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Wenn Sterne fallen

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.07.2006 13:26
von kein Name angegeben • ( Gast )
Ein Stern ist hinter den Horizont gefallen. Mit einem sanften Zischen schien er in das Meer einzutauchen - war wohl doch nur eine Welle, dachte sich Tom, die etwas Sand und ein paar Muscheln an die Klippen von Portsmouth gespült hat. Wie gebannt starrte er auf die Stelle, wo der Stern den Horizont berührt hat. Sein ganz persönlicher Fluchtpunkt, der ihn für einen Moment aus dieser ungerechten Welt enthob. Die Knie angezogen, saß er auf dem Felsvorsprung und starrte weiter in den schwarzen Nachthimmel. Unter ihm wog sachte das Meer. Es war eine ruhige Nacht.

Tom saß seit ihrem Tod oft hier, an den Klippen. An jenem Ort, wo seine Freundin ihm viele Geschichten aus ihrer Heimat erzählte. Ihr Blick schien dabei immer so leer, so abwesend. Wenn sie von ihrem kleinen Heimatdorf erzählte, spähten ihre kummervollen Augen so beharrlich in die Ferne, als könnte sie dadurch die Küste Frankreichs sichtbar machen. Sie erzählte auch oft von ihrem Traum, den sie als Kind einst hatte. Ein Stern sei sie gewesen. Ein Stern, der über Häuser und Wege, Dörfer und Städte, Landschaften und Meere flog. Ein solcher Stern wolle sie mal werden, wenn ihre Zeit auf Erden vorüber sei. Sie breitete dann die Arme zum Fliegen aus und umarmte ihn, flüsterte ihm ins Ohr: „Wir sind Engel! Doch haben wir nur einen Flügel. Darum müssen wir uns umarmen, wenn wir fliegen wollen.“ Er wollte sie gern verstehen, nur konnte er es nicht.
Doch seit ihrem Tod war alles anders. Nun verstand er, was es bedeutete, wenn einem etwas fehlt. Auch seinen Freunden ist nicht verborgen geblieben, dass er sich verändert hatte. Er redete kaum noch und Lachen war ihm auch fremd geworden. Sie wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er sei zu traurig, sondere sich von den anderen ab. „Bring dich doch um, wenn du’s nicht erträgst“, schlug ihm jemand aus seiner Klasse einmal vor. Er nickte daraufhin nur kurz und verließ den Klassenraum. Seit jenem Tag war er nicht mehr in der Schule. Wozu sich mit Kindern rumschlagen, denen jedes Verständnis für den Tod fehlt? Er wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Sie gehörten zu einem anderen Leben. Einem Leben, dass er jetzt nicht mehr führen konnte.

Seine Gedanken schweiften ab, flogen über die Wogen des Meeres hin zu diesem kleinen Leuchtturm, den man von zu Hause in kaum zwanzig Minuten Fußweg erreichen konnte. Damals, als noch alles gut war, waren sie oft zu Besuch beim alten Leuchtturmwärter, der in diesem Moment die Lichtanlage anschaltete. Wahrscheinlich eines Schiffes wegen, dem der alte graubärtige Mann den Weg leiten wollte. Dabei reicht es doch schon, den Sternen zu folgen, dachte Tom.
Es war eine besondere Nacht, als der Stern vom Himmel fiel. Heute hatte er Geburtstag. Er wurde genau in der Sekunde geboren, als der Stern die Horizontlinie berührte. Er vergewisserte sich, schaute auf die Uhr. Tatsächlich. Kurz nach Mitternacht. Das konnte kein Zufall sein. Ein Zeichen von ihr! Natürlich. Oder doch nur ein unbarmherziger Zufall, mit dem die Welt ihn verspottete? Es war egal. An seiner Entscheidung würde es nichts mehr ändern. Für ihn stand fest: dieser Stern, das war sie! Und er musste folgen, das war er ihr schuldig. Er weinte. Eine Träne fiel hinab in die unendlich scheinende Tiefe und vermengte sich mit den vielen anderen Tränen, die in den letzten zwei Jahren an diesem Ort vergossen hatte. Ein Tränenmeer, dachte er.

Kein Windhauch regte sich. Das Meer war ruhig, so wie er. Wie ein Spiegel reflektiere es das Licht der Sterne. Er wusste, was diese Nacht zu tun war. Seit einem halben Jahr hat er es sich vorgenommen. Diese Nacht würde die Nacht sein, an dem er ausprobieren würde, wie es ist, eine Grenze - die letzte - zu überschreiten.
Er stand auf, langsam, schob seine Füße, einen nach dem anderen, in Richtung Felskante. Tom schaute in die Tiefe. Wie viele Meter würden es sein? 50, 60? Würde es schnell gehen? Es war egal.
Er sprang. Sein Herzschlag ging plötzlich schneller und er fühlte den aufsteigenden Wind in seinem Gesicht. Der Sprung dauerte lange. Wie lange? Eine Stunde? Ein Tag? Ein ganzes Leben? Er wusste es nicht. Es war egal. Das Meer schluckte ihn, wie es auch sonst jede seiner Tränen geschluckt hatte.
Die ganze Welt verschwand, wie ein Lichtstrahl in einer warmen, angenehmen Dunkelheit. Nur die strahlenden Sterne blieben weiterhin zu sehen. Und nun war er einer von ihnen.

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