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#1

Fehldenken

in Philosophisches und Grübeleien 18.08.2006 10:49
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Fehldenken

Man sagt mir, das mache mich menschlich,
und jedermann kann das verstehen.
Trotz Makel verbliebe ich redlich,
die Fehler wird niemand mehr sehen.

Doch soll ich mein Menschsein tatsächlich
durch Schwächen allein definieren?
Ja, ist es nicht mehr als nur fraglich,
sich nur noch mit Lastern zu zieren?

Wo steh ich, wenn ich mich am Boden
der Tugend alleine verorte?
Es machen mich diese Methoden
zum Menschen der schlechteren Sorte.

(c) Don Carvalho
- August 2006

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#2

Fehldenken

in Philosophisches und Grübeleien 18.08.2006 21:42
von Maya (gelöscht)
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Hallo Don!

xXxxXxxXx
xXxxXxxXx
xXxxXxxXx
xXxxXxxXx

Die Metrik (ich hoffe, ich habe richtig analysiert) ist in allen Strophen gleich und mal eine schöne Abwechslung. Daran habe ich nichts zu mäkeln. Inhaltlich gesehen reißen mich die Zeilen nicht vom Hocker. Insgesamt habe ich das Gedicht als Kritik gelesen, sich für Fehler, die man macht, mit den Phrasen heraus zu reden: Fehler sind menschlich/ Irren ist menschlich/ Ich bin auch nur ein Mensch oder dergleichen. Vielleicht wird hier auch auf die Floskel angespielt: Ich stehe zu meinen Fehlern. Hört sich zwar stark an, ist es aber eigentlich nicht wirklich.
Statt an seinen Fehlern zu arbeiten, ist man versucht, sich mit seinem Menschsein zu entschuldigen. Darin liegt wohl das in der Überschrift angesprochene Fehldenken. Das lyrIch klagt m. E. an, dass das *über die Fehler des anderen großzügig Hinwegsehen* letztlich nicht gerade zum Vorteil der eigenen Entwicklung ist.

Man sagt mir, das macht mich nur menschlich,
und jedermann kann das verstehen.
Trotz Makel verbleibe ich redlich,
die Fehler wird niemand mehr sehen.


Das lyrIch scheint ja ebenfalls Makel aufzuweisen und ist sich dessen durchaus bewusst ("Trotz Makel verbleibe ich redlich, die Fehler wird niemand mehr sehen."). Doch wie ist die eben zitierte Aussage gemeint? Dass andere Menschen zu schnell über die Fehler des Protagonisten hinwegsehen, sie nicht problematisieren, ihn somit nicht ernst genug nehmen und ihn letztlich daran hindern, an seinen Makeln zu arbeiten, weil sie ihm diese nicht mitteilen? Macht er ihnen zum Vorwurf, dass sie - was seine Schwächen anbelangt - zu oft schweigen (wodurch er in ihrem Denken (scheinbar) redlich bleibt)? Sieht er sich von ihnen betrogen? Müsste es in Z1 nicht heißen: Man sagt mir, das mache[]...?

Doch soll ich mein Menschsein tatsächlich
durch Schwächen allein definieren?
Ja, ist es nicht mehr als nur fraglich,
sich nur noch mit Lastern zu zieren?


Die Fragen finde ich seltsam. Das verlangt doch keiner, dass man sich oder andere lediglich durch die Schwächen definiert. Man hebt sich von der Masse doch nicht nur durch seine Makel ab, sondern auch durch Positives, durch Eigenheiten, liebenswerte Macken, die nicht gezwungenermaßen mit Fehlern gleichgesetzt werden können/müssen. Wer ziert sich denn mit Lastern? Die meisten Leute versuchen doch noch immer, ihre Schattenseiten zu verstecken, oder nicht?

Wo steh ich, wenn ich mich am Boden
der Tugend alleine verorte?
Es machen mich diese Methoden
zum Menschen der schlechteren Sorte.


Diese Aussage in Z1,2 finde ich widersprüchlich zu der in S1, Z3, denn hier stellt sich das Ich so da, als würde es in der Lage sein, sich durch seine Tugend von der Masse abzusetzen. Aber es weist doch selbst Fehler auf, oder hat er an ihnen gearbeitet, so dass sie nicht mehr vorhanden sind? Oder wird mit dem Begriff Tugend lediglich auf das *an seinen Schwächen arbeiten wollen* angespielt? Irgendwie will mir auch die letzte Aussage nicht schmecken, denn sie involviert ja, dass wieder einmal alle Anderen Schuld haben.

Ich befürchte fast, nicht wirklich hinter Deine Zeilen gestiegen zu sein - vielleicht melden sich noch andere Tümpler zu Wort .

LG, Maya

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#3

Fehldenken

in Philosophisches und Grübeleien 02.09.2006 13:35
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Maya,

entschuldige, das ich Dich so lange habe warten lassen, aber Du weißt ja, das bei mir gerade viel los war...

Das Metrum hast Du natürlich richtig analysiert, dass Du es als schöne Abwechslung empfindest freut mich. Ich hatte schon befürchtet, man würde automatisch zu Beginn nur Jamben lesen und dann ins Schleudern geraten, aber m.E. ist das gewählte Metrum auch die natürliche Betonung des "Eingangsspruchs".

In Zeile eins müsste es korrekt tatsächlich "mache" heißen, allerdings ist man da in der Umgangssprache nicht so genau. Jedoch führt das offenbar in den folgenden Zeilen dazu, dass - entgegen meiner Intention - nicht zu erkennen ist, dass das eigentlich auch die "Sprüche" Dritter sind. Eigentlich müsste es hier richtigerweise auch
"Trotz Makel verbliebe ich redlich", dann wäre es auch inhaltlich klarer gewesen - naja, das ändere ich schnell mal, Danke, für den Fingerzeig .

Die Fragen in Strophe 2 sind natürlich nicht das, was bei derartigen Sprüchen gemeint ist, jedoch das, was das lyrIch für sich als Quintessenz herauszieht. Macht man es sich nicht letztlich sehr einfach, wenn man die Fehler mit seiner Menschlichkeit entschuldigt, bemüht man sich eventuell gar irgendwann nicht einmal mehr, sie zu vermeiden? Ist es nicht besser, im Gegenteil die Stärken zu betonen und an den Schwächen nur zu arbeiten?

Der Widerspruch in Str. 3 ist natürlich keiner, was nach der Klarstellung oben deutlich werden dürfte - die Missverständlichkeit hatte ich verbockt. In Str. 1 geht es ja nur um das, was andere sagen, in den anderen spricht das lyrIch, Frage in Str. 3 Z. 1& 2 zielt ja auch in die gleiche Richtung wie die vorangegangenen.

Das Ergebnis, zu dem das lyrIch am Ende kommt, soll übrigens genau im Gegentum nicht die Schuld auf die anderen schieben, es ist einfach nur das Ergebnis des lyrIchs zu diesen Gedanken und Fragen: wenn es die Schwächen nur entschuldigt und sich hinter diesen versteckt, wenn es quasi die Laster zur Definition seiner Menschlichkeit heranzieht und nicht seine Tugenden, dann würde es ihn eher schlechter machen als besser...

Ob man zu diesem Ergebnis kommen muss oder sollte, sie aber einfach mal dahingestellt .

Ich danke Dir auf jeden Fall für Deine Interpretation, ich hoffe, ich konnte auch noch ein wenig diesbezüglich erläutern.

Grüße,

Don

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