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#1

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 31.03.2006 23:19
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
Himmelsstürmer

Geschmeidig, katzenhaft kletterte er den hohen Holzstapel hinauf, geschickt ein paar herausragende Scheite nutzend. Wieviele Kniebeugen schaffte er mit einem Bein?
Etliche. Und er hasste es, wenn seine drahtigen Oberschenkel dann doch irgendwann zitternd versagten. Niemand donnerte den Ball mit solcher Wucht im Bogen um die Mauer herum ins Tor - mit dem Außenrist wohlgemerkt, volles Risiko. Was hatten sie für Augen gemacht! Die Gegner, der verblüffte Torwart, und wie hatte er die Bewunderung der eigenen Mannschaft genossen. Die hatten sich noch herumgestritten, wer den Freistoß machen sollte, da war er entschlossen dazwischen gegangen und alle waren vor seinem Blick zurückgewichen. Die Mauer stand viel zu nah und aus diesem Winkel schien es unmöglich zu sein, zu treffen, aber er, er hatte sich den Ball zurechtgelegt, Anlauf genommen und abgezogen: Was für ein Schuss!

Einen halben dunkelgrünen Ball balancierte er auch jetzt auf der linken Hand: eine riesige, saftige Wassermelone, in der ein silbern glänzendes Küchenmesser steckte. Damit hechtete er mit einem letzten Klimmzug durch den Tabakblättervorhang. Der Großvater mit seinem Tabak! Überall im Garten, an den Schuppenwänden und sogar hier oben auf dem vier Meter hohen Holzstapel hatte er seine Schnüre zum Trocknen hingehängt. Dabei lohnte sich die aufwändige Arbeit gar nicht. Die zahlen doch fast nichts für die getrockneten Blätter, meinten die Eltern, wenn der Alte mit seinen unendlichen, zusammengerafften Schnüren durch den Hinterhof schlurfte.

Das gespaltene Meterholz hatte er sich zu einer Mulde geschichtet und man konnte es sich einigermaßen bequem machen auf der rauen Akazienborke. Die Tabakblätter hingen reihum, dicht an dicht aufgeschnürt an vier langen verwitterten Jungholzstangen. Darüber konnte man nur ein rechteckiges Stück blauen Himmels sehen und sonst nichts. Er schnitt sich einen Scheibe von der Melone und biss genussvoll hinein. Die Kerne spuckte er im hohen Bogen über den südlichen Tabakvorhang, direkt der Sonne ins Gesicht.

Hier oben könnte ihm niemand etwas anhaben. Klar, Spionageflugzeuge könnten ihn wohl ausfindig machen. Und wenn die ihm dann Bruce Lee mit seiner ganzen Kämpfertruppe auf den Hals hetzen würden? Er würde sie fertig machen, wenn's auch noch so viele wären! Er würde ihnen die Akazienholzscheite vor die Schädel werfen, er würde sie rundum damit unermüdlich bombardieren bis der ganze Holzhaufen abgetragen wär. Dann würde er der stark dezimierten Truppe noch einen löwenstarken Nahkampf liefern, bei dem ihre Tricks wirkungslos blieben und ihre Schlaghölzer an seinen Unterarmknochen zersplittern würden wie trocken Fallholz. Würden sie ihn unterkriegen? Ja, er würde den Heldentod sterben, seine Freiheit verteidigend, aber nur weil einer unfairer Weise eine Pistole ziehen würde und ihn hinterrücks mit einem Herzschuss niederstreckte. Noch im Fallen würde er das Silbermesser aus der immer noch da liegenden Melone ziehen, und mit einer gekonnten, letzten Körperdrehung würde er es dem Feigling zielsicher in den Hals werfen. Der Todgeweihte würde ihn erschrocken, mit der gleichen Bestürzung anschauen wie zuvor der Torwart. Mit Genugtuung würde er dann, dahingestreckt, zuschauen wie dessen Blut pulsierend hervorsprudeln würde.
Aber seins, sein eignes helles Blut würde am höchsten hinaufspritzen, aus seinem hinterrücks durchbohrten Herzen, wie ein Springbrunnen, den man bisher zugehalten hat und dann plötzlich loslässt, hinauf, weit hinauf in den blauen Himmel hinein.

Er aß schon die fünfte Scheibe und es war noch genug da. Seine glänzende dunkelblaue Fußballshorts hatte er ausgezogen und vor sich ausgebreitet hingelegt. Die sollte keine Flecken kriegen von dem roten, klebrigen Melonensaft. Solche Shorts hatte niemand sonst: Geschenk von der Tante aus D.! Wie herrlich erfrischend die Melone war. Sie hatte lange im großen Eimer mit kaltem Brunnenwasser gelegen. Er aß weiter, aber nicht mehr aus Hunger oder Durst, sondern er genoss in der prallen Sonne, nur noch die angenehm fruchtige Kühle. Zwischen den Schweißperlen auf seiner Brust glänzte ein runtergefallener dunkler Kern. Gekonnt schnippte er ihn mit dem Mittelfinger weg, so heftig, dass er sich mit einem hellen Plopp durch ein vergilbtes Tabakblatt bohrte. Wie viele von diesen Blättern hatte er selber aufgespießt? Sogar seine eigene Tabaknadel hatte er, die war schärfer zugedengelt als die anderen, wie eine Pfeilspitze und glitt leicht durch die dicken, saftigen Blattrippen. Gern half er ihm, dem Großvater, vor allem, weil der immer so schöne Geschichten erzählen konnte, über Rósza-Sándor, den vogelfreien Betjárkönig, der in der Puszta hauste. Es machte Spaß, bis man wund wurde von der Nadel, dass es brannte, und auch die Hände wurden unangenehm klebrig.

Wie herrlich kühl war die Frucht. Unbekümmert biss er hinein, genoss und fühlte sie bis über beide Ohren. Melonensaft troff ihm am Mundwinkel hinunter und er machte keine Anstalten ihn wegzuwischen. Kleine Punkte waren über ihm aufgetaucht. Er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen ob es Schwalben waren, oder Mauersegler aus der Stadt. Er aß weiter und schaute ihnen träumend zu, wie sie durch das blaue Himmelsrechteck stürmten. Die scherten sich um keine Abgrenzungen! Mit der gleichen Leichtigkeit, mit der sie dieses stangenbewachte Stück Himmel durchjagten und unvermittelt woanders auftauchten, überwanden sie auch Bergrücken, Meeresarme, Ländergrenzen.

Das nächste Angebot sollte er annehmen. Wenn der Glatzkopf nochmal fragt, würde er ihm das Geld besorgen. Für den versteckten Transport bis an die Grenze, nachts auf Feldwegen, an den überwachten Bahnhöfen und Straßen vorbei. Das letzte Stück würde er dann zu Fuß, alleine schaffen. Die Zeitfenster zwischen den Kontrollgängen hatte er sich schon nächtelang eingeprägt. Hätte sich bisher ausnahmslos bewährt. Viermal, angeblich. Ein todsicherer Tipp, hatte er gesagt, der Glatzkopf. Vertrauenswürdig wirkte er dabei nicht.

Die Finger seiner rechten Hand gruben sich tief ins Fleisch der Frucht und er versuchte sie von Innen zu fassen, stemmte sich dagegen und kratzte sich wund an der fester werdenden Schale. Dann hob er sie langsam hoch, sodass sie zusammen mit den Seglern in sein Blickfeld geriet. Mit wiegenden Bewegungen versuchte er ihre Flugbahnen zu kopieren, folgte einzelnen, bis er sie verlor und versuchte die Stelle zu erwischen, wo der nächste auftauchen würde, immer wieder, so lange bis seine Fingernägel brachen und der kühle Saft ihm in die Achselhöhle rann.

Dann erhob er sich und schaute die Frucht lange an. Dabei wiegte er sie sacht auf und ab und drehte sie so, dass sie mit der Schale an seinem Unterarm zu liegen kam und er die Kante mit den Fingerspitzen umfasste. Er stellte sich so hin, wie er es von einem Denkmal kannte. Ein Handgranatenwerfer, der nur noch einen Arm hatte, aber weiterkämpfte und den Kriegsverlauf wahrscheinlich entscheidend beeinflusst hatte, so dass man ihm ein Denkmal bauen musste. Akazienscheite waren der Sockel. Der linke Fuß etwas höher wie auf dem Schützengraben, die rechte Hand weit ausholend nach hinten, suchte er stabilen Halt, und stieß die Scheite mit den nackten Fersen zurecht bis sie nicht mehr wackelten. Die Linke versuchte er zu vergessen. Dann zielte er auf einen Segler, mühte sich genauso grimmig zu blicken wie der Soldat - und warf mit ganzer Kraft!

Er verlor das Gleichgewicht und musste sich mit beiden Händen abstützen um nicht nach vorn zu fallen, aber er ließ die Melonengranate nicht aus den Augen. Zu viel Drall hatte er ihr gegeben! Sie flog hoch über die Jungholzstange hinweg, aber das Halbrund wirbelte so heftig rotgrünrot durch die Luft, dass es regnete und Kerne aufs Holz niederprasselten. Einen Augenblick lang schien es oben innezuhalten, kurz, wie wenn die Mehlschwalben nach heftigem Flügelschlagen in den Gleitflug übergehen, auf dem Wellenkamm ihrer ewigen Sommerhimmelsurfnummer. Dann setzte der langgezogene Alarmruf des Hahnes ein, als würde der Habicht auftauchen und die Flugbahn krümmte sich hinab. Ein paar Hühner stoben gackernd davon, als die Melone hinunterfiel, die Blätter des Aprikosenbaumes streifte und hinter dem Schuppen dumpf auf dem harten Boden auseinanderplatzte. Andere kamen angerannt. Er hörte ihre Läufe aus allen Richtungen. Sie würden zuerst das Fruchtfleisch runterschlingen, hastig und mit Gezank und dann die Schalen aushacken, dass sie aussehen würden wie Miniaturen von Höhlenkuppen mit hellgrünen Stalagmiten.

So klingt keine Granate, dachte er als er sich die Kerne aus den Haaren zu fegen versuchte. Dabei fiel auch sein Blick zurück aufs Holz.

- Mist, die Hose!

Sie war nicht mehr so schön blau wie der Himmel. Er hob sie vorsichtig hoch und schüttelte sie ein paarmal heftig. Dabei rutschte sie ihm fast aus den Fingern.
Missmutig schlüpfte er wieder hinein und bemerkte, dass sich unter einem Fingernagel Blut angesammelt hatte. Der Nagel war eingerissen. Er lümmelte sich wieder hin, nahm das Messer und versuchte ein Stück davon abzuschneiden, aber es war zu stumpf dafür. Frustriert trat er ein Stück morsche Rinde von den Scheiten und zerrieb sie mit den Sohlen. Dann fasste er die Messerspitze zwischen Zeigefinger und Daumen, so dass die Schneide nach oben zeigte und strich sich mit dem kühlen Silberschaft durch die Haare. Die Rinde war jetzt vollends zerbröselt und er spielte unschlüssig mit den Zehen im Bast herum.

Er brauchte ein Ziel. Aufspringend, mit einer brüsken Bewegung, warf er die Haare zurück und schaute sich um. Wenn er auf der Ostseite durchschlüpfte und mit einem Fuss aufs Schuppendach stieg, konnte er bis zum Schweinestall hinübersehen. Dabei durfte er nicht sein ganzes Gewicht auf die schwankende Teerpappenkonstruktion verlagern. Er tastete sich vor, bis er die darunterliegenden Latten spürte und stand nun quer zur Wurfrichtung, noch halb im Tabak eingetaucht und es knirschte wie auf dünnem Eis. Er zielte sorgfältig mit ausgestreckten Händen und warf diesmal nach unten. Das Messer flog fast geräuschlos und blieb satt eingetrieben in mittlerer Höhe stecken. Die Vibration des Schaftes übertrug sich aufs geweißte Brett und erstarb abklingend, wobei feine Kalkstückchen in den Staub hinabrieselten.

Diesmal grinste er zufrieden und schnalzte mit der Zunge. Er schnalzte noch zweimal während er die erfolgreiche Wurfbewegung wiederholte.

- Rainer!

Er wurde gerufen. Seine Schwester ließ das "a" seines Vornamens langgezogen durch den Garten schallen:

- Rainer, du sollst Klee holen fahren für die Hasen!

Beim Hinabklettern benutzte er wieder nur eine Hand. Er saugte am aufgerissenen Fingernagel und spürte den süßlichen Geschmack seines Blutes auf der Zunge.
Die letzten zwei Meter sprang er, wie immer, lässig hinunter und ließ den Luftzug auf seinem Körper andauern, indem er - ohne innezuhalten - bis zum Stall hinüberlief.

Mit beiden Handflächen bremste er sich an der Bretterwand ab. Zufrieden betrachtete er das Messer. Es reichte ihm genau bis zum Kehlkopf. Mit der Rechten umfasste er den Schaft, hielt sich daran fest und wo der Kalk hinabgerieselt war, spuckte er auf den Boden. Sein rötlicher Speichel igelte sich im mehligen Staub zusammen und perlte in eine Kuhle hinab, die von den Hühnern beim Staubbaden geformt worden war.

Keinesfalls würde er sich abknallen lassen, keinesfalls! Mit einem Ruck zog er das Messer aus dem Holz, warf den Kopf über die Schulter und rief:

- Ich komme!

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#2

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 01.04.2006 01:40
von kein Name angegeben • ( Gast )
Hallo Alcedo...

ich frage mich wirklich wer Dir diese Dinge aus meiner Kindheit erzählt hat...?

Sehr gelungener Text, habe ich gerne gelesen.

Gruß, Benno

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#3

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 02.04.2006 22:56
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Benno

schön, dass es dir gefallen hat.

würde mich aber wirklich interessieren bei welchen "Dingen" (Fußball mal ausgenommen) in deiner Kindheit Deckungsgleichheit bestanden hat.

Gruß
Alcedo

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#4

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 29.07.2006 21:26
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hallo Alcedo,
eine sprachliche Perle ist das ja, und ich hab das nie zuvor gelesen hier, ich Ignorantin. Das gefällt mir sehr gut. Die Geschichte eines abenteuerlustigen Jungen, der von Stärke und vom Heldsein träumt und sich hinwegträumt aus seinem allzu vertrauten Lebenskreis, direkt in die große Weite der Welt, die ihm in seinen Träumen vom Mannsein oder Mannwerden vorschwebt. Das zu kommentieren oder gar zu zensieren, wäre hier fehl am Platz. Es ist gerade diese Individualität, die die Story interessant macht. Die Energie, mit der der Protagonist seinen Zirkel zu sprengen trachtet.
Die Geschichte bleibt nahe am Protagonisten und die Erzählperspektive verrutscht nicht, sie ist stabil und führt den Leser damit auf geschickte Weise.
Ich konnte das gut nachvollziehen und finde - wie gesagt (bis auf ein paar Winzigkeiten) - es ist eine sprachliche Perle. Ja, ich hab das gern gelesen.
LG Uschi

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#5

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 04.08.2006 17:40
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
danke für die Perlen, Uschi, und für die bescheinigte stabile Erzählperspektive. dein Lob freut mich.
doch auch störende Winzigkeiten würde ich bei Gelegenheit gerne aufgezeigt bekommen.

Gruß
Alcedo

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#6

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 08.08.2006 09:25
von Olaf Piecho (gelöscht)
avatar
Hallo Alcedo,

gern habe ich deinen Text gelesen, du schaffst es eine MicroWelt entstehen zu lassen, gekonnt und mit erzählerischer Raffinesse führst du den Leser durch die Welt des Protagonisten. Achtungsvoll trage ich die Bilder nun in mir.

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#7

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 09.08.2006 21:50
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Olaf

dein Kommentar bringt mich ziemlich in Verlegenheit. es ist aber vom Schönsten wenn man als Rückmeldung hören darf, dass Bilder solcherart wirken.

Dankeschön
Alcedo


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#8

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 11.08.2006 14:33
von kein Name angegeben • ( Gast )
Das ist sehr gut geschrieben. So was Gutes liest man nicht immer. Ich habe schon oft versucht, Kurzgeschichten zu schreiben, aber es wurden immer lange. Ich weiß nicht, wie man das schafft, eine Geschichte so zusammenzufassen, dass sie zwar kurz, aber noch gut ist. Interessant, spannend...

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#9

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.08.2006 10:02
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
hallo Angel

schön dass es dir gefällt. auch Lob freut mich, nur bringt mich das nicht unbedingt weiter.

es ist dies meine erste Kurzgeschichte. ich habe über ein Jahr daran gearbeitet, bin aber noch immer nicht zufrieden damit, sonst würde sie nicht hier stehen.

es würde mich vor allem interessieren ob das mit dem eingerissenen Fingernagel als stimmig empfunden wird.
auch der Absatz "Das nächste Angebot würde er annehmen...", wie kommt der an?

stören die vielen "würde" insgesamt?

wie wirkt das Wort "Sommerhimmelsurfnummer" auf den Leser?
sollte ich dies lieber auseinanderschreiben? also lieber "Surfnummer am Sommerhimmel"?

auch sonst würde es mir viel bringen wenn man mir auch die "Kleinigkeiten" die evtl. beim lesen störten/auffielen mitteilt.

Gruß
Alcedo



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#10

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.08.2006 11:38
von kein Name angegeben • ( Gast )
Lieber Alcedo,

deine Geschichte ist wirklich eine Perle- da schließe ich mich meinen Vorrednern an.
Mich besticht sie durch die unheimliche Dichte und nicht aufgesetzt wirkende Fülle deiner intensiven Beobachtungen. Indem du alles miteinander verwebst, in Beziehungen setzt, die Motive quasi verkettest, entsteht ein homogenes Ganzes.
(die Melone, das Messer, das Werfen, die Flucht- und Kampfgedanken, die Umgebung, die Hühner usw.)

Und dein Protagonist zeigt seine Gedanken, Gefühle nicht nur in verbaler Form sondern eben in sehr geschickt ausgewählten Detailhandlungen. (Essen, Werfen, Schauen, Vergleichen, Herumstochern, Blutlecken usw.)
Ich sehe beim Lesen Bilder (nicht nur aus meiner Kindheit mit Aufenthalten im Garten meiner Großeltern- mit der unendlich scheinenden Zeit) aus einem ungarischen Dörfchen am Balaton von mir (du gehst sicher von einem rumänischen Dorf aus- doch ich war noch nie da), in dem wir mal Urlaub auf einem Hof mit Obst- und Gemüseplantage und Hühnern gemacht haben.
Alles scheint voller Sonne, Duft von Früchten, flirrender Hitze und dem Gackern der Hühner zu sein.
Die Zeit steht still...wären bei dir nicht noch diese Fluchtgedanken, die erahnen lassen, dass es in der Zeit des Protagonisten eben nicht alles nur eitel Sonnenschein und Friede-Freude-Eierkuchen war.
Dieses Thema behandelst du ganz unterschwellig, fast nebenbei, so, als wäre es auch nur einfach ein kleiner blutender Fingernagel...
Auch das macht deinen Text so lesenswert...man ahnt einiges, ohne genau zu wissen und wird in eine spannungsgeladene Episode gezogen.

Ich kann nichts finden, was mich stört, sorry...obwohl du schier drum bettelst.
Ich sehe dies hier als das Kapitel für einen Roman an. Es wäre wünschenswert.

LG
B.

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#11

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.08.2006 19:31
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
hallo B.
und herzlich Willkommen hier im Forum!

ich habe mir großer Freude deinen Kommentar gelesen und danke dir für die Erläuterungen, die alle ausnahmslos zutreffen. am Ende hab ich mir vorgenommen nicht mehr zu "betteln".
einen Roman traue ich mir noch nicht zu (nur den Titel den hab ich schon!), aber meine Kurzgeschichten haben in der Tat etwas episodenhaftes - mal schaun.

habe auch kurz in einen deiner Texte geschaut. du scheinst auch eine Vorliebe für Zusammengesetzte Wörter zu haben ("Augenhöhlenherzensleere") da kann ich mir leicht zusammenreimen, dass dich meine "Sommerhimmelsurfnummer" nicht störte.
ich werde da noch abwägen und einige pro und contras gewichten.
deine Rückmeldung bedeutet mir viel.

liebe Grüße
Alcedo

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#12

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.08.2006 22:32
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Hallo Alcedo,

normalerweise machen meine zum Flimmern neigenden Bildschirmaugen einen Bogen um längere Texte. Aber diesen habe ich mir ausgedruckt und mit aufs Sofa genommen. Ich gebe meine Eindrücke einfach mal schnell und assoziativ wieder:

1. ein starker Text. Sehr sinnlich, anschaulich, anfühlig, anrüchig beschrieben. Viele Details, exakte und originelle Beschreibungen - unter der Genauigkeit (z.B. bei der Melonenbeschreibung) leidet ein bisschen die Spannung und vielleicht auch das Tempo, das einem Himmelstürmer gebührt... in der Beschreibung der pubertären Kraftstrotzigkeit zugleich ein bewegter und bewegender Text.

2. nach meinem Verständnis keine Kurzgeschichte. Eher eine Skizze, einer Charakterzeichnung. Es gibt keinen "plot" im engen Sinne, und keine abgeschlossene Handlung. Alles kreist um eine Person und deren Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken, alle anderen Personen bleiben blass. Klingt auch für mich eher wie die Einführung in einen Roman, in der der Himmelstürmer die Hauptrolle spielt. Man = Ich will jetzt auch wissen, was von den Jungenfantasien, z.B. den Fluchtplänen übrig bleibt. Die Geschichte ist auf Entwicklung angelegt: kann der Fußballheld auch im wirklichen Leben bestehen? Ich komme! Das ist ein Versprechen, das man dem Jungen abnimmt aber auch erleben möchte.

3. Kleinigkeiten, der Reihe nach:

*"Strafstoß" ist nach meinem Fußballwissen ein Elfmeter, hier ist aber wohl "Freistoß" gemeint

* wieso hechtet er "mit dem letzten Klimmzug" durch den Tabakblättervorhang? Vorher war noch gar nicht von Klimmzügen die Rede, und woran zieht er sich hoch?

*im 4. Abschnitt zu viel "würde" - da "würde" ich andere Konjunktive verwenden. Auch die Doppleung "anschauen" - "zuschauen" wirkt nicht sehr elegant. (Nach beiden Verben wie auch "bombadieren" fehlen die Kommata - überhaupt wäre die Zeichensetzung zu überprüfen: nach "Sonne" A5 ist z.B. ein Komma zu viel)

*Der Fluchtgedanke = der "Glatzkopfabschnitt" kommt etwas unvermittelt. Vor allem weil ich den Jungen bis dahin für ca. 12 - 14 Jahre hielt und mich frage, wie weit er sich ensthaft mit Fluchtgedanken auseinandersetzt.

*die Mimik und Gestik des jungen Götterhelden wirkt am Schluss etwas überzeichnet: das Haarezurückwerfen, der Messerwurf, das im Holz zitternde Messer, das Schnalzen, Kopf-über-die Schultern-werfen etc. macht dem Jungen ein bisschen zu einer Witzfigur, die den Helden mimt, wo er doch nur Klee für den Hasen holen soll.


Das alle sind nur schnellformulierte Einwände und spontane Gedanken, die den sehr positiven Gesamteindruck nicht schmälern sollen. Ich hoffe du kannst etwas damit anfangen.

Lieben Gruß, Ulli


P.S.
zu deinen Fragen:

die Sommerhimmelsurfnummer soll eine Sommerhimmelsurfnummer bleiben!

Ich verstehe es so, dass der Fingernagel beim Melonenauskratzen einreißt.

Oder habe ich wieder alles falsch verstanden?

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#13

Himmelsstürmer

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.08.2006 23:14
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
Ulli!

dankeschön!

von wegen Kleinigkeiten, von wegen:
*ich kannte nur Penalty (ist mir fast peinlich). es handelt sich hier um einen direkten Freistoß. das muss ich unbedingt ändern.

*das Hechten folgt natürlich n a c h dem letzten Klimmzug -> wird auch angepasst.

*an der Reduzierung der "würde"s werde ich auch arbeiten. den Rest schau ich mir noch an.

*den Glatzkopfabschnitt versuche ich grad ein wenig umzubauen. du bestärkst mich, mich hier weiter reinzuknieen in diese Schwachstelle.

*höre ich das erste Mal, dass diese Überzeichnung zu weit geht. andererseits war "ein bisschen Witzfigur" ja auch beabsichtigt, vor allem wenns klar wird, das der Protagonist jenseits der 16 sein muss.

damit kann ich s e h r viel anfangen, Ulli.
danke auch dass sich bei den Adjektiven in deinem Kommentar, "sinnlich" ganz vorne befindet.

sei mir lieb gegrüßt
Alcedo

P.S.: ich hab mich nicht unbedingt an Merkmale wie Plot, Plotpoint und Spannungsbogen gehalten, sondern mich reizte eher diese hohe Verdichtungsmöglichkeit ins komplexe, mehrschichtige. in einem Lehrbuch hatte Schnurre diesbezüglich von einem "Stück herausgerissenen Leben" gesprochen.
das entspricht meinen Intentionen.


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