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#1

Heimat

in Natur 17.10.2005 14:50
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

    Heimat


    Nur noch diesen kleinen Hügel.
    Schau, wie schon der Tag sich neigt
    und nach seinem Schlafe ruft,
    wie der bunte Vogel schweigt
    und sich bettet in die Flügel.

    Dunstig grüsst das weite Tal.
    Blaugerädert, grünlakiert,
    treibt es in der Abendluft
    und bereits in Gold maskiert
    thront der lichte Blättersaal.

    Lange bin ich weggeblieben,
    doch dir hab ich stets gedacht.
    Jetzt riech ich der Kindheit Duft.
    Altes Herz, das singt und lacht,
    was hat dich nur fortgetrieben?


    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    überarbeitete Version



    Heimat


    Nur noch diesen kleinen Hügel.
    Schau, wie schon der Tag sich neigt
    und nach seinem Schlafe ruft,
    wie der bunte Vogel schweigt
    und sich bettet in die Flügel.

    Dunstig grüsst das weite Tal.
    Blaugeädert, grünlackiert,
    treibt es in der Abendluft
    und bereits in Gold maskiert
    thront der lichte Blättersaal.

    Lange bin ich weggeblieben,
    jedoch deiner stets gedacht.
    Rieche jetzt der Kindheit Duft.
    Altes Herz, das singt und lacht,
    was hat dich einst fortgetrieben?




    (c) Margot S. Baumann

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#2

Heimat

in Natur 17.10.2005 16:05
von Roderich (gelöscht)
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Hallo Margot,

ein wunderhübsches Gedicht, das wohl (wird nicht allzu schwer zu erraten sein) die Schweiz besingt, aber wohl auch für so ziemlich jeden anderen schönen Flecken Erde gelten kann.

Variante 1: Jemand, der die Heimat hinter sich gelassen hat, wird vom lyr. Ich dazu bedrängt, sich die Schönheit der Heimat noch einmal in Erinnerung zu rufen. Hinweis: Letzte Zeile bzw. Strophe 1.

Variante 2: Das lyr. Ich selbst hat die Heimat verlassen und erinnert sich nun wehmütig daran. Hinweis: Strophe 3.

Sehr schön jedenfalls und sehr interessant. Vor allem das Reimschema finde ich äußerst gelungen, gefällt mir sehr gut. Das ist mal was Neues, das sich hier ausgezeichnet macht. Auch die Reime selbst sind sehr gelungen (grünlakiert/maskiert zB gefällt mir sehr gut).

Einziges (winziges) Manko: Es scheint mir ein bisschen zu holpern. Aber vielleicht schiele ich auch nur.

Fazit: Super! Danke für diesen kleinen Fingerzeig auf die heimatlichen Wälder und Wiesen. Ich folge deinem Blick und genieße.

Grüße

Thomas

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#3

Heimat

in Natur 17.10.2005 16:25
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte

Zitat:

Margot schrieb am 17.10.2005 14:50 Uhr:
was hat dich nur fortgetrieben?




Tja, das verstehe ich auch nicht.


Hallo Margot!

Metrisch rund und mit perfektioniertem Umarmungs- und vermutlich auch (nach Schweizer Lesart ) Reimschema (ruft – Luft – Duft) erschien mir das erst auf den zweiten oder dritten Blick als Naturgedicht im weiteren Sinne. Natur spielt bei Heimat sicher eine große Rolle und dieses lyrische Ich, das, wenn nicht zum Sterben, so aber doch für den Herbst des Lebens nach Hause zurückkehrt, verbindet Heimat offensichtlich stark mit der Natur.

Allerdings bleibt es dadurch für mich etwas distanziert, es beschreibt ja auch eher aus beobachtender Sicht und die Distanz wird in der Schlussfrage auf die Spitze getrieben, wenn das lyr. Ich von sich in der dritten Person redet. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht so angetickt werde, vielleicht an den für dich ungewöhnlichen, syntaktischen Verschiebungen: S1Z2 wie schon der Tag sich neigt , S1Z4 sich bettet in die Flügel , S3Z2 doch dir hab ich stets gedacht.
Inhaltlich bleibt – durch Kleinigkeiten, zugegeben – auch ein seltsam verschwurbelter Eindruck zurück: Das Tal grüßt dunstig, vermutlich ist es durch einen Fluss blaugeädert und nicht gerädert; grünlackiert und doch bereits in Gold maskiert und mit lichten Blättern, das lyrische Ich ist nicht einfach durch Zeitläufte fort von der Heimat gewesen, sondern ist absichtlich weggeblieben. Ich würde das alles begreifen und auch goutieren, wenn es insgesamt um die lackierte Falschheit dieses Heimatgefühles ginge aber warum singt und lacht das Herz dann? Das passt nicht rein und treibt mich fort, wobei ich hoffe, einigermaßen klargemacht zu haben, was mich getrieben hat.

Die ganze Zeit denke ich, dass das alles sinn- und planvoll gesetzt ist. Mein Glück und gleichzeitig mein Pech wird sein, dass du dich immer so zierst, deine Gedichte zu erklären.

Heute habe ich offenbar meinen Muffeltag, denn auch dieses Gedicht will mir nicht recht schmecken.

Digitally Yours
Mattes

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#4

Heimat

in Natur 17.10.2005 16:32
von Roderich (gelöscht)
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Zitat:

Mattes schrieb am 17.10.2005 16:25 Uhr:
Heute habe ich offenbar meinen Muffeltag, denn auch dieses Gedicht will mir nicht recht schmecken.




Hallo Mattes formerly known as the artist known as muh,

du kannst das Gedicht dann gerne stehen lassen, ich werde es schon aufessen.

Die Tippfehler: Gut, die könnte man noch ausbessern. Beim Lackieren war ich auch ziemlich gelackmeiert, aber wie kann man ahnen, dass eine Margöttin Fehler macht?

Mir gefällt gerade der etwas distanzierte Blick, der die (auch geographische) Distanz, die das lyr. Ich zur Heimat hat, zum Ausdruck bringt.

Die syntaktischen Verschiebungen sind mir auch aufgefallen, habe sie aber nicht als störend empfunden. Wieder wird dadurch eine gewisse Distanz aufgebaut, die die Heimat in der Ferne erhaben leuchten lässt. Die Sprache wirkt dadurch auf mich gehoben, pathetisch, da die Verschiebungen nicht übertrieben werden. Gerade richtig für meinen Geschmack. Aber vielleicht kann man das ja damit begründen, dass du ein Gourmet bist und ich verfressen. Who knows ...

Bleibe jedenfalls bei meiner Meinung: Thumbs up!

Grüße

Thomas, der hoffentlich nicht den Mund zu voll hat

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#5

Heimat

in Natur 17.10.2005 16:36
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte

Zitat:

Roderich schrieb am 17.10.2005 16:32 Uhr:
Aber vielleicht kann man das ja damit begründen, dass du ein Gourmet bist und ich verfressen.


Ach was! Das wird nur daran liegen, dass du eben nicht so ein heimatloser Geselle bist.

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#6

Heimat

in Natur 17.10.2005 16:42
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi ihr Beiden

Danke für die Kommentare und die Korrekturen (Mattes). Lach – ja, das muss geädert heissen und mit dem Lack hab ich’s wohl auch nicht so, danke! ..... Und wer hier eine 2. Sinnebene findet, darf sie ruhig behalten.

Nun, was treibt mich Herz-Schmerz-Dichterin dazu, ein „kitschiges“ Naturgedicht zu schreiben? Ganz einfach, ich kann’s nicht und übe immer wieder. Danke Rodie, dass es dir gefällt, das motiviert mich weiterzumachen - wohl zum Leidwesen von Mattes *g – und lass dir das Gefallen bloss nicht ausreden.

Nun, was das Hin und Her der Erzähler angeht, ist das nun mal so gedacht, dass am Ende die Heimat bzw. das Tal zum Heimkehrer spricht. Und das Herz singt und lacht halt, weil es sich freut wieder daheim zu sein.... du kannst auch fragen!? Ist halt Kitsch!
Ah ja, und die Betonung funzt hier très bien (Dialekt sei Dank!).

Beste Grüsse
Margot

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#7

Heimat

in Natur 17.10.2005 16:44
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Margot,

ich scheine heute eher so einen euphorischen Begeisterungstag zu haben, denn auch diese Verse erfreuen heute mein Herz außerordentlich. Der Aufbau, das Ich erklimmt zu Beginn den letzten Hügel und sieht dann hinunter in das Tal seiner Heimat, finde ich schon als Einstieg wundervoll.
Das grünlackierte Tal sehe ich nicht als negativ an, zumal grüne Blätter an der Oberseite von nahem durchaus lackiert aussehen können. Das ich schwelgt hier in Beschreibung und Nostalgie.
Das einzige, aber wirklich einzige, winzige, was ich nicht ganz so schön finde, ist in S3Z2, dass dort der Dativ steht, wo ein Genitiv gehört: "doch deiner hab ich stets gedacht".
Aber das ist wirklich eine Kleinigkeit. Wundertolle atmosphärische Beschreibung nach meinem Empfinden.

Verneigung und Gruß
GerateWohl

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#8

Heimat

in Natur 17.10.2005 19:13
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi GW

Freut mich, wenn dir das Textlein gefällt. Ist sicher nichts Grossartiges, aber das muss ja auch nicht immer sein.
Du hast mit deinem Genitiv natürlich Recht - Mist aber auch - damit wäre dann dort eine Silbe zuviel, ne? Hm.... jetzt muss ich das umdichten...

Danke für den Hinweis und Grüsse
Margot

P.S. Oh, ein Vorschlag zum Dickfisch, zu gütig Rodie!

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#9

Heimat

in Natur 17.10.2005 19:37
von Roderich (gelöscht)
avatar

Zitat:

Margot schrieb am 17.10.2005 19:13 Uhr:
Oh, ein Vorschlag zum Dickfisch, zu gütig Rodie!



Ehre, wem Ehre gebührt.

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#10

Heimat

in Natur 20.10.2005 10:33
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
Hi Marg,
schön, nach längerer Abstinenz, wieder eines Deiner guten Werke zu lesen. Es hat etwas von Kaspar David Friedrich. Ein Stück heile Welt und auch nicht.
Gern gelesen.
Gruss
Knud

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#11

Heimat

in Natur 20.10.2005 10:39
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Danke Knud

Gruss
Margot


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