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#1

Ein letztmalig Glimmen

in Liebe und Leidenschaft 15.06.2007 09:09
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Ein letztmalig Glimmen

Ach Bruder verkannter, wo irren die Augen dir hin?
Du liebtest mich inniger, als deine Blicke noch blind!
Was war uns die Wahrheit, als schwer uns noch war jeder Sinn?
Was waren wir gestern, was heute, von dem was wir sind?

Nun bleibt zu umrunden des Anderen enge Gestade,
zu häufen die Lasten und Scherben als Felsen am Rand.
Wir haben gemalt unsere Namen in fliehenden Sand,
wie vormals in zierenden Lettern unkenntlich gerade.

So weichen wir beide und manchmal nur gleitet die Sicht,
ein letztmalig Glimmen, des Anderen Seele zu sehn,
bevor noch der zierliche Durchgang im Eishagel bricht,

und müssen an glattkalter Mauer vergebens bestehn.
So folg ich ihr blinder und stummer zum letzten Gericht:
Um Heimat so schmählich betrogen, werd weiter ich gehn!

And therefore, since I cannot prove a lover,
To entertain these fair well-spoken days,
I am determined to prove a villain
And hate the idle pleasures of these days.
(William Shakespeare, King Richard III)


Kings Heritage

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#2

Ein letztmalig Glimmen

in Liebe und Leidenschaft 17.06.2007 09:37
von Erebus (gelöscht)
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Mylord,

ein Sonett im Daktylus. Interessanterweise in den Quartetten unterschiedliche Reimschemata, in S1 ein untypisches über Kreuz, S2 umarmend gereimt.
Die Form ist ansonsten streng durchgehalten. Da frage ich mich natürlich, was der Aufruhr in S1 zu bedeuten hat.
Aber der Sinn bleibt mir nach vielfachem Lesen immer noch verborgen.

Es geht scheinbar um das Ende einer Beziehung, das einem Augenöffnen gleichkommt.
Zahlreiche Bilder weisen auf das Erkennen einer Wahrheit hin, die vornehmlich als zerstörerisch empfunden wird.

In dem Wort "Bruder" vermute ich eine Bedeutung wie in dem häufig zitierten "wir können doch Freunde bleiben", eine unbehagliche Alternative für den, der so angegangen wird.
Die beiden Einstiegsverse finde ich faszinierend und sprachlich gelungen. Frage und Antwort, bzw. Aufklärung über die Tendenz der Frage.
Aber die beiden folgenden, wiederum fragenden, Zeilen bringen mich schon aus dem Fluß, deuten Tiefe an und verlangen Aufklärung.
Die bekomme ich jedoch nicht. Nicht in befriedigender Weise. Letztlich wird ein irgendwie geht's weiter ausgebreitet.

Dabei fällt das LyrIch immer wieder in einen fast klagenden Tonfall zurück, sieht die unausweichliche Konsequenz des Totalverlustes.
Es scheint, eine Entscheidung wurde getroffen - sich zu trennen, jedenfalls aus der Beziehung wie sie bis dato bestand - und diese Entscheidung kommt das LyrIch zu hart an.
Es hadert, klagt, fügt sich.

Eigentlich ist dies -so es die richtige Interpretation ist - gut herausgearbeitet, aber es bleibt irgendwie fad, ungekrönt durch eine Verfestigung.

Die Konklusio versickert in den Terzinen. Vielleicht wegen der immer wieder aufgeführten Rückgriffe auf den Verlust.
Da dreht sich das LyrIch im Kreis und der Leser mit ihm.

Irgend etwas fehlt mir. Vielleicht ein befreiendes klares Wort, der Ausgang des Textes gibt in der vorliegenden Ausführung keinen Ausblick als den, das es weiter geht.
Das soll vielleicht mutig und erhobenenen Hauptes gesprochen sein, aber es läßt mich kalt.
Insofern kann das Gedicht als hoch authentisch gesehen werden, aber es transportiert mir eine Trübheit, mit der ich nichts tun haben will.

Sprachlich finde ich es einwandfrei bis auf den Bindestrich "glatt-kalter", der diesem Konstrukt zuviel optische Aufmerksamkeit verleiht.
Den würde ich, genauso wie die in V9 und V13, ganz einfach tilgen (letztere kann man durch Komma oder Punkt ersetzen). Glattkalter funktioniert doch auch.

Das Bild aus "Lasten und Scherben als Felsen am Rand" besteht aus zuvielen Einzelbildern, als dass es sich im Lesefluß schnell und eindeutig lesen ließe.
Das Gedicht hinterläßt mir einen eher schwachen Eindruck, was ich in der fehlenden Stringenz der Aussage festmache...

einen schönen Sonntag und lieben Gruß
Ulrich

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#3

Ein letztmalig Glimmen

in Liebe und Leidenschaft 17.06.2007 22:55
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Wow! Also, dass liest man natürlich nicht gern, dass es den Leser kalt lässt. Die Kritik nehme ich aber gerne an.
Ich versuchte dummerweise das Gefühl von Heimatlosigkeit, vom Thron gestossen werden, Verlustängste, Seelenverbundenheit, etc pp in ein schräges Sonett zu quetschen - das musste ja schief gehen.

In den Terzinen muss auch ich zugeben, dass es sehr schwach wird. Persönlich mag ich tatsächlich auch nur das erste Quartett. Ich werde deine Vorschläge und Kritikpunkte überdenken und daran feilen, denn zufrieden bin ich damit auch nicht und irgendwie liegt mir das Teil doch ziemlich am Herzen!


Zitat:

Insofern kann das Gedicht als hoch authentisch gesehen werden, aber es transportiert mir eine Trübheit, mit der ich nichts tun haben will.


Hiermit wirst du wohl Recht haben, aber daran kann ich leider nichts ändern.

Erstmal übernehme ich den Vorschlag, die Bindestriche wegzulassen. Ich sehe auch, dass es zuviel optische Aufmerksamkeit (übrigens ein toller Begriff dafür!) verlangt.

Das "Bruder" ist allerdings anders intendiert, als von dir interpretiert, aber das ist ja nebensächlich. Mir aber wichtig, schon deshalb muss ich hier inhaltlich ein wenig werkeln.
Dank dir sehr für die konstruktive Kritik, mit der ich sehr viel anfangen kann!

Herzlichen Gruß
R.

And therefore, since I cannot prove a lover,
To entertain these fair well-spoken days,
I am determined to prove a villain
And hate the idle pleasures of these days.
(William Shakespeare, King Richard III)


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