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#1

Irrgast

in Gesellschaft 03.02.2007 15:06
von Fabian Probst (gelöscht)
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Irrgast

Verweile hier, und leer dich;
leg deine Tränenwelt
auf meinen Wohlstandsbauch.

glaubst du,
der Jahresvogel stellt
sich Eis und Schnee,
weil er den Himmel fürchtet?


Es ist beschwerlich,
was uns hält;
doch es befreit uns auch.

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#2

Irrgast

in Gesellschaft 03.02.2007 16:12
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hi Fabian,
ich denke mal, Du sprichst hier von einer einzelnen Person? Ist der 'Irrgast' die innere Stimme, die 'Werte' (wie den Wohlstand) in Frage stellt? - die in lichter Stimmung eine 'Mitte' sucht? Als Befreiung der extremen Seiten in sich selbst? So schiene es mir schlüssig, und so las' ich es gern und wundere mich - ich sah erst gar keine Reime, aber doch, sie sind ja drin ;-)
Die Kernfrage - klar - ist die kursive Mitte, wie eine Schieflage in der Person selbst, die zwischen Gefühl und Verstand zu wanken beginnnt. Die 3. Strophe lese ich als den 'Schwebezustand', und zwar auf der 'Spitze', auf dem dünnsten Abschnitt des Lebensseils, von der Aussage her positiv, dennoch - so denke ich - spiegelt es viel Sensibilität wider.
Alles in Allem also, Fabian:
Es berührt, und (das) ist gut (gelungen)!
LG
U.

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#3

Irrgast

in Gesellschaft 04.02.2007 14:03
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
hi Fab, dann will ich mal:



Zitat:


Irrgast




Da komme ich schon ins Stocken. Ein Gast der irr ist? oder einer der sich irrt? Verirrt?Herumirrt?

Zu Reimschemata u.ä. gibt es hier nichts zu sagen. (es gibt keins)
Zum Gehalt:



Zitat:


Verweile hier, und leer dich;



Das ist klar. Eine Einladung zum Ruhen, Besinnen, Kraft schöpfen wie mir scheint. Fab müsste es nicht "leere" heißen? Weiss nicht. Egal.



Zitat:


leg deine Tränenwelt
auf meinen Wohlstandsbauch



Hier ist ein Bruch. Einerseits schöne, träumerische Metapher, andererseits profan "Wohlstandsbauch". Das ist gewollt, nehme ich an. Hier wird Stimmmmung aufgebaut und sofort verfremdet. Gut. Der Leser merkt, da ist Kritik, beissend.Das lyr.D. wird zwischen Vergessen und Wirklichkeit zerissen.


Zitat:


glaubst du,
der Jahresvogel stellt
sich Eis und Schnee,



Nun Jahresvogel ist eingänglich. Wohl der Ablauf der Jahreszeiten.Die sollen ihm sagen, wie er sich zu verhalten hat. Er weigert sich. (Klimawandel?) aber das mit dem "Himmel fürchtet" bleibt mir unerschlossen.


Zitat:


Es ist beschwerlich,
was uns hält;
doch es befreit uns auch.



Was hält uns wo? Hier auf diesem kalten Erdenstück oder generell im Leben? Wenn Klima dann wohl hier regional. Wo wir auf teuere Energie angewiesen sind und uns in wachsendem Masse durch staatliche Eingriffe unser bequemes Leben vergällen lassen.


Zitat:


doch es befreit uns auch.



Da stocke ich wieder, ist das als Aufgeben im Hinblick auf "fügen in das Unvermeindliche"gedacht. Kein Kampf?
Ja Fab so den richtigen Zugang habe ich wohl nicht gefunden, es aber versucht.
lG
Knud

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#4

Irrgast

in Gesellschaft 04.02.2007 15:20
von Erebus (gelöscht)
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Hallo Fabian

wie der Wohlstandsbauch in deinen sprachlich ausgezeichneten Text kommt und was er da sucht, ist mir noch nicht klar.
Den Himmel allerdings, den weiss ich schon unterzubringen.
Ob der Jahresvogel - Zeitaspekt des Lebens - sich nur deshalb dem Eis und Schnee - dem Leiden und Ertragen - stellt, weil er den Himmel (?), also das Danach fürchtet, ist eine Fragestellung, die in S3 scheinbar beantwortet wird: was uns hält befreit uns auch.

Ob ich das so beantworten würde oder den Gedanken aus S2, die Furcht, hernähme, sei dahingestellt. Vielleicht ist es auch ein Drittes.

Auch ich würde in S1Z1 ein "leere" empfehlen, die Elision ist wenig geschmeidig und läßt die Leerung, die möglicherweise etwas länger dauert, auf ein Auskippen zusammenschrumpfen.

Mir scheint, der Wohstandsbauch soll den scheinbaren Widerpart der Tränenwelt bilden. Die Beruhigung, Ablenkung und Verleugnung, die durch Vordergründigkeit und Konsum zum Lebensinhalt werden möchte, aber nicht hält.
So bleibt es zuletzt bei den Lebenspolen Tränenwelt und Himmelhoffnung; der Bauch fällt meines Erachtens flach, aber in deinem Text steht er wie ein Monolith und wird nicht weiter behandelt. -Oder doch, dann ist es mir entgangen..

Durch die Kursivität wird die Mittlere Strophe ganz besonders betont. Und auch wenn S3 eine (kleine Er-) Lösung anbietet, bleibt für mich diese Fragestellung Kern des Gedichtes und unbeantwortet.
Ein in der Kürze sehr anregender Text, Irrgast im Leben.

Lieber Gruß

Ulrich
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#5

Irrgast

in Gesellschaft 04.02.2007 18:27
von Fabian Probst (gelöscht)
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Im Grunde hat Kratzbürste es richtig gelesen, wenn ich sie richtig verstehe. *g*

Ein Irrgast ist ein Vogel, der sich in fremde, ihm nicht vertraute Gebiete verirrt. dies passiert z.B. durch starke Stürme.
Ein Jahresvogel bleibt auch im Winter hier und ist das Gegenteil vom Zugvogel.

Es geht hier einfach um das Verhältnis von Freiheit und Bindung. Streng genommen arbeiten beide divergent zueinander. Mehr Freiheit bedeutet weniger Bindung.
Die Tränenwelt steht für dieses Problem bzw. für ein Individuum, das sucht, aber irgendwo dazwischen umherirrt und somit nichts von beidem erreicht.

Der Wohlstandbauch steht für die Bindung. Vielleicht ist der Begriff fragwürdig, jedenfalls scheint es mir mittlerweile so. Ich fand dieses Bild eigentlich ganz passend.

Der Himmel steht für das Loslassen bzw. die Eigenverantwortung (als Inbegriffe der Freiheit). Die Aussage des Mittelteils ist also, dass Bindung zwar zu Kompromissen führt (Eis und Schnee), nicht aber die Folge von Verlustangst oder Einsamkeit sein muss. Wer sich bindet, verleugnet und verliert auch nicht automatisch jede Freiheit.
Am Ende kann dann Bindung ein Form der Freiheit sein. *koppkratz*

Man, wenn man das erklären muss, klingt es selbst für mich total scheiße.

Vielen dank für die Kommentare. War ein Experiment.

Gruß, Fabian
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