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Kamera-Augenblicke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 19.11.2006 20:21
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Kamera-Augenblicke

- Collateral -

- angeregt durch Roderichs Paranoia Reihe -


[Kamera Überwachungsraum am Flughafen. Monitore fallen plötzlich aus]:

-Was ist das? Hallo? Kamera?, Monitor? Scheiße. Nicht gut. Wie war die Telefonnummer? Ach so, 76165 .....
[Knackende Leitung. Es wird abgenommen]:
‑Ja?
‑Ja, hi, ich hab hier einen Ausfall...
‑Moment... ... ... ..



[Kamera 14 filmt einen aus Paris angekommenen Passagier]:

Du bist angekommen. Wo ist dein Gepäck, dein Notebook? Das Notebook ist wichtig. Es enthält die Unterlagen für das Meeting. Es ist ü-ber-le-bens-wich-tig. Beim Landeanflug, als dein Gehirn sich durch die Schläfe nach außen bohren wollte, war dir alles egal.. Die Schmerzen die durch den Unterdruck beim Landeanflug entstehen, sind unerträglich. Geh endlich zum Arzt und lass dich untersuchen. Ja. Später. Wenn du Zeit hast, dann lässt du dir den Kopf und die Nebenhöhlen untersuchen. Irgendwo muss der Schmerz ja her kommen. Konzentrier dich, orientier dich. Denken, planen, handeln. Es ist ganz einfach.
Überall Hinweisschilder. Durchsagen, die kein Mensch versteht. Schlechte Akustik. Kein Problem. Du kennst dich aus, weißt wo es langgeht, weißt wo das Gepäckförderband ist.



[Kamera Überwachungsraum am Flughafen. Fehleranalyse per Telefon]:

-OK. Kamera 7,8,9 tssss und 17 und ... 12 scheiße. Welcher Messie hat den Mülll verkabelt!
-ähhh, was ist denn so schlimm?
‑7,8,9 sind Außenkameras an den Ausgängen M,N,O und 17 hängt im Damenklo 2, während 12 Gepäckband 4 im Visier hat. Toll nicht? Fuck.
‑Was soll ich jetzt tun?
‑Du? Du tust gar nichts. Moment... ich muss die Supervising Unit anrufen ... Moment ... Ja? Ja.... Genau. Ich brauch ` ne Freigabe Teilsystem 5, 3 und 7 neu zu boot... JAA 7, weil die 12 tot ist und ihr das auch schon längst sehen müss... Ja, OK. Ich warte, okokokok.... .... ... ...



[Kamera 12; Gepäckförderband; außer Betrieb]:

Es ist noch nichts zu sehen. Das Band steht still. Schlecht, wenn es länger dauern würde.
Das Band ruckt an. Erleichterung. Die ersten Taschen und Koffer ziehen an dir vorbei. Menschen greifen danach und verschwinden. Viele Handys werden eingeschaltet. Du bist schon lange wieder online. Wo bleibt dein Gepäck? Du hasst Hektik. Wieder eine Handvoll Menschen, die gefechtsbereit abmarschiert. Du siehst dich schon in Gesprächen mit subalternen Servicemitarbeitern verwickelt, die alles bieten, nur keinen Service. Ätzend. Du wirst aggressiv, obwohl noch gar nichts passiert ist. Der Gedan... Das Gepäck! Dein Gepäck. Erlösung. Was jetzt? Klar, Taxi. Du musst ins Hotel. Raus hier.



[Kamera Überwachungsraum am Flughafen. Fehleranalyse per Telefon Teil II]:

-Was ist nun? Muss ich [räusper] muss ich was machen?
‑Bloß nicht. Du machst nichts. Nichts. Wir war ... Ja?... Alles klar. Vielen Dank... Tschüß. ... Die Wichser. Hallo?
-Ja?
‑Ich boote jetzt die Teilsysteme neu, ok?
‑OK
‑Du müsstest in einer Minute ein Bild haben. Geit los.
‑...
‑...
‑Und?
‑Nöööö.. doch Bild, Bild, Bild und Bild. Alles klar! Woran lag’s?
‑Ist das dein Ernst?
‑Na, die müssen doch was gesagt haben?
‑Träumst du? Machen die nie. Die haben doch selber keine Ahnung warum der Pfusch überhaupt läuft
‑Ja, aber die Sicherheit...
‑Ja, ne? Scheiße oder? Kannst nur hoffen, dass die Bombe jetzt nicht durchgegangen ist. Schon lustig. Was zeigt denn die, die --- die 8?
‑Den Taxistand, natürlich. Da ist so ein Typ, der schiebt. Bei dem Wetter! Na, ja sieht wie ein Araber aus. Denen macht das ja nichts.



[Kameraüberwachungsanlage; Konsulatsgebäude mitten in der Stadt. Eine Kamera ist auf das Wohnhaus gegenüber gerichtet. Die Linse wird auf ein Fenster fokussiert, hinter dem eine Frau wahrnehmbar ist]:

Die Hitze drückt auf die Fenster. Die Stadt brütet. Du stellst das Foto von deinem Mann wieder zurück. Drei Jahre. Das Foto hat nichts von seiner Qualität eingebüßt, aber trotzdem erscheint es dir, als würde es verblassen. Erst hattest du gedacht, es würde dich umbringen. Wäre deine... eure Tochter nicht gewesen? Du wärst auseinandergebrochen. Magenkrebs. Und nur weil er nichts gesagt hatte, nur weil er alles in sich hineinfraß. Nie kommunizierte, deine Sorgen ignorierte. Du wirst zornig. Warst du je so zornig als der Kerl noch lebte? Was hat dich eigentlich am Leben gehalten? Der Zorn oder deine Tochter? Es ist vorbei.
Du musst zur Gymnastik. Annemarie. Sie hasst es zu warten. Du weißt es. Die Provinz klebt ihr nicht nur in den Kleidern, sondern auch im Kopf. Du grinst. Du nimmst dich wieder so wahr, als wärst du noch ein junges Mädchen. Das sind die Momente, die dich aufladen. Hast du alles? Ja. Also los.



[Bushaltestellenüberwachungsanlage; das Bild eines jungen Mannes wird gesendet. Er ist muskulös, braungebrannt, hat Tatoos und Piercings. Er scheint gleichsam glücklich und nachdenklich zu sein]:

Aua. Scheiße. Du schwitzt. Es ist für dich noch früh am Morgen. Die Erinnerungen an die Zeilen, die du auf dem Monitor ihres PCs, der gleich neben ihrem Bett...ihrer Matratze steht, hinterlassen hast, beginnen dich zu quälen:

Eigentlich wollte ich ja Deinen BH mitnehmen, aber ich fürchte, er passt Marvin nicht. Bitte ruf mich an... nicht nur, um Deinen BH und seine Schätze wieder auszugraben, sondern einfach nur um Dich wiederzusehen. Du hast mich... aber das sage ich nicht Deinem Rechenknecht, das sage ich nur Dir.

Das hast du geschrieben? Was wird sie denken , wenn sie das liest? Aber du wolltest nicht einfach so gehen. Na klar, es war ausgemacht, dass du gehen musstest. Aber - wie hast du sie genannt? Königin von Saba. Hammer! Mist, wenn man anderen ein Stück von sich gibt. Man ist so nackt. Aber sie ist einfach die Schärfste. Die Allerschärfste. Echtes Chili. Dein(!) Bus kommt.



[Kameraüberwachungsanlage am Konsulatsgebäude. Ein elektronisches Auge wird auf ein junges Mädchen gezoomt, das noch ein ganzes Stück entfernt ist. Sie wirkt sorgenvoll.]:

Seit drei Tagen hast du nichts mehr von ihm gehört. Sein Handy? Tot. Sein Vater? Zuckt nur mit den Achseln. Hat er ihn eh nicht für Generationen verstoßen? Der Lügner! Dass er ihn doch liebt hast du gesehen. Aber sie haben nie viel von ihm gehalten. Du kannst es auch nicht leiden, wenn er einen auf dicke Hose macht. Aber du kennst ihn besser. Du bist wie eine Schwester für ihn. Seit Jahren erzählt ihr euch alles voneinander. Er hat dich immer angerufen. Immer. Du kennst ihn von einer anderen Seite als seine Kumpel. Was verstört dich nur, drei Tage nichts von ihm gehört zu haben? Du machst dir halt Sorgen. Sonst nichts? Sonst nichts. Aber du musst ihm mitteilen, dass du dich sorgst, dass du ihn ... brauchst.



[Flughafen - Kamera 8 wird auf ein Taxi gezoomt. Der Fahrer schiebt sein Taxi. Die Kamera zoomt sich dichter ran. Der Fahrer sieht orientalisch aus. Sein Gesicht füllt jetzt den Monitor aus]:

Dein Kollege grinst. Wahrscheinlich hat er die Klima voll aufgedreht. Es ist heiß. Du denkst, der Typ ist wahrscheinlich innen so hässlich wie außen? Kommt wahrscheinlich aus KW? Ein Arschloch? Vermutlich hast du recht. Du stehst vor ihm in der Reihe. Das ist gut. Das wird den Deppen ärgern. Den Araber sieht man dir an, das braune Herz ihm aber nicht. Ist es denn braun? Grinst vielleicht nur, weil sein Chef den Sprit komplett bezahlt? Aus lauter Liebe zur Umwelt schiebst du ja auch nicht. Du musst den Sprit selber zahlen. Dafür hast du einen festen Satz plus Umsatzbeteiligung. Du kennst dich aus in der Stadt. Du weißt wie man die Droschke reiten muss.
Diesmal bist du aber nicht um den Flughafen rumgekommen. Diesmal musst du ja auch tagsüber fahren. Hast Heiner helfen wollen und seine Schicht übernommen? Netter Kerl, der Heiner. Ein Pfundskerl. Ja, aber er wird es nicht packen, oder? Aber du? Du bist clever. Du wirst das Studium beenden und nicht im beigen Kotzeimer verrecken, wie dein Onkel. Das wirst du nicht.



[Kamera Überwachungsraum am Flughafen. Zwei Kontrolleure tauschen sich über das aus was Kamera 8 übermittelt]:

‑Ali kriegt `nen Kunden.
‑Na tolli und wen soll das interessieren? Und wieso Ali?
‑Man, ich weiß doch auch nicht, wie er heißt, und dann nenne ich ihn halt Ali und gut is'.
-Geschenkt. Schalt den Großen lieber noch mal auf die 17. ... Dan-KE!



[Flughafen - Kamera 8 filmt wie der Passagier ins Taxi steigt]:

‑Soll ich den Koffer hinten reinlegen?
‑Nein, den behalte ich lieber bei mir. Danke,
‑Alles klar, kein Problem.
---
‑Wohin soll’s gehen?
‑Haben Sie die Klimaanlage an? Ganz schön hei...
‑Haben wir gleich, haben wir gleich... Wird gleich besser. ... Besser?.

‑Ja...es wird. Danke.
‑Und nun? Wohin soll es gehen?
‑Ins Adlon.



[Über die Spiegel im Taxi beobachten Passagier und Fahrer sich gegenseitig ]:

Seine Hilfsbereitschaft amüsiert dich. Dieses leicht devote. Das schätzt du. Das ist eine Höflichkeit, eine Demut, die du in Old Europe arg vermisst. Josef hat Recht. Er hat so recht. Ist es nicht so, dass jedes Mal, wenn Ihr Euch hier trefft, er dich angrinst und willkommen heißt auf Planet Neid? Ja, das ist so. Elementar. Aber die Stadt ist grandios. Wie eine alte Dame. Eine heiße, alte Dame. Dieser morbide Charme hinter der jugendlichen Kuli ... TIDIDIDIDIIII... [das Handy des Fahrers]

- Mar-haba Shamal. Kaifa-haluk?

Muss er jetzt telefonieren?... Du kennst den Akzent, oder?

- zahied raheba? ...hazena?...kala.....

Lächerlich. Es geht um seine kleine Schwester. Sie gehorcht nicht. Sie scheint ziemliche Flausen im Kopf zu haben. Du schüttelst den Kopf. Al Mansura, denkst du. Der Dialekt ist eindeutig. Das ist doch ein Witz. Du erkennst die Immigranten noch in zweiter, dritter Generation an Ihrem Dialekt. Du lauschst, was er sagt? Es geht nicht anders, wenn man es versteht. Es ist die Familie, wie immer... was?, was redet der da...?!

‑Nein, ist nicht schlimm, ich fahr nur so ein dummes, reiches Toastbrot ins Ho... Ja.,ja so ein Wichtigtuer halt... ja ... hat wahrscheinlich geglaubt, dass mein Kofferraum seine Notebooktasche islamisiert.. Ja, ...ja. ...Danke. Du auch.

Das ist unhöflich. Diese Geringschätzung-. Fährt ein blödes Taxi und kommt nicht auf die Idee, dass so ein Touristen-Toastbrot mehr drauf hat als er. Zuviel Kraft im Körper, zuwenig Saft im Kopf. Jetzt schaut er dich an. Sucht Kontakt.

‑Entschuldigen Sie. Mein Bruder, er hat ein Problem... Wenn er klingelt - das ist sein Klingelton - dann gehe ich ran. Familie. Entschuldigung. Ich mache es aus.
‑Ach, lassen Sie nur. Familie ist wichtig.
‑Ja, Sie sagen es. Hatten Sie einen guten Flug?
‑Paris, Berlin ohne Probleme. Wie immer.
Legst du nach? Du hast Zeit. Alles reibungslos geklappt, oder? Leg nach...
‑Kennen Sie Paris?
‑Nein.
‑Keine Verwandten?
‑Warum?
‑In Paris leben doch viele Araber. Waren doch erst kürzlich diese Unruhen...
‑Nein, nein, wirklich nicht. Meine Familie kommt aus Ägypten. In der Nähe von Kairo.
‑Ach, und ich.. dann sind Sie gar kein Araber?
‑Ägypter. Ich spreche arabisch. Wir kommen aus Ägypten.
‑Aber Moslem sind Sie, oder?



[Vor dem Konsulatsgebäude. Ein Polizist beobachtet die Straße]:

Bewegungen. Das ist es, worauf geachtet werden muss: Bewegungen. Wer ein Ziel hat, ist zielstrebig. Das wirkt sich aus in den Bewegungen. Wer kein Interesse hat am Gebäude, dass du bewachst, geht zielstrebig daran vorbei. Es gibt keine Pausen, keine Unterbrechungen im Bewegungsablauf. Kein Verharren und kein Umherblicken. Die Meisten glauben, du achtest auf Äußerliches wie Kleidung oder gar Nationalität. Aber so ist es nicht.

Der Vorteil gegenüber einer Kamera ist, dass du instinktiv bist. Du riechst, wenn etwas faul ist. Zum Beispiel die alte Dame dort, die gerade das Wohnhaus gegenüber verlässt, sie achtet auf nichts. Sie ist so routiniert. Sie wird sich an den Weg nicht mehr erinnern, wenn sie an ihrem Ziel angekommen ist. Sie wird sich nicht an das junge Mädchen erinnern, das jetzt knapp an ihr vorbeiläuft.

Aber Attentäter haben doch auch Pläne? Andere Pläne. Pläne, die planen vorzugeben, einen anderen Plan zu haben. Und das verrät sie. In der Regel. Kameras sind unauffälliger, aber sie sind nicht so effektiv. Die Uniform, die Waffe, ist mächtiger als eine Kamera. Eine Kamera ist nicht so unmittelbar.



[Kameraüberwachungsanlage Konsulatsgebäude: Eine Kamera beobachtet den Zusammenstoß der Frauen]:

Du hättest die alte Dame fast umgerannt. Bist doch sonst nicht so unachtsam? Du blickst kurz zurück. Sie geht weiter. Wohl ist dir nicht. Du verschwindest im Hauseingang. Vielleicht ist er ja sogar da. Dein Herz pocht schneller, und du eilst die Treppen nach oben.


Rennt dich fast um, die Göre. Aber das bist du von dieser Stadt gewöhnt. Du warst wahrscheinlich auch nicht so vorausschauend wie sonst? Es ist doch verrückt, damals haben sie dir die Hammelbeine langgezogen, wenn du frech geworden bist, heute musst du(!) aufpassen, dass die jungen Dinger dich nicht über den Haufen rennen. Verrückt. Aber so ist das nun mal. Annemarie kommt damit gar nicht klar. Erzählt stundenlang von diesen Kleinigkeiten. Sie ist das nicht gewohnt. Andererseits hat Anne dann diese Anwandlungen. So komische Ideen. Leiht dir ein Buch über Fremdreligionen. Tinnef. Du wusstest erst gar nicht was das nun wieder sollte, aber bedanktest dich artig. Irgendwie war das auch respektlos von ihr, oder? Als ob du dich nicht mit anderen Dingen auseinandersetzen würdest. Das ist so provinziell. Gelesen hast du es nicht, aber durchgeblättert. Sollen sich andere damit auseinandersetzen.



[Ein Busfahrer registriert, dass der gerade zugestiegene junge Mann seine Stiefel auf die Glasscheibe des Sichtkanals gestellt hat, über den er das obere Deck beobachten kann.]:

Das typische Anfahrgeräusch des Doppeldeckers. Unverkennbar. Wie lange hast du jetzt nicht mehr im Bus gesessen? Zwei, drei Jahre? Kann das sein? Oder ist das noch länger her? Scheiße man: Du fährst Bus. Opferbehälter. Und es macht dir nichts aus. Nicht die Spur. Das musst du Leila erzählen. Das glaubt die nie. Leila ist anders. Keine Tussi. Aber deine Karre ist mit Sicherheit abgeschleppt. Na und? Kleinigkeit. Die Kleine, die Kleine hat’s drauf. Mein Gott, was die alles mit dir abgezogen hat. Permanent wild. So was von ausgeflippt...
Was spielt denn das Kind neben dir auf dem DS? Duke Nukem? Gäääähn. Immerhin ist das Blut rot.
Du musst dich unbedingt mit Leila treffen.


[Durch den Türspion beobachtet Herr P. ein junges Mädchen, das vor der Wohnungstür seines Nachbarn steht und eine Botschaft hinterlässt]:

drei tage habe ich nichts von dir gehört. das ist verdammt lang. sonst hast du dich jeden tag gemeldet. was ist los? ich mache mir sorgen. melde dich. Leila.

Du holst tief Luft und schiebst den Zettel unter der Tür durch. Wie wird er es auffassen? Egal. Es hat doch schon gereicht, hierher gekommen zu sein, vor seiner Tür zu stehen und zu klingeln wie ein, wie ein, ... .Geh. Er wird sich melden, ihr werdet lachen. Es wird so sein wie immer.



[U-Bahnstation. Schlechtes Schwarzweißbild. Ein kleiner Junge ist begeistert, sich auf dem Monitorbild zu sehen, und macht Faxen. Im Hintergrund schlägt sich eine alte Dame an den Kopf]:

Das Buch. Du hast das Buch vergessen. Dieses blöde Buch über Fremdreligionen. Was hat Anne bloß dabei geritten? Aber was ist jetzt schlimmer? Vergesslich geziehen zu werden oder mal zu spät zu kommen? Na, zu spät bist du immer zu den Treffen mit Annemarie gekommen. Das ist sie gewohnt. Du malst dir ihre Reaktion aus? Sie wird etwas sagen wie:

Na, dass die Uhr nicht Dein Freund ist, wusste ich ja schon, aber dass Du auch noch mein Buch vergessen hast? Ja, liegt es denn nur so rum und findest Du es nicht wieder, oder verstehst Du es nicht?

Furchtbar. Sie würde es niemals so sagen, aber, aber sie würde es dich spüren lassen und zwar genau so. Du musst dieses blöde Buch holen und ihr zurückbringen.



[Über den Innenspiegel im Taxi versucht der Fahrer, hinter die Fassade seines Gastes zu schauen]:

Er sieht so gelb aus wie dein Treppenhaus. Seine Mundwinkel sind zerfurcht, sein Haar schütter. Aber seine Augen blitzen dich an. Die Klimaanlage funzt auch nicht so, wie es sein sollte. Trotzdem scheint es dir, dass mit jedem Grad mehr dein Fahrgast an Lebenskraft gewinnt. Er ist so ätzend. Alle Muslime scheinen ihm verwandt und das gleiche zu wollen. Er legt wieder los:

‑Es erstaunt mich immer wieder, dass hier die Brüche in der Argumentation der Muslime nicht erkannt werden. Diese selbstherrliche Erwartungshaltung! Diese Einforderung größtmöglicher Freiheit für Muslime in den nicht muslimischen Staaten. Keine Rede von christlichen, noch besser jüdischen Freiheiten im Staate Muslim. Liege ich da falsch?

Antworte dir doch selbst, das tut ihr doch sowieso zu gerne. Also sag nichts. Du hast nichts verstanden. Du fährst. Was soll das von ihm? Konzentrier dich. Auf der neu ausgebauten Stadtautobahn fahren sie wie blöde. Konzentrier dich!

‑Sie sagen ja gar nichts? Am Pariser Flughafen hat man jetzt vier Moslems entlassen müssen, weil sie nicht bereit waren zu erklären, warum sie so häufig Urlaub in Pakistan machen. Wie sehen Sie das? War das gerechtfertigt?

Ja, Effendi, nein Effendi.. Was bildet sich der, der, der...es platzt aus dir raus:

‑Nein, natürlich nicht. Ich frage Sie ja auch nicht wo Sie Ihren Urlaub gemacht haben, oder?
‑Nein, die Frage ist: möchte man einen Islamisten in einer Lebensmittelfabrik, im Wasserwerk oder eben am Flughafen haben? Auch wenn er einfach nur streng gläubig ist?
‑Sie sind für Gesinnungsprüfung? Sind alle Moslems jetzt Fanatiker? Was soll das?
‑Haben Sie vergessen wie viele Muslime nach einem solchen Urlaub wie verwandelt zurückkamen? Sie können übrigens erstaunlich gut deutsch.
‑Ich lebe seit zwanzig Jahren hier. Ich studiere hier. Erfolgreich.

Jetzt beißt du dir auf die Zunge und bereust. Das war ein beschissener Reflex. Er wusste es. Reicht deine Erklärung im allgemeinen, um irgendwelchen Idioten vor den Kopf zu stoßen, ihnen wenigstens ein bisschen klarzumachen, dass ihr Planet größer sein könnte als ihr Frühstücksteller, grinst dein Fahrgast nur höhnisch.


[Der Innenspiegel im Taxi verrät dem Passagier, dass er seinen Fahrer verbal getroffen hat]:

Du grinst. Es ist wie bei Pawlow. Es war dir klar, dass er so reagieren würde. Aber vielleicht sitzt du ja wirklich im Taxi des zukünftigen Atas? Er ist gewitzt und wie immer: viel zu stolz. Was hast du eigentlich davon, den Kerl auf die Palme zu bringen? Er hat dich beleidigt, für dumm verkauft, versuchte stärker zu sein als du. Das kannst du nicht akzeptieren. Er nimmt wieder Kontakt auf. Fein. Was kommt denn jetzt von ihm?

‑Sagen Sie ..... wollen Sie damit behaupten, dass ich ein Terrorist bin? Wollten Sie mir deswegen Ihre Tasche nicht geben?

Er ist so gereizt wie du es erwartet hast. Es kann losgehen.


[Taxizentrale Quadratfunk. Frau M. sitzt vor der Lautsprecheranlage. Schon ein paar Minuten schallt ihr ein heftiger Disput entgegen. Der Fahrer scheint nicht bemerkt zu haben, dass er das Mikro eingeschaltet hat]:

‑Nein. Ich lehne nicht den Islam ab, aber den totalitären Islamismus. Ich lehne den Islamismus ab, weil er nicht trennt zwischen Staat und Religion. Er mischt sich irrational in die Geschäfte der Menschen ein. Alles Dinge, die einem aufgeklärten Menschen selbstverständlich zuwider...
‑So selbstverständlich wie Bombenattentate auf Abtreibungskliniken? So selbstverständlich wie das Leugnen der Christen und ihres Oberchristen, dass Kondome Aids verhindern? Ja, so, also? Oder wie? Ich glaube ich kann ihnen nicht folgen.


[Kameras auf der B96 nehmen einen Beinahezusammenstoß eines zu schnell fahrenden Taxis auf:]
Kannst du eigentlich dem Verkehr noch folgen? Das war knapp, oder? Ja, das war knapp. Verdammt knapp.



[Nachbar P. trägt das durch den Spion Gesehene in sein Notizheft ein, nachdem das Mädchen wieder die Treppen hinuntereilt]:

Du fühlst dich etwas besser, ihm deine Sorgen mitgeteilt zu haben. Du läufst die Stockwerke hinab und bleibst unvermittelt stehen. Warum steht die Tür da offen? Es war dir beim Hochlaufen gar nicht aufgefallen. Wieso steht die Tür offen? Ist da etwas passiert? Geht dich das was an? Natürlich nicht. Aber dir waren diese Dinge schon immer nicht egal. Hast dir immer einen Kopf gemacht, ob es deinen Nachbarn gut geht.
Nur kurz schauen, ob alles in Ordnung ist. Nur kurz.
‑Hallo? Ist da wer? Hallo?
Du hörst deine eigene Stimme. Sie klingt zaghaft.
Keine Antwort. Alles sehr ordentlich. Eine schöne Altbauwohnung mit verstuckten Decken. Deine Hand streift beiläufig ein Buch, das auf einem Sideboard liegt. Fremdreligionen . Was ist das denn? Du nimmst es in die Hand, öffnest es, blätterst, fragst dich, wer freiwillig so etwas liest.



[Vor dem Konsulatsgebäude. Ein Polizist beobachtet eine alte Dame. Er hat sie eben in Richtung U-Bahn gehen sehen. Sie muss etwas vergessen haben. Sie geht wieder in ihr Wohnhaus]:

Die Treppe bei dieser Hitze hochzugehen, strengt dich noch mehr an als sonst. Du fängst an zu schnaufen. Deine linke Hand umklammert fest das Geländer. Halb schiebst du dich, halb ziehst du dich hinauf. Treppen sind Scheidebecher. Bis zur Treppe kannst du dir vorstellen jung zu sein, nach zwei Stufen bist du alt. Kurz vor deiner Wohnungstür bleibst du stehen. Was ist das? Sie ist offen. Du hast doch abgeschlossen?
Natürlich hast du abgeschlossen. Dein Herz jagt, du kannst spüren, wie dein Blutdruck weiter steigt, das Luftholen schwieriger wird. Du drückst dich an die Wand, du spürst, dass jemand in deiner Wohnung ist. Du greifst in deine Handtasche, fingerst nach deinem kleinen Schminkspiegel...

[Über einen kleinen Spiegel versucht eine alte Frau zu erspähen, wer in ihrer Wohnung ist. Sie sieht ein junges Mädchen von hinten]:

Scheiße. Das Kribbeln auf deinem Rücken verrät dir, dass unmittelbar hinter dir jemand ist, dich beobachtet. Warum musstest du auch reingehen? Was hast du hier zu suchen? Alle deine Sinne sind aufs äußerste geschärft. Du nimmst rasselndes Atmen und aufdringliches Parfum wahr: eine alte Frau.
Bleib ruhig, hau ab. Hau ab! Schnell.



[Immer noch versperren die dicken Stiefelsohlen dem Busfahrer die Sicht]:

Hier oben im Bus kapierst du, was Marvin so geil fand am Sinatra Song:
Wenn Du es hier schaffst, dann schaffst Du es überall . Erst hattest du ihn nur blöde angeguckt, was er an dieser Altmännerhose von Song findet. Er hatte ganz tief eingesogen und geantwortet:

Nicht die Mucke. Der Text. Die Stadt hier ist so scheiße. Die lässt dich immer stehen. Wenn Du sie angräbst, kriegst Du auf die Fresse. Ihr Rhythmus ist hammer, aber wenn’s Dir gelingt, den mitzugehen, dann, dann..., vergiss es, dann ist das, das Geilste, was Du erleben kannst. Dann bist(!) Du der Größte, dann willst Du, dann kannst Du die Gold-Else und die Millionen Zwerge unter ihr ficken. Klar?

Nöh, hast du geantwortet. Nöh. Aber das war vor den letzten drei Tagen. Jetzt, oben im Bus, vor der Cinemascope Panorama Scheibe, hinter der die Stadt vorbeigleitet, fühlst du dich so frei, geil und schlichtweg gut, dass du nun ahnst, was er gemeint hat.

Du musst jetzt aussteigen. Deine Fahrt ist leider zuende. Du stehst auf und instinktiv greifst du dem Nintendo spielenden Kind durchs Haar. Du weißt, dass er dir zornig hinterher schaut. Auch das ist dir egal. Jetzt raus hier.



[Taxizentrale Quadratfunk. Frau M. hört immer noch das mittlerweile zum Geschrei geratene Zwiegespräch.]:

‑Der Islam befiehlt jedes Detail des menschlichen Lebens in seinem Einflussbereich, von Essen, Trinken, Schlafen, Reisen bis Denken. Der Islam verbietet die Gleichberechtigung der Frau!
‑Sie reden von einer bestimmten Ausprägung des Islam, die zugegeben einflussreich ist. Aber für alle Ihre Beispiel lassen sich auch in Ihrer Bibel Zitate finden. Und wenn Sie von Staatsreligion sprechen - die gibt es doch in christlichen Ländern genauso. Ganz genauso.



[Das junge Mädchen im Spiegel der alten Dame dreht sich mit einem Mal um und stürmt los]:

Du entscheidest dich abzuhauen. Diskutieren wird nichts bringen. Du lässt das Buch fallen, drehst dich um deine Achse und rennst los. Du rennst an der alten Frau vorbei, denkst, dass du die heute schon gesehen hast. Es ist noch gar nicht lange her. Egal.


[Das Mädchen füllt plötzlich den geamten Spiegel. Der Spiegel fällt hin]:

Das junge Mädchen rast an dir vorbei. Das war doch die von vorhin? Du erlangst deine Fassung schnell wieder. Du brüllst. Deine eigene Lautstärke überrascht dich. Du weißt gar nicht, was du ihr hinterher brüllst. Ja, du bewegst dich sogar hinter ihr her. Es ist ein Leben in dir wie lange nicht mehr.



[Lautsprecheranlage Quadratfunk]:

‑Der Koran wird von seinen Vertretern zusammen mit der Sharia über die universellen Menschenrechte gestellt! Die Men-schen-Rech-te!
‑Die Sharia hat mit dem Koran zunächst mal gar nichts zu tun. Gar! Nichts!
‑Der Islam bestraft die Ausübung von Grundrechten mit dem Tode oder der Verstümmelung!
‑Welche Grundrechte meinen Sie denn? Und wo finde ich diese ihre Strafordnung im Islam? Wo? Und seit wann ist die Bibel ein Buch der Freiheit? Das ist doch mies, ganz mies. was Sie hier sagen!
‑Ich bleibe bei meiner Ablehnung gegenüber ihrer mittelalterlichen Lehre. Sie hängen doch Jahrhunderte zurück. Jahrhunderte!



[Kameraanlage am Konsulat erfasst einen jungen Mann, der aus der Richtung der Bushaltestelle kommt]:

Du bist fast zu Hause. Ein paar Schritte noch. Als erstes wirst du Leila anrufen. Sie soll es als erstes erfahren. Was sie wohl sagen wird? Kann man Gefühle konservieren, kann man Sonnenschein in Dosen packen? Kacke man, bist du gut drauf. Du fühlst dich jedem sprießenden Halm verwandt? Auf Jeden! Auf Jeden!



[Wachmann vor dem Konsulatsgebäude]:

Du hast gesehen, dass die alte Dame umgekehrt und wieder zurückgegangen ist? Sie muss etwas vergessen haben. Du hast den haltenden Bus registriert, die Straße hoch? Ja, natürlich. Pünktlich wie immer. Da ist ein Typ, der auf dieserr Straßenseite in deine Richtung wackelt. Offensichtlich. Und ihm scheint das Glück aus jeder Pore zu quellen. Aber? Aber es stimmt etwas nicht. Auf der anderen Straßenseite bleiben Passanten stehen. Sie scheinen etwas aus dem Inneren des Hauses zu hören. Da ist etwas passiert.



[Der Wachmann vor dem Konsulatsgebäude sieht wie die Haustür gegenüber aufgestoßen wird. Gleichzeitig schwenken Kameras auf die Szene]:

Man, kann die Alte kreischen! Du stösst die Haustür auf. Hauptsache hier weg. Abhauen. Du warst ja auch bescheuert! Am besten gleich über die Straße, da kommt sie nie hinterher. So befahren ist die Straße nicht. Nur stramm durchlaufen, nur stramm durch. Hab Mut. Nimm deine Beine in die Hand. Soll die Alte doch schreien, in dem Lärm und der Hektik wird sie untergehen!



[Im Innenspiegel des Taxis starren Fahrer und Passagier sich direkt an. Das Gesicht des Passagiers ist rot angelaufen]:

. ‑Der Islam schreibt seine Verbreitung mit Gewalt vor. Der Islam bedroht jeden, der ihn verlassen will, mit dem Tode. Der Islam verachtet das Menschsei...

Du drehst dich um . Es ist zuviel. Du erträgst diese Litanei nicht mehr. Du siehst ihn an. Der Kerl lebt nicht. Er ist aus Hass und Worten zusammengeklebt

‑Hören Sie auf! Hören Sie auf! Sie verstehen nichts! Niemand wird Sie verstehen! Niemand. Sie denken nur schwarz und w...!
TIDIDIDIII
Dein Handy. Dein Bruder. Was ist denn nun schon wieder mit Le... . Dein Passagier sieht dich nicht mehr an. Sein höhnisches Grinsen schlägt um.. Angst.
TIDIDIDIII
Angst, aber nicht vor dir. Du fährst doch Auto, oder? Schlagartig drehst du dich wieder zurück.



[Eine Kamera auf dem Konsulatsgebäude wird auf das Mädchen gezoomt]:

Du rennst mutig über die Straße. Fast fühlst du dich frei. Aber deine Augen sind offen. Sie sehen einen Polizisten auf der anderen Straßenseite. Natürlich. Er stand vorhin schon da. Er steht immer da. Aber nun schaut er dich an. Seine linke Hand geht nach oben ,seine rechte... . Obwohl du mitten auf einer Straße bist, bleibst du abrupt stehen. Das Taxi siehst du nicht. Was machst du jetzt, Leila?



[Eine andere Kamera zoomt auf den jungen Kerl, der nun fast auf der Höhe des Wachmanns ist]:

Kennst du das Mädchen nicht, dass da abrupt auf der Straße stehen bleibt? Man, die kennst du doch. Das ist doch... was will denn der Bulle von ihr?



[Wachmann]:

Bewegungen. Du hast sie schon wahrgenommen, bevor sie auf der Straße war. Du hast tatsächlich das Gebrüll der alten Frau wahrgenommen. Aber das Taxi, dass zu schnell und schlenkernd die Straße hinuntergebrettert kam? Das hast du zu spät wahrgenommen. Außer deine Hand zu heben, sie zur Vorsicht mahnen, konntest du nichts mehr machen. Wie hättest du es überhaupt verhindern können?



[Taxifahrer]:

Du siehst das Mädchen auf der Straße. Sie hat keine Chance. Du wirst sie überfahren. Welcher Reflex es auch ist, aber irgendwas lässt dich das Lenkrad rumreißen. Du trittst die Bremse durch und durch und rutscht mit deiner Droschke an ihr vorbei. Sie starrt dich ungläubig an. Du kennst sie. Das ist nicht wahr, sagst du dir.
Du hast das Auto nicht mehr unter Kontrolle und es schiebt sich unaufhaltsam in die Richtung eines Anderen. Eines jungen Kerls, so wie du. Du schießt ihn regelrecht ab.



[Das Kamerabild ist rot. Die Lache nimmt das ganze Monitorbild ein]:

Kupfer? Es riecht nach Metall. Es riecht intensiv metallisch. Ja, Kupfer. Bist du es? Es ist wie beim Tauchen. Du siehst, aber du hörst nichts. Du siehst einen jungen Kerl, der weint und deinen Kopf anhebt, du siehst einen Polizisten, der fernhält, und du siehst sie. Leila. Sie ist starr. Sie weint. Und du?

Du bist tot.



[Verkehrszentrale. Auswertungsraum. Kurzes Gespräch zwischen zwei Analysten:]

‑Das Taxi war zu schnell und die Passantin ist abrupt stehen geblieben. Mehr ist nicht. Warum sollte die Aufzeichnung nicht gelöscht werden können?
‑Hab ich das nicht schon gesagt?
‑Hast du?
‑Ich glaub, ich hab: Weil die einfach nicht wissen, warum der Pfusch überhaupt läuft.


ENDE



All denen, die es auch nur versucht haben zu lesen, herzlichen Dank. Wenn ich Sie gelangweilt habe, lassen Sie es mich spüren.

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#2

Kamera-Augenblicke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 20.11.2006 10:04
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Brot

Ich fand die Geschichte interessant und die Idee mit den Kameras originell. Diese verschiedenen Szenen am Ende miteinander zu verknüpfen, ist sicher nicht einfach gewesen. Was ich generell nicht so mochte, ist die Erzählperspektive. Ich fände eine Ich-Erzählung besser. Der Nachbar, der Pachulke, den würde ich nicht benennen, da er für die Geschichte nicht relevant ist und keine eigenen Gedanken hat. Den brauchst Du lediglich, um Leilas Zettel-Aktion beschreiben zu können. Deshalb weg mit dem Namen, lenkt nur ab. Des Weiteren sind die verschiedenen Sprachen etwas zu ähnlich. Ausser dem jungen Mann, der Slang spricht, ist die Erzählweise praktisch identisch. Eine Leila spricht bzw. denkt aber anders, als eine alte Frau.

Ich habe Dir hier noch ein paar Korrekturvorschläge [...]:

- Was ist das? Hallo??? Kamera??, Monitor? Scheiße. Nicht gut. Wie war die Telefonnummer? Ach so, 76165 ..... [Ein Ausrufezeichen reicht vollkommen, es ist ja kein Comics]
- Fehleranalye [ Fehleranalyse, 2x, weiter unten auch noch] per Telefon]
- Wieder eine Handvoll Mensch [entweder Menschen, die ..... oder Mensch, der] , die gefechtsbereit abmarschiert.
- Du müsstest in einer Minute ein Bild haben. Geit [Rechtschreibung] los.
- Da ist so ein Typ [Koma] der schiebt bei dem Wetter. [was heisst das?].
- Ein elektronisches Auge wird auf ein junges Mädchen gezoomt, dass [das] noch ein ganzes Stück entfernt ist.
- Er hat so recht. Ist es nicht so, dass jedesmal, [jedes Mal]wenn Ihr Euch hier trefft...
- U-Bahnststation. [Rechtschreibung]
- Es erstaunt mich immer wieder, dass hier die Brüche in der Argumentation der Muslime nicht erkannt wird [werden].
- Sagen sie ..... wollen sie [gross] damit behaupten, dass ich ein Terrorist bin? Wollten sie [gross]mir deswegen ihre [gross]Tasche nicht geben?
- Eine schöne Altbauwohnung mit verstuckten Decken. Deine Hand streift beiläufig ein Buch, dass [das] auf einem Sideboard des Flures liegt.
- Das Mädchen füllt plötzlich den geamten [gesamten] Spiegel.
- Sie mssß [muss] etwas vergessen haben. Du hast den haltenden Bus registriert, die Straße hoch? Ja, natürlich. Pünktlich wie immer. Da ist ein Typ, der auf dieserr [dieser] Straßenseite in deine Richtung wackelt. Offensichtlich. Und ihm scheint das Glück aus jeder Pore zu quillen [quellen].
- Du stößst [stösst] die Haustür auf.

Die fehlenden Komas habe ich nicht angefügt. Generell solltest Du darauf achten, vor Vergleichen [sie schrie, wie am Spiess) ein Koma zu setzen.


Gruss
Margot

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#3

Kamera-Augenblicke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 20.11.2006 11:37
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
So schnell hätte ich nicht mit einer Antwort gerechnet. Dankeschön. Ich habe schon damit gerechnet, dass Nachbar P. Ihr Missfallen erregen würde. Sie haben Recht. Er wird zu P. reduziert.

Die zweite Person Singular ist die Standard Perspektive bei Adventure- und Ego Shooter Spielen. Deshalb der Nintendo spielende Junge. Ich hab diese Perspektive vor allem wegen des Satzes: „Du bist Tod“ gewählt (Game Over) und um die Personen austauschbarer zu machen. Alle Dus sind potentielle Kollateralschäden. Furchtbares Wort.

Natürlich sollten die Figuren nicht so austauschbar werden, dass sie vollkommen gleich klingen. Richtig erkannt: das junge Mädchen, war mir beim schreiben am Fremdesten. Aber ich musste das mal versuchen. Ich hab’s bei der alten Frau mit ein paar Signalwörtern wie Tinnef und Hammelbeinen versucht. Leider keine eigenen Worte für Leila gefunden.

Die Konstruktion der einzelnen Szenen war zwar anstrengend, aber es hat auch großen Spaß gemacht, dieses Puzzle zusammenzufügen. Zu jemand anderem habe ich gesagt, dass Fertigstellen war schon sehr befriedigend. Und wenn es am Ende nicht langweilig war, denn ich hoffe das würden Sie mir ohne Umschweife sagen, bin ich zufrieden.

Danke für Ihre Korrekturvorschläge. Da ich jetzt nichts Besseres zu tun habe, werde ich mal ein paar Korrekturen machen.

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#4

Kamera-Augenblicke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 20.11.2006 13:07
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

Zitat:

Brotnic2um schrieb am 20.11.2006 11:37 Uhr:
das junge Mädchen, war mir beim schreiben am Fremdesten.

Ja, kann ich verstehen. Ich dagegen hätte wahrscheinlich Probleme, den Jungen authentisch "rüberzubringen". Und die Gefahr besteht, dann schnell mal in Klischees zu verfallen. Dagegen hilft nur Recherche und aufmerksames Beobachten. Du kriegst das aber bestimmt hin.

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#5

Kamera-Augenblicke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 21.11.2006 15:45
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo Frau Baumann,

eigentlich wollte ich es Ihnen per PN schreiben Aber das ist irgendwie blöd. Ich schreibe jetzt einen längeren Kommentar, weil mir scheint, daß Sie und ich in sehr unterschiedlichen Welten leben. Das ist für mich sehr ärgerlich, weil ich eine Menge von Ihnen lernen könnte. Aber es scheint mir da ein Problem zu geben.
Es ist Ihnen sicher nicht entgangen, dass ich mich noch nie zu einem Ihrer Gedichte geäußert habe. Daß ich trotz lyrischer Unbelecktheit eigentlich nicht davor zurückschrecke ist bekannt. Der Grund für mein Schweigen ist einfach: Ihre Gedichte sprechen nicht zu mir. Sie erreichen mich nicht. Nicht weil Ihre Gedichte schlecht wären, im Gegenteil, sondern weil die Bilder und Stimmungen mit denen Sie Ihre Inhalte transportieren nicht Teil meiner Welt sind. Sie treffen mich nicht.
Diese Abenteuergeschichte im historischen Gewand war eine der seltenen Schnittstellen wo sich das Toastbrot auch mal äußern konnte. Im Gegenzug war mein Herr B. für Sie wahrscheinlich das erste Mal, dass einer meiner Texte Sie ansprach. Aus meiner Sicht seltsam. Es mag ja sein, dass meine eigene Wahrnehmung meiner Texte voll daneben ist, aber Herr B. ist für mich trotz der netten Kommentare die schwächste Geschichte die ich geschrieben habe. So kann’s gehen.
Nehmen wir mal die Augenblicke. Ich habe das Gefühl, dass Sie diese Geschichte nicht wirklich interessiert hat. Das ist auch überhaupt nicht zu kritisieren. Aber sie schrieben sie fänden es Originell und interessant. Das ist ja nett, aber eben nur formal gesprochen. Originell, ja sogar interessant Herr Brotnic2um, dass Sie den Keller aufs Dach gebaut haben. Ja, und?
Das ist das eine. Dann schreiben sie zurecht , dass Leila keine eigene Sprache hat, der junge Mann aber – ich interpretier das jetzt mal – gut rüberkommt. Der steckt aber voller Klischees. Da hatte ich gedacht, krieg ich auf die Finger, weil ich ihn zu breit angelegt habe. Das ist der Punkt wo ich dann nix mehr kapiere. Ich habe gedacht ich kapiere es, aber leider nein.
Sie schrieben einmal, dass Sie es blöd finden, wenn man am Ende eines Kommentars gar nicht weiß, ob der Kommentator es nun gut oder schlecht gefunden hat. Stimmt.
Auch auf die Gefahr hin, dann gar keine Kommentare mehr zu kriegen, möchte ich Sie bitten, wenn Sie sich durch meine Texte quälen mussten, mir nicht einfach was – Entschuldigung – lauwarmes unter meine Machwerke zu setzen. Dann werde ich lieber in der Luft zerrissen. Davon hab ich mehr. Glaub ich. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber ich habe das Gefühl gehabt, daß ich mich anfange zu verbiegen.

PS: Man muß ich blöd sein, meine einzige Leserin zu vergraulen.

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#6

Kamera-Augenblicke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 21.11.2006 16:00
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Nein, Brot, Du vergraulst mich nicht als Leserin, aber wenn Dir meine Kommentare nichts bringen, dann werde ich mich einfach in Zukunft nicht mehr zu Deinen Werken äussern. Schliesslich will ich ja nicht, dass Du Dich zu einer freundlichen Rückmeldung verbiegen musst, wenn Du doch lieber sagen möchtest: Halt doch einfach die Fresse, wenn du keine Ahnung hast!

Kein Problem.

Gruss
Margot

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#7

Kamera-Augenblicke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 21.11.2006 23:34
von Roderich | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo Brotnic2um,

gleich einmal vorab: Ich hoffe, es ist okay, wenn ich die Du-Form verwende, da mir das in Internet-Foren angebrachter erscheint. An Höflichkeit will ich es natürlich dennoch nicht mangeln lassen und falls das mit dem Duzen doch nicht angebracht erscheint, dann lass es mich bitte wissen für zukünftige Kommentare.

Als Urheber der Paranoia-Reihe, die dich zu deinem Text angeregt hat, muss ich wohl ein paar Worte hier verlieren. Ich muss gestehen, dass ich deinen Text wohl kaum gelesen hätte, wenn ich nicht am Anfang meinen Namen plötzlich gelesen hätte (ja, die liebe Eitelkeit ...), denn hier stellt sich wieder mal das Problem, dass längere und lange Text fürs Internet nur bedingt geeignet sind. Vor dem gleichen Problem bin ich selbst auch schon gestanden. Ich bin mir sicher, dass deine Geschichte gedruckt zwischen zwei Buchdeckel ein breiteres und dankbareres Publikum finden würde als unter den überhasteten Internet-Lesern. Wie auch immer, neugierig geworden durch die Erwähnung, dass mein Text dich angeregt hat, habe ich dann doch deinen Text in einem Aufwisch gelesen und ich muss sagen: Hut ab!

Ich weiß nun nicht, wie du zu meiner Paranoia-Reihe stehst, denn zwar finden sich gewisse Motive hier wieder, aber in neuem Kontext und mit neuer Einschätzung, aber ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass du das, was ich mit den Paranoia-Texten ausdrücken wollte, verstanden und es in eine Form gebracht hast, die noch besser geeignet ist, das auszudrücken, was ich ausdrücken wollte. Kurz: Du hast einen Text geschrieben, um den ich dich nur beneiden kann, trifft er doch meine Intention besser als mein eigener Text.

Gerade durch den szenischen Aufbau mittels kurzer Blicke durch die Kamera gelingt es dir, eine paranoide Grundstimmung zu erzeugen, die den Leser schon von Anfang an mit einem Gefühl der Unsicherheit konfrontiert. Auf gewisse Art und Weise relativiert sich alles, was hier steht, da es schließlich nur eine kurze Momentaufnahme ist, aber dennoch bleibt ein flaues Gefühl im Magen zurück. Ich denke, dass man eine kollektive Paranoia nicht besser auf den Punkt bringen kann.

Was die Erzählperspektive betrifft, so kann ich Margot nicht zustimmen, denn durch die zweite Person wird der Leser unmittelbar an das Geschehen herangeführt, er wird also quasi "herangezoomt" und direkter mit der Handlung konfrontiert als es in der ersten Person (hier) möglich wäre. Es verlangt dem Leser auch eine Art Rollenspiel ab, da er durch die unmittelbare Anrede ständig dazu aufgefordert wird, den Protagonisten selbst Gestalt zu verleihen. Dadurch verschwimmen Grenzen, eine objektive Wahrheit bzw. Handlung ist nicht mehr auszumachen. Noch so ein Aspekt der Paranoia, wie ich finde.

Bin jedenfalls schwer beeindruckt von deinem Text und ich gratuliere dir von ganzem Herzen dazu. Im Grunde macht er meine vier Texte zu dem Thema überflüssig, denn was ich sagen wollte, findet sich hier und das auch noch viel besser und durchdachter ausgearbeitet als ich es gekonnt hätte.

Viele Grüße

Thomas

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#8

Kamera-Augenblicke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 24.01.2007 14:52
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo Frau Baumann,

habe mit einiger Verspätung, heute, Ihre PN gelesen. Danke. Frieden. Ich musste mich aber erstmal sperren, um mein eitles Mütchen abkühlen zu lassen.

Dir, Roderich, nochmal vielen Dank, aber wir hatten ja schon längst per E-Mail das Vergnügen.

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