kinder schon immer gemocht.
Eines Tages hast du dir immer gesagt willst du auch mal eines –
Oh nein, nicht schon wieder Tränen!
Du beschleunigst deine Schritte und konzentrierst dich auf die vielen Kinder die dort spielen, damit du nicht wieder weinen musst.
Viele Mütter sind nach dem Schnee raus gegangen um ihre Kinder darin herumtollen zu lassen. Sie sitzen mit ihren Kinderwagen auf einigen der vielen Bänke und unterhalten sich.
Ob sie sich alle kennen fragst du dich.
Eigentlich möchtest du auch dazugehören.
Aber du setzt dich auf eine einsame Bank am Rand des Spielplatzes.
Während du den Kindern zusiehst kommen dir wieder die Fragen.
Warum war der Arzt so arrogant?
Warum ausgerechnet du?
Warum kann es nicht jemand anders an deiner Stelle sein?
Warum ist es so warm?
Vielleicht solltest du deine Mutter anrufen.
Aber vielleicht besser nicht, du würdest dich wahrscheinlich sowieso nur mit ihr streiten.
Eigentlich ist es gar nicht so kalt wie alle sagen denkst du.
Du fragst dich ob beim Bau des Krankenhauses jemand verunglückt ist.
Eines der Kinder ist von der Schaukel gefallen.
Die Mutter rennt panisch hin um das laut weinende Mädchen zu trösten.
Du wünschst dir du könntest das kleine Mädchen sein.
Die Mutter nimmt es in den Arm und wiegt es, ein Beruhigungslied singend.
Das hältst du nicht aus, du stehst schnell auf und fliehst fast von diesem friedlichen Ort.
Du kannst nicht mehr.
Du bist wirklich fertig mit allem, möchtest einfach nur mit jemandem reden.
Du nimmst wieder das Telefon.
Da kommen die Tränen wieder.
Aber diesmal unterdrückst du sie nicht, du lässt sie einfach laufen.
Die Nummer die du drückst kannst du in und auswendig.
Es ruft und du kannst nichts anderes als weinen.
„Ja?“
„Ron? “
„Nein, ich bin nicht Ron, Sie haben sich wahrscheinlich verwählt“
„Ja… m...muss wohl so gewesen sein… Entschuldigung.“ stammelst du und legst auf.
Du wischst dir deine Tränen weg, das Telefon anstarrend.
Was ist mit mir los denkst du.
Du willst die Nummer noch mal eintippen, möchtest jetzt nichts anderes als seine Stimme hören.
Aber es geht nicht!
So sehr du auch überlegst, sie fällt dir einfach nicht mehr ein.
Natürlich, du könntest im Telefonbuch nachgucken. Doch darum geht es nicht. Dass du dich nicht mehr an die Nummer erinnern kannst, kannst du dir nicht verzeihen.
Ron!
hallt es durch deinen Kopf!
Du brauchst ihn so dringend, möchtest ihn noch ein letztes Mal in den Armen halten!
Du musst dich doch noch verabschieden! …
Du stockst.
Oder hast du unbewusst von ihm Abschied genommen in dem Moment wo du seine Nummer vergessen hast?
Du weißt es nicht, aber in deinem Innersten fühlst du eine gähnende Leere.
Traurig läufst du weiter zum Auto.
Ron denkst du… ich liebe dich, es tut mir so leid!
Du hast überhaupt keine Ahnung wohin du jetzt sollst, fühlst dich völlig hilflos.
Doch dann kommt dir eine Idee.
Schnell steigst du ins Auto und fährst los.
Auf dem Weg betrachtest du die Welt außerhalb des Autos, bemerkst dass der Himmel viel blauer ist als du es jemals gesehen hast.
Und es ist wärmer geworden!
Du überlegst wie du anfangen sollst, am besten mit
„Die heutige Untersuchung ist eigentlich nur eine Routineuntersuchung gewesen, doch als der Arzt mich beim Anblick meines Röntgenbildes entsetzt und völlig hilflos angesehen hat, da wusste ich dass irgendetwas passiert war…“
Ja, das würde ein guter Anfang sein denkst du.
Irgendwie freust du dich darauf es endlich jemandem zu erzählen.
Dein Auto hast du schon seit 3 Jahren, du hast das Geld dafür ganz allein zusammengespart und bist riesig Stolz darauf gewesen.
Den ersten Unfall hattest du nach zwei Wochen, kurz bevor du Ron kennen gelernt hast.
Ob es den Mülleimer noch gibt den du damals umgefahren hast?
Nach zwei Monaten warst du mit Ron zusammen, du hast es nie bereut.
Ron…
du musst wieder weinen, versuchst nicht mehr an ihn zu denken.
Der Wagen fährt fast von allein, wie in Trance fährst du von der Schnellstraße runter.
Heute sind komischerweise verhältnismäßig wenige Autos unterwegs denkst du.
Dein Auto brummt ziemlich laut, das ist das erste Mal, dass du es bemerkst.
An der zweiten Kreuzung links, dann würdest du da sein.
Den Weg kennst du ja, die Fahrt heut morgen würdest du nie vergessen.
Du hast voller Eile fast einen Fahrradfahrer umgefahren.
Du hattest vor danach zum Friseur zu gehen. Aber das hast du doch nicht gemacht.
Die langen Haare kratzen immer noch unter der Mütze.
Egal denkst du.
Es ist sowieso nicht so kalt denkst du und setzt die Mütze ab.
Du verstrubbelst das geplättete Haar etwas, dann sitzt deine Frisur wieder perfekt.
Wenn alles so perfekt wäre wie deine Haare! Aber leider ist nichts perfekt.
Du biegst links ab, diesmal ohne einen Fahrradfahrer in Lebensgefahr zu bringen.
Du fährst auf den Parkplatz.
Ob Tränen gefrieren können?
Du steigst aus, das Krankenhaus betrachtend.
Bestimmt ist jemand beim Bau verunglückt.
Du schließt die Autotür, mit etwas mehr Kraft, denn sie klemmt.
Dein Telefon hast du im Auto gelassen.
Der Penner sitzt auf einer Bank vor dem Krankenhaus.
Du gehst auf ihn zu.
Dann fängt es an zu schneien.
Es ist eigentlich ganz warm denkst du.
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