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#1

Grand' Place

in Mythologisches und Religiöses 09.05.2006 23:32
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Grand’ Place

Ich fahr durch Brüssel, lieg im Krankenwagen,
bewegungslos, beinah schon eingesargt,
seh uns mit Blaulicht durch die Straßen jagen,
und unter Jaulen, lautem Weheklagen
erreichen wir das Ziel: den Großen Markt.

Der Wagen steht noch nicht, schon zerren Hände
mich vor das stolze Rathaus: raus! mach schnell!
Steig hier hinauf, die hellen Sandsteinwände,
steig mit den Großen über Weltenbrände,
steig auf Dämonen, steig zu Michael!

Ich unterschreibe, alles zu verkaufen,
mein ganzes Leben, das verbraucht und alt
am Boden liegt, ein großer Bilderhaufen,
dann muss ich nur noch durch den Spiegel laufen,
ein Ritter von der traurigen Gestalt.

Beim Anblick meiner vielen Niederlagen
werd ich auf einmal mütterlich und schwer
und höre mich zum Himmelsfürsten sagen:
ich will mein Elend mit nach oben tragen,
ich bring mich ganz nur, oder gar nicht her.

Mit diesen Worten bin ich hochgefahren.
Es flackerte ein wenig, bis ich stand.
Die Nacht begann von innen aufzuklaren,
als ich mich hier, in diesem sonderbaren
vertrauten alten Leben wiederfand.

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#2

Grand' Place

in Mythologisches und Religiöses 14.05.2006 13:18
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Ulli

Erst grad entdeckt! Gefällt mir wirklich gut, vor allem das Ende, dass das lyr. Ich nur mit allen Lasten „hinauf gehen“ will oder gar nicht und doch, am Ende, eben immer noch das ist und bleibt, das es ist. Ja, das würde ich glatt so unterschreiben.
Ich kenne Brüssel nicht, daher frage ich mich natürlich, was der Michael ist ... (ein Google später) … der Kirchturm? Aber warum fährt der Krankenwagen zu einer Kirche? Jetzt bin ich etwas verwirrt … oder hat’s dort auch ein Krankenhaus … und das lyr. Ich stirbt unterdessen und nimmt einfach einen anderen Eingang? Na ja, vielleicht komme ich noch drauf…. anyway. Eine schöne Erzählung mit ansprechendem Schluss und etwas Philosophie für jedermann. Habe ich gern entdeckt und gelesen.

Gruss
Margot

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#3

Grand' Place

in Mythologisches und Religiöses 14.05.2006 23:33
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Mörssi Boku,

dass du dieses Gedicht vor dem Versinken in die ewigen Schlammgründe des Tümpels (vorläufig) bewahrt hast.

Ich habe schob zu viele Gedichte von mir zerredet oder zerdeutet, deshalb nur ein paar Stichworte zu dem, was ich mir dabei gedacht habe.

Bei dem etwas bizarren Geschehen handelt es sich um einen Traum, aus dem das Ich in der letzten Strophe „hochfährt“ (hier darf man aber auch andere Sinnebenen mitdenken). Das Ich erlebt sich in höchster Not , es ist am Ende, es leidet und jammert (das Jaulen der Ambulanzen in Brüssel macht selbst solche Menschen krank, die es vorher nicht waren), aber es gibt Kräfte, die ihm eine schnelle Rettung anbieten. Es wird aus dem Leben / aus dem Körper gerissen – mit der Vision, sich von der Enge und dem Elend der Welt zu befreien, aufzusteigen in den Himmel, aufgenommen zu werden in den Kreis der weltlichen und himmlischen Fürsten, die über dem „großen Platz“ thronen und die wie der Heilige Michael, der ganz oben auf einem Teufel steht, das Böse ein für alle Mal zertreten haben. Diese Vision wird von manchen Kirchenvertretern noch heute propagiert, in allerlei Spielarten, wobei die säkulare Variante vom ewigen Ruhm (z.B als Dichter ) eine ganz ähnliche Fluchtfantasie darstellt.

Nun, wie du schon beschrieben hast: das Ich folgt dieser Illusion nicht, es will / kann nicht auf das verzichten, wofür es gelebt hat, es kehrt in sein altes Leben zurück. (Man kann hier auch an sog. „Nahtodeserfahrungen“ denken, muss aber nicht). Außerlich hat sich nichts geändert, innerlich einiges: das Bewusstsein erlebt eine „Aufklarung“, die nicht ohne Folgen bleiben dürfte.

Jetzt zerrede ich schon wieder ! Wenn es jemand ganz anders verstehen will, ist er herzlich eingeladen. Der Geist ist ein Grand’ Place!

Lieben Gruß, Ulli

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#4

Grand' Place

in Mythologisches und Religiöses 15.05.2006 11:38
von Maya (gelöscht)
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Hallo Ulli,

also, ich habe Dein Gedicht, das mir ausgesprochen gut gefällt, tatsächlich etwas anders gedeutet. Die erste Strophe nehme ich, wie sie ist: Das lyrIch hatte vielleicht einen Herzinfarkt, oder Schlaganfall und wird ohne Umwege in den Krankenwagen verfrachtet. Mit Blaulicht jagt man nun in Richtung Rettungsstelle, man jagt dem Leben hinterher. Doch plötzlich droht der Patient noch während der Fahrt zu versterben – fast Nulllinie – Großer Markt (nun beginnt der Handel um Leben oder Tod). Die zerrenden Hände sehe ich nicht mehr als die der Sanitäter, sondern als jenseitige und diesseitige Hände, die um den Sterbenden kämpfen – Kampf des Lebens gegen den Tod.

Dem Patienten geht es immer schlechter, ein Teil seiner Seele löst sich bereits vom Körper, er ist dabei, zu sterben.
In diesem Moment steigt ein Stückchen der Seele die Stufen des Rathauses und die hellen Sandsteinwände hinauf – beides steht metaphorisch für den Himmel - um den Handel per Unterschrift abzuschließen (sich sozusagen aus dem weltlichen Melderegister auszutragen ).
Die Seele des Patienten entschließt sich „alles zu verkaufen“, es ist der Wunsch vorhanden, endlich zu sterben: „mein ganzes Leben, das verbraucht und alt“. Bevor der Vertrag erfüllt ist, muss das lyrIch noch eine letzte Vertragsbedingung erfüllen und sich den Bildern seines Lebens stellen. In rascher Bildfolge spulen sich die Lebensbilder vor dem Patienten ab.

Nun, beim Betrachten seines Lebens zieht das lyrIch Bilanz – über den Daumen gepeilt ist die große Anzahl der Niederlagen, die es im Leben wegstecken musste, nicht zu übersehen. Irgendwie kommt nun ein Bedauern, eine Schwere auf. Der Patient hat in seinem Leben viel Elend ertragen müssen und versucht vielleicht, dies als Grund für die vielen Niederlagen vorzuschieben – im Sinne einer Rechtfertigung vor Gott. Die letzte Strophe habe ich doppeldeutig interpretiert. Zum einen habe ich den Faden meiner Interpretation in dem Sinne zu Ende gesponnen, dass das lyrIch nun das Gefühl hat, mit seiner Rechtfertigung durchzukommen und zu Gott aufzusteigen, was aber ein Trugschluss ist, denn das Vorgebrachte wird nicht anerkannt, der Patient muss ins Leben zurück, um seine schlechte Bilanz (Niederlage vs. Siege) aufzubessern; und andererseits habe ich den (von Dir bereits angesprochenen) Schlafenden vor mir gesehen, der nun aus seinen Alpträumen hochfährt.

So, das war’s erstmal.

LG, yamaha

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#5

Grand' Place

in Mythologisches und Religiöses 15.05.2006 14:40
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Danke Yam,

für die gründliche Auseinandersetzung mit dem Text. Du bewegst dich weithgehend in dem von mir Gemeinten, mit interessanten Details, die ich gerne übernehme, als hätte ich sie genauso intendiert Nur die Stelle
Zitat:

ich will mein Elend mit nach oben tragen,
ich bring mich ganz nur, oder gar nicht her



darf und will ich nicht in deinem Sinne verstehen, auch wenn es der Text selbst vielleicht hergibt. Das "Elend" verstehe ich nicht als Rechtfertigung, sondern überspitzt gesagt als Verdienst. Die Erfahrungen des Leidens, das Durchgehen durch das Elend, sind das, was ein Leben ausmachen, das, worin wir den Engeln und Göttern voraus sind, das - wenn überhaupt etwas - verdient, im "Himmel" verwahrt zu werden, damit die Spaltung von Gut und Böse, die für mich das eigentlich Böse ist, irgendwann überwunden werden kann.

Das wars auch von mir erst einmal.

Dank und Gruß, Ulli



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#6

Grand' Place

in Mythologisches und Religiöses 16.06.2006 12:29
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Hallulli!

Gekonnt, keine Frage. Ich bin immer mal wieder darum herum geschlichen und wollte jedes Mal etwas schreiben und habe es dann doch sein lassen. Ich bin deinem Werk gegenüber so unentschlossen gewesen, wie es selbst mir schien. Immer wieder störten mich die vier Elisionen gleich zu Beginn: fahr', lieg', beinah', seh'. Auch wenn diese den Drive der Geschichte, den sie eindeutig hat, noch unterstützten, klangen sie mir immer zu flapsig in den Ohren, als sie zur Schwere des Stoffes passen wollten.

Dieser blieb mir relativ dunkel, da ging mir zu vieles durcheinander. Das mit dem Krankenwagen und dem Rathaus wurde ja schon angesprochen, wenn auch nicht konsequent genug. Der Krankenwagen fährt eindeutig bis zu seinem Ziel, welches also von Beginn an das Rathaus ist. Was will er da? Und seit wann erreicht man über das Rathaus auch den Himmelsfürsten? Seit wann wird der so genannt? Wird hier absichtlich ein Wortmix benutzt? Geht es überhaupt um Gott, wenn das lyrI doch alles verkaufen soll? Dann ist da also doch der Teufel am Werk, aber seit wann heißt der Michael?

Es kann aber nur um den Teufel gehen, denn nur der würde ja einen solchen Handel vorschlagen: das Loslösen vom Elend dieser Welt gegen den Verkauf der Seele. Genau dieses Elend aber hat unser lyrI nun abgewogen und für so wertvoll erachtet, dass es das mitnehmen (behalten) will. Also kämpft es lieber weiter, als diese einfache Flucht vorzunehmen? Es geht also nicht durch den Spiegel, sondern kämpft weiter bzw. kämpft auch für den Erhalt seiner Schwächen/Niederlagen. Ist das aber nicht quijottesker, als der Gang durch den Spiegel? Und warum "mütterlich" und schwer? Sind die Niederlagen als sinnbildliche Kinder gemeint?

Irgendwie drehte sich mir alles, so dass ich in der letzten Strophe nur noch zusammenbrechen konnte, warum denn nun trotzdem aufgefahren wird, nur um wieder im eigenen Leben anzukommen!? Ich Rindvieh, ich drei Mal Blinder! Da bekommst du eine Wende hin, die sich gewaschen hat und ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Ein irres Stück und ich bin ziemlich versöhnt und würde mich dem allgemeinen Jubel rückhaltloser anschließen, wenn da nicht diese vier Elisionen wären. Dafür hast du aber ein Reimschema, welches den Inhalt zügig und sicher wie ein Krankenwagen transportiert und mit Maya eine Interpretatorin, die selbst Blinde sehend macht.

Gruß
Mattes

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