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#1

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 30.12.2005 23:52
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte


    Nur träumen kann ich dann nicht mehr


    Im Frühling fällt der Regen wieder milder
    und vor den Fenstern werden Blumen blühn.
    Auf Pflastersteinen spriessen bunte Bilder
    und silbrig hell wird die Kaskade sprühn.

    Im Park ertönt der Lerche frohes Singen
    und vor der Stadt spielt man ein Zirkuslied.
    Der Südwind wird die lauen Nächte bringen
    und weckt das Lachen, das heut leis verschied.

    Doch hinter weissgetünchten Fensterläden
    liegt dieser Raum verdüstert, menschenleer.
    Ich knüpfe auch im Dunkeln meine Fäden,
    nur träumen kann ich dann nicht mehr.



    (c) Margot S. Baumann

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#2

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 31.12.2005 10:39
von Joame Plebis | 3.477 Beiträge | 3363 Punkte
Liebe Margot!

Wenn auch der Schatten Deines Gedichtes nachwirkt, so ist es ein schönes Gedicht.
Deine Art sagt mir vielleicht deshalb so zu, weil sie mich gelegentlich an Eigenes erinnern läßt.

Da ich Deine konkreten Gedanken, die damit verbunden sind,
nicht exakt nachvollziehen kann, ist es auch schwer, zu Fehlerlosem eine kleine Änderung vorzuschlagen oder in Erwägung zu ziehen.

Mein Blick wurde zurückgeführt zu dem Satz:

Zitat:

und weckt das Lachen, das mir heut verschied

,
der ein wesentliches Element darzustellen scheint.

Freundlichen Gruß!
Joame


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#3

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 31.12.2005 11:51
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Margot,

wahrscheinlich ist die Interpretation zu platt, aber ich habe den Eindruck, dass hier der Geist eines jüngst verstorbenen lyrischen Ichs spricht. Es spricht vom Frühling, den es nicht mehr erleben wird. Ja, es ist wie ein Geist eines Verstorbenen, der in einem daher menschenleeren Raum sitzt, und ich muss sagen, ich mag diese Vorstellung, und vor dem Hintergrund finde ich das Gedicht sehr gelungen.
Und ich danke Dir sehr, dass das Ich seine Fäden im Dunkeln nicht webt, sondern knüpft.

Lieben Gruß,
GerateWohl

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#4

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 31.12.2005 13:18
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ein Hallo den Herren

Besten Dank für die Rückmeldungen. Tod, ja .... das kann man da sicher heraus lesen. Ob einer Person oder eines Gefühls überlasse ich dem Leser. Freut mich, wenn's euch gefällt. Komische Gedanken kommen einem zuweilen am letzten Tag im Jahr, nicht?

Danke für den Vorschlag Joame, ich werde mir das durch den Kopf gehen lassen. Das 'mir' gäbe der Zeile eine andere Bedeutung, nämlich dass das Lachen spezifisch dem lyr. Ich abhanden gekommen ist. Mal sehen ..... ach ja, und ich schreibe (hier) nicht über mich. Das ist "lediglich" gedichtet.

Beste Grüsse
Margot

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#5

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 31.12.2005 14:45
von Joame Plebis | 3.477 Beiträge | 3363 Punkte
Liebe Margot!

Ich stelle mir nie die Frage, ob die Schreiber Persönliches oder aus der Phantasiewelt vorstellen.

Aus meiner Erfahrungssicht kann ich nur berichten, bei einem ernsthaften Gedicht ist Einfühlen, Gefühle nachvollziehen ein so wesentliches Element, daß unwichtig wird, ob es dem Dichter tatsächlich widerfuhr oder ob es sich um 'Dichtung' handelt.
- Auf jeden Fall hat er es erlebt, für ihn ist es Wirklichkeit samt allen damit verbundenen Empfindungen.

Herzlichen Gruß mit lieben Wünschen!
Joame

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#6

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 01.01.2006 10:57
von Stigma (gelöscht)
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Hallo Margot,

auch mir gefällt dieses Gedicht gut. Du lenkst zu erst den Leser auf eine falsche Spur, lässt ihn in eine fröhliche Atmosphäre tauchen. Doch dann kommt die Wende, die Stimmung wird negativ. Das gefällt mir, sieht man doch sonst eher den umgekehrten Verlauf mit Happy End.

Liebe Grüße und ein frohes neues Jahr,
Stigma

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#7

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 01.01.2006 11:06
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Marge

Also, bin ich echt so verbohrt?
Jeder der hier kommentiert hat, versteht offensichtlich das Gedicht (ausser mir)

Ich sehe die Beschreibung des Frühlings, gut.
Dann war ich mit den sprießenden Bildern im Unklarem (das sind doch Strassenkünstler, oder?)
Aber die letzte Strophe verstehe ich nicht.
Es ist also Winter, oder?
Warum ist der Raum menschenleer? Ist der Träumer nicht darin?
Oder ist das das Innenleben des lyrI?
Warum kann er nicht Träumen? Er träumt doch vom Frühling?

Also ich versteh das nicht.
Hilf mir doch mal auf die Sprunge.
Oder einer der anderen Durchblicker...

Ich bedanke mich in aller Form<---damit die auch angesprochen wird

LG Gem

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#8

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 02.01.2006 10:35
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Ihrs

@Joame
Ja, genau so sollte es auch sein. Ich wollte dir nichts unterstellen, aber manchmal gibt man mir (hier eigentlich nicht) psychologische Ratschläge, wenn ich mal wieder was Trauriges schreibe. Und wenn ich dann jeweils sage, das habe ich "bloss" gedichtet, gibt's solche, die sind sozusagen enttäuscht, dass es mir nicht so dreckig geht, wie meinem lyr.Ich.

@Stigma
Die falsche Fährte war eigentlich nicht beabsichtigt, aber natürlich hast du Recht. Das könnte man durchaus so sehen .... fällt mir erst jetzt auf. Wahrscheinlich habe ich mit 2 Str. etwas übertrieben, die die Zukunft - und das, was wieder sein wird - beschreiben. Ich komme eben doch manchmal etwas ins Quatschen.

@Gem
Ja, die Bilder auf den Pflastersteinen sind die Strassenkünstler. Bin ein Fan von solchen Malern (kleines persönliches statement *g). Wie gesagt, beschreibt ein lyr. Ich, was in Zukunft - verdeutlicht duch den Frühling und all seine Boten - wieder sein wird. Will heissen, es macht sich Gedanken darüber, dass die Welt weiter dreht. Immer weiter, ohne auf pers. Leid und Kummer Einzelner zu achten. Es, das lyr. Ich, weiss das, nur wird, wenn das Leben wieder neu erwacht, es nicht mehr träumen können - will heissen - seine Hoffnung ist gestorben. Der dunkle Raum, ja, das ist einfach das Innere, das Herz, das trotz des automatischen Funktionierens (übertünchte Läden) eigentlich tot ist, gefühllos .... etc. Huch, jetzt habe ich aber viel erklärt! Hoffe, es ist jetzt etwas klarer.

Danke euch für die Kommentare.
Grüsse
Margot

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#9

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 03.01.2006 13:38
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
Hi Marg,
wieder so ein schöner, von harmonischer Metrik und einem perfekten Schema getragener, Text. (das gefällt mir so )
Zum Inhalt:
Ja Dein Dauerthema Abschied Schlüssig aufgebaut.
St 1 und St 2 bis Z4

Zitat:

das heut leis verschied


dann der Bruch in St 2 / Z4
der die Hoffnungslosigkeit des lyr Ich , im Hinblick auf seine Zukunft, beschreibt. Sehr schön. Allerdings würde mir, aus harmonische Gründen, besser gefallen, wenn Du nur Läden statt Fensterläden schreiben würdest.
(das weiss der Leser auch so das die gemeint sind)
Gern gelesen, wenn auch das Thema etwas ausgelutscht ist
Gruss
Knud

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#10

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 03.01.2006 14:48
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Knud

Ja, mit den Fensterläden hast du Recht. Ich habe erst nach dem Posten bemerkt, dass ich 2x Fenster im Text habe. Gefällt mir auch nicht besonders. Ich werde mir da eine andere Version ausdenken müssen. Freut mich, wenn's dir trotzdem zusagt.

ausgelutschte Grüsse
Margot

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#11

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 03.01.2006 15:04
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
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#12

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 04.01.2006 11:32
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Liebe Marge,

ich verstehe das ein wenig anders: Der Frühling des lyr. Ichs ist vergangen und es befindet sich im Winter. Das lyr. Ich weiß, das es auch wieder einen FRühling geben wird, das wie du sagst, die Welt sich weiter drehen wird. Aber dieser eine Frühling wird für immer vergangen sein und solange das lyr. Ich sich noch im Bereich dieses Jahres befindet, kann es noch träumen, noch hoffen. Doch sobald der nächste Frühlinggekommen ist, wird alles neu erstehen und die Hoffnung auf eine letzte Chance ist dann vorbei.
Das Gedicht enthält also in den ersten beiden Strophen das Wissen des lyr. Ichs um den Neuanfang, der jedem Ende folgen muß, gleichzeitig jedoch in der letzten Strophe die gefühlte Wehmut um das vergangene, so leidvoll es auch ist.
So von mir verstanden ein wundervolles Gedicht!

LG Richard

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#13

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 04.01.2006 12:28
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Margot,

ich glaube ich bin heute sehr emotional "drauf", weshalb mich Deine Zeilen auch prompt in Schwingungen versetzen. Vielleicht ist daran der gestrige Zahnarztbesuch und die schwungvoll pochenden Schmerzen schuld...

Formal, wenig überraschend, ein sehr gelungenes Werk. Nur weil man bei Dir nichts anderes erwartet, heißt das ja nicht, dass man das nicht immer mal wieder loben muss (auch wenn das insbesondere Gemini ja schon getan hat ). Im 5-hebigen Jambus wechselst Du gelungen männliche und weibliche Kadenzen, die Reime sind stimmig und auch die fehlende Hebung der letzten Zeile der letzten Strophe ist mir nicht entgangen, was ich als formale Umsetzung der fehlenden Träume sehe.

Inhaltlich finde ich auch die ersten Strophen sehr wehmütig. Natürlich könnte man Hoffnung in sie hineininterpretieren, wenn aber erst im Frühling erst wieder der Regen mild fällt, ist es jetzt vermutlich Winter (oder Herbst) und der Regen ist kalt, womöglich gar Schneeregen oder schmerzender Hagel. Und auch die Blumen sind zur Zeit verblüht, die Wege grau und kahl und die Kaskade ist trockengelegt. Und das Gedicht spielt eben im Jetzt und nicht im Frühling...

In der zweiten Strophe drehst Du zwar anfangs fast glückselig auf, vesetzt aber auch noch in dieser Strophe einen gelungenen Dämpfer. Denn mit dem Hinweis, dass im (fernen) Frühling das Lachen wieder geweckt wird kommt die Information, dass dem lyrIch gerade nicht zum Lachen zumute ist.

Beim ersten Lesen dachte ich übrigens wie GW auch an den Tod und finde diese Lesart auch nach wie vor reizvoll, auch wenn ich nicht daran dachte, dass das lyrIch bereits verstorben ist, sondern eher daran, dass es bald sterben würde und den nächsten Frühling eben nicht mehr erleben wird. Das Lachen verstarb an dem Tag, an dem es vom baldigen Tod erfahren würde, dieser düstere Raum hinter weißgetünchten Fenstern ließ mich an ein Krankenhauszimmer denken. Was ich aber nicht überzeugend einbauen konnte, war das Fädenknüpfen, dass auch im Frühling noch möglich zu sein scheint - auch wenn es dann mit dem Träumen aus ist.

Deshalb tendiere ich inzwischen doch mehr zu dem von Dir selbst vorgeschlagenen Textverständis und denke, dass nicht das lyrIch selbst gestorben ist bzw. sterben wird, sondern etwas in ihm. Das passt auch besser, denn auch wenn das Lachen und somit auch Normalität mit der Zeit zurückkehren wird, bleibt doch eine Wunde, die sich nicht so schnell schließen wird.

Womit ich allerdings nach wie vor Probleme habe ist das "menschenleer". Der Text lässt einen glauben, da das lyrIch seine Fäden im Dunkeln knüpft und der Raum düster ist, dass sich das lyrIch in eben jenem Raum befindet - dann ist er aber nicht mehr menschenleer (außer, man greift wieder GW's Theorie vom toten Ich auf). Oder aber, was mich dann noch mehr überzeugt, der Raum ist nur eine Metapher für bspw. das Herz, dass insbesondere auf einen bestimmten Menschen bezogen leer ist. Dennoch verwirrt mich das menschenleer mehr als das es mir gefällt. Das ist allerdings der einzige Wermutstropfen bei Deinen Zeilen und auch eher ein unbedeutender.

Ach ja: den Titel mag ich sehr gern, der passt sehr gut.

Gefällt mir gut und mal wieder gern gelesen,

Don

P.S.: Ach GW: ein gewebtes

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#14

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 04.01.2006 19:00
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
So viele tolle Interpretationen. Ich danke hier mal allen, die sich mit meinen Zeilen befasst haben. Bin echt gerührt.

@ Ric
Was sind wir doch für olle Romantiker, nicht? An uns verdient sich jeder Taschentuchhersteller eine goldene Nase. Danke fürs Lesen und Kommentieren. Küsse!

@ Don
Auch dir herzlichen Dank, aber dich küsse ich erst, wenn du aus der Gletscherspalte heraus bist.

Ich meinte mit dem 'menschenleer' eigentlich, dass eben derjenige fehlt, der dem lyr. Ich das Lachen gestohlen hat. Es ist ja auch nicht ein Raum im eigentlichen Sinne, sondern mehr das Innere. Aber ich verstehe deinen Einwand. Ich will's ja nochmals überarbeiten, womöglich fällt mir da noch etwas Eleganteres ein. Guter Denkanstoss, thx a lot.

Beste Grüsse
Margot

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#15

Nur träumen kann ich dann nicht mehr

in Düsteres und Trübsinniges 06.01.2006 02:41
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte

Zitat:

Margot schrieb am 04.01.2006 19:00 Uhr:
aber dich küsse ich erst, wenn du aus der Gletscherspalte heraus bist.



Pöh... die armen, in der Natur verlustig gegangenen Städter auch noch zu verspotten, also wirklich!




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