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#1

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 12:36
von Olaf Piecho (gelöscht)
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"Du schläfst", sagte er leise. Er berührte mit den Fingern die Augen, strich über die bleichen Wangen, verweilte am schlanken Hals, fuhr weiter über die schmalen Schultern zu den jungen, kleinen Brüsten. Weich lagen sie in seinen riesigen Pranken; die kleinen Brustwarzen kitzelten seine Handflächen. Mehr, ich will mehr sehen, durchzuckte es ihn. Der Reißverschluss klemmte. Der Mann begann zu schniefen, seine Atemzüge wurden heftiger. Er zog den Verschluss ein wenig nach oben und versuchte es mit Schwung. Vielleicht half ein Ruckeln. Er probierte alle Varianten, die in seinem langen Leben erfolgreich das Öffnen eines verklemmten Reißverschlusses ermöglichten. Nichts half.

Der Mann öffnete die linke Brusttasche seiner Uniform und fingerte nach seiner Lesebrille. Er setzte sie auf seine Nasenspitze, beugte sich über das Mädchen, schob seine Mütze ins Genick und begutachtete das Problem. Eine Zange, dachte er, gibt es denn hier keine Zange? Sein Blick schweifte über den Brillenrand durch den gekachelten Raum. Keine Zange. In meiner Schublade liegt eine. Der Mann schaute auf seine Uhr. Mit einem langen Seufzer zog er den Reißverschluss wieder zu, schob den Karren in die Zelle und verschloss die Tür. Er griff zu seiner riesigen Taschenlampe, nahm den großen Schlüsselbund und schlurfte davon.

"Morgen. Morgen muss ich an die Zange denken."



Anmerkung: Geändert nach Hinweisen von Don's und Margot

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#2

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 13:10
von Krabü2 (gelöscht)
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Hallo Olaf!
*würg*! Das war mein erster Eindruck. Ein Leichenschänder in der Pathologie?! Krass!
Ich find' kaum Worte, auch und vor allem nicht für die Art, wie Du den Text geschrieben hast.
Ich bin richtig schwer beeindruckt,
das trifft es wohl am besten.
Hut ab, Olaf! (das ist meine Ehrfurch vor Deiner Schreibart[size=7] , keine Anspielung! *lach* [/size])

LG - U

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#3

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 17:08
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Olaf,

ich hatte ja zunächst an eine Jugendvollzugsanstalt für Mädchen gedacht, aber Bürstes Eingebung ist ja viel besser! Ich weiß nicht, ob das Deiner Intention entspricht, ich zumindest habe jetzt auch die Pathologie vor Augen .

Das passt aber auch besser, denn ich habe mich schon gewundert, warum von dem Mädel so gar nichts kommt - weder an Abwehr noch an Fügung. Auch kann ich mir den schwergängigen Reißverschluss des Leichensackes lebhafter vorstellen als den einer Hose.

Hm. Aber Zelle? Warum sollte man die Leichen in Zellen sperren? Okay, passt wohl doch nicht... aber die Psychatrie könnte alles unter einen Hut bringen: das Schlafen wäre dann nicht übertragen gemeint (wie erst von mir überlegt), sondern tatsächlich. Vermutlich ist das Mädchen sediert, was wiederum erklären würde, warum nichts von ihr kommt. Und Zellen gibt es dort auch...

Egal ob Psychatrie, Pathologie oder Vollzugsanstalt, was mir gefällt ist diese abgeklärte Ruhe des Protagonisten, der so entspannt zu Werke geht, dass man eigentlich gar nicht glauben möchte, dass er womöglich etwas Verbotenes macht. Das ist sehr geschickt umgesetzt. Und der verweis auf den morgigen Tag macht die Geschichte länger als sie ist, da man zumindest kurz darüber nachsinnt, was dann wohl genau passiert.

Wie ein Fremdkörper wirkt auf mich die Frage "Schniefte der Mann?". Wer fragt das? Der Mann kann es nicht sein, er würde wohl merken, wenn er schniefte. Der Erzähler? Das macht auch keinen Sinn, schließlich gibt es keine Hinweise, dass die Geschichte nicht von einem allwissenden Erzähler erzählt würde....

Gern gelesen,

Don

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#4

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 17:45
von Olaf Piecho (gelöscht)
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Hallo Don,

wohin schiebt man eigentlich die Leichen? In die (Kühl-)Zelle? Oder findest du dafür ein anderes Wort?

Da hast du dir ja genau den Satz raus gepickt, den ich hier online geändert haben. Und natürlich hast du Recht!

Original stand da: "Der Mann schniefte, seine Atemzüge wurden deutlich hörbar. Er zog den Verschluss ein wenig nach oben und versuchte es mit Schwung."

Merci für deinen Kommentar, hat mir sehr geholfen.

Grüße von Olaf

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#5

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 18:05
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte

Zitat:

Olaf Piecho schrieb am 15.03.2006 17:45 Uhr:
wohin schiebt man eigentlich die Leichen?



Solche Fragen machen mir Angst ...

Aber "Zelle" erscheint mir nicht passend, eher der Kühlraum oder die Leichenhalle. Bei Zelle denke ich immer an einen Ort, der die Funktion hat, jemanden einzusperren. Ich vermute demnach, das Mädel war doch tot? Würde mir grundsätzlich ja besser gefallen .

Deine Änderung macht Sinn. Schön, dass ich Deinen wunden Punkt getroffen habe, hehe.

Don

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#6

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 18:11
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Olaf

Was mir hier auffällt ist, dass er sich die Brille auf die Nase setzt nur um über ihren Rand zu sehen. Das hätte ich weggelassen, da es für meine Begriffe keinen Sinn ergibt.
Erzählt ist die Geschichte doch schön, obwohl sie etwas kurz ist. Aber es ist eine runde Sache ohne Übertreibung.

LG Gem

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#7

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 19:50
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Tach Olaf

Ich finde den Titel gut, er fügt sich ein, weil seine Bedeutung etwas von der Einstellung des Protagonisten zum Leben vermittelt. Weiter sehen, nicht nur bis zur Nasenspitze. Würdest du das im Text nicht erwähnen (Kritik von Gem) könnte man den Bezug dazu nicht herstellen.

Ein paar Anmerkungen zum Formellen, über den Inhalt wurde ja schon reichlich palavert.


Du schläfst, sagte er leise. (Grunsätzlich würde ich direkte Rede immer kennzeichnen, das erleichtert das Lesen ungemein.)

Er berührte mit seinen (überflüssig, 'den' wäre passender) Fingern die ('ihre' vielleicht, wenn du das schon preis geben möchtest) Augen, strich über die bleichen Wangen, verweilte am schlanken Hals, fuhr weiter über die schmalen Schultern zu den jungen (Koma) kleinen Brüsten. (Vielleicht mit Strichpunkt arbeiten, da es eine recht lange Aufzählung ist).Weich (wenn sie tot ist und schon länger dort liegt, ist sie wohl ein bisschen steif, nicht? *g) lagen sie in seinen riesigen Pranken, (neuer Satz) die kleinen Brustwarzen kitzelten seine Handflächen. Mehr, ich will mehr sehen, durchzuckte es ihn. Der Reißverschluss klemmte. Der Mann begann zu schniefen (schlechte Wortwahl, lässt mich an Grippe denken, so wie ich's verstehe, erregt ihn das, da schnieft man nicht) , seine Atemzüge wurden deutlich hörbar (das klingt, als würde der Erzähler das einem Dritten erklären. Weshalb nicht einfach: heftiger, lauter, tiefer ... etc. ?). Er zog den Verschluss ein wenig nach oben und versuchte es mit Schwung. Vielleicht half ein Ruckeln. Er probierte alle Varianten, die in seinem langen Leben erfolgreich das Öffnen eines verklemmten Reißverschlusses ermöglichten. Nichts half.

Der Mann öffnete die linke Brusttasche seiner Uniform und fingerte nach seiner Lesebrille. Auf der Spitze seiner Nase saß sie nun, so dass er über den Brillenrand schauen konnte, (Zu viel und zu umständlich erzählt. Er setzte sie auf seine Nasenspitze und schaute über den Rand .... geht doch auch). Er beugte sich über das Mädchen, schob seine Mütze ins Genick und begutachtete das Problem. Eine Zange, dachte er, gibt es denn hier keine Zange? Sein Blick schweifte durch den gekachelten Raum. Keine Zange. In meiner Schublade liegt eine. Der Mann schaute auf seine Uhr. Mit einem langen Seufzer zog er den Reißverschluss wieder zu, schob den Karren in die Zelle und verschloss die Tür. Er griff zu seiner riesigen Taschenlampe, nahm den großen Schlüsselbund und schlurfte davon.

Morgen. Morgen muss ich an die Zange denken.

Soweit von mir. Das sind übrigens lediglich meine persönlichen Tipps und müssen nicht unbedingt umgesetzt werden.

Gruss
Margot


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#8

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 20:03
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
So habe ich das nicht gesehen. Trotzdem finde ich, dass diese Passage verwirrend ist. Wenn das Komma anders gesetzt wäre, würde es noch gehen. ...saß sie nun so, dass er über den Rand sehen konnte.
So wie es beschrieben ist, ist es meiner Meinung nach nicht richtig, denn es sugeriert mir, dass er die Brille nur aufsetzt um über den Rand zu sehen.



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#9

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 20:24
von Olaf Piecho (gelöscht)
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Gemini, Don und Margot, ich bin euch sehr dankbar.
Endlich bin ich ein Stück weitergekommen. Dinen Einwand, Gemini, bezüglich der Brille ist berechtigt, er setzt die Brille ja tatsächlich deshalb auf, und sich das Problem näher betrachten zu können. Der Blick über den Brillenrand folgt später, die Bedeutung wird sogar noch verstärkt.

Nach der Leichenstarre (die nur einige Stunden dauert) wird der Körper wieder beweglich (und die Brüste wieder weich).

@Don: Tote liegen tatsächlich in Kühlzellen, aus Krimis wird dir das bekannt sein....

vielen Dank und Grüße von Olaf

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#10

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 20:28
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Olaf

Ja, so gefällt mir die Geschichte besser.

LG Gem

Ps.: Aber sie hätte sich vielleicht wirklich eine Fortsetzung verdient?

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#11

Über den Brillenrand

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.03.2006 20:55
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Die heißen echt Kühlzellen? Das wusste ich nicht, ich hätte sie schlicht Kühlfächer genannt... auch wenn mich das irgendwie unangenehm an meinen Kühlschrank erinnert.


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