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#1

Soll ich schweigen

in Diverse 04.09.2007 11:33
von Rabekin (gelöscht)
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Soll ich schweigen

Wie Sand zwischen den Zähnen
knirschen die Worte
hinter den verriegelten Lippen.

Ein Sprung ins Meer,
ein Schrei,
ich entrinne meinem Gewissen.
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#2

Soll ich schweigen

in Diverse 04.09.2007 12:06
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Wer immer laut schreiend, also mit weit geöffnetem Mund ins Meer springt, muss sich nicht wundern, wenn er immer wieder mit den Zähnen knirscht.

Tut mir leid, ich musste nur unwillkürlich grinsen, vermutlich, weil ich es nicht verstehe. Ich verstehe die Bilder nicht, geschweige denn, dass ich sie zusammenbringen könnte. Geht es um einen Selbstmord in Folge eigener Kommunikationsstörungen? Keine Ahnung, ist mir zu kryptisch und zu wenig Melodei, um zu gefallen.
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#3

Soll ich schweigen

in Diverse 24.09.2007 13:19
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Rabekin,

irgendwie erscheint mir die Bedeutung Deines Gedichtes relativ klar, aber ich kann mich auch irren.
Das lyrische Ich hat ein schlechtes Gewissen, weil es Stillschweigen über etwas bewahrt, das es getan, gedacht o.ä. hat.
Die erste Strophe beschreibt den Drang des lyrischen Ichs, ein Geständnis abzulegen. Das Knirschen der Worte erklärt, dass der Gegenstand des schlechten Gewissens das lyr. Ich innerlich in irgendeiner Weise zermahlt, jedoch der Wille verriegelt die Lippen.
Das Ich entrinnt diesem selbstzerstörerischen Kampf zwischen Drang und Beherrschung indem es ins Meer springt und den weggesperrten Schrei in die Fluten entlässt, wo ihn niemand hört. Ob genau das dort steht, weiß ich nicht, doch mag ich diese Interpretation. Wenn sie zutreffen sollte, dann hätte man das vielleicht durch eine etwas genauere Schilderung deutlicher machen können, aber ich hab's ja so verstanden.
Was genau das Meer für das Ich symbolisiert, muss wohl jeder Leser für sich selbst wissen. Ich denke dabei an diese Szene am Schluss des Films "In the Mood for Love", in der der Hauptdarsteller die Geschichte seiner ewigen, größten und stets für sich behalteten Liebe flüsternd in das Astloch eines Baumes spricht.
Aber vielleicht liege ich auch völlig falsch und das lyr. Ich springt hier am Schluss schreiend in den Freitod um seinem Gewissen zu entrinnen. Diese Variante, also die Nichtschwimmervariante, mag ich weniger, da sie irgendwie für mich weniger poetisch ist bzw. weniger subtil.
Die Form mit den zwei dreiversigen Strophen und die Kürze gefallen mir, an der Beschreibung könnte man aber sicher noch kräftig feilen um dem Ganzen noch eine Spur mehr Gewand Hintergrundmusik zu verleihen. Da stimme ich nizza zu. Da fehlt noch ein bisschen der Nektar.
Das Bild mit dem Schrei in das Meer an sich gefällt mir jedenfalls sehr gut.
Soweit von mir.

Ach ja, den Rechtschreibfehler in der dritten Zeile würde ich noch korrigieren und ich persönlich finde es meist schöner, wenn die Überschrift nochmal direkt über dem Gedicht steht, aber das ist natürlich Geschmackssache.

Des Weiteren ein Willkommen im Tümpel.

Grüße,
GerateWohl

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#4

Soll ich schweigen

in Diverse 25.09.2007 22:51
von Rabekin (gelöscht)
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Hallo nizza, hallo GerateWohl,

um den Verdacht, ich wäre einem Selbstmord zum Opfer gefallen, entgegenzuwirken, breche ich nun mein Schweigen. Über eure Anmerkungen habe ich mich sehr gefreut! Zur Deutung des Meeres möchte ich Folgendes festhalten:
Das Meer bedeutet für mich Leben. Ich bin selbst an einem Ort am Meer zur Welt gekommen und aufgewachsen, meine Vorfahren lebten und arbeiteten am Meer. Meine ersten Erinnerungen führen mich zu einem Sturm auf dem Meer zurück. Wenn ich versuche, einen Moment des vollkommenen Wohlseins herbeizurufen, so finde ich mich in Gedanken an „meinem Meer“ wieder. Sollte ich weiterhin Gedichte schreiben, so würde sicherlich oft das Meer am Horizont auftauchen. Insofern ist der Sprung ins Meer absolut lebensbejahend. Das Selbstmörder-Sujet hat sich vielleicht durch den letzten Satz in den Vordergrund gerückt. Dem Gewissen vollkommen entrinnen zu wollen, würde den Tod voraussetzen. In diese Richtung wollte ich nicht gehen.
Mehr mag ich an dieser Stelle nicht „verraten“. An dem Melodisch-Musikalischen bin ich bereit zu arbeiten, weiß im Moment nicht, wie ich es anpacken soll.

Herzlichen Dank und Gruß
Rabekin
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#5

Soll ich schweigen

in Diverse 26.09.2007 09:57
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hi Rabekin,

danke für die Erläuterung. Allerdings macht sie mich, wie Du Dir denken kannst, etwas ratlos. Das Lebensbejahende gefällt mir gut, doch kriege ich es mit dem Gewissenentrinnen noch nicht ganz übereinander. Erfreuliche Folge dieses Unverständnisses ist allerdings, dass es mich zum Nachdenken anregt.

Zitat:

Rabekin schrieb am 25.09.2007 22:51 Uhr:
Sollte ich weiterhin Gedichte schreiben, ...


Ich möchte jetzt aufgrund meines Unverstandes nicht für das Ende einer vielversprechenden Dichterkarriere verantwortlich sein. Also schreib bloß weiter.
Ein Ansatz zum Weiterarbeiten an dem Text wäre vielleicht, dem Schrei noch irgendeine Form von Attribut beizustellen, das verrät, was für eine Art Schrei es ist. Es ist wohl etwas bejahendes. Jedenfalls würde ich dem Schrei, der hier am Schluss schon eine Schlüsselrolle inne hat, einpaar Zacken einkerben, so dass er besser schließt bzw. vor allem öffnet.
Da ich den Schluss für mich noch nicht gänzlich verstehe, kann ich auch keine Vorschläge machen, da diese garantiert an Deiner Intention vorbei laufen würden.

Viele Grüße,
GerateWohl

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#6

Soll ich schweigen

in Diverse 29.09.2007 02:42
von Rabekin (gelöscht)
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Hallo GerateWohl,

nach Deiner letzten Anmerkung, versuche ich das Gedicht mit Deinen Augen zu lesen und mir kommt es nun so vor, als würde mit dem letzten Satz, das lyrische Ich ins Koma fallen. Das gefällt mir nicht.
Deinem Vorschlag, beim Schrei genauer hinzuhören, folge ich jetzt einfach. Der Schrei spielt, wie Du schon anmerktest, eine „Schlüsselrolle“, denn er ist die Antwort auf die mit der Überschrift gestellten Frage. Er hebt das Schweigen auf. Er reißt die verriegelten Lippen auf oder zumindest bekundet er, dass sie aufgerissen wurden. Versuche ich den Gang des Schreis nachzuspüren, komme ich zu der einzig sicheren Behauptung, dass er aus den Eingeweiden hervorquillt. Von ganz tief Drinnen hinaufsteigt, während der Körper sich in der Schwerelosigkeit fallen lässt. „Ekstatisch“ vielleicht? – „ein ekstatischer Schrei“ – nimmt aber der Vorstellungskraft die Luft zum Atmen, klingt überzogen.
Ich befürchte auch, dass ein Attribut zum „Schrei“, die Dynamik der dargestellten Bewegung zerstören könnte: eine aufsteigende innere Bewegung, die erschreckende Eigendynamik entwickelt ...
Ich bleibe dran.

Gruß
Rabekin
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#7

Soll ich schweigen

in Diverse 29.09.2007 10:49
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hi Rabekin,

nee, ins Koma fiel für mich da keiner. Ich sah da eher Ablenkung und Verdrängung. Entrinnen ist für mich Flucht. Vielleicht liegt das Missverständnis eher in diesem Wort. Ansonsten weiß ich jetzt irgendwie gar nichts mehr.

Grüße,
GW

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#8

Soll ich schweigen

in Diverse 30.09.2007 23:31
von Rabekin (gelöscht)
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Hallo GerateWohl,
mußt Du denn mehr wissen?
Die Diskussion führt mich immer wieder zur Frage zurück, was man wissen muß, um ein Gedicht zu schreiben. Und was will man als Leser von dem Gedicht erfahren?
Womöglich weiß das Gedicht mehr über mich, als ich über das Gedicht, während des Schreibens. Im Moment weiß ich zumindest, daß es eher schwingen als darstellen sollte. Wenn die Schwingung irgendwo hackt, muß die ganze Bewegung wieder von vorn ausgeführt werden... Womit ich erst mal wieder keine Klarheit über das Gedicht schaffe, aber die o.g. Fragen sind mir erst mal wichtiger und das Forum hier, ist ein sehr gutes Angebot, dem nachzugehen.
Gruß
Rabekin
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#9

Soll ich schweigen

in Diverse 01.10.2007 01:12
von bipontina (gelöscht)
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Ich stehe jetzt ganz außerhalb der Kommentare zum Inhalt, über das Wissen des einzelnen über den Dichter oder sich selbst, über Klagen und Schwingungen.
Ich habe nur eine ganz simple Frage, F r a g e, FRAGE:
Ist der Titel des Gedichts nun eine Frage?
Dann fehlt das Fragezeichen.
Ansonsten ist der Titel eine Fehlleistung.
Wozu haben wir Fragezeichen? (frage ich mich)

LG bipontina
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#10

Soll ich schweigen

in Diverse 08.10.2007 00:43
von Rabekin (gelöscht)
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Hallo bipontina,

danke für Deine Frage! Ich hatte beim Schreiben auch überlegt, ob da nicht ein Fragezeichen hin müsse. Habe dann aber entschieden, daß keins notwendig ist, um den fragenden Gestus an der Stelle abzulesen. Siehst Du das anders oder geht es hier um Formales?
Generell finde ich, daß sich auch hinter einem Aussagesatz eine Frage verbergen kann. Dann gibt es da auch noch die rhetorische Frage ...

liebe Grüße
Rabekin
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#11

Soll ich schweigen

in Diverse 09.10.2007 16:42
von bipontina (gelöscht)
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Ja, lieber Rabekin ... das bereitet mir oft Schwierigkeiten: ist das nun eine direkte Frage, die des Fragezeichens unbedingt bedarf, oder ist es eher eine rhetorische Frage, die mit fast allen Satzzeichen auskommt, gut auskommt.
Das ist wohl nur mein Purismus, der "oh, bitte" nach Eindeutigkeit verlangt, wobei es gar nicht immer unbedingt nötig sein muß, die Eindeutogkeit des LyrI mit der erwünschten Eindeutigkeit des Lesers kongruent zu machen.
Zum Glück bleiben dem Leser hier alle Türen und Tore geöffnet.

LG bipontina
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