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#1

Aus dem Staub

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 16.03.2006 14:22
von Olaf Piecho (gelöscht)
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Als der Maler Pawel Ott die Frau aus dem Staub hob, dachte er an sein Werk. Halb nackt und geschunden fand er sie, ihr Gesicht war zerkratzt, ihre rechte Brustwarze hing nur noch an einem Faden.

„Meine Heldin“, sagte Ott und trug die Frau in sein Atelier, „ich nenne dich Anfissa.“ Staunend betrachtete sie den hellen, warmen Raum. Bilder standen an den Wänden, die Staffelei am Fenster trug einen bespannten Rahmen, eine alte Tür auf zwei Holzböcken diente als Arbeitsplatz; es roch nach frischen Blumen und Terpentin. In der Mitte des Raumes lag nun Anfissa, auf einem roten Sofa, weich gebettet im künstlichen Paradies. "Hier kannst du schlafen; trink, wenn es dich dürstet, was du zu essen findest, soll deinen Hunger stillen. Nur um eines bitte ich dich: Lass meine Pinsel und Farben in Ruhe! Hörst du?“ Anfissa aß, trank, beobachtete Pawel und fiel in einen tiefen Schlaf. Träume vom Malen.

Bald darauf, Pawel Ott befand sich auf seinem nachmittäglichen Spaziergang, entdeckte Anfissa auf gespannter Leinwand ihren blonden Flaum; ihre rechte Brustwarze schwebte mitten im Bild, Konturen waren mit dünnen Bleistiftstrichen vorgezeichnet. Etwas stimmte mit den Proportionen nicht. Sie suchte nach einem Radiergummi. Ob die Korrektur bemerkt würde? Am nächsten Tag, wieder streunte der Maler über die Felder, zog sie Anfissas Brauen nach. Das konnte sie besser. Pawel stutzte, als er mit dem Galeristen Beckmann zurückkehrte. „Du malst Gorkis Anfissa? Viel versprechend, wirklich! Das wird dein Durchbruch, ich brauche es bis morgen!“ Der Maler schüttelte den Kopf. „Unmöglich!“ „Morgen oder gar nicht“, sagte Beckmann im Gehen, “das ist mein letztes Wort!“ Pawel zitterte. Er suchte seine Tröster, vergrub sich im blonden Flaum und ertrank in der Nacht.

Lautes Klopfen weckte am Nachmittag den Maler; Anfissa öffnete, Beckmann stürmte mit einem Kunden an ihr vorbei. „Habe ich zuviel versprochen?“, säuselte der Galerist. „Ganz außergewöhnlich! Beachten Sie den grünen Mond. Keiner malt so wie Pawel.“ Dann drehte er sich zum fassungslosen Maler und reichte ihm ein Bündel. „Hier, mein Lieber, dein Lohn.“

Noch einmal fiel Anfissa, geschunden, zerkratzt, verraten. Sie stand auf, machte sich aus dem Staub und gewann lachend die Welt.


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#2

Aus dem Staub

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.03.2006 08:31
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Olaf

Ich habe die Geschichte schon gestern gelesen und: Teufel, ich verstehe sie nicht!
Wer ist die Tussi? Tut mir leid, ich stehe manchmal auf der Leitung und übersehe die banalsten Hinweise.
Obwohl, geschrieben ist der Text gut.

Erklär ma`

LG Gem

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#3

Aus dem Staub

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.03.2006 10:41
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Olaf

Ich bin auch etwas ratlos, geht's da um M. Gorki oder vielleicht um "die drei Schwestern"? .... hm. Schwierig, sich darauf einzulassen, wenn (so) wenig Infos geliefert werden.

Du hast ein Faible für Wortspiele, stimmt's? Schon wieder ist der Titel in zweierlei Hinsicht zu verstehen. Zum einen, dass die Frau aus dem Staub geholt wird, zum anderen, dass sie sich am Ende aus dem Staub macht. Finde ich witzig und gelungen. Aber wie gesagt, es ist etwas wenig, was du dem Leser reichst. Vielleicht wäre es besser, du würdest den Hinweis gänzlich entfernen, weil er mehr verwirrt, als erhellt.

Gruss
Margot


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#4

Aus dem Staub

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.03.2006 10:50
von Olaf Piecho (gelöscht)
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Merci für dein Lesen, das kann ich mir vorstellen, dass nur wenige mit diesem Text klarkommen. Dieser Text ist schmucklos auf das Wesentlichste reduziert. Fast in jedem Satz steckt eine Metapher. Aber alles kann ich nicht erklären. Nicht nur, weil ich ein schlechter Erklärer bin.

Ein Künstler sucht für sein Werk Hilfe. Er sucht sich ein Modell, Literaten würde vielleicht ein Plott suchen. Eigentlich hatte das Bild im Kopf, doch er suchte nach Bestätigung, nach noch stärkerer Ausdruckskraft. Die Geschundene spürt in dem geschützten Raum ihre Lebenskraft und erinnert sich ihre Fähigkeiten. als der Maler unter Druck gerät, unfähig ist seine Kreativität zu zeigen, fragt sie nicht lange, und vollendet mit ihrer Fähigkeit sein Werk. Das Lob des Galeristen ist ihr Lohn, ist ihr Glück. Viele Künstler ertragen es nicht, wenn so nah jemand besser wird als er/sie selbst. Beckmann zum Beispiel verbot seinen Lebensgefährtinnen nach der Heirat das Malen, ihre Fähigkeit hatten sie ihm zu opfern...

Vielleicht entdecktest du ja noch mehr

Grüße von Olaf

P.S. in der Geschichte von Maxim Gorki hängt tatsächlich eine Brustwarze nur noch an einem Faden...ich fand den Ausdruck größter Vverletztheit zwar fast unerträglich, aber sehr gelungen.

Ach die Quelle noch: Drei Geschichten über Helden (1930)

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#5

Aus dem Staub

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.03.2006 11:08
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ja, das mit der Brustwarze hat mich auch schaudern lassen.
Zuerst dachte ich an das Blaubart-Thema, da er ihr verbietet, seine Pinsel zu benutzen. Dass er aber Angst davor hat, sie könnte besser sein, als er, das konnte ich aus dem Text nicht heraus lesen. Kann natürlich an mir liegen und muss nicht zwangsläufig heissen, dass du das nicht vermitteln konntest. Aber es ist schon ein bekanntes Thema, dass Männer damit nicht klar kommen, wenn die Frau die Bessere ist. Man kennt da ja viele Beispiele, die nicht nur ausschliesslich im künstlerischen Bereich liegen. Tja, diese Männer!

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#6

Aus dem Staub

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.03.2006 11:26
von Olaf Piecho (gelöscht)
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ich mache mir auch nichts aus ihnen...

er hatte keine Angst, da er es für unmöglich hielt. da es aber doch passierte, "schmiss" er sie dahin und so, wie er sie fand.

Anfissa allerdings kannte jetzt ihr Ziel und wußte was sie kann...

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#7

Aus dem Staub

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.03.2006 10:57
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Olaf,

im Gegensatz zu Deinen Wortwelten in Deinem Kohlenkeller-Gedicht gefällt mir Deine Sprache in dieser Geschichte ausserordentlich gut. Ich beneide Dich um die Fähigkeit, so schön kleine Details zu beschreiben, was ich bei gutem Erzählen für sehr wichtig halte.
Den Inhalt durchdringe ich auch nciht bis zum Letzten, aber ich sehe es einfach als Darstellung eines künstlerischen Schöpfungsprozesses. Das Werk ist für den Künstler, wie so oft, ein echtes Gegenüber, er personifiziert es, schlägt sich mit seinen Eigenheiten, seinem Charakter herum. Das Werk hat in der Entstehung gleichsam einen eigenen Willen. Das ist die Schitzophrenie des Künstlers, die Du hier sehr für mein Dafürhalten sehr gelungen darstellst, auch wenn ich gerne selbst etwas mehr verstanden hätte.

Schöne Grüße,
GerateWohl

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