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#1

Paranoia II

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.03.2006 06:25
von Roderich (gelöscht)
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Paranoia II


Ein wenig verwirrt steht er am Flughafen, die Griffe seiner Koffer fest umklammert, so dass die Knöcheln weiß hervortreten, den Blick hat er suchend auf die vielen Glastüren gerichtet, die sich ihm anbieten. Er entscheidet sich für eine Tür in seiner Nähe und tritt hinaus in den Wind, in die Kälte, auf die Straße, nach New York.
Rasch hat er das System durchschaut – anstellen, wo die meisten Menschen stehen, warten, bis einer der freundlichen Helfer ein Taxi zugewiesen hat, hinten einsteigen (alle setzen sich auf die Rückbank, niemand vorne zum Fahrer), Ziel nennen. Als er selbst an der Reihe ist, entdeckt er sofort, dass der Fahrer, der ihm zugewiesen wurde, Moslem ist. Turban, wallender schwarzer Bart, dunkle Haut. Für einen kurzen Augenblick ist er ein wenig besorgt. Nine eleven. Wie von Geisterhand in sein Bewusstsein gebracht. Nine eleven. Nine eleven. Und dann die Erinnerung an brennende dänische Botschaften. Wütende Moslems, die Fahnen westlicher Länder verbrennen.
Du Narr, schilt er sich, versucht, die Bilder aus seinem Kopf zu bekommen. Wie war das mit den Stammtischrunden, bei denen er sich immer lautstark und vehement für Toleranz und Gleichberechtigung eingesetzt hat, gegen seine besten Freunde, alles nationalistische Sturköpfe? Hat er sich nicht immer überlegen gefühlt dank der Bildung, die er genossen hat? Von sich geglaubt, vorurteilsfrei seine Meinung über andere Menschen bilden zu können? Und nun sitzt er hier, in diesem gelben, schmutzigen Taxi, vor sich einen armen Schlucker, der vermutlich durch das Taxi fahren kaum genug Geld verdient, um seine drei, vier Kinder über die Runden bringen zu können, der freundlich lächelt und auf weitere Instruktionen wartet. Er sitzt hier und verdächtigt diesen Taxifahrer nur aufgrund seines Turbans, seines Bartes, seiner dunkleren Haut, ein Terrorist zu sein.
Er schüttelt den Kopf, schämt sich, versucht es sich nicht anmerken zu lassen. Er nennt sein Ziel, Midtown Manhattan, korrekte Straßenbezeichnung, vollständige Adresse, doch er spricht zu leise und der Taxifahrer muss nachfragen. Ohne dabei auch nur den Bruchteil einer Sekunde das Lächeln zu lassen. Er sammelt sich, schüttelt allen Argwohn von sich ab wie eine lästige Katze, die ihm auf dem Buckel sitzt, nennt sein Ziel mit lauter Stimme – übrigens eine sehr schöne, tiefe, feste Stimme, ein lupenreiner Bariton – und, als Kompensation für seine eigenen Vorurteile, als Wiedergutmachung für etwas, wovon der Fahrer als Opfer nichts weiß, beginnt er mit dem Taxifahrer zu plaudern. Zunächst die allgemeinen, belanglosen Dinge. Wie ist der Verkehr heute? Wie lange werden wir brauchen? War es die letzten Tage auch schon so kalt? Was muss man in New York unbedingt gesehen haben?
Irgendwann, irgendwo in Queens auf einer verstopften Straße, auf der kein Vorwärtskommen ist, wird das Gespräch persönlicher. „Wie lange leben Sie schon in den Staaten?“ „Ich bin hier geboren“ lautet die Antwort. Das Lächeln hat der Fahrer mittlerweile aufgegeben, während der Fahrt hat er einen konzentrierten Gesichtsausdruck aufgesetzt, der besser zum Verkehr passt.
„Sie sind also hier geboren – und Ihre Eltern?“
„Meine Familie kommt aus dem Iran. Mein Bruder ist dorthin zurück gegangen, um eine eigene Familie zu gründen.“
„Warum ist er nicht in den Staaten geblieben? Hier lebt es sich doch viel besser als im Iran, nehme ich an.“
„Zu viel Angst.“
Daraufhin schweigen beide. Während der Fahrer konzentriert nach vorne starrt und sein Taxi in halsbrecherischem Zickzack durch die sich nun wieder wogende Straße lenkt, blickt sein Gast aus dem Fenster, lässt Häuser an sich vorüberziehen, andere Autos, Passanten. Nach einer Weile traut er sich dann doch:
„Angst wovor?“
„Vor den Amerikanern, natürlich. Weil sie vor uns Angst haben. Wegen Nine Eleven. Alles ist anders geworden, alles ist viel komplizierter.“
Dann stecken sie wieder im Stau fest und der Fahrer dreht sich um. Seine dunklen Augen blitzen, er holt tief Luft, setzt an:
„Meine Familie lebt hier seit fast vierzig Jahren. Ich bin hier geboren, mein Bruder auch. Mein Vater arbeitete dreißig Jahre für eine Holz verarbeitende Fabrik, ehe er in den Ruhestand ging. Zum Abschied hat ihm der Direktor persönlich die Hand geschüttelt. Mein Vater hat in der Firma etwas bedeutet, er war der Big Man, den alle fragen konnten, wenn sie nicht mehr weiter wussten. Ein bisschen war er wie ein Onkel für alle Mitarbeiter und nie hat sich jemand um seine Hautfarbe oder seine Religion geschert. Am Anfang natürlich schon – als meine Eltern in die Staaten gezogen sind, war das eine kleine Sensation. Die Leute hier waren Moslems nicht gewohnt, aber nach einer gewissen Eingewöhnungszeit ist man miteinander ausgekommen. Doch dann war Nine Eleven. Der Terroranschlag. Und plötzlich waren wir alle Terroristen. Ganz gleich, was wir gesagt haben oder getan haben – alle waren wir direkt oder indirekt mit Osama in Verbindung. Alles Mittelsmänner, alles Selbstmordattentäter. Wir alle – ob nun mein Vater, meine Tochter, Mr. Patel vom Supermarkt in meiner Straße. Ich kann meinen Bruder verstehen, dass er es nicht ausgehalten hat.“
Nach diesen Worten dreht er sich um, die Kolonne setzt sich wieder in Bewegung. Sein Gast grübelt eine Weile über das Gesagte, fragt dann in die Stille:
„Wie sehen Sie die Terrorakte? Ich meine, können Sie verstehen, was die Leute dazu bewegt hat?“
„Ich bin nur ein einfacher Taxifahrer. Ich bin ein gläubiger Mann, ich bete jeden Tag zu Allah, ich besuche die Moschee, so regelmäßig ich kann – aber erwarten Sie nicht, dass ich Seinen Willen immer verstehe. Warum soll es anderen, ja, selbst Osama anders gehen? Osama hat gedacht, er hätte Allah verstanden und deshalb so gehandelt. Doch wer versteht Allah schon wirklich außer Allah selbst?“
„Sie distanzieren sich also nicht von den Anschlägen?“
„Ich distanziere mich von gar nichts, ich fahre nur mein Taxi, das ist alles. Erwarten Sie nicht von mir, dass ich richtig von falsch unterscheiden kann, wenn es um solche Dinge geht. Ich muss nur wissen, wie ich von hier nach dort komme, wo links ist und wo rechts, damit ich mein Taxi richtig steuern kann. Mehr brauche ich nicht. Ich kann nur sagen, dass es schwer geworden ist, seit wir alle in eine Schublade gesteckt werden. Vielleicht hätte ich tatsächlich eines der Flugzeuge gelenkt, wenn ich es gekonnt hätte und wenn mich Osama zu überzeugen versucht hätte. Ich bin ein einfacher Mann, wenn mir jemand die Dinge erklären kann, so dass ich sie verstehe, dann bin ich bereit, ihm zuzuhören. Aber Tatsache ist nun mal, dass ich nie im Leben daran gedacht habe, den Menschen, unter denen ich hier lebe, etwas Böses tun zu wollen. Aber was weiß ich schon?“
Darauf schweigt der Fahrer, alle Versuche, ihn weiter zum Reden zu bringen, scheitern. Er müsse sich nun auf den Verkehr konzentrieren, sagt er. Der Gast lehnt sich nach vorne, umklammert die Rücklehne des Vordersitzes, ist unruhig. Warum hat sich dieser Kerl hier nicht zu einer klaren Aussage gegen den Terrorismus bewegen lassen können? Was soll dieses Gefasel, dass er nur ein einfacher Mann sei und nichts verstehen könne? Warum nicht einfach Schwarz oder Weiß? Warum dieses undefinierbare Grau? Was hat er zu verbergen?
Und mit einem Mal bekommt es der Fahrgast mit der Angst zu tun. Nine Eleven. Nine Eleven. Es könnte auch ein Taxi sein. Natürlich – ein gelbes Taxi. In das Empire State Building. Mitten rein. Im Kofferraum vielleicht Bomben gepackt. Er hat zwar den Kofferraum gesehen, hat selbst seine Koffer hinein gehoben, aber man weiß nie. Unterhalb vielleicht. Ein doppelter Boden. Alles möglich. Diese Burschen sind erfinderisch. Empire State Building. Nine Eleven. Was ist heute für ein Tag? Der Elfte? Unmöglich. Absurd. Das Empire State Building. Na klar, die anderen Türme haben sie ja schon erledigt. Die nächste große Bastion des Kapitalismus. Sein Symbol. Obwohl er kein Amerikaner ist. Nine Eleven. Nine. Wie heute. Turban. Allah. Moslem. Dänemark. Flaggen. Feuer. Bomben. Flugzeug. Taxi. Empire. State. Building. Genau. Hier. Vor. Seinen. Augen.
„Lassen Sie mich hier raus“, ruft er plötzlich.
„Hier?“, ist der Fahrer verwundert. „Das ist nicht die richtige Adresse. Das ist sogar noch ein ziemliches Stück entfernt von der Straße, die Sie mir gesagt haben.“
„Egal, ich will hier raus.“ Er bezahlt den verdutzt blickenden Fahrer, hebt eilig seine Koffer aus dem Auto, stellt sich an den Straßenrand. Ich gehe zu Fuß, denkt er bei sich. Auch, wenn es hundert Blocks sind. Ich gehe zu Fuß. Er sieht das Taxi um die Ecke verschwinden, ist erleichtert. Dennoch halten seine Hände die Koffergriffe dermaßen fest, dass das Weiß der Knöchel hervortritt. Ein paar Blocks vor ihm türmt sich majestätisch das Empire State Building in den Himmel.
Als er ein Flugzeug hört, zuckt er zusammen.

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#2

Paranoia II

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.03.2006 08:20
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Rod

Diese Geschichte hätte ich nicht aus der Perspektive eines Erzählers, sondern aus der des Protagonisten erzählt. Ich weiß momentan nicht, ob deine andere "Paranoia" Geschichte auch aus der Erzählerperspektive erzählt wird (Mann, das nenne ich Deutsch )
Obwohl ich denke, dass du das tatsächlich selbst erlebt hast, finde ich die Geschichte doch etwas übertrieben. Dass der Taxifahrer sich nicht von den Anschlägen distanziert, empfinde ich wieder als gelungen.
Wenn sich jemand selbst als dumm bezeichnet, ist oft höchste Vorsicht bei demjenigen geboten.
Vielleicht solltest du diese Geschichten besser schreiben, wenn du wieder zuhause bist und etwas Distanz zu dem Land hast (bei einer Speckjause ).
Mein Vorschlag: Mach doch eine Serie, die du Reiseberichte nennst, aus deiner Perspektive erzählt.
Also, Autobiographisch.
So würde mir das ganze Konzept viel besser gefallen.

LG Gem

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#3

Paranoia II

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.03.2006 15:01
von Roderich (gelöscht)
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Servus Gem,

ui - wenn mich sogar schon die Österreicher verlassen, wer bleibt mir dann noch?

Nun, zu deinen Anmerkungen und deiner Kritik, für die ich natürlich wieder sehr dankbar bin, da sie mich noch mal zu einem intensiveren Auseinandersetzen mit meinem Text führen:

Was die Erzählperspektiven betrifft, so wird der nächste Teil ebenfalls in der dritten Person gehalten, während der letzte, abschließende Teil in der ersten Person erzählt werden wird. Das Ganze hat für mich schon einen Sinn - ich habe mir (tatsächlich, ausnahmsweise) mal was gedacht beim Schreiben. Auf diese Art und Weise versuche ich, alle Menschen miteinzuschließen. Ich weiß nicht, ob das nun verständlich rüber kommt, aber geplant ist es jedenfalls so, dass der Leser durch die wechselnden Erzählperspektiven auch gezwungen werden soll (soweit man einen Leser überhaupt zu etwas zwingen kann ...), die Paranoia auch anhand unterschiedlicher Facetten wahrzunehmen.

Weiters: Reiseberichte sind die Paranoia-Texte keineswegs. Zwar sind die Texte von unterschiedlichen Begegnungen, Situationen inspiriert, doch das hier Erzählte ist nicht selbst erlebt, sondern rein fiktiv. Mir geht es darum, die Paranoia, die latent unter der gesellschaftlichen Oberfläche mitschwimmt, greifbar zu machen und bediene mich hierbei - gut, hier sind die Schelte wohl berechtigt - dem Mittel der Übertreibung, um meine Punkte klarer herausarbeiten zu können. Vielleicht male ich in zu grellen Farben (was allgemein ein Problem bei meiner Schreibe darstellt). Andererseits möchte ich den Leser dazu herausfordern, Fragen zu stellen, seine eigenen Einstellungen zu überdenken. Hierzu muss ich ihn auch ein wenig anstupsen - er reicht meiner Ansicht nach nicht aus, ihm ein Easy Reading vorzusetzen, bei dem alles einfach und logisch nachzuvollziehen ist. Was ich nicht will, ist, dass der Leser meine Sachen liest, gedanklich dazu nickt und sie abhakt. Dennoch werde ich natürlich versuchen, meine Fabulierlust ein wenig im Zaum zu halten - zu viel ist zu viel, da gebe ich dir Recht.

Zu dem Konzept an sich: Nun, meine Idee ist es, mich von einer Makroebene der Angst, die Terrorismus explizit als Gegenstand haben und - wie in Paranoia I - auch tatsächliche Bedrohungen darstellen, auf eine Mikroebene vorzuarbeiten, auf der die Angst abstrakter wird, in der die Paranoia nicht mehr durch tatsächliche Ereignisse begründet werden kann, sie vielmehr eine psychische Entartung ist. Deshalb auch die Erzählperspektiven, die vom Ansprechen des Lesers (im Falle einer tatsächlichen Bedrohung) bis zur eigenen, psychotischen Paranoia in der ersten Person, die durch nichts mehr erklärt werden kann, reichen.

Schreiben muss ich die Texte übrigens jetzt, so lange ich sie noch in meinen Adern pulsieren spüre. Für eine Speckjause bin ich zwar immer zu haben, aber ich befürchte, dass ich bis dahin meine eigene Neurosen abgelegt habe und so die Texte nicht mehr schreiben kann.

Ich danke dir jedenfalls sehr für deine Auseinandersetzung mit meinem Text.

Viele Grüße

Thomas

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#4

Paranoia II

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 09.03.2006 18:31
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hi Roderich,
ein gelungener Text, wie ich finde. Mir stellte sich die Frage, was Menschen hier jüdischer Abstammung wohl von uns Deutschen denken oder was auch ausländische Mitbürger denken mögen... darüber machen wir uns keine Gedanken: wir sind, wie wir sind, und wir haben doch damit nichts zu tun...
Eigenartig ist, dass wir uns zu wenig vorstellen können, was wir evtl. schon angerichtet haben könnten mit Vorurteilen, wie wir wirken auf unser Gegenüber in unseren Denkweisen, was wir übermitteln und wem wir gegenüberstehen. Wir haben viel zu viel Zensur in Nachrichten, auch dort, selbst in Berichten oft, von der Regenbogenpresse ganz zu schweigen. Aber weit ab davon scheint unsere Denkweise oft nicht zu sein... Oder?
Ja - das waren meine Gedanken dazu.
Es sind ein paar Unachtsamkeiten in der Story, grammatikalischer Natur vor allem. Es wäre schade, Du würdest das nicht noch ändern... irgendwann :-)
LG
KB

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#5

Paranoia II

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 10.03.2006 02:45
von Roderich (gelöscht)
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Hallo Kratzbürste,

es freut mich, wenn du den Text als gelungen erachtest - hab vielen Dank dafür! Und auch für deine Gedanken dazu, die ich durchaus teilen kann. Ja, die Vorurteile - wenn sich der Mensch davon befreien könnte, wäre alles viel einfacher. Wenn.

Und danke fürs aufmerksam machen bezüglich der grammatikalischen Unachtsamkeiten. Werde mir den Text natürlich gleich noch einmal durchsehen. Falls ich nichts finden sollte, denn manche Mal sind mein Deitsch nicht die Beste, bitte ich dich um ein paar dezente Hiebe mit dem Holzhammer auf die betreffenden Stellen.

Viele Grüße

Thomas

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