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#1

Brief an Walter

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 16.05.2007 09:43
von Joame Plebis | 3.574 Beiträge | 3551 Punkte

Brief an Walter

Oh, Walter!
Nichts ist es mit der Ballade - das versprach ich gestern!
Welten liegen dazwischen, der Horror einer Nacht und soeben stellte ich noch rasch im Kopf eine Prozentrechnung auf. Das Ergebnis war: keine Promille an Zeit mehr vergeuden.

Komm her, damit ich Dir das erkläre. Du bist zwar ein Gedankensprinter, doch Dir das Ergebnis meines lebenslangen Denken zu übermitteln, das wäre viel Arbeit. Da kann ich nur Kurzfassungen weitergeben. Wenn ich diese wieder komprimiere, dann bleiben nur zwei Möglichkeiten über:

Erstens, nichts tun und die Körpermasse der Biologie in kürzester Zeit wieder zur Verfügung stellen.
Zweitens, auf Erden hier ein Zeichen setzen, das seinesgleichen noch nicht gesehen hat.
Wobei die zweite Möglichkeit auch nicht den Abgang verhindert, vielleicht nur eine kleine Genugtuung hervorriefe.

Ich war erschüttert, als ich (wörtlich zu nehmen) mit der Nase richtig darauf hingestoßen wurde. Als der große mahnende Finger auch auf mich zeigte.

Aus dem Stand schleuderte es mich mit meinen 69 kg zu Boden mit einem ungeheuren 'Platsch', ehe ich Muh oder Mäh sagen konnte.

Ich schlitterte dahin, versuchte zu bremsen, riß mir die Handballen. Ellenbogen. Hüfte und Knie samt Knöchel auf.
Der Himmel drehte sich über mir, die Augen fanden keinen Punkt zum fixieren.
Als dann alles zum Stillstand gekommen war und ich zerschunden liegend es an einigen Stellen meines Körpers warm fließen spürte, es auch sah, fragte ich gar nicht mehr, wie das geschehen war. Eher war ich betroffen, daß mir das geschehen war.

Schon suchte ich in Gedanken in meiner Tasche, auf die ich mit meinem Gesicht zu liegen gekommen war, ob ich Papiertaschentücher oder ähnliches zur Blutstillung hätte.
Ich preßte einige Taschentücher an die Stelle, dorthin wo vorher mein Handballen gewesen sein mußte, wo es nun aus einem roten Klumpen herausrieselte und tropfte.

Ich konnte mich noch bewegen, wenn auch sehr schwer; es gelang mir meinen Oberkörper aufzurichten und auf mich aufmerksam zu machen.

Einige Passanten machten einen Bogen, eine plärrendes Rudel Jugendlicher verfehlte mich nur um einige Zentimeter und stiegen grinsend und weiterschnatternd mit ihren mp3-playern über mich hinweg.

Ein Hund kam auch daher, beschnupperte mich; ich war ihmdankbar, daß er nicht auf mich urinierte.

Meine Finger sind intakt geblieben, so kann ich Dir diese Zeilen hierhertippen. Aber was gibt Dir das?
Vermutlich nichts. Enttäuscht wirst Du sein, daß die Ballada noch warten muß, aber wir schreiben sie!

Dein Brieffreund

© Joame Plebis

zuletzt bearbeitet 20.11.2011 21:57 | nach oben

#2

Brief an Walter

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 16.05.2007 09:55
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
- verschoben -

BG,
AB.

http://arnoboldt.wordpress.com/
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#3

Brief an Walter

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 20.05.2007 14:14
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte

Zitat:

Nichts ist es mit der Ballade -Das war doch gestern!
Welten liegen dazwischen, der Horror einer Nacht und soeben stellte ich noch rasch im Kopf eine Prozentrechnung auf. Das Ergebnis war: keine Promille an Zeit mehr vergeuden.



Ich finde den Anfang Nichts ist es mit der Ballade! sehr gut. Mutig, weil bei Minimalstgeschichten gleich danach das Grußwort kommt. Ballade klingt gut und macht mich neugierig. Aber dieses Das war doch gestern passt mir nicht so recht. Klar weiß ich – hoffentlich – was Du meinst: Gestern, war alles noch so klar und nu? Nichts...

Und die Zeit scheint zu drängen. Aber nicht so sehr, dass der Schreiber dieses Briefes nicht noch Zeit hätte für Mätzchen, um nicht so etwas wie: Wir dürfen keine Sekunde mehr verlieren zu schreiben. Nein, trotz der prekären Lage kann und darf gerechnet werden. Das ist ein Hinweis dafür, das Folgende nicht für bare Münze zu nehmen. So schlimm kann es gar nicht sein, beziehungsweise ist es nicht gewesen und das die anscheinend dem Walter versprochene fehlende Ballade vielleicht doch nicht dem Horror der letzten Nacht geschuldet ist. Das klingt danach als würde ein Münchhausen dem Walter etwas auftischen wollen.


Zitat:

Komm her, damit ich Dir das erkläre.



Der Schreiber dieser Zeilen liebt es zu verschlüsseln. Das ist offensichtlich ein Brief. Und da steht: Komm her, damit ich Dir das erkläre. Als nächsten Satz hätte ich erwartet : Liebe Grüße, Dein Brieffreund. Als Folgende: Walter legte den Brief konsterniert weg. Da die Sache eilte, er die Ballade dringendst brauchte, um den Papageien zum Sprechen zu bringen – denn irgendwie musste er doch an den vermaledeiten Schatz kommen – packte er seine Sachen und machte sich auf den Weg. Was war diesem Irrsinnigen bloß wieder dazwischengekommen?

Stattdessen:


Zitat:

Da kann ich nur Kurzfassungen weitergeben.



Jetzt erklärt er den Horror also doch? Also, alles wieder ausgepackt.


Zitat:

Wenn ich diese wieder komprimiere, dann bleiben nur zwei Möglichkeiten über:
Erstens, nichts tun und die Körpermasse der Biologie in kürzester Zeit wieder zur Verfügung stellen.



Oder weniger saufen? Promille? Der Schreiber ist ein echter Witzbold. Die erste Erklärung heißt doch nichts anderes als: Ich bin in der Scheiße und wenn ich nichts dagegen mache, werde ich zu Scheiße. Also, hilf mir gefälligst aus der Scheiße raus. Das ist extrem prekär.


Zitat:

Zweitens, auf Erden hier ein Zeichen setzen, das seinesgleichen noch nicht gesehen hat.
Wobei die zweite Möglichkeit auch nicht den Abgang verhindert, vielleicht nur eine kleine Genugtuung hervorriefe.



Das heißt: wenn ihm nicht geholfen wird, dann gibt es einen Knall. Und Walter, kann sich seine Ballade sonst wo hinschieben. Ist das jetzt eine Erpressung? Das ist alles sehr kompliziert.


Zitat:

Ich war erschüttert, als ich (wörtlich zu nehmen) mit der Nase richtig darauf hingestoßen wurde. Als der große mahnende Finger auch auf mich zeigte.
Aus dem Stand schleuderte es mich mit meinen 69 kg zu Boden mit einem ungeheuren 'Platsch', ehe ich Muh oder Mäh sagen konnte.



Ganz nebenbei: Daraus könnte man auch klasse erste Sätze einer Geschichte machen. Den Teil in Klammern würde ich durch buchstäblich ersetzen.
Der Briefschreiber, dem selbst die Promille der Sekunden verrinnen – oder ist Promille wirklich nur ein Hinweis, dass der Briefschreiber hackedicht ist oder gewesen war? – der holt nun im großen Bogen – der Zeigefinger Gottes wird ja miteinbezogen – aus, um doch noch eine Erklärung zu versuchen, warum es nichts geworden sei mit der versprochenen Ballade.


Zitat:

Ich schlitterte dahin, versuchte zu bremsen, riß mir die Handballen. Ellenbogen. Hüfte und Knie samt Knöchel auf.
Der Himmel drehte sich über mir, die Augen fanden keinen Punkt zum fixieren.
Als dann alles zum Stillstand gekommen war und ich zerschunden liegend es an einigen Stellen meines Körpers warm fließen spürte, es auch sah, fragte ich gar nicht mehr, wie das geschehen war. Eher war ich betroffen, daß mir das geschehen war.



Ach so, der Schreiber ist schlicht auf die Fresse gefallen und hat sich eine blutige Nase geholt. Und das ihm!



Zitat:

Schon suchte ich in Gedanken in meiner Tasche, auf die ich mit meinem Gesicht zu liegen gekommen war, ob ich Papiertaschentücher oder ähnliches zur Blutstillung hätte.
Ich preßte einige Taschentücher an die Stelle, dorthin wo vorher mein Handballen gewesen sein mußte, wo es nun aus einem roten Klumpen herausrieselte und tropfte.



Und es hat so doll Aua gemacht, dass er geblutet hat.


Zitat:

Ich konnte mich noch bewegen, wenn auch sehr schwer; es gelang mir meinen Oberkörper aufzurichten und auf mich aufmerksam zu machen.
Einige Passanten machten einen Bogen, eine plärrendes Rudel Jugendlicher verfehlte mich nur um einige Zentimeter und stiegen grinsend und weiterschnatternd mit ihren mp3-playern über mich hinweg.
Ein Hund kam auch daher, beschnupperte mich; ich war ihm dankbar, daß er nicht auf mich urinierte.



Die oben angekündigte Münchhausiade wird nun dargeboten. Wobei er dann auch besser und verrückter lügen sollte. Der Zeigefinger Gottes, der den kleinen Brieffreund so lässig in die Gosse schnippt, der hätte dann ruhig als Finale aufwarten können. Sprich als echter Finger aus dem Blitze fahren auftreten dürfen. Wie bei Monty Python.


Zitat:

Meine Finger sind intakt geblieben, so kann ich Dir diese Zeilen hierhertippen. Aber was gibt Dir das?
Vermutlich nichts. Enttäuscht wirst Du sein, daß die Ballada noch warten muß, aber wir schreiben sie!



Hierhertippen würde ich durch schreiben oder übermitteln ersetzen. Bei dieser Zeile denke ich auch immer wieder, dass der gescheiterte Balladenerfinder oder Dichter noch in der Pfütze liegt – wieso fliegen jetzt eigentlich so viele so melodramatisch in die Pfütze? – dass der verhinderte Dichter in dieser Lage eine kleine, aufklappbare Schreibmaschine aus seinem Staubmantel nebst Papier zückt, diesen Brief auch mit der Nase tippt, eine Brieftaube mit den Zähnen ergreift, mit Spucke diesen Brief an ihre Flügel pappt und auf die Reise zu Walter schickt.

So ist es also nur eine Ausrede. Das ist alles. Eine Ausrede, dass er dem Wunsche Walters eine Ballade zu schreiben, nicht nachgekommen ist. Schade. Ich hatte gedacht es geht vielleicht sogar um einen Schatz oder ein Abenteuer oder habe mal wieder nix kapiert.
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#4

Brief an Walter

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 25.05.2007 21:53
von Joame Plebis | 3.574 Beiträge | 3551 Punkte
Danke, Brotnic2um!

Tut mir leid, erst heute Deinen Kommentar würdigen zu können, der es verdient.
Danke für die Zeit und Gehirninvestition!
Scharfsinnig hast Du analysier und verschiedene Möglichkeiten betrachtet.

Keine Geheimnisse birgt dieser Brief, was diese kurze Geschichte darstellt.
Erzählt wird ein unvorhergesehenes Ereignis, das dazwischenkam und das Vorhaben,
eine Ballade zu verfassen, zunichte machte, ebenso wahrscheinlich auch die Laune dazu.

Für den Leser sicher kein großes fesselndes Ereignis,
bei dem ein Nichtbetroffener glücklicherweise zu viel Abstand hat,
um die Situation des Schreibers nachzuempfinden -
zumindest beim Ereignis selbst, das ihm widerfuhr.

Bewundernswert ist auf jeden Fall Dein Kommentar, wo nicht gescheut wird,
sich intensiver zu damit zu befassen, was andere Leser überblättern oder mit Schulterzucken abtun.
Danke!

Mit Gruß
Joame
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