#1

A Chorus Line

in Ausgezeichnete Prosa 12.09.2007 16:02
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
A Chorus Line

Ich habe Tanzfilme immer gemocht. Als Kind schaute ich sie mir mit meiner Mutter im Fernsehen, später mit einer Freundin zusammen im Kino an. Ich liebte die Lieder, die tollen Kostüme und die Leichtigkeit, mit der die Künstler über die Bühne wirbelten, samt ihrem Enthusiasmus für das, was sie taten.
Im Laufe der Jahre verflog diese Affinität ein wenig und nicht viel ist mir von all dem Gesehenen im Gedächtnis geblieben. Aber, woran ich mich immer wieder erinnere, ist der Film ‚A Chorus Line’. Und nicht etwa, weil dort die Tanzszenen besser gewesen wären, als in den anderen Filmen, nein, es ist ein Lied, an das ich von Zeit zu Zeit denken muss.

Eine Frau mit lateinamerikanischen Wurzeln – ich erinnere mich nur noch an ihren Nachnamen: Morales – singt dieses Lied auf der Bühne. Es handelt davon, dass ihr Schauspiellehrer die Klasse auffordert, sich vorzustellen, sie wären ein Stein, ein Tisch, irgendein lebloses Objekt. Und Morales kann sich nicht einfühlen. Findet es sogar lächerlich, einen Stein zu mimen, was es an sich ja auch ist.
Der Lehrer rügt sie deswegen. Sagt zu ihr, sie hätte kein Einfühlungsvermögen, keine Feuer. Sie gebe sich keine Mühe und aus ihr würde nie eine gute Schauspielerin werden. Morales fühlte sich deswegen natürlich minderwertig, unzulänglich, gedemütigt und als Versagerin.
Irgendwann, Jahre später, stirbt dieser Lehrer. Morales, als sie davon hört, geht in sich, um zu ergründen, ob sie Trauer fühlt, und sie spürt: Nichts!
Das ist das Lied, die Szene, die mich bei diesem Tanzfilm am meisten bewegte. Und ich weiss noch, was ich damals dachte, dass es doch unmenschlich ist, nichts zu fühlen, wenn ein Mensch stirbt, den man gekannt hat.

Heute Morgen rief mich meine Mutter an und sagte mir, dass mein ehemaliger Lehrmeister gestorben ist. Er war Zahnarzt und schon alt, als ich damals meine Lehre als Dentalassistentin bei ihm begann. Das liegt jetzt bald dreissig Jahre zurück; er muss daher ein biblisches Alter erreicht haben.
Ich hatte mich damals spontan zu dieser Lehre entschlossen, weil ich nicht wusste, was ich werden wollte. Daher war diese Wahl so gut wie jede andere. Oder so schlecht, je nach dem. Denn nach einem Jahr habe ich die Ausbildung abgebrochen. Nicht, dass man mich geschlagen oder mir die Arbeit nicht gefallen hätte, aber der ‚Herr Doktor’ gab mir immer das Gefühl, ich sei nichts Wert. Ich konnte mich noch so anstrengen, mir noch so viel Mühe geben, er fand immer etwas an mir auszusetzen.
Es gab Tage, da wünschte ich mir, dass die Strassenbahn, mit der ich zur Arbeitsstelle fuhr, entgleisen würde, nur damit ich nicht in die Praxis müsste.

Ich war oft krank während meiner Lehrzeit. Und je öfters ich fehlte, desto mehr wurde mir meine Abwesenheit vorgeworfen. Meine Eltern waren ratlos. Ich, die vorher nie krank gewesen war, litt ständig unter Bauch- und Kopfweh, Müdigkeit und Erbrechen. Die erprobten Hausmittelchen halfen wenig bis gar nicht, aber zum Arzt ging man wegen so einer Lappalie nicht.

Was hätte ich ihnen sagen sollen, auf die Frage, was denn mit mir los sei? Dass ich ständig von Alpträumen geplagt würde und meine Lehrstelle hasste? Dass ich mich vor meinem Chef fürchtete, weil er mich mit seinem Sarkasmus zum Weinen brachte? Für meine Eltern war ein studierter Mann über alle Zweifel erhaben. Sie hätten mich nicht verstanden.

„Als Lehrling muss man unten durch!“, sagte mein Vater immer. Zähne zusammenbeissen, war seine Devise. Welche Ironie, bei einer Dentalassistentin!
So biss ich halt meine Zähne zusammen, bis sie schmerzten und bis der Zusammenbruch kam. Telefonanrufe wurden getätigt. Eine Frau von der Lehrlingsaufsichtsbehörde kam zu mir und fragte Dinge, die mir peinlich waren. Mein Vater fuhr zum ‚Herrn Doktor’ und kam mit ernster Mine zurück. Meine Mutter weinte und es fielen harte Worte: Versagerin, unbrauchbar.

Der Lehrvertrag wurde aufgehoben. Ich wurde wieder gesund und fand eine andere Lehrstelle in einem Warenhaus, wo ich eine Ausbildung zur Verkäuferin absolvierte. Als ich das erste Mal ein Lob für eine gute Kundenberatung erhielt, brach ich in Tränen aus.
Die Alpträume verschwanden, das Bauch- und Kopfweh auch. Meine Mutter erzählte noch Jahre später, dass ihr selbstgemachter Kamillentee wahre Wunder bei mir gewirkt hätte. Die Strassenbahn fuhr ohne Zwischenfälle, bis ich die Abschlussprüfung bestanden hatte. Mein Vater klopfte mir auf die Schultern. Seine Art, mir zu zeigen, dass er mir vergeben hatte. Aber was?

„Erinnerst du dich noch an den ‚Herrn Doktor’?“, fragte mich meine Mutter.
Ich stand vor dem grossen Panoramafenster und blickte über die kahlen Felder.
„Ja“, sagte ich.
Sie hätte heute die Todesanzeige in der Zeitung gelesen und sich gefragt, ob ich nicht eine Beileidskarte schicken möchte. Die Traueradresse laute folgendermassen ....
Ich griff nach einem Kugelschreiber und notierte mir mechanisch die Angaben, dann legte ich den Hörer auf.

Aus dem Kinderzimmer dröhnte laute Musik und ich strich mir über die Stirn. Dann ging ich zum Fenster und öffnete es weit. Die kalte Winterluft vertrieb die aufkommenden Kopfschmerzen. Ich knüllte den Zettel zusammen, warf ihn in den Papierkorb und fühlte nichts.


© Margot S. Baumann


Die Frau in Rot

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#2

A Chorus Line

in Ausgezeichnete Prosa 12.09.2007 16:50
von Joame Plebis | 3.648 Beiträge | 3731 Punkte
Du kannst ja richtig schreiben, Margot! Es wirkt so einfach und leicht, wie Du in die Fülle des Lebens hineinfaßt und fast nebenbei ein Schicksal oder eine Begebenheit erzählst.

Zwar fehlen mir die Voraussetzungen, als Kritiker eine ernstzunehmende Meinung auszudrücken, aber als Leser habe ich sie doch.

Um Deine Bücher sollten die Leute Schlange stehen. Damit sie aber überhaupt von Dir und der Qualität Deiner Werke wissen, fehlt nur noch die Werbung.

Gruß
Joame
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#3

A Chorus Line

in Ausgezeichnete Prosa 12.09.2007 19:02
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Schöne Eröffnung.
Witzig – zumindest las ich das so - ist auch die Paradoxie im Anfangsabschnitt: Da soll sich jemand wie ein Stein verhalten und schafft es nicht. Die Protagonistin kann das nachvollziehen und hält auch die Übung für unsinnig. Aber schwups, kaum dass einer stirbt, den man hasst, schon ist man ein gefühlskalter Stein.
Die Protagonisten glaubt aber nicht, dass man nichts fühlen kann und verwirft diesen Gedanken so, als schmisse sie diesen in den Papierkorb.

Hier wurde für mich das Problem eröffnet, die These gestellt: kann man nichts fühlen, wenn jemand stirbt, den man gekannt hat und nicht nur das, der auch noch Teil seines Lebens wurde?
(Unklar bei Morales blieb mir, ob in diesem Nichts, nicht doch ein wenig Hass und Genugtuung mitschwingt, was die Ansicht der Protagonistin rechtfertigen würde, dass Nichts fühlen, nicht geht.)


Bei dieser Fragestellung, die ich aus Deinem Text gezogen habe, musste ich natürlich davon ausgehen, nun kommt die Gegenprobe. Nach dem Motto: das wollen wir doch mal sehen. Insgesamt dachte ich auch: Was soll das? Ist das nicht zu simpel?

In dem Abschnitt von ich hatte mich spontan entschlossen bis Sie hätten mich nicht verstanden, hatte ich einen kleinen Hänger beim Lesen, denn schnell war klar, OK, der Doc und sie, das wird nichts werden, dass ist die Spiegelung zu Morales Lied. Und das hier


Zitat:

Dass ich mich vor meinem Chef fürchtete, weil er mich mit seinem Sarkasmus zum Weinen brachte? Für meine Eltern war ein studierter Mann über alle Zweifel erhaben. Sie hätten mich nicht verstanden.


ging mir beim ersten Lesen zu schnell durch, aber dazu gleich. Denn ich war ungeduldig und dachte nur: hoffentlich geht die Protagonistin bald und wir können dann ihre Reaktion auf den Tod vom Doc erfahren. Auch das hier, ging erstmal unbeachtet durch:


Zitat:

„Als Lehrling muss man unten durch!“, sagte mein Vater immer. Zähne zusammenbeissen, war seine Devise. Welche Ironie, bei einer Dentalassistentin!



Stutzig wurde ich dann hier:


Zitat:

Als ich das erste Mal ein Lob für eine gute Kundenberatung erhielt, brach ich in Tränen aus.
Die Alpträume verschwanden, das Bauch- und Kopfweh auch. Meine Mutter erzählte noch Jahre später, dass ihr selbstgemachter Kamillentee wahre Wunder bei mir gewirkt hätte. Die Strassenbahn fuhr ohne Zwischenfälle, bis ich die Abschlussprüfung bestanden hatte. Mein Vater klopfte mir auf die Schultern. Seine Art, mir zu zeigen, dass er mir vergeben hatte. Aber was?



An dieser Stelle korrigierte ich die oben gestellte Kardinalsfrage, las nochmal, und dachte an Mary Poppins und an eine Szene mit der Hexe Corry und ihren riesenhaften Töchtern Fannie und Annie.
Denn eine Geschichte zu erzählen, wo es nur darum geht, zu beschreiben ob etwas geht oder nicht und das offensichtlich, hängt m.E. schnell durch und ich eile zu ihrem Ende, um mir die Bestätigung des Rätsels Lösung abzuholen. Hätte hier auch funktioniert, hätte mich aber nur fett gemacht. Zurück zur Hexe aus Poppins.

Die Hexe ist wirklich eine Hexe, denn sie drangsaliert ihre beiden Töchter durch unlösbare Dinge. Erst fragt sie warum gebt ihr den Kunden – guten Bekannten - kein Gebäck, als ich noch draußen war? Als die eine bekundet, sie hätte daran gedacht, faucht sie, warum sie sich einbildet, es sei in Ordnung, der Tante ihr Gebäck zu verschenken? Schließlich, als in letzter Verteidigung von der Tochter angeführt wird, es sei ja nichts passiert, sie hätte ja nur daran gedacht, da verbietet ihr Corry das Denken, denn das solle sie der Hexe überlassen. Als die Tochter dann weint, macht sich Corry auch noch darüber lustig.

Was das mit dieser Geschichte zu tun hat? Na, zum Beispiel dieses wunderbare „Aber was?“ der Tochter, die, wie mir scheint, durch Doc und Eltern zu einem echten Gefühlskrüppel gemacht wurde.

Das „da musste durch“ des Vaters ist ja ein Signal, sie möge ihre Gefühle, ihre Wünsche zurückstellen. Ähnlich der Befehle der Tante Corry. Die Mutter hier, so krank möchte ich nicht sein, glaubt an ihren Kamillentee, dass Töchterchen sich etwas gemausert hat. D.h. sie glaubt an ihre Fürsorge – wo war die? – , die das unglückliche Kind wieder glücklich gemacht. Und wie kommt Vattern heim nach seinem ernsten Gespräch? Nimmt er seine Tochter fest in den Arm und raunzt so was wie: Dein Weg ist mein Weg? Nein beide Eltern rufen : Versagerin ! Wie groß Töchterchens ungesundes Gefühlschaos ist, drückt sich in dem Heulanfall aus, den sie bekommt, wenn sie ein Lob erhält. Gesund ist das nicht. Aber gut eingefangen.

Es passt in diese Interpretation, dass hier ein Gefühlskrüppel erzählt, der von Lehrern und eben Eltern dazu gemacht wurde, nicht rein, dass die Tochter den ersten Ausbildungsweg so freiwillig und scheinbar willkürlich wählte. In meinen Augen fehlt hier mindestens ein Schubbs seitens der Eltern.

Das Finale, so bildhaft es ist, ist wirklich traurig, aber nicht das Finale, sondern der Epilog. Die als Versagerin bezeichnete Tochter, ist schon das Finale. Im Epilog ist nicht nur der Doc tot, sondern auch die Protagonisten, die am offenen Fenster steht – ach ja: draußen ist Winter: auch alles tot.

Schöner Clou.

edit: Ich schrieb zum Anfang : gewollt oder nicht. Mit Sicherheit gewollt. Aber möglicherweise was anderes
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#4

A Chorus Line

in Ausgezeichnete Prosa 13.09.2007 00:05
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Guten Abend die Herren

@Joame
Ich danke Dir ganz herzlich, dass Du von meiner Prosa so eine gute Meinung hast. Damit will ich nicht sagen, dass Du der Einzige bist, aber die anderen Vier gehören zur Familie. Scherz beiseite… es freut mich natürlich, dass Dir meine kleine Episode gefällt. Und das mit der Schlange… da bauchpinselst Du mir aber gewaltig … aber ich denke nicht, dass es jemals soweit kommen wird.

@Brot
Dir auch vielen Dank für die ausführliche Rückmeldung, die mir zeigt, wie das Geschriebene ankommt. Es ist natürlich ein Kompliment für mich, wenn Dich die Geschichte zu solchen Assoziationen verleitet. Vor allem, da Du dahinter eine psychologische Struktur vermutest, und ich – Schande über mich – einfach erzählt habe. Aber das Leben schreibt – Floskel on – vermutlich eben doch die besten Geschichten … man müsste sie nur gut aufschreiben können.

Nochmals herzlichen Dank Euch beiden und beste Grüsse!
Morales


P.S. Wenn sich jemand für das Lied interessiert, dann klicke er hier.


Die Frau in Rot

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#5

A Chorus Line

in Ausgezeichnete Prosa 13.09.2007 11:52
von Alcedo • Mitglied | 2.699 Beiträge | 2815 Punkte
stark, Margot.

gefällt mir sehr. die Erzählerin steht über dem Ganzen. bis auf die zuletzt aufkommenden Kopfschmerzen. aber ein probates Gegenmittel hilft sofort: frische Luft. ja, sie steht darüber. die Läuterung ist längst erfolgt. weder verurteilt sie das Verhalten der Erziehungsberechtigten, noch macht sie sich über sie lustig. etwas Spott lebt trotzdem im Unterton. die einzige Unstimmigkeit empfand ich denn auch beim Kamillentee. ein etwas spezielleres Gebräu hätte es ja vielleicht doch sein können. kann nicht wenigstens ein selbstgepflückter Aufguss gemeint sein? nein. die Kamille als Metapher für die Hilflosigkeit eines seelischen Krüppels, brennt sichtlich an der Stelle, wie sie als Heilpflanze bei entsprechender Indikation, körperliche Beschwerden und Entzündungen zu lindern vermag.

also gut, selbst die Kamille ist stimmig.

das Panoramafenster und das Kinderzimmer kann ich nicht ganz schlüssig einordnen. mhm, wahrscheinlich sind es Statussymbole.

letztlich bleibt mir soviel auszusetzen wie das letzte Wort der story.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#6

A Chorus Line

in Ausgezeichnete Prosa 13.09.2007 15:02
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hallo Alcedo

Vielen Dank für Deine wohlwollende Kritik, habe ich doch befürchtet, dass dies hier mit Pauken und Trompeten durchfällt.... oder, noch schlimmer, ein 'na ja' bekommt. *g

Und was den Kamillentee betrifft, wir haben hier ein Sprichwort: Nützt's nüt, so schad's nüt. In dem Sinne ....

Gruss
Margot

Die Frau in Rot

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#7

A Chorus Line

in Ausgezeichnete Prosa 13.09.2007 21:12
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte

Zitat:

habe ich doch befürchtet, dass dies hier mit Pauken und Trompeten durchfällt



Aber, aber, Margot! Schmatzili und Cüpli obendrauf, denn in diesen Zeiten darf man es sich mit den Scharfrichterlein nicht verderbli. Den ein oder anderen Flutschipunkt hoffe ich doch gemacht zu haben.
Küss die Hand - ach ne, das sind ja die Ösilis. Sorry.
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#8

A Chorus Line

in Ausgezeichnete Prosa 13.09.2007 22:41
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Mich kann man höchstens mit einem Sonettkranz bestechen. Also, komm in die Puschen, Brötli!

Die Frau in Rot

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