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#1

Ausgemärzt

in Gesellschaft 05.04.2006 11:04
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Ausgemärzt


Schneid ihnen ihre Bälger aus den Bäuchen,
lass diesem Schoß kein Unheil mehr entspringen!
Wer mitgefangen, soll uns nicht entfleuchen,
soll mitgehangen über uns’re Klingen springen.

Wir wollen nicht mehr zögern, nicht mehr weichen.
Wir wollen Täter nicht noch länger schützen.
Nur mit Appellen wird man nichts erreichen,
doch ungewollt als Idioten nützen.

Darum sei Schluss mit Permissivitäten!
Ein Blutzoll soll die Adern jetzt erfrischen.
Wir werden weite Felder kräftig jäten,
kein Unkraut soll der Egge mehr entwischen.

Nun geht es denen endlich an den Kragen,
zu lange schon verhöhnen sie die Bürger,
die braven, die jetzt Ungeziefer jagen,
als aufrecht-demokratische Erwürger.

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#2

Ausgemärzt

in Gesellschaft 08.04.2006 14:51
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hi Mattes,

ich habe bei diesen Zeilen schon ein paar Mal angesetzt, musste aber entweder aus Zeitgründen, aus Netzverbindungsproblemen oder aufgrund von Denkblockaden abbrechen. So gehts aber nicht weiter, deshalb muss ich doch ein paar meiner Gedanken mal abladen, mal sehen, wie weit ich heute komme^^.

Das formale ist schnell abgehandelt: mal wieder ganz klassische mit 5-hebigen Jambus und weiblichen Kadenzen und gefälligen Reimen. Allein in Str.1 Z4 gibts einen Versfuß zuviel, vielleicht wegen des Binnenreimes Klingen/springen? Oder nur ein Flüchtigkeitsfehler? Hm, inhaltlich wüsste ich zumindest nicht, warum... Und in Str. 3 Z. 1 forderst Du die Betonung des "Darum" auf der 2. Silbe, was ich aber nicht so problematisch finde, geht mir gut von der Zunge.

Inhaltlich ist das schon schwerere Kost und so richtig zuordnen kann ich es aber nicht.

Zunächst hielt ich es für Denken, dass das Handeln der aufrecht-demokratischen Bürger etwas Postives sein könnte, quasi eine Art
Aufschrei der Gerechten. Allerdings fällt schon auf, dass die Sense, mit denen diese Anständigen mähen ein reichlich breites Blatt hat und ohne Differenzierung durch die Reihen geht - mitgefangen, mitgehangen. Und es würde mich wundern, wenn eine derartige Pauschalisierung wirklich die Essenz dieses Gedichtes sein sollte.

Einen entsprechenden Hinweis gibt der Titel: ausgemärzt. Tatsächlich kommt das Wort ausmerzen von März, denn im März wurden die Schafe, die sich nicht mehr zur Zucht eignen, ausgesondert und getötet wurden. Dies lässt jedoch den aufrechten Bürger in einem anderen Lichte erscheinen, geht er doch gegen Schlachtvieh (Merzvieh) vor, der Begriff Opferlamm geht mir dabei auch durch den Kopf.

Meine ersten Gedanken, es könnte bei diesen Zeilen um die Vogelgrippe und die umfassende Vernichtung von Vögeln gehen habe ich daher ebenso verworfen wie die Überlegung, die solle ein Aufruf sein für den bedingungslosen Kampf gegen Rechtsradikalismus, der sich unter dem Mäntelchen der Freizügigkeit ausbreitet. Das passt alles nur in Ansätzen.

Keine Ahnung, ob mich das Eis noch hält, aber man könnte in Dein Gedicht die Meinung vieler hineininterpretieren, unsere Gesellschaft würde "überfremden". Nach Meinung derer und des lyrIchs hat man ihnen viel an Freiheiten eingeräumt und sich nur auf Apelle beschränkt, die diese jedoch nur ausgenutzt haben. Sie nutzen die gewährte Permissivität aus, um sich zu vermehren und letztlich den anständigen Bürgern auf der Nase herumzutanzen. Daher müssen endlich deutlichere Wege eingeschlagen werden, auch wenn es dabei vielleicht den einen oder anderen fälschlicherweise trifft, ein Blutzoll muss her um das Blut reinzuhalten. Das Gejagten dabei die eigentlichen Opfer sind, verdeutlicht der Titel.

Denkbar wäre auch der Ansatz, dass hier der Pöbel die Zwangskastration von Sexualstraftätern fordert? Man muss dafür sorgen, dass sie keine Bälger mehr hinterlassen, die sexuelle Freizügigkeiten sähe man dabei auch in etwas anderem Licht. Härtere Strafen als Blutzoll sollen die Adern erfrischen und das Volk beruhigen... ausgesondert müssen sie werden wie Ungeziefer...

Ach ich weiß nicht, egal wie ich es drehe und wende, ich komm Dir bzw. Deinen Zeilen nicht recht auf die Schliche, dabei habe ich das Gefühl, es lohnt sich. Ich habe schon die Schlagzeilen der letzten Wochen durchforstet um zu sehen, ob Dich da ein Thema angesprochen haben könnte . Aber vielleicht geht ein Ansatz ja wenigstens in Deine Richtung^^-

Auch wenn ich es nicht richtig verstehe, gefällt es mir. Das zumindest musste ich loswerden...


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#3

Ausgemärzt

in Gesellschaft 08.04.2006 15:20
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Mattes,

auch mir gefällt das Gedicht, auch der provokante Ton der mitschwingt, trägt es doch so einen revolutionären Unterton von, wir haben uns das lange genug gefallen lassen, get up stand up, stand up for your right. Hier würde besser ...for your freedom passen. Mit dem Monatsbezug scheint, wie Don schon anmerkte ein konkretes Ereignis dahinter zu stehen. Ich sehe hier allerdings weniger für mich einen direkten Bezug zu einer Gruppe wie Sexualstraftäter, kranke Vögel, Ausländer etc., sondern eine ganze menschliche Gruppe, die die Werte der Gemeinschaft missachtet, die übliche allgemeine Minderheit, die Rabauken und Störenfriede, die ihr egoistisches, unsoziales Verhalten ausleben auf Kosten des sozialen Verhaltens, die genau die Werte mit Füßen treten, die ihnen das Ausleben ihrer Unart überhaupt erst ermöglichen. Die Vögel nehme ich jetzt mal aus. Dann ist diese Eigenschaft etwas, was an keine Gruppe gebunden ist, diese Leute gibt es in jeder Gruppe, und sie sind immer eine Minderheit und fallen immer extrem auf. Ich habe neulich einen Cartoon gesehen, der gut dazu passte. Man sah die Arche Noah, alle Tiere und Noah schauten entgeistert auf einen Specht, der von außen fleißig Löcher in die Arche hämerte. Darunter stand: "Egal wo du bist, es gibt immer ein Arschloch."
Ja, diesen Gedanken "Störenfried identifiziert, Exempel statuiert, wenn er's dann nicht kapiert - wird eliminiert" hat gewiss jeder schon einmal gehabt und verbirgt diesen lieblosen und doch recht unkonstruktiven Gedanken in seinem Hinterstübchen. Denn als gute Christen Wissen wir ja, Jesus sagte: "Wer von Euch ohne Fehl ist, der werfe den ersten Stein." Aber wir sind nun mal nicht alle Ghandi.

Gefällt mir gut.

Schöne Grüße,
GW


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#4

Ausgemärzt

in Gesellschaft 08.04.2006 17:14
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Als Märzgeborener vermute ich hier eine Anspielung auf die Märzrevolutiom. in der "aufrechte Demokraten" gegen ihre Nationalregierungen in ganz Europa auf die Straße gingen und dafür - z.B. vor dem Berliner Schloss - nicht selten ihr Leben ließen. "Märzgefallene" wurden sie genannt. Mit demselben Namen verhöhnte man 1933 die zahlreichen Mitläufer, die nach den gewonnen Reichtagswahlen im März 1933 aus opportunistischen Gründen der NSDAP beitraten. Diese waren schon das Gegenteil von aufrechten Demokraten. Und so vermute ich. dass in diesem Gedicht eine ganz ähnliche Sorte nationalistisch gesinnter Spießbürger gemeint ist, die im Namen der Demokratie allem undeutschen Terror ein Ende setzen wollen. Das ist dann wirklich die endgültige Verkehrung der revolutionären März-Ideale. In diesem Sinne hat es sich "ausgemärzt". Wer andere ausmärzen will, märzt die Demokratie aus.

Sicherheitshalber habe ich noch mal bei Wikipedia nachgeschlagen, um hier ausgiebig prahlen zu können.

Das Gedicht überzeugt mich bis auf das letzte Wort. Denn ich kenne keine Auf-Rechten-Gruppe. die "Erwürger" genannt wird noch sich ironisch selbst so bezeichnet.

Aber was reimt sich sonst auf Bürger? Und geeignete Synonyme zu Bürger
kommen mir auch so schnell nicht in den Sinn.

Da hilft jetzt nur noch eine Deutung, die alles ganz anders sieht. i


Gruß, Ulli

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#5

Ausgemärzt

in Gesellschaft 08.04.2006 22:44
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Nein, Ulli, die bezeichne ich so. Das "aufrecht-demokratische" mag die Selbstsicht jener sein, ich meine es ironisch, da diese aufrechten Bürger die Demokratie ja erwürgen. Ansonsten aber liegst du vollkommen richtig, dieser März ist gemeint wobei der natürlich immer wieder allegorisch stehen kann und ich insofern auch von Dons und GerateWohls Ansätzen begeistert bin.

Vielen Dank euch dreien. Inspiriert, lieber Don, war ich übrigens nicht von Tagesereignissen, sondern von der Nazi-
Umfrage auf dotcom.

DG
Mattes

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