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#1

Einfach

in Philosophisches und Grübeleien 06.03.2006 14:27
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Einfach

Die Welt wär einfach, wenn ich einfach sähe
Ich sitze häufig nicht in meiner Nähe
Ich hänge zwischen dem, was war, und jetzt
Anstatt zu leiden bin ich bloß verletzt

Ich setz den Schmerz in kissenweiche Worte
Ich geb der Angst die glitzerndste Eskorte
Selbst meine Lust wird bruchsicher verpackt
Ich trage Rüstung und bin innen nackt

Ich bin verrückt in Vor- und Zwischenräume
Seitdem ich denke, treib ich ab und träume
Ich kann nicht klagen, dass mir nichts geschähe
Es wär so einfach, wenn ich einfach sähe

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#2

Einfach

in Philosophisches und Grübeleien 06.03.2006 15:51
von Joame Plebis | 3.478 Beiträge | 3363 Punkte
Hallo Ulli!

Ich versuchte Deinen Gedanken zu folgen,
was mir bei der vorletzten Zeile nicht ganz gelang.

(Nebensächlicher: ein Komma, ein verschlucktes >i< und der Schlußpunkt)

Mir gefällt es! Weniger die Ausdrucksweise in Zeile 7 und das >treib< in Zeile 10.
Ich weiß, eine Menge Arbeit bis fast unmöglich, es ganz ideal hinzubekommen.

Freundlich grüßt
Joame

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#3

Einfach

in Philosophisches und Grübeleien 06.03.2006 16:03
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Einfach gut, Ulli, jedenfalls im Großen und Ganzen. Und das ist hier der weitestgehend einfach verpackte Inhalt. Weitestgehend, weil zur Mitte hin und von dieser weg ein einfacher Paarreim mit einfachen Reimworten regiert, der sich zum Ende sogar beinahe wiederholt. Im Mittelvers finden sich interessantere Reime, was denn auch unterstützt, dass die ganze Sache nicht so einfach ist, wie sie zunächst anmutet.

Alleine schon die Doppeldeutigkeit der Wendung "einfach sehen", wozu das lyrI nach eigener Anschauung nicht imstande ist, zeigt, dass es für das lyrI alles andere, als einfach ist. Denn es hängt zwischen den Zeiten und allen Stühlen, selbstbejammernd, obwohl unfähig zu echtem Leid.

Die Mittelstrophe mutet mich poetologisch an. Das lyrI tritt hier für mich als alter ego des Dichters auf, der sich selbst kritisiert, weil seine Verse vermeintlich von sich selbst, von seinem eigenen Leid abgehoben, nur schmückender Zierat sind. Hier sind drei glänzende Formulierungen vereint, wobei der Druckfehler bei der glitzernden Eskorte noch behoben werden muss. Zeile 3 fällt da leider sehr aus dem Rahmen, ist sprachlich ungewandt und etwas kindlich und die Elision des Wörtchens keinen ist happig und riecht eher nach Unvermögen. Das solltest du dringend ändern, da das ansonsten eine Mörderstrophe ist.

Strophe 3 kehrt zur Einfachheit zurück, wobei ich sie hier lieber als wunderbare Schlichtheit bezeichnen möchte. Starker, wiederum doppeldeutiger Auftakt in Zeile 1, der auch einen Rückgriff/Bezug auf S1Z3 nimmt, der in Zeile 2 zur vorweggenommen conclusio führt: Trotz aller Erkenntnis, ist das lyrI unfähig zu Veränderung, dafür denkt es zu viel und zu wenig konsequent. Nicht, dass nichts geschähe, nur kann und kann das lyrI es einfach nicht (einfach) sehen.

Wunderbar und ganz große Klasse, wenn du S2Z3 noch in den Begriff kämest, ohne es allzu sehr zu vereinfachen.

DG
Mattes

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#4

Einfach

in Philosophisches und Grübeleien 07.03.2006 14:55
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Danke, Mattes, für die klare Ansprache an den komplizierten Dichter. Er dankt dir mit der sofortigen Auswechslung der 3. Zeile aus Strophe 2.

Das hat mich einigen Schweiß gekostet, aber das ist wohl der Preis auf dem Weg ins Einfacherererere...

P.S.
Du musst jetzt einfach nur nicken.

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#5

Einfach

in Philosophisches und Grübeleien 07.03.2006 14:59
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
*nickt

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#6

Einfach

in Philosophisches und Grübeleien 07.03.2006 16:41
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hi Ulli,

das ist doch mal ein Beleg dafür, dass ein Paarreim auch anders als plump daherkommen kann. Womöglich liegt es daran, dass ich beim Lesen in fast jeder Zeile ein Pause einlege und die Zeilen somit zusätzlich nochmal gestreckt sind... ich weiß es nicht, auf jeden Fall liest es sich gut.

Formal ist es sauber gestrickt, durchgehend 5-hebiger Jambus, die Reime selbst sind alle rein. Die Eskorte ist noch immer "glitzend", aber ich vermute dennoch, dass das ein Tippfehler ist.

Das lyrIch scheint sehr verletzlich zu sein ob eines bestimmten Ereignisses, auch wenn es sich nach Außen nichts anmerken lässt. Das Frühere im Vergleich zum Jetzt, der Schmerz oder auch das Verrückt-sein (wirklich hübsch formuliert) deuten für mich darauf hin, dass dem lyrIch nicht schon immer der Blick verwischt war... es scheint, als müsste eigentlich etwas verarbeitet werden, dem es sich aber nicht stellt sondern stattdessen gute Miene macht. Denn jedesmal, wenn es nachsinnt, verschwimmt ihm der Sinn und er steht neben sich.

Das Wiederaufgreifen der ersten Zeile am Ende macht nachdenklich, ansonsten beeindruckt mich vor allem die transportierte Stimmung (ups, ich meine, das habe ich schon einmal zu einem Deiner Gedichte geschrieben ).

Gern gelesen,

Don

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#7

Einfach

in Philosophisches und Grübeleien 07.03.2006 16:54
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Merci vielmals, Don,

das mit der gut transportierten Stimmung darfst du immer wieder zu all meinen Gedichten schreiben auch deiner Analyse kann ich nicht widersprechen, das "Glitzern" hab ich jetzt hoffentlich hingekriegt, und dass du Pausen gelesen hast, freut mich besonders, denn ich hatte in der ursprünglichen Fassung jeden Vers in der Mitte gebrochen, so:

Die Welt wär einfach,
wenn ich einfach sähe.

Ich sitze häufig
nicht in meiner Nähe


usw.


um die Sinnsprünge klarer zu machen,

das wurde mir dann aber zu bedeutungsschwer und so nun diese Fassung.

Beste Grüße, Ulli



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